Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Über die
Mediengeschichte der
Schriftkultur und ihre
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Al-Andalus – große Zeit des Islam?

Das dunkle christliche „Mittelalter“ war das große Zeitalter des Islam. Arabisch geprägte Städte wie Toledo und Cordoba, Sevilla und Granada gehörten zu den kulturellen Zentren der damaligen Welt. Die Sprache der Gebildeten, die über Aristoteles nachdachten, war arabisch. Aber auch der fundamentalistische Islam bekämpfte die philosophischen Strömungen,
die später mit Renaissance und Aufklärung die Grundlagen der modernen Welt legten. 
Das zeigt ein näherer Blick auf die Geschichte von al-Andalus.

2018

Als der Berber-Feldherr Tariq ibn Ziyad im Jahre 711 mit rund 7.000 Mann die Meerenge von Gibraltar überquerte, ging es um Beute und Eroberungen und nicht um Missionierung.Hispania war eine römische Provinz gewesen, bis die Westgoten es eroberten und Toledo zu ihrer Hauptstadt erklärten. Die Westgoten waren eine Minderheit in ihrem neuen Land, sie stellten das Königshaus und den Adel – und lernten Latein, um sich in der überlegenen römischen Kultur zurechtzufinden. Und sie übernahmen christliche Überzeugungen im Sinne der „Arianer“, d.h. sie lehnten – wie auch die arabischen Christen – die neue Lehre von Jesus als „Gottes Sohn“ strikt ab, die das Konzil in Nicäa 325 unter Kaiser Konstantin beschlossen hatte und die auf der Synode von Toledo 675 für Spanien übernommen wurde. Aus politischen Gründen unterwarf sich der Gotenkönig Rekkared I. (586-601) aber der katholischen Lehre, was zu großem Streit mit seinem Adel führte. Als sich 710 Roderich zum Gotenkönig krönen ließ, opponierte der Adel. Offenbar hat der Adel zu seiner Verstärkung Berber aus  der alten römischen Provinz Mauretanien zu Hilfe gerufen.

Und die ließen sich nicht zweimal bitten und besiegten Roderich im Jahre 711 vernichtend. Rodrrich wurde in der Schlacht getötet. Die Tore Cordobas sollen den heranstürmenden Reiterscharen von unterdrückten Juden geöffnet worden sein. Tariq nutzte die politischen Wirren des Landes und zog gegen die Hauptstadt des Westgotenreichs, Toledo, die er mühelos einnahm. 
Kam Musa Ibn Nusair, ein syrischer Feldherr und Stadthalter von Abd al-Malik, dem Erbauer des Jerusalemer Felsendoms, kam 712 mit 18.000 arabischen Kriegern nach. Er hatte der 709 den Mahgreb unterworfen. Musa Ibn Nusair eroberte die spanische Halbinsel bis in den Norden, seit 714 herrschte sein Sohn Abd al-Aziz ibn Musa als „walt“, als Gouverneur in Stellvertretung des Kalifen, über al-Andalus. 720 überquerten die Araber die Pyrenäen, erst 732 wurde ihr Vormarsch gestoppt - sie waren auf leichte Beute aus und zogen sich schnell zurück. Musas voller Name wird mit „Musa Ibn Nusair al Lahmi“ angegeben, das verweist auf die christliche Gemeinschaft der Lahmiden. Diese Leute aus AI Hira werden auch „Ibaditen" genannt, es waren Christen antitrinitarischer, ostsyrischer Prägung. Aber nicht religiöse Unterschiede waren entscheidend, sondern militärische und ethnische. Musa b. Nusair brachte 714 von seinen Überfällen in Spanien 30.000 Gefangene zurück. In Andalusien soll Abd ar-Rahman I. (756-88) mehr als 40.000 Sklaven in seinem Heer gehabt haben.

Von der Herrschaft der Westgoten zu al-Andalus

Die großen Städte hatten meist ohne größeren militärischen Widerstand kapituliert, um Plünderungen nach einer militärischen Niederlage zu vermeiden. Die Eroberer vertrieben die westgotischen Feudalherren, aber weder Juden noch Christen wurden zur Konversion gezwungen. Die rund 30.000 eingewanderten Mauren mischten sich mit rund 10 Millionen Menschen, die damals auf der iberischen Halbinsel lebten. Die „Araber“ beherrschten das Land militärisch durch ein Netz aus Garnisonen. Al-Andalus unterstand dem weit entfernten Kalifat von Damaskus. 

Als „älteste“ Erzählung der Eroberung von Nordafrika und Spanien gilt die von Ibn Abd al-Hakam, die 150 Jahre später in Ägypten entstand. Ibn Abd al-Hakam schrieb eine Geschichtserzählung mit biblischen Zügen, der Prophet Mohammed kommt bei ihm nur in einem Bericht vor - er wird nicht „als Religionsstifter präsentiert, sondern allein als Krieger, Beuteverteiler und als Ratgeber“, so der Kulturwissenschaftler Johannes Thomas. 

Münzfunde aus dieser Zeit des Musa Ibn Nusairs bestätigen das: Die Münz-Inschriften sind auf Latein abgefasst und lauten zum Beispiel:  „Non est deus nisi unus cui non est alius similis“.  Gott ist ein Einziger, er hat niemand Gleichwertigen neben sich. Das ist das Bekenntnis der arianischen Christen, auf das auch Mohammed großen Wert legte. Die Zeitangaben auf den Münzen richten sich nach dem christlich-byzantinischen Steuerjahr.

