Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Elektrische Medienrevolution

2007

Leitmedium war das Buch historisch gesehen nur für drei Jahrhunderte - seit dem 19. Jahrhundert entstehen die elektrischen Medien. Erst der Telegraf (1833), der Entfernungen blitzartig überwindet, dann das aufgenommene Bild (1839), um die Jahrhundertwende der Stummfilm (1895), der Hörfunk (1919), der übrigens mit seiner normierten Zeitansage endgültig und für alle die überlieferte Zeitvorstellung der Technik unterwirft. Schließlich der Tonfilm (1921) und endlich das Fernsehen (technisch seit 1928), das sich seit den 50-er Jahren als Massenmedium innerhalb von zwei Jahrzehnten durchsetzt und in der elektrisch erreichbaren Welt jeden täglich für eine oder mehr Stunden in seinen Bann zieht.

So schnell hatte die Erfindung des Buchdrucks nicht die Welt verändert.

In der klassischen Kritik der Kulturindustrie und Massenkultur kommt „das Heimweh nach einer Epoche“ zum Ausdruck, so formuliert Umberto Eco (geb. 1932), „in der die Werte der Kultur das Erbteil und der Besitz einer einzelnen Klasse waren und noch nicht jedermann offen standen", zum Ausdruck.  Mehr noch: Die Epoche der neuen, elektrischen Medienzivilisation wird aus der Perspektive der Buch-Zivilisation betrachtet und - unverstanden - abgelehnt.

Der kanadische Medienarchäologe Harold A. Innis und sein bekannter Schüler Herbert Marshall McLuhan analysierten den Einfluß und die Effekte von Kommunikationsmedien für die Formen der sozialen Organisation. Kulturtechniken verändern den Menschen. Auch die Schrift-gestützte Buch-Kultur, die die Kulturkritiker des 20. Jahrhunderts zu ihrem Maßstab machen, war Produkt von Medien. McLuhan spricht geradezu vom „typographischen Menschen“.

Die Dynamik intellektueller und kommerzieller Aktivitäten ist Folge des Buchdrucks, die Kulturrevolution des Buchdrucks führt zu einer neuen Art Sprache, einer „Schrift-Sprache“, zu einer Neuorganisation des Denkens und des Wissens. „Wie jede andere Ausweitung des Menschen hatte auch der Buchdruck soziale und psychische Auswirkungen, die auf einmal frühere Grenzen und Formen der Kultur veränderten. (McLuhan 1964)

McLuhan folgert, dass auch die elektrischen Medien eine neue Kultur hervorbringen. „Unsere erweiterten Sinne, Werkzeuge, Techniken, bildeten durch Jahrhunderte hindurch geschlossene Systeme, die zu einem Wechselspiel nicht fähig und kollektiv nicht bewusst gewesen sind. Im heutigen elektrischen Zeitalter nun hat gerade der instantane Charakter der Koexistenz unserer technischen Instrumente eine in der Menschheitsgeschichte völlig neue Krise hervorgerufen." (McLuhan 1962) Das Ende der 500 Jahre Buchkultur, der „Gutenberg-Galaxis“, bedeutet für ihn den Eintritt in die 'neue Ökumene' des Fernsehzeitalters, da "die gesamte menschliche Familie zu einem einzigen globalen Stamm verschmolzen wird". 

McLuhan schrieb zur Zeit, da das Fernsehen die Medienlandschaft eben erst erobert hatte, er nennt die neue Phase, in die wir jetzt eintreten, akustisch/auditiv und seine Hoffnung dabei ist, dass mehr Sinne ganzheitlich angesprochen würden: "The phonetically written word sacrifices worlds of meaning and perception."

Der Schlüssel zum Diktum vom Medium als der Botschaft selbst steckt im Begreifen dessen, was eine Kulturtechnik menschheitsgeschichtlich leistet. Der belesene Mensch wurde ein entsinnlichter Mensch. Die Schriftkultur hat nicht nur das abendländische Denken geprägt, die Beherrschung der schriftlichen Kulturtechniken hieß auch Regulierung des individuellen wie des gesellschaftlichen Körpers. 

