Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

 Kommunikation konstruiert Wirklichkeitsbewusstsein

9-2014

„Innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume
verändert sich mit der gesamten
Darstellungsweise menschlicher Kollektiva auch die
Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung.“
Walter Benjamin,
Das Kunstwerk im Zeitalter seiner
technischen Reproduzierbarkeit (1936/1939)

Der Hund, der die Zähne bleckt und knurrt, „kommuniziert“ damit ein für andere Hunde eindeutiges Signal, aber er ist sich dessen nicht bewusst – er verhält sich instinktiv. Auch Menschen kommunizieren gebärdenvermittelt mit unbewussten Signalen. Das Spezifikum menschlicher Kommunikation ist aber der Austausch signifikanter Symbole durch kulturell gestaltete Lautgebärden - eben Sprache.
Sprechakte sind Handlungen, die auf das Wirklichkeitsbewusstsein Einfluss nehmen. Der Mensch muss nicht seine Zähne zeigen, um zu drohen. Bewusste Kommunikation hat für die an der sozialen Handlung beteiligten Individuen einen Sinn. Kommunikation mittels eines hinreichenden gemeinsamen Wissensvorrates in Form von Sprache ist die Grundlage von (Selbst-)Bewusstsein, Geist und Identität. Kommunikation stiftet Sinnzusammenhänge und damit Gesellschaft (George H. Mead).

Das Wort „kommunizieren“ stammt von lat. „communicare":
-  gemeinsam machen, vereinigen, zusammenlegen;
- teilen, mitteilen, teilnehmen lassen, Anteil nehmen, haben;
- sich beraten, besprechen).
Kommunikation ist zunächst Übermittlung von Botschaften. Die Botschaften werden im Kopf eines Einzelnen erzeugt und im Kopf eines anderen interpretiert. Kommunikation findet statt als Produktion und Austausch von Zeichen. Die Frage ist, wie Sender und Empfänger ihre Botschaften zu Zeichen gestalten („verschlüsseln“) und entschlüsseln und welche Kommunikationsformen und –mittel sie benutzen. Die Bedeutung der Botschaft wird in der Interaktion zwischen Zeichen und Benutzer „geschaffen", ausgehandelt.

Auch Tiere kommunizieren, ihre Wahrnehmung ist meist direkt mit Verhaltensanweisungen gekoppelt. In dieser Allgemeinheit sind natürlich auch die Warn-Rufe eines Vogels Kommunikation – nur der (andere Vogel) versteht, der die Töne in ihrem Kontext – Gefahr – kennt. Tiere haben in der Regel kein Gedächtnis, kein Reflexionsvermögen, kein Bild von sich selbst. „Sie können weder lügen noch spotten oder ironisch argumentieren.“ (Friedrich Krotz)
Beim Empfang von Nachrichten sind Menschen (wie auch Tiere) auf ihre Sinne angewiesen. Von den großen Mengen von Daten, die unsere Sinne kontinuierlich verarbeiten, sind nicht alle das Ergebnis von Kommunikationsversuchen. Erst die Fähigkeit des Menschen, in diesem ständigen Datenstrom Muster zu erkennen und sie sich zu merken, macht sinnhafte Kommunikation möglich.

Kommunikationsmedien sind Mittel, mit den sich der Mensch auf seine lebendige Umwelt bezieht, sich bemerkbar macht und über symbolisches Handeln austauscht, sich also wahr-nehmbar macht. Diese Kommunikationsmittel sind evolutionsgeschichtlich gegründet in den Fähigkeiten der Vorfahren des homo sapiens: Auch Tiere kommunizieren - hauptsächlich direkt körperlich und mit akustischen Wellen, sie nehmen ihre Umwelt über elektromagnetische Lichtwellen wahr und machen sich durch Laute, Schrei und Gesang bemerkbar.
Der homo sapiens hat auf diese scheinbar „natürlichen“ Kommunikationstechniken aufbauend die Sprache entwickelt. Unter Mediengeschichte wird gewöhnlich die Entwicklung der Mittel betrachtet, die die zeitliche und örtliche Distanz zwischen dem Subjekt und dem Kommunikationspartner erweitern können - Bilder, Schriftbilder, elektronische Transport- und Speichertechnologien für Bilder, d.h. für Realitäts-Abbilder und für künstliche, virtuelle Bilder sowie und für Schriftbilder und für Laute.

