Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Die Anfänge der westdeutschen
Fernseh-Demokratie

Zur Bedeutung des Fernsehens für die Entwicklung der demokratischen Kultur
der Bundesrepublik Deutschland

 3-2014

Elektronischen Medien „unterminieren das ganze System
abgestufter Hierarchie und delegierter Autorität“.
„Das Fernsehen entmystifiziert nicht nur die Orte, die tatsächlich
gezeigt werden, sondern erzeugt auch ein neues Gefühl für die
Zugänglichkeit und Offenheit aller Orte.“  Joshua Meyrowitz (1987)

„Politik ist dabei, volkstümlich zu werden.
Das ist mehr als populär; das ist demokratisch."
Werner Höfer über die Bedeutung des Fernsehens, 1967

Die Entwicklung der Zeitungen zur Massenpresse im 19. Jahrhundert hat die Entfaltung der demokratischen Bewegungen begleitet und erst ermöglicht. Aus „mitbekommen“ wurde „mitdenken“, „mitreden“ und schließlich „mitbestimmen“  – zumindest bei Wahlen. Das betraf im 19. Jahrhundert vor allem die gebildeten und begüterten Männer, im 20. Jahrhundert dann alle, mit dem allgemeinen Wahlrecht immerhin einmal alle vier Jahre.

In ähnlicher Weise hat in der Mitte des 20. Jahrhunderts das Fernsehen die Entwicklung dieser „Führerdemokratie“ zu einer partizipativen Demokratie begleitet und erst ermöglicht. Das Fernsehen hat die Beobachtung der Politik durch die breite Masse der Wähler in einer Weise intensiviert, die Anfang des 20. Jahrhunderts kaum vorstellbar war. (1) Die Politiker der Bundesrepublik Deutschland waren in den 1950er und frühen 1960er Jahren von der Medienentwicklung getrieben und re(a)gierten, wenn man die Umbruchsphase bis zum Ende der 1970er Jahre betrachtet, letztlich hilflos.

Bei der ersten Präsentation der neuen Fernseh-Technologie wurde das neue Medium als Erweiterung des Rundfunks durch eine visuelle Komponente interpretiert. Die medienpolitische Diskussion in (West-)Deutschland war in den 1950er Jahren von einem instrumentellen Verständnis geprägt: Was gesendet wird, kommt bei den Empfängern an.
Die Neuartigkeit des Fernsehens führte dazu, dass die Aufmerksamkeit für das Medium groß war, auch dort, wo die verbreiteten Inhalte dies nicht rechtfertigen konnten.
Die politischen Akteure erwarteten wahre Propaganda-Wunder von Fernseh-Auftritten. Die strukturelle Wirkung des Fernsehens wurde gleichzeitig vollkommen unterschätzt (Konrad F. Baier) Die Zeitschrift HÖRZU, die wie eine Lobby für das Fernsehen lange vor der ersten Sendung hohe Erwartungen schürte, erkannte immerhin 1949: „Das Fernsehen wird das gesamte öffentliche Leben auch in Europa beeinflussen. Die Wähler können ihren Volksvertreter nicht nur hören, sondern auch ‚fernsehen’ - der Sprecher rückt seinen Zuhörern (!) näher."

Vorbild USA

Aufmerksam beobachtete man in Deutschland während der gesamten 1950er Jahre, welche Rolle das Fernsehen in den USA in der Politik zu spielen begann. Der US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower hatte schon im Wahlkampf 1952 erstmals einen 20-sekündigen Fernsehspot eingesetzt – er beantwortete die Fragen eines Durchschnitts-Bürgers. 34 Prozent der US-Haushalte verfügten damals über ein Fernsehgerät. In den USA war es selbstverständlich, dass gute Arbeit auch durch gutes Marketing gut dargestellt werden musste.

In Westdeutschland wurde im Dezember Jahre 1952 für rund 300 Besitzer einer „Flimmerkiste“ das damalige „NWDR-Fernsehen" eröffnet. Die Zahl der Apparate stieg und man unterhielt sich zunehmend am Tag danach über das Fernsehprogramm. Große, Identität stiftende Ereignisse wie die Fußball-WM 1954 wurden in den 1950er Jahren übertragen und durch das Fernsehen inszeniert. Wer keinen Apparat hatte, verpasste etwas, wenn er nicht Bekannte hatte, bei denen es einen Apparat gab. 1957 waren es 783.000 Fernsehgeräte verkauft, 1960 hatten immerhin knapp 3,5 Millionen Deutsche Haushalte ein Fernsehgerät.
Mitte der fünfziger Jahre gab es durch die Eurovisions-Sendungen eine Reihe von Sportübertragungen, deren internationaler Charakter sie zu Instrumenten Gemeinschaft stiftender Identitätsbildung machte. Die Sportler traten für Deutschland bei den Wettkämpfen an. Mit ihnen gewann und verlor auch die Nation – mit dem Ausschluss der Sportler der „DDR“ bewies die junge Teilrepublik gleichzeitig ihren Alleinvertretungsanspruch. Gerade in sportlichen Erfolgen sahen die in der Nachkriegszeit isolierten West-Deutschen häufig eine Form der eigenen Selbstbestätigung, in der „DDR“ fieberten nicht viele mit den westdeutschen Sportlern. Staatsakte und Sportveranstaltungen wurden von den frühen Fernsehnutzern eher angenommen als vergleichbare Sendungen originär politischen Charakters. 

Propaganda für die Demokratie

Die deutsche Bevölkerung war nach dem Ende der Nazi-Zeit so obrigkeitsgläubig wie vorher – bei einer Emnid-Unfrage äußerten sich 1953 noch 11 Prozent der Befragten offen für die Monarchie und 8 Prozent für eine Diktatur. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer wurde als „Führer“ der demokratischen Regierung zur Integrationsfigur. Die Irritation der Bevölkerung über das Ende der phasenweise sehr populären Nazi-Herrschaft drückte sich in einem Desinteresse am politischen Geschehen aus.  Das Vertrauen zu der Person Adenauers wuchs  mit der wirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftswunder“) und stärkte Vertrauen in die neue Staatsform. In einer Emnid-Umfrage 1962 wurde die Frage „Welche Staatsform halten Sie für uns Deutsche für die beste?" gestellt, immerhin 56 Prozent bekannten sich zu einer Demokratie, 26 Prozent machten vorsichtshalber keine Angaben.
Dass Fernsehen hat den Weg des Bundesbürgers zu bekennenden Demokraten in den 1950er Jahren begleitet. Dies zeigte sich auch daran, dass erst Anfang der 1960er Jahre eine offensive Auseinandersetzung mit der NS-Herrschaft im Fernsehen begann.

