Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen

3 AS neu 200

ISBN 978-3-7418-5475-0
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at)wolschner.de

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche Wirklichkeits-Konstruktion im „Jahrhundert des Auges“

3 VR neu 200

ISBN 978-3-7375-8922-2
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at) wolschner.de

Gehirn

 


 

Wo versteckt es sich,
das Bewusstsein? 

Jahrzehnte lang 
haben die   Neurowissenschaftler 
 nach dem Zentrum gesucht, 
von dem aus ein Bewusstsein 
die Tätigkeit des Gehirns   steuert.
Ergebnis negativ.
Heute sind sie sich einig:
Es gibt keines.
 

Wie das ICH entstand

In archaischen Kulturen hatten die Menschen den Eindruck, dass die Götter zu ihnen reden,
ihr Kollektivbewusstsein und ihr Handeln bestimmen. Irgendwann in der Evolution des Geistes
ist dann  die Vorstellung eines individuellen Ich-Bewusstseins entstanden,
das gefühlte Selbst jedes einzelnen und vereinzelten Menschen.
Die Religionen erzählen davon als Vertreibung der Menschen aus dem Paradies. Die Götter wohnten fortan nicht mehr in den von den Menschen gebauten Tempeln, sondern im Himmel.
 Die Menschen, die sich als Herr ihrer Selbst begreifen, entwickeln Schuldgefühle.

1-2017

Wie ist das subjektive ICH-Erleben im Verlauf der Evolution des Bewusstseins entstanden? Wie ist aus der Materie des Nervengewebes das Selbst-Empfinden geworden, das mich ständig begleitet in meinen Wünschen, Hoffnungen, Befürchtungen und Erkenntnissen? Wie entstand das Bewusstsein der Selbstbeobachtung? Diese Fragen sind Thema des Buches „The Origin of Consciousness“ (1976) des amerikanischen Psychologen Julian Jaynes. (1) Auch wenn manche seiner Hypothesen von anderen wissenschaftlichen Untersuchungen  überholt sind - der Kern seiner Überlegungen über den Zusammenhang von Evolution, Sprachentwicklung und kulturelle Ausformung des uns so vertrauten menschlichen Bewusstseins ist nach wie vor aktuell.

Exkurs: Was bedeutet „Bewusstsein“?

„Vielleicht kein Aspekt des Verstandes scheint uns mehr vertraut und ist gleichzeitig rätselhafter als das Bewusstsein und das bewusste Erleben des Selbst und der Welt“, fast die Stanford Encyclopedia of Philosophy lapidar zusammen. (2)
Dieses Empfinden einer selbstverständlichen Vertrautheit ist gerade der Sinn der Bewusstheit des Selbst, sagen uns Neuwissenschaftler: Das Gehirn koordiniert eigenkörperliche, biografische und soziale Informationen zu einem einheitlich erlebten „Selbst“. Das Bewusstsein ist „eine PR-Aktion des Gehirns“, sagt der australische Hirnforscher Allan Snyder, das Gefühl der Vertrautheit sei geradezu der Sinn des Bewusstseins. Das Ich-Bewusstsein wäre dann eine Simulation des Gehirns mit dem Ziel, ein Gefühl des „Selbst“ zu produzieren.
Mehr als 99 Prozent der Aktivität im Gehirn, die Neurobiologen messen können, ist unbewusst. In unserem Gehirn gibt es verschiedene „Module“, die Informationen verarbeiten und mit Erinnerungen vergleichen. Diese Prozesse wetteifern um  die Aufmerksamkeit, und die Gewinner prägen das bewusste Erleben und die „Ich-Illusion“, sagt der Neurowissenschaftler Michael Gazzaniga: „Unser Bewusstsein wird ständig neu zusammengebastelt, während unser Gehirn auf ständig wechselnde Informationen reagiert, mögliche Reaktionen berechnet und ausführt.“ Uns ist nicht das Stimmengewirr im Gehirn bewusst, sondern eine fortlaufend erzählte Geschichte als kohärente Einheit, die eine Ordnung aus dem Chaos schafft.

Das Körper-Selbst

Der Kern des Selbst-Gefühls ist das Köperselbst, also all das, was das Gehirn an Kontrollinformationen aus dem Körperinneren erhält, interpretieren und koordinieren muss. Es gibt den Gleichgewichtssinn, mit dem aber auch stark visuelle Eindrücke konkurrieren. Es gibt Empfindungen des Köperschemas aus den Gliedmaßen. Und es gibt Informationen aus den Eingeweiden, die wir als „Bauchgefühle“ erleben. Wir empfinden eine „Gestimmtheit“, ein diffuses Körpergefühl, dessen Auslöser unergründlich ist.
Dieses Kernselbst spüren Tiere auch, und sie kommunizieren es auch körpersprachlich. Das Körperselbst ist unbewusst vorhanden. Kleinkinder weinen unwillkürlich, wenn sie leiden, sie kommunizieren ihr Leid und die Mutter muss erraten, wo etwas nicht stimmt. Die Mutter ist Trägerin des Körperselbst- Bewusstseins ihres Kindes.
Wenn das Körperselbst bewusst wird, beginnt das bewusste Erleben des Selbst, das erlebte Ichgefühl.

Das mentale Bewusstsein …

Dieses Bewusstsein ist eine biologische Erscheinung. Mein gedanklicher Wille kann materielle Objekte bewegen. Mein Arm hebt sich nicht nur un-willkürlich als Abwehr-Reflex, ich kann meinen Arm auch auf ein willkürliches geistiges Kommando heben. Wie geht das? Die wunderbare Antwort des Philosophen John Searle: „Eine Sequenz von Neuronen wird abgefeuert und diese machen Halt, wo sich das Acetylcholin in den axonalen Endplatten der Motoneuronen absondert. Tut mir leid wegen der philosophischen Fachbegriffe“ (3) – aber das Acetylcholin bewirkt, dass der Arm sich hebt. Der überkommene philosophische Wortschatz hilft nicht bei der Frage nach dem Bewusstsein, sondern führt in die Irre.

Über dem Gefühl für das körperliche Ich baut sich bei den Menschen ein sprachvermitteltes mentales Bewusstsein auf. Vermittels der gemeinsam entwickelten Sprache sortieren die Menschen ihre Wahrnehmungen von Wirklichkeit und ihre Handlungsimpulse. Das mentale Bewusstsein arbeitet im Wesentlichen mit sprachlichen Metaphern, wie Jaynes ausführlich beschreibt. Dieses Bewusstsein koordiniert das Körperselbst mit der Umwelt, vor allem mit der sozialen Umwelt.
Im Verlaufe der kulturellen Evolution erwächst aus dem gemeinschaftlichen Bewusstsein ein Ich-Bewusstsein, das zu einem wesentlichen Bestandteil der menschlichen Kultur und Sozialisation wird.
Bewusstsein ist nicht von Natur aus Ich-Bewusstsein. Am Beispiel des australischen Totemismus hat schon Emil Durkheim eine Gemeinschaft beschrieben, die durch eine Gleichförmigkeit des Handelns und auch des Denkens und Empfindens im Sinne eines „Kollektivbewusstsein“ gekennzeichnet ist und in der die Lebenswelt so dominant ist, dass kein Spielraum für individuelles Selbst-Bewusstsein bleibt. Der Neurobiologe Andrew Newberg beschreibt das Phänomen als „Bewusstsein ohne Ego” (vgl. den Text ‘Gott im Kopf’, M-G-Link). Solche Formen von Kollektivbewusstsein haben gewöhnlich religiöse Gestalt. Die absolute Autorität erscheint personalisiert und wird durch kollektive performative Rituale - körperliche und Sprech-Rituale - in ihrer Verbindlichkeit bestätigt. Die Personalisierung überträgt wie eine Metapher ein aus der Sippe bekanntes Autoritäts-Modell auf die gesamte Gemeinschaft – Gott ist Vater (oder Mutter). Das Kollektiv-Bewusstsein schafft soziale Realität.

