Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien
-Theorie

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen”
ISBN 978-3-7418-5475-0
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Augensinn Cover

Über die
Mediengeschichte der
Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert des Auges

ISBN 978-3-7375-8922-2
im Buchhandel
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klaus(at)wolschner.de

Schriftmagie Cover

SchwaneSie sind treue Liebhaber.
Sie wählen im jungen Alter ihren Partner fürs Leben.
Ihre Balz-Tänze sind ballettreif.
Um Brut und Aufzucht kümmern sich die Eltern gemeinsam.
Verstirbt einer der beiden Partner,
hat der andere Schwierigkeiten
einen neuen zu finden.
Dennoch -
Schwäne sind Seitensprüngen nicht abgeneigt.


 

Was ist Liebe?
Zwischen Neurochemie und Kommunikation

2017

Nichts bewegt den Menschen so sehr wie das Thema Liebe. Sie steht im Zentrum von Klatsch und Tratsch, die meisten Romane und Filme suchen Popularität mit einer Affäre. Liebe und ihr Scheitern strukturieren das menschliche Zusammenleben und die Biografie jedes Einzelnen. Ohne die Erfahrung von Mutterliebe können Menschen ihre sozialen Fähigkeiten nicht entfalten. Liebe dient zur Begründung von Aggressionen - „Liebe zum Vaterland“ stimuliert Männer im Krieg.

Liebe ist ein Wort aus der Umgangssprache, das empfundene Gefühle benennt, die mit Handlungsmustern verknüpft sind. Liebe ist immer im Fluss, nie gleich - das Wort suggeriert eine völlig unangemessene Objektkonstanz. Das Genre der Liebe ist das Bild, der Film. Das Genre des Redens über Liebe ist die Literatur – in die Schemata der Logik und in die wissenschaftlichen Kategorien lässt sich die Vielfalt der Phänomene von Liebe nur schwer einordnen. Liebe ist „komplex“, sagt man - da, wo Wissenschaft ihre Grenzen berührt, findet sie ihr Thema „komplex“.

Psychologen und Sozialwissenschaftler unterscheiden drei Komponenten von Liebe:
-
sexuelles Begehren, Lust,
- romantische, erotische Liebe (limerence, Verliebtheit) und
-
„kameradschaftliche” Liebe, Fürsorge, Bindung - commitment.
Alle drei haben viel mit Kommunikation zu tun, mit non-verbaler und mit verbaler. „Liebe“ benennt die legitimen Formen, in der sexuelle Bedürfnisse in Kultur übersetzt und gesellschaftsfähig werden dürfen. 

Sexuelle, romantische und kameradschaftliche Liebe können getrennt untersucht werden, kommen in Ausnahmefällen getrennt vor, gehören aber so sehr zusammen, dass es Sinn macht, sie unter einem Begriff zusammen zu betrachten.

Alle Versuche, die neurobiologischen Mechanismen der Liebe zu analysieren, haben nur bestätigt: Liebesgefühle finden im Kopf statt, sind ein kognitiv-kulturelles Phänomen. Bei Präriewühlmäusen würde man, obwohl sie treu und monogam als Pärchen leben, nicht von Liebe sprechen, zum Phänomen „Liebe” gehört ein hohes Maß an Selbstbewusstheit und Bewusstheit der Gegenseitigkeit.

Für die sexuelle Lust und die dadurch entstehende Bindung von Sexualpartnern gibt es eine Evolutionsgeschichte. Diese Evolution ist keine schlichte Entwicklungslinie. Präriewühlmäuse und die meisten Vogelsorten entwickeln im Zusammenhang der Paarung ein Bindungsverhalten, das Verhaltensforscher „monogam“ nennen – ein instinktives Verhaltensrepertoire, das bei Säugern und insbesondere bei unseren nächsten Verwandten unter den Primaten nicht mehr zu finden ist.