Das Bundes-Presse-Amt

Um die Wirkungsmöglichkeiten des Fernsehens direkter nutzen zu können, finanzierte das Bundes-Presse- Amt der Regierung seit 1956 verdeckt die Film-Produktionsfirma IFAG (2).  1949 war das „Bundes-Presse-Amt“ (BPD) gegründet worden, damals als Abteilung des Bundeskanzleramtes. Über 425 Bedienstete und einen Etat von 20,35 Millionen Mark verfügte das BPA 1956, dazu kamen 12,5 Millionen Mark als schwarze Kasse „zur Verfügung des Bundeskanzler für Förderung des Informationswesens", „Reptilienfonds“ genannt, hinzu. Über letztere Gelder musste der Bundeskanzler nicht Rechenschaft ablegen. 

In vertraulichen Vermerken bewertete das BPA die Sendungen des Fernsehens für die Bundesregierung und monierte es immer wieder, wenn „irreführende Kritik an der Politik der Bundesregierung geübt" wurde. Solche kritischen Beobachtungen gingen von hochgesteckten Ansprüchen aus, funktionierte doch die Zusammenarbeit zwischen BPA und den Programmmachern des Fernsehens meist gut.

Adenauer in den Medien

In einem internen Schreiben an das Bundeskanzleramt wies das Bundes-Presse-Amt im Jahre 1957 darauf hin, dass durchschnittlich zwei Millionen Zuschauer allabendlich im Fernsehen nicht immer ein optimales Bild der Regierungsvertreter im Fernsehen geliefert bekämen. Aus dieser Feststellung wird deutlich, wie sehr die Erwartungen der Politik gegenüber dem Fernsehen noch von der Vorstellung geprägt waren, Medien hätten vor allem die offizielle Sichtweise zu verkünden. Das Fernsehen der 1950er Jahre bediente diese Vorstellung, aber nicht immer.

Bundestagspräsident Hermann Ehlers telegrafierte 1953 an den Intendanten des NWDR: „Sah eben Fernsehprogramm. Bedauere, dass Technik uns kein Mittel gibt, darauf zu schießen." In der Bundestagsdebatte im Februar 1958 über die Einführung eines zweiten  Fernsehprogramms meinte der Abgeordnete August-Martin Euler von der Deutschen Partei (DP), „schlechter als das heutige könne kein Programm sein".
Die Sondersendung zu Adenauers 80. Geburtstag am 5. Januar 1956 fand abends von 22.30 bis 22.50 Uhr statt - eine kurze und ungünstige Sendezeit. Auch die Präsenz der Regierung in den Zeitungen entsprach nicht den Erwartungen der Adenauer-Regierung. Wiewohl man die Orientierung der Zeitungen in den 1950er Jahren als solide konservativ beschreiben muss, formulierte Adenauer 1955 in einem Expose „Zur Genfer Konferenz“ seine Unzufriedenheit mit der Presselandschaft: „Mit scheint es mehr denn je notwenig zu sein, dass wie in Deutschland eine Zeitung von Rang bekommen,  die sowohl im Ausland wie im Inland beachtet wird. Durch diese Zeitung soll ohne Rücksicht auf Tagesereignisse und billige russische Gesten die Linie der bisherigen Deutschland-Politik stetig weiterverfolgt werden.“
Konrad Adenauer hatte seine politische Karriere im Kaiserreich gemacht - 1917 war er mit 41 Jahren zum Stadtoberhaupt der preußischen Großstadt Köln gewählt worden. Als Vorsitzender des eingerichteten „Wohlfahrtsausschusses“ überstand er in dem Amt sehr flexibel die kurze Phase des „Arbeiter- und Soldatenrates“ in Köln. Er blieb ein Kind des Kaiserreiches, was seine Ansichten über die Bedeutung der Zivilgesellschaft in der Demokratie anging. Immer wieder gab es in den späteren 1950er Jahren im Kanzleramt Überlegungen, die Presse zu beeinflussen. Zum Spiegel meinte er 1957: „Das Schmutzblatt lese ich überhaupt nicht, das macht sich ja von selbst kaputt." Als später Gerüchte umgingen, Rudolf Augstein wolle seine Anteile am Spiegel veräußern, erwog Adenauer, das Magazin vom CDU-Bundestagsabgeordneten und „Zeit"-Verleger Gerd Bucerius kaufen zu lassen.

„Konsensjournalismus” der 1950er Jahre

In den frühen fünfziger Jahren war die bundesdeutsche Politik von einem „verdeckten nationalen Grundkonsens“ (Christina von Hodenberg) bestimmt. Ludwig Erhards, der Minister des Wirtschaftswunders, hat diesen Konsens später mit der Leitidee einer „formierten Gesellschaft“ zusammengefasst. Der Staat war verantwortlich für den gesellschaftlichen Frieden, er sollte für die Integration von Partikularinteressen sorgen. In der Erinnerung an den Zusammenbruch der Weimarer Republik galten offen ausgetragene Konflikte als Risiko für die ungefestigte Demokratie, die Staatsführung war zwar gewählt, beanspruchte dann aber in ihrer exekutiven Praxis Vertrauen. Die „Repräsentation ohne Kontrolle“ rechtfertigte sich insbesondere durch den Hinweis auf das nicht demokratisch sozialisierte Staatsvolk. Dieses Konsensmodell „nahm den Konflikten in der zerrissenen Nachkriegsgesellschaft viel von ihrer Schärfe“ (Hodenberg). Die Medien, sehr restriktiv über politische Entscheidungsprozesse informiert, sollten die Ergebnisse des hoheitlichen Handelns an das Wählerschaft übermitteln.
Die Medien entsprachen weitgehend der Erwartung an den „Konsensjournalismus“. Die Skepsis gegenüber den westlichen Alliierten wurde zunehmend von der Feind-Stellung gegenüber dem kommunistischen Osten überlagert.

