Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Wie wir wahrnehmen
was wir sehen

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Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche Wirklichkeits-Konstruktion im „Jahrhundert des Auges“

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Wie kommt der Mensch zu Bewusst-Sein?

   12-2016

Wenn Vögel instinktiv Balz- oder Warnrufe ausstoßen, brauchen sie dafür kein Bewusstsein ihrer selbst. Sie tun das, ohne ihr Gegenüber kennen zu müssen – unabhängig davon, wer sie hören kann und ob es überhaupt Adressaten ihrer instinktiven Rufe gibt. Säugetiere und Primaten verständigen sich mit Lauten und Gesten und können dabei ihr Gegenüber auch adressieren. Verhaltensbiologen beschreiben bei einzelnen Tierarten Verhaltensweisen, die auf ein körperliches Selbst-Bewusstsein schließen lassen.
bonobo-maman-enfantNatürlich ist auch dem Menschen diese Ton- und Körpersprache geblieben, willkürliche und unwillkürliche Gesten, das Weinen. Auch Grimassen wie das Lächeln oder Droh-Gesichter sind unwillkürliche Gesten und werden über kulturelle Grenzen hinweg verstanden. Augen können sprichwörtlich nicht lügen. Auch bei Menschen gibt es spontane emotionale Signalrufe, bei der Sprache redet der „Tonfall” mit. Das sind Kommunikations-Formen des Körper-Selbst. Das Gehirn erhält an Kontrollinformationen aus dem Körperinneren, die es interpretieren und koordinieren muss und als Köperselbst empfindet. Wo das Körperselbst bewusst wird, beginnt das bewusste Erleben des Selbst, das erlebte Ichgefühl.

 


 

Bonobo-Affen spielen nicht nur mit ihren Kindern,
sondern sie schauen sich dabei auch in die Augen.
 

Über seinem körperlichen Selbst-Gefühl, das auch Säuglinge empfinden, baut sich beim Menschen ein sprachvermitteltes mentales Bewusstsein auf. Dieses Ich-Bewusstsein koordiniert das Körperselbst mit der Umwelt, vor allem mit der sozialen Umwelt. Dieses Ich-Bewusstsein ist im Verlaufe der Evolution zu einem wesentlichen Bestandteil der menschlichen Kultur und Sozialisation geworden. 

Ich denke oder will etwas. Woher weiß ich, dass ich etwas denke oder will? Ich habe einen Apfel in der Hand, das ist das eine. Ich weiß, dass ich einen Apfel in der Hand habe – das ist etwas anderes. Am Anfang des Selbst-Bewusstseins steht, dass jemand anderes sagt: Du hast einen Apfel in der Hand. Jemand anderes sagt: „Mmmm, leckerer Apfel.“ Mir wird bewusst, dass ich Lust habe, von dem Apfel zu essen. Mir wird bewusst, dass ich einen Willen habe, Emotionen. Bewusstsein der Subjektivität entsteht durch „soziales Spiegeln“, sagt Wolfgang Prinz.
Babys sind für ihre Entwicklung ihres Bewusstseins darauf angewiesen, dass sie sich in der Bezugsperson spiegeln. „Lächeldialoge“ sind die stärkste emotionale Motivation für das Lernen, in Lächeldialogen spiegeln sich zwei Bezugspersonen aufeinander ein, harmonisieren ihr Selbstbild mit dem Fremdbild. Streckt das Kind die Zunge heraus, ahmt es die Mutter nach – und lässt das Kind begreifen, was es gerade tut, lässt das Kind sich selbst bewusst zu werden.
Der Prozess beginnt ohne Sprache, das Selbstbild basiert auf Körperwahrnehmungen und Gefühlen. Dann kommt die Sprache dazu, auch Sprachlernen basiert auf Spiegelungen. Unendlich oft wiederholen Mütter das, was ihre Kinder mit ihrem Brabbeln möglicherweise meinen. Mit der Sprache erlernt das Kind kulturelle Muster für sein Selbstbild. Das Selbstgewahrwerden folgt der Fremdwahrnehmung. Das Selbstbewusstsein hilft mir, mein Leben als „meins“ anzunehmen.

Wer bin ich? Wer bist du, zu dem ich kommunizieren möchte? Vor allem der gesamte Bereich der sprachlichen Kommunikation, mit dem der Mensch sich in den letzten 30.000 Jahren zu einem besonderen Primaten entwickelt hat, ist bezogen auf das Selbst-Bewusstsein. Das bewusste Selbst ist das Produkt der Evolution, sagt der Philosoph Thomas Metzinger, das erlebte Ichgefühl ist eine Schöpfung unserer Hirnfunktionen. Das Gehirn erzeugt dieses Selbstbewusstsein, zu dem auch ein biographisches Konstrukt gehört, um die chaotische Vielfalt unterschiedlicher Sinnesreize und Wahrnehmungen, die über den Körper aufgenommen werden und auf das Gehirn einströmen, im Hinblick auf die Handlungsfähigkeit des Körpers zu sortieren.

Das ICH hat eine Neurobiologie. In den letzten Jahrzehnten hat die Hirnforschung unzählige „Zentren“ in der grauen Masse identifiziert. Es gibt Sprach- und Sehzentren, Zentren für spontan-unbewusste Reaktionen und Zentren des zögerlichen Nachdenkens. Meist sind verschiedene Gehirnregionen an einem Verarbeitungsprozess von Sinnes-Reizen beteiligt. Bei Patienten, bei denen bestimmte Zentren lädiert sind und am offenen Gehirn stimuliert werden können, wird die Lokalisation der Gehirnfunktionen getestet, bevor operiert wird. Inzwischen ist die „Kartierung“ des Gehirns weit fortgeschritten, und die Neurobiologen sind sich einig: Es gibt Sprach-Zentren, aber es gibt kein besonderes, lokalisierbares Zentrum für das Ich-Bewusstsein.