Im Jahre 720 gehörten drei Viertel der spanischen Halbinsel zum Reich al-Walids, des Herrschers in Damaskus. Die kulturellen Weichen für Spanien wurden  in Syrien gestellt. Die syrischen Herrscher hatten ihr Wissen über Bewässerungssysteme mitgebracht und das Dromedar als Lasttier. Zuckerrohr und Baumwolle, Pfirsichbaum und Dattelpalmen wurden in al-Andalus  heimisch. Sie brachten das Land zu einem landwirtschaftlichen Reichtum, bauten die antike Infrastruktur aus - nicht nur das Straßennetz, sondern auch die antike Bäderkultur. Die Araber brachten ihre Pferderassen mit und die Mulis. Und sie trieben intensiven Handel mit dem afrikanischen Kontinent. Es kam auch zu einer Entfaltung des städtischen Handwerks. Mit den neuen Herrschern begann eine Zeit wirtschaftlicher Blüte.
Als die Herrscher-Dynastie der Marvaniden („Ummayaden“) in Damaskus um 750 gestürzt und ermordet wurde, konnte ein Überlebender, Abd er-Rahman, fliehen. In Spanien suchte er zuerst Zuflucht in einem Kloster. Die Marwaniden stammen aus Marw in Ostpersien. Sie bauten in Damaskus Paläste nach persischer Art und „Paradiesgärten". Rahman war in Rusafa aufgewachsen, wo die Basilika des Heiligen Sergios ein christliches Pilgerziel war.
Vor allem durch Verhandlungen und gestützt auf seine Legitimation als Abkömmling der marvanidischen (umayyadischen) Kalifen war es Rahman gelungen, die Macht zu übernehmen. Er konnte sich dabei auf die „Syrer“ stützen. 756 zog er siegreich in Cordoba ein und machte es zur Hauptstadt von al-Andalus. Er proklamierte sich selbst zum Emir (amir, „Befehlshaber“). 

Rahman brachte die typisch syrische Kirchenarchitektur nach Spanien, die in Verbindung mit antik-römischen Elementen den „maurischen" Stil prägen sollte. Gegen Ende seiner Regierungszeit plante Rahman nach der Art seiner syrischen Heimat die „Mezquita“ von Cordoba an einer Stelle, an der schon ein römischer Tempel gestanden hatte und danach eine christliche Kirche. Die Gebetsrichtung der Mezquita war nicht (wie nach islamischer Tradition von Mohammed ausdrücklich angeordnet) nach Mekka ausgerichtet, sie wurde lange von den iberischen Christen und den „Arabern“ gemeinsam als Gebetshaus genutzt.

Die Legende von der „islamischen“ Eroberung Spaniens taucht erst in späteren Darstellungen auf und diese Quellen nehmen an Details und wörtlicher Rede zu, je später sie verfasst wurden. Es sind offenbar Erzählungen, die die Botschaft von dem siegreichen Islam transportieren sollen.

Für das Verständnis der spätantiken Verhältnisse ist entscheidend, dass die Trennlinie zwischen Islam und Christentum erst im 9. Jahrhundert entstand, die Lage war vorher waren unübersichtlicher und komplizierter. So wie die frühen Jesus-Anhänger oft für eine besondere Sorte von Juden gehalten wurden, so hatte die Predigt des „Mohammed“ aus Mekka so viele christliche Bezüge, dass sie in der unübersehbaren Menge unterschiedlicher christlicher Strömungen offenbar nicht besonders auffiel. Erst später wurden rückwirkend die Konturen nachgeschärft. Auch im 9. Jahrhundert gab es nicht einfach „Christen" und „Muslime", sondern östliche Arianer und westliche Arianer, katholische Iberoromanen und orthodoxe byzantinische Christen. Und dann gab es Ibaditen, Malikiten, Karmaten und Kharidjiten und unterschiedlichste gnostische Strömungen, die alle aus heutiger Sicht irgendwo auf der Skala zwischen Islam und Christentum eingeordnet werden. Maria, die Mutter Jesu, war eine zentrale Identifikationsfigur für alle.

Frühe Quellen zur christlichen Wahrnehmung der Araber

Als wichtige Quelle, die nicht von der islamischen Legendenbildung geprägt ist, gilt unter Historikern die „Mozarabische Chronik“, eine  anonym überlieferte lateinische mittelalterliche Chronik aus dem Jahre 754. Verfasser ist offenbar ein christlicher Kleriker aus al-Andalus. Er beurteilt die arabischen Herrscher völlig ohne religiöse Kriterien – allein nach ihren Verdiensten. Er kennt keine religiösen Gegensätze zwischen „Christen“ und „Muslimen“, er nutzt keine religiösen Bezeichnungen, sondern ethnische: Araber, Mauren oder Sarazenen. Er beschreibt ethnische Konflikte zwischen Arabern und Berbern. Ein Mohammed taucht in dieser Chronik auf, den die Araber „ihren Propheten“ nennen - als Anführer von Räuberbanden. 

