Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Texte zur Religion

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen

ISBN 978-3-7418-5475-0
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Über die
Mediengeschichte der
Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert des Auges


ISBN 978-3-7375-8922-2
im Buchhandel
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klaus(at)wolschner.de

 

Religion und die Kraft des Glaubens,
die nicht nur Berge versetzt

Über die Kulturgeschichte des religiösen Empfindens und Denkens

2017n

Religiöse Überzeugungen, religiöse Glaubens-Systeme und institutionalisierte Religions-Gemeinschaften bilden ein faszinierendes und geschichtsmächtiges Beispiel für die Macht der menschlichen Kommunikation. Als der homo sapiens zu denken begann, konstruierte er Mythen über das Schicksal nach dem Tod, über den Ursprung der Dinge und über Bändigung der feindlichen Kräfte der Natur. Es ging um Bewältigung von Angst – zumindest mental.

Aber im Zentrum der religiösen Kommunikation steht das Gefühl. Religiös gebundene Menschen empfinden ihre Beziehung zu Gott. Religiöse Riten zelebrieren das gemeinsame Gefühl. Auch wenn viele Worte gemacht werden – im Kern des Glaubens geht es um Emotionen. Der gefühlte Glaube ist höher als alle Vernunft. Im Lichte des gefühlten Glaubens werden ansonsten unglaubliche Erzählungen zu Metaphern höherer Wahrheit.  Das Wort „heilig“ signalisiert, dass hier quer durch das ansonsten profane Leben eine magische Grenze verläuft: Schriften werden zu „Heiligen Texten“, sterbliche Menschen zu Heiligen und Gegenstände zu „heiligen Reliquien“. 
Solche Gefühle sind religionsübergreifend und sie überdauern historische und gesellschaftliche Veränderungen – es gibt seit den archaischen Zeiten keine Gesellschaft ohne Religion. Auch die Aufklärung und Jahrzehnte des militanten Atheismus in den Staaten des „realen Sozialismus“ haben den Menschen die Religion nicht austreiben können. Offenbar gibt es ein Bedürfnis nach Religion, eine emotionale Grundstruktur,  die hinter ganz unterschiedlichen Erzählungen in unterschiedlichen Epochen steckt. Religion sei das „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“ hat  Friedrich Schleiermacher 1799 formuliert, „Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche“. 

Geschmack und Gefühl sind etwas sehr Körperliches. Geschmack wird direkt kommuniziert - am besten als „mmm" oder „iiiih". Alle rationalen, verbalisierenden Versuche sind Hilfskonstruktionen. Gleichzeitig ist die Körperlichkeit von Geschmacks- wie Gefühlsempfindungen zwingend  -  ein „iiiih" ist durch kein noch so gutes Argument aufzuklären und in ein „mmm" umzuwandeln. Die körperlichen Geschmacks- und Gefühlsempfindungen liegen tiefer als alle Vernunft. 

Der Kern des religiösen Glaubens  ist nicht das, was im Kontext der Schriftkultur als Theoriegebäude aufgebaut wird, sondern das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Geborgenheit in einer großen Gruppe, die von den die engen familiären Banden nicht mehr zusammengehalten werden kann.  Es ist kein Zufall, dass im Neuen Testament für Glauben und Vertrauen dasselbe griechische Wort  - pistis -verwendet wird, dass „Islam“ gleichzeitig Hingabe und Unterwerfung bedeutet. Der emotionale Kern der gewollt-gefühlten Abhängigkeit in der großen Religionsgemeinschaft ist das emotionale Bedürfnis nach Geborgensein in einer Welt von Fremdem.

Die gefühlte Religion wird kulturell entfaltet mit „unter die Haut gehenden“ körperlichen Ritualen, das Wort kommt als sekundäre kommunikative Bindeform hinzu. Über das  religiöse Gefühl erhebt sich ein ausladender erzählerischer Überbau, den der Glaubende für-wahr-halten soll, und eine gesellschaftliche Institution. Diese Institution  festigt sich durch „Heilige Schriften“. Bibel wie Koran legen die Regeln der Gemeinschaft fest, auch die profanen des Erb- und Eherechts. Die Götter reden da mit den Menschen „auf Augenhöhe“. Dass der Prophet Mohammed mehr Frauen haben durfte als normale Stammesführer, diese Botschaft hat Gott ihm persönlich herabgereicht“. Das Buch fixiert den erzählerischen Stoff, der die Gemeinschaft zusammenhalten soll, den intellektuellen Überbau, mit dem Rechtsgelehrte und Kirchenväter ganze Bibliotheken hochtheoretisch füllen und praktisch ihre Religionskriege und Kreuzzüge rechtfertigen.

