Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen

3 AS neu 200

ISBN 978-3-7418-5475-0
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at)wolschner.de

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche Wirklichkeits-Konstruktion im „Jahrhundert des Auges“

3 VR neu 200

ISBN 978-3-7375-8922-2
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at) wolschner.de

Gehirngespinste: Gehirn spinnt Sinn

Wie das Gehirn Wirklichkeitsbewusstsein konstruiert

 2016 AS2
 „Kunst ist eine Lüge, 
die uns die Wahrheit erkennen lässt“ 
Pablo Picasso  

Wirklichkeits-Bilder entstehen im Kopf. Sehen bedeutet nicht einfach Wahrnehmen des Sichtbaren. Das Gehirn verfügt nicht über ein Bilderbuch, genauso wenig wie die Festplatte eines Computers. Im Gehirn gibt es auch keine symbolischen Repräsentationen, sondern nur kurzzeitig gebildete und sich sofort wieder auflösende komplexe Aktivierungsmuster im Netzwerk der Synapsen. Bevor Sinneseindrücke der äußeren materiellen Umwelt in den Kopf hinein gelangen und dort zu Bewusstsein von Wirklichkeit werden können, werden sie in neuronale Impulse umgewandelt.
x Schädelknochen




Hinter den Schädelknochen gibt es kein Licht,
keinen Ton, keinen Schmerz. Kein Gefühl.
Keine Nerven für Sinnesempfinden - deswegen können Gehirnoperationen bei vollem Bewusstsein durchgeführt werden.
Die physikalischen Reize der Außenwelt werden ungestört von direkten Rückkopplungen verarbeitet.

Der menschliche Geist sitzt da abgeschirmt wie in einem Bunker.
 
Woher weiß er, was wir wissen sollen?


 



Im Gehirn kommen nur periodische elektrische Entladungen an, ob wir sehen oder hören, schmecken oder tasten. In der Neurophysiologie der Großhirnrinde haben Hirnforscher keine grundsätzlichen Unterschiede bei der Verarbeitung akustischer, visueller oder taktiler Sinnesreize gefunden. Unser Gehirn deutet Nervenimpulse nach dem Ort ihres Eintreffens: Es weiß nur, auf welcher Nervenbahn ein Impuls eingetroffen ist und konstruiert daraus Farben und Formen, Bäume und Häuser, Landschaften und Gesichter, Wörter, Sätze und Gedanken. Viele Einzelheiten der Umwelt bleiben dabei unbemerkt, weil der Mensch über keine entsprechenden Sinnesorgane für sie verfügt. Das Gehirn verarbeitet die Reize, die es empfängt, vergleicht sie mit seinem Gedächtnis für ähnliche Reize und setzt daraus in einem komplizierten Prozess unser Bewusstsein von Wirklichkeit zusammen – es entsteht ein „inneres“ Wirklichkeitsbild, das etwas anderes ist als die Summe der neurophysiologischen Impulse (Emergenz).

Die Vorstellung, die Welt sei durch unsere Sinne ganz unmittelbar und selbstverständlich wahrnehmbar, ist eine Illusion, die das Gehirn dem Bewusstsein vorspielt, aber diese Illusion ist sehr praktisch im Sinne von lebensdienlich.  

Das Gehirn ist kein Computer, sondern ein kompliziertes Netz aus Milliarden von Nerven, die lernfähig sind, die viele Arbeitsschritte gleichzeitig vollziehen können und eine Basis für intuitive Interpretationen und intuitives Verhalten sind. Unser Gehirn entscheidet nach Wahrscheinlichkeiten und spielt dem Bewusstsein gleichzeitig Eindeutigkeiten vor. Wobei es als Ergebnis „evolutionären Flickschusterei“ verstanden werden muss. Das menschliche Großhirn ist eine neue Entwicklung der Evolution. Der Schädel des affenähnlichen Australopithecus hatte vor drei Millionen Jahren einen Rauminhalt von 450 Kubikzentimetern, in seiner Entwicklung zum Homo sapiens hat das Volumen sich verdreifacht – durch Anbauten. Der Neuropsychologe Robert Ornstein hat für das Gehirn das Bild von einem alten, baufälligen Haus benutzt, das mehrfach durch Anbauten erweitert wurde und in dem alte Zimmer neu genutzt werden.  Das menschliche Gehirn umfasst das evolutionsgeschichtlich alte, kleine Reptilienhirn (Hirnstamm), mit dem primitive Wirkeltiere auskommen müssen. Es steuert noch beim Menschen grundlegende Körperfunktionen wie Atmung, Gleichgewicht, Bewegung im Raum. Das später entwickelte Säugetierhirn (Zwischenhirn) steuert insbesondere die überlebenswichtigen Emotionen. Darüber hat sich in der Evolutionsgeschichte die dünne Schicht des Großhirns gelegt, der Cortex. Die Funktionen der drei arbeiten gelegentlich Hand in Hand und meist in fröhlicher Konkurrenz.

