Klaus Wolschner 

Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

www.medien-gesellschaft.de


II
Politik
und Medien

Wie wir wahrnehmen-
was wir sehen

3 AS neu 200

ISBN 978-3-7418-5475-0
im Buchhandel oder beim Autor
klaus@wolschner.de

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die 
menschliche Wirklichkeits-Konstruktion im
Jahrhundert des Auges”

3 VR neu 200

ISBN 978-3-7375-8922-2
im Buchhandel oder beim Autor
 klaus@wolschner.de

Abschnitt II:
Zum Verhältnis von Medien und Politi
k

Zur Einführung

2015

Wir leben in einer Welt der Medien, Politik ist zu einem erheblichen Teil Kommunikation vermittelt über technische Medien - erst über das Fernsehen, inzwischen auch über Internet-Kommunikation.
Das ist revolutionär neu - vorher gab es eine 200 Jahre lange Phase der Dominanz der Schrift-Medien in der politischen Kommunikation.
Was bedeuten solche Brüche in den Kommunikations-Formen für die Politik?? Um diese Frage drehen sich die hier eingestellten Texte.

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein vollzog sich gesellschaftspolitische Kommunikation in Formen der „Anwesenheitskommunikation“ - mit den Mitteln der „primären” körperlichen Medien, mit Sprache und Gesten, visuellen Eindrücken (Bildern) und Symbolen (Rudolf Schlögl, L). Hinzu kam die „Sprache der Fakten”: Wer seinen Feind öffentlich an den Pranger stellen konnte, zeigte damit politische Macht.

Über die Details der Politik wusste das Volk im Grunde nichts. Die großen Fragen der Politik hatten das einfache Volk auch nichts anzugehen. Das bedeutete aber nicht, dass Macht sich nicht rechtfertigen musste - auch vor dem einfachen Volk. In der Verbindung von politischer Macht und religiösem Kult rechtfertigte sich der Herrscher als von Gott gewollter Ordnungs-Stifter. Militärische Niederlagen, mehrfache Missernten oder Unwetter warfen unweigerlich die Frage auf, ob der Herrscher wirklich gute Verbindungen zu den Göttlichen hatte oder ob er den Kult zur Befriedigung der Götter korrekt ausübte. Der herrschaftliche Prunk demonstrierte, dass der König reich, also erfolg-reich war.
Schon in der römischen Republik, in der jeder nach seiner Facon selig werden konnte, waren gleichwohl die Opfer für die staatlichen Götter verbindliche Staatsbürgerpflicht, mit der bekanntlich die frühen Christen in Konflikt gerieten - ihre Verweigerung war keineswegs Privatsache, sondern stellte das Staatswohl infrage.
„Öffentlichkeit" ist also eine Kategorie für die Herrschaftskommunikation schon vor der europäischen Neuzeit. Das klassische Medium dieser Kommunikation war die mündliche Rede, die die eindrucksvollen visuellen medialen Inszenierungen insbesondere des Kultes und der Architektur interpretierte.

Die Erfindung der Drucktechnik hat daran zunächst wenig geändert - die große Ausnahme ist der reformatorische Streit. Das bewegende Motiv der gedruckten Flugschriften der frühen Neuzeit waren  heilsgeschichtlich bedeutsame Botschaften, für „harte” politische Informationen interessierten sich nur Fern-Händler. Vorläufer gedrückter Nachrichtenblätter waren handgeschriebene Nachrichten-Briefe von Handelshäusern wie dem der Fugger.

Erst in den periodischen Zeitungen seit dem 17. Jahrhundert entwickelte sich die Form der systematischen, regelmäßigen Verbreitung von „Zidunge” (Nachrichten). Diese Nachrichten waren für die „lesenden Bürger” meist nicht handlungsrelevant, sondern Weltbild-relevant. Im 17. bis in die Anfänge des 18. Jahrhunderts passierte eine medial vermittelte, geistige „Welteroberung(Holger Böning) - dem lesenden Publikum erschloss sich eine neue politische Weltsicht, in der das politische Geschehen sich im Verständnis der Menschen von Heilsgeschehen ablöste. In diesem Sinne waren die frühen Zeitungen Medien der Aufklärung. (L)

Niccolò Machiavelli hatte schon 1513 diese neue profane Weltsicht in seinem Buch „Il Principe" als Summe seiner Erfahrungen dargestellt - geschrieben hat er es  in der Volkssprache des toskanischen Italienisch. „Alle Macht ist Raub und all ihre Rechtfertigung pure Ideologie", davon war Machiavelli überzeugt, und zur Politik gehöre  „die Kunst, den richtigen Schein zu erzeugen". Modern würde man das „Darstellungspolitik" nennen.

