Klaus Wolschner 

Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

www.medien-gesellschaft.de


II
Politik
und Medien

Politik unter Druck-Bedingungen

Veränderungen der Öffentlichkeit in der frühen Neuzeit

2013

Der Mensch ist „zoon politikon” – ein soziales, auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen. Aristoteles interpretierte den Staat in Analogie zur Familie als Zusammenschluss, dessen Ziel die Glückseligkeit aller sein sollte. Freie Männer, die vorausschauend handeln, sollten ihn lenken. In der Kommunikation der auf den Polis-Versammlungen anwesenden freien Männer entstand die öffentliche Meinung, der gegenüber staatliche Macht sich legitimieren musste. Schriftgebrauch war darauf beschränkt, Nachrichten zu überbringen und diente wesentlich zur Dokumentation. Die Polis steht für den Idealtypus von „Öffentlichkeit“ unter Bedingungen der Anwesenheits-Kommunikation.

Die Kommunikation unter Anwesenden taugt nur für eine begrenzte Zahl von Kommunikations-Teilnehmern. Und sie übt einen hohen Konsensdruck aus: Es war immer schon schwieriger, jemanden „ins Gesicht“ die Meinung zu sagen als hinter seinem Rücken. Anwesenheitskommunikation ist insofern eine Konsensmaschine, Widerspruch muss im Streit entschieden werden, weil Verschiedenheit und Pluralität auf Dauer schwer zu ertragen (und zu dulden) sind.

Anwesenheitskommunikation ist offene Kommunikation, alle (Anwesenden) bekommen alles mit – politische Akteure sind gleichzeitig Beobachter. Raum und Zeithorizont der Offenheit (so könnte man die Urform von „Öffentlichkeit” bezeichnen) sind durch Nähe bestimmt. 

Seit dem Mittelalter kannte man in Europa die Spielleute und Sänger, die Nachrichten aus der Ferne hineintrugen in die Dörfer und kleinen Städte. Die Zeitungssänger (Zidunge im Sinne von „Neuigkeit“) des 16. Jahrhunderts präsentierten dem Publikum schon das, was auch gedruckt wurde. Die Informationen waren im 16. Jahrhundert abhängig von den Routen des überregionale Handel, das zeigen exemplarisch die handgeschriebenen „Fuggerzeitungen“.

Seit der frühen Neuzeit hat die Drucktechnik in Europa eine neue Form von Öffentlichkeit möglich gemacht und hervorgebracht. Je mehr sich Gesellschaften auf den Schriftgebrauch einlassen, um so mehr verändert sich das Themenspektrum von Kommunikation und damit die Struktur der politischen Öffentlichkeit.

Das Flugblatt, das zum Medium der Reformation wurde und mit seiner Kombination von Bild und Text gezielt für Analphabeten gestaltet war, richtete sich noch (häufig auch explizit) an Hörer. Die Flugblätter  entfalteten ihre Wirkung, weil das neue Druckmedium Bedeutung signalisierte und tausende von Exemplaren gleichzeitig an vielen Orten auf städtischen Plätzen den Massen vorgelesen werden konnten.

Die Flugblätter des 16. Jahrhunderts hatten auch oft einen naturkundlichen Inhalt, sie beschäftigte sich mit historisch-politischen und religiös-konfessionellen Auseinandersetzungen oder sprachen erbauliche und sozialethische Fragen an. Neuigkeiten „verkauften“ sich, wenn sie Fragen der Bedrohung von Leib und Leben, des Heils und der göttlichen Weltordnung berührten. (Schlögl)

Die in den in Printmedien vermittelten Neuigkeiten konnte sich nicht mehr auf die Unmittelbarkeit des Wahrnehmens und Erlebens stützen, bei der die Interpretation im Rahmen einer alternativlosen geistigen Ordnung in der Regel vorhanden ist. Der Text bot nun die Chance, Nachrichten in einen Kontext zu bringen, der ihnen neuen Sinn gibt, sie also anders zu interpretieren.

Während der Anwesenheits-Kommunikation weitgehende Akzeptanzzwänge anhaften, erlaubt die anonymisierende Dekontextualisierung“ der Flugblätter jede Form anonymer Schmährede und damit einen öffentlichen Meinungsstreit um die Fragen des Glaubens. Die überregionale Verbreitung (und Verbreitbarkeit) der Flugschriften führte dazu, dass die Reformation ein Ereignis- und Erfahrungszusammenhang für ganz „Teutschland” wurde. 