Das merken wir immer wieder, wenn unser Verhalten stärker durch emotionale Antriebe und Gefühle gesteuert Werden als durch alle vernünftigen „Gesichtspunkte“. Für die Konkurrenz der verschiedenen Bereiche des Gehirns ist die Gewohnheit des Tabakrauchens ein schönes Beispiel. Selbst drastische Appelle an den Verstand - „Rauchen kann tödlich sein“ – dringen oft nicht in die tieferen schichten des Gehirns durch. Das Handeln ist ein wichtiger Korrektur-Mechanismus der Wahrnehmung. Wer sich an der rot glühenden Herdplatte die Finger verbrannt hat, findet sie nicht mehr schön, sondern gefährlich.

Die emotionalen Programme im Gehirn sind der bewussten Kontrolle weitgehend entzogen. Die instinkthaften Verhaltensimpulse des Reptiliengehirns sind durch Lernen kaum beeinflussbar oder beherrschbar. Duftende Speisen oder verlockende Signale, die ein sexuelles Abenteuer zu versprechen scheinen, schalten den oben aufsetzenden menschlichen Verstand aus. Gefühle haben Auswirkungen auf Wahrnehmungen und Entscheidungen, wir können Dinge umso leichter im Gedächtnis behalten, je mehr wir mit ihnen Gefühle verbinden.

Unser Säugetierhirn lernt in der Regel durch schlichte Konditionierung und unmittelbar erfolgende Belohnung. Nur das Menschenhirn kann mit Hilfe der Sprache intelligent Lernen, ist offen für Argumente und kann komplizierte und langfristige Verhaltensfolgen bedenken. Wie das Menschenhirn das, was im Gehirn über die Umwelt und das eigene Verhalten als Zusammenhang konstruiert wird, zu Bewusstsein bringt, ist kulturell bedingt. Ein ersehnter Regenguss kann für einen Bauern früherer Kulturen eine „göttliche Fügung“ sein, für einen modernen Stadtmenschen ein meteorologischer Vorgang.

In das menschliche Bewusstsein drängen sich die rationalen Figuren von Sprache und Vernunft – und neigen dazu, die emotionalen und intuitiven Prozesse im Gehirn entweder zu verdrängen oder zu überformen, im Sinne der kulturgeschichtlich entwickelten Vernunft zu interpretieren. Aber das Gehirn ist nicht in erster Linie ein Organ des bewussten und vernünftigen, sprachlogischen Denkens. Das betrifft nur einen speziellen Bereich, den wir gewöhnlich überbewerten, weil er unser Bewusstsein dominiert. Das Gehirn hat sich zur Interpretation und Kontrolle von Körperfunktionen entwickelt, formuliert Ornstein trocken: „Sprache, Denken, Wahrnehmung, Intelligenz, Bewusstsein sind nur ein kleiner Bruchteil der Hirnfunktionen.“

Das Gehirn versucht die Ungereimtheiten zwischen den „Teilwirklichkeiten" der einzelnen Sinne sowie zwischen der gegenwärtigen und der im Gedächtnis gespeicherten „Wirklichkeit" auszugleichen. Für die Wirklichkeits-Konstruktion ist Konsistenzprüfung der Sinneseindrücke und ihr Abgleich mit den im Gedächtnis abgespeicherten alten Sinneseindrücken und Wirklichkeits-Konstruktionen entscheidend. Aus der Fülle der im neuronalen Netzwerk des Gehirns parallel ablaufenden Verarbeitungsprozesse kann zu einem Zeitpunkt nur ein Vorgang ausgewählt und an das Bewusstsein „gemeldet“ werde. Das Bewusstsein ist ein kleiner, seriell arbeitender Teil des Gehirns, während die unbewussten Gehirnfunktionen parallel verschiedene Prozesse bearbeiten können.

