Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

 aus: Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis

Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen (1999)
Abschnitte hier aus Kapitel 7 (Seiten 258-301)

Griechenland und die
Disziplinierung des Denkens

(...)
Unter dem Begriff „Schriftsystem" werden Fragen der Struktur, des inneren Aufbaus und der Funktionsweise einer spezifischen Schrift behandelt, z. B. ob eine Schrift ideographisch oder phonographisch, syllabisch oder alphabetisch ist, ob sie an eine Einzelsprache gebunden ist oder ob sie auch Laute/Wörter/Sätze einer anderen Sprache wiedergeben kann usw.
Unter dem Begriff der „Schriftkultur" geht es demgegenüber um Fragen der Institutionen und Traditionen des Schreibens, des Umgangs mit Texten, der Einbettung von Schrift und schriftlich fixierten Texten in die Gesellschaft.11 Es liegt auf der Hand, dass die Konsequenzen der Schrift auf der Ebene ihrer gesellschaftlichen Einbettung, d.h. der Schriftkultur entschieden werden.

Zu den Aspekten der Schriftkultur gehört auch die gesellschaftliche Bewertung der Schrift und des Schreibens. Deren untergeordnete Rolle in der griechischen Gesellschaft ist bekannt genug. Aufschlussreich hierfür sind auch die philosophischen Einschätzungen der Schrift, nicht nur die bekannten Platonischen Verdikte im Phaidros und im Siebenten Brief, sondern auch ihre Darstellung bei Aristoteles. Die Sprache gibt nach Aristoteles, ta en psyche („das in der Seele"), die Schrift dagegen ta en phone („das in der Stimme") wieder. Die Schrift ist etwas zweifach Äußerliches; ihre Inhaltsseite bezieht sich auf die Ausdrucksseite der Sprache. Eine solche Theorie bringt die Schrift in dreifache Distanz zur Welt: Die Begriffe beziehen sich auf die Welt, die Sprache bezieht sich auf die Begriffe, und die Schrift bezieht sich auf die Sprache, und zwar nicht auf die Ebene der begrifflichen, sondern der phonetischen Artikulation.

Das extreme Gegenstück dazu ist die ägyptische Hieroglyphenschrift. Sie bezieht sich mit ihrer realistischen Bildhaftigkeit unmittelbar auf die Welt, und mit ihrer Zeichenfunktion sowohl auf die phonetische als auch auf die semantische Ebene der Sprache. Sie gibt also nicht nur „was in der Stimme ist", sondern auch „was in der Psyche ist" und darüber hinaus auch noch „was in der Welt ist" wieder. Natürlich ist sie als Schriftsystem schwieriger zu handhaben als die griechische Alphabet-Schrift. Aber dafür leistet sie auch ganz anderes und steht in entsprechend höheren Ehren. Die Hieroplyphenschrift geht, was ihre sinnliche Präsenz angeht, weit über das gesprochene Wort hinaus. In ihr gewinnt Sprache eine vielfältigere, bezugsreichere Wirklichkeit als in der Stimme. Die Alphabetschrift ist demgegenüber ein abstraktes Aufzeichnungsmedium für die Stimme, in der die Sprache ihre eigentliche Präsenz und Wirklichkeit hat. Griechenland wird zur Schriftkultur nur auf dem Wege der Wortkultur, Ägypten dagegen ist auch als Bildkultur und daher in einem viel umfassenderen Sinne eine Schriftkultur. Der Weg zur Schrift führt hier nicht nur über die sprachliche, sondern auch über die bildliche Gestaltung und Aneignung von Welt. Die Schrift gilt hier als der höchste und heiligste Ausdruck, den Sinn gewinnen kann.

Aber auch in Israel, das sich vom Bild abkehrt und eine ausgeprägte Wortkultur darstellt, spielt die Schrift in der kulturellen Wertschätzung eine viel größere Rolle. Gott schreibt; Er ist Autor und Schreiber der am Sinai überreichten Gesetzestafeln, und Er führt Buch über die Taten der Menschen. 13 Ähnlich wie in Ägypten entwickelt sich auch in Israel die Schrift zu einem Schlüssel der Weltauffassung. Man kann sich fragen, ob wirklich die bloße Verbreitung des Schreibenkönnens in einer Gesellschaft das einzige oder auch nur das entscheidende Kriterium für das ist, was man als Schriftkultur gelten lassen möchte, und ob nicht die Auswirkungen der Literalität auf das Weltbild und Wirklichkeitsverständnis einer Gesellschaft mindestens ebenso bedeutend sein können, von der zwar nur ein kleiner Teil die Kunst des Schreibens beherrscht, die aber dafür dieser Kunst einen sehr hohen Rang und zentralen Platz zuerkennt.