Dieses Grundmuster politischer Öffentlichkeit findet sich in den städtischen Unruhen und Revolten der Neuzeit und noch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Neben der Flugschrift gab es alle Arten von Druckschriften bis hin zum Buch seit dem 16. Jahrhundert an Bedeutung, wobei die Verbreitung umso größer war, je mehr die Publikation auf die Mündlichkeit der weiteren Verbreitung setzte.

Die Technik der Druckschrift ermöglichte im 16. Jahrhundert den großen reformatorischen Streit. Ansonsten wurden die Möglichkeiten der Drucktechnik vor allem von den politischen Machthaber genutzt. Sie konnten die Reichweite ihrer Herrschaft beträchtlich erweitern – sowohl geografisch wie vor allem die Reichweite in die Tiefe der Gesellschaft hinein.  

Unkontrollierbare handgeschriebene Zeitungen, widerständige Kultur der Gerüchte

Während die gedruckten periodischen und damit der direkten und indirekten Zensur unterliegenden politischen Druckwerke sich bis ins 18. Jahrhundert vor allem auf auswärtige und damit unverfängliche Themen konzentrierten, ließen sich Herrschafts- und Handelshäuser bis zum Ende des 18. Jahrhunderts exklusive Informationen auf handgeschriebenen „Zeitungen” zukommen. Die handgeschriebene Form war allerdings auch geeignet, es der Zensur schwerer zu machen. In wenigen überlieferten populären Exemplaren handgeschriebener „Gassen-Blättgen” in Form von Flugzetteln und Zeitungen  finden sich auch Informationen über prekäre lokale Ereignisse. Das gedruckte „Wienerische Diarium” unterstand sehr strenger Zensur und brachte nur wohl dosierten Nachrichten vom Hof. Details des Hofes aus der intimen Perspektive der Zofen und  Kammerdiener finden sich auf handgeschriebenen Nachrichten-Zetteln. Dort wurde z.B. im Juli 1700 detailreich von einem Tumult mit Ausschreitungen gegen die Juden berichtet. Im Jahr 1728 wurden in einer geschriebenen Zeitung sogar Mißstände und Korruption in der Stadtverwaltung thematisiert.  Diese „geschriebenen” Zeitungsblätter waren den Obrigkeiten verständlicherweise ein Dorn im Auge. Dokumentiert sind zahllose Versuche, diese Zeitungsschreiberei zu unterbinden. Josephs I. ordnete im Jahr 1705 an, „daß die Verkauf- und Verschikung solcher geschriebener Zeitungen aller Orten bey Vermeidung hoher Strafe eingestellet werden solle.” Diese handgeschriebenen Zettel-Zeitungen deuten auf ein großes Interesse der Bevölkerung an gerüchtefähigen Nachrichten hin.

Zu der widerständigen Kommunikation zählte ganz wesentlich auch die Kultur der Gerüchte. Gerüchte sind in Gemeinschaften, in denen es verbindende moralische Leitbegriffe gibt, ein Instrument der Kontrolle. Die Inquisitionsakten sind voll von Darstellungen über das Eigenleben von Gerüchten. Für die Dorfgerichte im 18. Jahrhundert war die Abwehr und Verfolgung von gestreuten Gerüchten eine wichtige Aufgabe. Vor allem Mägde, Geselle, Tagelöhner oder Vagante warden beschuldigt, die Gerüchte zu verbreiten. Insbesondere das moralische Verhalten der herrschenden Kreise war ein dankbares Objekt für Gerüchte und Phantasien. Manche Gerüchte wurden erst dadurch richtig bekannt, dass der Betroffene sie dementieren musste – aber wer die Urheber von Gerüchten nicht aufzuspüren suchte und nicht dementierte, schien sie zu bestätigen. Dokumentiert sind zahllose Edikte, in denen das Ausstreuen von Gerüchten unter Androhung hoher Strafen verboten wurden, Denunzianten wurde gleichzeitig Straffreiheit bzw. eine Belohnung zugesichert.
Insbesondere in bäuerlichen Kreisen wurde das Handeln der Obrigkeiten in den Dimensionen von Heilsgeschichte interpretiert, Kriege, Missernten oder Seuchen waren Strafen Gottes für Sünden des Volkes oder eben auch der Herrschaften. Die Landesherren selbst ließen diese Weltsicht oft genug von den Kanzeln verkünden. Unmoralisches Verhalten der Fürsten war daher nicht nur eine Folie, auf der man eigene Sünden relativieren konnte, sondern konnte bedrohlich sein für die Zukunft des Landes und das Wohlergehen seiner Bewohner. Dieses Denken war nicht nur in pietistischen Regionen verbreitet.
Die Kultur der Gerüchte war dabei keineswegs die Besonderheit eines  leichtgläubigen Pöbels, keineswegs nur „bauerngeschrey“. Auch in der Welt des Adel und der Höfe spielte man mit großer Inbrunst das Spiel der Gerüchte-Diplomatie. Andreas Gestrich bezeichnet die Gerüchte daher als „Organisationsform der öffentlichen Meinung”
.