… und die Sprache der Metaphern

Wir reden von einem „Briefkopf“, von „Zahnrädern“ oder den „Beinen“ an Tischen und Stühlen. Wir beißen auf Granit. Wir denken „oberflächlich“ oder sind „voll“ des Dankes. Wir machen „Nägel mit Köpfen“, wir suchen nach Argumenten, die „unter die Haut gehen“. Metaphern sind sprachliche Bilder für eine Sache zur Bezeichnung einer anderen Sache. „Metaphern verstärken unser Vermögen, die Welt um uns herum wahrzunehmen und zu verstehen.“ (Jaynes) In den Metaphern für zwischenmenschliche Beziehungen spielt die Haut eine wichtige Rolle. Wir kommen „in Berührung“ mit jemandem, sind „dickfellig“ oder „dünnhäutig“.
Sprache ist Kommunikationsmittel und gleichzeitig Wahrnehmungsorgan. Die metaphorische Etymologie vieler Worte, die wir selbstverständlich benutzen, ist nicht immer deutlich oder bewusst. Der Wortschatz einer Sprache besteht so aus einer endlichen Menge von Ausdrücken, die auf Metaphern zurückgehen. „Eine Sache verstehen heißt eine Metapher für sie finden, indem wir etwas Vertrauteres an ihre Stelle setzen. Das Gefühl der Vertrautheit ist das Gefühl, verstanden zu haben.“ (Jaynes)
In der Kultur- und Sprachgeschichte gibt es verschiedene Muster, die Vertrautheit herstellen. Das archaische mythische Wahrnehmen hat Prozesse, die wir heute als „natürlich“ und mit naturwissenschaftlichern „Gesetzen“ erklären, personalisiert, als menschenverursacht vor Augen gestellt und damit zu „begreifen“ versucht. Gewitter sind dem mythischen Denken Gottes-Akte oder vielleicht auch Lärm vom Kampfgetümmel verschiedener Gottheiten.
Unser mentales Bewusstsein konstruiert aus Metaphern und Analogien eine gedachte Welt, in der wir Ursachen und Folgen bedenken und somit für unser Handeln Gründe suchen können. Ob dieses Bedenken im Sinne von Probehandeln dem Handeln vorausgeht oder nur schlicht rechtfertigend nachfolgt, macht für unsere Selbstvergewisserung keinen Unterschied.
Wenn wir versuchen, unser Bewusstsein zu verstehen, benutzen wir wiederum Metaphern. Wir „sehen“ die Lösung eines Problems, wir bedenken Probleme unter einem bestimmten „Gesichtspunkt“, wir „begreifen“ etwas. Wir stellen uns dank dieser Metaphern den mentalen Innenraum nach dem Muster von äußerlichem Verhalten vor. Es gibt auch unangemessene Metaphern – wenn die Ober- und Untertöne der Metapher nicht passend sind. Bei der Rede von der Liebe, die „wie eine Rose“ sei, stimmen diese Untertöne: Die Liebe blüht in der Sonne, sie duftet, sie kann ihre Stacheln hervorkehren, sie welkt irgendwann. Das mentale Bewusstsein ist aus demselben Stoff wie die Dichtung: Dieses sprachlich vermittelte Bewusstsein „ist ein Werk der sprachlichen Metaphorik“ (Jaynes). So wie wir uns in unserer Welt zurechtfinden, prägen wir ihr mentales metaphorisches Abbild und daher können wir uns – meist – dank unserer metaphorischen Bewusstseins-Filter in der Welt zurechtfinden. Die poetischen Figuren sind ein Mittel, um die ungeheuer große  Komplexität der Wirklichkeit aufscheinen zu lassen und gleichzeitig in dem Rahmen der sprachlichen Repräsentanten einzufangen.

Während in unserem Gehirn immer verschiedene Prozesse parallel ablaufen, kann unser aufmerksames mentales Bewusstsein nur eins nach dem anderen verkraften. Es ordnet also in Reihe, was ihm angeboten wird, es sortiert die Vorstellungsbilder in einem imaginären Raum. Auch „Zeit“ können wir uns nur vorstellen, wenn wir sie verräumlichen, den Fluss der Ereignisse in „davor“ und „dahinter“ aufteilen. Unser mentales Bewusstsein selektiert. Wenn ein Objekt so ähnlich aussieht wie die, die wir früher als „Baum“ begriffen haben, dann wird es auch ein Baum sein. Bewusst werden uns immer nur einzelne Aspekte der Wirklichkeit, und mit Vorliebe Aspekte, die sich als plausible Folge von Ursache und Wirkung darstellen lassen, die also unserem Modell von Handeln folgen. Wirkungen ohne Ursache sind ganz schwierig und unübersichtlich komplexe Vorgänge erscheinen uns „unbegreiflich“, erschließen sich dem mentalen Bewusstsein nicht, dafür konstruiert unser Geist gern Erklärungen. Wir haben in unserem Bewusstsein eine klare Vorstellung von Liebe, aber die Metaphern, mit der wir sie beschreiben, verraten ihre Unbegreiflichkeit. Wir nähern uns ihr durch Muster der Erinnerung, alte Geschichten machen unbegreifliche neue Erfahrungen vertraut.

Das Ich-Bewusstsein als Gefühl

Unser Gefühl von Freiheit entsteht, wenn wir uns vorstellen, dass wir dies oder jenes tun könnten und welche Folgen das hätte. Mit dieser „Welt-als-ob“ müssen wir unser wirkliches Verhalten dann in Einklang bringen und rechtfertigen – im Zweifelsfall Rechtfertigungen fabulieren. Wobei wir uns selbst gern als Held unserer Lebensgeschichte begreifen. Neues wird vermittels selektiver Wahrnehmung in die Erfolgsgeschichte eingearbeitet, Wahrnehmungen, die sich nicht einarbeiten lassen, möglichst „verdrängt“ und aus der bewussten Erinnerung ausgeschlossen. In der sprachlich erzeugten, metaphorischen mentalen Analog-Welt spielt das „Ich“ die Hauptrolle.

Wir erleben dieses Ich-Bewusstsein aber nicht als mentales Konstrukt, sondern als Selbstverständlichkeit, als primäre Wirklichkeit. Der Unterschied wird in Extremsituationen deutlich, etwa wenn ein Mensch Schmerzen empfindet in einer Hand, die eigentlich amputiert ist – Phantomschmerz. Experimente der Gummihand-Illusion zeigen, dass das Gehirn visuelle Informationen über seinen Körper in bestimmten Konstellationen für „wahrer“ hält als direkte körperliche Informationen – und Berührung empfindet wo keine Berührung ist. Split-Brain-Experimente zeigen, dass unser Gehirn scheinbar plausible Geschichten erfindet, um unserem Bewusstsein vorzuspiegeln, dass zwei Wahrnehmungen in einem sinnvollen Zusammenhang stehen („Konfabulation“). Der Extremfall einer ausgefallenen Integration des Ich-Empfindens wird in der Medizin unter Begriffen wie „Depersonalisation“ oder „Derealisation“ behandelt.