Für Menschen ist das Bedürfnis nach exklusiven, monogamen Bindungen universell verbreitet und selbst in äußerlich polygamen Kulturmustern scheint es „heimliche“ Monogamie zu geben – zumindest eine „Lieblingsfrau“ (William Jankowiak). Die menschliche Liebe ist ein - in der Biologie verankertes – Kulturphänomen, die Bindung über Jahre evolutionär sinnvoll für die Aufzucht der menschlichen Frühgeburten.
Auch die Entwicklung der romantischen Liebe, deren neurobiologische Mechanismen Helen Fisher in ihrer „Chemie der Leidenschaft“ beschrieben hat, ist mit einem großen kommunikativen Aufwand verbunden – und das seit den ältesten Kulturen, die uns Schrift- oder Bild-Zeugnisse hinterlassen haben. Evolutionsgeschichtlich scheint ihr Muster in der Zuwendung der Mutter zu ihren Jungen zu liegen – die Bedeutung unmittelbar körperlicher Kommunikation ist beiden gemeinsam.

Menschen haben ein großes Bedürfnis, über Liebe zu reden
– was bedeutet die Kommunikation für die Liebe?

Schon in frühen Zeiten stachelte die Liebe die Menschen zu einer Vielfalt von Kulturleistungen an - mit Tanz und Musik, Bild und Wort, Gestus und Mimesis wurde sie gefeiert. Die Hochkulturen des Vorderen Orients kannten einen romantischen Sprachcode: „Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein, heißt es in dem alten kanaanitischen Hochzeitslied aus der Zeit um 500 v.u.Z., das als Schir ha-Schirim, als Schönstes aller Lieder” in den Kanon der Tora aufgenommen wurde. Ähnliche Liebesgedichte sind aus dem alten Ägypten überliefert, in dem Papyrus Harris, ca. 1300 v.u.Z., heißt es zum Beispiel: „ich ging von ihr fort, ich floh vor deiner liebe, sonst wäre mir das herz zersprungen, doch selbst ... der süßeste dattellikör wird mir schal, so bitter wie vogelgalle, einzig ein kuss von dir, nase an nase ließe mein herz wieder klopfen von deinem Atem begänne es wieder zu schlagen“.

Der Interpretationen der Liebe als Kulturphänomen stellen Neurobiologen nüchtern entgegen: „Alle diese Ameisen sind überzeugt, dass sie frei entscheiden zu tun, was sie grade vorhaben.“ So sagt der Biochemiker Jens Reich. „In dem Drüsen- und Nervengewitter in uns, das wir Sexualität nennen, ist die Paradoxie zwischen subjektiver Wahrnehmung und objektivem Sachverhalt auf die Spitze getrieben. Wir sind ganz zweifelsfrei Marionetten unserer Hormonchemie.“ So nüchtern sehen es Endokrinologen, manchmal mit einer schlichten Verteilung von Ursache (Hormonchemie) und Wirkung (Wir-Gefühl). Den sexuellen Lustgefühlen ordnen sie die Hormone Testosteron und Östrogene zu, die Phantasie, sexuelles Verlangen und sexuelle Aktivität steigern.
In der Phase der romantischen Liebe und des Verliebtseins („Schmetterlinge im Bauch“) spielen Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin und Pheromone eine große Rolle („Liebe geht durch die Nase“).
Die starke Bindung schließlich, die durch das Erleben der sexuellen Liebe erzeugt wird, geht mit der Ausschüttung von Oxitocin einher - dieses Hormon“ beeinflusst soziale Verhaltensweisen wie Paarbindung und Treue und auch orgiastische Gefühle.

Biologen haben diesen Zusammenhang fasziniert bei den Präriewühlmäusen „Microtus ochrogaster” studiert, die nach einer ausgedehnten Liebesorgie des Kennenlernens erhebliche Mengen des Oxitocin produzieren und ihr ganzes, 2-3 Jahre dauerndes Mäuseleben treu wie Ehepartner zusammen bleiben. Sie zeigen sogar „Liebeskummer”-Erscheinungen bei einer unfreiwilligen Trennung.

