Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Texte zur  Kommunikation
von
Religion

„Mohammed”, der Koran
 und der islamische Schriftkult

2015

Keinem Buch wird im politischen und sozialen Leben heute so viel Bedeutung zugemessen wie dem Koran.
Für 1,4 Milliarden Muslime ist diese Schrift eine unmittelbare göttliche Offenbarung und damit Gesetz.
Offensichtlich wirkt die Hochachtung oraler Kulturen vor dem „Buch“ bis heute fort - der Koran dokumentiert die Mythenstrukturen archaischer Kulturen.
Gott führte seine Krieger zum Sieg und erlaubte seinem Propheten mehr als vier Frauen.
Der Kult dieses einen Buches steht in auffälligem Gegensatz zu einer großen Skepsis gegenüber der Aufklärung und der Buchkultur. Bis in moderne Wissens-Portale wie Wikipedia hinein reicht die unkritische Rezeption dessen, was der Engel Gabriel vor 1400 Jahren diktiert hat. Der islamische Fundamentalismus soll hinwegtrösten über die Bedeutungslosigkeit der islamischen Kultur in der modernen Welt.

Hier soll vor allem die Entstehungsgeschichte des Korans nachgezeichnet werden.
Weil die Kenntnisse über den Islam nicht zum Allgemeingut gehören und bei Wikipedia sich oft nur gläubig verklärte Lesarten findet, ist die Darstellung ausführlicher geraten.
 Zunächst daher eine Zusammenfassung:

„Eine Religion fällt nicht vom Himmel" (Andreas Goetze), das gilt auch für die Entstehung des Islam. Diese Feststellung ist keineswegs selbstverständlich. Die Gläubigen des Islam halten daran fest, dass der Text des Korans eine „Offenbarung“ sei, Wort für Wort Gottes Wort.
Dagegen verweisen Wissenschaftler vom „Institut zur Erforschung der frühen Islamgeschichte und des Koran“ (INARAH) darauf, dass die uns vorliegende Fassung des Korans 100-200 Jahre nach dem Tod des Propheten (632) entstand. Die früheste autoritative Mohammed-Vita, die erhalten ist, stammt von Ibn Saad, der 200 Jahre nach dem Propheten lebte und ist offenkundig voller Märchen. Auf diese beiden gläubigen Quellen eine Propheten-Biografie zu stützen wäre also so, als wolle man die über 20 überlieferten „Evangelien“ als seriöse historische Basis für eine Jesus-Biografie nehmen - und nicht als Glaubens-Erzählungen werten. Die 1000 Seiten starke Mohammed-Biografie” des Islamwisssenschaftlers Tilman Nagel kann daher auch nicht mehr sein als eine Koran-Exegese, die die Heilige Überlieferung als Sammlung von Texten im Kontext der vorderasiatischen Religions- und Gesellschaftsgeschichte liest.

Die islamische Erzählung über die Offenbarungen des Mohammed ist ähnlich geschichtsmächtig geworden wie die Erzählung über den Jesus. Beide Traditionen, die christliche wie die islamische, erzählen vom Gründungs-Akt ihres Glaubens in einer Art Hirten-Mythos aus einer von der spätantiken Zivilisation eher unberührten Gegend.  Unabhängige Historiker gehen in beiden Fällen davon aus, dass die Verkünder selbst sich weitgehend im Rahmen ihrer herkömmlichen Religion verstanden, Jesus als Mahner für die Juden, Mohammed  als einer, der vehement darauf insistierte, dass die „Schrift-Offenbarungen“ über Jesus nicht verfälscht werden im Sinne des Konzils von Nicäa (325), bei dem die Gottes-Natur Jesu beschlossen wurde. Die philosophische Idee, dass „Gott“ sich in zwei Personen vorstellen lässt, Vater und Sohn, und dass daneben ein „Geist" gottgleich gedacht werden muss, um die Zahl drei voll zu machen, traf nicht nur bei den arabischen Christen auf großen Widerstand. Diese eher griechisch inspirierte Idee widersprach allen tradierten anthropomorphen Gottesvorstellungen.

Der Wanderprediger Jesus aus Galiläa war ein anderer als die Figur, die in der paulinischen Tradition zum Gottessohn und „Christus“ wurde. Und der Mohammed aus der Wüste war ein anderer als der Mohammed, der in den Zentren antiker syrisch-persischer Bildung, in Damaskus und in Bagdad, im 9. Jahrhundert zur Gründungsfigur eines neuen Kultes verklärt wurde, dessen Sinn es war, die politische Rivalität zu dem orthodox-christlichen Byzanz nun auch religiös zu untermauern.  

Mohammed war (wie Jesus) ein wortgewaltiger Analphabet. Der Islam präsentierte sich aber schon bald nach seinen beiden Vorbildern, der jüdischen und der christlichen Verkündung, als eine „Buch“-Religion. Es gab aber kein als „Heilige Schrift“ vorliegendes Buch, daher die Idee, dass eine „Urschrift“ bei Gott liegt (1.5), aus der dem Propheten mündlich im Sinne von „Offenbarungen“ vorgelesen wurde. „Dschinnen“-Geister, die anfangs auch zuhörten, wurden von Gott mit Sternschnuppen vertrieben. Die Geschichte von der wundersamen göttlichen Verkündung sollte die Wunder ersetzen (mehr dazu unter 1.3).  Die islamische Mohammed-Geschichte hat eine Märchenstruktur (1.2).

Der Koran als Buch ist später entstanden, aus der Erinnerung – aber dennoch nach islamischer Überzeugung mehr als ein historischer Text, von Menschen geschrieben. In der Vorstellung von „heiliger“ Schrift spiegelt sich der Respekt einer weitgehend oralen Kultur gegenüber dem Buch wieder (2.7). Im Zuge der Gutenbergschen Technik massenhafter Buch-Produktion hat die christliche Auffassung von der Bibel als dem „Buch der Bücher“ profanisiert, islamisch regierte Länder haben sich lange gegen diese Technik gewehrt und die alte Vorstellung vom Heiligen Buch verteidigt.

Heilige Schriften sind besondere Medien der Herrschaft. Ihr Machtanspruch entzieht sich demokratischer Verfügung. Der Mann aus Mekka bezog seinen durchaus politischen Machtanspruch daraus, dass er den Zugang zu der Offenbarung habe. Seit seinem Tod legen islamische Herrscher fest, was die offizielle Version des Korans ist – im 9. Jahrhundert der Kalif, im 20. Jahrhundert der König von Ägypten.

Mohammed wurde – ähnlich übrigens wie Jesus – von seinen Verwandten für einen Spinner gehalten (1.1). Seine großen „Missionserfolge“ verdankte er der Gewalt – nach Razzien wurden das geplünderte Gut unter die Kämpfer verteilt, im Zweifelsfall auch die Frauen. Mohammed sammelte seine Anhänger als kriegerische Beute-Gemeinschaft um sich.  Die Gemeinschaft derer, die an Mohammed glaubten, war eine Djihad-Gemeinschaft. (1.5)

In oralen Kulturen - wie der, in der Mohammed lebte – dokumentiert die rituell-religiöse Praxis nicht persönliche Überzeugung, sondern Loyalität (1.1). An Mohammed glauben heißt, sich ihm unterwerfen (1.8). Die peinlichen Propheten-Geschichten gehören zum Klatsch der Zeit (1.6).  Männerphantasien prägen die islamische Tradition (1.7).