Politik im Fernsehen

In seiner Eröffnungsrede zur Fernsehausstellung 1953 in Düsseldorf hatte der NWDR-Generaldirektor Adolf Grimme prognostiziert, dass das Fernsehen im nächsten Bundestagswahlkampf - 1957 - eine bedeutsame Rolle spielen werde – was zur Folge haben werde, dass der Machtdrang den Kampf um dieses Instrument entbrennen" werde.
Der Wahlkampf für das britische Parlament 1955
hat die Möglichkeiten des Fernsehnetzes für Wahlkämpfe vor Augen geführt. Eine einzige Fernsehsendung der Parteien konnte bei 4,5 Millionen Haushalten mit Fernsehapparaten mehr Wähler erreichen als sämtliche Versammlungen einer Partei während des englischen Wahlkampfes zusammen.
1953 wurde erstmals die Regierungserklärung des Bundeskanzlers übertragen. Eine Übertragung von Bundestagssitzungen wurde gleichzeitig als öffentliche Kontrolle der parlamentarischen Arbeit betrachtet. Als 1953 erstmals eine Bundestagsdebatte vom NWDR-Fernsehen übertragen wurde, berichtete die FAZ darüber und merkte an, da seien bildhafte Details zum Vorschein gekommen, die nun das Bild von der Demokratie prägen könnten. Zum Beispiel bei der Beobachtung des Bundeskanzlers: „in alter Frische, Dr. Adenauer". Der Bundestag hatte sich direkt vor den Augen seiner Wähler konstituiert:
Eine neue Dimension der Wahrnehmung von Politik zeichnete sich ab.
Die Skepsis gegenüber der Möglichkeit des Fernsehens, „live“ Politiker in Wort und Bild zu beobachten, war dabei allgemein. Die Übertragung von Bildern der Viermächtekonferenz 1955 mit Präsident Eisenhower (USA), Ministerpräsident Faure (Frankreich), Premierminister Eden (Großbritannien), sowie Ministerpräsident Bulganin und Parteichef Chruschtschow (beide UdSSR) führte nach der Beobachtung der FAZ dazu, „dass diese Großen’ der Weltpolitik keine abstrakten Wesen waren, nicht Funktionäre von Staatsapparaten, nicht Vertreter ideologischer Konzeptionen und nicht Manager von Massenvernichtungswaffen, sondern ganz schlicht Menschen, die sich an einen Tisch setzen mit dem Willen, sich auszusprechen und Lösungen für die Probleme der Welt zu finden.“  Die Fernsehübertragung mache aus den Politikern Schauspieler: „Sie lächelten alle freundlich, nicht nur der fast etwas schüchtern wirkende Eisenhower, der verbindliche Eden und der elegante Faure, auch die lange so unnahbar gewesenen Gewaltigen des Kremls bewegten sich lässig, fahren im offenen Wagen ganz ohne Panzerschutz einher und winkten fröhlich der Menge. Oder sollte dies alles doch nur für die Objektive der Kamera bestimmt gewesen sein, eine liebenswürdige Vorstellung zu Zwecken der Popularität?" 
1956 entschied der Ältestenrat des Bundestages, vorerst keine Direktübertragungen von Plenarsitzungen in Radio und Fernsehen mehr zuzulassen. Begründung: Die Abgeordneten hätten sich von der Kamera „beengt" gefühlt. Direktübertragungen hätten zu vermehrten Streitereien um die Redezeiten und Redeplätze geführt, Parlamentarier hätten sich mehr an die Fernsehzuschauer und Radiohörer als an das Plenum gewandt.
Erst 1963 wurde wieder eine - unspektakuläre - Sitzung des Bundestages übertragen. Der Kommentar in der Spiegel-Fernsehkolumne von „Telemann“/Morlock fragte ironisch, ob die Übertragung ausgerechnet dieses „Schläferstündchens" das Interessen an solchen politischen Formaten reduzieren sollte.

Der Aufbruch der politischen Kultur und das Fernsehen

Schon gegen Ende der 1950er Jahre kündigte sich ein fundamentaler politischer Einstellungswandel an: Intellektuelle und Journalisten formulierten Kritik an der Konsens- und Staatsfixierung. Es wurde zunehmend als normal betrachtet, wenn Interessengegensätze offen ausgetragen wurden – als Voraussetzung von Kompromissen und einer Kultur der „Integration durch Konflikt“. Das Skandalisieren von Vorgängen, in den früheren 1950er Jahren ein Spezifikum des Spiegel, wurde vom Publikum unbefangener und zunehmend positiv bewertet, die zunehmende Einmischung von Medien in den politischen Prozess spiegelte sich in der abwertenden Begrifflichkeit der „Illustriertendemokratie“ wider. Die Illustrierten griffen verstärkt politische Debatten auf. Nicht nur der Spiegel, auch Blätter wie Stern oder Quick konnten ihre verkaufte Auflage deutlich steigert.

Eine „Orientierungskrise“ der westdeutschen Demokratie nach langen Jahren einer „Stabilitätserfahrung“ konstatiert Hodenberg. Gleichzeitig fand insbesondere in den Medien ein Generationswechsel statt: „Der Aufstieg der ‚45er’-Generation in die Führungsetagen der Zeitungs- und Funkhäuser brachte die langsame Ablösung des Konsensjournalismus mit sich“ (Hodenberg). Eine neue, nicht mehr selbst in den Nationalsozialismus verstrickte Generation von Journalisten wollte die Westdeutschen zur Demokratie erziehen. Spiegel, Panorama und Report wurden zu Vorbildern eines engagierten Journalismus. In diversen medienpolitischen Affären wurde eine Kluft zwischen den Politik- und Medieneliten deutlich, die – insbesondere nach der Spiegel-Affäre – mit einem Steuerungsverlust der Politik gegenüber den Medien endete.

