Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Zusatzinformationen aus      Marcel Nieden                 Quelle: http://www.ieg-ego.eu/niedenm-2012-de

Die Wittenberger Reformation
 als Medienereignis

(...)

Luther

„Die ersten theologischen Verständigungen Luthers mit den Kollegen und Studenten an der Wittenberger Universität, mit den Erfurter Ordensbrüdern, mit befreundeten Humanisten, Besuchern und durchreisenden Gästen, aber auch mit der sonntäglichen Gottesdienstgemeinde in der Wittenberger Stadtkirche verliefen nahezu ausschließlich über den Kanal der Mündlichkeit und der Handschriftlichkeit.
Luther hatte sich nach der Übernahme der Wittenberger lectura in biblia im Jahr 1512 mit Druckveröffentlichungen zunächst auffallend zurückgehalten. Erst die unautorisierten Nachdrucke seiner 95 Ablassthesen, die noch 1517 in Nürnberg, Leipzig und Basel erschienen, veranlassten ihn offenbar zu einem Wechsel in der Publikationsstrategie. Schon im darauf folgenden Jahr veröffentlichte Luther verschiedene Predigten in Form von Flugschriften, in denen er seine theologischen Einsichten eindrücklich, volksnah und vor allem in deutscher Sprache entfaltete. Sie bildeten den Auftakt zu einer außergewöhnlichen literarischen Schaffens- und Veröffentlichungsphase (1518/1519), die auch Freunde, Schüler und Sympathisanten außerhalb Wittenbergs zu Publikationen, Predigten, Disputationen und Gesprächen anspornte und nicht unwesentlich dazu beitrug, dass aus der Wittenberger professoralen Überzeugungsgemeinschaft eine ‘reformatorische Bewegung’ entstand.

Die Wittenberger Theologen, allen voran Luther, aber auch Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt (1480–1541)  und Philipp Melanchthon (1497–1560) , und die sich ihnen anschließenden Geistlichen, Prädikanten und Ordenstheologen in den Städten agierten in diesem Kommunikationsgeschehen als Wortführer der Reformation, sie fungierten gleichsam als opinion leaders, denen die große Masse der überwiegend Leseunkundigen den Resonanzraum der "öffentlichen Meinung" bot. Sie hatten Zugang zu den wichtigsten Multiplikationsstellen der Zeit: den Kanzeln und den Druckwerkstätten – die Drucker stritten sich geradezu um die Wittenberger Manuskripte. Der von ihnen, aber dann auch von Laienautoren und -autorinnen gestaltete Raum einer lokalen, regionalen und überregionalen ‘reformatorischen Öffentlichkeit’ erzeugte massiven Druck, der zur Folge hatte, dass sich die ‘Luthersache’ nicht mehr in der üblichen Verlaufsform eines Ketzerprozesses kanalisieren ließ, sondern eine Dynamik gewann, die das bisherige Kirchensystem zum Einsturz brachte. Was die inhaltliche und sprachliche Attraktivität anbelangt, hatten die altgläubigen Kräfte, trotz beachtlicher publizistischer Anstrengungen,  den frühen reformatorischen Publikationen nichts Vergleichbares entgegenzusetzen.”

Flugschriften

„Die Flugschriften hatten vom Auflagenquantum her den Hauptanteil an der Publikationswelle der Jahre 1521 bis 1525. In Kürze erstellt und ohne großen Kostenaufwand vertrieben, waren die Flugschriften ein geeignetes Format zur schnellen Verbreitung reformatorischer Ideen. Der Umfang einer Flugschrift betrug im Quartformat in der Regel 15 bis 20, maximal 70 bis 90 Druckseiten. Häufig waren sie mit Titelholzschnitten versehen, die über das rein Ornamentale hinausgehend auf den Inhalt des Textes mit eindrücklichen Bildszenen Bezug nahmen, was nicht wenige Käuferinnen und Käufer angesprochen haben dürfte.