Schrift als Organisationsmittel öffentlicher Meinungsbildung

Unter den Stichwort „Policey“ gab es seit der Mitte des 16. Jahrhunderts Bemühungen, schriftlich zu formulieren und zu normieren, was für die Gesellschaft normal und gut sein sollte. Selbst die Rolle von Frau und die Bedeutung der Mutterschaft schien nicht mehr natürlich gegeben und überliefert, sondern wurde zum Thema der „Policeywissenschaft“ (Sabine Toppe) Von Tauf- bis zu Steuerbüchern wurde das schriftlich niedergelegt, was bis dahin außerhalb der Reichweiter der Politik war. „Das Volk“ forderte zunehmend erfolgreich die schriftliche Fixierung von Rechten und Gesetzen ein, um weniger der Willkür der Macht ausgeliefert zu sein. Der Aktenlauf in der Bürokratie half und zwang zur Konzentration auf Sachargumente im Verhältnis zum Gewicht der sozialen Position dessen, der sein Argument vortrug. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts setzte die Obrigkeit in Deutschland der  Publizität der Drucker-Verleger ihr verlautbarendes Intelligenzblatt entgegen.

Für Rudolf Schlögl deutet dies darauf hin, „dass sich in dieser neuen medialen Konfiguration die Beobachtung von Gesellschaft durch die Politik wie umgekehrt die Beobachtung der Politik durch die Gesellschaft verschränkten und füreinander wechselseitig zur Voraussetzung wurden.“ Druckmedien bewirken eine Ver-Öffentlichung der Politik.

War klassischerweise Schrift eine Technik der Aufbewahrung, so wurde sie im Zeitalter des Druckes nicht nur zu einem Kommunikationsmittel über große Reichweiten in Raum und Zeit, sondern zu einem Organisationsmittel für eine öffentliche Meinungsbildung über alle Aspekte der gesellschaftlichen Ordnung.     

Die neue Technik der Verbreitung von Informationen erweiterte die Selbstwahrnehmung der Lesekundigen und ihrer Zuhörer. Mittels dieser Technik konnten sich Geschehens- und  Wahrnehmungszusammenhänge bilden, in denen die Bürger sich als Teil einer (neuzeitlichen) Gesellschaft wahrnehmen und verstehen konnten.

Die Meßrelationen und die Zeitungen im 17. Jahrhundert konzentrierten sich auf Historiographie und politische Vorgänge. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erscheint das Politische „als eigenständiger Denk- und Deutungshorizont“. (Schlögl) Macht wurde beschrieben als das, was die  „Ereignisse in der Welt der Herrschaft und der Staatlichkeit in einen inneren Zusammenhang brachte.“ Die Beschreibung der Politik in den verbreiteten Medien gab dem „Publikum“ die Gelegenheit, Politik zu diskutieren. Die Machthaber entnahmen gleichzeitig diesem öffentlichen Diskurs Anregungen und Handlungszwänge – erste Ansätze einer medialisierten politischen Öffentlichkeit waren entstanden, in der auch die grundlegenden Fragen der politischen Legitimation kontrovers diskutiert werden konnten.

Zusammenfassung u.a. nach: Rudolf Schlögl, Politik beobachten
http://www.geschichte.tu-darmstadt.de/uploads/media/Schloegl_Politik_Beobachten_01.pdf

siehe auch:

Visuelle Herrschafts-Kommunikation - über die Kultur der Sichtbarkeit und zeremonielle Selbstinszenierung der Macht als Form der Massenkommunikation in der frühen Neuzeit

Die Gutenberg-Medienrevolution findet erst mit der Reformation ihre erste message” 

Medien der Bürger - Bürgerliche Mediengesellschaft

Von der ersten Zeitung zur Aufklärung

Hören-Sagen-Öffentlichkeit in der frühen Neuzeit  - Medien-Macht im 18. Jahrhundert