Jahrzehnte nach seinem Tod wurde das Charisma des Propheten ersetzt durch einen Schriftkult - im fernen Damaskus (2.1). Aber auch christliche Quellen des 7. Jahrhunderts enthalten noch keinen Hinweis auf eine neue Religion, mit der man sich beschäftigen müsste (2.4). Mit den „Hadithen“, einer zweiten Verkündigungstradition rund 200 Jahre nach dem Tod des Propheten, bekam Mohammeds Botschaft die Konturen einer eigenen Religion.  Auf der Basis einer „verklärenden Erinnerung an Mohammed“ wurde 1.400 Kilometer Luftlinie von Mekka entfernt die Religion als Gemeinschaft derer, die bestimmte Riten einhalten. Die Botschaft des Propheten wurde da „gleichsam neu erfunden“, schreibt der Mohammed-Biograf Tilman Nagel (2.6). Erst unter der Abbasiden-Herrschaft von Bagdad wurde die arabische Sprache und Schrift zu einem Kommunikationsmittel für die antiken Bildungstradition (2.2, 2.5).

Der Weltgeschichtliche Erfolg des Islam war - genauso wie der des Christentums bis weit ins 18. Jahrhundert – ein militärischer Erfolg. Der Monotheismus rechtfertigt den unbedingten Herrschaftsanspruch und der Buch-Kult dient der Legitimation der Macht. Der Herrschaftsanspruch bezieht das Wissen ein – falsches Wissen konnte im christlichen Herrschaftsbereich zur Ketzerverbrennung führen, abweichende Meinungen können in islamischen Ländern heute noch den Job kosten, satanische Verse können weltweit mörderische Folgen haben.
Der Schrift-Kult ist eine typische Herrschafts-Technik in semi-oralen Kulturen (2.7). Auffällig ist, dass nicht nur die islamische Tradition, sondern sogar die Internet-Plattform des Wissens im 21. Jahrhundert, Wikipedia, bei vielen Einträgen, die den Islam betreffen, beherrscht wird von der 1400 Jahre alten gläubigen Offenbarung (3.1). Der Gebrauch eines Textes als ikonisiertes Buch führt in der Mediengesellschaft des 21. Jahrhunderts zu grotesken Paradoxien (3.2). Die Flucht in die Geisteswelt des 9. Jahrhunderts, wie sie der „islamische Staat“ vorführt, erscheint wie eine Kompensation einer gescheiterten Modernisierung (3.3).

1.1

In oralen Kulturen wie der, in der Mohammed lebte, dokumentiert die rituell-religiöse Praxis
nicht persönliche Überzeugung, sondern soziale Loyalität

Wenn der Islam als Weltreligion nicht vom Himmel gefallen ist, stellt sich die Frage, was der historische Kontext war, in dem die ersten Anstöße zu seiner Entstehung passierten. Die zentralarabischen Beduinen des 7. Jahrhunderts lebten in Stammesverbänden. Schriften waren durchaus bekannt, insbesondere auch aus den Handelskontakten, spielten aber innerhalb der eigenen Alltsgskultur keine Rolle. Die Erfahrungsgemeinschaften waren so überschaubar, dass es kein Erfordernis für Schrift oder Schriftkenntnisse gab. Die frühe arabische Dichtung war geprägt von der Stammeskultur der Beduinen, die Verse lobten den eigenen Stamm und dessen Herrscher und schmähten die Feinde. Auch die Jagd wurde thematisiert, und die Liebe. Die Dichter hüteten und pflegten die Erinnerungs-Tradition, sie waren loyal zu deren Stammeskulturen.

Mekka verfügte Kaaba über einen Kultort und war somit ein regionales Pilgerzentrum, um das herum sich Handel und Marktgeschehen entwickelte. Die Pilger mussten „Hubal“ war der mekkanische Stadtgott, im Koran wird auch die Göttin Lät erwähnt. Stammesgottheiten und Ahnenkulte waren genauso selbstverständlich wie die Verehrung von Steinen und Bäumen und der Glaube an Geister. Johannes von Damaskus spottete 726 in seinem Buch über die Häresien der Mohammed-Anhänger: „Wie kommt es denn dann, dass ihr euch gegen einen Stein reibt in eurer Kaba und ihn küsst und umarmt?“ Noch heute wird der heilige „Schwarze Stein“ im Rahmen der Hadsch-Riten berührt und verehrt. In der islamischen Überlieferung wird erzählt, dass der Stein vom Engel Gabriel an Abraham übergeben worden sei. „Dieser Stein von dem sie reden ist der Kopf dieser Aphrodite, die sie zuvor angebetet hatten und den sie Khabár nannten. Aufmerksame Beobachter können sogar heute noch die Schnitzspuren darauf sehen“, schrieb Johannes von Damaskus im Jahre 726.

„Allah“ war eine alte arabische Gottesbezeichnung, aber auch die arabischen Christen und Juden nannten ihren Gott „Allah". Wobei die Bezeichnung „Christen" und Juden" irreführend ist, es gab diverse unterschiedliche Kulte, die sich auf christliche und jüdische Traditionen bezogen. Unterschiedliche Götter konnten für unterschiedliche Zwecke angerufen werden. 

Der Begriff der Religion ist ein moderner monotheistisch geprägter Begriff. Die moderne Vorstellung, dass eine Person eine Religion als persönliche Überzeugung ausübt, wäre für die damaligen Verhältnisse falsch. Das Wort religio kommt vom lateinischen „religio” und meint die gewissenhafte Berücksichtigung. Cicero bezeichnete mit religio den Tempelkult, „religiones“ waren die rituellen Vorschriften. Für Augustinus war „religio“ eine  Bezeichnung für die besondere Pflichterfüllung oder von Kloster- und Ordensgemeinschaften. Das arabische Wort „din“, das irreführend oft mit Religion übersetzt wird, kommt aus dem Hebräischen und Aramäischen und ist eine Bezeichnung für Ritual. Auch mit dem Wort „islam“ wurde anfangs keine Religion im modernen Sinne assoziiert, es bedeutete einfach Unterwerfung und Hingabe.

Was aus moderner Sicht verschiedene „Religionen“ sind, waren in der Spätantike verschiedene Kulte - und soziale Loyalitäten. Der jeweilige Stammesführer oder politische Herrscher verlangte die Kult-Ausübung als Zeichen der Loyalität. So war auch für die nomadischen Bewohner der arabischen Halbinsel die Kult-Ausübung vor allem ein kulturelles Zeichen für ihre sozialen Loyalitäts-Beziehungen.

Die Statuen aller Götter hatten um die Kaaba herum ihren Platz, im wirtschaftlichen Interesse der Quraisch musste die Kaaba ein Pilgerzentrum für verschiedene Stämme und Kult-Gemeinschaften sein. So lag es auch im wirtschaftlichen Interesse der Quraisch, wenn Mohammed die jüdische und christliche Ablehnung des Tieropfers kritisierte und ihnen die wahre abrahamitische Tradition gegenüberstellte.

