Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Sprache der Metaphern

Die Sprache scheint ein Instrument der Vernunft zu sein.
Bei näherem Hinsehen verankern Metaphern die Alltagssprache emotional
in mentalen Konzepten, die in leiblichen Erfahrungen verwurzelt sind

2-2016

Je abstrakter und unvorstellbarer Zustände oder Dinge sind, desto mehr Metaphern müssen dabei helfen, wenigstens den Umgang mit den Phänomenen zu ermöglichen.
Ein schönes Beispiel dafür ist der alltägliche Umgang mit Computern. Die Verkäufer dieser neuen Technologie haben den Zugang dazu von Anfang an durch Metaphern  geebnet: Das, was einen Computer mit einem anderen verbindet, ist ein „Netz“, wie in der Werkstatt gibt es „Werkzeugleisten“, Dokumente werden „heruntergeladen“. Wir empfangen und versenden „Post“ und müssen uns vor den Ansteckungsgefahren der „Viren“ schützen. Wir „surfen“ über „Datenautobahnen“ und leben in einem „globalen Dorf“, das gleichzeitig „Cyberspace“ ist, also ein Raum irgendwo hinter dem Bildschirm. Wie könnten überhaupt nicht mit den Geräten umgehen, wenn die Metaphern nicht nachvollziehbare Bedienungs-Routinen schaffen würden. Die Sprache des Internets hat sich umfänglich tradierter Bilder des Alltagsverstandes bedient. Wenn wir uns diese Metaphern verbieten, gibt es auf der Festplatte keine „Dateien“, keine „Papierkörbe“, keine Buchstaben, keine Bilder, Objekte, die bewegt werden, und dann verstehen wir nichts mehr.

Metaphern prägen aber auch im Alltag, der uns als vertrautes Gelände gilt, unsere Wahrnehmung. Schon das „Lied der Lieder“ Salomos, das alte orientalische Hochzeitslieder dokumentiert, umschreibt Liebe mit Analogien der agrarischen Kultur: Köstlich wie Wein ist sie, „der Stute an Pharaos Kutsche vergleich ich dich“, Tulpe, Lilie, Apfelbaum sind die Metaphern der Liebe: „Deine Brüste sind zwei Rehlein“. Nur „elektrisieren“ konnte Liebe im ersten vorchristlichen Jahrtausend noch nicht.  Wenn ich jemanden „zum Fressen gern“ habe, geht es um einen Bereich, für den die Worte offenbar fehlen – was „fressen“ ist, weiß ich hingegen. Gerade im Bereich der Gefühle haben Metaphern eine große Bedeutung – sie helfen uns Verstandeswesen, Gefühle wenigstens zu benennen. Metaphern können auch Gefühle hervorrufen.

Die „Väter“ der linguistischen Metaphern-Theorie, George Lakoff und Mark Johnson, haben festgestellt: „Wir reden nicht nur in Metaphern, wir denken in Metaphern.“ Metaphern sind aus direkten, körperlichen Erfahrungen entstanden. Etwa dem Gefühl der Wärme, das zur Metapher für Zuneigung wird. Das Gegenteil wäre „die kalte Schulter“. Metaphern prägen kognitive Strukturen, etwa die dem Krieg entnommenen Sprachbilder, mit denen kontroverse Kommunikation beschrieben wird: Wir „beziehen Position“, wollen ein Argument „niedermachen", Schwachpunkte „angreifen“, kennen eine Kritik, die „ins Schwarze trifft".

Subtiler wirken die Metaphern, mit denen wir das unverständliche Phänomen der Zeit beschreiben: Zeit „fließt“, wir wollen keine Zeit „verschenken" oder „vergeuden" oder wir „nehmen“ uns Zeit für jemanden.  Mental machen wir uns so Zeit verfügbar wie einen Gegenstand der Dingwelt - „Zeit ist Geld".
„Unten“ und „oben“ sind körperlichen Erfahrungen, die die Sprache sich zunutze macht, um komplizierte Phänomene der Kultur zu ordnen: Glück, Tugend, Macht und Gesundheit etwa haben ein klares „unten“ und ein „oben“. Glückliche Menschen sind „obenauf“, Vorbilder zeichnen sich durch eine „hohe“ Tugend aus, die Stufen der Macht werden „erklommen“. Oben ist in der Regel gut, unten ist unterlegen und schlecht. Selbst das Ansehen einer Person kann „steigen“ oder „fallen“.

Unsere Sprache stellt gern Prozesse ohne verursachendes Subjekt vor, die wir nicht durchschauen“ und für die wir keine Ursache erkennen können: Die „Inflation“ etwa kommt und geht wie das Wetter oder ein Untier. Die Inflation „frisst die Gewinne auf." Wenn „die Religion“ es mir verbietet, Wein zu trinken, muss ich nicht darüber nachdenken, warum ich mir das selbst verbiete. „Der Alkohol war stärker als ich", sagt der Trinker zu seiner Entschuldigung.

Metonymie nennt man Metaphern, die das Verständnis erleichtern, indem sie ein Teil für das Ganze nehmen. „Hitler hat den Krieg gewollt“ - Personalisierung ist ein wichtiges Konzept der Verdeutlichung von komplexen Zusammenhängen.