Sehen, Hören, Tasten und Riechen sind kulturelle Aktivitäten. Die Vorstellungs-Bilder in unserem Bewusstsein sind mentale Bilder. Als symbolische Formen sind sie Modelle unserer Wirklichkeits-Wahrnehmung und Repräsentationen unserer geistigen Tätigkeit. Die Verarbeitung der Sinneseindrücke zu „Vorstellungen“ fügt hinzu, interpretiert, ordnet ein in einen räumlichen und zeitlichen Kontext, integriert individuelle und kollektive Erfahrungen. Ein mentales Bild ist immer Real-Abbild und Affektbild gleichzeitig. So versucht die Vorstellung dem Abbild eines Gesichtes beinahe selbstverständlich die Erfassung eines seelischen Zustands hinzuzufügen. Vorstellungs-Bilder sind somit Ergebnisse kreativer Handlungen. Vorstellungs-Bilder sind von den Strukturen unserer Sinneswahrnehmungen geprägt und von dem kulturellen Gedächtnis, in dem auch die Sprache die kommunizierbaren Erfahrungen festigt. 

Dabei geht es, wenn wir über mentale Vorstellungs-Bilder sprechen und sie uns bewusst zu machen versuchen, keineswegs nur um visuelle Vorstellungen, auch wenn der Wortschatz vorwiegend aus dem Gebiet des Sehens stammt. Es gibt auch Gehörbilder, Geschmacksbilder, Geruchsbilder und Tastbilder, also Vorstellungen und Gedächtnis-Eindrücke, die zunächst ohne visuelle „Bilder“ entstehen. Ich habe eine intuitive, unbewusste Vorstellung von „Ärger“, das Bild von Menschen, die sich ärgern, kommt hinzu. 

Die Frage, wie Reize im Gehirn zu Bewusstsein von Realität werden, betrifft die Medienwissenschaft fundamental. Die kognitiven Fähigkeiten des homo sapiens sind Ergebnisse eines evolutionären Entwicklungsprozesses. Die Sozial- und Kulturgeschichte der Menschheit in den letzten 10.000 Jahren hat keine neuen kognitiven Strukturen hervorgebracht, sondern die vorhandenen Grundfähigkeiten im Rahmen einer kulturellen Entwicklung differenziert und verfeinert. Das virtuelle Bild, das sich das Bewusstsein aus den Sinnesreizen zusammendichtet, muss plausibel, d.h. vor allem handlungsrelevant sein. 

Um wirklichkeitsanalog zu wirken müssen Medien keine vollständige Repräsentation der Realität bieten. Symbole können enorm handlungsmächtig wirken. Insbesondere Kinder können vor Trickfilmen genauso „mitfiebern“. Sie sehen oft lieber Trickfilme, weil die filmische Darstellung sich da aufs Wesentliche konzentriert. Erwachsene brauchen meist die komplexere bildliche Darstellung der Realität, um innere Emotionen zu mobilisieren.

Das Gehirn ist keine Festplatte mit Ton- und Bild-Dateien

Das Sehen, das Kleinkinder in den ersten Lebensmonaten lernen müssen, ist schon eine neuronale Schöpfung des Gehirns. Auf die Netzhaut kommen nur flüchtige, zweidimensionale Lichtmuster. Die Sinneseindrücke werden im Gehirn zu „Vorstellungen“ interpretiert und geordnet. Säuglinge müssen das dreidimensionale Sehen mühsam erlernen.  Sehen lernen bedeutet immer aktives Herumtasten und Abgleichen der sprachlichen Begleitlaute, mit denen diejenigen, unter deren Aufsicht ein Kind sehen lernt, die Objekte bezeichnen. Wer als Kind einmal an den Weihnachtsmann geglaubt hat, findet die damit verbundenen visuellen, akustischen und emotionalen Vorstellungen als Erwachsener dank seiner Erinnerungen immer noch vertraut und positiv besetzt. Das Sehsystem mobilisiert im Gehirn weit mehr neuronale Datenmuster als eine reine „Speicherung“ der Netzhaut-Bildes benötigen würde.