Monotheistische Kampagnen gab es auch vor Mohammed auf der arabischen Halbinsel – rund 200 Jahre vor ihm hatten die Himjar im Gebiet des heutigen Jemen eine Hinwendung zum Monotheismus mit einem weit reichenden Machtanspruch verbunden. Die Nachfahren dieser Himjar unterwarfen sich rasch Mohammeds Machtanspruch und seinem Glauben.

1.2
Der Analphabet Mohammed und die Märchenstruktur
der islamische Mohammed-Erzählung

Nach der islamischen Erzählung wurde der historische „Muhammad“  von seinem Großvater, der ihn aufzog, „Qutham“ genannt. „Muhamad“ heißt „der zu Preisende“, ist also ein Ehrentitel, mit dem in der damaligen Zeit (auch später im Koran) Jesus ausgestattet wird. Die spätere Benennung mit „Mohammed“ als Eigennamen zieht also den Vergleich mit Jesus. In der islamischen Tradition wird erzählt, dass der Mutter Mohammeds in der Schwangerschaft „ein Geist“ erschienen, der ihr gesagt habe: „Du bist mit dem Herrn dieses Volkes schwanger, (…) nenne ihn Mohammed!" Das erinnert an die Geschichte vom Engel Gabriel, der der Mutter Jesu erschienen sein soll (Lukas 1,26ff) und bis heute am 26. März katholisch gefeiert wird. Schon in der frühen islamischen Mohammed-Biographie wird Wert darauf gelegt, dass der Prophet von dem biblischen Abraham abstammt - offenbar nach dem Jesus-Vorbild im Matthäus-Evangelium.

Die islamische Tradition legt Wert darauf, dass es der Engel Gabriel war, von dem er die Offenbarungen erhielt – derselbe Engel, der Moses die göttliche Botschaft brachte. Die frühen Suren, in denen Mohammed sein religiöses Erweckungserlebnis verarbeitet, erinnert sprachlich stark an die Psalmen. 
Der kleine Qutham war Analphabet (wie Jesus), die Nomadengesellschaft in der Region von Mekka und Medina lag weit ab von den kulturellen Zentren der Zeit wie etwa Damaskus, Bagdad oder Alexandria. Er wuchs auf als Kameltreiber im Clan der Hashimiten, die zum Stammesverbund der Quraisch gehörte.

Er hat nichts aufgeschrieben, er konnte nicht schreiben. Möglicherweise  war er von der Strömung der „Hanifen“ beeinflusst, einem monotheistischen Abraham-Kult, der seine Wallfahrtsrituale in der Kaaba in Mekka abhielt und in „vorislamischer“ Zeit jüdisches wie christliches Gedankengut aufgenommen hatte. 
Um sein vierzigstes Lebensjahr herum, so will es die islamische Erzählung, begann Mohammed, der sich inzwischen dank der Ehe mit seiner ersten Frau Charidscha als Kaufmann betätigte, sich gelegentlich in die Höhle Hira zurückzuziehen. Er behauptete, Steine und Felsen würden ihn mit Geheule bedrohen, er bekam hysterische Anfälle und saß oft vor Angst zitternd in Felsenhöhlen. Als er einmal sich von einem Felsen stürzen wollte, so die Legende, sprach ein Wesen zu ihm und sagte, er sei auserwählt „als Verkünder der Wahrheit meines Wortes". 
In den ersten Jahren hatten die einflussreichen Vertreter der Stämme in Mekka keine Einwände gegen Mohammeds Geschichten. Die Stammeskulte waren voller Erzählungen über merkwürdige visionäre Gottesbegegnungen. Als Mohammed aber begann, die Götzenanbetung und den Polytheismus seiner Vorfahren öffentlich anzugreifen, ging seine Stamm der Quraisch auf Distanz. Die Verwandten seines Stammes haben ihn mit seinen Visionen für einen Spinner gehalten, auch das erzählt der Koran. Es kam es zu gewalttätigen Übergriffen auch auf die Person Mohammeds selbst. Viele, so heißt es in der islamischen Tradition, distanzierten sich von Mohammed. Mohammeds Onkel Abd al-Ussa bezeichnete seine Reden als Unsinn, Mohammed nannte ihn daraufhin Abu Lahab (Sohn des Höllenfeuers) und versprach ihm Höllenstrafen.

Die Botschaft Mohammeds, der Monopolanspruch des einen Gottes, musste sich gegen die wirtschaftliche Basis des eigenen Stammes richten, der eben die Pilger verschiedener Kulte versorgte. Seine 13 Jahre ältere Frau Chadidscha, die Mohammed 595 kennengelernt hatte, war die erste Person, die an Mohammeds Botschaft geglaubt hat - die islamische Geschichtsschreibung betrachtet sie daher als die erste Muslimin in Mekka. Als Mohammed anfing, gegen ihre  Stammes-Götzen zu wettern, haben sie ihn aus Mekka hinausgeworfen. 
Mohammed musste Mekka verlassen und ging 622 nach Medina. Muhammad war damit ein Ausgestoßener außerhalb der Stammesgemeinschaften. Der Monotheismus kennt keinen Respekt gegenüber den Göttern andere Stämme, er sprengt die Stammeskultur, daher die ursprüngliche Ablehnung Mohammeds in seiner Heimatstadt Mekka. In Yatrib/Medina, wohin Mohammed verwandtschaftliche Beziehungen hatte, scheint es anders als in Mekka keine funktionierende Stammeskultur gegeben zu haben, jedenfalls wurde Mohammed bald in der Rolle als Schlichter akzeptiert.  
In Medina konnte er offenbar Anhänger um sich scharen, es entstanden Suren, die die Regeln für die dort entstandene Kultgemeinschaft formulierten. Diese Regeln bezogen sich auf tradierte Formen der Verwandtschafts- und Abgabenordnung und korrigierten diese. Die ersten Niederschriften der frühen Suren entstanden (nach Angelika Neuwirth) im Kontext und „Dialog“ der Gemeindebildung in Medina und geben wieder, wie seine Gemeinde Mohammeds Offenbarung verstand. Wobei Mohammeds monotheistische Botschaft radikal gegen die Traditionen der Stammesgesellschaft gerichtet sind. Nicht Verwandtschaftsbande sollen entscheidend sein, sondern die Unterwerfung unter seinen Führungsanspruch. Die Predigt des Jesus von Nazareth klang ähnlich: „Die Alten haben gesagt (...) ich aber sage euch". Mohammed will die Stammesgemeinschaften auflösen zugunsten einer großen Gemeinschaft seiner Gefolgschaft, er muss dafür alte Wertesystem durch sein neues ersetzen, dafür braucht er eine höhere Legitimation als die der Tradition – das ist die göttliche Offenbarung, vor allem aber praktisches Kriegsglück.

1.3
 Von Gesandten Gottes erwartete man eigentlich Wunder. Die Geschichte von der wundersamen göttlichen Verkündung sollte die Wunder ersetzen.