Unter den Autoren war Luther der mit Abstand erfolgreichste, gefolgt von Karlstadt und Melanchthon. Doch blieb der Autorenkreis nicht auf Theologen beschränkt. Auch gebildete Frauen, Ratsherren, Handwerker – am bekanntesten der Nürnberger Schuhmachermeister Hans Sachs (1494–1576)  – hatten zum Teil beträchtliche Publikationserfolge. Einen genauen Überblick über den Kreis der Autorinnen und Autoren zu gewinnen, ist schwierig, da nicht wenige Flugschriften, vor allem aus Furcht vor Repressalien, anonym publiziert wurden.
Die Flugschriftenproduktion ebbte nach 1525, im Stadium einer eher obrigkeitlich durchgesetzten und stabilisierten Reformation, sichtlich ab.”  

“Die enormen, historisch wenig zweifelhaften Produktionszahlen der frühen Reformationsjahre stehen in einem deutlichen Kontrast zur Anzahl der Lesekundigen , die im Anschluss an maßgebliche Studien über diese Zeit im Alten Reich üblicherweise angenommen werden (fünf bis zehn Prozent der Gesamtbevölkerung). Selbst wenn man berücksichtigt, dass neben dem privaten Still-Lesen gerade auch das Vorlesen (das Lesen-Hören’) eine damals verbreitete Lektüretechnik gewesen ist, bleibt das Verhältnis von Druckproduktion und Lesebefähigung erstaunlich und nach wie vor in vieler Hinsicht diskussionswürdig.”

Illustrierte Flugblätter

„Neben den Flugschriften waren die Flugblätter wichtige Vehikel des frühreformatorischen Informationstransports. Sie ließen sich aufgrund ihres geringen Umfangs (Einblatt-Druck) und ihrer geringen Herstellungskosten wie die Flugschriften gleichfalls in kurzer Zeit und hoher Auflage produzieren. Das Format hatte sich schon im Spätmittelalter herausgebildet, gewann aber erst jetzt seine für die neuzeitliche Verwendung typische Text-Bild-Kombinatorik.”

Bibelübersetzung

„Von den Buchmedien der Wittenberger Reformation war die Bibelübersetzung Luthers zweifellos das massenwirksamste. Luthers Ziel war es, den Menschen eine dem Urtext möglichst nahestehende, gut verständliche Übersetzung des göttlichen Wortes an die Hand zu geben. Das von Luther in nur elf Wochen auf der Grundlage des von Erasmus von Rotterdam (1469–1536)  herausgegebenen griechischen Textes und der Vulgata übersetzte Neue Testament erschien im September 1522 (Septembertestament) in einer Auflage von 5.000 Stück , die trotz des relativ hohen Preises von eineinhalb Gulden in nur drei Monaten ausverkauft war. Luthers Septembertestament erfuhr innerhalb von drei Jahren (1522–1525) 42 Neuauflagen und dürfte damit in der Anzahl der gedruckten Exemplare noch seine erfolgreichsten Flugschriftenpublikationen übertroffen haben.26 Ab 1523 veröffentlichte Luther in unregelmäßigen Abständen die Bücher des Alten Testaments in deutscher Übersetzung. 1534 erschien bei dem Wittenberger Drucker Hans Lufft (1495–ca. 1584)  die erste Gesamtausgabe der Bibel in der deutschen Übersetzung Luthers . Von ihr wurden in den verbleibenden zwölf Jahren bis zu Luthers Tod mehr als 100.000 Exemplare verkauft. Der Publikationserfolg ist nicht nur mit dem gesteigerten theologischen Stellenwert, den die Bibel im lutherschen Reformprogramm einnahm, sondern vor allem auch mit der Qualität der Übersetzung selbst sowie nicht zuletzt mit der ansprechenden Druckgestaltung (Illustrationen) zu erklären. Frühere deutsche Übersetzungen basierten auf dem Text der Vulgata, den sie so wörtlich wie möglich ins Deutsche zu übertragen versuchten. Demgegenüber griff Luther auf den hebräischen und griechischen Urtext zurück und erreichte vor allem durch eine stärkere Orientierung an den sprachlichen Eigentümlichkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten des Deutschen (in der idiomatischen Gestalt der sächsischen Kanzleisprache) eine ungleich bessere Lesbarkeit und Verständlichkeit des biblischen Textes. Die Lutherbibel diente nicht wenigen landessprachlichen Übersetzungen, die in Folge der Reformation entstanden, ja selbst auch katholischen deutschen Gegenübersetzungen als Vorbild.”