Unsere Wahrnehmung scheint sogar grundsätzlich unabhängig von Bewusstheit zu sein. Wir reagieren ständig auf Dinge, ohne uns ihrer bewusst zu sein. Es gibt Koma-Patienten, die beim Anschauen eines Tennisspieles beinahe dieselben Gehirnaktivität zeigen wie wache Menschen – aber ihnen ist nichts davon bewusst. Wo die Integration der eigenkörperlichen, biografischen und soziale Informationen zu einem einheitlich erlebten „Selbst“ misslingt, schicken wir den Arzt oder Psychologen. Das Bewusstsein ist kein Abbild unseres Erlebens, wir haben keinerlei Bewusstsein von der Fülle der Dinge, die wir unbewusst erleben und verarbeiten. Das mentale Bewusstsein ist sogar ein Bremsklotz für viele Reaktionen, weil es sehr langsam arbeitet. Nicht einmal das Denken passiert bewusst – auf die besten Ideen kommt man, wenn man dem Problem gerade keine Aufmerksamkeit zuwendet, sondern den Vögeln im Wald lauscht oder das Bewusstsein ganz abschaltet – im Schlaf.

Wenn das ICH-Bewusstsein nicht für die Wahrnehmungen erforderlich ist, nicht für geschickte Reaktionen, nicht für emotionale Empfindungen, nicht für das Sprechen, wenn das Bewusstsein bei den meisten menschlichen Aktivitäten keine ausschlaggebende Rolle spielt, dann, so folgert Jaynes, ist die Annahme möglich, dass unsere Vorfahren lange Zeit gut ohne dieses kulturelle Produkt eines „Ich-Bewusstsein“ auskamen. Dann stellt sich die Frage, an welchem Punkt der kulturellen Evolution der homo sapiens dieses Gefühl eines Selbst, das uns so selbstverständlich geworden ist, entstanden ist. Seine Antwort: Dieses mentale Bewusstsein ist mit der Komplexitäts-Steigerung der Sprache entstanden.  

Signallaute der Jäger- und Sammler-Kultur

Viele Säugetiere bewegen sich in Gruppen, im Schutz dichter Wälder reichen vielleicht sechs, die Gibbons im offenen Gelände bewegen sich in Gruppen von bis zu 80 Tieren. Mit Signallauten koordinieren die Tiere ihr instinktives Verhalten, bei den Primaten gibt es taktile Kommunikation (Körperpflege, Umarmung, Stupsens mit der Schnauze), stimmliche Kommunikation mit Grunz-, Bell- und Kreischtönen. Es gibt nichtvokale Lautsignale wie etwa Zähneknirschen oder das Patschen auf Zweige. Unterschiedlichste Gesichtsausdrücke und das drohende Auge-in-Auge-Starren gehören zu den visuellen Signalen.
Das Signal-Spektrum kommuniziert besondere Situationen der äußeren Bedrohung und weist auf Nahrungs-Funde hin, zudem Signale dient es vor allem den inneren Gruppen-Angelegenheiten. Bestimmte Vögel-Arten begrüßen morgens mit ihrem Gezwitscher den Tag und sammeln sich mit „Gesang”  für ihre langen Flüge, um dann wie auf ein Kommando in aerodynamischen Mustern loszufliegen. Auch Paviane verständigen sich über Laute und bilden bei ihren Wanderungen ein streng geometrische Muster. Bei Gorillas entfernen sich Gruppenmitglieder nie mehr als 50 Meter von dem dominanten Tier, bei Wanderungen legt die Gruppe rund 500 Meter zurück.
Man darf annehmen, dass die Frühformen des Homo sapiens in ähnlichen Strukturen lebten. Sie verfügten wie alle anderen Primaten über eine Fülle von visuellen und stimmlichen Signalen. Wenn ihre Gruppen aus Gründen der Verteidigung größer wurden, so vermutet der britische Psychologe Robin Dunbar, wurde die lauthafte Kommunikation für die Innenbindung der Gruppe wichtiger als das „Kraulen“ und „Lausen“ – das erklärt für ihn, „wie der Mensch zur Sprache fand“ (1998).
Aber das war sicherlich zu Beginn eine schlichte Kombination von Sprachlauten, die in ihrer Differenzierung nicht weit über die Kombination von Signallauten hinausgehen musste. 

Jaynes geht davon aus, dass die Gruppenkommunikation sich entscheidend fortentwickeln musste, als die Jäger- und Sammler sich in sesshaften, ackerbauenden und damit größeren Gemeinschaften niederließen. Das Bewusstsein der Menschen, deren Fetische die Archäologen auf Zeiten bis vor 30.000 Jahren bestimmen, können wir uns nur als meditierendes, tagträumendes Bewusstsein vorstellen. Da verschwimmen aufsteigende Erinnerungen mit momentanen Wahrnehmungen, beides scheint oft gleich intensiv und präsent. Um die aufsteigenden Tagträume deuten zu können, brauchten diese Menschen offenbar die Schnitzfiguren und die Vorstellung, dass die Figurinen zu ihnen reden. Das Symbolisierte ist im meditativen Bewusstsein verwoben mit dem Symbol. Das meditative Bewusstsein kennt auch keine klare Grenze eines „Ich”. (4) ) Das mentale Bewusstsein der Menschen entwickelte sich mittels der Sprache in einem kumulativen Prozess kultureller Evolution, seine frühe Form war das Kollektiv-Bewusstsein. Die Frage ist also weniger: „Wie einzigartig ist der Mensch?“ als vielmehr: „Wie einzigartig sind die Menschen“? (5)

Das Kollektiv-Bewusstsein der Sesshaften

Archäologen berichten fasziniert von den handwerklichen Hilfsmitteln, die diese Dorfgemeinschaften erfanden, die arbeitsteilige Vorbereitung der Böden, die Planung der Saat und die Speicherung der Ernte erforderten ein deutlich komplexeres Bewusstsein des kollektiven Handelns als der Alltag der Jäger und Sammler.
Natoufien wird die Fundstelle genannt, an der frühe Zeugnisse der mesolithischen Kultur im Wadi el-Natuf in Palästina ausgegraben wurden, 20 Kilometer nördlich vom See Genezareth. Um 10.000 v.u.Z. waren die Natoufien-Menschen Jäger wie ihre Vorfahren; sie waren geschickt als Bearbeiter von Knochen und stellten Feuersteinklingen her. Sie trugen durchbohrte Muscheln und Tierzähne als Schmuck, hatten offenbar einen Sinn für Schönheit, und hinterließen Tierzeichnungen an ihren Höhlenwänden.

Aus der Zeit um 9.000 sind drei Dauersiedlungen ausgegraben worden mit großen Bestattungsplätzen und rund fünfzig runden schilfgedeckten Steinhäusern mit Durchmessern von bis zu sieben Metern, die um einen Platz herum errichtet waren. Aus dem Nomadenstamm mit rund zwanzig Mitgliedern war ein Dorf mit 200 Bewohnern geworden. Zahlreiche Werkzeuge zeigen nicht nur von dem Ackerbau der Siedlung, sondern auch von ihrem handwerklichen Geschick und ihrer vorsorglichen Planung.