Von Anfang an musste Mohammed sich verteidigen gegen den Vorwurf, er habe sich seine Geschichten nur ausgedacht, er sei einer der vielen Wahrsager, Dichter oder gar ein Besessener. Das „Wunder“ war auch in der Spätantike sechs Jahrhunderte nach Jesus so etwas wie der Beweis für das Wirken göttlicher Kraft. Es ist auch keineswegs so, dass die Autoren des Korans nicht an Wunder glaubten – sie glaubten die Wundergeschichten, die in einem Dutzend von biografischen Berichten über Jesus erzählt wurden. Ein Beispiel ist der „Bericht“ des Korans über das Tauben-Wunder Jesu. Mit dem Mohammed-Titel „rasul“ wird in der koranischen Tradition da  Jesus angesprochen: „Und als Gesandter (Allahs) an die Kinder Israel (wies Jesus sich aus mit den Worten:Ich bin mit einem Zeichen von eurem Herrn zu euch gekommen (das darin besteht), daß ich euch aus Lehm etwas schaffe, was so aussieht, wie Vögel. Dann werde ich hineinblasen, und es werden mit Allahs Erlaubnis (wirkliche) Vögel sein." (Sure 3:49) In dem (nicht kanonischen) Thomas-Evangelium geht die Geschichte so: „Als dieser Junge fünf Jahre alt war, spielte er an der Furt eines reißenden Stroms… er nahm dann weichen Lehm und formte daraus zwölf Spatzen... aber Jesus klatschte einfach in seine Hände und rief zu den Spatzen: ‚Geht weg, fliegt davon und erinnert euch an mich, ihr die ihr jetzt lebt!’  Und die Spatzen hoben ab und flogen geräuschvoll davon.” 
Der Koran bekennt sich ganz offen zu der Legenden-Tradition. Sein Stamm drängte Mohammed, er solle ihnen auch ein Wunder vorweisen oder er solle in den Himmel hinaufsteigen und das Buch herabholen, von dem er da erzählte. In der Sure Sure 17:93, die als „frühe“ Sure gilt, redet sich Mohammed noch heraus: „Bin ich denn etwas anderes als ein Menschenwesen, ein Gesandter. In späteren Suren  wird die Tatsache, dass Gott - über seinen Engel Gabriel - zu Mohammed sprach, zu dem eigentlichen „Wunder“.

Die „Dschinnen“, Geistwesen, die man nach altarabischer Tradition für gute wie für schlechte taten verantwortlich machen konnte, saßen unter dem Trohn Allahs und lauschten seinen Worten – „Es wurde mir offenbart, daß eine Schar der Dschinn zuhörte“, berichtet Mohammed nach der Sure 72 – mit Sternschnuppen wurden sie von Gott dem Allmächtigen verjagt. „Wer aber jetzt lauscht, der findet einen schießenden Stern für sich auf der Lauer.“ Schon im 8. Jahrhundert hat man sich in Bagdad über solcher Art Naivitäten des Korans lustig gemacht.

Die Sure 5 bringt ab Vers 10 ein Zwiegespräch zwischen Gott und Jesus nach dessen Himmelfahrt – wörtlich.

Nach einer „Hadîth“ soll Mohammed selbst seine Offenbarung so geschildert haben: „Manchmal erscheint Dschibrîl (Gabriel) in Menschengestalt und spricht mit mir wie ein Mensch. Manchmal ist er als ein besonderes Wesen mit Flügeln zu sehen und ich behalte alles, was er sagt. Und manchmal höre ich etwas wie einen Glockenklang im Ohr – und das ist die schwierigste aller Prüfungen – nachdem dieser Zustand der Bewusstlosigkeit vergeht, erinnere ich mich ausnahmslos an alles, als ob es mir ins Gedächtnis eingetrichtert wurde.“ Das bedeutet: Die islamische Tradition kennt keinen Unterschied zwischen offenkundigen Legenden und historisch überprüfbarem Wissen.

Ibn Abd al-Hakam,  muslimischer ägyptischer Geschichtsschreiber aus dem 9. Jahrhundert, erzählt zum Beispiel über den Feldherren Uqba ben Nafi, dass bei dem Versuch, den Mahgreb zu erobern, das Wasser ausging – seine Soldaten drohten vor Durst zu sterben. Da scharrte sein Pferd einen Felsen frei, aus dem sogleich Wasser floss…  Eine vergleichbare Geschichte hatte Abd al-Malik Ibn Hischam hundert Jahre vorher auch von Mohammed erzählt. 

1.4
Der Koran als Buch begann mit der Idee einer Urschrift im Himmel.

In Medina musste Mohammed sich – nach der islamischen Geschichtsschreibung – stärker mit der christlichen und der jüdischen Tradition auseinandersetzen, die über ein „Buch“ - Heilige Schriften - verfügten. Und in Sure 29:46 wird offensichtlich unterstellt, das „Leute der Schrift“ die anderen sind (die Juden und Christen), denen seine Anhänger „das, was zu uns herab gesandt wurde“ entgegensetzen sollen: „Disputiert nicht mit den Leuten der Schrift, es sei denn in freundlicher Weise! … Und sprecht: Wir glauben an das, was zu uns herab gesandt wurde … “ In der Auseinandersetzung mit Juden und Christen wird Allahs  Sprechen zu Mohammed zu dem zentralen „Wunder“ im islamischen Selbstverständnis. Die 29. Sure verweist in ihrem 50. Vers darauf: „Und sie sagten: Warum wurden keine Zeichen zu ihm von seinem Herrn herab gesandt?“ Im Arabischen wie schon im Syrischen waren „Zeichen" sowohl Wunderzeichen wie Schriftzeichen.

Einzelne Propheten-Worte wurden offenbar schon zu Lebzeiten Mohammeds als Gedächtnishilfe schriftlich festgehalten, die entscheidende Überlieferung passierte aber durch die „Rezitation“, die Schriftform galt als eine unsichere. Die Versform, besonders der Binnenreim der frühen Suren, sind Elemente der Gedächtnishilfe in oralen Traditionenen. Erste Aufzeichnungen einzelner Verse wurden auch auf flachen Knochen von Kamelen, gegerbtem Leder, Dattelästen, Keramik oder Holz vorgenommen. Das arabische qurān, das vermutlich eine Ableitung vom Aramäischen qeryana ist, bedeutete ursprünglich Vortrag, Lesung oder Rezitation – bevor es mit einem Buch identifiziert wurde. So wird dem Prophet in Sure 72:1 berichtet, wie eine Gruppe von Ungläubigen bekundet habeSiehe, wir haben einen wunderbaren qurān gehört, der auf den rechten Weg führt, und wir glauben nun an ihn“. 
Es gibt, so die Islam-Wissenschaftlerin Angelika Neuwirth, „zu Lebzeiten des Verkünders kein Anzeichen für die Zielvorstellung einer eigenen Schrift“, das Wort kitab, „Schrift“, „Buch“, „meint im Koran durchgehend die transzendente Schrift“.
Mit dem Bezug auf Schrift wurde die Botschaft Mohammed zu etwas Besonderem gegenüber den in der analphabetischen Beduinen-Kultur oral verbreiteten Heiligen-Visionen. Schrift ist die Herrschaftskultur der Stadt und der heiligen Machthaber in der Stadt über die Gläubigen. Ist es schon bemerkenswert, wenn ein Gott in einer den Menschen verständliche Sprache – arabisch - spricht, dann umso mehr, wenn er aus einer Schrift vorliest. Warum hat er das nötig, könnte man ketzerisch fragen. 