Selbst-Bewusstsein des Leibes

Basis des Ich ist der „spürbare Leib“: Das „leiblich-affektive Betroffensein“ ist die Quelle der Subjektivität“, sagt Hermann Schmitz, der Philosoph der „neuen Phänomenologie”. Dieses Betroffensein hat der Mensch schon als Säugling. Ein Schmerz gehört zu diesem „leiblich-affektiven Betroffensein“, oder Angst, die man spürt, auch wenn das Bewusstsein diesem Gefühl keinen Rahmen oder „Sinn“ verleiht. Dieses leiblich-affektive Sein findet seine körperliche Bestätigung in der Liebe – ein Gefühl, dass unzählige Umschreibungen erfahren hat in der Kulturgeschichte, ohne letztlich klar fassbar zu sein. Das leiblich-affektive Betroffensein ist körperlich kommunizierbar, aber oft unaussprechbar, sprachlich schwer zu fassen.

Wenn ein Gefühl über meinen augenblicklichen Zustand in mein Bewusstsein tritt: „Das bin ich, ich bin dieser Körper, und ich fühle mich im Moment so und so“, dann ist das offenbar eine aus dem Stammhirn angeregte Bewertung der Situation unseres Körperinneren. Aus dem Stammhirn, in dem grundlegende Körper-Funktionen reguliert werden wie die Körper-Temperatur, der Atem-Rhythmus, Herzschlag, sowie Traum- und Schlaf-Phasen, gehen auch Impulse in die Bereiche der Großhirnrinde, in der äußere Sinneseindrücke sortiert und bewusst koordiniert werden. Dieses eher gefühlte „Kern-Selbst“, so der Neurobiologe Mario Damasio, verschmilzt im Bewusstsein mit den vielfältigen Informationen aus der äußeren Welt und daher ist es durchaus angemessen, wenn ich auf die Frage, wie es mir geht, sowohl sagen kann: „Ich habe Herzklopfen“ wie: „Mich ärgert es, dass der Zug mir gerade vor der Nase abgefahren ist.“ Über das verwirrende Durcheinander von gefühlter innerer Zustandsanalyse und objektivierbaren äußeren Umwelt-Bedingungen wird oft gestritten. Diese Verknüpfungen sind grundsätzlich aber pragmatisch sinnvoll, da wir normalerweise „unsere lebenswichtigen inneren Bedürfnisse nur in der äußeren Welt befriedigen“ können. (Mark Solms) So wird zum Beispiel ein vitaler Impuls als „Hungergefühl” über das Stammhirn an das Bewusstsein weitergeleitet, das - sofern es sich nicht um „tierischen Hunger” handelt - abwägt, welcher Zeitpunkt und welcher Ort angemessen ist und welche Speise aufgrund bewusster und unbewusster Erfahrungen schmecken könnte.
Im Bewusstsein verknüpft sich das Kerns-Selbst, das den leiblichen Zustand unbewusst „fühlt“, mit den bewussten und unbewussten Wahrnehmungen der Objektwelt und bewertet diese Koppelung im Sinne von artikulierbaren Selbstbeschreibungen eines individuellen Bewusstseins. Dass in die Bewertungen dessen, was in unserer Umwelt passiert, die Gefühlslagen unseres „Kern-Selbst“ einfließen, entspricht der Alltagserfahrung von „subjektiven“ Sichtweisen auf dieselbe Sache oder Situation.

Es ist das Geheimnis der nonverbalen Kommunikation, dass der spürbare affektive Leib offenbar besonders erreicht wird durch Blicke, durch Klänge (gemeinsames Singen), durch rhythmische Bewegungen, durch Geräusche, die nicht Artefakte der kulturellen Formensprache sind. So durchbrechen die typischen Schreie eines Babys alle kulturellen Schranken – es scheint unmöglich, sich ihren bedeutungsvollen Schwingungen zu entziehen.
Die Herausbildung des „Ich”-Bewusstseins basiert auf Anwesenheit voraussetzender körperlicher Kommunikation. Das Kind lernt sich als ein eigenes Ich zu empfinden - im körperlichen Zusammenleben mit der Mutter und anderen Bezugspersonen. Für die emotionale Ich-Stabilität sind die ersten Monate entscheidend, in denen das Kind auf den direkten Körperkontakt aufbauend akustische und visuelle Kommunikationszeichen erst zu interpretieren lernt.

Selbst-Bewusstsein und Sprachkultur

Lebewesen kommen nicht als tabula rasa auf die Welt. „Ein junger Mauersegler, der keinerlei Erfahrung über Raumausdehnung, optische Tiefenkriterien usw. haben kann, weil er in einer engen Höhle aufwuchs, in der er nicht einmal die Flügel breiten konnte, ist vom Augenblick an, da er sich erstmals ins Luftmeer wirft, in vollendeter Weise fähig, Entfernungen abzuschätzen, verwickelte räumliche Anordnungen zu verstehen und zwischen Hochantennen und Schornsteinen seinen Weg zu steuern.“ (Vollmer)  Es gibt offensichtlich eine unbewusste, durch die Veranlagung, durch die Wahrnehmungsorgane festgelegte Klassifikation der Umwelt aufgrund des Bedeutungsgehaltes ihrer allgemeinen Merkmale für das Individuum. Ein großer Teil dieser Klassifikation ist dem Tier angeboren, sie sind ein Teil seiner Gehirnstruktur, mit der es, wie mit anderen Organen, in die Umwelt eingefügt ist. Wie steht es beim Menschen? Auch Säuglinge haben Farbwahrnehmung vor der Zeit, in der diese angelernt sein könnte, haben angeborenen Strukturen der Gestaltwahrnehmung. Sie betrachten Gesichter länger als andere Bilder, usw. Es scheint, dass ein Gesicht für sie ohne vorheriges Lernen ein bedeutungsvolles Objekt ist.