Wer auch immer in dieser Siedlung geherrscht hat – er herrschte mit seiner lauten Stimme. Die Worte waren Gesetz, die Mitglieder der Sippe mussten sich der Worte erinnern, sie wiederholen. Das, was den Menschen in den Ohren klang, waren Machtworte, Befehle, „Hinweisreize der sozialen Kontrolle“. Wie Kinder, die etwas nicht vergessen dürfen, das vor sich hin murmeln, so haben diese einfachen Menschen diese Befehle sich durch Wiederholungszwang gemerkt. Und wenn in alten Zeugnissen immer wieder berichtet wird, dass die Götter direkt zu den Menschen sprachen, von Mann zu Mann, dann erinnert das den Psychologen Jaynes an Gehörshalluzinationen. Diese Halluzinationen nahmen ihren Ausgang von lauten Befehlen“, die das Stammesoberhaupt erteilt hatte und die in dem Individuum nachhallten. Aus den Machtworten der Stammesführer wurden später machtvolle Götter-Worte. 
Wenn es so gewesen ist, dann würde sich damit erklären, wie in den Grabstätten jener frühen Zeit in Natoufien der tote Stammesführer aufgebahrt ist: Halb sitzend, als würde er weiter leben, jedenfalls in der Vorstellung seiner Verehrer, und weiter seine Befehle geben. „Ist der König tot, wird er zum lebendigen Gott.“ (Jaynes): Das Mausoleum des Königs ist über Jahrhunderttausende der frühen Kulturen das Haus des Gottes. 

Göbekli Tepe UrfaDie riesige Tempelanlage in Göbekli Tepe, wo heute die Grenze zwischen Türkei und Irak verläuft, errichtet offenbar vor mehr als 10.000 Jahren, zeugt von der Macht des lokalen Herrschers: Archäologen gehen davon aus, dass es sich um einen Tempel handelt, in dem für die unser heutiges Verständnis die „Toten“ aufgebahrt waren, deren Stimmen aber für die Menschen damals sehr wohl lebendig und bedeutsam waren. Das tonnenschwere Mausoleum aus Stein ist das Sinnbild der Herrschermacht, die tausende von Arbeitskräften dazu bringen konnte, solche symbolischen Gebilde aufzutürmen. Diese arbeitsteiligen Herrschafts-Gemeinschaften waren in der Lage, solche großen Bauwerke zu planen und verfügten über hinreichende Überschussproduktion, um die erforderlichen Arbeitskräfte dafür abzustellen und zu organisieren.

Bis um 6.000 v.u.Z. hatten sich bäuerliche Gemeinschaften über einen Großteil des Nahen Ostens verbreitet. Von ihrer Kultur sind vor allem monumentale Bauwerke erhalten, letztlich auch die Pyramiden. Aber das ist schon die späte Phase dieser Zeit, in der die Götter direkt mit den Menschen sprachen.

Als die Götter noch unter uns waren – vor der Zeit der großen Religionen

Die großen Religionen des alten Orients verarbeiten schon die Erfahrung, dass die Menschen die Götter nicht mehr sprechen hörten: Die Götter haben die Menschen aus ihrem Paradies vertrieben, weil sie zu selbstbewusst wurden und meinten, über gut und böse selbst entscheiden zu können. Es sind Erzählungen von Göttern, die sich von den Menschen abgewandt haben, die ihnen verborgen sind und sich nur gelegentlich, indirekt und meist durch Zeichen bemerkbar machen.  

Was war, als dieses reflexive Selbstbewusstsein noch nicht war? Wie tickten die Menschen, bevor sie aus dem Paradies vertrieben wurden, als sie unter den Göttern lebten und ihren Stimmen ohne distanzierendes Selbstbewusstsein gehorchten?
Jaynes sucht danach in den ältesten Schrift-Zeugnissen der menschlichen Kultur. Er fragt: „Welche ‚Mentalität’ – welches Stadium der Psychoevolution – zeigt sich in den frühesten Schriftdokumenten der Menschheit?“ Und da die Hieroglyphen kaum mit der dafür erforderlichen Sensibilität in ihrer Bedeutung für die ägyptischen Zeitgenossen entzifferbar sind, stürzt er sich auf die alten hebräischen Dokumente, in denen manche der älteren Tradition durchscheint, und auf die homerischen Gesänge, die als „Ilias“ um 1000 v.u.Z. tradiert und schließlich aufgeschrieben wurden. Die Worte und Begriffe, die in der klassischen Übersetzung für Bewusstsein und einzelne Aspekte des Mentalen stehen, haben in der Ilias eine andere Bedeutung, sie beziehen sich auf Aspekte der leiblichen Dingwelt. „Psyche“ steht für Lebenssubstanzen, die wir als Blut und den Atem benennen. Thymos bedeutet Bewegung. ‚Der thymos verlässt die Glieder’ bedeutet, der Mensch bewegt sich nicht mehr. Auch die tobende See  hat thymos. Das Wort soma, das später Körper bedeutet und einen Kontrapunkt zur Seele (psyche) bildet, steht bei Homer im Plural für die toten Gliedmaßen, den Leichnam. Die Helden der Ilias kennen keinen „Willen“, sie entscheiden nicht – sie hören auf die Stimmen der Götter. Wo wir subjektive Empfindungen unterstellen würden, wirken in der Ilias die Götter. Die Menschen der ‚Ilias’ kannten keine Subjektivität wie wir“, fasst Jaynes zusammen. Die Erklärung für Affekte und Handlungsimpulse werden externalisiert, projiziert. Für eine Beschreibung von inneren Empfindungen gab es noch keine Sprache.

Diese alten Götter redeten „von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet“, so hallt diese Kultur noch in den Schriften des Alten Testaments nach als wehmütige Erinnerungen (etwa 2. Mose 33, 11). Und noch der babylonische Herrscher Hammurabi redete mit seinem Gott Marduk von Angesicht zu Angesicht – davon gibt es auf der Stele des Codex Hammurabi ein Reliefbild, das beide Männer - in ähnlicher Pose sich gegenüberstehend - zeigt. Die Menschen kamen zu der babylonischen Stele „zu hören meine Worte“, wie es am Fuß der Stele heißt. Noch mit der Schrift sprach der Herrscher zu den Menschen, das war schon der Übergang zu den großen Religionen der Achsenzeit”.

Diese Götter sind Bestandteile des menschlichen Bewusstseins. Sie treten nicht in großer Distanz unter Blitz- und Donner-Begleitung auf, nicht umrahmt von  schrecklichen Naturgewalten, sondern wie Menschen. Die Menschen halluzinieren und  verbalisieren ihre Halluzinationen als Götter. Der Psychologe Jaynes kennt dieses Phänomen aus der Praxis als Gehörshalluzinationen und Gesichtshalluzinationen. In der Psychologie werden solche Halluzinationen als Krankheitsbild klassifiziert, Künstlerpersönlichkeiten wie wie Robert Schumann litten darunter. Jaynes vermutet, dass sie in der Jungsteinzeit „normale“ Begleiterscheinungen der Anstrengungen des Hörverstehens und der Rechtfertigung des eigenen Handelns waren. Bewertungen, Entscheidungen, Antriebe oder moralische Skrupel wurden auf die Stimmen der Götter,bezogen, nicht als „eigene” Entscheidungen auf ein „Selbst“, eine „Seele“, ein „Ich“.