Bild-Wahrnehmung ist mehr als das neurophysiologische Sehen. Akustische und optische Sinnes-Reize sind meist vieldeutig, erst die Reizverarbeitung filtert Formen und Farben und verwandelt das zweidimensionale Netzhautbild in dreidimensionale Welt.  
Egal ob eine Tomate grün ist oder rot, ob sie oval kugelrund geformt ist oder irgendwie unförmig, ob sie riecht oder ob noch unreif ist – ich „begreife“ die unterschiedlichen Dinge, die ich wahrnehme (= für wahr nehme), kraft meines aufmerksamen Verstandes als Exemplar der Gattung Tomate. Der Realitätseindruck, die spontane Wirkung von visuellen Sinnesreizungen, ist abhängig vom kulturellen Wissen der Sehenden.

Das Gehirn produziert übrigens auch das Muster eines Abbildes des Körpers als Selbst-Bild. Und da kann einiges schief gehen: Berühmt ist das Beispiel von dem Patienten des Neurologen Oliver Sacks, der in seinem Bett ein „fremdes“ Bein entdeckt, es raus warf – und selbst hinterherstürzte. Er erkannte das Bein als Bein – aber nicht als sein Bein. Das sind offenbar zwei verschiedene Prozesse, die an unterschiedlichen Orten im Gehirn lokalisiert sind. Hirnverletzungen können dazu führen, dass bei der Abbildung der Realität im Wirklichkeits-Bewusstsein systematische „Fehler“ unterlaufen. Aus den Fehlfunktionen von Hirngeschädigten haben die Neurologen viele Erkenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns gewonnen.

Erstaunlich ist, dass der Mensch kaum Bewusstsein hat von den vielfältigen Sensoren, die seine eigene körperliche Realität überwachen und steuern. Insbesondere von den Verarbeitungsprozessen im Gehirn spürt der Mensch nichts. Verletzungen im Gehirn verursachen nicht einmal einen diffusen Schmerz, wie das bei anderen inneren Körperorganen der Fall ist. Das  Selbst-Empfinden des Leibes ist aber von den Modellen und dem Vokabular der Naturwissenschaften geprägt. Wie ein Verständnis des Leibes ohne diesen mentalen Ballast möglich wäre, ist das Thema der Leib-Phänomenologie des Philosophen Hermann Schmitz.

Handlungsorientierte Selektion der Sinne

Die biologischen Sinnesorgane selektieren die wahrnehmbaren Signale der Außenwelt. Jedes Erkennen setzt die Selektion und Strukturierung der Reiz-Fülle voraus, mit der sich der Geist vor einer Überschwemmung mit mutmaßlich unnützen Informationen schützt: Schlichte Abbilder der Realität wären voller „Rauschen“. Ein Fledermaus-Gehirn nimmt eine andere Realität wahr als ein Ratten-Gehirn, als ein Frosch oder ein Schwarm Honig-Bienen. Tiere, die lernfähig sind in dem Sinne, dass Erfolg und Misserfolg ihres Verhaltens Folgen hat für ihr zukünftiges Verhalten, müssen eine Erinnerung an eigenes Verhalten haben und diese Erinnerung mit einer gewissen Repräsentation ihres Selbst verbinden. Solche Tiere verfügen somit über einfache Vorstufe von Selbstbewusstsein, selbst wenn sie sich in einem Spiegel nicht selbst erkennen würden. Die menschlichen Sinnesorgane sind in ihrer Wahrnehmung nicht so sehr auf die Reproduktionsgesetze von Fressen, Gefressenwerden und Fortpflanzung reduziert wie die „niederer“ Lebewesen, aber natürlich nicht frei davon. „Der Übergang vom Affen zum Menschen sind wir“, sagte Konrad Lorenz.

Viele Sinneseindrücke werden ausgefiltert - wie das Rauschen der Wirklichkeit stören kann, wissen die Träger von Hörgeräten. Insbesondere beim Hören sind die von außen aufgenommenen Sinneseindrücke eher schlicht. Die „hörbaren“ Frequenzen sind begrenzt. Schallwellen mit einer Frequenz um die 100 Hertz vibrieren am Anfang der Membran, Frequenzen bis zu 4.000 Hertz am Ende. Mehr ist da nicht, physikalisch gesehen. Den komplexen Klangeindruck einer Symphonie, alles, was wir sonst hören, erfindet das Gehirn.