    Es gibt ihn seit 40 Millionen Jahren, den perfekten Liebhaber. Er lebt im seichten Gewässer und zelebriert die romantische Liebe wie kaum ein anderes Geschöpf, er übernimmt als Männchen sogar die Mühen der Schwangerschaft: Hippocampus ist der Name der Spezies. „Verliebte” Seepferdchen-Paare drehen stundenlang gemeinsam Pirouetten im Seegras und fassen sich bei den Schwanzspitzen, sie reiben ihre Nasen aneinander, umrunden sich, ja, sie „erröten“ in Orange und Pink. Sie tanzen. Beim Liebesakt schließlich spritzen die Weibchen ihre Eier - bis zu 200 - mithilfe einer penisähnlichen Legeröhre in die männliche Bauchtasche. Danach taumelt das Männchen schwankend davon - scheinbar vollkommen „glücklich”. In der Bauchtasche werden die Eier befruchtet, in Gewebe gebettet und 12 Tage lang mit Sauerstoff und Nährsubstanzen versorgt.  Gesteuert wird dieser Vorgang von dem Hormon Prolactin, das auch bei Menschenfrauen die Milchproduktion stimuliert.

Die instinktgesteuerte Fähigkeit zu „romantischer Liebe” ist bei der Höherentwicklung der Arten verloren gegangen. Bei den meisten Säugern „nimmt” das Männchen sich das Weibchen. Sexualität hat mit Macht und Hierarchie zu tun und ähnelt oft ganz unromantisch einer Vergewaltigung.
Eine Ausnahme machen die Hippie-Primaten: Die Bonobos haben ihre sexuelle Lust in eine differenzierte Kultur des Zusammenlebens eingebaut.
Die Biologie stattet uns Menschen nicht nur mit einem sexuellen Begehren aus - Strategien der Partnerwerbung und der Bindung des Paarungspartners sind ebenfalls in der Biologie verbreitet. Evolutionspsychologen wie Robin Dunbar lehren uns: Auch vor der Sprache kannte die Biologie das Bedürfnis nach einer stabileren Gemeinschaft als der, die sexuelle Begierde allein zu stiften vermag. Das „Kraulen“ steht bei uns Primaten am Anfang der Kommunikation. Kommunikation unter Sexualpartnern ist vocal grooming – „verbales Kraulen“. Aber erst in der Zwischenwelt verbaler Kommunikation wird daraus ein kulturelles Muster der Liebe.

    Wer wie Niklas Luhmann „Liebe“ nur als Kommunikations-Code in den Blick nimmt, muss zu kurz greifen. „Liebe“ umschreibt immer auch ein Handlungsmuster und eine Gefühlswelt. Wenn Luhmann sich nur damit befasst, wie in der literarischen bürgerlichen Kultur die Kommunikation über romantische Liebe „codiert“ erscheint, erfasst nur einen speziellen Aspekt. Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass Menschen nur das empfinden, was sie auch sprachlich artikulieren können, im Gegenteil – es gehört sprichwörtlich zum Spezifikum von Gefühlen, dass sie sprachlich höchstens in Andeutungen artikulierbar sind. Daher haben die Wissenschaftler das Thema Emotionen lange den Dichtern überlassen.