Was sind Theorien? Theorien sind „Gebäude“, die ein „Fundament" haben und ein „Gerüst" brauchen, damit sie nicht zusammenfallen. Ideen sind „halbgar" oder „unverdaut“, Behauptungen werden „geschluckt", Bücher als geistige Nahrung „verschlungen". Ideen haben „Väter", „leben weiter“, „tragen Früchte", sind „ausgereift", wenn sie ihren „letzten Schliff" bekommen haben. Sigmund Freuds Theorien über das undurchschaubare und unbewusste Triebleben konnten populär werden, weil er die Metaphern der Hydraulik benutzte.

Natürlich lebt auch die Politik von ihren Metaphern – und kann ohne eingängige Metaphern nicht erfolgreich vermittelt werden. Politiker „stehen mit dem Rücken zur Wand“, „schlagen auf den Tisch“, „strecken die Hand aus“, reden „weichgespült“ daher. Ihre Argumente sind „kurzatmig“ oder „fundiert“.  Als der US-Präsident George W. Bush den „Krieg gegen den Terror verkündete, war die Botschaft vollkommen klar und niemand wusste, was das bedeuten könnte. „Volk ohne Raum“ war eine ähnlich legitimierende Kriegs-Metapher, die ihre eigene Wahrheit erst geschaffen hat. Umgekehrt sind „sanfte Energien“ gut, weil sie „sanft“ sind.

Essen und Geschmack

Je weniger die Menschen Hunger haben, desto mehr reden sie über den Geschmack der Speisen. Aufgrund des Mangels an Metaphern bleiben aber die Diskurse der Essenskultur auffallend nüchtern und listen vor allem die Elemente auf, die auf den Teller kommen. Jedermann weiß über die Liebe, dass sie „durch den Magen geht“, aber ein Satz wie „Erdbeeren mit Sahne schmecken wie ein Zungenkuss“ würde sich merkwürdig anhören. Für die Quelle von wunderschönen Metaphern gibt es kaum Metaphern.
Oft tritt der Geschmackssinn hinter der visuellen Wahrnehmung zurück und es kommt zu Reizirrtümern: Was im „Dunkelrestaurants“ köstlich schmeckt, kann sich bei näherem Hinsehen als ekelhaft entpuppen. Bei blinder Verkostung können viele Weintrinker nicht einmal Rot- von Weißwein unterschieden.
Geschmackswahrnehmungen sind komplex, visuelle und Geruchselemente spielen eine wichtige Rolle, auch taktile Empfindungen. Aber das würde den Geschmack geradezu zum prädestinierten Objekt für Metaphern machen.
Die Weinsprache ist vielleicht die am meisten entfaltete Geschmacksgenuss-Sprache – wer ihre blumigen Bilder beherrscht, kann nicht nur den Wein besser genießen, sondern nebenbei auch damit den feinen Unterschied markieren, mit dem der Kenner sich zu erkennen gibt.
Die Sprache baut eine Brücke zwischen Wahrnehmung und der Kultur, das Benennungen einer Sache ordnet diese einem Konzept zu. Das Sprechen über das Schmecken fördert damit das kulturvolle Genießen der Speise.

Metaphern sind leibliche Verständigungs-Hilfen

Insbesondere die metaphorischen Anspielungen auf das Essen gehören in vielen Bereichen zu den gängigen Sprachfiguren. Metaphern sind Verständnis-Hilfen – wir verstehen die leibliche Komponente direkt, die in der Metapher mitschwingt, und assoziieren damit eine bestimmte Interpretation des „eigentlichen“ Gegenstandes. Neurowissenschaftler haben jüngst im Experiment eine Bestätigung gefunden: Die Wirkung der beliebten Geschmacksmetaphern im Gehirn ist direkt in den Regionen, in denen Geschmacksempfindungen verarbeitet werden, nachweisbar. Es macht eben einen Unterschied, ob wir sagen: „Die Trennung war bitter für ihn“ oder „Die Trennung war schlecht für ihn“. Metaphern sind emotional wirksamer, wenn sie körperliche Erfahrungen assoziieren. Ein „süßes“ Kompliment geht leichter unter die Haut als ein „nettes“ Kompliment. 

Wenn Worte in der Form toter Schrift-Bilder aufgeschrieben werden, gehen  ihnen die emotionalen Botschaften verloren, die den oral-klanglich-gestischen  Zusammenhang und damit Inhalt und Sinn der Sprache ausgemacht haben. Die hohe Kunst des Schreibens besteht darin, die toten Buchstaben so aneinanderzureihen, dass beim Lesen Blicke, Gesten und Gebärden vor dem inneren, geistigen „Auge" lebendig werden. Die Phantasie muss gekitzelt werden, damit aus dem  kargen Schriftbild die verlorenen Dimensionen des Sehens von Bildern, des Schmeckens, Riechens und Fühlens, eben um die Facetten der sinnlichen Wahrnehmung aufsteigen.

 

 

Zum Thema Sprache siehe auch die Texte

    Was ist Sprache oder: Was die Hirnforschung über die Konstruktion von Sprache weiß  MG-Link
    Was die Evolutionsbiologen zur Bedeutung der Sprache für das Bewusst-sein zu sagen haben,
          steht auf einem anderen Blatt -
    M-G-Link
    Zur Sprache als Medium des menschlichen Geistes - 
    M-G-Link
    Die menschliche Stimme als primäres Mittel der Kommunikation  
    M-G-Link