In den überlieferten Texten aus dem alten Mesopotamien sind es die Worte der Götter, die darüber entscheiden, was zu tun ist. Auf einem Kegel aus Lagas liest man:
„Mesilin, König von Kiš, errichtete auf Geheiß seiner Gottheit Kadi, betreffend die Bepflanzung jenes Feldes, eine Stele an jenem Ort. Uš, Patesi von Umma, um sich ihrer zu bemächtigen, fertigte Zauberformeln an; jene Stele zerbrach er in Trümmer; in die Ebene von Lagaš rückte er vor. Ningirsu, der Held des Enlil, auf dessen rechtmäßiges Geheiß führte Krieg gegen Umma. Auf das Geheiß des Enlil schnappte sein großes Netz zu. An jenem Ort auf der Ebene errichtete er ihren Grabhügel.“ (Zitate nach Jaynes)
Die Stimmen der Götter Kadi, Ningirsu und Enlil geben die Anweisungen, die Herrscher hören und nur weitergeben. Wie kann die Schrift einer Stele bei Nacht entziffert werden?
„Die Glätte ihrer Oberfläche gibt ihm sein Hören kund; die eingemeißelte Schrift gibt ihm sein Hören kund; das Licht der Fackel hilft ihm besser hören.“ Hammurabi MardukLesen der Keilschrift wurde wahrgenommen als Hörens.

hammurabi Stele

Gesetzes-Stele mit Halbrelief: Hammurabi steht vor seinem Gott

 

Hammurabi war der größten aller Statthalter-Könige, Stellvertreter von Marduk, dem Stadtgott von Babylon. Hammurabi herrscht über sein Imperium mit einer unzähligen Menge von Briefen, Tontafeln und Stelen. Seine bekannteste Hinterlassenschaft ist der Codex Hammurabi, datiert auf das Jahr 1792 v.u.Z. In die etwa zweieinhalb Meter hohe Stele aus schwarzem Basalt ist ein Text eingemeißelt, der die Regeln des Zusammenlebens fixiert. Neben der Stele stand eine Statue des Herrschers. Am Fuß der Stele heißt es, man müsse vor die Statue Hammurabis treten „zu hören meine Worte“. 
Das Halbrelief zeigt Hammurabi und Marduk, wie sie sich auf Augenhöhe anblicken, es gibt kein Zeichen von Demut angesichts des Gottes. Was Marduk diktiert, ist der Wille Hammurabis, oder anders gesagt: Was Hammurabi will, ist der Wille des Gottes (Marduk/Šamaš).

In der Keilschriftliteratur finden sich immer wieder sprechende Götter. Die sprechenden Götter wurden rituell gepflegt mit Mundwaschungen. Auf den sumerischen Keilschrift-Tafeln sind für die Gottheiten sehr ausführlich komplizierte Zeremonien der Mundwaschung vorgeschrieben, mit denen die Redegabe der Götter erneuert werden sollte. „Beim Licht tropfender Fackeln trug man den Gott mit seinem Intarsiengesicht aus Juwelen zum Flußufer, und dort wurde ihm unter Zeremonien und Beschwörungen mehrmals der Mund ausgewaschen, wobei das Gesicht nacheinander gen Osten, Westen, Norden und schließlich gen Süden gewandt war. Das benutzte Weihwasser war ein Sud von vielerlei Zutaten: Tamariskenrinde, verschiedene Gräser, Schwefel, verschiedene Gummis, Salze und Öle, dazu Dattelhonig sowie verschiedene kostbare Steine. Nach weiteren Beschwörungen wurde der Gott ‚an der Hand’ zurück auf die Straße ‚geleitet’, wobei der Priester ein litaneiartiges ‚Fuß, der vorwärtsschreitet – Fuß, der vorwärtsschreitet ...’ intonierte. Am Tempeltor wurde dann nochmals eine Zeremonie abgehalten. Darauf nahm der Priester den Gott ‚bei der Hand’ und geleitete ihn zu seinem Thron in der Nische, wo ein goldener Baldachin aufgeschlagen war und der Mund der Statue abermals ausgewaschen wurde.“ (zitiert nach Jaynes)

Auch im alten Ägypten galten die Hieroglyphen generell als „Schrift der Götter“.
Das Horusauge, auch Udjat-Auge genannt, ist das altägyptische Sinnbild des Lichtgottes Horus. Dem entsprechenden Hieroglyphen-Zeichen wurde magische Bedeutung zugeschrieben. Als Amulett getragen schützt es bis heute gegen den „bösen Blick“, es bringt Kraft und Fruchtbarkeit. 

Osiris war die halluzinierte Stimme eines verstorbenen Königs, dessen Belehrungen noch immer etwas galten und der weiterhin die Überflutungen des Nils kontrollierte. So machte es Sinn, den Körper einzubalsamieren und mit Speis und Trank, mit Sklaven und Frauen auszustatten. Horus als der Sohn des Osiris ist gleichzeitig seine wesensgleiche „Verkörperung“, weil in ihm die halluzinierte Stimme des Königs fortlebt. Auch in den alten ägyptischen Vorstellungswelten sind die Herrscher gottgleich und die Götter menschengleich.

Das Verschwinden der Götter in den Himmel …

Tukulti-Ninurta NuscaUnd dann gibt es einen um das Jahr 1230 errichteten Steinaltar, der den Tyrannen von Assyrien, Tukulti-Ninurta I., abbildet. Wie in einem Schulbuch wird da das neue Götterbild erklärt: Der Tyrann steht, stolz und aufrecht, aber er ist ein zweites Mal abgebildet, kniend. Er geht auf die knie - wovor? Nicht vor seinem Gott, sondern vor dessen leeren Thron. Der Gott ist abwesend, der Mensch wird demütig. 

„In der ganzen vorherigen Geschichte wird kein König jemals kniend dargestellt. In der ganzen vorherigen Geschichte gibt es keine bildliche Darstellung, die auf einen abwesenden Gott hindeutet“, konstatiert Jaynes. Alle Abbildungen Hammurabis zeigen einen aufrecht dem Gott gegenüberstehenden und lauschenden König, die früheren Rollsiegel zeigen den irdischen Herrscher von Angesicht zu Angesicht mit einem menschengestaltigen Gott. Auf den Rollsiegeln der neuen Zeit wird die Gottheit durch ein Symbol vertreten.

Aus der Zeit des Ninurta-Steinaltars ist das babylonisches Gedicht „Ludlul bel nemeqi“ (Ich will preisen den Herrn der Fertigkeiten) überliefert, dass eine Gottesverzweiflung ausdrückt, wie sie später in den Psalmen des Alten Testaments immer wieder auftaucht. Da heißt es:
„Mein Gott hat mich verlassen und entschwand, Meine Göttin hat mich im Stich gelassen und hält sich fern. Der gute Engel, der mir zur Seite schritt, ist auf und davon.“ Auch Gebete und Opfer haben nicht geholfen. Erst im Tempel des Marduk, der seine „Verfehlungen im Wind zerstreute“, wird ihm Hilfe zuteil – er wird gesund. 

Auch wenn die alten Götter mit Sonne, Mond und Sternen assoziiert worden waren -  sie hatten auf Erden gemeinsam unter den Menschen „gewohnt“ und hatten im Tempel ihr Domizil, wo man sie pflegte und ernährte. Erst als die göttlichen Stimmen nicht mehr gehört wurden, wurde die Erde zum Tummelplatz von Engeln und Dämonen – die unsichtbaren, unnahbaren Götter wurden in der Sphäre der Wolken imaginiert. Nur die geflügelten Engel konnten Zugang zu ihnen haben.