I  Kommunikation als soziales Handeln

In Face-to-Face-Situationen können Menschen es gar nicht vermeiden, miteinander zu kommunizieren. Nonverbale Kommunikation umfasst Gesten, Mimik, Gerüche, Tastempfindungen usw. Wichtige Aspekte nonverbaler Kommunikation sind auch Berührungsverhalten, Körperhaltung, Geruch, Körpertemperatur, Augenkontakt, Lautstärke und Melodie der Stimme. Mit Körperbewegungen, die Distanz oder Nähe signalisieren, übermitteln wir ständig Botschaften, ob wir wollen oder nicht. Wir kommunizieren unbewusst mit „präsentativen“ Symbolen. Wenn Menschen Wut, Schmerz oder Freude, Trauer, Scham oder Zorn empfinden, also körpergebundene Emotionen, dann gibt es dafür mimisch-gestische Ausdrucksweisen, die „verständlich“ sind, auch wenn die Betroffenen ihre Gefühle nicht bewusst zeigen wollen. Es gibt das Lächeln als unwillkürlichen Ausdruck und als absichtliche,  konventionelle Geste. Lebewesen nehmen ihre Umwelt sinnlich wahr und zu der Umwelt gehören auch die anderen Lebewesen, deren unwillkürliche Ausdrucksweisen als Symbole („performative Symbole“, wie Susanne Langer in ihrer „Philosophie auf neuem Wege“ sagt) gelesen werden. Vorsprachlich empfundene Gefühle können natürlich auch bewusst in ihren Ausdruckssymbolen dargestellt werden. Der Betrachter empfindet das lächelnde Gesicht als Zeichen der Entwarnung, eventuell als Signal der Sympathie. Eine dargereichte Blume ist eben nicht nur eine duftenden, farbenreiche, fraktal-ästhetisch schöne Blüte, sondern auch ein Symbol des Dankes, der mehr empfunden wird als dass er ausgesprochen werden könnte. 
In der Kommunikation verfügen Auge und Ohr über ein großes vorsprachliches Spektrum von Formen des
Wahrnehmens und Begreifens, in dem es fließende Übergänge zwischen natürlichen und kulturellen Symbolen gibt. Präsentative Zeichen haben eine unmittelbar sinnlich-körperliche Wirklichkeit, sie müssen nicht übersetzt werden in diskursive Symbole der Sprache.
Die Realität einer in der Sonne glitzernden Oberfläche des Meeres  oder eines auf meiner Haut herunterperlenden warmen Wassertropfens ist eben eine andere als die des Lautklanges „Wasser“ oder gar des Schriftsymbols „H2O“.
Aber erst die Symbolisierungen der Sprache und insbesondere der begrifflichen Schriftsprache machen aus verschiedenen Gegenstandsbeziehungen einen Gegenstand. Das, worauf ich sitze, das, was ich da stehen sehe und das, was auf einem Abbild erscheint, ist für das gegenständliche Bewusstsein ein und dasselbe – ein „Stuhl“. Der Begriff Stuhl löst die Gegenstände meiner Umwelt aus ihrer Beziehung zu mir und macht daraus ein Ding, das mir nur in verschiedenen Formen und Funktionen erscheint. Die Wahrnehmung muss sich einer besonderen Ordnung fügen, um Beziehungen und Prozesse so in Gegenstände umzuformulieren. Derart vergegenständliche Schrift-Symbole können dann als Ideen nacheinander aufgereicht und zu Schriftgedanken-Gebäuden aufgetürmt werden. 

Das Medium dieser menschlichen Fähigkeit zum diskursiven Denken ist die begriffliche Sprache. In dieser Sprache ist eine geschnitzte Holzfigur nicht gleichzeitig etwas ganz anderes als Holz, ein Gott, mit dem man unbegreifliche Wirkungen performativ erleben und damit mental bewältigen kann. Während die religiösen Mythen der archaischen Kulturen zum Bereich der performativen Symbolik gehören, stehen die Logos- und Wort-Religionen der Antike am Beginn der Entfaltung diskursiver Vernunft: Sie wollen das Unerklärliche kommunikativ erklären, nicht kommunikativ spüren.