Schon Platon hat sich darüber beklagt, dass die Schriftkunst dem Wort die „Seele“ zu nehmen droht. Aber erst der Buchdruck hat das gesellschaftlich verfügbare Wissen so vermehrt, dass das Bücherregal zum Wort-Speicher wurde. Die global verteilten Festplatten des Internets machen das Bücherregal zum romantischen Statussymbol – sie werden im Sinne McLuhans eine elektrische Ausweitung des Zentralnervensystems.

Die Abwertung des Bildes war ein Effekt des Alphabets. Elektrische Kommunikation integriert Schrift-Zeichen, Ton und Bild. 

Entscheidend für den Durchbruch der elektrischen Medienrevolution in den drei Jahrzehnten zwischen 1950 und 1980 war das Fernsehen. Das Medium ist die Botschaft, formulierte McLuhan 1967, im Fernsehen als Fernsehen steckt das Faszinosum. Nicht von dem jeweils dominierenden Inhalt, sondern vom Fernsehen als Fernsehen geht die radikale Veränderung des „Maßstabs, Tempos oder Schemas“ der Weltwahrnehmung aus.

Das elektrische Licht als „Medium“ entzieht sich der Betrachtung, weil es ohne ‚Inhalt’ scheint. Aber nicht was er da im elektrischen Licht sah, sondern dass mensch im Dunkeln sehen lernte, veränderte sein Leben. Wir sollten also  nicht primär auf den Inhalt der von den Medien übertragenen Botschaften, sondern auf die jeweilige Medialität der Medien achten, sagt McLuhan, da ihr ‚Inhalt’ immer ein anderes Medium sei.

Das Fernsehen konnte sich so schnell durchsetzen, weil es das Bild wieder in sein Recht setzte, das von der Buchkultur vertrieben worden war. Unter mediengeschichtlicher Perspektive rücken die primäre Audiovisualität des Mittelalters und die technologisch vermittelte Audiovisualität der Gegenwart so nahe aneinander, Vilém Flusser spricht von einer Medialisierung der gegenwärtigen Kommunikationssituation: In historischer Perspektive ist die Ära Gutenbergs als eine 400jährige Ausnahmesituation. Die Durchsetzung des Buchdrucks erscheint als vorübergehende Verdrängung der dominanten Bild-Wahrnehmung durch die Perspektive des stillen Lesers. Bildhaft-sinnliche Vergewisserung – ich sehe, also ist es – kehrt in moderner mediale Form zurück in den elektronisch hergestellten Bildern – mit derselben Lust an Theatralität wie einst lassen sich die Menschen von den körpergebundenen Choreographien, Ritualen und Zeremonien faszinieren und überzeugen.

 Der Computer als das umfassende elektrische Medium

Der Computer und das Internet schließlich vereinen die elektrischen Medientechniken des 21. Jahrhunderts mit den Speicher- und Verbreitungsformen der Schrift: Wir erleben die Vollendung der zweiten Medienrevolution, die Entstehung eines umfassende Mediums, das Ton, Bild, und Schrift integriert und gleich auch beginnt, die für die überkommenen Massenmedien des 20. Jahrhunderts typische Trennung von „Sender“ und „Empfänger“ aufzuheben.

    siehe auch die Texte
    Neue Bilder in der neuen Medienkultur
    Die Anfänge der westdeutschen Fernseh-Demokratie
    Fernseh-Alltag: Zur Integration von Fernsehen und in den Alltag und
        des Alltags in die neue Fernseh-Medienkultur
    TV-Realität: Fern-sehen, Dabei-sein - Fernsehen als Erweiterungsraum der Lebensrealität 
    Joshua Meyrowitz oder: Wie das Fernsehen die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts verändert (Fernsehgesellschaft)