Kulturelle Modelle” prägen „nur in begrenztem Umfang das emotionale Erleben selbst”, sagt die Ethnologin Birgitt Röttger-Rössler, aber sie bestimmen, in welchem Kontext die eigenen Emotionen interpretiert werden und wie über sie kommuniziert wird - auch zwischen den Liebes-Partnern. Aufgrund ihrer Studien geht sie davon aus, dass es auf der Ebene des emotionalen Erlebens und der unmittelbaren (Körper-) Erfahrungen „große Ähnlichkeiten über die Kulturen hinweg” gibt, dass aber „die dominanten kulturellen Diskurse jeweils andere Komponenten der Liebe in den Mittelpunkt stellen.” Die Neurobiologie und die Kultur der Liebe sind keine sich ausschließenden Erklärungsebenen, sondern ergänzen sich: Ohne die Biologie wäre die Kultur fleischlos, ohne die kulturelle Welt der Liebe gäbe es zwar sexuelle Begierde, aber keine erotischen Gefühle.

Die Liebes-Kommunikation spiegelt das Bedürfnis nach einer einzigartigen und intim-engen sozialen Bindung, in der die  eigene Bedeutsamkeit bestätigt wird. Liebe ist „so etwas wie ein Motor für die Koevolution des Menschen, ein Prozess in dem sich Menschen wechselseitig die Erfüllung und Verwirklichung ihrer tiefsten Sehnsüchte in Aussicht stellen”, schreibt der Neurobiologe Gerald Hüther: Eine Reduzierung auf die Neurobiologie wäre geradezu eine Bagatellisierung”.

In der menschlichen Kulturgeschichte gibt es eine Tradition schlicht sexueller, aus heutiger Sicht eher „pornografischer “ Kommunikation über erotische Phantasien, die schon in den alten Sprachen ihren Niederschlag gefunden haben. Adalbert Podlech hat das Wörterbuch dazu geschrieben. Gleichzeitig gibt es eine große Kontinuität von Träumen und Ausformungen des romantischen sprachlichen „Liebescodes“ – über unterschiedliche Ausprägungen und gesellschaftliche Funktionen im Verlaufe der Geschichte hinweg. 

Beispiele der Liebeslyrik gibt es in der Geschichte der Dichtung aus allen Jahrhunderten (Beispiele hier).

Der romantische Liebes-Code

Niklas Luhmann hat das Paradox drastisch formuliert: Der sprachliche Code der romantischen Liebe bietet ein Sprechmuster für Unaussprechliches - seit den Anfängen der Kulturgeschichte. Die Liebes-Semantik ist ein typisches Beispiel für einen kommunikativen Code, der eigentlich nur spiegeln soll, dass ich fühle, was du fühlst, ohne dass ich weiß, was genau du fühlst und ohne zu erklären, was ich denn fühle. Der Liebescode ermöglicht verbale Kommunikation über Unsagbares.

Aber nicht erst die Sprache, wie Luhmann suggeriert, schon die unausgesprochenen emotionalen Handlungsmuster der Liebe geben vor, was ich erwartet kann und was von mir erwartet wird „im Falle der Liebe“. Die Erwiderung des verliebten Blickes macht ein Verhalten legitim, das ohne dieses Bekenntnis unanständig anstößig, obszön und eventuell auch strafrechtlich relevant wäre. Die „Liebe” ist schicksalhaft spontan, sie „überkommt“ einen, ist bedingungslos, selbstlos, ewig, exklusiv, einzigartig und krankhaft. Das sprachliche Bekenntnis „Ich liebe Dich“ soll das Aufwallen der Gefühle in einen verstandesmäßigen Rahmen einfügen, aber nur mit Metaphern wird die Sprache den Gefühlen der Liebe gerecht und lässt die Liebenden gleichzeitig mit den Paradoxien ihres Verhaltens allein. Die angeblich so individuell empfundene Liebe unterwirft die beteiligten Subjekte denselben Verhaltenserwartungen: Wenn Liebe nicht erwidert wird, erlischt sie, droht in Enttäuschung und Hass umzuschlagen. Der Handlungs-Code verlangt Bestätigung: Man liebt nur jemanden, der oder die diese Liebe erwidert. Ganz selbstlos?

Der kulturelle Liebescode prägt dabei Erwartungen, die der junge Mensch schon vor seiner ersten „Affäre“ ausgeprägt hat  – früher wurde der Liebescode tradiert durch Erzählungen der Alten, dann durch die Lektüre von Romanen, heute vorwiegend durch Liebesfilme.