Unabhängig von der nachträglichen Selbstdarstellung der islamischen Herrschaft erscheinen auch die auf Latein abgefassten Berichte über mehrere christliche Konzile, die seit dem Ende des 7. Jahrhunderts in Toledo abgehalten wurden. Ihr Thema waren die häretische Strömungen, die die Botschaft des Konzils von Nicäa ablehnten. In den christlichen berichten über diese Konzile gibt es für sie viel Aufmerksamkeit, die Araber verstand man offensichtlich lange Zeit nicht als Boten einer neuen Religion. Elipandus etwa, der Metropolit von Toledo (gest. 800), wurde bekannt als Vertreter des „Adoptionismus“ - Christus ist menschlicher Natur, aber von Gott adoptiert. Das war der syrischen Theologie von Paul von Samosata und Plotin verwandt.

Noch im Jahre 839 hat der arabische Herrscher von Toledo, Abd er-Rahman II., die christliche Synode einberufen. Er machte sich Sorgen über religiöse Ausuferungen. Die Konzilsakten verdammen die „Casianer", denen die Ablehnung der Heiligenverehrung und unübliche Fastenregelungen vorgeworfen wurden. Sie wollten sich nur Gott unterordnen, keiner anderen Obrigkeit. Über das Phänomen eines Propheten Mohammed, der mit einer neuen Religion die Christen Spaniens in Bedrängnis bringen würde, berichten die Konzilsakten nichts. Das ändert sich erst um 850 – nicht nur in al-Andalus. „Der erste Theologe, der den Glauben der Araber, den Islam, eindeutig als neue Religion wahrgenommen hat, war nach Sebastian Brock der 845 gestorbene Syrer Dionysios von Tellmahre", schreibt Karl-Heinz Ohlig. 

Wende um 850 – der Islam als andere Religion

Seit der Mitte des 9. Jahrhunderts ist eine Auseinandersetzung mit der neuen Verkündung nachweisbar. Der Abt Speraindeo (gest. 853) machte Mohammed als den Begründer einer Lehre aus, die das Paradies als Bordell beschreibe.  Bekennende Christen wehrten sich gegen die „Araber“ – in einer Art, die diese wiederum als Provokation empfanden. Albar von Córdoba (800 – 861), ein streitbarer Katholik, und Schüler des Abtes Speraindeo, hatte offenbar eine Biografie von Mohammed gelesen. Albar entwirft 854 im „Indiculus luminosus“ eine anti-mohammedanische Apokalypse auf der Grundlage der Daniel-Apokalypse, in der am Ende Mohammed als Vorläufer des Antichristen und seine Lehre als apokalyptische Bestie vernichtet werden.
Den Hintergrund der Auseinandersetzung beschrieb Albar da so: „Ist es nicht wahr, dass die jungen Christen von brillantem Auftreten, redegewandt, elegant in ihren Bewegungen und in ihrer Kleidung, herausragend im Wissen der Heiden, ausgezeichnet in ihren Kenntnissen der arabischen Sprache, sich gierig auf die Bücher der Chaldäer (vermutlich ein Synonym für „Sterndeuter“ aufgrund ihrer astronomische Symbolsprache, K.W.) stürzen, sie mit größter Aufmerksamkeit lesen, sie erregt diskutieren und sie mit großem Interesse zusammenfassen, sie in reich geschmückter Sprache verbreiten, während sie die Schönheit der Sprache der Kirche nicht kennen und als recht minderwertig die Quellen verachten, die aus dem Paradies kommen. Welch ein Schmerz! Die Christen kennen nicht mehr ihr eigenes Gesetz, und die Lateiner verstehen nicht mehr ihre eigene Sprache, so dass man in der gesamten christlichen Gemeinde unter 4.000 kaum einen findet, der seinem Bruder einen Brief in korrektem Latein schreiben könnte, während unzählige sich finden, die die geschwollene Redeweise der Araber erklären können bis hin zu der extremen Situation, dass sie gebildeter in der Metrik sind als diese Leute selbst und mit noch erlesenerer Schönheit die abschließenden Formeln ausschmücken…“ Albar polemisiert auch in traditionell-christlicher Weise gegen die arabische Bildungstradition: Für viel Geld würden Christen große arabische Bibliotheken zusammenkaufen, klagt er, die aber ihre Aufmerksamkeit nicht wert seien. Einen „Koran“ schien er nicht zu kennen, jedenfalls erwähnte er kein entsprechendes Buch.

Wegen ihrer öffentlichen Schmähung des Propheten werden rund 60 Christen in den Jahren 850-859 in Cordoba hingerichtet. Die Kirche verhält sich zurückhaltend und zwiespältig gegenüber den Eiferern: Zwar wurden auf dem Konzil von 852 die ersten Märtyrer als solche anerkannt, aber bis auf wenige Ausnahmen sprachen sich die versammelten Bischöfe dagegen aus, dass einzelne das Martyrium freiwillig und absichtlich suchten, um den wahren Glauben zu bezeugen.

Eulogius, einer der christlichen Fanatiker, berichtete dem Bischof Wilesindus von Pamplona: „In diesem Jahr 851 entzündete sich die Raserei des Tyrannen gegen die Kirche Gottes, stürzte alles um, verwüstete alles, verstreute alles, kerkerte Bischöfe, Presbyter, Äbte, Diakone und den ganzen Klerus ein, alle, die er in diesem Sturm fangen konnte, legte er in Ketten und vergrub sie, als seien sie für das Leben gestorben, in unterirdischen Bunkern … Die Kirche ist verwitwet, beraubt des Heiligen Priesteramtes, ohne Predigt, ohne Gottesdienst; wir erhalten keine Gaben oder Opfer, keinen Weihrauch, keinen Platz für das Erstlingsopfer, wo wir unseren Gott besänftigen könnten …“  Aus den Jahrzehnten nach dieser Phase gibt es keine Quellen-Hinweise mehr von Religions- Auseinandersetzungen zwischen Christen und den „Arabern“. 