Das geschulte Gehirn hat kaum noch ein Problem damit, aus zweidimensionalen Netzhaut-Abbildern dreidimensionale Wirklichkeitsbilder zu konstruieren. Weder Geschmack noch Geruch sind stoffliche Eigenschaften. Vielmehr kommt es bei Kontakt mit bestimmten Stoffen zu Interpretationen des sensorisch-kognitiven Systems. Ins Bewusstsein gelangt nicht eine chemische Substanz, sondern ein mit dieser in regelhafter Weise verbundenes Repräsentat.
Das Gehirn konstruiert auch ein Zeitempfinden, unser Bewusstsein erschließt uns „Zeit” mit räumlichen Sprach-Metaphern: Zeit fließt, vergeht „wie ein Fluss”. Seit der Erfindung des Uhrwerkes versucht unsere Kultur, das Zeitempfinden einem mechanischen Takt zu unterwerfen. Die Filmtechnik macht Dehnungen und Stauchungen der mechanisch-gleichförmigen Zeit wieder zu einer alltäglichen Erfahrung des Zeitempfindens.
Die abstrakte Zeit hat für ein Lebewesen keine Realität. Der menschlichen Wahrnehmung seiner Umwelt sagen Jahrmillionen genauso wenig wie Millionstel Sekunden. Sehr lange Zyklen liegen außerhalb der Wahrnehmbarkeit wie sehr schnelle. Die alten Kulturen „rechneten“ in Einheiten von Ereignissen, also in der Brenndauer einer Kerze, Tagesmärschen, in Sonnen- oder Mondzyklen oder in menschlichen Lebenszyklen, also in Generationen.

Hirnforscher haben experimentell nachgewiesen, dass nicht alles, was unsere Sinnesorgane aufnehmen, auch dem Bewusstsein präsentiert wird. Zum Beispiel beim „Blindsehen“: Patienten, die aufgrund einer Gehirnschädigung auf einem Auge „blind“ sind, deren Gehirn also trotz intakter Linse die Sehimpulse eines Auges nicht zu bewussten visuellen Bildern verarbeitet, können doch, wenn man ihnen das „gesunde” Auge zuhält, recht zuverlässig auf einen hellen Fleck an der Wand vor ihnen zeigen. Die visuellen Impulse werden vom Gehirn verarbeitet, aber nicht an das Bewusstsein gemeldet. Ähnlich ist es bei der „Konfabulation“: Gehirn-Patienten, bei denen die Verbindung beider Hirnhälften gekappt ist, steuern mit der rechten Gehirnhälfte eine Reaktion – während die linke Gehirnhälfte dafür Gründe regelrecht erfindet (Split-Brain-Experimente). Hirnverletzungen können dazu führen, dass bei der Abbildung der Realität im Wirklichkeits-Bewusstsein systematische „Fehler“ unterlaufen. Auch bei der Ausformung der sensorischen Integration im Kleinkindalter kann einiges schief gehen, was dann als Verhaltensdefizit die Pädagogen beschäftigt.

Wie konstruiert das menschliche Gehirn seine Wirklichkeit? 

Optische und akustische Täuschungen geben Hinweise auf die Verarbeitungsregeln des Gehirns. Wer zum ersten Mal in einen Spiegel sieht, baut die Interpretationsmöglichkeit „Spiegelbild“ in sein geistiges Inventar ein. Schädigungen spezieller Bereiche des Gehirns erlauben den Neurologen Rückschlüsse auf die Verarbeitungsweise von Signalen: Patienten mit winzigen Läsionen bieten Einblick in das hochkomplexe Konstruktions- und Repräsentationssystems des Gehirns. Unterschiedliche Wahrnehmungen eines identischen Vorgangs erlauben schließlich Hinweise auf (z.B. geschlechtsspezifische) Selektionsstrukturen der Wahrnehmung.