Von der ersten Stunde an entwickelt sich der menschliche Säugling anders als Säugetiere. „Er kommt mit einem besonderen Repertoire an Kommunikationsfähigkeit auf die Welt.” (Gerhard Roth) Zum Zeitpunkt der Geburt sind die Nervenzellen angelegt, aber noch kaum miteinander verknüpft. In den ersten Lebensjahren können schon geringfügige Abweichungen im Muster der Gehirnentwicklung Auswirkungen auf Kognition und Verhalten haben. Verbindungen zwischen unterschiedlichen Gehirnregionen, die in dieser Zeit geknüpft werden, sind wichtig für soziale, emotionale und kommunikative Fähigkeiten. Die Menschen können mit der Sprache etwas, was kein anderes Lebewesen kann. Ohne Sprache gibt es keine höhere Kognition, und ohne Kognition hat die Sprache keinen Sinn. Die Evolution der Sprachfähigkeit, mit der das Kleinkind sein „Schimpansenalter” (Lew Semjonowitsch Wygotsky) hinter sich lässt, ist nur die Kehrseite der Evolution der Erkenntnisfähigkeit. (2)

Seit Robin Dunbars Veröffentlichung über Klatsch und Tratsch” (dt. 1998, engl. 1986) sind sich die meisten Evolutions-Forscher einig, dass die Vergrößerung des menschlichen Gehirns mit höheren Anforderungen durch das soziale Leben in größeren Gruppen einherging. Der größer werdende Kopf führte dazu, dass Kinder immer früher geboren wurden – im Vergleich zu den anderen Primaten sind Menschenfrauen systematische Frühgebärerinnen. (1) Geborene Menschenkinder brauchen daher eine deutlich größere Zuwendung ihrer Eltern, insbesondere der Mutter. Dies wiederum erhöht die Anforderungen an die soziale Kompetenz. 

In dieser besonderen Zuwendung liegt das Geheimnis von Sprache und Denken – und des menschlichen Bewusstseins. Das Kind erfährt einen über Sprache vermittelten kommunikativen Verhaltensmodus - deswegen lernt es, Wortlaute zu verstehen und zu Sprechen. Tiere lernen einfache kommunikativen Reaktionen durch spezifisches Training und gezielte Belohnung durch Menschen. Bei Kleinkindern erscheint die emotionale Nähe der Bezugspersonen als allgemeine Belohnung auszureichen für ein aktives Lernen-Wollen.

Nur kontinuierliche Interaktion mit erfahrenen Sprachbenutzern lehrt einen Menschen, die Symbole und die damit verbundenen Denkweisen. Tomasello hat die Experimente analysiert, in denen das Verhalten von kleinen Kindern und mit dem von Schimpansen verglichen wurde, um die Ursprünge des spezifisch menschlichen Denk- und Sprachvermögens zu erfassen. Denn genetisch sind Schimpansen und Menschen bis auf ein Prozent identisch. Die Entwicklung der Kultur des Menschen verdankt sich vor allem seiner Fähigkeit, Gelerntes systematisch weiterzugeben. Schimpansen-Mütter praktizieren ihren Kindern gegenüber ein Laissez-faire, die Jungen lernen durch Versuch- und Irrtum und durch Zuschauen. Die Menge von Wissen, die ein Schimpansenkind erwerben kann, ist daher begrenzt und übertrifft nicht das, was Schimpansen Generationen vorher gekonnt haben. Es gibt keine Wissens-Akkumulation.

Nach Tomasello ist sprachliche Kommunikation ein sozialer Akt, bei dem eine Person versucht, die Aufmerksamkeit eines anderen auf ihre Perspektive zu fokussieren. Der „Prozess des Erwerbs und Gebrauchs sprachlicher Symbole (verändert) die Eigenart der kognitiven Repräsentanten des Menschen grundlegend.“ Diese Entfaltung des sozialen Wesens ist vor allem von der Weise abhängig, wie sich die Mutter dem Kind emotional und kommunikativ zuwendet. Im Regelfall geht dies einher mit dem Erlernen von Sprechen – über die (Laut-)Erinnerung, ein- zwei- und Dreiwort-Sätze bis hin zu syntaktisch-grammatischer Sprache. Entscheidend für Sprachfortschritt bis zum 18. Monat ist die Intensität, mit der die Mutter in diese Kommunikation neue Ausdrücke einbringt. Tomasello: „Kinder müssen die kommunikative Absicht der Erwachsenen verstehen, um die Laute als Sprache identifizieren zu können.“

An neurologischen Krankheitsbildern wird klar: Sprache und Denken können im Extremfall getrennt gestört sein, sind aber ineinander verflochten. Beim Denken verbinden sich intuitive Elemente - Erinnerungen, Bilder - mit den in sprachlicher Form abgespeicherten Erfahrungen. Lust an der Erkenntnis ist die Lust an einem assoziativen Kombinationsspiel, virtuelles „Probehandeln“, dass manchmal erst mühsam in eine kommunizierbare Form übersetzt werden muss und durch Sprache in logisch miteinander verkoppelte Begriffe gefasst wird. Wenn wir vor einem Blumenstrauß oder einer Bergkette stehen und sagen: „Schön”, dann merken wir, dass die sprachliche Vermittlung oft nur etwas signalisiert, was nicht ausgesprochen ist.

