Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Texte zur  Kommunikation
von Religion

 

Religion und die Kraft des Glaubens,
die nicht nur Berge versetzt

Über die Kulturgeschichte des religiösen Empfindens und Denkens

2014

Religiöse Überzeugungen, religiöse Glaubens-Systeme und institutionalisierte Religions-Gemeinschaften bilden ein faszinierendes und geschichtsmächtiges Beispiel für die Macht der menschlichen Kommunikation. Als der homo sapiens zu denken begann, konstruierte er Mythen über das Schicksal nach dem Tod, über den Ursprung der Dinge und über Bändigung der feindlichen Kräfte der Natur. Es ging um Bewältigung von Angst – zumindest mental.

Offensichtlich tickt das Gehirn mythisch. „Animismus“ nennen Ethnologen dieses Phänomen, das typisch zu sein scheint für Jäger- und Sammler-Kulturen. Die sichtbaren, materiellen Gegenstände werden vergeistigt wahrgenommen, animistische Praktiken sind direkt auf die Fragen der Existenz-Sicherung bezogen, es geht um die Fruchtbarkeit, Krankheiten, das Wetter, das Jagd- und Kampf-Glück. Die animistischen Kulte antworten auf Fragen, die die Primaten-Vorfahren nicht stellten und von denen sie daher auch nicht gequält wurden.

Die Fruchtbarkeit ist eine dieser Fragen, Göttinnen standen im Zentrum der animistischen Kulte. Die matriarchalische Tradition wirkte über den Mithras-Kult als Marien-Verehrung bis ins Christentum fort.  

In den Anfängen der antiken griechischen Philosophie, auf die die europäisch Aufklärung aufbaute,  suchte der menschliche Geist die weltlichen Phänomene nach einfachen abstrakten Prinzipien zu ordnen. An die Stelle des archaischen Denkens, das leibnahe Kräfte als wirkende Ursachen unterstellt, tritt die Liebe zu abstrakten Erkenntnis-Urformen und in die geometrischen Formen - als Struktur für "Wahrheit" gelten kreisrunde, dichotomische oder Zahlen-Muster. Die griechische Philosophie als Versuch, eine geistige Ordnung in die Dinge zu bringen, war nicht weniger ein Konstrukt der menschlichen Phantasie als die prähistorischen Mythen. In ihre Mythen haben die Menschen deutlich mehr Energie investiert als in pragmatische handwerkliche Fähigkeiten.

Offensichtlich hatte der denkende homo sapiens  das Bedürfnis, seine mythischen Gedanken zu materialisieren – in Bildnissen, kleinen Götterstatuen. Es ist seine symbolische Intelligenz, die den Menschen zum Kulturwesen macht (Ernst Cassirer).

Göbekli-Tepe NG

 

 

 

 

 

 

Rekonstruktion der Tempelanlage von
Göbekli Tepe, erbaut
12.000 Jahre
v.u.Z.

 


 

 

 

Vor 12.000 Jahren haben diese Wildbeuter-Menschen riesige Tempelanlage von Göbekli Tepe aufgestellt, in Stein gehauene Mythen. Die Macht des religiös fundierten Herrschaftssystems zeigt sich sinnbildlich in dem tonnenschweren Stein. Die Linie solcher architektonischen Weltwunder als medialer Botschafter der Macht setzt sich über die ägyptischen Pyramiden fort bis zu den großen Kathedralen des Mittelalters. Tausende von Arbeitskräften mussten für solche Bauwerke schuften und von dem Wenigen, das sie hatten, noch reichlich abgeben – zum Ruhme des Herrschers und der Götter. Und da, wo religiöse Lehren auf solche Symbolisierungen und Bilder eigentlich verzichten und sich um eine Schrift herum organisieren, erzählen sie wie zum Ersatz, dass die „Heilige Schrift“ von Gott selbst herabgereicht und diktiert wurde. 

Die Fähigkeit, mit seiner fiktiven Sprache mythische Gedanken zu denken und sich darüber auszutauschen, also sich gemeinsam Mythen vorzustellen, hat es dem homo sapiens ermöglicht, sich in größeren Gruppen zu organisieren. Die großen Reiche stützten sich auf große mythische Erzählungen. Die großen Glaubens-Systeme des Christentums und des Islam konnten zu Weltreligionen werden, weil sie sich auf staatliche Macht stützen konnten.

Griechisch gebildete Anhänger des jüdischen Wanderpredigers Jesus haben in den Jahrhunderten nach seinem Tod viele Elemente des griechischen Denkens integriert in ihren Kult und zu einem neuen Religions-System geformt. Das Christentum an den hebeln der Staatsmacht hat sich dann an der Vernichtung der antiken Kultur aktiv und passiv zu beteiligt.

Im alten Rom waren die religiösen Kulte Privatsache. Nur die Teilnahme am staatlichen Opferkult war eine Bürgerpflicht, die man als römischer Bürger erfüllen musste - wie man heute aufstehen muss beim Erklingen der Nationalhymne oder bei der Erscheinung des Staatsoberhauptes.

Das Christentum als Staatskult war dagegen eine totalitäre Ideologie: Andere Kulte wurden verboten und verfolgt, ihre Heiligtümer niedergerissen, ihre Bücher verbrannt. 300 Jahre nach der Etablierung des Christentums zur Staatsreligion war die antike Bildungstradition im Herrschaftsbereich des christlichen Rom zerstört. Das Christentum ist sozusagen im „dunklen“ Mittelalter bei sich angekommen.

Dieser Prozess ist ein Beispiel dafür, wie ein neuer Herrschafts-Mythos auch philosophisch überlegene Denksysteme neben sich nicht duldet.

Das Einmalige an der menschlichen Sprache ist, dass wir uns über Dinge austauschen können, die es gar nicht gibt. Offenbar gibt es ein tief verankertes Bedürfnis, zu träumen und traumhafte Bilder am Tage weiterzuspinnen und in Worte (und Bilder) zu fassen, um sich darüber austauschen zu können.

Aus der Analyse der kommunikativen Strukturen der Religionsgeschichte lassen sich so Einblicke gewinnen in die Ursprünge des menschlichen Denkens und der menschlichen Kultur. Dem dienen die Texte, auf die hier besonders verwiesen wird.

zum Beispiel:

    Was ist Religion? Religiöse Kommunikation stiftet Sinn -  für soziale Verbände und Individuen  M-G-Link
    Die mentalen Konstruktionen von  Himmel und Hölle M-G-Link
    Monotheismus und das Gottesbildnis-Verbot in der Geschichte - Gottes-Bilder M-G-Link
    Religiöse Vorstellungen als Bewusstsein ohne Ego - Gott im Kopf    M-G-Link
    Wie Europa christlich wurde: Das Christentum als Produkt kommunikativer Formierung 
           im Kontext der Krise der Antike
    M-G-Link
    Die Zeitalter des Islam   M-G-Link

siehe u.a. auch die Texte über

    Bilder im Kopf - Über die neurologisch vermittelte Realitätswahrnehmung  M-G-Link
    Sprache Denken Mythen: Über das Denken in Anschauungsformen,
                          in Sprachsymbolen und in Mythen
    M-G-Link
    Gehirngespinste oder: Wie das Gehirn Wirklichkeit konstruiert  M-G-Link
    Kultur der Erzählung: Wofür der Mensch das symbolische Zeichenhanden braucht M-G-Link
    Bigger than Life - Mammutjäger vor der Glotze
    M-G-Link