Dass dieser kulturelle Wandel auch in anderen westlichen Ländern zu beobachten war, deutet auf die besondere Rolle des Fernsehens für die Durchsetzung einer neuen politischen Kultur hin. „Der Strukturwandel der massenmedialen Öffentlichkeit war ein wichtiger Faktor der inneren Demokratisierung“ (Hodenberg).

Der Journalist und Fernseh-Moderator Werner Höfer hat diesen Wandel sehr präzise formuliert: Die „Grundeinstellung der Deutschen zur Politik als res publica“, sei in den 1950er Jahren, „abgesehen von politischen Professionals, dilettierenden Außenseitern und intellektuellen Wüstenpredigern“ folgende gewesen: „mäßig interessiert, wenig engagiert, selten provoziert“. 1967 aber sei die Lage anders: „Wenn diese an Apathie grenzende Indifferenz jedoch auf dem besten Wege ist, sich in aufgeschlossene Anteilnahme zu verwandeln, so ist das (...) weithin dem Fernsehen zu verdanken. Wenn die Politik dabei ist, in Deutschland sowohl popularisiert als auch aktiviert zu werden, dann deshalb, weil das Fernsehen ihr zu Popularität und Aktivität verhilft."(Höfer, Die Popularisierung der Politik)

„Phonogen und telegen“

Der erste Bundestagwahlkampf, der von einer angemessenen Wählerzahl im Fernsehen hätte verfolgt werden können, war der Wahlkampf 1957. „Die Fernsehlawine rollt", berichtete die FAZ  am 30. Juli 1957 in einem Leitartikel, aber: „Im gegenwärtigen Bundestags-Wahlkampf verzichten die Parteien noch darauf, sich des Fernsehens zu bedienen. Aber nicht, weil man die visuelle Beeinflussung der Wähler unterschätzt, sondern im Gegenteil, weil die Wahlkampfleiter eher Furcht haben, dass die Kandidaten nicht fotogen genug sind.“ Desto mächtiger werde der Zwang werden,Fernsehstars’ auch für die Politik heranzuziehen. 1957 berichtete das Fernsehen erstmals direkt über die Auszählung - das vorläufige Endergebnis lag allerdings erst um 4 Uhr früh vor.

In einem Kommentar „Das Fernsehen und die Macht" erklärte  die FAZ 1959, dass es für den Erfolg eines Politikers und Staatsmannes nun entscheidend werde, ob er „phonogen" und „telegen" ist. „Der sinnliche Eindruck des Bildes droht das Bewusstsein der vielen, die Fernseher, aber zugleich Wähler sind und Konsumenten, stärker zu beeinflussen als die Güte des vernünftigen Arguments."

Diese Wahrnehmung trifft den Kern der Sache nur, wenn man die Verschiebung der Publikumsstruktur berücksichtigt, die Politik wahrnimmt: Das „vernünftige Argument“ wirkte, wenn es darauf ankam, im geschlossenen Raum der Lobby-Beratungen schon weniger als im Parlament. In der Öffentlichkeit der Versammlungsplätze war der sinnliche Eindruck immer stärker als das „vernünftige Argument“ gewesen und hat in der Frühphase der Demokratie das Auftreten von Politikern geprägt. Das neue Medium Fernsehen hat diese öffentliche Kontrolle also nur vervielfacht und verdichtet: Während in früheren Phasen die Politiker selten öffentliche Auftritte hatten und diese in Ruhe inszenieren konnten, warteten die Fernsehkameras nun permanent und überall vor den verschlossenen Türen der Verhandlungsprozesse auf fernsehgerechte Auftritte und „O-Töne“.

Der direkte Zugang zu authentischen Bildern hat gleichzeitig die Mittler des politischen Diskurses entwertet und macht sie zunehmend überflüssig. Das Parlament als Forum des politischen Streites verliert an Bedeutung, wenn dem Volk direkt und viel schneller über die Kameras erklärt werden kann, worum es geht. In der FAZ wurde im März 1962 dem Bundeskanzler zugestanden, dass er sich direkt an das Volk wendet. Die Minister sollten aber darauf verzichten, so der FAZ-Kommentar, um das Parlament nicht abzuwerten, sie sollten zu diesem Gremium sprechen.

1959 hatten CDU und SPD Beobachter nach England geschickt, die dort von den britischen Parlamentswahlen für den Bundestagswahlkampf 1961 lernen sollten. Willy Brandt als Spitzenkandidat der SPD forderte nach amerikanischem Vorbild ein Fernsehduell mit Adenauer – was die CDU ablehnte mit der Begründung, die amerikanischen Verhältnisse seien nicht auf Deutschland zu übertragen und schließlich ginge es bei der Bundestagswahl um die Wahl von Parteien. Offenbar ging die CDU davon aus, dass jüngere Politiker im Fernsehwahlkampf besser „ankommen“ als ältere.
Im Jahre 1960 Adenauer kommentierte CDU-intern eine Meinungsumfrage, der zufolge Brandt populärer sei als er, mit den Worten:  „Nun stellen Sie sich mal eine solche Dummheit der Befragten vor, die ist einfach grenzenlos ... Ich möchte Ihnen das nur anführen, meine Herren - über Brandt wird sicher noch manches gesagt werden, damit wollen wir uns hier die Zeit nicht töten -, um Ihnen zu zeigen, wie dumm die Bevölkerung ist, sie ist entsetzlich dumm."

Wahlversammlungen alten Stils, bei denen der örtliche Kandidat oder Abgeordnete ein ausführliches Referat hielt, verloren mit der Präsenz der direkten Fernsehberichterstattung an Bedeutung. Nur noch populäre Spitzenpolitiker konnten ganze Hallen füllen. Die Planung von Wahlkampfveranstaltungen richtete sich zunehmend nach dem Fernsehprogramm.