Die Lücke zwischen dem schreibunkundigen Mann aus Mekka und der oralen Hochachtung vor dem „Buch“ war für die Phantasie der Spätantike mit der Konstruktion geschlossen, die von Gott selbst offenbarten Worte seien im Grunde abgelesen – sie entsprächen einer bei Gott „bewahrten Tafel“, einer Art „himmlischen Urschrift“ (Sure 85:21f). Selbst die himmlischen Schreibrequisiten malt der Koran später aus - das Schreibrohr und die Schreibtafel. Die Autoren des Korans formulierten sogar die sich daraus ergebende kritische Frage: „Warum wurde ihm der Koran ihm nicht in einem Wurf (als eine vollständige Mitteilung) offenbart?“ (Sure 25:32). 

Die Vorstellung von diesem himmlischen Buch musste abgegrenzt werden gegen die mosaische Erzählung von den Steinplatten mit den Geboten. Was fehlt, ist eine Rahmenhandlung wie die, dass Steintafeln „beschrieben von dem Finger Gottes“ (Exodus 31,18) an Moses übergeben wurden. Der Rahmen der mohammedanischen Gesetzes-Offenbarung wird so eingeleitet: „Kommt her, ich will verlesen, was euer Herr euch verboten hat …“  Die mosaischen Gebote werden im Koran dann mit kleinen Varianten zitiert, etwa variiert die Sure 6:151 das fünfte Gebot so: „Ihr sollt eure Kinder nicht aus Armut töten, wir sorgen ja für euch und für sie.“
Als mehrere Generationen später dann ein wirkliches Buch, eine Abschrift des himmlischen Buches erstellt werden sollte, umschifften die Anhänger Mohammeds das Problem nach der Tradition oraler Gesellschaften: Das, was der Mann aus Mekka berichtete, haben sich seine „Gefährten“ Wort für Wort gemerkt und so konnte daraus hundert Jahre später im 1.400 Kilometer Luftlinie entfernten Damaskus der Koran als Abschrift der himmlischen Urschrift entstehen.

Es gibt allerdings verschiedene alte Papyrus-Dokumente, unterschiedliche Versionen einzelner Texte, die sich später im Koran wieder finden, frühe Versionen also. Das ist für die Entstehung eines Textes normal, für die Abschrift einer göttlichen Urschrift ist es ein Problem. Das sollte eigentlich vermieden werden - abweichende Quellen sollten immer wieder vernichtet werden, als im 8. und 9. Jahrhundert an der offiziösen Fassung des Korans gearbeitet wurde. Aber von Damaskus aus konnte man nicht im Einzelnen steuern, was zum Beispiel in Sanaa (im heutigen Jemen) mit alten Papyrus-Resten passierte – einige wurden dort in einem Gotteshaus 1972 bei Renovierungsarbeiten in einer Zwischendecke gefunden.

1.5
 Heilige Razzien - Mohammed sammelte seine Anhänger als kriegerische Beute-Gemeinschaft um sich.

Der Führungsanspruch von Mohammed erwies sich nicht durch die Plausibilität von Glaubensüberzeugungen (oder Wunder wie im Falle des Jesus), sondern durch seine Erfolge im Krieg. In Medina rief Mohammed 623 zum „Heiligen Kampf" (Djihad) gegen die Mekkaner auf. Dieser Kampf bestand zunächst aus blutigen Raubüberfällen auf Karawanen, schon in der Biografie des Ibn Ishaq werden diese als „Razzien“ nach der Sitte der Wüste benannt. 
Das Wort Razzia stammt aus der maghrebinisch-arabischen Mundart und bezeichnete den Beute- oder Rachezug eines Stammes gegen seine Nachbarn. Die Beduinen-Stämme waren Fehdeverbände, die den Zusammenschluss mit anderen Fehdeverbänden suchten, denn nur durch eine sichtbare Verteidigungsbereitschaft konnten mögliche Angreifer abgeschreckt werden. Solche Zusammenschlüsse nutzten natürlich eine günstige Gelegenheit auch zum Angriff. Dies sei die „natürliche Logik der Weidewirtschaft“, formuliert Ernest Gellner zur Kennzeichnung der besonderen Ursprünge der muslimischen „Umma“. Diese Mentalität des Fehdeverbandes, deren Kern schon Ibn Chaldun (1332- 1406) als „Asabiyya“ (Sippensolidarität) beschrieben hat, ist die Grundlage schon der frühen mohammedanischen Eroberungen. Die „Umma“ ist die Kampfgemeinschaft der Gläubigen. Mit dem neuen Glauben wird die überkommene intertribale Rivalität und Raubökonomie gebündelt und als „razzia“ gegen Ungläubige sakral überhöht. Davon berichtet der Koran etwa in der Sure 48:20: „Allah verhieß euch, reiche Beute zu machen …  zum Zeichen für die Gläubigen, um euch auf einen rechten Pfad zu leiten.“ Sure 8:69 entspricht der christlichen Vergebung der Sünden beim Kreuzzug durch den Papst: „Esst nun von dem, was ihr erbeutet habt  …  Allah ist allvergebend und barmherzig.“ Der Anführer und Prophet verlangt von der Beute seinen Anteil, Sure 8:41: „Und wisset, wenn ihr etwas erbeutet, so gehört der fünfte Teil davon Allah und dem Gesandten und seinen Verwandten…“

Militärisch besiegte Mohammeds Gemeinschaft die Mekkaner – und die führenden Familien der Quraisch in Mekka traten nach ihrer Niederlage im bewaffneten Kampf prompt zum Islam über. Der Gott Mohammeds hatte seine Macht als Schutzherr in der bewaffneten Konfrontation unter Beweis gestellt, das war jedem altarabischen Stammesführer klar. Nach der Eroberung Mekkas „reinigte“ Mohammed das Heiligtum Kaaba, d.h. er ließ alle Götterstatuen vernichten – übrigens auch aus den Privathäusern. In der Umgebung der Stadt ließ er die Heiligtümer der Götter al-Manāt und al-Uzzā zerstören und forderte die Beduinenstämme der Region auf, sich zu unterwerfen, Abgaben zu zahlen und seine Verkündung anzuerkennen. Nach dem Sieg über die Mekkaner war Mohammeds Position in Medina so stark, dass er im April 624 die Vertreibung der jüdischen Banu Qaynuqa, die als Goldschmiede und Händler in der Stadt lebten, veranlasste. Die Männer des Stammes der Banu Qaynuqa wurden enthauptet, Frauen und Kinder wurden mit Hab und Gut unter den Muslimen als Beute aufgeteilt. Mohamed teilte mit, der Erzengel Gabriel habe es ihm das Vorgehen diktiert. „Und er gab euch ihr Land, ihre Wohnungen und ihr Vermögen zum Erbe, und (dazu) Land, das ihr (bis dahin noch) nicht betreten hattet. Gott hat zu allem die Macht“, spielt die Sure 33 darauf an. Mohammed erhielt aus der Beute die schöne Sex-Sklavin Raiyhana als „Konkubine“.

Geflüchtete Juden wurden ein Jahr später in der Festung Khaibar eingekesselt, bis sie sich ergaben. Dort erbeutete Mohammed die Sex-Sklavin Safiyya, die Tochter des Führers der Banu Nabir. Mohammed „vermählte“ sich mit ihr als elfter Frau wenige Stunden nachdem ihr Ehemann gefoltert und wir ihr Bruder ermordet worden war, berichtet die islamische Geschichtsschreibung – sie wird dies möglicherweise eher als Vergewaltigung empfunden haben. Die Liste der Frauen Mohammeds bei Wikipedia erwähnt sie als achte Frau und beschreibt den Vorgang so: „Wenig später gab Mohammed ihr die Freiheit und heiratete sie.“ Solche Schilderungen der islamischen Tradition zeigen den Propheten als brutalen und starken Mann - gemäß den Sitten seiner Zeit.