Sprache repräsentiert die Welt nicht einfach, sondern verknüpft das Benannte mit der Perspektive einer  Handlung oder (emotionale) Bewertung. Wir erfassen über Sprache die Welt auf die Weise, die dem Kommunikationszweck dient. Sprachlich vermitteltes Verständnis fügt dem wahrgenommenen „Bild“ die menschliche intentionale Perspektive hinzu, die sich in der Regel auf das Gedächtnis als Vorratskammer für mögliche Interpretationen stützt. Pinker: „Die Flexibilität des Denkens, die sich daraus ergibt, ist undenkbar bei Tieren.“

Erst soziale und kulturelle Lernprozesse lassen aus den kognitiven Grundfertigkeiten komplexe kognitive Fähigkeiten wachsen. Mit der Sprachkultur bildet sich eine eigene kulturelle Zwischenwelt. Worte generieren Wirklichkeits-Vorstellungen. „Der Wortrealismus hat grundlegende Bedeutung für die verbale Kommunikation schlechthin. Den größten Teil unserer Bildung - und auch Unbildung - vermittelt verbales Lernen von Dingen, die wir niemals gesehen haben und wohl niemals sehen werden, die aber lebenslänglich in unserem Denken eine Rolle spielen und mit denen wir rechnen müssen.“ (Joseph Church) Die Lernzeit, die ein menschliches Individuum benötigt, um sich den kulturellen Schatz der vergangenen Generationen anzueignen, liegt inzwischen bei einem Viertel seiner Lebenszeit. Schon Immanuel Kant wusste, dass die schriftsprachlich organisierte Vernunft den Menschen auch belästigen kann durch Fragen, „die sie nicht beantworten kann“. Steven Pinker: „Wenn alles klappt, verflechten sich unsere Vernunftinstinkte zu komplizierten Programmen für rationale Analysen, aber das liegt nicht daran, dass wir uns irgendwie mit einem Bereich der Wahrheit und Vernunft beraten würden. Die gleichen Instinkte kann man mit Sophisterei hinters Licht führen oder auf Paradoxa (wie Zenos spitzfindigen Nachweis, dass Bewegung unmöglich ist) stoßen lassen." 

Das, was als „Identität“ über dem leiblich-affektiven Kern aufwächst, ist eine kulturelle Konstruktion. Das erwachsene „Ich“ lebt sich nicht mehr unmittelbar leiblich-affektiv aus, sondern ist überformt, gebrochen und „kultiviert“ durch Verhaltens- und Empfindens-Normen. Das Bewusstsein identifiziert das, was ich leiblich und affektiv spüre, mit sozialkulturellen Mustern: Ich bin ein Mensch, ein Mann, Schuster, Afrikaner, ein Ehemann, ich bin verliebt, ich bin krank oder sündig - ich werde eine Person. Mit Selbstzuschreibung entstehen charakteristische Merkmale der Person, die ihren Platz im Leben einnimmt. „Selbstzuschreibung ist das identifizierende Sichbewussthaben.“ (Schmitz) 

Das menschliche Selbstverständnis in oralen Kulturen ist an die unmittelbare leibliche Erfahrung und an die immer wieder erzählten Stammes- und Familien-Geschichten gebunden. Das orale Selbst-Bewusstsein ist wesentlich ein Kollektiv-Bewusstsein, es gibt kein „Ich“, das sich von der Sippe absetzen kann. Der einzelne glaubt, was die Sippe glaubt. Der Einzelne tut, was die Sippe ihm zu tun vorgibt. Am Beispiel des australischen Totemismus hat schon Emil Durkheim eine Gemeinschaft beschrieben, die durch eine Gleichförmigkeit des Handelns und auch des Denkens und Empfindens im Sinne eines „Kollektivbewusstseins“ gekennzeichnet ist und in der die Lebenswelt so dominant ist, dass kein Spielraum für individuelles Selbst-Bewusstsein bleibt. Solche Formen von Kollektivbewusstsein haben gewöhnlich religiöse Gestalt. Die absolute Autorität erscheint personalisiert und wird durch kollektive performative Rituale - körperliche und Sprech-Rituale - in ihrer Verbindlichkeit bestätigt. Die Personalisierung überträgt wie eine Metapher ein aus der Sippe bekanntes Autoritäts-Modell auf die gesamte Gemeinschaft – Gott ist Vater (oder Mutter). Das Kollektiv-Bewusstsein schafft soziale Realität.

Aus dem letzten Jahrtausend v.u.Z., so jedenfalls der amerikanische Psychologe Julian Jaynes, gibt es schriftliche Zeugnisse, die die ersten Zeichen eines neuen Ich-bezogenen Bewusstseins dokumentieren (zu der Frage: „Wie das Ich entstand“, vergl. M-G-Link). Erst in den assyrischen Staatsbriefen des siebten Jahrhunderts v.u.Z. erscheint die Welt der Herrscher als eine der Empfindlichkeiten, Ängste, der Habgier, Widerborstigkeit und Bewusstheit. Erst in der griechischen Kultur seit dem 6. Jahrhundert ist „psyche“ nicht mehr der Atem, sondern eine Metapher für die Seele. Aus derselben Zeit stammt die Aufzeichnung der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies – die Menschen können sich dem Willen der Götter, also dem Kollektiv-Bewusstsein widersetzen und empfinden Scham, haben also individuelles Selbst-Bewusstsein.

