Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Abschnitt I:
Zur Mediengeschichte

2014

Den alten Griechen verdanken wir die geniale Erfindung eines phonetischen Alphabets mit etwas mehr als 20 Buchstaben – sie missbrauchten die phönizischen Klang-Symbole für ihre Mundart und ergänzten sie durch Zeichen für Vokale. Der „Wissensspeicher“ Schrift wurde zur die Voraussetzung für philosophisches Denken, also für die abendländische Kulturentwicklung.
 
Aber der große Platon, der als erster diese geniale Erfindung nutzte, um die sokratischen Dialoge (für eine tausendjährige Leserschaft) zu diktieren, begreift diese epochemachende Entdeckung nicht, sondern mäkelt herum: Die Schrift verleite den Menschen dazu, das Training des Gedächtnisses zu vernachlässigen, sagt er. Sie macht das Wissen seelenlos. „Die Schrift schweigt, wenn man sie befragt und sie weiß nicht, an wen sie sich richtet.“ Das war eine Technikfolgen-Abschätzung im 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung! Platon erkannte schaudernd, dass die neue Technik sich als „Körperausweitung“ (McLuhan) dem Menschen andienen würde und, so nützlich sie scheint, den Menschen abhängig machen würde. Der Mensch war auf dem Weg zum „Prothesengott“, wie Sigmund Freud das 1930 formulieren sollte.

Ohne die Alphabetschrift wären die Anfänge der europäischen Kultur im klassischen Griechenland nicht vorstellbar, sagt der Althistoriker Jack Goody. Ihre massenhafte Verbreitung mit der Druckkultur seit dem 15. Jahrhundert war die Basis für die Entfaltung des europäischen Denkens, zu dem mit der schriftbasierten Mathematik auch die Technik gehört.

Den im 13. Jahrhundert einsetzenden geistesgeschichtlichen Umbruch hat Ivan Illich (1990) als Schritt „von aufgezeichneten Reden zum Aufzeichnen des Denkens" bezeichnet: „Lesen“ war bis dahin vor allem lautes Vorlesen und Hören einer Rede. Mit dem stillen Lesen wird das gedruckte Manuskript zu einem „Text“, es beginnt eine neue Kultur des Denkens: Der Mensch verlässt die nach außen gerichtete Kommunikation, um Texte im Inneren zu denken.
„Die Erfindung der Buchdruckerkunst ist das größte Ereignis der Geschichte”, hat Victor Hugo 1831 geschrieben. „C’est la révolution mère”, sie ist die Mutter-Revolution. „Sie gab der Menschheit ein neues Ausdrucksmittel für neue Gedanken. (...) Als gedrucktes Wort ist der Gedanke unvergänglicher denn je. Es sind ihm Flügel gewachsen; er ist ungreifbar, unzerstörbar geworden.” Hugo bezog diesen Gedanken auf die Reformation: „Vor der Buchdruckerkunst wäre die Reformation nur eine Spaltung gewesen, die Erfindung des Buchdruckes macht sie zur Revolution. Man nehme die Presse weg, und die Ketzerei ist wirkungslos.”

Die alphabetische Schrift und die seit dem 15. Jahrhundert (Gutenberg) verbreitete Druckkultur formten ganz entscheidend das westliche Denken, diese These hat Marshall McLuhan (1964) popularisiert. Im Jahrhundert Johannes Gutenbergs explodierte die Anzahl der verbreiteten Schriften – erst wurden die alten (lateinischen) Bücher vervielfältigt, dann die neuen Gedanken auf Flugschriften. In der Reformation kam das neue Medium zu seiner “message”. Nur was in der Schrift steht, sagte Luther, ist wahr. Jeder kann überprüfen, was die Autoritäten reden - ein Sprengsatz für Kirche und Gesellschaft. Über Maria etwa, die wichtigste Bezugsperson für die Religiosität im Hochmittelalter, steht in der Schrift nichts. Die Theorien über die Hexen lassen sich für ein durch die Buchkultur der Renaissance geschultes Denken nicht mehr wirklich begründen - es waren Kunstfiguren einer oral geprägten Kommunikation. Die Nutzungsvielfalt der schriftlichen fixierten und so verbreiteten Wissens-Elemente sprengte die alte Kultur, Leselust verbreitet sich. 1717 wird in Preußen die Schulpflicht eingeführt – nur wer Lesen kann, kann am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Im 19. Jahrhundert war für die Mehrheit der Bevölkerung „das geschriebene Wort zum alleinigen Bezugsrahmen, innerhalb dessen Bewusstseins- und Verständigungsprobleme reflektiert wurden“, geworden: „Wer nicht schrieb und las, war, kulturell gesehen, eine Unperson." (Eric Havelock)