„Bis ins 8. Jahrhundert brachten die Muslime ihren Glauben vor allem mit Waffen zur Geltung“, fasst Tilman Nagel zusammen. „Für die vielen armen, rechtlosen Bewohner Mekkas, die mit ihm sympathisierten, hat er sich kaum interessiert. Alles, was Mohammed tat, war mit dem Aspekt von Herrschaft verknüpft.“
Neben den Steuern, deren Eintreibung teilweise mühsam war und daher mit gewaltsamer Erpressung einhergehen konnte, war die einträglichste Methode der Ausbeutung der Unterworfenen der Sklavenhandel. Es war in der Spätantike üblich bei Beutezügen, Sklaven zu machen, es gab aber auch vertragliche Vereinbarungen mit den arabischen Eroberern zur jährlichen Ablieferung von Sklaven. Als Amr b. al-As im Jahre 643 Tripolis eroberte, mussten die Berber-Stämme Frauen und Kinder als Sklaven abliefern. Nubien musste vom Jahre 652 an jährlich ein Kontingent an Sklaven nach Kairo liefern. Nach einer Chronik soll im Jahr 740 der Statthalter der Provinz Tanger einen Aufstand muslimischer Berber charidschitischen Bekenntnisses geradezu provoziert haben, um ihn niederzuwerfen und Sklaven machen zu können. Von zum Islam bekehrten Unterworfenen hätte der Emir keine Sklaven verlangen können, nur von Bevölkerungsgruppen, die sich weigerten, den Islam anzunehmen, konnte ohne kriegerische Auseinandersetzung dieser Tribut verlangt werden.

1.6
 Die peinlichen Propheten-Geschichten gehören zum Klatsch der Zeit

Mohammed musste sich gegen die Gerüchte, er sein  unehelich und damit ohne Abstammung, zur Wehr setzen und gegen die bohrenden Frage, warum er trotz diverser Frauen kinderlos blieb. Dies könnte auch die – nach heutigen Gesichtspunkten - peinlichen Einzelheiten erklären, die über den Propheten damals erzählt und kolportiert wurden. Die detailreiche Schilderungen seiner Frauen-Geschichten etwa lassen ihn als besonders potenten Herrscher erscheinen und erinnern an den Pharao Ramses, der sich ähnlich rühmen ließ. Die Erzählung von Maria, der christlichen Sex-Sklavin, hat schon in der frühen Zeit für große Kontroversen gesorgt. Immerhin wird die Geschichte bis heute als ein Symbol für die Unterwerfung der Christen gefeiert.
Aber warum die Geschichte seiner Lieblingsfrau Aischa, die gerade 9 Jahre alt war, als Mohammed sein Auge auf sie warf und sie für sich in Anspruch nahm? Der Erzähler Ibn Ishaq soll berichtet haben, Aischa habe auf einer Reise abends in der Dunkelheit ein stilles Örtchen zum Kacken suchte, dabei ihre Kette verloren und nach der Suche der Kette den Lagerplatz der Kamele leer vorgefunden. Erst am nächsten Morgen erreichte Aischa auf dem Rücken des Kamels eines guten Bekannten („er hatte mich früher schon gesehen, ehe wir uns verschleiern mussten") das Lager der Truppe. Sofort kursierten Gerüchte über die Untreue der Prophetengattin. Nach Tagen kam es zu einer Aussprache mit Mohammed, und – nach der schriftlich 100 Jahre später fixierten wörtlichen Wiedergabe - Aischa bestritt den Seitensprung. Mohammed wollte unversöhnt gehen – aber da passiert es: „Mohammed war noch nicht aufgestanden, als ihn, wie gewöhnlich, eine Ohnmacht überfiel", erzählt Aischa: Er erwachte aus der Ohnmacht, „wischte sich den Schweiß von der Stirne und sagte: Empfange frohe Botschaft, Aischa! Gott hat Deine Unschuld geoffenbart." Damit ist die Märchenstruktur komplett. Offenbar wurde sie genüsslich kolportiert. (Das Problem der  Notdurft in der Dunkelheit hatten übrigens auch andere Kulturen. Bei den Israeliten war es so geregelt: „Du sollst im „Vorgelände des Lagers eine Ecke haben, wo du austreten kannst. In deinem Gepäck sollst du eine Schaufel haben, und wenn du dich draußen hinhocken willst, dann grab damit ein Loch und nachher deck deine Notdurft wieder zu!“ (5. Buch Mose 23,13/14)

In der nicht erhaltenen frühesten Propheten-Biografie von Ibn Ishaq soll die Geschichte der beiden „Singsklavinnen“ eines Ibn Chatal stehen, Fartana und ihre Freundin, „die über den Propheten Spottlieder sangen. Mohammed ordnete deshalb an, die beiden zu töten“.

Sunan Abu-Dawud hat in Basra im 9. Jahrhundert gelebt und in 5.274 „Hadithen“ Geschichten von Mohammed aufgeschrieben. Darunter auch die von dem blinden Mann, dessen Mutter, eine Sklavin,

     „schlecht über den Propheten (Friede sei mit ihm) sprach. Er gebot ihr, damit aufzuhören, aber sie hörte nicht auf ihn. Er wies sie zurecht, aber sie gab ihre Gewohnheit nicht auf. Also nahm er eine Schaufel, setzte sie auf ihren Bauch, drückte zu und tötete sie. Ein Kind, welches zwischen ihren Beinen hervorkam, war mit Blut überströmt. Als es Morgen wurde, wurde der Prophet (Friede sei mit ihm) darüber informiert. Er versammelte das Volk und sagte: ‚Ich schwöre bei Allah und ich beschwöre den Mann, der dieses getan hat, aufzustehen’. Der Mann erhob sich. Er setzte sich vor den Propheten (Friede sei auf ihm) und sagte: ‚Apostel von Allah! Ich bin ihr Gebieter. Sie hat schlecht über Euch geredet und Euch verachtet. Ich habe es ihr verboten, aber sie wollte nicht hören, ich tadelte sie, aber sie machte weiter. Ich habe zwei Söhne von ihr, die wie Perlen sind und sie war meine Begleiterin. Letzte Nacht hat sie damit angefangen, über Euch schlecht zu sprechen. Also nahm ich eine Schaufel, setzte sie auf ihren Bauch und drückte zu, bis sie starb’. Daraufhin sagte der Apostel: ‚Oh sei mein Zeuge. Für ihr Blut ist keine Vergeltung zu bezahlen’.“