Selbst-Bewusstsein und Selbst-Erkennen spielt sich in unseren Köpfen ab. Gefühlsmäßig „zuhause“ ist auch der Mensch nur bei mittleren Entfernungen und Zeiten, kleinen Geschwindigkeiten und Kräfte, bei geringer Komplexität. „Mesokosmos“ nennt der Evolutions-Theoretiker Gerhard Vollmer diese Welt. Nur im Mesokosmos hilft die Intuition, und aus diesem Bereich nimmt die Sprache ihre Metaphern, mit denen sie Brücken in die Welt der kulturellen Konstruktionen baut. Das aufgeklärte Denken der Schriftkultur und die darauf aufbauende wissenschaftliche Erkenntnis überschreiten die Grenzen des Mesokosmos – der Mensch muss bei solchen gedanklichen Reisen seine Vorstellungskraft und Intuition zurücklassen. Die Schriftsprache ermöglicht es, über Gedanken nachzudenken, ein „Bewusstsein des Bewusstseins“ zu entwickeln. Gedankliche Konstruktionen können auf Begriffsklassen und abstrakten Worten aufgetürmt werden. Die Schriftsprache löst das Nachdenken von der unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung. Im Gedächtnis können sprachliche Konstruktionen gespeichert werden. Die Speicher-Funktion von Medien, von Tagebuch-Notizen und Familienbildern, potenziert den möglichen Umfang des autobiografischen Gedächtnisses und bereichert damit die Komplexität des „autobiografischen Selbst“ und eines möglichen Nachdenkens über das Ich.

Naturwissenschaften haben ihre eigenen Instrumente, etwa zur Erforschung von Wellenlängen, bei denen sich Auge oder Ohr nicht mehr zu Hause fühlen. Die Mathematik führt in ferne Galaxien: Quantentheorie oder Chaostheorie übersteigen den in der Evolution entwickelten praktischen Menschenverstand.

Visuelles Bewusst-sein

Auch wie wir das sehen, was wir Sehen, ist das Ergebnis eines kulturellen Lernprozesses. Das Geheimnis des Seh-Sinns liegt darin, wie der reine Anblick des Bildträgers mit Sinn ausgestattet wird. (siehe dazu den Text über Bilder im Kopf M-G-Link) Von der äußeren phänomenalen Welt filtert das Gehirn nur einige Reize heraus, denen es „Aufmerksamkeit” zukommen lässt und die damit (bewusst) wahrgenommen werden. Vollmer: „Die subjektiven Erkenntnisstrukturen ... (haben sich) im Laufe der Evolution in Anpassung an diese reale Welt herausgebildet.“ Unser Wahrnehmungssystem liebt dabei keine Zweideutigkeiten, es neigt dazu, dem Bewusstsein eine eindeutige Interpretation vorzuführen. Die Wahrnehmung dient der Orientierung, um ein sinnvolle Reaktion vorzubereiten. Es sei deshalb biologisch zweckmäßiger, interpretiert der Evolutionsbiologe Vollmer, sich für eine spezielle Interpretation zu entscheiden – auch wenn sie nur 50 Prozent  Erfolgsaussicht bringt. Der größere Anteil des handlungs-steuernden visuellen Gedächtnisses ist allerdings unbewusst.

Menschliches Denken ist selbstbewusstes kommunikatives „Werkzeugdenken”

Auch bestimmte Säugetiere können sich merken, wo was ist, sie können Ähnlichkeiten kategorisieren, Probleme durch Einsicht lösen. Sie haben ein „Werkzeugdenken", können Gegenstände für ein naheliegendes Ziel zu verwenden. Schimpansen können Individuen in sozialen Gruppen erkennen, Freundschafts- und  Verwandtschaftsbeziehungen und Koalitionen eingehen, wichtige Fertigkeiten bei Artgenossen abgucken. Primaten haben ein Verständnis von den sozialen Beziehungen Dritter. Sie verfügen über phonetische Gebilde, die bestimmten Situationen zugeordnet sind, über emotionale Lautreaktionen für die Situation der Lust, des Ärgers, der Futtererwartung, der Aggression oder Flucht usw.
Primaten verstehen ihre Umwelt aber weder als intentional noch kausal, sie erinnern Zusammenhänge als „Wenn-dann“-Abfolgen. Sie halten nicht Gegenstände hoch, um sie anderen zu zeigen. Sie haben Probleme, bewusste Täuschung zu erkennen. (3)
Auch kleine Menschenkinder sind „Imitationsmaschinen“, sie machen ohne Sinn und Verstand alles nach. Sie sind in ihren vorsprachlichen kognitiven Fähigkeiten durchaus den Schimpansen vergleichbar. Deutlich ist ein Unterschied: Primatenmütter halten viel unmittelbaren Körperkontakt, sie lassen ihren Jungen keine komplexe kommunikative Zuwendung zuteil werden. Es sieht so aus, als würde die kommunikative Besonderheit menschlicher Primaten in der besonderen Aufmerksamkeit gründen, die Säuglinge wegen ihrer besondern Hilflosigkeit erfahren.

„Die geistigen Fähigkeiten des Menschen haben klare Vorstufen bei Tieren, insbesondere bei Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans sowie bei Delfinen. Dies gilt für verschiedene Bewusstseinsstufen wie das Erleben von Sinneseindrücken, Selbsterkennen und Ich-Identität, Aufmerksamkeit, bewusste Handlungsplanung einschließlich des Einkalkulierens dessen, was andere denken und planen.“ (Gerhard Roth)

Nach ihrem ersten Lebensjahr entfaltet sich diese Fähigkeit – zusammen mit der Sprache. Menschen lernen andere (Menschen, Tiere, Stoffpuppen) als intentionale Wesen verstehen und suchen nach kausalen Beziehungen zwischen unbelebten Gegenständen.

Säuglinge entfalten eine Koppelung von Gebärden und Lauten, wie auch Schimpansen sie kennen und von Menschen lernen können. Während die spezifischen kommunikativen Verständigungslaute der Tiere nur ich-bezogen funktionieren, entwickelt sich beim Kind ein Verständnis des Gegenübers als intentionalem Subjekt. Menschliche Empathie geht weit über die der Schimpansen hinaus. Kinder im Alter von 1-2 Jahren helfen anderen, auch wenn sie dafür nicht unmittelbar belohnt werden, sie können abgeben – zeigen prosoziales Verhalten, intrinsische Selbst-Belohnung. Schimpansen geben nur Dinge ab, die unwichtig sind.