Abd-ar-Rahman II und Hakim II. – die kulturelle Blütezeit

Zu einer besonderen kulturellen Blütezeit kam es unter Abd-ar-Rahman II., der von 922-961 das Emirat von Cordoba regierte und Kunst und Kultur besonders förderte – er selbst beschäftigte sich mit Philosophie, Medizin, Astronomie, Dichtung und Musik. 929 hatte er sich zum Kalifen ernannt – und damit unabhängig erklärt von den Herren aus Bagdad. In seiner Bibliothek war das Wissen der Antike gesammelt und die auch arabische Literatur, Philosophie und Wissenschaft. Cordoba hatte damals rund eine Million Einwohner, es war die bedeutendste Metropole Europas, nur Konstantinopel, Bagdad oder dem chinesischen Chang-An vergleichbar. Auch Abd-ar-Rahmans Sohn Hakim II. (961-976) war ein großer Förderer von Künstlern und Wissenschaftlern. Die Universität von Cordoba gehörte zu den führenden Bildungsstätten Europas.

Leibeslust zählte im maurischen Cordoba zu dem Gaben Gottes. Cordoba kannte Schulen, Kliniken, Bibliotheken, öffentliche Bäder und Schwitzräume – in antiker Tradition. Wie jede größere Stadt des islamischen Herrschaftsbereiches verfügte Cordoba über Krankenhäuser mit Operationssälen, Apotheken und Badeanstalten –  Hygiene und die Versorgung der Kranken waren ohne Vergleich in der Zeit. Über Patienten wurde Protokoll geführt, Krankheitsgeschichten gingen in Lehrbücher ein. Cordoba war von der kulturellen Bedeutung vergleichbar mit Bagdad.

Die intensiven Handelskontakte des arabisch  beherrschten Mittelmeeres schufen einen Kommunikationsraum für den Austausch von Dichtern, Gelehrten, Musikern (wie Ziryab) und Moden zwischen Cordoba und Bagdad, Cordoba wetteiferte mit Bagdad. Unter Rahman II entstand eine Palaststadt orientalischen Zuschnitts unter dem Namen ar-Rusafa – wie in Syrien.

Das kulturelle Bindeglied war die gemeinsame Sprache. Es waren nestorianische Christen, die an den Höfen der Kalifen die alten griechischen Philosophen ins Arabische übersetzten, die dann Jahrhunderte später von den arabischen Bibliotheken ins europäische Mittelalter kamen. In Bagdad war um 795 die Papierherstellung aufgenommen worden, 870 erschien dort der erste Papiercodex. Papiergeschäfte waren wissenschaftliche und literarische Zentren, die von Lehrern und Schriftstellern betrieben wurden. Von Bagdad kam auch die philosophische Strömung der „Mutaziliten“ nach al-Andalus. Die Mutaziliten stützten sich auf Koranverse genauso wie auf das Alte und das Neue Testament und pflegten vor allen Dingen den Rationalismus. Der erste Philosoph von al-Andalus, Ibn Masarra (883 - 931) war ein Gnostiker in der Tradition der frühen mesopotamischen Ismailiten, die besonders durch neuplatonische Ideen geprägt waren.

Die großen arabischen Namen der Zeit kamen aus dem Zweistromland und aus Zentralasien, nicht aus al-Andalus. Sie waren geprägt von der persischen oder syrische Kultur: Der christlich-arabische  Mediziner Hunayn ibn Ishaq, latinisiert Johannitius (809–874), ist in al Hira geboren, in Bagdad begraben. Ibn Sina (Avicenna, 980–1037) war Perser, wie Abu Bakr Mohammad Ibn Zakariya al-Razi. Genauso sieht es in der Mathematik aus: Abu l-Wafa al-Buzdschani (940–998), der Übersetzer des Ptolemäus, war Perser. Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi (780–846), die indischen Dezimal-Zahlen in den arabischen Kulturbereich brachte, war Perser. Der Astronom Muhammad Ibn Dschubair al-Battani (Albategnius oder Albatanius), gest. 929 bei Bagdad, vermittelte der arabischen Welt die Null der indischen Mathematik. Al-Biruni (973–1048), einer der größten Universalgelehrten des Mittelalters, ist in Ghazna im heutigen Afghanistan gestorben.

Auch der berühmte Alhazen (Abu Ali al-Hasan ibn al-Haitham, 965–1040), der die bis Kepler maßgebliche Optik formulierte und das Prinzip der „Camera Obscura“ erfand, war ein muslimischer Perser. Die großen Dichter der arabischen Blütezeit waren Perser, zum 9. Jahrhundert gehörte auch der große arabische Philosoph und Aristoteliker al-Kindi (Alkindus), er ist 873 in Bagdad gestorben. Die Werke von Aristoteles ließ er von griechisch-christlichen Gelehrten Übersetzen. Aus al-Andalus stammt von den großen Namen der arabischen Kulturblüte immerhin Averroes (Ibn Ruschd), aber das war erst im 12. Jahrhundert und seine Bücher wurden in Cordoba von den herrschenden islamischen Fundamentalisten öffentlich verbrannt.