Die Logik der Heiligen Erzählungen beschreiben wir rückblickend als „mythisch“. Die Natur ist voller Zeichen. Animismus nennen Ethnologen dieses Phänomen, das typisch zu sein scheint für Jäger- und Sammler-Kulturen: Die sichtbaren, materiellen Gegenstände werden vergeistigt wahrgenommen, animistische Praktiken sind direkt auf die Fragen der Existenz-Sicherung bezogen, es geht um die Fruchtbarkeit, Krankheiten, das Wetter, das Jagd- und Kampf-Glück. Die animistischen Kulte antworten mit einer sinnlichen Fülle, zu der auch große Worte gehören, auf Fragen, die die Primaten-Vorfahren nicht stellten und von denen sie daher auch nicht gequält wurden.

Die Fruchtbarkeit ist eine dieser Fragen, Göttinnen standen im Zentrum der animistischen Kulte. Die matriarchalische Tradition wirkte über den Mithras-Kult als Marien-Verehrung bis ins Christentum fort.

Offensichtlich hatte der denkende homo sapiens  das Bedürfnis, seine mythischen Gedanken zu materialisieren – in Bildnissen, erst kleinen, dann immer mächtigeren Götterstatuen. Die Größe der Götterstatuen demonstrierte die Macht ihrer Erbauer. Es ist seine symbolische Intelligenz, die den Menschen zum Kulturwesen macht (Ernst Cassirer).  

Göbekli-Tepe NG

 

Rekonstruktion der Tempelanlage von
Göbekli Tepe, erbaut
12.000 Jahre
v.u.Z.

 

 

 

 

Vor 12.000 Jahren haben Wildbeuter-Kulturen riesige Tempelanlage von Göbekli Tepe aufgebaut, in Stein gehauene Mythen. Die Macht der religiös fundierten Gemeinschafts-Moral und des entsprechenden Herrschaftssystems zeigt sich sinnbildlich in dem tonnenschweren Stein.

Vor dem Beginn der Landwirtschaft wurden hier riesige symbolische Menschenbilder in Stein gehauen. Für den Archäologen Klaus Schmidt  deuten diese  überdimensionalen Bildnisse in Göbekli Tepe darauf hin, dass sich hier der Mensch als Krone der Schöpfung feierte. Religion ist die Erzählung darüber, dass der Mensch versuchte, sogar den Tod rituell zu bewältigen.

Die Linie solcher architektonischen Weltwunder als medialer Botschafter der Macht setzt sich über die ägyptischen Pyramiden fort bis zu den großen Kathedralen des Mittelalters. Hunderte, später Tausende von Arbeitskräften mussten für solche Bauwerke gemeinsam schuften und von dem Wenigen, das sie hatten, noch reichlich abgeben – zum Ruhme des Herrschers und der Götter und zur Versinnbildlichung der kollektiven Sozialordnung. Und da, wo religiöse Lehren auf solche Symbolisierungen und Bilder eigentlich verzichten wollten und sich um eine Schrift herum organisierten, erzählen sie ersatzweise, dass die „Heilige Schrift“ von Gottvater selbst herabgereicht oder diktiert wurde. 

Die Fähigkeit, mit seiner fiktiven Sprache mythische Gedanken zu denken und sich darüber auszutauschen, also sich gemeinsam Mythen vorzustellen, hat es dem homo sapiens ermöglicht, sich in größeren Gruppen zu organisieren. Die großen Machthaber großer Reiche stützten sich auf große mythische Erzählungen. Die großen Glaubens-Systeme des Christentums und des Islam konnten zu Weltreligionen werden, indem sie der staatlichen Machtentfaltung dienten und entsprechend umformten.