Druckerzeugnisse werden zum Massenkommunikationsmittel. Für die breite Bevölkerung galt bis dahin nie das „cogito ergo sum”. Die Masse galt als verführbar, dumm, „borniert” (wörtlich: begrenzt) auf den Horizont von Haus, Hof und Dorf. (Die Neurobiologie hat übrigens dieses bildungsbürgerliche Selbstbild in Frage gestellt: Ein Gutteil des menschlichen Denkens kommt aus dem Bauch, ist nachträgliche „Kon-Fabulation”, weil das Gehirn das Bedürfnis nach Vernunft hat selbst bei emotional getroffenen Entscheidungen.)

McLuhan hat prophezeit, dass die elektrisch vermittelten neuen Audiovisualitäten in ähnlicher Weise ein neues Denken hervorbringen werden wie der Alphabetschrift und Buchdruck.
Denn Kommunikationsmedien werden, wenn der Mensch sie sich aneignet, zu einer „Erweiterung“ der Sinnesorgane, zu „Ausweitungen“ des menschlichen Körpers, „extension of man". Wer könnte sagen, ob sich nicht für die neue Generation der mit dem Computer aufgewachsenen Menschen die vor dem Bildschirm erlebten Erfahrungen und Gefühlsregungen tiefer in die Seele einschreiben als das Wenige, das sie - nach einer überholten Terminologie - als „real" erleben dürfen? Unser Alltag wird eintönig und grau vor dem globalen, ja galaktischen Medienzauber. Die Techniken der alle Distanzen überwindenden Telegrafie, die Sigmund Freud noch als „Prothese“ empfand, sind nach 100 Jahren schon vollkommen selbstverständlich für unser Welt-Erleben geworden. Die Besitzergreifung des globalen Raumes ist durch das Handy abgeschlossen. Der universelle Computer beginnt mit der Erfindung der grafischen Oberfläche schon die Schrift zu entmachten.

Und die neuen elektrischen Medien weisen den alten Medientechniken einen nachgeordneten Platz in der Gesellschaft zu. Über einige Jahrhunderte war das Buch, der Text, die Basis des Denkens und des gebildeten modernen Bildungsbürgers gewesen. Das Bücherregal im Wohnzimmer zeigte, dass da ein gebildetes Individuen lebt, und das Schreiben des eigenen Buches öffnete die Tür in den Olymp der Unsterblichkeit.
Aber das Ende der Gutenberg-Galaxis ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Nie haben so viele Menschen so viel gelesen wie im vermeintlichen „Jahrhundert des Auges“. Die Bilder müssen im Kopf eingeordnet, ergänzt und interpretiert werden. Unser Gehirn bedient sich der durch die Schriftkultur hervorgebrachten mentalen „Brille“, damit aus den Lichtpunkten, die unsere Augen anstarren, „Bilder“ werden, Phantasiegebilde, und wir das „sehen“, was wir vor Augen haben. Die Schrift-Kultur bleibt die Basis der elektrischen Projektionen von „virtueller Realität“.

 

Um diese Mediengeschichte als Kulturgeschichte des Menschen geht es bei den hier publizierten Texten.