Selbst-Bewusstsein ankert in der Tiefe des Unbewussten

Von den Nervenverbindungen in der Großhirnrinde des modernen Menschen ist nur jede Millionste außen zu Sinnes-Rezeptoren verknüpft. Das ist ein Hinweis darauf, dass auch das Großhirn in einer abgeschlossenen Welt ganz stark mit sich selbst kommuniziert.
Unser Gehirn, sagen uns die Neurobiologen, arbeitet sehr intensiv, während im Schlaf das Bewusstsein abgeschaltet ist und die Muskeln entspannen. Die Biologen können nur die Aktivität messen, etwa die Aktivierungsmuster zwischen Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis. Was da sonst passiert, liegt im Dunkeln. Manchmal kommen Fetzen beim Aufwachen an die Oberfläche des Bewusstseins – Träume. Wenn überhaupt liefern Träume einen Hinweis darauf, was in der Tiefe des Gehirns passiert. Träume sind Bild-Assoziationen, von Emotionen durchtränkt, meist jenseits jeder Alltags-Logik. Manchmal wachen wir auch mit einer Idee auf, einem bestimmten Satz, einer Formulierung, die sich auf Fragen bezieht, mit denen wir abends schlafen gegangen sind. Offenbar werden im Unterbewusstsein  auch sprachliche Gebilde, nicht nur Emotions-Bilder, weiter verarbeitet. Offenbar werden emotionale, akustische und  visuelle Sinneseindrücke, Gefühle, Worte und Bilder, von derselben Elektrochemie verarbeitet.
Das, was in die morgendliche Traum-Erinnerung aufsteigt, sind schon Rationalisierungen der unbewussten mentalen Tiefenstrukturen. Sie geben Hinweise auf den heißen Kern voller psychischer Naturgewalten, auf dem die kühle berechnende Vernunft schwimmt wie die Erdkruste auf dem heißen, unter hohem Druck stehenden Erdinneren. Das erlebte Ichgefühl, so der Philosoph Thomas Metzinger, ist eine Schöpfung unserer Hirnfunktionen, das bewusste Selbst ist ein Produkt der Evolution.
Die chaotische Vielfalt unterschiedlicher Sinnesreize und Wahrnehmungen, die über den Körper aufgenommen werden und müssen im Gehirn im Hinblick auf die Handlungsfähigkeit des Körpers koordiniert werden. Das Gehirn erzeugt dazu ein Selbstbewusstsein, zu dem auch ein biographisches Ich-Konstrukt gehört. Das Selbst-Bewusstsein fasst verschiedene Funktionen, die auch neurologisch an unterschiedlichen Stellen des Gehirns verortet sind, unter dieser Vorstellung zusammen, erklärt der Neurobiologe Gerhard Roth. Das ist experimentell über Krankheitsbilder belegt: Verletzungen von bestimmten Stellen des Gehirns können zu ganz spezifischen Ausfällen der verschiedenen Funktionen führen, was wir als „Ich“-Bewusstsein zusammenfassen. (4) Das „ICH“ ist ein spätes Produkt der frühkindlichen Entfaltung des Gehirns und ein Synthese-Produkte des menschlichen Denkens.

„Prozesse, die in Bereichen des Gehirns außerhalb des Cortex ablaufen - so kompliziert und wichtig für das Entstehen geistiger Zustände sie auch sein mögen - sind grundsätzlich unbewusst“, sagt Roth: Nur das kann uns bewusst werden, was mit der Aktivität der Großhirnrinde (Cortex) verbunden ist. Die Hirnforscher haben auch versucht, zu messen, was bei Bewusstseinsprozessen passiert. Vorläufiges Fazit: Bewusstseinszustände scheinen mit einer Erhöhung des Hirnstoffwechsels verbunden, sind also Umverknüpfungen vorhandener Nervennetze in der Großhirnrinde. Narkosemittel blockieren die Erhöhung von Hirnstoffwechsel und Hirndurchblutung – und beeinträchtigen in dosierbarer, voraussagbarer Weise den Bewusstseinszustand. „Funktionen bewusster geistiger Zustände“, so formuliert Roth, „treten in Gehirnen von Menschen und nichtmenschlichen Tieren immer dann auf, wenn es darum geht, komplexe Informationen über die Umwelt und den eigenen Körper mit Gedächtnisinhalten und damit mit früheren Erfahrungen zu vergleichen und dies in den Dienst flexibler Verhaltensplanung zu stellen. Bewusstsein führt in einigen Gehirnen zur Ausbildung einer ‚mentalen Welt’, in der ein fiktiver Akteur – beim Menschen verbunden mit einer Ich-Empfindung – wahrnimmt, denkt, fühlt  und plant.“ (Roth)

Und die Psyche?