Der ungarischer Orientalist Ignaz Goldziher, einer der Begründer einer kritischen Orientalistik, hat diesen Befund schon 1877 in einem Vortrag über die „spanischen Araber und den Osten“ so beschrieben: „Das Phänomen, dass sich zahlreiche liberale Bewegungen, sowohl in der Wissenschaft wie im praktischen Leben, im östlichen Islam manifestiert haben, während wir im westlichen Islam vergebens danach suchen, ist den unterschiedlichen Umständen und Bedingungen der Herausbildung beider Zweige des Islam geschuldet (…) Die Geschichte der arabischen Wissenschaften beginnt mit ihrem Kontakt und ihrer Vermischung mit den Persern, und die Initiatoren dieser wissenschaftlichen Bewegung, die sich später zu einer eigenen Disziplin des Islam entwickelte, waren zumeist nichtarabische Fremde, insbesondere Perser…“

Aufgrund der entwickelten Kommunikationsformen haben die Gelehrten in al-Andalus die Kultur aus Bagdad aber breit rezipiert. Die Offenheit der kulturellen Elite für verschiedene religiöse Bekenntnisse war eines der Erfolgsgeheimnisse des Wissensbetriebs in al-Andalus. „Al-Andalus war eine einzige Kultur mit drei Religionen: Islam, Judentum und Christentum. Als nur noch eine Religion herrschte, hörte al-Andalus auf", sagt der spanische Orientalist Emilio Ferrin.

Die Kultur blieb aber eine vom jeweiligen Hof beeinflusste und finanzierte. Letztlich blieben die Philosophen und Wissenschaftler von der Gunst des jeweiligen islamischen Herrschaftsapparates abhängig. Eine autoritäre Macht, die sich über eine monotheistische Religion legitimiert, kann aber aus sich heraus keine Basis für eine offene, auf neue Erkenntnisse orientierte Gelehrtenkultur herausbilden - das ist der große Unterschied der Hochkulturen des Islam (ebenso wie der Chinas) zur Epoche der griechischen Polis-Kultur. Erkenntnis war nach der Überzeugung von Aristoteles das Höchste, wozu der Mensch befähigt ist, ein glückliches und gelingendes Leben beruht auf einem „Tätigsein der Seele gemäß der Vernunft oder nicht ohne die Vernunft“ – keine Offenbarung konnte die Vernunft bremsen.

Im Jahre 929 ließ sich Ramans Nachfolger Abd er-Rahman III. zum Kalifen ausrufen, die Christen waren inzwischen in der Minderheit im Lande. Unter seinem Nachfolger Hakam II. (915-976) erreichte das umayyadische Reich seinen Höhepunkt. Unter Hakam II. bekam die die Mezqita von Cordoba einen Anbau mit einer prachtvollen byzantinischen Kuppel. Dieser Ausbau ist ein Geschenk des byzantinischen Kaisers Nikephoros II. Phokas, der die Künstler samt ihren Werkzeugen und dem gesamten Material nach Cordoba entsandte. Ein Gastgeschenk - er suchte das Kalifat als Bündnispartner zu gewinnen.

Islamisierung von al-Andalus 

Hakam wird als gebildeter Herrscher beschrieben, der stolz berichten ließ, dass seine Bibliothek 400.000 Bände umfassen würde. Diese Selbstdarstellung war offensichtlich umstritten in Cordoba – unter seinem minderjährigen Sohn  Hischam II. wurde Muhammad ibn Abu 'Amir, genannt AI Mansur (spanisch „Almanzor") 978 zur mächtigen Figur im Kalifat. Der Niedergang des muslimischen Spanien setzte mit dem Tode Hakam II. 976 ein.

Die große Bibliothek ließ al-Mansur mit einer ausdrücklichen religiösen Begründung in Flammen aufgehen – neben „dem“ Buch, dem Koran, waren alle anderen philosophischen und wissenschaftlichen Bücher unnütz, ausgenommen die Medizin. Er holte immer mehr berberische Söldner ins Land, Wüstennomaden mit dem Ruf der Unbesiegbarkeit, die einen radikalen Ur-Islam repräsentierten. Mit dem Einfluss dieser „Almoraviden“ begann die Regression des Islam auch in al-Andalus. Die Rückbesinnung auf den dogmatischen Kerngehalt der islamischen Religion, also die „Islamisierung“ wenn man so will, läutete das Ende der kulturellen Blüte von al-Andalus ein. Almoraviden-Reich_im_11_Jh

Die islamisch-fundamentalistischen Almoraviden besiegten im 11. Jahrhundert sogar das mächtige Königreich von Ghana, das über seinen Gold- und Sklavenhandel reich geworden war. 
Al-Mansur brüstete sich, jedes Jahr einen Feldzug gegen die Ungläubigen zu unternehmen – in 52 militärischen Expeditionen überzog er nördliche Gebiete Spaniens mit Krieg, brandschatzte und plünderte. Die Bewohner von Santiago de Compostella mussten im Jahr 997 die Glocken der Basilika zu Fuß nach Cordoba tragen. Er erzählte stolz, dass er ständig einen eigens für ihn angefertigten Koran bei sich trage. Aufgrund innerer Zerwürfnisse zerfiel das Kalifat von Cordoba im 11. Jahrhundert in mehrere Dutzend Taifas (Teilkönigreiche), die einander bekämpften – insbesondere Sevilla und Granada. Die Höfe der Taifas konkurrierten gleichzeitig aber kulturell miteinander – manche blieben Zentren jüdischen und arabischen Geisteslebens.