1963 wurden die deutschen Fernsehzuschauer mit dem idealtypischen Beispiel eines telegenen Politikers konfrontiert: US-Präsident John F. Kennedy kam nach Deutschland. Dabei gab es, wie der Spiegel-Kolumnist Martin Morlock anmerkte, zunächst nach der Landung in Köln-Wahn nur „vergleichsweise geringen Jubel“. Von Station zu Station der Kennedy-Visite steigerte sich die Jubel-Menge: „Die Kölner hatten die Wahner, die Frankfurter die Wahner und die Kölner und die Berliner die Wahner, die Kölner und die Frankfurter Fähnchen schwingen sehen. Durch die Röhre.“ Die Fernsehberichterstattung über die Stationen der Kennedy-Visite habe die Jubelstimmung der Menschen „befeuert“, fasste Morlock zusammen. Zwischen 10 und 15 Millionen Zuschauer waren dann bei seiner berühmten Rede in Berlin am 26. Juni „dabei“.  Im Vermerk des Bundespresseamtes hieß es: „Er hat den Menschen in Ost und West wieder Hoffnung gegeben." Der weniger telegene Adenauer fiel gleichzeitig in ein Umfragetief.

1965 berichtete der Evangelische Pressedienst über einen ähnlichen Effekt beim Besuch der britischen Königin. „Was wäre dieser Besuch ohne die Fernsehübertragung gewesen? Beifall und Zuneigung der Deutschen steigerten sich sichtbar von Tag zu Tag, stimuliert durch die Fernsehbilder. Alle vorhergehenden Sendungen entzündeten den Jubel, den das Publikum dann, wenn die Königin tatsächlich durch die Straßen seiner Stadt fuhr, aufbrachte, teils von der Gegenwart einer Majestät fasziniert, teils aber auch von der magischen Wirkung des Fernsehens. Und schließlich wollte man sich vom Jubel der Menge in der vorigen Stadt nicht lumpen lassen.“

„Wer nicht auf dem Schirm erscheint, existiert nicht", hat der Berliner Pädagogikprofessor Paul Heinemann 1962 formuliert. Auch wenn diese apodiktische Bemerkung der empirischen Fernseh-Realität des Jahres 1962 noch nicht ganz entsprach, zeigt sie doch, dass die Veränderungen im Medien-System der Öffentlichkeit wahrgenommnen und thematisiert wurden. Umfragen bestätigen, dass das Interesse an Politik in Haushalten, die über einen Fernseher verfügten, überproportional anstieg; der Prozentsatz der bundesdeutschen Bevölkerung, die sich für Politik interessiert, stieg insgesamt von 1952 bis 1977 von 30 auf 45 Prozent.

Das Fernsehen ermöglichte seinen Zuschauern das Gefühl, quasi „unmittelbar“ an bedeutenden Ereignissen teilzuhaben. Ein „Wir“-Gefühl konnte vor allem entstehen, wenn Sportereignisse oder auch Staatsakte übertragen wurden.
Ein solcher Staatsakt war die Fernsehansprache des Bundeskanzlers zur Kubakrise 1961. Die Worte Adenauers zeigen allerdings, dass die Politik von der Intensität, mit der die Fernsehzuschauer die Welt-Nachrichten nun verfolgen konnten, eher überfordert war. Adenauer wörtlich: „Ich bitte das deutsche Volk, seine Ruhe auch in der nächsten Zeit zu bewahren. Alles, darauf kann es sich verlassen, was in unserer Macht steht, werden wir für seine Sicherheit tun und einsetzen, um den Frieden zu erhalten."

Thematisierung der NS-Vergangenheit

Die Fernsehmacher waren recht vorsichtig mit der Thematisierung der Vergangenheit, solange  die Generation der Nazi-Anhänger noch dominant war. Im Jahre 1955, zehn Jahre nach der „Befreiung“ vom Nationalsozialismus, gab es im Deutschen Fernsehen gerade 16 Sendungen, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigten. Mit dieser Thematisierung werde das Fernsehen „vor allem … der Verantwortung gerecht, die das Fernsehen unserer Jugend gegenüber hat", formulierte das Bundes-Presse-Amt in einem Brief an den stellvertretenden Intendanten des NDR. Um die selbstkritische Auseinandersetzung der Erwachsenen mit ihrer eigenen NS-Vergangenheit ging es offenbar weniger. In Fernsehspielen und Dokumentationen wurde vor allem das Leid der deutschen Bevölkerung thematisiert und damit die Erfahrung der älteren Generationen bestätigt. Der Widerstand insbesondere um das Attentat vom 20. Juli 1944 wurde thematisiert – die Unterstützung, die das Regime von der deutschen Elite lange Jahre erfahren hatte, wurde verschwiegen.

Der kritische Umgang mit der  NS-Vergangenheit fand erst seit 1959 mit einzelnen Filmen mehr Raum im Fernseh-Programm.  1960 interviewte Eugen Kogon für die Serie „Blick in die Zeit" bereits verurteilte Hakenkreuzschmierer – einen Jugendlichen, der auf die Frage, was eine Synagoge ist, keine rechte Antwort parat hatte. Auch der zweite Verurteilte muss im Fernseh-Bild so lächerlich gewirkt haben, dass die FAZ dazu bemerkte: „Die Sensation dieser Sendung bleibt, dass man von Angesicht zu Angesicht ein paar dieser Burschen gesehen hat und sich selbst ein Bild über ihre Geistesverfassung machen konnte. Hitler in seinen Anfängen bliebe der Lächerlichkeit preisgegeben, hätte man damals schon das Fernsehen gehabt. "

Der Regisseur Fritz Umgelter produzierte eine sechsteilige Serie „Am grünen Strand der Spree" nach einem Roman von Hans Scholz. Der ehemalige Gefreite Wilms erzählt hier von der miterlebten Massenerschießung von Juden in Polen. Der Fernsehkritiker der FAZ,  Ernst Johann notierte dazu: „Vielleicht sind wir alle erst jetzt gereift genug, dem Schrecken direkt ins Auge zu sehen. (...) Wie viele der ‚anständigen Deutschen’ mögen sich in dem Obergefreiten Wilms wiedererkannt haben, einem Mann, der sein dämliches Halt erst geschrieen hat, als schon alles  geschehen war."
Damit formulierte die FAZ die Erfahrung, dass auch die Macht der Bilder in Fernseh-Sendungen eine gefestigte politische Meinung in der Regel eher selten grundsätzlich erschüttern kann; Einfluss haben die Bilder vor allem, wenn Zuschauer für das Thema offen sind.
Von Oktober 1960 bis Mai 1961 sendete das Deutsche Fernsehen freitags nach der Tagesschau eine vierzehnteilige Serie „Das Dritte Reich", die von durchschnittlich 58 Prozent der Fernsehzuschauer gesehen wurde.  In diese Zeit fielen zudem Sendungen die Berichte über den Eichmann-Prozess in Jerusalem.

