Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien
-Theorie

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen”

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Über die
Mediengeschichte der
Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert des Auges

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Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne

2 GG Titel

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Reizschutz, Reizflut, Inhibition

Zur medizinischen Psychologie und Kulturgeschichte der Reizüberflutung

2019

Genie und Wahnsinn liegen nahe beieinander. Das Gehirn kennt einen Mechanismus, der Menschen vor der alltäglichen Reizüberflutung schützt – das Gehirn blendet das Zuviel an Eindrücken einfach aus („latente Inhibition"). Denn das Gehirn ist ein Reizverarbeitungssystem mit begrenzter Kapazität.
Werden zu wenige Reize ausgefiltert, ist der Mensch heillos überfordert - und fällt dem Wahn anheim. Die Kapazität eines Gehirns ist unterschiedlich: Prasseln die vielfältigen Reize auf ein „intelligentes” Gehirn, kann die Reizflut auch in schöpferische Bahnen gelenkt werden - der Kopf ist besonders kreativ.

Latente Inhibition (LI) nennen Psychologen und Mediziner den Filtermechanismus, der die Balance zwischen Weiterverarbeitung aufgabenrelevanter Reize und Hemmung bzw. Ausfilterung aufgabenirrelevanter Reize hält. Sie ist notwendig für effizientes zielgerichtetes Verhalten und ein normaler Mechanismus bei gesunden Menschen.  Menschen mit einer niedrigen latenten Inhibition haben „Stress” im Gehirn und häufiger mit Müdigkeit zu kämpfen. Latente Inhibition bedeutet, dass bekannte und (unbewusst) als unwichtig erachtete Reize herausgefiltert werden aus dem Strom der Aufmerksamkeit. Das ist der Grund dafür, dass es Menschen schwer fällt, Dinge zu lernen, die langweilig erscheinen. Reizüberflutung macht Stress - aber es ist natürlich subjektiv unterschiedlich, welche Menge an Reizen für ein individuelles Gehirn „Überflutung“ bedeuten.

Ein hoher IQ kann die Auswirkungen niedriger LI verändern: Mechanismen auf höheren und kontrollierten Ebenen der Informationsverarbeitung können Defizite in frühen selektiven  Aufmerksamkeitsprozessen ausgleichen.

Der kanadische Psychologieprofessor Jordan Peterson fasst seine Versuchsergebnisse so zusammen: Menschen nehmen dauernd Informationen aus ihrer Umwelt auf. das menschliche Gehirn klassifiziert ein Objekt, und dann vergisst der Mensch es, auch wenn dieses Objekt viel komplexer und interessanter sein mag als dem Menschen bewusst wird. Menschen, die offener sind für viele Reize, sind kreativer, wenn diese Offenheit mit hoher Intelligenz und einem guten Erinnerungsvermögen verknüpft ist.
Wenn die Signale der Außenwelt allerdings die Kontrollkapazitäten überfordern und das Gehirn permanent beschäftigen, konstruiert das Gehirn Sinnzusammenhänge, die dem „normalen“ Betrachter komisch vorkommen und als Zeichen für Persönlichkeitsstörungen,  Schizophrenie oder mystische Erweckungserlebnisse klassifiziert werden können.

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Offenbar hat dies Einiges mit der latenten Inhibition zu tun. 
Hochsensible Menschen („highly sensitive persons") verarbeiten Informationen tiefer, nehmen unterschwellige Reize besser wahr, sind dadurch aber auch anfälliger für Irritationen.

Auch bei vielen Tierarten gibt es einen Anteil hochsensibler Individuen von etwa 15 Prozent. Dies sind Tiere, die immer erst innehalten, um die Lage genau zu erfassen, und sich nicht wie ihre Artgenossen gleich in die neue Situation stürzen.

In manchen Kulturen gibt es für sensible Menschen einen kulturell geformten besonderen Platz, ihre Besonderheit kann in der Rolle eines Priesters oder königlichen Beraters respektiert werden.

Überdurchschnittlich hohe Sensibilität bildet die Basis für Intuition, Kreativität, phantasievolle Ideen und einfühlsame Kommunikation. Andererseits hat solche Intensität auch ihren Preis: Das Gehirn eines hochsensiblen Menschen verbraucht seine Energie schneller, solche Menschen werden gewöhnlich schneller müde.