Auffallend ist, dass Räuberpistolen von den Eroberungs-Feldzügen und Sex-Geschichten in der frühen mohammedanischen Geschichtsschreibung einen breiteren Raum Einnehmen in der Überlieferung als theologische Betrachtungen. Das kann man auch als Hinweis darauf werten, dass es mündliche Erzähl-Traditionen gab und eventuell auch verschollene frühere schriftliche Quellen, in denen solche Geschichten fixiert waren, so dass die Autoren der erhaltenen Schriften im 9. Jahrhundert das nicht einfach ignorieren konnten  - und offenbar auch nicht wollten, sondern fast genüsslich nacherzählten. Verständnisvoll kommentiert der Mohammed-Biograf Nagel: „Nur den modernen Beobachter befremdet der Gedanke, Allah, der eine Schöpfer und Lenker der Welt, kümmere sich um die Haremsquerelen seines Gesandten (Sure 66:1f.), tadle den mangelnden Takt mancher Anhänger (Sure 33:53) oder stelle sicher, dass dessen Gattinnen beim Verlassen ihrer Wohnungen nicht belästigt wurden (Sure 33:59).“ In letzterer Sure heißt es über die Frauen und die Männer: „Sie sollen ihre Tücher tief über sich ziehen. Das ist besser, damit sie erkannt und nicht belästigt werden. Und Allah ist allverzeihend, barmherzig.“ (mehr zum Kopftuch bei Luxenberg L)

1.7
Männerphantasien prägen die islamische Tradition

Für Faszination und Irritationen auch in der islamischen Überlieferung  immer die Sure gesorgt, nach der die Gottesfürchtigen im Jenseits von „weißäugigen Jungfrauen“, beglückt werden sollen. Möglicherweise (so die sprachwissenschaftliche Analyse von Christoph Luxenberg) ist das eine spätere Interpretation von Arabern, die nicht mehr wussten, dass das Wort „hur“ im Aramäischen „weißen“ Trauben meint, die typischen Paradiesfrüchte der christlich-syrischen Literatur. Auch in den Ausmalungen des Felsendoms ist das Paradies mit Weintrauben gekennzeichnet. (L)

In der Literatur der Hadithen hatte sich diese Männerphantasie schon so fortentwickelt, dass es im Paradies anders als auf dem Sklavenmarkt „keinen Kauf und Verkauf gibt, sondern ... wenn irgend ein Mann sexuellen Verkehr mit einer Frau wünscht, so tut er dies sofort“, so der islamische Theologen Al Ghazali im 11. Jahrhundert.

Eine „Hadith“ von Sunan Ibn Majah im 9. Jahrhundert kennt folgende Offenbarung von Mohammed, für deren Echtheit der Prophetengefährte Abu Umama gebürgt habe: „Gottes Botschafter sagte, 'Jeder, den Gott ins Paradies einlässt wird mit 72 Ehefrauen verheiratet; zwei von ihnen sind Huris und siebzig aus seiner Erbschaft der [weiblichen] Bewohner der Hölle. Alle werden sie libidinöse Sexualorgane haben und er wird einen ewig-erigierten Penis haben."

Der Hadith-Gelehrte Al-Suyuti im 15. Jahrhundert wusste: „Jedes Mal wenn wir mit einer Huri schlafen, finden wir eine Jungfrau vor. Abgesehen davon erschlafft der Penis der Auserwählten nie. Die Erektion ist ewig; die Empfindung, die du jedes Mal beim Liebe machen fühlst, ist vollkommen köstlich und nicht von dieser Welt und wenn du es in dieser Welt erleben würdest, so würdest du in Ohnmacht fallen. Jeder Auserwählte wird siebzig Huris heiraten, abgesehen von den Frauen, die er auf der Erde geheiratet hat, und alle werden anregende Vaginas haben."

Die Hadithe gehören nach der islamischen Tradition zu den durch die „Gefährten“-Überlieferung gesicherten Offenbarungen Gottes.

1.8
An Mohammed glauben heißt, sich ihm unterwerfen - 
nach dem Tod Mohammeds war für viele seiner Anhänger der Loyalitäts-„Vertrag“ erloschen

Der irdische Machtanspruch Mohammeds spiegelt sich im Absolutheitsanspruch seines Gottes wieder, zu der nur er eine direkte Offenbarungs-Beziehung hat. Gott als Herr aller Menschen hat das Recht, auch von Fremden Unterwerfung zu fordern. Zu Mohammeds Lebzeiten bezog sich das aber noch nicht auf die großen Reiche der Sanassiden und auf Byranz, sondern auf die Stämme der arabischen Halbinsel. 
Die Gewaltanwendung durch Mohammed, der nicht vor Meuchelmord und Vertreibung zurückschreckte, geht über die durch Konventionen kontrollierte Gewalt der Stämme hinaus. Das zeigt die Geschichte über Ka'b ibn Zuhair, wie sie in der islamischen Tradition erzählt wird. Der Dichter verfasste satirische Verse über Mohammed in Medina, heißt es da. Nach einer Morddrohung wegen seiner Schmähgedichte konvertiert er schließlich zum Anhänger Mohammeds – wenige Jahre nachdem heimtückische Mord an dem jüdischen Dichterkollegen al-Aschraf (625), den Mohammed in Auftrag gegebenen hatte aufgrund von dessen Schmäh-Gedichten. Ka’b ibn Zuhair erklärte seinen Seitenwechsel in der Denkweise der Loyalität – er war zunächst loyal gegenüber dem eigenen Stamm, aber der Stamm hat den Schutz versagt, als Ka’b Zuhair von Muhammad bedroht wurde: „Und jeder gute Freund, auf den ich hoffte, sagte: Verlass dich nicht auf mich, ich habe anderweitig zu tun.“ Mit seiner Konversion wechselte er die Loyalitäts-Gemeinschaft. 
Ka'b b. Zuhayr verfasste nach seiner „Bekehrung“ Lobgedichte auf Mohammed. Aber darin stellt er, so Agnes Imhof in ihrer Analyse, „den Propheten als neuen Bündnispartner und Anführer der Sekundärgruppe der umma dar und beschreibt ihn wie einen altarabischen Beduinenfürsten  - als tapfer und gewaltig, furchteinflößend für seine Gegner, aber gerecht und gnädig gegenüber seinen Freunden". Auch ein anderer der „Panegyriker“, Hassan ben Tabit, stellt die enge Beziehung zwischen Gott und dem Propheten vor allem im Hinblick auf die göttliche Unterstützung im Krieg dar, wie es jedem ordentlichen Stammesgott erwartet wurde. Imhof: „Von einem charismatischen Anspruch mit den entsprechenden Implikationen ist hier wenig zu spüren."

Die Gewalt Mohammeds stellt sich nicht in den Rahmen der tradierten Vertragsbeziehungen, sondern hat Unterwerfung und Anschluss an die „Umma“ zum Ziel. Diese Gewalt – jihad - kann nicht aus der kulturellen Tradition legitimiert werden, sondern nur durch den Verweis auf eine höhere göttliche Instanz.

Der Zusammenhang von Loyalität und Glaubensbekenntnis zeigte sich nach dem Tod von Mohammed 632 – viele Stämme interpretierten ihre Loyalität als einen Vertrag mit Mohammed und Verpflichtung seiner Person gegenüber, in der islamischen Geschichte wird das Phänomen als „ridda", Abfall vom islamischen Glauben, interpretiert.   

Die Unterwerfung der an der Ridda-Bewegung beteiligten Stämme war dann logischerweise die Grundlage ihres Bekenntnisses zu der personenungebundenen Lehre Mohammeds, deren machtpolischer Anspruch nach der tradierten Stammeskultur auf seinen Nachfolger übergeht. Mohammed hatte bekanntlich keinen Sohn, der diese Rolle selbstverständlich eingenommen hätte. Die Frage der legitimen Nachfolge wurde daher durch Mord und Gewalt gelöst.

