Klaus Wolschner  Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

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III
Medien
-Theorie

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Neue Medien,
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Medien-Demokratie:
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Notizen zu

Wittgenstein

Ludwig Wittgenstein (1889-1951) ist ein klassisches Beispiel für Philosophen, die vor der Beschäftigung mit seiner eigenen Situation in höchste Abstraktionen geflüchtet ist und dessen Hochmut offenbar eine Kompensation seiner Unfähigkeit war, seine Alltagsprobleme zu bewältigen.

Er ist im Habsburger Kaiserreich aufgewachsen, 1914 ist er begeistert in den Krieg gezogen – hat sich aber nie mit dem Krieg auseinandergesetzt. Ebenso wie sein Lebensweg nur auf dem Hintergrund seiner heimlichen Homosexualität verständlich wird, ein Thema, von dem es von ihm keinerlei Sätze gibt. Warum er sein geerbtes Vermögen abgestoßen, verschenkt hat, wissen wir nicht. Er hätte allen Grund gehabt, sich mit dem Problem von Superreichen Juden in seiner Zeit zu beschäftigen – sein Vater hatte - als Begründer der österreichischen Eisen- und Stahlindustrie - zu den reichsten Männern der Habsburger Monarchie gehörte. Vielleicht hat er das gemeint, als er an einen Freund schrieb, das eigentlich Wichtige sei das, was nicht gesagt, nicht geschrieben werden kann.

In den Schützengräben der Front in Galizien und Norditalien sozusagen hat er seine logischen Sprach-Überlegungen angestellt in der Überzeugung, er hätte damit alle logischen Probleme gelöst. Er hat versucht, mit dem Handwerkszeug seines Ingenieur-Studiums die Sprache zu analysieren. Sein gern zitierter Satz aus dem Tractatus zeigt schon, zu welch unsinnigen Ergebnissen das führen muss: „Man könnte den ganzen Sinn des Buches etwa in die Worte fassen: Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen.“ Jeder Liebhaber weiß, dass das nicht stimmt. Ebenso unsinnig ist die Behauptung: „Die Angabe aller wahren Elementarsätze beschreibt die Welt vollständig ... Das Rätsel gibt es nicht.“

Offenbar war er ein intelligenter Mensch, manche sagen mit autistischen Zügen, in den Jahren bis 1929 ist er Beschäftigungen nachgegangen, in denen er seine Begabung negiert hat. Seiner Schwester Hermine antwortete er auf ihren Vorwurf, er würde seinen philosophisch geschulten Verstand vergeuden: „Du erinnerst mich an einen Menschen, der aus dem geschlossenen Fenster schaut und sich die sonderbaren Bewegungen eines Passanten nicht erklären kann; er weiß nicht, welcher Sturm draußen wütet und daß dieser Mensch sich vielleicht nur mit Mühe auf den Beinen hält.“

Nach dem Scheitern seiner Karriere als Volksschullehrer arbeitete Wittgenstein als Hilfsgärtner im Kloster der Barmherzigen Brüder in Hütteldorf, damals ein Wiener Vorort. Da habe er „ernstlich erwogen, Mönch zu werden“, schreibt William Warren Bartley in seiner respektlosen Biografie.

Um 1929 bei seinem Rigorosum in Cambridge mit der ungetrübten Arroganz von 1919 aufzutreten. Er hat damals seine Qualifikation als Universitätslehrer bekommen für ein Buch, dessen Thesen er doch offenbar längst für falsch hielt.

Seine „Philosophischen Betrachtungen“ nehmen aber auf den Tractatus keinen ausdrücklichen Bezug.  Gehen seine Beobachtungen über Sprache – „Wittgenstein zwei“- über das hinaus, was Fritz Mauthner 1919 geschrieben hat? Hat Wittgenstein sich mit Ernst Cassirer beschäftigt, mit den zeitgenössischen ethnologischen Forschungen über Sprache (wie etwa Cassirer es getan hat)? Befassen sich sprachphilosophische Texte heute noch ernsthaft mit Wittgenstein oder benutzen sie ihn nur als akademischen Steinbruch für Aphorismen?

Nach seinen „Philosophischen Betrachtungen“, Ergebnis von 22 Jahren akademischer Lehrtätigkeit, die zwei JAhre nach seinem Tod posthum erschienenen, befasste er sich nicht mehr mit seiner alten fixen Idee einer formal logischen, konstruierten Idealsprache, sondern mit der gesprochenen Alltagssprache. Wie gelingt es Menschen, miteinander zu kommunizieren? Wie lernen Kinder ihre Muttersprache? Da er die Erkenntnisse der Sprach-Psychologen nicht kennt, umkreist Wittgenstein solche Fragen nur in immer neuen Anläufen, ohne zu Antworten zu kommen. Manche seiner Beispiele aus dem Alltag sind gerade durch ihre Banalität erhellend.  Um zu kommunizieren, müsse Menschen die sich in ihren „Sprachspielen“ auf Regeln verständigen. Die Bedeutung der Wörter ergibt sich aus seiner Verwendung in der alltäglichen Sprachpraxis.
Das hatte Mauthner, gestorben 1923, so formuliert: „Sprache ist der Gebrauch von Sprache". Mauthner schrieb 1910: Wenn die Natur sprechen könnte, würde sie nicht unsere Sprache sprechen. Die Sprache der Menschen ist eben nicht die Sprache der Natur. Wittgenstein formulierte in den ‚Philosophischen Untersuchungen‘ (publiziert 1953) das so: „Wenn ein Löwe sprechen könnte, könnten wir nicht verstehen.“
Interessant ist auch Mauthners Bemerkung von 1906:
Wer Sprachkritik treiben will, ernsthaft und radikal, den führen seine Studien unerbittlich zum Nichtwissen.“ Wittgenstein im Vorwort zum Tractatus 1919: „Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Und wenn ich mich hierin nicht irre, so besteht nun der Wert dieser Arbeit zweitens darin, daß sie zeigt, wie wenig damit getan ist, daß diese Probleme gelöst sind.“

Wenn sich die Philosophen einer abgehobenen, dem alltäglichen Gebrauch fremden Sprache bedienen, schaffen sich ihre eigenen Scheinprobleme, meinte der ‘späte’ Wittgenstein. Mein er damit seinen Tractatus?  „Die Idee sitzt gleichsam als Brille auf unserer Nase, und was wir ansehen, sehen wir durch sie. Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, sie abzunehmen.“ Das klingt wie eine vernichtende Kritik seiner eigenen Sprach-Idee von 1919.

Restlos enttäuscht war Wittgensteins neue Philosophie war sein Förderer Bertrand Russell. Er warf dem Freund „Verrat an seiner eigenen Größe“ vor und nannte die Arbeiten „eine widersinnige Verneinung seines bedeutenden Talents“: „Ich habe in den ‚Philosophischen Untersuchungen‘ schlechthin nichts gefunden, was mich interessiert; und ich kann einfach nicht verstehen, wieso eine ganze Philosophenschule in diesem Buch eine Quelle profunder Weisheiten erblickt.“