Die moderne Liebe

Das romantische Liebesideal war im 19. Jahrhundert in der europäischen Kulturtradition noch eines von Außenseitern und Liebesheroen. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts werden die Ansprüche allgemein in allen gesellschaftlichen Schichten und konkret ernst genommen. (Hartmann Tyrell) Die Asymmetrie der neuzeitlichen Liebesehe wird Thema der Frauenemanzipation: Auch Frauen beanspruchen berufliche Bezüge und Bezugspersonen außerhalb des Frauenkränzchens und der Zweierbeziehung.

Seit den 1960-er Jahren hat die Pille die Sexualität entbunden: Die enge Verbindung von Sexualität und Schwangerschaft löst sich, „Liebe“ muss nicht Ehe und Familie bedeuten. Sexuell fundierte Liebe wird (wieder) auch ohne Trauung und kirchlichen Segen legitim. Die gesellschaftlichen Zwänge der Lebenspartnerschaft lockern sich. Die hohen Scheidungszahlen künden nicht von einer größeren Zahl gescheiterter Liebesheiraten, sondern zunächst nur davon, dass die Auflösung „unglücklicher“ Ehen weniger tabuisiert wird. Auch rein ökonomisch wird für Frauen das Single-Leben denkbar, wenn die Ehe keine Versorgungsgemeinschaft mehr ist.

Das neuzeitliche romantische Liebesideal überwindet so die Fesseln der „lebenslänglichen“ wirtschaftlichen Zwangsgemeinschaft. Frauen wollen nicht nur auf ihren Mann und ihre Kinder stolz sein und reklamieren auch für sich das Recht sexueller Befriedigung. Frauen beharren darauf, in der traditionell männlichen Sphäre der Gesellschaft Selbstverwirklichung zu finden. Probleme der biografischen Synchronisation bei Doppelkarrieren ergeben sich daraus. Wo sie unvereinbar sind, verbreitet sich die Praxis der seriellen Monogamie.

Romantische Liebe und zwar „bis dass der Tod euch scheidet“ bleibt als kommunikatives Muster, aber der alte Code begründet kaum noch eine Bindung fürs Leben, sondern Intimität mit begrenztem Zeithorizont. Verbrauchte oder enttäuschte Beziehungen werden abgelöst durch neue Beziehungen, Scheidung oder Trennung ist nicht länger ein Scheitern oder Versagen.

In seinem Buch „Vom Untergang des Abendlandes“ polemisierte Oswald Spengler 1918 gegen die sich ankündigenden Bedürfnisse der Frau:
   „Statt der Kinder haben sie seelische Konflikte, die Ehe ist eine kunstgewerbliche Aufgabe
   und es kommt darauf an, sich gegenseitig zu verstehen.“
I
n den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg liefen die öffentlichen Diskussion der Sexualtheorie (Wilhelm Reich) und der Prozess der Frauenemanzipation noch weitgehend nebeneinander her. In den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts verbanden sich beide Prozesse zu einem wichtigen Motor gesellschaftlichen Wandels.
Der Soziologe Nobert Bolz hat Spenglers Motiv in Reaktion auf diese zweite Welle noch einmal aufgenommen:
  „Vor allem die Frauen rebellieren gegen das Schicksal der Biologie“, schreibt er (in: Helden der Familie, 2006)  Erst die christliche Moralinstitution „Ehe“ habe es vermocht, die Biologie in einen  Rahmen von Kultur einzusperren. Die Ehe sei dauerhaft glücklich nur möglich  „in der Selbstbindung an innerliche religiöse Werte“, so Bolz, ansonsten drohten die „Seelenkatastrophen des Narzissmus“.