Im Gehirn eines Säuglings entstehen pro Minute 250.000 neue Nervenzellen, pro Sekunde werden 1,8 Millionen neue Verbindungen zwischen diesen Neuronen geknüpft. Die menschliche Psyche entsteht in diesem komplexen Gebilde. Ist es überhaupt denkbar, dass sich diese Ich-Maschine selbst versteht? Persönlichkeit und Charakter des Menschen formen sich in großen Teilen in den ersten drei Lebensjahren im Zusammenhang mit der Ausbildung des limbischen System. Dort wird die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen im Wesentlichen festgelegt. „Das limbische System bewertet alles, was wir tun, nach Kriterien wie gut/erfolgreich/lustvoll beziehungsweise schlecht/erfolglos/schmerzlich und speichert die Resultate dieser Bewertung ab. Es nimmt bereits im Mutterleib seine Arbeit auf, viel früher als die typisch menschlichen Formen des Bewusstseins, insbesondere des Ich, der bewussten Handlungsplanung und des bewussten Wissens entstehen (ab dem vierten Lebensjahr). Das grundlegende Verhältnis eines Individuums zu sich, zur Welt und insbesondere zu anderen Menschen formt sich also weitgehend unbewusst und bildet den Rahmen, in den hinein spätere Erfahrungen gemacht werden.“ (Roth) Die Netzwerke in den limbischen, unbewusst arbeitenden Zentren des Gehirns können schwer „vergessen“, dem „entspricht die Erfahrung, dass sich erwachsene Menschen in ihren Grundstrukturen nur aufgrund emotional stark besetzter Ereignisse ändern, nicht aber durch bloße Einsicht.“

Dem bewussten Ich-Gefühl mit seinen Handlungsplanungen und Handlungsbewertung sind diese Antriebe und Bewertungen aus dem unbewussten Teilen des Gehirns nur sehr begrenzt zugänglich. Aus der klinischen Neurologie ist das Phänomen der Konfabulation bekannt. Oliver Sacks hat eindrucksvoll berichtet, welche Phantom-Schmerzen seine Patienten in Gliedmaßen, die amputiert sind, empfinden. Subjektiv erleben sich Korsakow-Patienten als frei, sie fabulieren ihr ICH als Verursacher von Handlungen. An diesen Menschen mit spezifischen Gehirnläsionen wird auch deutlich, wie das normale Gehirn funktioniert.

Die Beeinflussung durch die limbischen Ebenen nimmt das menschliche Bewusstsein nicht wahr. Der Ursprung emotional begründeter Wünsche und Absichten bleibt uns rätselhaft. Dass das dem bewussten Ich unerträglich ist, zeigen die leeren sprachlichen Muster, die als Erklärungen kommuniziert werden. „Ich liebe eben Lila”, suggeriert einen Grund und sagt doch eigentlich gar nichts. Das Sprechmuster „Ich bin eben so” signalisiert, dass es Unerklärliches gibt im Ich, das auch nicht verhandelbar sein soll. In der Regel kapituliert das Bewusstsein aber nicht in solchen schlichten Floskeln, sondernkonfabuliert, d.h. es liefert aus Sicht des Beobachters Pseudo-Erklärungen, und zwar in der Regel solche, die dem Selbstwertgefühl und den Erwartungen der sozialen Umgebung am besten entsprechen.” Frei fühlt sich ein Mensch, „wenn er dem, was er tut, zustimmen kann.“ (Roth)

Der pragmatische Sinn des Selbst-Bewusstseins

Das Selbst-Bewusstsein reorganisiert den Selbsterhaltungstrieb auf kognitiver Ebene zu einem elementaren Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit in der feindlichen Umwelt. Auffallend ist, wie alle alten Religionen nicht nur solidarische (Überlebens-)Gemeinschaften stiften, sondern auch die  menschliche Urangst aufgreifen und ihre jeweilige geistige und moralische Ordnung als Vor- und Fürsorgesystem anbieten. Auch religiöse Überzeugungen sind  eine Schöpfung unserer Hirnfunktionen, ein früher Versuch, unbegreiflichen Zusammenhängen einen Sinn zu geben, die Angst durch eine umfassende Erklärung zu kultivieren und zugleich die Unvermeidbarkeit von Schmerz und Tod zu „integrieren” in das Selbstbild. Glaubenssystems enthalten eine Zusage für Sicherheit, wenn auch meist erst in einem anderen Leben, und gleichzeitig vielfältige Erklärungen für erfahrenen und drohenden Schmerz. „Religiöser Glaube erscheint als eine geniale, häufig sehr wirksame und robuste Strategie, das eigene subjektive Erleben zu designen.“ (Thomas Metzinger) Auch die Idee der Unsterblichkeit ist eine selbstverliebte Konstruktion aus dem Neuronengewitter des Gehirns.

Unser „unbewusstes Erfahrungssystem“ wird einbezogen, wenn wir Handlungen planen: „Das weitgehend sprachlich-sozial vermittelte ICH baut seine eigene Rechtfertigungswelt für unser Handeln auf, die oft wenig mit dem zu tun hat, was die unbewusst arbeitenden Gehirnzentren entscheiden. Das Ich ist nicht der ‚Herr im Hause’, sondern ein Konstrukt des Gehirns zur besseren Planung und Ausführung komplexer Handlungen, insbesondere im Bereich sozialer Kommunikation.“ (Roth)

Zum menschlichen Selbst gehört als starker Antrieb das Erleben von Freude und Glück, doch die psycho-mentale Evolution hat dem Menschen nicht die Möglichkeit permanenten Glückserlebens beschert: Die Biochemie des Glückes produziert das gute Gefühl nur als Kontrastwirkung zu Nicht-Glück, permanentes Glück würde langweilig. „Das Ego ist die hedonische Tretmühle“, sagt Metzinger. „Wir sind biologische Systeme, die dazu verdammt sind, ständig nach Glück zu streben, die versuchen müssen, sich so gut wie möglich zu fühlen – nur dummerweise erlauben das Belohnungssystem in unserem Gehirn und unsere Art von emotionalem Selbstmodell keine stabile Form des Wohlfühlens.“ Und: „Wenn man ein gutes Bild davon hat, wer man ist, woher man kommt und wohin man geht, dann ist es einfach viel leichter, auf Reize zu reagieren, Pläne zu schmieden oder schwierige Entscheidungen zu treffen. Evolutionär gesehen war es also nur sinnvoll für den Organismus Mensch, ein solches Werkzeug zu entwickeln.“