Unser Wahrnehmungssystem liebt keine Zweideutigkeiten, es neigt dazu, dem Bewusstsein eine eindeutige Interpretation vorzuführen. Die Wahrnehmung dient der Orientierung, um ein sinnvolle Reaktion vorzubereiten. Es sei biologisch zweckmäßiger für Lebewesen, interpretiert der Evolutionsbiologe Gerhard Vollmer, sich für eine spezielle Interpretation zu entscheiden – auch wenn sie nur 50 Prozent  Erfolgsaussicht bringt. Der größere Anteil des handlungs-steuernden visuellen Gedächtnisses ist dabei unbewusst.
Pascal Boyer hat zwei unterschiedliche Farbpunkte auf einen Bildschirm gebracht. Das Bild ruft, solange sie sich nicht bewegen, keine weiterführenden Interpretationen hervor. Werden diese Punkte so in Bewegung versetzt, dass einer von ihnen sich unregelmäßig über die gegebene Fläche bewegt und der andere diesem in seiner Bahn irgendwie zu folgen scheint, dann interpretieren die meisten Beobachter das so, als würde der eine Punkt den anderen gezielt „verfolgen”. Die Art und Weise, wie zwei Lichtpunkte auf einem Bildschirm bewegt werden, vermittelt spontan das Gefühl, dass es sich um zwei sich intentional verhaltende Objekte handelt. Erklärliche Vorgänge werden hingenommen, unerklärliche Vorgänge werden „intentional“ interpretiert.

Menschen können sich in sozialen Verbänden bewegen, weil sie jedes nonverbal ausgedrückte äußere Anzeichen nutzen, um auf innere Gemütszustände zu schließen. Eine Geste oder ein Gesichtsausdruck, also eine Bewegung von Körperregionen, wird als Ausdruck von Wollen, Fühlen und Befinden interpretiert. Wie wesentlich diese Konstruktionen sind, wird an Autisten deutlich, denen genau diese Fähigkeit fehlt, nicht-verbale kommunikative Signale zu interpretieren.

Wir produzieren sogar Modelle vom Geist anderer Menschen, die uns deren Motive abschätzen lassen. Instinktgesteuerte Lebewesen haben es da einfacher. Menschliche Kommunikation ist in weiten Bereichen motiviert von dem Versuch, ein klares Bild der Motive und emotionalen Befindlichkeit des Anderen zu erlangen. Ohne den anderen zu verstehen können wir nicht wirklich „zusammenleben“. Wir machen uns ein Bild über die Empfindungen und Absichten der Kommunikationspartner, wir werten Körperbewegungen aus, Gesichtsausdruck, Mundbewegungen und vor allem Blicke - oft ohne dass uns das bewusst wird.

Bekannt ist die Metapher: Wenn zwei miteinander schlafen, sind mindestens vier beteiligt. Denn jeder der beiden körperlich Beteiligten hat ein „inneres Bild“ des anderen im Kopf, die Bilder nehmen nicht unerheblich Einfluss auf das Geschehen. In vielen Fällen sind auch eine Mutter und/oder ein früherer Freund „dabei“, biografisch abgespeicherte innere Bilder. Menschen können sich nicht begegnen, ohne ihre komplex konstruierte und widersprüchlich gewachsene Persönlichkeit zur Interpretation der Situation heranzuziehen („Ich”). Da spielen Emotionen die entscheidende Rolle und die Fähigkeit, zwischen „parasozialen” virtuellen Beziehungen (in Medien, Träumen, Erinnerungen) und den leiblichen sozialen Beziehungen zu unterscheiden.

Das große Kino findet im Kopf statt

Wie unterscheidet das Gehirn, ob ankommende Reize von sekundären Medien kommen oder „direkt“ aus der äußeren Realität? Ton vom Menschen, Ton vom Tonband – macht das einen Unterschied? In der Konstruktion des Wirklichkeitsbewusstseins erst einmal nicht. Gähnen ist nicht nur bei Menschen ansteckend, sondern auch bei Schimpansen. Und dieser Effekt tritt auch auf, wenn einem isolierten Schimpansen-Individuum Videosequenzen von gähnenden Tieren vorgeführt werden.

Im Kino stellt der Unterschied zwischen Fiktion und Realität für die Konstruktion des Wirklichkeits-Bewusstseins im menschlichen Gehirn meist kein Problem dar. Menschen können mit Fiktionen im Sinne von „emotionalem Probehandeln” spielen. Sie können die Fähigkeit erlernen, über Filme, Romane oder Computerspiele in fiktive Welten einzutauchen und dennoch dabei den Bezug zur Realität nicht zu verlieren. 
Menschen benutzen ihre Gehirngespinste aber auch unbewusst, um Eindrücke der Realität zu sortieren. Die Vorstellung, dass es ein „ewiges Leben“ wirklich gibt, kann nur dann helfen, um ohne Angst vor dem Tod zu leben, wenn sie nicht als Gehirngespinst bewusst ist.