Gestaltung, Entwicklung und Auflösung von zwischenmenschlichen Beziehungen findet als kommunikativer Prozess statt, der Sprache und Körpersprache umfasst. Ich muss dabei immer wieder überprüfen, ob das, was ich meine, auch verstanden worden ist. Bei einem Gespräch stelle ich erst an der Reaktion fest, ob ich richtig verstanden worden bin. Erfolgreich war Kommunikation nur, wenn das, was gemeint war, auch bei dem Gegenüber einigermaßen „ankommt“.
„Was wir hören, ist ein Satz, aber was der Sprecher mit diesem Satz meint, ist über den gesprochenen Satz alleine nicht feststellbar; der Sinn eines Satzes ergibt sich aus dem Kontext, in dem der Satz gesprochen wird. (...) Wenn jemand hinter uns ‘Hände hoch’ sagt, so werden wir im Fasching von Köln damit anders umgehen als bei einer Terroristenkontrolle auf dem Flughafen…“ (Krotz)

Über technische Medien vermittelte Kommunikation funktioniert grundsätzlich genauso wie face-to-face-Kommunikation (dessen „Medium“ die Sprache ist), allerdings kenne ich oft die Lebenssituation nicht, in dem mein Kommunikationspartner steht und meine Botschaft entschlüsseln muss.
Die Bedeutung eines Signals ergibt sich nicht nur in seiner eigenen Zusammensetzung, sondern auch in seiner Relation zu anderen Signalen, die gesendet und empfangen hätten werden können, letztlich aus der gesellschaftlichen Umwelt von Sprache und Kultur.

Wir sind so an Gespräche gewöhnt, dass wir sie für selbstverständlich halten. Tatsächlich handelt es sich dabei um Prozesse großer Komplexität. Ein Sprecher möchte etwas mitteilen, das in stofflicher Form im Gehirn kodiert vorliegt. Der „Kommunikationswille” setzt Nervenimpulse frei, die zu den Stimmbändern geleitet werden, die die elektrischen Impulse in Schallwellen übersetzen. Die Schallwellen treffen auf das Trommelfell des Zuhörers und werden in mehrheitlich elektrische Nervenimpulse rückübersetzt. Diese gelangen in das Gehirn des Zuhörers und werden dort in neuronale Muster übersetzt, von denen ein Teil ins Bewusstsein dringt. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Muster mit den neuronalen Mustern des Sprechers identisch sind, aber wenn das Gespräch erfolgreich sein soll, müssen sie ihnen ähnlich sein. Diese Muster bewirken eine Veränderung im Bewusstsein des Zuhörers, der dann zum Sprecher wird, und der ganze Prozess läuft in umgekehrter Richtung zum ursprünglichen Sprecher hin.
Menschen erkennen akustische und visuelle Muster aus Information und organisieren sie, um Bedeutung zu generieren. Sammlungen dieser organisierten Muster bilden die Sprachen, derer sich Menschen bedienen, wenn sie kommunizieren. Ein Zeichen ist ein Muster aus Daten. Wird es wahrgenommen, bringt es uns „Bedeutung” zum Bewusstsein.

II Medien der Kommunikation

Lautgesten und sprachliche Zeichen werden direkt akustisch („face to face“), in symbolische Schriftzeichen codiert (per Brief und Druck) oder eben elektrisch transportiert. Kommunikation entsteht, wenn solche Zeichen für einen Menschen einen Sinn ergeben, eine Bedeutung haben.  Der Warnton einer Autohupe ist ein solches Zeichen wie der Warnton eines Vogels, der Ton der Autohupe ist also ein Kommunikationsmittel im Straßenverkehr.