In der gesellschaftlichen Wirklichkeit, so der Soziologe Kurt Lenz, breitet sich das romantische Liebesideal weiter aus, die literarische Fiktion durchdrang erst im 20. Jahrhundert alle sozialen Schichten, wurde wirksam und radikalisierte sich insofern. „Traumhochzeiten“ sind populäre Fernseh-Inszenierungen. Frauen erheben denselben Individualitätsanspruch wie Männer -  in der arbeitsteiligen Gesellschaft und in der Paarbeziehung. Sie suchen aktiv auch für sich die „wahre Liebe“. Befriedigende Sexualität ist zu einem wesentlichen Kriterium für die Qualität von Zweierbeziehungen geworden. Im Alltag der Zweierbeziehungen kommt es zur Aufwertung der Kommunikation über die Sexualität – Sigmund Freuds sensationelle Gedanken gehören 100 Jahre danach, wenn auch in popularisierter Form, zum selbstverständlichen Alltagswissen. Frauen wollen kein Sexualobjekt sein, oder besser: wollen nicht reduziert sein auf die Rolle als Sexualobjekt und im Mann auch eines haben. Die berufliche Selbstverwirklichung der Frau verändert auch die Balance dessen, was die Partner in die Kommunikation einzubringen haben.

Romantische Liebe als Lebensabschnitts-Partnerschaft

Die Scheidungsraten im 20. Jahrhundert machen die Paradoxie des radikalisierten Liebes-Codes statistisch erfassbar: Das „bis dass der Tod uns scheidet” entpuppt sich als leeres Versprechen. Wenn die Idee einer Dauerhaftigkeit von Beziehungen zurücktritt hinter den Individualitäts-Ansprüchen beider Partner, bedeutet das: Die Institution Ehe wird entwertet durch die Dominanz der Liebes-Erwartung. Der neue Liebescode fokussiert auf individuelle Wünsche und nicht auf langfristige soziale Verpflichtungen. Von den  Anforderungen der Sorge um den Nachwuchs hat sich die Kultur der Liebe ein ganzes Stück entkoppelt.

Dennoch muss die Beziehungswirklichkeit auch auf einer alltäglichen praktischen Ebene kommunikativ konstruiert werden. Der Liebes-Code stellt keine angemessene Sprache zur Verfügung für den Alltag der Ehe. Der romantische Code müsste sich an den Alltagsproblemen der realen Lebenspartnerschaft abarbeiten, in der die Routinen und Banalitäten des Alltags ausgehandelt werden – und das, wenn sie gelingen soll, in einer für beide akzeptablen Weise. Partnerschaft ist nicht selbstlos, sondern ein - wenn auch ungeschriebener, gelebter - Vertrag zwischen „Partnern“. Wer kümmert sich um die schmutzige Wäsche, wer um das Geld? Wer bestimmt die Mobilität, wessen Arbeit (oder Karriere) hat Vorrang?

Die Wahl eines ehelichen Lebenspartners bedeutet eine pragmatische gegenseitige Bindung, die in den ersten Jahren meist die Fortpflanzung und Aufzucht (das „Brüten“) zum Kern hat. Ehepartner müssen immer damit rechnen, dass sie wegen ihres Vermögens geheiratet werden. Der Einfluss der Familie auf die Partnerwahl ist etwas völlig Normales. „Unsere Vorfahren wären nie auf den absurden Gedanken gekommen, etwas so Wichtiges wie Ehe und Familie auf etwas so Unzuverlässiges wie das Gefühl persönlicher Zuneigung und Liebe zu gründen“, formuliert John R. Gillis (in: Mythos Familie). In den Eheratgebern aller Zeiten ist nachzulesen, wie – anders als in den Romanen – in Wirklichkeit die ganz unromantischen Gesichtspunkte der Partnerwahl auch immer große Bedeutung behielten. Auch heute spielt bei der Suche nach dem „besten" Partner die Einschätzung des eigenen sozialen Tauschwertes („mate value") eine große Rolle. Man bemüht sich um Personen, von denen man annimmt, dass sie einen selbst als Partner akzeptieren würden.

