Klaus Wolschner 

Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

www.medien-gesellschaft.de


II
Politik
und Medien

Die Französische Revolution

als europäisches Medienereignis

2012

„Die Französische Revolution war das größte Medienereignis seit den Tagen der Reformation ... Die Milderung der Zensur und die Freigabe der Politik für die Beteiligung der Bürger lösten 1789 eine nie gekannte Flut politischer Publizistik aus, die zwar unter der Jakobinerdiktatur eingeschränkt wurde, letztlich aber bis zum Staatsstreich von Napoleon Bonaparte (1769–1821)  anhielt.” (Rolf Reichardt)

Die französischen Zeitungen entwickelten sich beinahe schlagartig zu Massenmedien. Rund zehn Prozent der französischen Bevölkerung wurde durch die 1.600 Zeitungen erreicht -  das bedeutete einen ein einzigartigen Demokratisierungsschub der politischen Information und Meinungsbildung. Der ehemalige Arztes und Untergrundschriftsteller Jean-Paul Marat etwa brachte „Ami du Peuple“ heraus. „Kraft der ihnen eigenen Emotionalität, ihrer mitreißenden Melodien und visuellen Präsenz prägten insbesondere die politischen Chansons und die gedruckten Bildflugblätter sich dem kollektiven Bewusstsein tiefer ein als Texte und Reden.“ (Reichardt)  Besonders populär waren die revolutionären Karikaturen.

Schriftsteller Heinrich Christian Boie bemerkte im Dezember 1789, Deutschland werde mit Schriften über die ereignisse in Frankreich „bis zum Eckel überschwemmt“: „Wie ein elektrischer Schlag, der von Paris ausging, wirkte sie auf alle Nationen... Auf kein Land wirkte sie aber stärker, als auf unser Deutschland. … Bis in die kleinsten deutschen Dörfer drang dieser Schlag, und bei der Unzufriedenheit, mit der die meisten Menschen in der Welt leben, erregte er Neigung zur Empörung. Wenige deutsche Staaten werden gewesen sein, in denen nicht Gährungen entstanden sind.”

Gottlob Benedikt Schirach schrieb 1793: „Die bestürzende Kunde von der Guillotinierung Ludwigs XVI. am 21. Januar 1793 – dem ‘blutigsten[n] Schandfleck unsers Jahrhunderts’, wurde europaweit von unzähligen Ereignis-Stichen verbreitet, die unter einer berichtenden Überschrift zumeist das Gleiche zeigen: Umgeben von einem Militärkordon und der gaffenden Menschenmenge steht der Henker neben der Guillotine und inszeniert die sekundenschnelle Hinrichtung, indem er mit einer brutalen Bewegung das abgeschlagene Haupt des ehemaligen Königs für alle Umstehenden sichtbar an den Haaren hochhält.”

Johann Wilhelm von Archenholtz schrieb 1795: „Eine von den vielen Folgen, die die französische Revolution für Deutschland gehabt hat, ist die große Menge neuentstandener politischer Schriftsteller, Blattschreiber, und Buchmacher, die aus Zeitungsblättern (sollten es auch die elendesten im südlichen Deutschlande seyn) ihre Kenntnisse schöpfen, und dann sogleich die Feder in die Hand nehmen, um ihre Urtheile über die großen Begebenheiten des Tages, der Welt mitzutheilen.”

Zum internationalen Medienereignis wurde Frankreichs revolutionäre Politik mit dem Bastillesturm des 14. Juli 1789. Das Hamburger Politische Journal berichtete im August mit der Postkutschen-bedingten Verzögerung: „Wie Paris die Freyheit von Frankreich erstürmt“ wurde: „Unser Zeitalter ist voller Wunder. Die religiösen haben aufgehört. Es geschehen lauter politische Wunder … Die Tage vom 12ten bis 15ten Julius gehören zu den merkwürdigsten in der Geschichte des menschlichen Geschlechts.”

In Großbritannien schrieb Edmund Burkes schon 1790 sein Buch Reflections on the Revolution in France, mehrere Theater brachten die sensationellen Ereignisse in Paris auf Londoner Bühnen.

Im deutschen Sprachraum war vor die „Mainzer Republik“ von 1792/1793 aus Paris inspiriert. „Durch ihre demokratische Kultur nach französischem Vorbild wurde die Mainzer Republik in Deutschland ihrerseits zum Medienereignis.” (Reichardt) 

 

    Quelle:  Rolf Reichardt, Die Französische Revolution als europäisches Medienereignis,
     in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG)
    http://www.ieg-ego.eu/reichardtr-2010-de (2012-05-19)