Die Bedeutung des Kabaretts in der Adenauer-Ära

Eine große Bedeutung im Rahmen der politischen Themensetzung des Fernsehens spielte die Übertragung von Aufzeichnungen bundesdeutscher Kabarett-Abende. Im Vergleich zu den direkten Politiksendungen konnten es sich Kabarettisten auf ihren kleinen Bühnen offenbar leisten, in ihrer Kritik weiter zu gehen und fungierten damit wie ein Ventil für kritisches Gedankengut, dass mit Ironie versetzt probeweise auf die Bühne gebracht wurde und im Zweifelsfall eben als „typisch kabarettistisch überspitzt“ relativiert werden konnte. Offenbar gab es ein großes Zuschauerinteresse an dieser Sendeform.

Im Dezember 1954 gab es so eine Kabarettsendung zur Wiederbewaffnung und den Pariser Verträgen. Die Chefredaktion des SFB musste im Nachhinein versichern, dass sie auf den Inhalt des Kabaretts keinen Einfluss gehabt habe und verfügte, dass diese Themen nicht mehr im Kabarett behandelt werden durften, wenn dieses im Fernsehen ausgestrahlt werden wollte.
Als Kabarettist trat Wolfgang Neuss mit seinen „Politischen Paukenschlägen" im Fernsehen auf. 1955 mimte er den angetrunkenen Besucher einer Veranstaltung der (konservativen) deutschen Partei (DP), der die letzte Straßenbahn verpasst hatte und nun seine „völkischen Minderwertigkeitskomplexe durch boshafte Monologe und durch wuchtige Paukenschläge abreagierte". In einer Passage seiner Darbietung kalauerte er: „Aber unser blondes Mädel, unsere Hausmacher-Garbo, die darf den Broadway begeistern … Mensch, überleg' doch mal, Junge, wenn wir in Spandau und Werl aufmachen, was könnten wir alles da rüber schicken!"
Der SWF-Intendant forderte Neuss auf, diese Passage aufzugeben, und da sich Neuss weigerte, wurde die gesamte Sendung abgesetzt. Der Rundfunk- und Verwaltungsrat des SWF erklärte, dass „Sendungen, welche die politische Sauberkeit und den guten Geschmack vermissen lassen, nicht ausgestrahlt werden dürfen.“
Der WDR geriet 1958/1959 unter Druck, nachdem er Kabarettdarbietungen aus dem laufenden Programm des Düsseldorfer „Das Kom(m)ödchen ausgestrahlt hatte. 1958 nahmen die Kabarettisten Kay und Lore Lorentz die Institution Kirche wegen der Warnung Bischöfe vor konfessionellen Mischehen aufs Korn. 1959 brachte das Kom(m)ödchen eine Persiflage auf Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß und  Widersprüche  in seinen Aussagen zur Verteidigungspolitik. Franz Thedieck, 1941 bis 1943 Oberkriegsverwaltungsrat im besetzten Belgien und seit 1950 Staatssekretär im Ministerium für gesamtdeutsche Fragen, schrieb in einem Brief über diese Sendung: „[...] ich erinnere mich noch lebhaft an die Zeit vor 1933, wo diese Art von Kunst, wie sie imKom(m)ödchen" am vorgestrigen Abend geboten wurde, ganz erheblich zur Untergrabung der freiheitlich-demokratischen Ordnung der Weimarer Republik beigetragen hat. Und da das so ist, möchte ich Ihnen nicht verhehlen, dass ich es für im höchsten Maße gefährlich halte, Sendungen wie diese dem deutschen Fernsehpublikum zu bieten, um nicht zu sagen zuzumuten."

Dabei seien derartige Aufführungen in einem Kabarett mit nur 200 Zuschauern durchaus zu dulden, da die Zuhörer, die ins Kabarett gehen, in der Lage seien, zu beurteilen, was man von einigen kabarettistischen Aussagen zu halten habe – das gelte aber nicht für die breite Masse der Fernsehzuschauer. Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß gelang es 1959, für ein Jahr Fernsehübertragungen aus dem „Kom(m)ödchen" zu unterbinden. Trotz der vielfältigen Kritik aus politischen Kreisen gewann das Kabarett immer mehr an Selbstvertrauen und auch an Zustimmung in der Bevölkerung.

„Panorama" und Spiegel-Affäre

Die tägliche Ausstrahlungszeit des deutschen Fernsehens lag im Jahre 1960 bei fünf Stunden. Der Krimi „Das Halstuch“ erreichte Quoten von 90 Prozent der vorhandenen Geräte. Mangels Konkurrenz erreichten auch politische Sendungen bis zu 40 Prozent der stolzen Fernsehbesitzer. Das Selbstverständnis der neuen Generation engagierter Journalisten war es, zur politischen Erziehung der Bürger beizutragen. Seit 1961 galt Panorama als das Flaggschiff des politischen Fernseh-Journalismus.

Das Fernsehen verbreitete Anfang der 1960er Jahre Zweifel an der offiziellen westdeutschen Haltung zu den deutschen Ostgebieten. Der Journalist Jürgen Neven-du Mont legte sich öffentlich mit den Vertriebenenverbänden an, als er den Verzicht auf die ehemaligen Ostgebiete forderte. Im Mai 1963 sendete das Fernsehen seine Reportage über die Polen in Breslau. Im Herbst 1963 wurde Jürgen Neven-du Mont einer der Moderatoren des vom NDR in Anlehnung an BBC-Formate gegründeten Politik-Magazins „Panorama“. Panorama entwickelte sich zu einer Institution im Deutschen Fernsehen – und legte sich zunehmend provokant mit der Bundesregierung an. Insbesondere in der Spiegel-Affäre konnte sich Panorama profilieren. Nach der Veröffentlichung von angeblich streng geheimen Problemen der Bundeswehr im Manöver „Fallex 62“ unter dem Titel „Bedingt abwehrbereit" (Oktober 1962) wurde Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein unter dem Vorwurf des Landesverrats 103 Tage in Untersuchungshaft genommen.

