Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Aufklärungs-Polizey gegen den Aberglauben
und für das Glück des Staates

Über die Macht, die unterwirft und die Menschen zu Subjekten macht

2015

Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts verstand ihre Botschaft durchaus auch als Disziplinierungsnotwendigkeit. Der Marburger Professor für Ökonomie und Finanzwissenschaft Johann Heinrich Jung prägte dafür in seinem 1788 erschienene „Lehrbuch der Staats-Polizey-Wissenschaft" den Begriff der „Aufklärungs-Polizey". Thema dieser Polizey-Wissenschaft ist der „Zustand guter Ordnung“ des Gemeinwesens, also im Grunde die „gemeinschaftliche Glückseligkeit", die allgemeine Wohlfahrt, so Johann Heinrich Gottlob von Justi 1756 in seinen „Grundsätzen der Policey-Wissenschaft". Jung-Stilling formuliert klar: „Bloße Bevölkerung, ein Land voller Müßiggänger oder Bettler, oder die nicht zum wahren Zweck arbeiten, macht keinen Staat glücklich, also bloß beschäftigte Bevölkerung auch nicht, sondern nur die zweckmäßige Bevölkerung." Die Aufklärung ist insofern ein Kind des Absolutismus, der Staat kümmert sich direkt um seine Subjekte, seine Untertanen, sie sind sie Stütze seiner Macht. Schon in einem französischen Traktat von De Mayerne-Turquet mit dem Titel „La monarchie aristodemocratique : ou Le gouvernement composé et meslé des trois formes de legitimes republiques“ von 1611 findet sich der für die heutige Verwendung des Wortes Polizei bemerkenswerte Satz: „Der wahre Gegenstand der Polizei ist der Mensch." 

Das „Grammatisch-kritische Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart“ von Johann Christoph Adelung erklärt noch 1798 unter „Polizēy“, es komme vom griechisch-lateinischen Politia und betreffe „eigentlich die Handhabung solcher Dinge, auf welche die Wohlfahrt und Sicherheit eines Staates ankommt“. Der „Polizey, als einer, wenigstens dem Nahmen nach, neuern Anstalt“, sei aber nur dasjenige übrig geblieben, was die Justiz, die Regierung, die Kammer u.s.f. in einem Staate nicht schon in ihren Bezirk gezogen hatten.“ Eine „Polizei“ als Gruppe bediensteter Ordnungshüter gab es damals unter dem Namen nicht.

Im Unterschied zu feudalen Strukturen, in denen die Herrscher sich mit dem „Zehnten“ zufrieden gaben und in denen der Einfluss der zentralen Repräsentanten auf die lokalen Gemeinschaften und die Individuen gering war, verfügt der Absolutismus über ein neues Instrument des Macht-Durchgriffs auf die Köpfe seiner Untertanen: die Schrift.

Justi bezieht den Begriff der Glückseeligkeit durchaus auch auf den Erfolg und die Macht von Staaten, und „die Policey ist demnach eine Wißenschaft, die innerlichen Verfaßungen des Staats solchergestalt einzurichten, daß die Wohlfahrt der einzeln Familien mit dem allgemeinen Besten beständig in einer genauen Verbindung und Zusammenhange sich befindet." Insofern gehören zur ,Polizey' auch die Anstalten zur Erhaltung ,guter Ordnung'. Unter der Überschrift der Policey werden die Kleidertrachten der Stände, die Regelung der Vormundschaft, die  öffentliche Sicherheit in den Städten und neu auftretende Probleme der wirtschaftlichen Ordnung und Fragen des ehelichen Lebens behandelt. Durch die Auflösung der Ständegesellschaft ist offenbar Regelungsbedarf entstanden, aber die Aufklärer wollten diese Ordnung auch neu gestalten.