Auch ein Rausch ist eine Art Überreizung unseres Nervensystem bzw. Irritation der gewöhnlichen Mechanismen des Reizschutzes. Normalerweise filtert unser Gehirn die einprasselnden Reize und konstruiert daraus eine entschleunigte, datenreduzierte Version von Wirklichkeit. Im Rauschzustand funktioniert diese „Dekodierung“ anders als gewohnt, unser Gehirn meldet Verzerrungen bei Tastsinn, akustischen und visuellen Wahrnehmungen. Das „Standardprogramm“ der Reizfilter scheint überfordert. Ähnlich wie im Traum wird Gesehenes, Gehörtes und Erlebtes assoziativ mit alten Erfahrungen und Imaginärem zu einer anderen Wirklichkeit verbunden – wir nennen es einen psychedelischen Rausch. Die erhöhte Nervenempfindlichkeit überfordert die gewohnten Selektionsmechanismen, ungewöhnliche Verknüpfungsmuster entstehen im Kopf. Es gibt Rausch-Erfahrungen, die nach dem Abklingen der berauschenden Substanzen als Wahn einsortiert werden, es gibt aber auch „kreative Reste“ der Rausch-Erfahrungen. Religiöse Rausch-Erfahrungen werden als Zeichen einer anderen Wirklichkeit in das mentale Gedankengebäude integriert, das für das „Heilige“ bestimmte Reservate vorhält.

Der Arzt und Journalist Max Nordau, Sohn des Rabbiners Gabriel Südfeld, beschrieb die neue Zeit unter der Überschrift „Entartung“ (1892) und prognostizierte: 

    „Das Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wird also wahrscheinlich ein Geschlecht sehen, dem es nicht schaden wird, täglich ein Dutzend Geviertmeter Zeitungen zu lesen, beständig an den Fernsprecher gerufen zu werden, an alle fünf Welttheile zugleich zu denken, halb im Bahnwagen oder Flugnachen zu wohnen und einem Kreise von zehntausend Bekannten, Genossen und Freunden gerecht zu werden. Es wird inmitten der Millionenstadt Behagen zu finden wissen und mit seinen riesenstarken Nerven den kaum zu zählenden Anforderungen des Lebens ohne Hast und Aufregung entsprechen können."  (1)

Das Telefon war damals eine vielbestaunte technische Erfindung, die ihren Ort in der Gesellschaft noch nicht gefunden hatte. Die dampfgetriebene Eisenbahn war aufregend modern, der Benz „Motorwagen Nummer 1“ war gerade 1886 erst erfunden worden. Otto Lilienthal versuchte, einige Meter durch die Luft zu segeln -  „Luftnachen" scheint eine eigenwillige Bezeichnung für die Luftschiffe – damals Zeppeline – zu sein. Der jüdische Schriftsteller Nordau konnte noch nichts vom dem neuen Medium des Films wissen, vom Funk und Fernsehen. Für ihn waren die Medien des zwanzigsten Jahrhunderts eine Vervielfachung der Massenpresse auf „täglich ein Dutzend Geviertmeter Zeitungen".

Trotz seiner düsteren Fin de Siècle-Beschreibung hoffte Nordau, dass der Mensch „riesenstarke Nerven" entwickeln würde, mit denen er sich den neuen Herausforderungen ohne nervöse Störungen bewältigen würde.

Max NordauMax Nordau (1849-1923)

Nordau lebte seit 1880 in Paris.
Eine diffuse Weltschmerz-Stimmung verbreitete sich unter
Intellektuellen, Mediziner entdeckten die Fortschrittskrankheit der „Neurasthenie".

„Die vorherrschende Empfindung ist die eines Untergehens, eines Erlöschens", schrieb Nordau 1892, „die Formen verlieren ihre Umrisse und lösen sich in fließende Nebel auf. Ein Tag ist vorüber, die Nacht zieht herauf." Nordau begreift diese Zeitstimmung als krankhafte "Entartung", so auch der Titel seines Buches. Hilfe erwartet er von den Psychiatern. Er schreibt über die „Psychologie des Mystizismus" und die „Psychologie der Ich-Sucht", krankhaft erscheinen ihm „allerlei seltsamen ästhetischen Moden“, so die „Symbolisten" wie die Verehrer von Tolstoi oder Richard-Wagner, von Ibsen Friedrich Nietzsche und Zola.
Ursache der Entartung liegt in den Großstädten -  der Mensch „atmet eine mit den Ergebnissen des Stoffwechsels geschwängerte Luft, er ißt welke, verunreinigte, gefälschte Speisen, er befindet sich in einem Zustand ständiger Nervenerregung und man kann ihn ohne Zwang dem Bewohner einer Sumpfgegend gleichstellen." In den Großstädten vermehren sich Verbrecher und Wahnsinnige, die kulturell-geistig Degenerierten würden „im Geistesleben eine immer auffälligere Rolle spielen“.
„Eine Köchin empfängt und versendet mehr Briefe als einst ein Hochschulprofessor, und ein kleiner Krämer reist mehr, sieht mehr Land und Volk als sonst ein regierender Fürst" notiert Nordau – alles Zeichen der Entartung.
Die Großstadt-Menschen würden auch körperlich verfallen, findet Nordau, er diagnostiziert „Ermüdungs- und Erschöpfungszustände“, die seien „die Wirkung der zeitgenössischen Gesittung, des Schwindels und Wirbels unseres rasenden Lebens, der ungeheuer gestiegenen Anzahl von Sinneseindrücken und organischen Gegenwirkungen, also Wahrnehmungen, Urteilen und Bewegungsantrieben, die sich heute in eine gegebene Zeiteinheit zusammendrängen."