In den Anfängen der antiken griechischen Philosophie, auf die die europäische Aufklärung aufbaute, suchte der menschliche Geist die weltlichen Phänomene nach einfachen abstrakten Prinzipien zu ordnen. An die Stelle des archaischen Denkens, das leibnahe Kräfte und menschenähnliche Wesen als wirkende Ursachen unterstellt, tritt die Liebe zu abstrakten Erkenntnis-Urformen und geometrischen Konstruktionen - als Struktur für „Wahrheit" gelten kreisrunde Formen, dichotomische Begriffspaare oder Zahlen-Muster. Die antike griechische Philosophie war ein Versuch, eine neue geistige Ordnung in die Dinge zu bringen, sie war nicht weniger ein Konstrukt der menschlichen Phantasie als die prähistorischen Mythen. In ihre Mythen haben die alten Griechen deutlich mehr Energie investiert als in pragmatische handwerkliche Fähigkeiten.

Griechisch gebildete Anhänger des jüdischen Wanderpredigers Jesus haben in den Jahrhunderten nach seinem Tod viele Elemente des griechischen Denkens integriert in ihren Kult und zu einem neuen Religions-System geformt. Das Christentum an den Hebeln der Staatsmacht hat sich dann an der Vernichtung der antiken griechischen Kultur aktiv und passiv beteiligt: Im alten Rom waren die religiösen Kulte Privatsache gewesen. Nur die Teilnahme am staatlichen Opferkult war eine Bürgerpflicht, die man als römischer Bürger erfüllen musste - wie man heute aufstehen muss beim Erklingen der Nationalhymne oder bei der Erscheinung des Staatsoberhauptes. Das Christentum als Staatskult war dagegen eine totalitäre Ideologie: Andere Kulte wurden verboten und verfolgt, ihre Heiligtümer niedergerissen, ihre Bücher verbrannt. 300 Jahre nach der Etablierung des Christentums zur Staatsreligion war die antike Bildungstradition im Herrschaftsbereich des christlichen Rom zerstört. Das Christentum ist sozusagen im „dunklen“ Mittelalter bei sich angekommen.

Dieser Prozess ist ein Beispiel dafür, wie ein neuer Herrschafts-Mythos auch philosophisch überlegene Denksysteme neben sich nicht duldet.

Das Einmalige an der menschlichen Sprache ist, dass wir uns über Dinge austauschen können, die es gar nicht gibt. Offenbar gibt es ein tief verankertes Bedürfnis, zu träumen und traumhafte Bilder am Tage weiterzuspinnen und in Worte (und Bilder) zu fassen, um sich darüber austauschen zu können.

Aus der Analyse der kommunikativen Strukturen der Religionsgeschichte lassen sich so Einblicke gewinnen in die Ursprünge des menschlichen Denkens und der menschlichen Kultur. Dem dienen die Texte, auf die hier besonders verwiesen wird.

zum Beispiel:

    Was ist Religion? Religiöse Kommunikation stiftet Sinn - für soziale Verbände und Individuen  M-G-Link
    Die mentalen Konstruktionen von  Himmel und Hölle M-G-Link
    Monotheismus und das Gottesbildnis-Verbot in der Geschichte - Gottes-Bilder M-G-Link
    Religiöse Vorstellungen als Bewusstsein ohne Ego - Gott im Kopf    M-G-Link
    Wie Europa christlich wurde: Das Christentum als Produkt kommunikativer Formierung 
           im Kontext der Krise der Antike M-G-Link
    Die Zeitalter des Islam   M-G-Link

    siehe u.a. auch die Texte über

    Bilder im Kopf - Über die neurologisch vermittelte Realitätswahrnehmung  M-G-Link
    Sprache Denken Mythen: Über das Denken in Anschauungsformen, in Sprachsymbolen und in Mythen M-G-Link
    Gehirngespinste oder: Wie das Gehirn Wirklichkeit konstruiert  M-G-Link
    Kultur der Erzählung: Wofür der Mensch das symbolische Zeichenhandeln braucht M-G-Link
    Bigger than Life - Mammutjäger vor der Glotze M-G-Link
     

    Zu Göbekli Tepe und dem Ursprung der Religion gibt es eine sehenswerte 3SAT-Dokumentation
         https://www.youtube.com/watch?v=Idu-t3X-cTQ