Subjekt und Macht

Bei der ,Policierung' geht es aber auch um Höflichkeit, Rücksicht, Klugheit, Zierlichkeit, Schönheit – es geht um alle Elemente des neuen Subjekt-Selbstbewusstseins für das aufgeklärte Individuum.
„Das Wort Subjekt hat einen zweifachen Sinn“, formuliert Michel Foucault: „vermittels Kontrolle und Abhängigkeit jemandem unterworfen sein und durch Bewußtsein und Selbsterkenntnis seiner eigenen Identität verhaftet sein.“ (Foucault, Das Subjekt und die Macht, 1982) In dem Begriff Subjekt ist in diesem Sinne die Frage eingeschlossen, wie das Verständnis der eigenen Subjektivität produziert wird. Es ist keineswegs „natürlich“, sondern geschichtlichen und sozialen Entwicklungsprozessen unterworfen, also im Sinne Foucaults eine Frage der Mikrophysik der Macht. Das Bewusstsein von der eigenen Subjekthaftigkeit setzt spezifisches Selbst-Wissen und eine entsprechende Sprache voraussetzt: Jede Kultur (und soziale Gruppe) hat ihre spezifischen Diskurse, mit denen das biologische Subjekt mit Selbst-Bewusstsein ausgestattet wird und sich damit als kulturelles Subjekt erleben kann.

Den Protagonisten der „Aufklärungs-Polizey“ war bewusst, dass das (bäuerliche) Volk an seinen alten Sitten und seinem alten Aberglauben hängt: „Ein erschreckliches und unter den gemeinen Mann noch mit Ungestüm herrschendes Übel ist der Aberglaube mit allen seinen Folgen. Dieser Tyrann wirkt fürchterlich und unaufhaltbar auf die Freyheit der Handlungen, und legt ihnen allenthalben Fesseln an. (…) Der gemeine Mann ließe sich diesen süßen Zeitvertreib, diese angenehme Phantasie des romantischen und des Feenreichs um vieles nicht nehmen, er täuscht sich gern, und es ärgert ihn, wenn es am ende herauskommt, dass diese oder jene alte Frau wirklich keine Hexe ist, oder wenn man entdeckt, dass ein Gespenst kein Gespenst gewesen… Doch darf man dem Volk diese schändliche Freude nicht gönnen, sondern man muss dagegen arbeiten, so sehr man kann.“  (Justi, 1754)

Aufklärungs-Polizey für das weibliche Geschlecht

Die Vermehrung des gesunden Volkes liegt im Staaatsinteresse. Bei Jung-Stilling etwa lesen wir im Abschnitt 35: „Die erste Pflicht der Polizey geht auf die Erhaltung und Vermehrung der Bürger selbsten, oder auf ihre physischen Kräfte. In sofern diese nun durch widerwärtige Wirkungen der Natur geschwächt, oder gar zerstört werden können, das ist: in sofern Krankheiten auf sie wirken, gehören sie unter die Verwaltung der Medicinal-Polizey.“ Daher problematisiert Abschnitt 37:  „Ob gleich die regierende Gewalt niemals oder doch nur in außerordentlichen Fällen die natürliche Freyheit einschränken soll, so muß sie doch, wo nicht durch Zwang, doch durch sonstige Mittel so viel möglich zu verhüten suchen, dass verwachsene, ungestalte, unschwächliche Weibspersonen nicht leicht heurathen mögen.“

Der „Polizeywissenschaftler" Johann Peter Frank (1745-1821) begründete die erforderliche „polizeyliche" Erziehung des weiblichen Geschlechts so: „Nicht die Natur des Weibes, sondern dessen Lebensart hat sich verändert: Das viele Thee- und Caffeetrinken, die übertriebene Neigung zum täglichen und bis in die späte Nacht anhaltenden Spielen, die seltsamen Kleidertrachten, die neuerfundenen Arten, bis zum Schwindel und Niedersinken zu tanzen, das vernachlässigte Stillen eigener Kinder, das viele die Einbildungskraft und das Blut erhitzende Lesen besonderer Bücher".

Anstatt sich dem Genuss hinzugeben, sollten sich die Frauen „ihrer Bestimmung gemäß auf ihre ureigene Rolle als Mütter und vernünftige und häusliche Gattinnen", konstatiert die Oldenburger Pädagogin Sabine Toppe. 1794 wurde die Verpflichtung der Frau zum Selbststillen im Allgemeinen Preußischen Landrecht gesetzlich festgeschrieben, ebenso wurden Gebäranstalten und Findelhäuser eingerichtet und Gesetze zur Verhinderung des Kindesmords und zur „Besserung" lediger Mütter erlassen.