Predigten

Das Medium Predigt „begann im 15. Jahrhundert aus dem Schatten des Altarsakraments herauszutreten, als das verstärkte Verlangen nach volkssprachlicher Verkündigung zur Einrichtung von Prädikaturen an den größeren Stadtkirchen führte. Durch die Parallelisierung mit den Sakramenten, durch die ‘Umstellung von Kult auf Kommunikation’, wurde die Predigt neben der Taufe und dem Abendmahl  zu einem Medium von heilsvermittelnder Dignität, auf das sich nun das vorrangige Interesse der Gottesdienstteilnehmerinnen und -teilnehmer richtete. (...) Da die Gottesdienste bereits im Spätmittelalter zu den frequentiertesten Veranstaltungen im öffentlichen Leben zählten, vermochten evangelische Predigten eine beachtliche Breitenwirkung zu erzielen.”

Gemeindegesang

„In den Gottesdiensten des Mittelalters war die versammelte Gemeinde nur selten singend beteiligt. Das Gros der liturgischen Gesänge entfiel auf die Zelebranten, Vorsänger oder liturgischen Chöre. Die Wittenberger Reformvorstellungen banden die Gemeinde durch den volkssprachlichen Gemeindegesang ungleich stärker in das gottesdienstliche Geschehen ein, als es in der Messfeier des Spätmittelalters der Fall gewesen war. Angestoßen von Thomas Müntzers (1489–1525)  Gottesdienstreform, begann Luther 1523 deutschsprachige Gemeindelieder zu schreiben. So entstanden in einer ersten intensiven Liedschaffensphase von Mitte 1523 bis Mitte 1524 insgesamt 24 Lieder, das sind zwei Drittel seiner Lieddichtungen überhaupt. Dabei handelt es sich oft um Umdichtungen lateinischer Hymnen, denen als weitere Strophen eigene Texte Luthers hinzugefügt wurden wie zum Beispiel bei Nun komm, der Heiden Heiland (Veni redemptor gentium) oder Komm, Heiliger Geist, Herre Gott (Veni sancte spiritus), aber auch um Lieder der von Luther geschaffenen speziellen Liedgattung des ‘Psalmliedes’. Luther war der erste, der eigene, neue geistliche Liedtexte in deutscher Sprache verfasste. Weitere Liederdichter folgten: Huldrych Zwingli, Lazarus Spengler (1479–1534) , Nikolaus Herman (1480–1561), Johannes Zwick (1496–1542) , dazu auch Lieddichterinnen wie Elisabeth Cruciger (1500–1535). 1524 erschienen bereits vier evangelische Gesangbücher, grundlegend darunter das Wittenberger Geistliche Gesangbüchlein von 1524 mit einer Vorrede Luthers. (...)

Der selbstvergewissernd-kämpferische Ton, der den reformatorischen Bekenntnisliedern zu eigen war, kam besonderes in den Protestgesängen zur Geltung, bei denen sich Menschenansammlungen wie in Magdeburg oder Göttingen singend durch die Stadt bewegten und unüberhörbar ihre Meinung kundtaten, dürfte aber auch noch beim Gemeindegesang des sonntäglichen Gottesdienstes mitgeschwungen haben.”

Die Botschaft als Ereignis

„Die Reformation erweist sich in medientheoretischer Betrachtung weniger als mediale Inszenierung bestimmter historischer Persönlichkeiten oder Begebenheiten; vielmehr war die Botschaft, waren die neu gewonnene biblische Norm und die daraus abgeleitete Agenda der Freiheit selber das Erregende, überspitzt formuliert: das Ereignis.”  

 

Quelle und vollständiger Text:
Nieden, Marcel: Die Wittenberger Reformation als Medienereignis,
in: Europäische Geschichte Online (EGO),
hg. vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz
http://www.ieg-ego.eu/niedenm-2012-de  (2012-05-20)