Medien machen die Kommunikate von Menschen der Interpretation anderer Menschen zugänglich. Wenn sie das regelmäßig tun, werden sie Teil des etablierten gesellschaftlichen Kommunikationssystems. Kommuniziert wird nicht nur über die Realität, sondern genauso auch über Wünsche, über Phantasien - Medien können „Inszenierungsmaschinen“ sein. Für den Rezipienten stellen sie „Erlebnisräume“ dar, es sind „gesellschaftliche Institutionen, die Inszenierung und Erleben organisieren“. „Medien erweitern, verändern, gestalten, ermöglichen also Kommunikation — zum Beispiel tut dies das Telefon für Menschen an unterschiedlichen Orten, oder das Fernsehen macht es möglich, dass Millionen Haushalte gleichzeitig etwas Bestimmtes erfahren und dabei wissen, dass auch alle anderen das jetzt wissen können.“ (Krotz)

III Gesellschaftliche Konstruktion des Wirklichkeitsbewusstseins

Über den Prozess der Kommunikation entsteht ein Vorstellungsbild der materiellen Realität in unseren Köpfen. Während wir kommunizieren, registrieren wir die Gewohnheiten anderer und sie registrieren unsere. Da sich Gewohnheiten in bestimmten Situationen wiederholen, reduzieren sie unsere wechselseitige Ungewissheit, was das Verhalten anderer betrifft und helfen uns, die Bedeutungsgebungen und intendierten Handlungen des anderen vorauszusagen.
So wird die Interaktion des Anderen voraussagbar. Das entlastet beide Seiten. Das Zusammenleben kann auf dieser Basis nun von einer sich erweiternden Sphäre von Routinen und Rollen bestimmt werden, die für selbstverständlich gehalten werden.

Das Wissen um „typischen" Verhaltensmuster wird von allen Mitgliedern der Gesellschaft geteilt, und der ständige Gebrauch dieser wechselseitig antizipierten Austauschformen ist genau das, was gesellschaftliche Institutionen definiert. Institutionen (im Sinne von Peter Berger und Thomas Luckmann) entstehen durch oft wiederholtes Interaktions- und Kommunikationsmuster. Mit anderen Worten: Ursprung einer Institution ist ein oft wiederholtes Interaktions- und Kommunikationsmuster, bei dem die Beteiligten als Typen miteinander in Beziehung treten. Institutionalisierte Rollen erlauben es uns, die Handlungen, die jemand in seiner Rolle vollzieht, von seiner Persönlichkeit zu trennen.
Wenn eine Institution über eine lange Zeitperiode hinweg permanent bleibt, beziehen sich die Menschen auf sie und ihre Rollen so, als wären sie etwas „Natürliches“. Institutionen strukturieren das Verhalten der Menschen, indem sie vordefinierte Muster aufstellen, die Sinnverständnis und das Verhalten in eine Richtung kanalisieren, ungeachtet der anderen Richtungen, die theoretisch möglich wären. Wirtschaftsinstitutionen beschränken so die Art, wie eine Gesellschaft Wohlstand misst, Bildungsinstitutionen definieren die Zugänge zu Berufsausbildung und –laufbahn usw. Die Gesamtheit dieser institutionellen Einschränkungen ist die „gesellschaftliche Wirklichkeit", die so als wirklich erlebt wird wie die Felsen und Bäume in der Welt der Natur.

Ideologien bilden einen wichtigen Bestandteil unserer Kommunikationsumwelt. So wie Institutionen manifestieren sie sich als Sinngebungs-Regeln, die unsere Denk- und Sprechweise und damit unser Verhalten und unsere Handlungen einschränken. „Eine Ideologie ist ein Bündel von Ideen, das die Wirklichkeitswahrnehmung einer Gruppe strukturiert, ein System von Repräsentationen oder ein Code von Bedeutungen, der die Sichtweise von der Welt von einzelnen Personen und Gruppen steuert.“ (Stephen Littlejohn) Ideologien müssen kein Körnchen nachprüfbarer Wahrheit enthalten, aber sie müsse „plausibel“ klingen. Die Erzählungen einer Ideologie liefern Erklärung für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kultur, der man angehört. Ideologien dienen der Legitimierung der Institutionen einer Gesellschaft. Ideologien sind von Natur aus symbolisch: Was sie symbolisieren, kann sowohl imaginär als auch wirklich sein. Sie werden mit Hilfe aller verfügbaren Mittel kommunikativ weitergegeben: über Rituale, Unterricht, Kleidung, Religion, Witze, Spiele, Mythen, Gesten, Unterhaltung.