Durch die Möglichkeiten der Drucktechnologie entkoppelten sich Informationen und Kenntnisse von der Bedingung eigenen körperlichen Erlebens. Menschen konstruieren sich ihr Weltbild auf Grundlage von Wissen, das durch Kommunikation erlangt wird und zunehmend auf sprachlich-symbolisch repräsentierten Erfahrungen beruht (Schlögl). Dies ist die sozialgeschichtliche Bedeutung (message) der neuen Kommunikationstechnik.

Die gedruckten Nachrichten bezogen sich zunächst auf Ereignisse aus der Ferne. Anfang des 18. Jahrhunderts kam es vor, dass europäische Herrscher Briefe, die sie sich schrieben, auch in Zeitungen drucken ließen. Für Lesekundige wurde die internationale Politik der Höfe dadurch beobachtbar. Die Politik stellte sich auf die neuen Beobachtungsverhältnisse ein und präsentierte ihre Entscheidungen in „Intelligenzblättern“. Mit der Veröffentlichung der Politik wurde eine neue Rechtfertigungsstruktur erforderlich. Der Hinweis auf ihr Gottesgnadentum reichte nicht mehr zur Legitimation von Machtausübung. Der klassische Nationalstaat wurde zur Sache der Nation. „Diener des Staates“ war eine neue Legitimationsfigur.

Demokratie und Massenmedien

Massenmedien entwickelten sich erst Ende des 19. Jahrhunderts. Die bürgerliche Gesellschaft lernte, Zeitung zu lesen – Politiker lernten, sich als „Interessenvertreter” ihrer Strömung und als „Repräsentanten des Volkes“ zu legitimieren. Wenn Politiker „vor Ort“ kamen und die alte Form der Anwesenheitsdemokratie praktizierten, waren die Plätze immer noch voll - das war die einzige Möglichkeit, die handelnden Personen „live” zu erleben. Die Anwesenheitskommunikation der Herrscher wurde als Show inszeniert (L) Das Wechselspiel von (parteilicher) Massenpresse, Massenparteien und Demokratie hatte in Deutschland in der Weimarer Republik seinen kurzen Höhepunkt.

Seit den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts verändert das neue Medium Fernsehen (L) die Politik radikal. Die Fernsehkameras beleuchten das, was hinter der Bühne vor sich geht. Menschen, die ihren hohen Sozialstatus und ihre Macht dem privilegierten Zugang zu Informationen verdanken, verlieren die „Kontrolle” über die Informationen. Die elektronischen Medien unterminieren das ganze System abgestufter Hierarchie und delegierter Autorität. „Das Fernsehen entmystifiziert nicht nur die Orte, die tatsächlich gezeigt werden, sondern erzeugt auch ein neues Gefühl für die Zugänglichkeit und Offenheit aller Orte.“ (Joshua Meyrowitz, L)

Politiker erreichen ihre Wähler wesentlich über „die Medien“ - das bedeutet nun: vor allem über das Fernsehen.  Die Bevölkerung erwartet mehr Informationen, konkurrierende Politiker streuen Informationen zu ihren Gunsten, Herrschaft muss sich dagegen zur Wehr setzen mit immer mehr Informationen. Politiker müssen sich und ihre Politik fernsehgerecht inszenieren, die Parteien als Unterbau der Macht verlieren an Bedeutung. Der Politikwissenschaftler Thomas Meyer nennt das entstehende System „Mediokratie”(L). Die politischen Institutionen engagieren zunehmend professionelle Medienberater. Die Sphäre der Politik schottet sich ab hinter einer Wand von Medieninszenierungen. Medien interessieren sich weniger für die politischen Sachfragen und Entscheidungsprozesse („policy") als für Form und Verlauf des politischen Streits - Darstellungspolitik, „politics".