Menschen sind, fasst Metzinger provokativ zusammen, „biologische Ego-Maschinen ohne unsterbliche Seelen“. Die Menschen haben eine sprachlich und kulturell entwickelte Form von selbst-bewusster Subjektivität in das physikalische Universum gebracht. Personalität ist dabei ein sozial eingebundenes Selbstbild: Ohne wechselseitige Anerkennungsbeziehungen, die durch Kommunikation immer wieder bestätigt werden müssen, gibt es kein Bewusstsein der eigenen Identität.

    vgl. zur Entstehung des Bewusstseins den Text:  Wie das ICH entstand  M-G-Link
    und
    die Texte 
    Schrift, Buchdruck-Kultur und die Gesellschaft der Individuen   M-G-Link 
    Selbst im Netz - Identitätskonstruktionen in der digitalen Medien-Gesellschaft   M-G-Link
    Zum „kommunikativen” Gedächtnis M-G-Link

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    (1) Das gilt auch für die Neanderthaler, ob wohl diese für ihre Kultur, wie Paläontologen aus der höheren Lage des Kehlkopfes schließen, rein physisch nicht über die differenzierten Laute des Sprechapparates des homo sapiens verfügten.

    (2)  In diesem Zusammenhang ist es natürlich spannend, die geistige Entwicklung von Menschen, die von Geburt an gehörlos sind, zu untersuchen. Nach Wygotskis ist die Entwicklung von Sprache und Geisteskraft ein sozialer und vermittelter, aus der Interaktion zwischen Erwachsenem und Kind entstehender Prozess, in dessen Verlauf das kulturelle Instrument Sprache verinnerlicht wird, um Denken zu ermöglichen. Ein Mensch ohne Sprache ist nicht geistig behindert, aber er ist auch bei kulturell anregendem Milieu in seinem geistigen Entfaltungspotential gebremst, weil das das Spektrum seiner Wahrnehmungsverarbeitung und Gedanken zunächst auf eine nichtsprachlich erfahrbare, kleine Welt begrenzt ist – den „Mesokosmos“.
    Die Gebärdensprache kann die Wort-Sprache nur teilweise ersetzen, die  komplexeren Ergebnisse des kulturellen Lernprozesses der Menschheit lassen sich nur ungenügend in Gebärden übersetzen. Auch das unmittelbare „Verständnis“ einer Situation gemäß den Kriterien unserer Kultur ist in starkem Maße ein wortgebundener Akt, da im Gehirn auch Assoziationen mit verarbeitet werden, die das, was in den unmittelbaren Empfindungen und Wahrnehmungen steckt, überschreiten und in vorhandene Verständnismuster einsortieren. Gehörlose können nur schlecht „paradigmatische Relationen“ nutzen, sagen die Linguisten, sind beschränkt auf syntakmatische Relationen.

    (3) Ausgerechnet Raben scheinen da eine Ausnahme zu machen. Manfred Dworschak hat das sehr schön zusammengefasst. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-51074762.html

    (4) Gerhard Roth listet auf: „Beeinträchtigungen und Verletzungen des assoziativen Cortex im Bereich des Scheitel-, Schläfen- und Frontallappens führen zu tiefgreifenden Ich-Störungen.
    Störungen im rechten Parietallappen führen zur Beeinträchtigung des Körper-Ich, der Verortung des Selbst im Raum, zu Egozentrismus und Verlust der Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln.
    Störungen im rechten unteren und medialen Temporallappen führen zu Pedanterie in Sprache und Handeln, zu Egozentrik und verstärkter Aggressivität. Man spricht in diesem Zusammenhang von einer Temporallappen-Persönlichkeit".
    Beeinträchtigung im medialen Temporallappenbereich (Amygdala) führt zu erhöhten Angstzuständen, Verletzung des Bereichs der Hippocampus-Formation und der entorhinalen Rinde zu anterograder und retrograder Amnesie, Verletzung des anterioren Pols des Temporallappens zum Verlust des autobiographischen Gedächtnis.
    Beeinträchtigungen im Bereich des dorsalen präfrontalen Cortex führen zum Verlust divergierenden Denkens, zur Unfähigkeit zur Entwicklung alternativer Strategien und spontanen Handelns, zu unflexiblem Handeln, zu Fehleinschätzung der Relevanz externer Ereignisse.
    Beeinträchtigung im Bereich des ventralen (orbitofrontalen) Cortex führen zu erhöhter Risikobereitschaft, allgemein zu asozialem" Verhalten, d. h. Verletzung von gesellschaftlichen, ethischen, moralischen Regeln.
    Diese Befunde unterstreichen, dass das Ich ein Gebilde ist, das aus vielfältigen, z.T. völlig unterschiedlichen Komponenten zusammengesetzt ist, die sich auf noch unbekannte Weise in jeder Sekunde unseres Selbsterlebens in unterschiedlicher Weise zusammenfügen. Dies erklärt auch das typische Fluktuieren des Ich-Gefühls.(Roth, Wie das Hirn die Seele macht)

Lesenswerte Literatur:

    Thomas Metzinger, Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik (2009)
    Steven Pinker, Wie das Denken im Kopf entsteht (1998, 2. Auflage 2002)
    Wolfgang Prinz: Selbst im Spiegel. Die soziale Konstruktion von Subjektivität (2013, engl. Open Minds. The Social Making of Agency and Intentionality, 2012)
    Gerhard Roth, Wie macht das Gehirn die Seele? (2003)
    Gerhard Roth, Fühlen, Denken, Handeln: Wie das Gehirn unser Verhalten steuert (2003)
    Gerhard Vollmer, Wieso können wir die Welt erkennen? (2003)
    Wolf Singer, Der Beobachter im Gehirn (2002), vgl. auch Singer zur Entstehung eines ICH-Bewusstseins Link