VI Mediatisierte Kommunikation und ihre Rolle in der Gesellschaft

Elektronische Medien werden heut nicht mehr als etwas besonderes empfunden - Musik hört man selbstverständlich aus elektronischen Speichern, „live“ bedeutet aus elektronischen Verstärkern, mechanisch erzeugt Töne oder die Sing-Stimme direkt akustisch zu hören ist eine absolute Ausnahme. Kleinkinder lernen mit „Oma“ am Telefon zu kommunizieren.
Kommunikation kann sich über Medien direkt und gezielt (z.B. mittels Telefon, Mail) an andere Menschen richten, sie kann über Zwischenspeicher für unbekannte und eine unbekannte Zahl von Menschen zur Verfügung gestellt werden oder sie kann sich direkt an Maschinen richten, an künstliche Intelligenzen oder Softwareprogramme. Die zum Beispiel mit den Tamagotchis hergestellten Erlebnisräume gab es vor der Erfindung des Computers noch nicht.

Der amerikanische Soziologe Josua Meyrowitz hat in seiner klassischen Studie über das Fernsehen (1985) darüber nachgedacht, wie neue Kommunikations-Medien – unabhängig vom spezifischen Inhalt - gesellschaftlichen Wandel verursachen und ermöglichen. Mit seinen offenen Kommunikationspotentialen, so seine These, enthierarchisiert das Fernsehen die Beziehungen der Geschlechter zueinander, untergräbt das Verhältnis der Menschen zu Autoritäten und nimmt dem Zugehörigkeitsgefühl zu überkommenen sozialen Gruppierungen seine kommunikative Bedeutung. 

V Neue Medien, neue gesellschaftliche Wirklichkeitsbilder

Medienentwicklung ist Technik-Geschichte, vor allem aber eine soziale Entwicklung. Technisch „neue Medien“ bringen die alten nicht zum Verschwinden, sondern integrieren sie in neue Kommunikationskulturen. Die digitalen elektronischen Kommunikationstechniken führen – unabhängig von den Inhalten der Kommunikation – zur Globalisierung der Medieninhalte und zur Individualisierung der Mediennutzung.

Gesellschaft und Kultur, Denken, Identität und Alltag vermitteln sich über soziale Kommunikation – die Bedeutung von Zeit und Raum in einer rein oralen Gesellschaft ist eine andere als die in einer Gesellschaft, deren Eliten Schrift als „kulturellem Gedächtnis“ nutzen.  Mit dem Buchdruck konnte Schrift zum Alltagsmedium für alle Gebildeten werden. Normen der Menschen,  Machtkonstellationen, Werte, Traditionen und sozialen Regeln konnten sich damit lösen von mündlichen Traditionen und den (autoritativen) Trägern der Tradition. Der „Prozess der theoretischen Neugier“ der Neuzeit und „Aufklärung“ ist ohne die neue Kommunikationsform für das Wissen nicht denkbar. Die Zeitung hat politisches Handeln zum Thema populärer Kommunikation gemacht, demokratische Meinungsbildung ohne diese Kommunikationsmittel konnte nur als Anwesenheitskommunikation (in der Stadt) stattfinden.  Elektronische Medien, allen voran das Fernsehen, haben nicht nur die permanente Beobachtung der Politik und damit die moderne Form der Demokratie ermöglicht, sie haben auch das Alltagsleben der Menschen neu strukturiert. 

VI  Die Entstehung eines totalen Kommunikations-Netzes

Die Fernbedienung steht am Übergang zum medialen Multi-Tasking der Netz-Kommunikation. Früher telefonierte man im Flur „an der Strippe“. Das Radio stand in der Wohn-Küche. Das Wohnzimmer wurde eingerichtet als natürlicher Ort für den Fernseher. Die Zeitung las man morgens, abends entspannte man sich auf der Couch vor der Glotze usw.: „Jedes Medium konstituierte bisher einen eigenen, besonderen Erlebnisraum, eröffnete einzelne Sinnprovinzen kommunikativen Handelns, und jedes Medium hatte so gesehen seine Zeit und seinen Platz im Alltag der Menschen.” (Krotz)
Schon in den 1980-er Jahren wurde das Radio portabel, mit dem Kopfhörer wird das elektrische Musikhören individualisiert. Heute gehört der Zweit-Fernseher zur Schlafzimmereinrichtung. Musik hören können wir seit 1998 mit dem MP3-Player auch beim Joggen, Filme kommen inzwischen auf den iPod. Elektrische Speichergeräte mit immer neuen Kommunikationsmöglichkeiten sind für die Jugendliche schon zu einem neuen „Kleidungsstück“ geworden. Straßenbahnen werden als Multimedia-Raum für digitale Fernkommunikation genutzt.

