Klaus Wolschner  Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

www.medien-gesellschaft.de


III
Medien
-Theorie

Meine Studienbücher:

Cover WI

Neue Medien,
neue Techniken des Selbst:
 Unser digitales Wir-Ich

ISBN: 978-3-754968-81-9

Cover VR

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert
des Auges:
Virtuelle Realität
der Schrift

ISBN 978-3-7375-8922-2

COVER AS

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen:

Augensinn und
 Bild-Magie

ISBN 978-3-7418-5475-0

Cover GG

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne:
Wie Glaubensgefühle
Geschichte machen

ISBN 978-3-746756-36-3

Cover POP2

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt

ISBN: 978-3-756511-58-7

 

 

 

Notizen zu
Walter Benjamin 

 

Walter Benjamin (1892-1940) ist eine tragische Figur. Er gehört wie Martin Heidegger, Theodor Adorno oder Ludwig Wittgenstein zu den im Kaiserreich aufgewachsenen Intellektuellen, die sich in abstrakte konservative Gedankenwelt flüchteten und der konkreten Auseinandersetzung mit der Moderne durch eine angeblich tiefschürfende fundamentale Kulturkritik auswichen.

Benjamin ist In Berlin geboren und aufgewachsen und wollte dort nach seiner Promotion 1919 als freier Schriftsteller seinen Lebensunterhalt verdienen. Benjamin hatte Anfang der 1920er Jahre die kommunistische Schauspielerin Asja Lācis kennengelernt. Er entdeckte den Marxismus für sich, sympathisierte mit der Sowjetunion, ohne allerdings Mitglied einer kommunistischen Partei zu werden. 1926 reiste er nach Moskau, beschäftigte sich dort offenbar – jedenfalls nach seinem „Moskauer Tagebuch“ – vor mit Asja (… „da klopfte sie. Als sie hereinkam, wollte ich sie küssen. Wie meist, mißlang es“) und mit der Übersetzung von Marcel Proust. An der Zensur für Schriftsteller interessiert ihn besonders, was das für seine eigenen Publikationsmöglichkeiten bedeutet. „Man legt in Rußland das größte Gewicht auf die streng nuancierte politische Stellungnahme“, heißt es an einer Stelle. „Methode für Rußland zu schreiben: breit Material zu exponieren und möglichst nichts weiter … hier sind Artikel von 500 bis 600 Zeilen keine Ausnahme.“ In seinen Schriften sucht man vergebens nach (geschichtsphilosophischen) Sätzen über den stalinistischen Kommunismus.

In Frankfurt wollte er sich  mit einer Arbeit über den ‘Ursprung des deutschen Trauerspiels’ 1925 habilitieren, als  ihm dort eine Ablehnung drohte, zog er selbst den Antrag zurück. Seine Hoffnung auf eine Universitätskarriere hatte sich damit zerschlagen.

Benjamin hatte insbesondere in Berlin die neue Kino-Begeisterung erlebt. Die  Fotografien der Tagespresse, der Illustrierten und der Werbung beschäftigten Benjamin nicht, seine Faszination beschränkte sich auf den Film. Er verbrachte viele Monate in Paris und lebte von monatlich kargen 500 Mark, die er von Horkheimers „Instituts für Sozialforschung“ aus New York erhielt. In einem Brief an Theodor W. Adornos Frau Gretel Adorno kündigte Benjamin 1935 seinen Aufsatz ‚Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit’. Darin heißt es: „Innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume verändert sich mit der gesamten Darstellungsweise menschlicher Kollektiva auch die Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung.“ Er hoffte auf große Resonanz unter den Intellektuellen. Die Moskauer Zeitschrift Internationale Literatur, der er das Manuskript 1936 anbot, hatte aber abgelehnt. Auch die ‚Zeitschrift für Sozialforschung’ hatte Bedenken. Adorno bemängelte den allzu großen Einfluss von Bertolt Brechts Position zum politischen Engagement der Kunst – ihm fehlte das Bekenntnis zur künstlerischen Autonomie. Die Zeitschrift wollte Änderungen und Streichungen, Benjamin protestierte – und musste sich fügen. Adorno setzte sich später mit Benjamins Kunstwerk-Aufsatz auseinander, ohne jedoch die Quelle zu benennen. Erst Ende der 60er Jahre wurde der Aufsatz in Deutschland einem größeren Publikum bekannt. Den deutsch-amerikanischen Psychologen Hugo Münsterberg, dr schon 1916 in ‚Photoplay’ des neuen Mediums Film psychologisch analysiert und erklärt hatte, kannte offenbar weder Benjamin noch Adorno.

Seit den 1920er Jahren bis zu seinem Tod 1940 hat Walter Benjamin an einem monumentalen Werk gearbeitet und dafür mehr als 1000 Seiten an Ideen, Kommentaren und Zitaten aus historischen Quellen zusammengetragen. Benjamin wollte nichts weniger als eine kulturhistorische Theorie der Moderne liefern. Benjamin beschäftigte sich ausgehend von den Passagen” im Paris vor allem mit dem 19. Jahrhundert und er hoffte, dass in der „Ruine von gestern ... die Rätsel des Heute sich lösen“ ließen. Zur Medienentwicklung des 20. Jahrhunderts konnte er aus der Nah-Perspektive der 1920er und 1930er Jahre nur fragmentarische Beobachtungen formulieren. Zur wachsenden Bedeutung des Konsums etwa notierte er, nicht mehr Gebrauchswert oder Nutzen, sondern das Neue mache die Ware interessant. Er konnte das aber nur mit dem alten Schema vom ‚falschen Bewusstsein‘ interpretieren: „Das Neue ist eine vom Gebrauchswert der Ware unabhängige Qualität. (…) Es ist die Quintessenz des falschen Bewusstseins, dessen nimmermüde Agentin die Mode ist.
Zum Glück der modisch gekleideten Frau, des Kinopublikums und des Konsums überhaupt hatte er keinen Zugang.
Die Fragmente, die nach Benjamins Tod von Adorno unter Verschluss gehalten wurden, sind erst 1982 unter dem Stichwort „Passagen“ gedruckt worden.

Kurz nach Kriegsbeginn 1939 und unter dem Eindruck seiner Verzweiflung über den Hitler-Stalin-Pakt entstand sein letzter Text, seine 18 Thesen ‚Über den Begriff der Geschichte‘. Der Reiz der aphoristischen Bemerkungen liegt in der Rätselhaftigkeit bei der Verschränkung marxistischer, revolutionärer und messianischer Formulierungen. Wie Benjamin das „Rätsel von Heute“ zu lösen gedachte, geht aus seinen Thesen nicht hervor. In seiner letzten Begegnung mit Hannah Arendt übergab er ihr die Manuskript-Seiten mit der Bitte, sie nach gelungener Flucht in den USA an Adorno auszuliefern.

Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Paris war Benjamin nach Lourdes geflohen, vor dem Vormarsch der NS-Truppen wollte er 1940 weiter über die illegale Grenze nach Spanien gelangen. Da er glaubt, dass ihm die Auslieferung an die Nazis unmittelbar drohe, nahm Benjamin, von dessen früheren Selbstmordabsichten Hannah Arendt berichtet hat, sich am 26. September 1940 im spanischen Grenzort Portbou das Leben. Seinen Begleitern gelingt die Flucht.