Als im siebten Jahrhundert die Geschichte von der Großen Flut, von der später auch im Alten Testament als „Sintflut“ erzählt wird, in den Gilgamesch-Zyklus eingegliedert wird, wurde damit der Wegzug der Götter von der Erde mit der Naturkatastrophe begründet:  „Selbst die Götter wurden von Entsetzen ergriffen angesichts der Flut. Sie flüchteten sich hinauf in den Himmel des Anu.“

Der Wille der schweigenden Götter musste fortan indirekt ermittelt werden  - über Omen-Texte, Losorakel oder über eine Augurienschau. Omentexte kombinieren zwei Erscheinungen, die assoziativ zusammen gedacht werden in der Art: Wenn ein Mann unabsichtlich auf eine Eidechse tritt und sie tötet, dann wird er über seinen Gegner obsiegen. (Babylonisches Omen)  Riesige Sammlungen solcher Sprüche wurden im ersten Jahrtausend zusammengetragen. Omen-Texte befassten sich mit den Unwägbarkeiten der Geburt. Die Medizin gründete in solchen Erfahrungen, welches Ereignis mit welchem Phänomen zusammentritt. Und die Astrologie: Der Stand der Gestirne bei der Geburt, interpretiert nach Mustern der Omen-Analogie, verrät bis heute das Schicksal des neuen Menschen. Träume wurden als göttliche Zeichen und Wahrsagungen verstanden, seit der spätassyrischen Periode werden sie in Traumbüchern gesammelt. Ähnlich füllt die Kultur der Los-Orakel den verwaisten Platz der göttlichen Stimmen. Aus der Praxis, den präsent gedachten Göttern Nahrungs-Opfer darzureichen, wurden die mehr und mehr symbolische Opfer-Rituale für abwesende Götter. 

... und die Anfänge des Selbst-Bewusstseins

Gleichzeitig zeigt sich in den Quellen ein subjektives Selbst-Bewusstsein der Herrscher. Jaynes zeigt dies mit einem Vergleich zwischen assyrischen und altbabylonischen Briefen. „Die Briefe Hammurabis sind tatsachenorientiert, konkret, behavioristisch, formelhaft, befehlshaberisch und grußlos.“ Die Schrift der Tontafeln wurde „gehört“ von ihren Adressaten, es sind Befehle des Herrschers. Zum Beispiel so:
„Zu Sinidinnam sprich: so spricht Hammurabi. Ich schrieb dir und hieß dich, den Enubi-Marduk zu mir zu schicken. Warum hast du ihn also nicht geschickt? Wenn du diese Tafel siehst, schicke den Enubi-Marduk vor mich. Sorge dafür, daß er Tag und Nacht unterwegs ist, damit er eilends eintrifft.“
Oder folgender Brief: „Zu Sinidinnam sprich: so spricht Hammurabi. Ich schicke nun den Amtmann Zikirilisu und den Dugab-Amtmann Hammurabibani, die Göttinnen von Emutbalum zu holen. Laß die Göttinnen in einer Prozessionsbarke wie in einem Heiligtum nach Babylon reisen. Und das Tempelweib soll ihnen folgen. Zur Ernährung der Göttinnen wirst du Schafe bereitstellen (...). Sorge dafür, daß sie ohne Aufenthalt eilends in Babylon eintreffen.
Der Brief unterstellt als selbstverständlich, dass die Götter auf ihrer Reise etwas zu sich nehmen wollen.

In den assyrischen Staatsbriefen des siebten Jahrhunderts, also rund 1.000 Jahre später, erscheint eine Welt von Empfindlichkeiten, Ängsten, Habgier, Widerborstigkeit und Bewusstheit. In dem Brief eines assyrischen Herrschers an seine ungebärdigen babylonisierten Statthalter im eroberten Babylonien aus der Zeit um 670 zeigt sich sogar Sarkasmus:
„Botschaft des Königs an die Pseudo-Babylonier. Ich bin wohlauf. (...) Ihr habt euch also – der Himmel helfe euch – in Babylonier verwandelt! Und fort und fort erhebt ihr gegen meine Diener Anschuldigungen – falsche Anschuldigungen –, die ihr euch zusammen mit eurem Meister ausgekocht habt. (...) Das Dokument, das ihr mir geschickt habt (nichts als zudringliches hohles Geschwätz!), sende ich euch neueingesiegelt wieder zurück. Jetzt werdet ihr natürlich sagen: »Was sendet er uns da zurück?« Von den Babyloniern schreiben mir meine Diener und Freunde: Wenn ich das Siegel erbreche und lese, o welche Wohlgeratenheit der Heiligtümer, Sündenvögel ...
Diese Briefe zeigen beispielhaft eine neue Subjektivität, eine Veränderung der Mentalität.

Archäologie des Bewusstseins im Alten Testament

Im mittleren Osten existierten gegen Ende des zweiten Jahrtausends in der Zeit, in der die später im Alten Testament gesammelten Erzählungen entstanden, halbnomadische Stämme, Nichtsesshafte ohne Weideland (dira).  Natürlich kämpften sie um gutes Weideland und um Wasserlöcher und verunsicherten die Gegend für die Händler. Für die Bewohner fester Siedlungen waren sie Räuber und Vagabunden. In schlechten Zeiten begaben sie sich freiwillig in Leibeigenschaft, ein Beispiel dafür wird in 1. Mose 47, 18-26 berichtet.
Alle waren auf der Suche nach einem „gelobten Land“. In der Sprache Babyloniens nannte man diese Wüstenflüchtlinge auf den Keilschrifttafeln habiru, daraus wurden die Hebräer. Immer wieder begegnet man in den Schriften des alten Testaments Fragmenten älterer Erzählungen und einzelnen Motiven vom Zerfall der alten Identität mit präsenten Göttern und den überlegenen Anhängern des verborgenen Gottes Jahwe.
Die redaktionelle Zusammenstellung der Schriften führte bekanntlich zu einigen Unstimmigkeiten, zum Beispiel der doppelten Schöpfungsgeschichte. Die Geschichte von der Sintflut ist eine monotheistische Überarbeitung alter sumerischer Inschriften.
In der Zeit, in der die Textfassungen zustande kamen, haben die Priester der Hebräer den Tempel von Resten der alten Kulte gereinigt – und deren Anhänger bekämpft, auch davon erzählen ihre Schriften. Dies zeigt sich bei einer Analyse der verschiedenen Schichten vieler Texte des alttestamentarischen Kanons.

Die elohim und der Sündenfall

Im Text von Genesis 1, dem 1. Kapitel im 1. Buch Mose, geht es um „elohim“. Elohim ist eine Pluralform, leitet sich von „mächtig sein“ her und wäre übertragbar als „die Majestäten“. Das scheint die traditionelle Bezeichnung der nomadisierenden Habiru für ihre Götter gewesen zu sein. Diese Stimmen schufen also Himmel und Erde. Jahwe, „der Seiende“, ist einer von ihnen, ein anderer Baal oder ba’l, was soviel wie „Eigentümer“ bedeutet. Jede Ansiedlung Kanaans hatte ihren Baal, ihren Siedlungs-Heiligen.

In der Sündenfallgeschichte wird das Thema der Entstehung des menschlichen Selbstbewusstseins direkt angesprochen: Die Schlange verspricht: Ihr „werdet sein wie die elohim und wissen, was gut und böse ist“ (1. Mose 3, 5). Das war bis dahin Sache der göttlichen Stimmen, den Menschen einzugeben, was gut und böse ist. Die Herausbildung des menschlichen Selbstbewusstseins beschreibt die Sündenfall-Geschichte mit einer weiteren Metapher:  Als die Menschen vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, „da wurden ihrer beider Augen aufgetan“.
Die in der Übersetzung „Propheten“ genannten Figuren, hebräisch „nebi’im“, sind solche, in denen die Worte und Visionen sprudelten. An anderer Stelle wird berichtet, dass der Mann, der die Stimmen hörte, für einen Spinner gehalten wurde, psychisch krank: „Denn das Wort des Herrn bringt mir den ganzen Tag nur Spott und Hohn.“ (Jeremia 20, 7-10).
Die Gottesvisionen setzen  wie Anfälle ein. „Da flog der Seraphim einer zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen gerührt. Und ich hörte die Stimme des Jahwe …“ heißt es bei Jesaja (6,6-8). Die Erzählungen der Priester-Religion integrieren so die alten Visionen des anwesenden Gottes, der zu den Menschen spricht, in der Form wundersamer Eingebungen. Noch die Jesus-Geschichte bekommt ihre Legitimität durch diverse Anleihen aus diesen alten Berichten von direkten oder indirekten Gottes-Begegnungen.
 