Die Digitalisierung reduziert Ton und Bild auf Daten,  die in einem universellen Netz zur Verfügung stehen. Neue Endgeräte „können alles” und führen so zur Verschmelzung der Medien. Für die Mediennutzung gibt es grundsätzlich keine räumlichen und keine zeitlichen Beschränkungen mehr.
Neue Erlebnisräume entstehen, die tradiert Kommunikationsformen ablösen - etwa durch  „gemeinsames” Computerspielen oder elektronisch vermitteltes Schwatzen (chatten). Mit den SMS zum Beispiel wird das Telefon für kurze Schrift-Nachrichten benutzt und die neue Technik „generiert“ ihre eigene Schriftsprache.

Das digitale Netz ist das neue Leitmedium. Das Daten-Netz integriert alle „alten" Medien und macht die „Leitartikler” den selbst ernannten Bloggern gleich. Für die politische Kommunikation bedeutet das: Sie wird unbeherrschbar. Tageszeitungen als Leitmedien waren steuerbar oder zumindest sozial zuzuordnen, konservative Zeitungen unterstützten eine konservative Regierung, „Volkszeitungen“ des klassischen Typus die Sozialdemokratie. Unter amerikanischem und britischem Einfluss machten sich auch die traditionellen Tageszeitungen nach dem Zweiten Weltkrieg von ihrer historischen engen Parteibindung frei. Die Adenauer-Regierung missverstand die Bedeutung des Fernsehens als neues Propaganda-Instrument und versuchte vergeblich, dem Programm der ARD, das ihr „zu links“ schien, ein regierungsnahes ZDF entgegenzustellen.
Schon die Möglichkeit, eine Vielzahl (privater) Programme auszustrahlen und zu empfangen, hat die Kommunikation unübersichtlich gemacht.
Das Datennetz schließlich kennt keine klare Trennung von Autor und Rezipienten, es ist unüberschaubar. Machtträger beginnen schon, sich der Logik des Netzes unterwerfen, um wenigstens vorzukommen.

Die „Neujahrsansprache des Bundeskanzlers“ ist heute eine nostalgische Form, über das alte Medium Fernsehen die Nation zur Gemeinde der Zuhörenden zu versammeln. Nationale Interessen lassen sich im Netz nicht mehr kommunikativ durchsetzen, weil der Kommunikationsfluss keine nationalen Grenzen kennt und die Bedeutung abgrenzender Nationalsprachen zurückdrängt.

Aber auch im Alltag der Bewohner des globalen Dorfes „entstehen neue Kommunikationspotenziale, neue Wirklichkeitsvorstellungen, neue Alltagsbedingungen, neue Erlebnisbereiche.“ (Krotz) Als ob Kinder und Jugendliche davon eine Ahnung hätten, haben sie das Handy zum Status generierenden Spielzeug gemacht. Das Kommunikationspotential dieses handlichen Netz-Zuganges können Kinder in keinem Fall ausschöpfen, seine revolutionäre Bedeutung scheinen sie erfasst zu haben. Mit den Tamagotchis spielen Kinder zudem mit dem Kommunikationspotential Mensch-Maschine – Maschinen kommunizieren „face to face“ mit Menschen.

Die menschliche Kommunikation bindet Objekte als Kommunikationspartner ein, die nur als Datensatz im Netz existieren, gleichzeitig nimmt die Zahl der Bezüge und der Gegenstände des realen Lebens zu, die ohne ihren Datensatz nicht mehr funktionieren würden – der Zusammenbruch des Netzes würde schon heute die Gesellschaft funktionsunfähig machen.