 

 

Das Almoraviden-Reich 
im 11. Jahrhundert


Legendär wurde die die Kalifentochter Wallada (994 - 1091). Sie scharte in Cordoba einen intellektuellen Salon um sich. Nach dem Tode ihres Vaters „lüftete sie den Schleier“, wie zeitgenössische Beobachter bemerkten. Selbst Dichterin liebte sie den Umgang mit Dichtern. Mit unvergleichlicher Offenheit berichten ihre Gedichte von der Liebe.
Abu Bakr Ibn Tufail war ein Mann aus al-Andalus, der dann als Arzt an den Hof von Marrakesch gerufen wurde. Er schrieb um 1160 die Geschichte „Der Philosoph als Autodidakt: Hayy ibn Yaqzan“, einen frühen Robinson Crusoe: Hayy wächst einsam auf einer Südseeinsel auf und entwirft dabei sein eigenes Weltbild – samt kugelförmiger Erde. Er ringt mit der Frage, ob die größte Weisheit von Gott oder dem Menschen käme. Während der Aufklärung wurde der Roman in ganz Europa gelesen.

Aber auch die Lehren des persischen Theologen al-Ghazali (1058 – 1111) waren populär in al-Andalus. Wissen und Denken, so lehrte er, sollte auf das, was im Koran stand, beschränkt bleiben. Al-Ghazali führte eine Tradition im Islam fort, die die Philosophie der Theologie unterordnete. Schon Ahmad ibn Hanbal aus Bagdad (gest. 855) hatte die Überprüfung der Glaubenslehren mit Mitteln der menschlichen Vernunft als „Anmaßung des menschlichen Geistes“ abgelehnt - Wissen sei dem Menschen allein von Gott geschenkt. Weitere Fragen nach der Kausalität des Naturgeschehens seien verboten. Al Ghazali hatte übrigens auch zur mohammedanische Tradition in der Frauenfrage alles Nötige gesagt: „Ihr Ort ist das Innerste ihres Hauses. Sie soll das Haus nicht ohne seine Erlaubnis verlassen. Sie soll des Mannes Lust jederzeit in allem befriedigen. Sie soll jeden Dienst leisten, dessen sie zu Hause fähig ist.“  (in: „Die Belebung der religiösen Wissenschaften“)
Bis 1092 setzen die Almoraviden ihre Herrschaft über die Taifa-Königreiche und damit ganz Andalusien durch.

Almohaden – die islamischen Fundamentalisten

Knapp 100 Jahre später kommt eine andere Berber-Dynastie, die der Almohaden, mit ihren Truppen nach Spanien und erobert al-Andalus. Ihr Name war Programm, nämlich die Verteidiger des Glaubens an einen Gott. Die Almohaden vertraten einen fanatischen Monotheismus frühislamischer Ausprägung. Ihr Gründer Ibn Tumart erklärte, er selbst sei der vom Propheten angekündigte „Mahdi“ – was die Bedeutung Mohammeds minderte - und bekämpfte die Glaubensrichtung der Almoraviden.

1147 hatten sie in Nordafrika die Macht übernommen, 1161 setzten sie nach Spanien über. Sie regierten wie auch schon die Almoraviden von Marrakesch aus und hatten mit ständigen Revolten und Widerständen zu kämpfen. Die strenggläubigen Almohaden konnten mit der städtischen Hochkultur von al-Andalus nichts anfangen. Sie verfolgten die großen Namen der arabischen Geistesgeschichte, die in ihre Zeit fallen.

Etwa Ibn Rushd (Averroes, 1126-1198), geboren in Cordoba, Hofarzt der Almohaden. Er versuchte, Philosophie und Religion zu versöhnen. Er behauptete, es gebe nicht eine doppelte Wahrheit, eine religiöse und eine wissenschaftliche, sondern eine doppelte Art des Sprechens über dieselben Dinge, eine für das einfache Volk und eine für die Gelehrten. Er beteuerte, die Philosophie stehe nicht im Widerspruch zur Religion. Die Lehrsätze der Religion seien wichtig, ohne diese könne das Volk nicht gelenkt, ihm nicht zu seinem Glück verholfen werden. Die religiösen Lehrsätze seien notwendig für die moralischen Tugenden. Ibn Ruschd fiel dennoch in Ungnade bei den herrschenden Almohaden, wurde zeitweise aus der Stadt verbannt, seine Bücher - mit Ausnahme der Schriften über Heilkunde, Arithmetik und elementare Astronomie – wurden verbrannt. Er wurde in der islamischen Welt totgeschwiegen. Erst durch seine Rezeption im lateinischen Europa wurden seine Gedanken gewürdigt.   (mehr zur „arabischen“ Philosophie bei Flasch L)  An seine Auffassung, dass die Interpretation der göttlichen Wahrheit den Auserwählten vorbehalten bleiben müsse, knüpften Mystiker wie Ibn al Arabi an. Sein Aristoteles-Kommentar führte zu großen Debatten unter christlichen Gelehrten (etwa in Paris). Für Ibn Ruschd war übrigens die Diskriminierung der Frau eines der gravierenden Probleme der muslimischen Gesellschaft. Auf seine Konzeption einer strengen Trennung zwischen wissenschaftlicher und religiöser Erkenntnis beriefen sich noch Jahrhunderte lang europäische Freidenker („Averroisten“).