Offenbar beeinflussen Gefühle den Verstand. Antonio Damasio hat das Bewusstsein unter dem provozierenden Titel: „Ich fühle, also bin ich“  analysiert, Joachim Bauer beschreibt die faszinierende „Bauch-Intelligenz“. Ohne die wertende Instanz der Gefühle gibt es kaum Erkenntnis und Wahrnehmung. Das Gehirn spiegelt nicht äußere Realität, es ist ein „Modellierungsapparat“ und konstruiert virtuelle Realitäten, Simulationen, an denen wir unser Handeln ausrichten.

    zu der Frage, wie der Mensch zu Bewusst-Sein kommt, siehe den Text    M-G-Link

    Unser Gehirn liebt die virtuelle Realität: Wir produzieren mentale innere Vorstellungs-Muster, Herzensbilder und die Idee von Schönheit. Bilder sind Herrschafts-Bilder und Medien für Unsagbares.
    siehe dazu den Text: Kraft der Bilder
       M-G-Link

Zum dem Themenkomplex Bildkultur gibt es auf www.medien-gesellschaft.de u.a. folgende Texte:

    Bigger than life - Mammutjäger vor der Glotze M-G-Link
    Über die Realität der medialen Fiktion M-G-Link

    Bilder im Kopf - Über die neurologisch vermittelte Realitätswahrnehmung  M-G-Link 
    Bilddenken, Bildhandeln - Wort-Laute, Gebilde und Gebärden   
    M-G-Link
    Bild  gegen Schrift - Wortfetischismus und die Klagen der Schriftkultur über die Macht der Bilder   M-G-Link

    Geschichte des Sehens und Kulturgeschichte des Bildes  M-G-Link
    Sehen der Moderne - Neue Bilder in der neuen Medienkultur
     M-G-Link

    Bewegende Bilder – Geschichte des Films  im 19. Jahrhundert M-G-Link
    Reizflut, Reizschutz, Inhibition, Neurasthenie   M-G-Link
    Aufmerksamkeit - über Neurologie und Soziologie einer knappen Ressource 
    M-G-Link

 

Literatur

    Martin Andree: Archäologie der Medienwirkung: Faszinationstypen von der Antike bis heute (2005)
    A.Jean Ayres, Bausteine der kindlichen Entwicklung (1984)
    Wolfgang Brückner, Bilddenken - Mensch und Magie oder Missverständnisse der Moderne (2013)
    Heinz Buddemeier: Illusion und Manipulation. Die Wirkung von Film und Fernsehen auf Individuum und Gesellschaft  (1987)
    Mark Changizi: Die Revolution des Sehens. Neue Einblicke in die Superkräfte unserer Augen (2012, engl. The Vision Revolution. How the lastest research overturns everything we thought we knew about human vision. 2010) 
    Jonathan Crary: Techniken des Betrachters. Sehen und Moderne im 19. Jahrhundert (1996)
       (Original: Techniques of the Observer, 1990)
    Jonathan Crary: Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und moderne Kultur (2002)
       (Orig: Suspensions of Perception. Attention, Spectacle and Modern Culture, 1999)
    Antonio R.Damasio, Descartes Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn (1997)
    Gerald Hüther, Die Macht der inneren Bilder. 
            Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern (2004)
    Ivan Illich: Askese des Blicks im Zeiten der show, in: Weltbilder – Bilderwelten, Hg. Klaus-Peter Dencker, (1995)
    Hans-Otto Karnath, Peter Thier (Hrsg.): Kognitive Neurowissenschaften (2012)
    Eric Kandel, Das Zeitalter der Erkenntnis. Die Erforschung des Unbewussten in Kunst, 
            Geist und Gehirn von der Wieder Moderne bis heute (2012)
    Thomas Meyer: Die Inszenierung des Scheins. Voraussetzungen und Folgen symbolischer Politik. (1992)
    Robert Ornstein, Richard F. Thompson, Unser Gehirn - das lebendige Labyrinth (1986, engl. The Amasing Brain, 1984)
    Gerhard Roth, Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert ( 2003)
    Wolf Singer, Vom Gehirn zum Bewusstsein, aus: Der Beobachter im Gehirn (2002)
       Link