Das Bedürfnis nach einem visuellen Gottes-Erleben

Augenidol 2800Visuelle Hilfsmittel der Kommunikation mit den Göttern sind die Idole. Wie ein Kind mit seinem Teddy spricht und ihn tröstet, wenn es Angst hat, so kommunizieren religiös versunkene Menschen mit ihrem Idol. Kommunikation auf Augenhöhe erfordert Blickkontakt. Der Blickkontakt ist schon unter den Primaten von überaus wichtiger Bedeutung. Die Idole, die das Gespräch mit der Gottheit konkret machen sollten, haben oft überdimensioniert große und ausgemalte Augen. Die hervorstehenden Augen sind ein Merkmal der Tempelplastiken der frühen Götterkulturen.

 

 

Im Norden des heutigen Syrien ist dieses Augen-Idol
 gefunden worden, das auf die Uruk-Zeit
- um 2.800 v.u.Z. - geschätzt wird.



Während Gott am Anfang im Garten wandelt und sich mit Adam unterhält, auch eigenhändig die Tür der Arche Noah verschließt, mit Jakob eine ganze Nacht lang streitet, erscheint er Mose nur ein einziges Mal „von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet“ (2. Mose 33, 11). Mit der Übergabe der 10 Gebote verabschiedet sich Gott in Naturgewalten mit Blitz und Donnerwetter, von nun an wird sein Wille aus den Schriftrollen ausgelegt: „Kein Mensch wird leben, der mich sieht“. Mose darf ihn nur von hinten sehen. Sogar eine prophetenlose Zeit droht: „Und es stand hinfort kein nabi in Israel auf wie Mose, den der Herr erkannt hätte von Angesicht zu Angesicht“ (5. Mose 34, 10). 

Verzweifelt suchen die Menschen nach dem Angesicht Gottes: „Gleich wie der Hirsch lechzt nach den Wasserquellen, Also lechzt meine Seele nach euch, ihr Götter! Meine Seele dürstet nach Göttern, nach starken lebendigen Göttern! Wann werd’ ich dahinkommen, dass ich der Götter Angesicht schaue?“ (Psalm 42)

Ganz ohne visuell-körperliche Komponente kommen die Menschen nicht aus. Wo die Visionen der Gottesworte und die visuellen Vorstellungen sprechender Götter verblassen, wo dieses Verblassen in die Geschichte vom göttlichen Bildnis-Verbot eingekleidet wird,  da spießen die Phantasien der Wahrsagerei und der Fetische – Losewerfen, Omen-Interpretation werden auf geheime Gottesworte abgesucht. Denn Zufall kann es in einer Welt, die von Gott regiert wird, nicht geben. Sieht der Prediger Jeremia einen siedenden Topf im blasenden Wind von Norden her, dann droht von Norden Unglück (Jeremia 1, 13-15). Metaphern, Analogien und Wortspiele sollen dabei helfen, der verborgenen göttlichen Vorhersehung auf die Spur zu kommen.

Auch die Geschichten der Bücher Samuel berichten von der Auseinandersetzung der Menschen mit den Geistern der Götter. „Und Saul fragte Gott: Soll ich hinabziehen den Philistern nach?“ Es ging darum sie auszurauben.  Aber Gott „antwortete ihm zu der Zeit nicht.“ (1. Samuel 14,37) Warum spricht der Gott nicht zu ihm? Saul will durch einen Loswurf ermitteln, wer schuld ist. Das Orakel trifft seinen Sohn Jonathan, und der gesteht: Ich habe ein wenig Honig gekostet mit dem Stabe, den ich in meiner Hand hatte; und siehe, ich muss darum sterben“. Aber das Volk stellt sich hinter Jonathan – und setzt sich durch gegen das Orakel-Wort. Schließlich sucht Saul Rat bei einer Hexe.

Vom erbitterten Kampf des Jahwe gegen die Stimmen der elohim berichtet auch das Buch Sacharja (Zacharias): „Wenn jemand weiter weissagt, sollen sein Vater und seine Mutter, die ihn gezeugt haben, zu ihm sagen: Du sollst nicht leben, denn du redest Falsches im Namen Jahwes; und also werden Vater und Mutter, die ihn gezeugt haben, ihn zerstechen“ (13,3). Saul vertreibt alle, die einen Hausgeist („ob“) haben (1. Samuel 28, 3).  Noch im Jahre 64 v.u.Z. musste König Josia den Befehl geben, die Götterstatuen zu zerstören (2. Chronik 34, 3-7), mit denen die Menschen von Angesicht zu Angesicht Zwiesprache gehalten hatten, um die Stimmen der Götter zu hören – der stumme Gott ist einer, dessen Wort von den Priestern und ihrem König verwaltet wird.

Amos spricht mit Gott, Salomon über Gott

Eines der alten Schriften ist das Buch Amos, es wird auf das 8. Jahrhundert datiert. Da berichtet ein einfacher Wüstenhirte, was ihm sein Gott in der Halluzination gesagt hat. „Ich bin kein Prophet noch ein Prophetenjünger, sondern ich bin ein Rinderhirt, der Maulbeerfeigen ritzt“, sagt Amos. „Aber Jahwe nahm mich von der Herde und sprach zu mir: Geh hin und weissage meinem Volk Israel!“ (Amos 7,14f). Formelhaft heißt es dann immer wieder: „So spricht der HERR“. Amos ist „ein Hirt, der Maulbeeren abliest“ (Amos 7, 14), er reflektiert nicht, er berichtet, was der Gott ihm gesagt hat. Gott lässt sich auch auf banale Dialoge ein, Gott fragt: „Was siehst du, Amos? Ich aber antwortete: Einen Korb mit reifem Obst. “

Die als „Prediger Salomo“ kanonisierte Schrift stammt dagegen aus dem 2. Jahrhundert. Sie enthält keinen Gedanken mehr daran, dass der gebildete Autor eine Stimme (Gottes) vernehmen würde, sie handelt von einem sich verdunkelnden Gott in einer Sprache, die Amos nicht kannte: Seele, Glauben, Verstehen. Vergeblich sucht der Mensch nach Weisheit, aber er weiß, dass alle irdischen Genüsse zur Leere, während Salomo die Nähe zu dem fernen Gott sucht. Das sein ist nichtig wie ein „Hauch“, vergänglich und vergeblich. In der Schrift finden sich die oft zitierten Sätze: „Ich wandte mich um und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne; und siehe, da waren die Tränen derer, so Unrecht litten und hatten keinen Tröster; und die ihnen Unrecht taten, waren zu mächtig, dass sie keinen Tröster haben konnten.“ (Salomo 4,1) Der Prediger Salomo reflektiert das Handeln der Menschen, formuliert moralische Ansprüche in einer Sprache voller Metaphern – er redet über Gott, nicht mit Gott.