Aufklärungs-Polizey für die Intelligenz

In  mehr als einhundert „Intelligenzblättern“ wurden die Botschaften dieser „polizeywissenschaftlichen“ Aufklärung im 18. Jahrhundert verbreitet. Die Intelligenzblätter entstanden als obrigkeitliche Anzeigen- oder Nachrichtenblätter. Sie wurden zu Medien der bürgerlichen Intelligenz, in denen die Angehörigen der neuen städtischen gebildeten Berufsschichten wie Professoren, Lehrer, Beamte, Ärzte oder Apotheker ihr neues Weltwissen artikulierten. Nur die Intelligenz-Blätter durften im 18. Jahrhundert private Annoncen drucken, damit war die ökonomische Grundlage dieser Blätter gesichert.
1727 wurde in Preußen darüber hinaus ein Abonnementszwang eingeführt - bestimmte Personen oder Berufsgruppen mussten die Intelligenzblätter beziehen. 1729 wurden in Preußen die Universitätsprofessoren verpflichtet, den Intelligenzblättern Artikel mit ,nützlichem Wissen' zu liefern.
Den Abonnementszwang begründet Krünitz' in seiner „Oeconomischen Enzyklopädie" im Jahre 1789 so: „Allein, da es unter den Leuten noch immer träge und sorglose Gemüther, insonderheit unter dem gemeinen Manne, gibt, welche  (…) lieber bey ihrer alten Gewohnheit bleiben, die sie von ihren Vorältern gelernt und geerbt haben: so ist es schlechterdings nöthig, dass die Polizey zugleich einen gelinden Zwang, wenigstens so lange die Sache noch nicht in Gang gebracht, damit verknüpfe." 

Die Intelligenzblätter waren Instrumente der staatlich verordneten Aufklärung. Im ersten Jahrgang des „Hannoverischen Magazins" von 1763 fanden sich Abhandlungen zu Themen wie: „Nachricht bey Gelegenheit des Beytrages zu der Beschreibung der philippinischen Inseln", „Gedanken über den Ursprung der Luftelectricität bey Gewittern", „Eine historisch-diplomatische Muthmassung aus welchem uralten Geschlecht der bayerische Markgraf Luitpold entsprossen sey",  „Von den Urtheilen der Menschen", „Von der Zeit, da die Völker noch die Kunst nicht gehabt haben, Feuer anzuzünden", „Von den Eigenschaften des ächten Witzes". Die Intelligenzblätter präsentierten das gesamte Spektrum des zeitgenössischen Wissens.

Und auch die Form dieses gesellschaftlichen Diskurses gab es eine klare Ordnung:
Witze zu machen, Sairen oder streitsüchtige Texte waren in den Intelligenzblättern verboten. Professor Justi, der Herausgeber der „Allgemeinen Unterhaltungen", einer gelehrten Beilage des göttingischen Intelligenzblattes, formulierte das im Februar 1769 so: „Um zu verhüten, daß unsere Unterhaltungen nicht zu Streitigkeiten in einer sonst wichtigen Sache gemisbraucht werden, erinnern wir hier ein für alle mal, daß künftig keine Schrift, bei welcher mehr Leidenschaften als Wahrheitsliebe die Feder geführet haben, werde eingerückt werden."

Die Intelligenzblätter schufen ein neues gesellschaftliches Wirklichkeits-Bewusstsein im Sinne der Polizey-Wissenschaft.

 

    zur Macht der Sprache siehe auch die Texte auf dieser Medien-Gesellschafts-Seite

    Luther - eine neue Schrift-Sprache entsteht   
     M-G-Link
    Machiavelli und die neue Sprache für ein neues politisches Denken  M-G-Link
    Sprachpolitik der Französischen Revolution   M-G-Link
    Neue Erlebnis-Kultur, neue Ordnung des Wissens   M-G-Link

    Über die alltägliche Kommunikations-Macht der Sprechakte   M-G-Link
    Die Wort-Sprache als ein Instrument der Wahrnehmung   M-G-Link
    Phonetische Schrift und griechisches Denken   M-G-Link