VII   Gesellschaft als Medien-Inszenierung

Was wird aus dem bisher als lebensnotwendig angesehenen primären Beziehungsnetz räumlich organisierter Sozialkontakte? Wenn schon vor dem Frühstück das Handy klingelt oder der Fernseher angestellt wird, dann gibt es keine Phase des Alltags mehr, in der sich Menschen abschirmen können (wollen) gegen das Verfügbar-Halten der Netz-Kommunikation. Dass sich Jugendliche kaum noch von A nach B bewegen können ohne Kopfhörer, zeigt wie unwichtig die reale Umgebung wird. Wer sie ansprechen will, erfährt: Sie sind woanders.
Jeder kennt das Bild des Erwachsenen, der in der Stadt über den Bürgersteig geht und - mit Kopfhörer im Ohr - laut gestikuliert und spricht – ist er verrückt oder nur vernetzt und damit geistig „woanders“, das ist die Frage. Beinahe zwanghaft nutzen Menschen am Handy die Gestik und die Mimik der face-to-face-Kommunikation, auch wenn der Kommunikationspartner das nicht wahrnehmen kann. So kann niemand am Handy wahrnehmen, wie der Gesprächspartner ironisch das Gesicht verzieht oder abfällig Handbewegungen macht. Die soziale Kontrolle der Kommunikation, die die face-to-face-Situation zulässt und die beim klassischen Telefon noch schmerzlich vermisst wurde, wird zum Ausnahmefall: Schon wenige Jahrzehnte nach den ersten Gehversuchen des Netzes verbringen viele Menschen mehr Zeit im digitalen Netz und damit in einer virtuell vermittelten Gemeinschaft als in direkter, körperlicher, analoger Kommunikation.

Das Weltwissen eines Menschen ist nicht mehr nur das biografisch erworbene, in der Bildungs-Biografie verankerte, auf Erfahrung aufbauende Wissen, sondern Netz-Wissen.
Das menschliche Gehirn war schon immer eine Inszenierungsmaschine, wie die Phantasien des Wirklichkeitsbewusstseins der archaischen und antiken Kulturen zeigen. Archaische Kulte haben schon immer alle Register einer multimedialen Theatralik gezogen. Der Jahrmarkt ist nur ein Abklatsch davon.  Menschen gingen schon immer gern zu solchen Inszenierungen, lange vor Theater und Kino – als Abwechslung zum Alltag. „Authentische“ Situationen der face-to-face-Kommunikation waren da aber noch der Maßstab.
Heute scheint die direkte Kommunikation zur Abwechslung in der inszenierten Medien-Wirklichkeit. Die medieninszenierten „Prominenten“ sind längst wichtiger als die wirklichen Dorf-Nachbarn geworden. Man verabredet sich über das Netz zu einem „gemeinsamen“ Kino-Besuch.
Und dennoch macht es ein großer Unterschied, wie Analysen des Lernverhaltens zeigen: Kleine Kinder brauchen das Zusammensein mit der körperlichen Oma, um dann die Telefonstimme als „Oma“ annehmen zu können. Menschen lernen vor allem, wenn sie (auch) face-to-face kommunizieren, weil die unmittelbare körperliche Kommunikation emotional verankert ist. Selbst ein Film über einen Politiker ist glaubwürdiger, wenn der Politiker in einer face-to-face-Situation gezeigt wird. Eine Talk-Show im Fernsehen scheint besser vermittelbar, wenn Publikum im Studio ist und face-to-face-Kommunikation simuliert.

 

    s.a. die M-G-Texte
    zum „kommunikativen” Gedächtnis: „Was ist Gedächtnis”
    Was ist Kultur?
    Kultur der Erzählung (nach Albrecht Koschorke)

    Lit.:
     
    Peter L. Berger, Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (1969)
    Umberto Eco: Zeichen Einführung in einen Begriff und seine Geschichte (1973, dt. 1977)
    Friedrich Krotz: Kultureller und gesellschaftlicher Wandel im Kontext des Wandels von Medien und Kommunikation, aus: Tanja Thomas (Hg) Medienkultur und soziales Handeln (2008)
    Susanne K. Langer: Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst
        (dt. 1965)
    George Herbert Mead: Geist, Identität und Gesellschaft (1934, dt. 1968)
    Gerhard Roth: Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert Roth (2’2003)
    Harald Welzer: Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung (2002)