Liebes-Metaphern aus bäuerlichem Erleben - ohne Seele

In den unter dem Titel „Das Lied der Lieder“ in den Kanon des Alten Testaments aufgenommenen überlieferten Hochzeitsliedern, in denen Einflüsse altägyptischer Liebeslyrik erkennbar sind und die von Martin Luther „Hohelied Salomons“ genannt wurden, wird dieser Versuch, mit Metaphern aus dem bäuerlichen Leben ein Gefühl zu umschreiben, sehr deutlich. „Eine Hennablüte ist mein Geliebter mir / aus den Weinbergen von En-Gedi“, heißt es da, oder: „Zwei Tauben sind deine Augen.“ Geradezu befremdlich für unsere Metaphern-Welt: „Mit der Stute an Pharaos Wagen / vergleiche ich dich, meine Freundin.“ In den bäuerlichen Metaphern wird gleichzeitig deutlich, dass die Autoren die  menschliche Zuneigung nur mit äußerlichen Bildern umschreiben konnten, ihnen fehlte die Sprache und damit das mentale Bewusstsein für das, was später „seelische“ Vorgänge genannt werden sollte. Natürlich ist die „Seele“ auch nur ein Produkt des Metaphern-Bewusstseins und der neuen Metaphern-Sprache der Verinnerlichung, wie sie in dem von Paulus an die Korinther aufgeschriebenen „Hohenlied der Liebe“ zum Ausdruck kommt: „Die Liebe ist langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, / sucht nicht ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, / sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.“ 

Die griechische Erfindung der Seele

In den griechischen Schriften taucht erst um die Wende zum fünften Jahrhundert das subjektive Ich-Bewusstsein auf. In der Sprache der Ilias-Überlieferung gab es dafür keine Anzeichen. Die Worte und Begriffe, die in der klassischen Übersetzung für Bewusstsein und einzelne Aspekte des Mentalen stehen, haben in der Ilias eine andere Bedeutung, sie beziehen sich auf Aspekte der leiblichen Dingwelt. „Psyche“ steht für Lebenssubstanzen wie Blut und den Atem. Thymos bedeutet Bewegung. ‚Der thymos verlässt die Glieder’ bedeutet, der Mensch bewegt sich nicht mehr. Ein thymos hat auch die tobende See. Soma, was später Körper bedeutet und einen Kontrapunkt zur Seele bildet, steht bei Homer im Plural für die toten Gliedmaßen, den Leichnam.
Die Helden der Ilias kennen keinen „Willen“, sie entscheiden nicht willensfrei – sie hören auf die Stimmen der Götter. Wo wir subjektive Empfindungen unterstellen würden, wirken in der Ilias die Götter. Noos, das Wort, das später (als nous) „Geist“ bedeutet, steht in der Ilias für „wahrnehmen“, „wiedererkennen“.

„Eine Göttin flößt mit ihrem Geflüster das süße Verlangen nach der alten Heimat ins Herz der Helena…, stets ist es ein Gott, der die Heere in die Schlacht führt“, bemerkt Jaynes: „Die Götter spielen die Rolle des Bewusstseins.“ Der große Achill erklärt gegen Ende des trojanischen Krieges: „Nicht ich habe die Handlung verursacht, sondern Zeus … Es tut ja alles die Göttin ...“ Sogar die Dichtung ist Gesang der Göttin, den der Rezitator vernommen hat.

Um die Wende zum fünften Jahrhundert werden in den Schriften der Griechen die Menschen anders gedacht - mit Selbst und mit Seele (psyche), die sich zum Gegenbegriff zum stofflichen Körper entwickelt. Die Anstrengung der platonischen Philosophie ist auf die gedankliche „Befreiung und Absonderung der Seele von dem Leib (soma)“ gerichtet. Platon will die Unsterblichkeit der Seele mit Argumenten belegen. Die Idee der Seele fasziniert die Menschen: „Kulte um diese staunenerregende Geschiedenheit von Psyche und soma schießen wie Pilze aus dem Boden.“ (Jaynes) Die „Orphiker“ verbreiten die Ansicht, dass die – unsterblich gedachte – Seele nach dem Tod des Körpers auf Wanderung geht. Verwundert wird ihr Ort im Körper gesucht, im Herzen, wie Aristoleles meinte – oder wohnt sie außerhalb? Besteht sie aus Wasser oder Atem? Oder ist ihre Realität eine Idee, wie Platon spekuliert? Und was ist mit dem Leib, der wie ein Kerker der Psyche erscheint? Schon für den Lyriker Anakreon war die Psyche der Ort, an dem er die erotischen Empfindungen suchte.

Das Wort Seele machte in der abendländischen Geistesgeschichte große Karriere. Es füllt es eine Lücke in der mentalen Selbst-Beobachtung des Menschen, es scheint unverzichtbar für Konstruktion der „Ich-Illusion”.

 

 

Siehe zum Thema Bewusstsein auch die Texte

    Gehirngespinste - wie das Gehirn Wirklichkeitsbewusstsein konstruiert M-G-Link
    Wie kommt der Mensch zu Bewusst-Sein?   M-G-Link
    Altägyptische Kultur des Erkennens - die Aspektive  M-G-Link
    Was ist virtuelle Realität   M-G-Link
    Aufmerksamkeit - Über Neurologie und Soziologie einer knappen Ressource 
    M-G-Link
       und Wolf Singers Text „Vom Gehirn zum Bewusstsein”, Auszüge hier Link

     

Anmerkungen:

    1) Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewußtsein durch den Zusammenbruch der Bicameralen Psyche (1976, dt. 1988)
    2) „Perhaps no aspect of mind is more familiar or more puzzling than consciousness and our conscious experience of self and world”.
    https://plato.stanford.edu/archives/win2011/entries/consciousness/
    Wir empfinden eine große „Vertrautheit mit dem Phänomen des Bewusstsein“, ohne dass die Philosophen eine ihre Denkweise zufriedenstellende „begriffliche Integration“ formulieren können, heißt es in Thomas Metzingers Artikel „Bewusstsein“ in der Enzyklopädie Philosophie (2010).
    http://www.philosophie.uni-mainz.de/metzinger/publikationen/Bewusstsein_2008_prefinal.pdf
    3) Der philosophische Wortschatz vernebelt das Problem eher, sagt John Searle. In seiner höflichen Art klingt das so: „Wir sind noch nicht bereit für eine wissenschaftliche Definition, also hier eine vernünftige Definition. Das Bewusstsein besteht aus all diesen Zuständen des Gefühls, der Empfindung oder des Sich-Bewusstseins.“
    Das Philosophen auch vernünftig reden können, zeigt sein Vortrag „Unser gemeinsamer Zustand - das Bewusstsein“ (2013)
    http://www.ted.com/talks/john_searle_our_shared_condition_consciousness/transcript?language=de
    4) Die buddhistische Meditations-Kultur erscheint inspiriert von einem nostalgischen Zurück-Sehnen nach solchen Formen des archaischen Bewusstseins, angereichert von einer Leibfeindlichkeit, die das archaische Bewusstsein natürlich nicht kannte.
    5) vgl. dazu Gerhard Roth, Wie einzigartig ist der Mensch? Die lange Evolution der Gehirne und des Geistes (2010) und
    Tobias Starzak, Kognition bei Menschen und Tieren: Eine vergleichende philosophische Perspektive (2014).
    Starzak übernimmt den Begriff der „kumulativen kulturellen Evolution“ von Michael Tomassello und betont, dass es nicht nur darum geht, wie dank des Wagenheber-Effektes Menschen von Generation zu Generation dazulernen können. Das Bewusstsein, das sich in dieser kulturellen Evolution entwickelt, ist zunächst Kollektiv-Bewusstsein. Lange bevor der einzelne Mensch sich als einzigartig wahrnehmen konnte, waren „die Menschen“ einzigartig.