Die Ehe war insofern immer „realistischer“ als die Liebe. Niemand würde vor dem Traualtar sagen können: „Ich werde bis an unser Lebensende eine tiefe emotionale Zuneigung zu dir verspüren und dich erotisch begehren.“ Die  gefühlsmäßigen Erwartungen und der sprachliche Code sind darauf angelegt, „mehr zu fordern“ als die Individuen im Netz ihrer alltäglichen Lebenszusammenhänge zu leisten imstande sind. „Dem romantischen Liebesideal ist eine Illusion eigen, als ob jede Begegnung in der Zweierbeziehung von einer einzigartigen Qualität sei und wie selbstverständlich darauf angelegt, die volle Aufmerksamkeit der Beziehungspersonen für die Belange der Liebe zu mobilisieren.“ (Kurt Lenz)

Partnerschaft ist eine Beschreibung wirklicher Bindungsvoraussetzungen, romantische Liebe ist ein kommunikativer Mythos. Partnerschaften, die die Sorge um die Kinder überdauern, kommen durchaus auch in der Tierwelt vor, aber sie sind - rein biologisch gesehen - Luxus und daher der Testfall für die kulturelle Dimension von romantischen Liebesbeziehungen. Der Grad der Freiheit und damit der Individualisierung erweist sich als Herausforderung für dauerhafte Liebesbeziehungen. Im Mythos der romantischen Liebe führt Selbstaufgabe zur Selbstgewinnung. Im wirklichen Leben gibt es Beziehung nur zwischen zwei „Selbsten“.

„Insofern ist die Liebe die reinste Tragik: Sie entzündet sich nur an der Individualität und zerbricht an der Unüberwindlichkeit der Individualität“,
wusste schon Georg Simmel (1923). Romantische Liebe bedeute „Umfassen des Andern“, „Insicheinziehen und Verschmelzenwollen“. Das Ich möchte im Wir integriert sein.

Für mein Selbstbild von meiner Individualität erwarte ich vor allem von meinem Liebhaber Bestätigung. Ehen werden zum Zweck der Selbstverwirklichung geschlossen und zum Zweck der Selbstverwirklichung wieder geschieden. Die Individualisierung mit ihren kulturellen Konstruktionen ist ihr wichtigstes Motiv und ihre größte Klippe. Ich suche den anderen, um ich selbst zu sein, und ich trenne mich wieder, um ich selbst zu bleiben.

Gelingende Liebes-Beziehungen setzt Vertrauen voraus und eine strukturelle Balance, also Gegenseitigkeit in der Rolle als „Gefährte“ und Respekt vor der Individualität des Partners. Dieses Vertrauen wird vor allem kommunikativ geschaffen, es will auch verbal bestätigt und erneuert werden. Ohne kommunikatives „Kraulen“ ist also dauerhafte Liebes-Beziehung nicht vorstellbar. Im kommunikativen „Kraulen“ bildet sich eine Kongruenz der Wahrnehmung, die gemeinsames Handeln (oder auch Verständnis für getrenntes Handeln) ermöglicht.

So säkularisiert oder pragmatisch sich die Lebensabschnitts-Partnerschaft nach auch geben mag – sie bedarf nach innen einer kongruenten Erzählung über die Geschichte der wechselseitigen Liebesbeziehung und sie bedarf offenbar der Hoffnung auf Wiederholung, auf unendliche Zukunft. Liebes-Kommunikation umschreibt immer auch die körperliche Erinnerung an die Lust der Liebe und die Unerklärlichkeit der Liebes-Gefühle, ihre Intensität und Besonderheit lässt die Vorstellung von Einzigartigkeit aufleben. Das führt zu den Paradoxien der Liebes-Kommunikation und bildet letztlich der Nährboden ihres Mythos.