Für unsere Frage nach dem Zusammenhang von Überlieferung und Identität und nach den Organisationsformen des kulturellen Gedächtnisses ist es nun höchst aufschlussreich, dass  zwar auch hier, ähnlich wie in Israel und anders als in Ägypten, „Große Texte" das Fundament der kulturellen Erinnerung bilden, daß aber andererseits, im Gegensatz zu Israel, sämtliche dieser fundierenden Texte mündliche Rede wiedergeben: die Homerischen Epen, die attischen Tragiker (Ch. Segal 1982) und die Platonischen Dialoge (Th. A. Szlezak 1985). Damit wird natürlich nicht bestritten, daß der Rückgriff auf diese Texte, ja bereits ihre Entstehung ohne Schrift nicht denkbar wären.

Aber diese Texte tragen ihre Schriftlichkeit nicht zur Schau, 14 sondern vielmehr ihr bruchloses Hervorgegangensein aus und Wiedereingehen in körperliche, lebendige Stimme und Interaktion. Offenbar versteht sich die Schrift hier nicht, wie in Ägypten und Israel, als eine ewige, unwandelbar stillgelegte, heilige Gegenwelt zur Flüchtigkeit des mündlichen Worts.
Daraus folgen drei sehr charakteristische Züge der griechischen Schriftkultur:
1. Sie steht der Mündlichkeit in anderer Weise offen, drängt sie nicht ab in die Subkultur, sondern nimmt ihre Formen auf und bringt sie zu neuer, gesteigerter Entfaltung. 15
2. Da die Schrift in Griechenland keinen heiligen Raum erschließt, gibt es keine Heiligen  Schriften; heilige Texte werden bei den Griechen - wie bei den Kelten, den zoroastrischen Persern und vor allem im vedischen Indien - gerade nicht der schriftlichen, sondern der mündlichen Überlieferung anvertraut (C. Colpe 1988; H. G. Kippenberg 1987).
3. Da die Schrift in Griechenland keinen offiziellen Raum erschließt, bedarf ihre Handhabung nicht besonderer Bevollmächtigung. Im Vergleich zu Ägypten etwa gilt für die Griechen, was Cicero einmal für die Römer anmerkt: Ihnen ist die „öffentlicher Schrift überantwortete öffentliche Erinnerung" fremd. 16

Der Grund für die höhere Präsenz oraler oder allgemein: archaischer Elemente in der griechischen Schriftkultur ist vermutlich anderswo zu suchen als in der Besonderheit des verwendeten Schriftsystems. Wir vermuten sie in der gesellschaftlichen und politischen Eigenart der griechischen Verhältnisse. Die Griechen waren aus Gründen, auf die wir hier nicht im Einzelnen eingehen können, befreit von den Schrift-Gesetzmäßigkeiten orientalischer Gesellschaften. Die orientalischen Schriften sind als Instrumente politischer Repräsentation und wirtschaftlicher Organisation entwickelt worden; sie sind untrennbar verbunden mit der Bürokratie, die sich ihrer bedient zur Verwaltung großer Herrschaftsbereiche (für Mesopotamien: M. Lambert 1960). Schreiben heißt soviel wie ordnen, planen, gliedern. Die Schrift ist hier in erster Linie ein Instrument organisierender Wirklichkeitsbewältigung und herrschaftlicher Repräsentation. Was sie schreibt, sind die Diskurse der Macht und der offiziellen Identität, Gesetze, Erlasse, Akten, Rituale, Opferstiftungen. Schreiben heißt festschreiben, sichern, dokumentieren, heißt kontrollieren, beherrschen, ordnen, kodifizieren. Die Schrift ist in erster Linie, mit Foucault zu reden, ein „Dispositiv der Macht" und ein Organ der Weisung. Was geschrieben steht, beansprucht höchste Verbindlichkeit. 17 In dieses Schreiben findet „mündliche Überlieferung" sowie das, was wir „Literatur" nennen würden, nur sehr beschränkt Einlass. Die Welten, die zwischen den Schreiber-Beamten Ägyptens oder Mesopotamiens und den Sänger-Dichtern Griechenlands liegen, sind Welten nicht allein der Schrifttechnologie, sondern der Schriftkultur: des geschichtlichen Umfelds, des politischen Klimas, der Zuhörerschaften, der Erfahrungen, die man in der jeweiligen Kultur machen und austauschen kann. 18