Moses Maimonides (Ibh Maymun, 1135-1204) war ein jüdischer Philosoph und Arzt. Er musste schon in jungen Jahren aus Cordoba aufgrund des Drucks der fundamentalistischen Almohaden fliehen. In Kairo wurde Maimonides ein angesehenes Mitglied der jüdischen Gemeinde und ein gefragter Arzt am Hofe des Sultans. In seinen Werken unternahm Maimonides den Versuch, Vernunft und Glaube zu verbinden. Die Wahrheit der Vernunft, die sich insbesondere auf die Erkenntnis Gottes beziehen, muss für ihn der großen Menge vorenthalten bleiben. Maimonides: „Die Araber haben uns sehr stark verfolgt und bannartige und diskriminierende Gesetze gegen uns erlassen. Niemals hat uns eine Nation derartig gequält, erniedrigt, entwürdigt und gehasst wie sie."

Reconquista - die christliche Fundamentalisten

Mit der Eroberung von Toledo 1085 begannen vier Jahrhunderte der christliche „Reconquista“ und das Ende der arabischen Herrschaft in Spanien. Islamischer und christlicher Fundamentalismus bestätigten sich gegenseitig. Zum Auftakt hatte Papst Alexander II. zur Eroberung arabischen Grenzfeste Barbastro aufgerufen und mit seiner Bulle „Eos qui in hispaniam“ allen Teilnehmern an dem Kreuzzug die vollständige Vergebung ihrer Sünden zugesichert. Die Verteidiger der Stadt im Norden Spaniens verließen sich im Jahre 1064 auf die ehrenwörtliche Zusicherung eines freien Abzugs. Vor den Toren der Festung wurden die arabischen Soldaten dann aber niedergemetzelt, die weiblichen Gefangenen an die christlichen Sieger verteilt. Mehr als eintausend junge Araberinnen wurden nach Italien gebracht – die „Araberinnen“ waren auch für ihre lyrischen Lieder begehrt.

Nach seinem Einzug in der Stadt garantierte der neue Herrscher Alfons allerdings allen Bewohnern volle Religionsfreiheit - die Muslime durften ihre große Hauptmoschee behalten, mussten nun aber eine jährliche Kopfsteuer entrichten, wie sie sie zuvor von den Christen eingefordert hatten. Das Verhältnis von Moslems und Christen in den arabischen wie in den zurückeroberten Städten war allerdings von der militärischen Konkurrenz der verschiedenen Reiche überschattet.

Noch nach den weiteren christlichen Eroberungen (Cordoba 1236, Sevilla 1248) besaß die islamische Religion offensichtlich noch weiterhin eine „spürbare Anziehungskraft auf kastilische Christen“ (Wiebke Deimann) – darauf verweisen die umfangreichen gesetzlichen Bestimmungen, die zum Beispiel unter dem christlichen König Alfons X. im späten 13. Jahrhundert erlassen wurden. Insbesondere wurde die Konversion zum Islam unter schwere Strafe stellten. Der gemeinsame Besuch von Badehäusern war verboten, auf sexuelle Beziehungen konnte sogar die Todesstrafe stehen. „Vielfältige Kontakte zwischen Juden, Christen und Muslimen beiderlei Geschlechts scheinen im städtischen Alltag Sevillas durchaus üblich gewesen zu sein“, fasst Wiebke Deimann ihrer Untersuchungen für das Sevilla des 12.-14. Jahrhundert zusammen.

Alfonso X. „der Gelehrte“ war ein Bewunderer der arabischen Zivilisation. Er förderte die Übersetzung der griechischen und arabischen Texte ins Lateinische, an seinem Hof gab es regelrechte Übersetzungs-Teams, in denen Christen, Juden und Moslems zusammenarbeiteten. Von Thomas von Aquin über Roger Bacon und Giordano Bruno bis Nikolaus von Kues bildeten sich Europas Denker in der Auseinandersetzung mit den Schriften, die aus Bagdad, Cordoba und Toledo gekommen waren. 
Viele diese Werke landeten übrigens später auf dem Index. „Absurd, philosophisch falsch und förmlich ketzerisch“, urteilte das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Paul V., in seinem Dekret über die Schriften von Aristoteles, Kepler und Ibn Ruschd. Bevor er 1605 Papst wurde, war er Inquisitor in Rom.

1492 – das Ende Granadas

Am südlichen Zipfel von Spanien, in Granada, blieb die muslimische Herrschaft am längsten im 15. Jahrhundert erhalten - erkauft durch Tributzahlungen und Dienstleistungen und abhängig von der Gunst der christlichen Lehnsherren. Granada verärgerte die Herrscher in Aragon aber, weil es muslimischen Piraten in seinen Häfen Zuflucht gewährt und zudem die Tributzahlungen zunehmend verschleppte. Als ideologischer Rahmen des späten 15. Jahrhunderts kam die „Türkengefahr" hinzu, die das christliche Europa in Panik versetzte.  1481 war eine osmanische Expedition in Süditalien gelandet, und Granada hatte gute Kontakte zu den Osmanen. Nachdem Ferdinand von Aragon durch seine Heirat mit lsabel von Kastilien im Jahre 1469 Spanien weitgehend vereinigt hatte, duldete er keine feindliche Enklave mehr auf spanischem Gebiet. Das war das Ende des islamischen Granada.