Wenn die wichtigen Staatsmänner der Welt ein „Spitzengespräch” oder gar einen „G8-Gipfel” inszenieren, ist ein Tribut an die Fernsehdemokratie. Manches wichtige Gespräch wird nicht medial angekündigt, meist müssen politiker aber ihre Handlungsfähigkeit medial unter Beweis stellen - durch ein Gespräch. Um auch einen entsprechenden Platz in den elektronischen Medien beanspruchen zu können, pilgern Kritiker zu Gipfel-Treffen und veranstalten Protest-Demonstrationen. Auch solche Demonstrationen simulieren „Anwesenheitskommunikation”, sind aber schon vollständig mit dem Blick auf die Fernsehkameras inszeniert.

In einem ersten Erschrecken haben manche Beobachter den Eindruck gewonnen, dass die Logik der Medien damit die Logik der Politik „beherrschen“ könnte. Aber natürlich instrumentalisiert die Politik auch die Medien in der Mediendemokratie (L). Welche Logik setzt sich durch und wird dominant, die der Politik oder die der Medien?  Die Frage ist überholt, die „Fernsehgesellschaft” nur ein Durchgangsstadium.

Denn das, was im Zeitalter der Fernseh-Bilder und der Tageszeitungen - die unter dem Druck der Fernseh-Bilder bunt aufgehübschten wurden - als „Politik“ galt, wird steif und grau angesichts der Möglichkeiten des globalen elektronischen Medienzaubers. Die Verschmelzung des Fernsehens in dem multimedialen Computer macht aus dem teilnehmenden Beobachter, der dank des Fernsehens alles weiß, aber im Ernstfall nur seine Ohnmacht am Zaun demonstrieren kann, den aktiven Teilnehmer am medialen Geschehen.
Natürlich verlieren die Menschen ein Stück weit das Interesse an den Politikern und der Politik, wenn sie durchschauen, dass Macht ganz anders funktioniert als die theatralische politische Pose („Ich habe entschieden …“) es suggeriert. Wesentliche politische Entscheidungen in der globalisierten Welt stehen kaum zur Disposition von Parteienstreit.
Schwarz, Gelb, Rot oder Grün kombinieren sich frei und wechseln sich in den Regierungsämtern bruchlos ab - offenbar ist das Bild, die Regierung säße an den „Schalthebeln der Macht”, falsch. Vor der Hintergrund-Macht der globalen Märkte und multinationaler Institutionen werden die Politiker klassischen Typs zu kleinen Möchte-Gern-Entscheidern, zu „Repräsentanten" des machtpolitischen Prozesses.

Der Multimedia-Computer funktioniert bi-direktional, jeder ist Empfänger und potentiell auch Sender. Wenn online-Abstimmungen über die Computer-Fernbedienung zur Selbstverständlichkeit werden und das Publikum sogar über die Farbe des Lippenstiftes, den TV-Stars auflegen sollen, entscheiden kann, wenn über das Internet organisierte Boykott-Kampagnen die globale Ökonomie beeinflussen, dann wird man sich fragen, warum „Öffentlichkeit” nur über Meinungsumfragen indirekt am politischen Prozess teilnehmen darf und warum die aktive Teilnahme an der klassischen Politik „alten Typs” nur alle vier Jahre möglich sein soll. Das ist unter den Bedingungen des Internets als Leitmedium (L) nur noch schwer vermittelbar, Liquid democracy wäre die Alternative (L).

Bisher aber befasst sich politisch interessierte Zivilgesellschaft vor allem mit den medialen Konstrukten an der Oberfläche der Politik. Über eine Medienkampagne von wenigen Wochen wurde im Jahre 2012 der Verteidigungsminister Theodor zu Guttenberg gestürzt - offenbar eine Medienkonstruktion, eine Attrappe. An der Politik des Ministeriums hat dieser „Sieg” nichts geändert. Was es für die Demokratie bedeutet, wenn der „Bürger in Uniform” durch Berufssoldaten abgelöst werden soll, interessierte in derselben Zeit kaum jemanden.

Die Wende in der Atompolitik nach dem Unglück von Fukushima zeigt, dass die öffentliche Beobachtung der Regierungspolitik unter den Bedingungen von Mediendemokratie doch unter bestimmten Bedingungen einen substantiellen Politikwechsel erzwingen kann.