Anders wiederum ist es um diese Schriftpraxis in Israel bestellt gewesen. Verglichen mit den Schreiberhierarchien der umgebenden Großreiche lebten die israelitischen Priester und Propheten gewissermaßen in freier Luft. Sie hatten jedenfalls andere Sorgen, als zu verwalten und zu organisieren. „Festzuschreiben" gab es dort vor allem eins: das Gesetz, die „Weisung" (torah), von der man wußte, dass  sie dem Volke gegeben war und durch alle Widrigkeiten hindurch bewahrt und befolgt werden musste. Der Nexus zwischen Schrift und Verbindlichkeit, Lesen und Gehorchen galt auch hier, jedoch nicht im Kontext eines irdischen Macht-Apparats. In Israel wurde Schrift entpolitisiert und zum wichtigsten Dispositiv der Macht Gottes.

Der Sonderweg griechischer Kulturentwicklung ist nicht allein eine Sache des Schriftsystems, sondern eines viel komplexeren Befundes, in dem es auf die Frage ankommt, wo die Instanzen der Weisung konzentriert sind, wie Verbindlichkeit gesichert und durchgesetzt wird. Das Besondere der griechischen Situation liegt in einer soziopolitischen Verwendung von Schrift, die am besten negativ zu kennzeichnen ist, als Freiraum, der weder von der weisung-gebenden Stimme eines Herrschers noch eines Gottes besetzt ist. Dieses Macht-Vakuum hat das Eindringen von Oralität in die griechische Schriftkultur begünstigt.

(Auszug aus S. 264-269)

(…)
Das griechische Wort „hypolepsis" wird in zwei typischen Kontexten verwendet, an die wir anknüpfen können. Der eine Kontext ist der Rhapsodenwettkampf. Hier bezeichnet man mit dem Wort „hypolepsis" die Regel, dass der nächste Rhapsode genau dort in der Rezitation des Homertextes fortfahren muss, wo sein Vorgänger aufgehört hat. 41
Der andere Kontext ist die Rhetorik. Hier bedeutet „hypolepsis“ die Anknüpfung an das, was der Vorredner gesagt hat. 42 In beiden Fällen Bezeichnet hypolepsis das Prinzip, nicht von vorn anzufangen, sondern sich in anknüpfender Aufnahme an Vorangegangenes anzuschließen und in ein laufendes Kommunikationsgeschehen einzuschalten. Dieses Kommunikationsgeschehen bildet, was man den „hypoleptischen Horizont" nennen könnte. Im Falle des Rhapsodenwettstreits ist es die aktuelle Veranstaltung, im Falle der Rhetorik die laufende Verhandlung, z. B. eine Volksversammlung oder ein Prozeß, in jedem Falle aber ein Interaktionsgeschehen, dessen raumzeitliche Grenzen sich aus den Möglichkeiten menschlicher Interaktion ergeben. Worauf wir uns beziehen, ist die „Dehnung des hypoleptischen Horizonts" über die Grenzen der Interaktion hinaus in die Sphäre interaktionsfreier Kommunikation,43 d. h. die Konstitution eines Beziehungsraums, innerhalb dessen „das, was der Vorredner gesagt hat", vor mehr als 2.000 Jahren gesagt worden sein kann. (…) Der aus- gebettete, „situationsabstrakt" gewordene und sozusagen schutzlos jedem Missverständnis und jeder Ablehnung ausgelieferte Text 47 bedarf eines neuen Rahmens, der diesen Verlust an situativer Determination kompensiert. 