NeurathenieUnter dem Begriff „Neurasthenie“ machte zum Ende des 19. Jahrhunderts eine Zivilisationskrankheit von sich reden: die Nervenschwäche. Der griechische medizinische Fachbegriff gab dem Phänomen den Anstrich einer streng wissenschaftlichen Diagnose. Tatsächlich ging es um vermehrte oder die vermehrte Aufmerksamkeit für diffuse Leiden von Müdigkeit, hypochondrische Ängste bis zur Impotenz, als deren Ursache das „moderne Leben“ erklärt wurde. Dieses Großstadt-Leben erfordere „mehr Energie“, erklärte der Amerikanische Mediziner George M. Beard (1880), er stellte sich das Nervensystem wie eine elektrische Maschine vor. Der Begriff Neurasthenie verbreitete sich schnell im Alltagswissen, offenbar entsprach er einem Alltags-Empfinden. 1914 verschwand das Phänomen aus der öffentlichen Wahrnehmung. (2)
Mit dem großen Krieg verschwand das Phänomen aus der öffentlichen Wahrnehmung, wurde verdrängt von handfesteren Sorgen und von traumatischen Kriegserfahrungen. 

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Aus dem maschinisierten Krieg kamen immer mehr Soldaten als „Kriegszitterer” zurück. International wurde das Phänomen als „Shell Shock” diskutiert, psychiatrisiert und gern mit Elektroschocks bearbeitet, die sicherlich  abschreckend waren, wenn auch nicht heilsam: wenn die Männer zurück in den Krieg geschickt werden konnten, hatte die Behandlung Erfolg gehabt. Das waren die zerstörten Männer-Psychen, die Sigmund Freud veranlassten, seine Theorie, die sich bis dahin vor allem um den Eros gedreht hatte, um einen „Todestrieb” zu erweitern. 

Auch für Sigmund Freud war Nervosität ein wichtiges Thema, mit dem er sich u. a. 1908 in der Schrift über „Die ‘kulturelle’ Sexualmoral und die moderne Nervosität“ ausführlich befasste. Er lässt dort zunächst eine Reihe von Autoren zu Wort kommen, die sich mit der „modernen, das heißt in unserer gegenwärtigen Gesellschaft sich rasch ausbreitenden Nervosität“ beschäftigen und sie auf den allgemeinen gesellschaftlichen Wandel zurückführen. Das Nervensystem wird demnach durch eine vermehrte Konkurrenz und gesteigerte Ansprüche an die intellektuelle Leistungsfähigkeit überstrapaziert, aufgrund erregender Produktionen des Kulturbetriebes ebenso wie durch diverse Folgen des technischen Fortschnitts und einem unruhiger gewordenen, die Sinne überfordernden Alltagsleben. „Das Leben in den großen Städten ist immer raffinierter und unruhiger geworden. [...] durch den ins Ungemessene gesteigerten Verkehr, durch die weltumspannenden Drahtnetze des Telegraphen und Telephons haben sich die Verhältnisse in Handel und Wandel total verändert: alles geht in Hast und Aufregung vor sich, die Nacht wird zum Reisen, der Tag für die Geschäfte benützt, selbst die ›Erholungsreisen‹ werden zu Strapazen für das Nervensystem“ (Freud).

Nervosität und das Empfinden von Reizflut ist eine Erregung, die – epochentypisch gefärbt – verstärkt in gesellschaftlichen Umbruchsituationen auftritt - wenn gewohnte Verarbeitungsmechanismen instabil werden und neue Reize die alten Bindungsmuster überfordern.

 

    Anmerkungen:
    (1) zu dem Buch Entartung siehe Udo Leuschner, online https://www.udo-leuschner.de/nordau/entartung1.htm

    Max Nordaus in 15 Sprachen übersetztes Buch „Die conventionellen Lügen der Kulturmenschheit“ (1883) ist
    online verfügbar:
    https://gutenberg.spiegel.de/buch/die-konventionellen-lugen-der-kulturmenschheit-4957/1;

    (2) dazu: Volker Roelke, Krankheit und Kulturkritik, Psychiatrische Gesellschaftsdiagnosen
       im bürgerlichen Zeitalter 1790-1914 (1999)

     

    vgl. zu dem Themenbereich auch die Texte
    Aufmerksamkeit - über Neurologie und Soziologie einer knappen Ressource  M-G-Link
    Kultur des Schreckens, Kult des Opfers: Geschichte der Sensation (nach Ch. Türcke) Link
    Schöne neue Medienwelt? Der typografische Blick auf die elektrischen Medien M-G-Link
    Sigmund Freud, Die ›kulturelle‹ Sexualmoral und die moderne Nervosität (1908) Auszüge Link
    Medien-Fiktionen - als Bausteine der menschlichen Kultur    M-G-Link