    Exkurs zu der obrigkeitsstaatlichen Militärpolitik am Beispiel Fallex: Im Jahre 1959, zehn Jahre nach der Berlin-Blockade, machte die Sowjetunion erneut Druck, um die Kontrolle über Westberlin zu gewinnen. Adenauer ließ Notverordnungen ausarbeiten für den Kriegsfall – Rundfunkzensur, Schutzhaft, Dienstpflicht für kriegsnotwendige Arbeitskräfte oder eine umfassende Einschränkung der Freizügigkeit und andere Eingriffe in demokratische Rechte der Verfassung sollten per Verordnung geregelt werden. Es gab keine Notstandsverfassung, auf eine Änderung des Grundgesetzes konnten sich CDU und SPD nicht verständigen. Ohne deutsche Notstandsverfassung hätten die Besatzungsmächte im Kriegsfall auf ihre Siegerrechte zurückgegriffen.
    Und es gab militärische Planspiele für den Ernstfall. Nach den Erkenntnissen der Übung „Fallex 62“ wäre die Bundeswehr nach schweren Verlusten durch einen nuklearen Erstschlag der UdSSR nicht mehr in der Lage gewesen, den Vormarsch der Truppen des Warschauer Pakts mit konventionellen Mitteln aufzuhalten. „Glaubst Du, dass die Amerikaner unseretwegen Atombomben einsetzen werden zu unserem Schutz, wenn Russland plötzlich vorrücken würde?", so hatte Adenauer-Sohn Paul eine Bemerkung seines Vaters notiert, in der er – ganz privat – seine Sorge formulierte, sicherlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.
    Die Frage stellte sich also, ob es nicht angesichts dieser Lage eine konventionelle Aufrüstung zur Verteidigung der Bundesrepublik geben müsse. Bekanntlich war „Fallex 62“ für die USA das Argument für eine Stationierung taktischer Atomwaffen auf dem Gebiet der Bundesrepublik, die zur Verteidigung Deutschlands aber nicht geeignet waren, sondern das Land zum Schauplatz eines atomaren Vernichtungs-Krieges gemacht hätten. 
    Dies war dann Thema des Planspieles „Fallex 66“, das (in der vor den deutschen Parlamentariern geheim gehaltenen Übungsfortsetzung unter dem Codename „Full Moon“) tatsächlich zur atomaren Vernichtung des deutschen Territoriums führte. Dieser von dem FDP-Bundestagsabgeordneten Wolfram Dorn skandalisierte Vorgang wurde im Spiegel erstaunlicherweise nicht entsprechend aufgearbeitet. „Selbst Rudolf Augstein wollte die Geschichte wohl nur mit Samthandschuhen anfassen; die Erinnerung an das Herbstmanöver vier Jahre zuvor war noch zu frisch“, mutmaßte Martin Schaad in der Zeitung Freitag im Jahre 2001 – 35 Jahre danach. Der Spiegel hatte am 19.6.1967 in einem launigen Artikel unter der Überschrift „Mit freundlichen Grüßen“ über den Eklat im Bundestag berichtet, als ginge es um eine private Streitgeschichte, nämlich den „Verdacht des FDP-Mannes Dorn“ und ein halbes Dementi von Innenminister Paul Lücke. Der harmlose Titel „Mit freundlichen Grüßen" wurde als Zitat aus dem Brief des neuen CDU-Verteidigungsministers der Großen Koalition an Dorn erklärt, die seit Dezember 1966 regierte – der Kompromiss über die Notstandsgesetze hatte der SPD den Eintritt in die Bundesregierung ermöglicht. Eine Skandalisierung von „Full Moon“ hätte die machtpolitische SPD-Strategie torpediert. Für den damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke hatte das Bundespresseamt salbungsvolle Worte vorbereitet für den Ernstfall, in dem nach den internen Analysen die atomare Vernichtung Deutschlands drohte: „Meine lieben deutschen Landsleute diesseits und jenseits der  Demarkationslinie, Soldaten der Bundeswehr. Der Friede ist in äußerster Gefahr.“

    Zurück zur Spiegelaffäre: Sogar die FAZ empörte 1962 sich über die „Tölpelhaftigkeit und Plumpheit" (Bruno Dechamps) des staatlichen Vorgehens. In zwei Sendungen berichtete Panorama ausführlich über die Affäre. Regierungsintern wurde die Panorama-Berichterstattung von dem Fernsehgutachten des Bundespresseamtes als „Skandal“ bewertet, „da hier die Pressefreiheit offensichtlich dazu benutzt wurde, ein völlig einseitiges Bild zu zeigen."

Die politische Berichterstattung des Fernsehens war zum Politikum von großer Bedeutung geworden. In einem internen Vermerk des BPA im Januar 1963 hieß es anlässlich der bevorstehenden Intendantenkonferenz: „Obwohl nach der demagogischen ‚Panorama’-Sendung über die sogenannte Spiegel-Affäre die folgenden Sendungen sehr zahm waren, ist ständig mit neuen einseitigen Ausfällen von ‚Panorama’ zu rechnen. Das wird sich erst ändern, wenn in der Redaktion von ‚Panorama’ grundsätzliche personelle Änderungen vorgenommen worden sind." Der Vertrag des „Panorama"-Redaktionsleiters Gert von Paczensky  wurde im Mai 1963 nicht mehr verlängert. 
Gleichwohl erklärte der amtierende ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Klaus von Bismarck am 24. Mai 1963: „Eine solide Demokratie muss auch Sendungen im Stil von ‚Panorama' aushalten können."  Der FDP-Bundestagsabgeordnete Wolfram Dörinkel (NSDAP-Eintritt 1. Mai 1933) schrieb am 14. August 1963 an Bundeswirtschaftminister Erhard über vermeintlich falsche oder tendenziöse „Panorama"-Sendungen: „Bei der gewaltigen Wirkung des Fernsehens auf die breite Öffentlichkeit darf man sich keine Illusionen über die Folgen machen. Wenn mit dieser Art von Fernsehpropaganda das öffentliche Leben weiter vergiftet wird, dann können Sie, Herr Vizekanzler, und die von Ihnen geführte Bundesregierung tun und lassen, was Sie wollen: der Wahlkampf zur Bundestagswahl 1965 wäre verloren, bevor er überhaupt begonnen hat!"  Aufgrund der öffentlichen Proteste und der internationalen Reaktionen  musste Strauss sein Amt - auf Druck der FDP - am 30. November 1962 niederlegen.