(…)
Unter den Bedingungen hypoleptischer Kommunikation wird Schriftkultur zu einer Kultur des Konflikts. 51 Dieses agonistische Element der griechischen Schriftkultur war es, das Josephus Flavius kritisiert hatte. Im Gegensatz zu den Juden, deren Überlieferung sich auf ein einziges heiliges Buch stütze, hätten die Griechen unzählige Bücher, die sich alle widersprächen. Was Josephus nicht sehen konnte, ist die Tatsache, dass  gerade die dissonante Vielstimmigkeit („Diaphonie") der griechischen Literatur eine exklusive Errungenschaft der Schriftkultur darstellt. Die Einstimmigkeit der  biblischen Bücher, die er der griechischen Vielstimmigkeit gegenüberstellt, beruht auf dem Prinzip absoluter Wahrheitsgewißheit. Was eine Textsammlung zum Kanon macht, ist die Entscheidung, die darin niedergelegten Aussagen als letztinstanzliche Wahrheit zu betrachten, über die nicht hinauszukommen und die nicht zu verändern ist. Hypolepse geht demgegenüber davon aus, dass  Wahrheit immer nur  annäherungsweise zu haben ist.
Die Form, in die eine Sache, ein Thema gebracht werden muss, damit ihre Bedeutsamkeit die konkrete Situation überdauert und spätere Autoren zu ihr und das heißt zugleich, zu dem Text, der sie behandelt, zurückkehren lässt, ist das „Problem."  Probleme bilden das organisierende Element des hypoleptischen Diskurses." Das Problem ist für die Wissenschaft das, was die „Mythomotorik" für die Gesellschaft im Ganzen ist. Das Problem enthält ein Element dynamischer Beunruhigung. Die Wahrheit ist einerseits problematisch, andererseits wenigstens theoretisch lösbar geworden. Der mythische Diskurs ist insofern beruhigt, als er keinen Widerspruch sichtbar werden und alle Aussagen und Bilder  gleichberechtigt nebeneinander stehen lässt. Der kanonische Diskurs ist beruhigt, weil er keinen Widerspruch duldet. Der hypoleptische Diskurs ist demgegenüber eine Kultur des Widerspruchs. Er beruht auf einer verschärften Wahrnehmung von Widersprüchen, d. h. Kritik, bei gleichzeitiger Bewahrung der kritisierten Positionen.
Wer in der hypoleptischen Disziplinierung des wissenschaftlichen Denkens zu Hause ist, neigt gewöhnlich dazu, die Widerspruchstoleranz unserer Alltagserfahrung zu unterschätzen. Unser Alltagsleben ist wesentlich widerspruchsreicher, als unser theoretisches Bewusstsein sich das träumen lässt. Vor allem gilt das für vergangene Epochen und „wilde" Kulturen. Levi-Strauss hat dafür den Begriff des „Wilden Denkens" geprägt. Das Verfahren des Wilden Denkens, das „Basteln" (bricolage), ist ein Umgang mit der Tradition, der der hypoleptischen Disziplin diametral entgegensteht. „Bricolage" ist ein Hantieren mit vorgefundenen Materialien, die in der Umfunktionierung untergehen. „Hypolepse" ist demgegenüber ein Umgang mit vorgefundenen Materialien, der sie nicht umfunktioniert, sondern sich im Rahmen eines gemeinsamen Funktionszusammenhangs bewegt.


Assmann zum Begriff der „Achsenzeit“:

(…)
Es handelt sich nicht um eine Epochenschwelle, sondern um eine kulturelle Transformation, die bald früher, bald später einsetzte, mit einer gewissen Häufung im 1. Jahrtausend v. Chr. Was Jaspers beschreibt, die in seinen Augen fast gleichzeitige Entstehung einer geistigen Welt an verschiedenen Punkten der Erde, in der wir bis heute leben, lässt sich präziser fassen. Es handelt sich um die Transformation von ritueller zu textueller Kohärenz, die auf höchst natürliche Weise mit der sich ausbreitenden Schriftkultur ganz verschiedene, untereinander nur in lockerem Kontakt stehende Kulturen ungefähr zur gleichen Zeit, nämlich im 1. Jahrtausend v. Chr. erreicht hat. In dieser Zeit entstehen nicht nur die fundierenden Texte, sondern auch die kulturellen Institutionen, mit deren Hilfe die normativen und formativen Impulse dieser Texte über die sich wandelnden Sprachen,  Gesellschaftssysteme, politischen Ordnungen und  Wirklichkeitskonstruktionen hinweg in Kraft gehalten und die Rahmenbedingungen eines Dialogs mit den Vorgängern über die Jahrtausende hinweg geschaffen werden. (…) Der entscheidende Punkt liegt auf der Ebene der gesellschaftlichen Einbettung des Schreibens, des Umgangs mit Texten und schriftlich fixiertem Sinn, der voraussetzungsreichen Kunst des Rückbezugs auf fundierende Texte. Sie ist eine Sache nicht des Schriftgebrauchs, sondern der kulturellen Mnemotechnik.

(Auszüge S. 282-292)

    Fußnoten zu den Abschnitten:

    12 Vgl. G. Elwert 1987. Unterscheidungen wie „politisches System" vs. „politische Kultur" (sc. einer Gesellschaft, eines Landes), „Rechtssystem" („legal system") vs. „Rechtskultur" („legal culture") liegen auf einer vergleichbaren Ebene. Unter dem Begriff der Kultur geht es jeweils um Fragen der Institutionalisierung und des Umgangs mit Politik, Recht.. . usw.
    13 Vgl. allerdings auch die „Tafeln des Zeus", auf denen die Taten der Menschen verzeichnet sind, und Dike „deltographos" als
    Parhedros des Zeus: Pfeiffer 1978, 44-45
    14 Im Gegensatz zur Geschichtsschreibung, gr. „syn-graphe" „Zusammenschreibung", „ana-graphe" „Aufzeichnung, Dokumentation" und zur expliziten Begründung der Schriftform bei Thukydides als Konstitution eines „ktema eis aie“
    15 Daß eine Gesellschaft ihre mündliche Überlieferung verschriftlicht, ist alles andere als der Normalfall. In der Regel laufen mündliche und schriftliche Überlieferung nebeneinander her, bis sich allmählich die schriftliche durchsetzt und die mündliche zur Folklore oder zum Aberglauben herabgestuft wird. Die älteste griechische Literatur scheint darin ziemlich einzigartig dazustehen, da sie eine mündliche Überlieferung getreulich kodifiziert hat. Das entspricht aber der griechischen Kultur überhaupt, die die magischen, „schamanistischen", orgiastischen und anderweitig irrationalen Wurzeln ihrer Kultur beim Übergang in die Literalität nichtabgedrängt hat in das Schattendasein einer auf Distanz gehaltenen Subkultur (wie z. B. der kompromittierende Anteil an Heidnischem, der in den geistlichen Spielen des Mittelalters unversehens durchbricht), sondern es verstanden hat, die darin Gestalt gewordenen Bedeutsamkeiten, ästhetischen Schönheiten und anthropologischen Wahrheiten in die rationalen Formen des künstlerischen und wissenschaftlichen Diskurses zu überführen. Vgl. A. u. J. Assmann 1983,167.
    16 Cicero, De Leg. 3, 20, 46: „publicis litteris consignatam memoriam publicam nullam habemus."
    17 Vgl. hierzu vor allem J. Goody 1986. Die Errungenschaften (und Grenzen) der babylonischen und ägyptischen Wissenschaft sind zwar ohne Schrift nicht denkbar, verdanken sich aber weniger dem „Geist der Schrift" als dem „Geist der Bürokratie" und ihres systematischen, inventarisierenden und ordnenden Zugriffs auf die Wirklichkeit, vgl. dazu bes. J. Goody 1977. In Griechenland sind diese gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Wissensgewinnung, -Verarbeitung und -Vermittlung nicht gegeben. Dafür finden wir hier Institutionen einer forensischen, agonistisch verfaßten Kommunikation. Vgl. auch F. Jürss 1981. Zu Ägypten vgl. A. Schlott 1989.
    18 Mit Recht schreibt G. Elwert 1987,139: „Es ist nicht der Schriftgebrauch an sich, sondern es sind spezifische gesellschaftliche Institutionen (Machtverhältnisse, Verhältnisse der Produktion und des Austauschs}, die ihn nutzen und so die gesellschaftliche Transformation erzeugen."

    41 „ex hypolepseos ephexes": Platon, Hipparch. 2.2.8 B; bei Diogenes Laert. I 57 heißt das Verfahren „ex hypoboles", s. R. Pfeiffer 1978, 2.4.
    42. G. Bien, „Hypolepsis", in: J. Ritter 1969, bes. 64 und 66.

    47 Vgl. hierzu die berühmten Vorbehalte, die Platon im Phaidros und im Siebenten Brief gegen die Schrift vorgetragen hat.
    48 Vgl. klarer noch Luhmann 1980, 47: „Anders als bei gesprochenem oder im Sprechen reproduziertem Sinn, wo schon das Anhören der Darstellung die Aktivität weitgehend absorbiert, tritt einem Schriftgut geradezu mit der Aufforderung entgegen, es aus der Distanz heraus zu beurteilen."
    49 Soziale Systeme, 2.2.3 f.
    50 Ich beziehe mich hier auf mündliche Mitteilungen über ein noch (1991) unpubliziertes Projekt.
    51 Dieses Element der griechischen Schriftkultur macht N. Luhmann zu einem der Zentralpunkte seiner allgemeinen Kommunikationstheorie, auf dem die konstitutionelle Unwahrscheinlichkeit von (erfolgreicher) Kommunikation beruht.

    53 Luhmann 1980,47, sieht in „kognitiven Inkonsistenzen und Problemen, vorzugsweise unlösbaren Problemen" einen „Zusatzmechanismus", der Variationen beschleunigt. „Die entscheidende Absicherung von Ideenevolution, was Wahrscheinlichkeit und Tempo anbelangt, liegt darin, daß Wissen überhaupt nur mithilfe von Problemstellungen systematisiert und zusammengehalten werden kann."

     

    s.a. meine Zusammenfassung
    Phonetische Schrift und griechisches Denken   M-G-Link