Die in Granada herrschenden Nasriden hatten noch einmal für eine „einzigartige Spätblüte maurischer Kultur“ (Georg Bossong) gesorgt. Symbol dafür ist das auch heute noch beeindruckende Baudenkmal der Alhambra. Anfang 1492 wurde Granada von christlichen Truppen eingenommen. 1499 ließ Kardinal Francisco Jiménez in Granada 80.000 arabische Bücher verbrennen und erklärte das Arabische zu einer „Sprache einer ketzerischen und verachtenswerten Rasse“. 
Um die Kapitulation zu beschleunigen, hatte man den Muslimen von Grenada Freiheit der Religionsausübung und eine Generalamnestie zugesagt. Diese Versprechungen hielten kaum acht Jahre, die Muslime wurden vor die Alternative „Taufe oder Exil“ gestellt – sie wurden zur Konversion gezwungen oder vertrieben, Gotteshäuser und Kunstwerke zerstört. 
Es kam zu massenhaften Zwangskonversionen. Im Jahre 1503 wurden den bedrängten Muslimen durch eine „Fatwa“ erlaubt, vor christlichen Statuen und Symbolen niederzuknien, Wein zu trinken und Schweinefleisch zu essen, wenn dies unter äußerem Druck geschehe und in der gute Absicht, rein im Islam zu verharren. Die spanische Inquisition war die Antwort auf diese Versuche einer äußerlichen Anpassung – die katholische Kirche beanspruchte die Kontrolle der Gesinnung und damit der inneren Motive der Menschen. 1565 wurde in Granada jede Art von Schriftstücken auf arabisch verboten.

Arabische Gelehrsamkeit und europäische Renaissance

Die Frage, wie sehr die arabische Gelehrsamkeit über den Stand der bei den Griechen erreichten Natur-Kenntnisse und der Entfaltung der Philosophie hinausging, ist unter den Fachleuten umstritten. Die hemmenden Faktoren der religiösen Orthodoxie waren nicht weniger radikal - wenn auch in bestimmten Phasen weniger erfolgreich - als im Herrschaftsbereich christlicher Religion im christlichen „Mittelalter”. Die arabische Kultur beschränkte sich nicht auf das Studium und die Übersetzung der Werke der Griechen. Es gab eigene Entwicklungen in den Bereichen der Medizin (L), Mathematik und Musiktheorie, der Nautik, Astronomie und der Bewässerungstechnik. Einzigartig in ihrer Zeit war die Entwicklung der urbanen Lebensqualität der Städte in al-Andalus - mit Wassertoilette, Kaffee, Badekultur und Massage. Einzigartig war auch die arabische Lyrik. Es blieb aber eine höfische Kultur.

Seit dem 13. Jahrhundert haben die christlichen Philosophen und Ärzte den Vorsprung, den „die Araber“ gehabt hatten, aufgeholt. Die kulturelle Entwicklung an den arabischen und islamischen Höfen wurde schnell aufgeholt und überholt. In den verbleibenden islamischen Gesellschaften des mittleren Ostens scheinen Modernisierungsversuche keine Chance zu haben gegen die an den archaischen Ursprüngen orientierte Orthodoxie.

 

 

    Anm.zur Literatur:

    Schon August Bebel hat in seiner Auseinandersetzung mit dem konservativen Christentum der arabischen Kultur eine schrift gewidmet. „Die mohammedanisch-arabische Kulturperiode ist das Verbindungsglied zwischen der untergegangenen griechisch-römischen und der alten Kultur überhaupt, und der seit dem Renaissancezeitalter aufgeblühten europäischen Kultur. Die letztere hätte ohne dieses Bindglied schwerlich ihre heutige Höhe erreicht. Das Christentum stand dieser ganzen Kultur-Entwickelung feindlich gegenüber."
    August Bebel, Die mohamedanisch-arabische Kulturperiode (1883) 

      
    online 
    http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-mohamedanisch-arabische-kulturperiode-4237/1

    Sigrid Hunke, Allahs Sonne über dem Abendland – Unser arabisches Erbe (1960)
    kann als Literturhinweis nicht empfohlen werden. Hunkes Interesse steht offenbar stark unter dem Eindruck von Adolf Hitlers Liebe zu der arabischen „Rasse”, deren Kampfeslust er für vorbildlich hielt. Insgesamt ist das Buch von einem fanatischen Eifer durchtränkt, scheinbar materialreich, aber höchst einseitig ausgewählt. Ihre Eloge auf al-Andalus enthält jede Menge historisch unhaltbarer Verallgemeinerungen. Zitat Hunke: „Die hemmungslose Blutmischung, eben infolge des sinkenden Frauenideals, wurde eine der Ursachen der Entartung und des späteren Verfalls.” Dieser Satz zeigt, wie bei der Autorin Sigrid Hunke immer wieder das alte nazistische Gedankengut durchkommt. (Sigrid Hunke, die am 1. Mai 1937 Mitglied der NSDAP wurde, hat ihre Doktorarbeit 1941 über „Herkunft und Wirkung fremder Vorbilder auf den deutschen Menschen” bei dem  Rassentheoretiker Ludwig Ferdinand Clauß geschrieben. 1940/1941 war sie in der SS tätig, erhielt dann ein Stipendium des SS-Ahnenerbes.)