Fazit: Das Fernsehen wird Leitmedium

Die Bereitschaft bei den Programmverantwortlichen, überhaupt politische Inhalte außerhalb des staatlichen Konsenses zu verbreiten, war in den 1950er Jahren ebenso gering gewesen wie die Bereitschaft der Zuschauer, diese anzunehmen. In den 1960er Jahren wurden die Befürworter einer partizipativen Demokratie im anglikanischen Sinne, die in den frühen 1950er Jahren noch eine Minderheit waren, immer selbstbewusster. Meinungen, die die Vorzüge der Kaiser- oder NS-Zeit artikulierten, wurden gleichzeitig tabuisiert. 
Der mediale Druck des Fernsehens konnte festgefahrene politische Ansichten nicht schlicht revidieren, aber er setzte Themen auf die Agenda der politischen Diskussion der „Nation“ und trug wesentlich zu einer  öffentlichen Neu-Aushandlung des
gesellschaftlichen Grundkonsenses bei. Dies betraf auch die Politikferne des Mediensystems selbst, die das  Verfassungsgericht in seinem Urteil zum ZDF 1961 fixierte und der Adenauer-Regierung alle Ambitionen auf einen „eigenen“ Fernsehkanal untersagte.
Die Entscheidungsträger der Politik, die auf die Personalentscheidungen und Strukturen der Fernseh-Anstalten immer wieder Einfluss nehmen wollten und oft auch konnten, mussten lernen, dass sie sich dem Medium Fernsehen anpassen mussten, wenn sie von der Öffentlichkeit wahr- und ernst genommen werden wollten.

Das Fernsehen wurde in den 1960er Jahren zum Leitmedium, an dem sich die Politik zunehmend orientierte. Am Ende der 1960er Jahre saßen 72 Prozent der Bevölkerung täglich vor dem Fernseher. Der „Siegeszug der Konsumgesellschaft und der elektronischen Massenmedien“ führte, fasst Hodenberg zusammen, „nicht etwa zu einer … Entpolitisierung der Gesellschaft“, sondern zu zunehmendem politischen Interesse auch an den Details des politischen Prozesses.  „Strittige Entscheidungsprozesse wurden nun in einem Maße öffentlich debattiert, wie es in den Gründungsjahren der Republik unüblich war. Um die Ostpolitik der sozialliberalen Regierung tobte eine mediale Schlacht, gegen die diejenige um Adenauers Politik der Westbindung als blasse Erörterung gebildeter Eliten erscheint.“ (Hodenberg)

In der Regierungserklärung des ersten sozialdemokratischen Kanzlers der Bundesrepublik, Willy Brandt, der selbst als Journalist gearbeitet hatte, wurde 1969 die „Transparenz“ des Regierungshandelns versprochen und die Öffnung für den kritischen Dialog zum Anliegen der Regierung erklärt. Politik musste sich gegenüber einer massenmedial dominierten Öffentlichkeit rechtfertigen. Das Selbstverständnis der Medien hatte sich tiefgehend gewandelt  - die Medien verstanden sich zunehmend als Repräsentanten einer Zivilgesellschaft, die Partizipation, Mitbestimmung und „mehr Demokratie“ einforderte.

 

 

    siehe auch meinen korrespondierenden Text über
    Medien-Demokratie: „Die politische Elite zwischen Pöbel und Zivilgesellschaft. Zur Geschichte von Medien und Demokratie im 20. Jahrhundert”
      M-G-Link

    Anmerkungen:
    (1) Meine zusammenfassende Nachzeichnung dieses Prozesses bezieht sich v.a. auf die Arbeiten von
    Konrad F. Baier, In der Ferne sieht man die Demokraten. Das Fernsehen in der Ära Adenauers und die Entwicklung der politischen Kultur (2007) und
    Christina von Hodenberg, Konsens und Krise. Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945-1973 (2006)
    (2) Die verdeckte Gründung einer eigenen Fernseh-Produktionsfirma unter dem Namen IFAG war ein hilfloser Versuch der Bundesregierung, direkten Einfluss auf das neue Medium Fernsehen zu nehmen. Karl Friedrich Franck, Referatsleiter beim Bundes-Presse-Amt, hatte schon 1955 intern den Vorschlag gemacht, eine „Relaisfirma“ zu gründen. Die Gründung erfolgte 1956 unter dem nichtssagenden Namen „Internationale Fernseh-Agentur GmbH".  
    Die Bundesregierung hielt über eine Strohmann-Konstruktion 51 Prozent der Anteile. Der erste Film - „Der rote Schatten" – befasste sich mit der aggressiven Politik des Ostblocks und der Berlinblockade. Über die IFAG floss auch Geld an „freie“ Filmproduzenten. Das Bundespresse-Amt beauftragte die IFAG auch direkt mit Produktionen über deutsche Themen, die ausländischen Fernsehsendern angeboten wurden. Der Film „Für ein Leben freier Menschen" über den Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard wurde von der IFAG 1961 für den werbenden Einsatz im Ausland produziert  - dann aber auch in überarbeiteter Fassung im Inland eingesetzt. Die direkte Verbindung zwischen IFAG und Bundes-Presse-Amt wurde erst nach dem Regierungswechsel 1969 beendet.
    Siehe auch http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46172888.html