2.1
Jahrzehnte nach seinem Tod wird das Charisma des Propheten 
ersetzt durch einen Schriftkult - im fernen Damaskus

Mohammed setzte sein Charisma gegen die Tradition, nach seinem Tod musste die Mohammed-Bewegung unweigerlich wieder Traditionen bilden in Erinnerung an das Charisma des Gründers. Die Erzählungen von seinem Charisma muss sortiert werden – nach nützlichen und weniger nützlichen. 
Der dritte Kalifen Utman ibn Affan (seit 644), so die islamische Darstellung, soll in einer Zeit innerer Auseinandersetzungen unter den Anhängern Mohammeds in Medina den Anstoß zu einer einheitlichen Verschriftlichung der überlieferten Prophetenworte gegeben haben. Zaid ibn Thabit, der als angesehener Schreibkundiger Mohammed bis zu dessen Tod begleitet habe, soll den Auftrag aber erst abgelehnt haben mit der Bemerkung: „Wie können wir etwas tun, was der Gesandte Gottes niemals getan hat.“ Nach einigem Sträuben habe er sich bereit erklärt, obgleich er meinte, dass es leichter sei, „einen Berg von der Stelle zu rücken”. Er habe vorhandene Schrift-Dokumente gesammelt und Personen befragt, die einzelne Verkündigungen auswendig zu kennen glaubten. 
Nach islamischer Tradition haben einerseits „Gefährten” des Mannes aus Mekka seine Sätze über Jahrzehnte im Gedächtnis wortgetreu bewahrt. Die islamische Traditionsliteratur berichtet gleichzeitig von jahrzehntelangen blutigen Intrigen der Anhänger des Propheten und bitterem Streit darüber, welcher Satz des Propheten nun authentisch sei und welcher nicht. Bis heute kann die Erwähnung eines „falschen” Mohammed-Zitats - etwa der „satanischen Verse” - zu höchst offiziellen islamischen Morddrohungen führen. Nach der Überlieferung, die die Zuverlässigkeit der erstellten Schriftfassung beweisen soll, mussten jeweils zwei Männer bei jedem Vers bezeugen, dass sie diesen direkt aus dem Munde Mohammeds gehört hatten. Frühere Aufzeichnungen ließ Uthman ibn Affan verbrennen mit der Begründung, dass später niemand Zweifel an der Wahrheit des Koran haben sollte. Offenbar gab es deutlich unterschiedliche Versionen von den Worten des Propheten.

Die Härte des Streits unter den Anhängern des Propheten zeigte sich im Jahre 656: Uthmān ibn Affān wurde in seiner Residenz gelyncht. Unter den potentiellen Nachfolgern kam es zum Streit und Aischa, die Witwe Mohammeds und auch der dann als Nachfolger bestimmte Kalif Ali ibn Abi Talib (656–661) sollen in den Mord verwickelt gewesen sein.

2.2
Die alte arabische Schrift war eine Gedächtnisstütze für die Erzähler

Viele Islam-Historiker halten die Geschichte von der schriftlichen Fixierung des Korans unter dem dann ermordeten Kalifen Uthman – zwei Jahrzehnte nach dem Tod Mohammeds - für eine Legende. Was auch immer in Medina gesammelt worden sein sollte – ein eindeutiger Text kann es nicht gewesen sein, weil die damalige arabische Schrift nur eine Gedächtnisstütze sein konnte (1). Dagegen spricht auch, dass die Sprache der erhaltenen frühen Koran-Fragmente ein Arabisch ist, das eine starke Beeinflussung durch das Syro-Aramäische verrät  - wie es für den ostsyrischen Raum nachweisbar ist, nicht für die arabische Halbinsel. Wer diese Texte als Hocharabisch „lesen" und interpretieren will, stößt auf viele unverständliche Sätze, schreibt der Sprachforscher Christoph Luxenberg.

Die Verfasser der frühen Koran-Fragmente müssen gleichzeitig über intime Kenntnisse der syrisch-christlichen Literatur verfügt haben, wie man sie nur für die größeren Städte des frühen arabischen Reiches annehmen kann. Auch aufgrund der komplizierten neu- und alttestamentlichen Bezüge ist ein schriftunkundiger Nomade als Urheber kaum vorstellbar.

Ein schönes Beispiel ist die Geschichte von Jesus und der Taube. Die Texte des „Thomas-Evangeliums“ stammen aus dem 2. Jahrhundert, eine vollständige Sammlung liegt in einer koptischen Version vor, die um 350 n. Chr. niedergeschrieben wurde. Der Verfasser der Koran-Sure über das Tauben-Wunder muss das Thomas-Evangelium besser als vom Hörensagen kennen.

Auch andere Zitate und Anspielungen auf jüdische und christliche Erzählungen im Koran zeigen: Die Texte sind formuliert worden von Menschen, die sich in der zeitgenössischen christlichen Literatur gut auskannten. Von einem leseunkundigen Mann, der im westlichen Teil der arabischen Halbinsel als Kameltreiber im frühen 7. Jahrhunderts aufgewachsen ist, kann dieser Text nicht stammen. Der geistesgeschichtliche Kontext der ursprünglichen Texte, aus denen später der Koran wurde, sind christlich-jüdische Debatten und nicht der archaische nomadische Stammeskult aus einer Zeit der altarabischen „Unwissenheit“ (Dschāhilīya). Die Schreiber wenden sich offenkundig an Leser, die diese Anspielungen verstehen. „Der Koran kann nur in dynamischen urbanen Ballungsräumen entstanden sein, die im Osten des Persischen Reichs zu suchen sind“, schreibt der Religionswissenschaftler Ohlig.

2.3
Im christlichen Damaskus regierten arabische Herrscher anfangs mit christlicher Herrschafts-Symbolik

Nach dem Mord an Uthman beanspruchte nach der islamischen Tradition der Cousin und Schwiegersohn des Propheten, Ali Ibn Abi Talib, die Nachfolge.  Der mächtige Statthalter in Damaskus erkannte ihn aber nicht an. Ali hat zuletzt nicht mehr aus Medina regiert, sondern aus dem (irakischen) Kufa, weil er mehr Anhänger hatte und von dort konnte er den Krieg gegen den Statthalter in Syrien besser führen, so die offiziöse Lesart. Dort soll er im Rahmen der kriegerischen Konflikte um die Nachfolge 661 mit einem vergifteten Dolch ermordet worden sein, als er vom Freitagsgebet kam.

Damaskus war im Jahre 635 an die arabischen  Eroberer gefallen. Die Einwohner sollen ihnen die Tore geöffnet haben mit der Zusage, dass die Stadt nicht geplündert wird, sondern ihre Bewohner mit ihrer religiösen Kultur respektiert werden. In den ersten Jahrzehnten ihrer Herrschaft über neu eroberte Gebiete mussten die arabischen Eroberer die institutionellen Strukturen der unterworfenen Regionen und Städte übernehmen. Die „Schriftbesitzer", vor allem also Christen, bildeten die große Mehrheit der neuen Untertanen und waren die wichtigsten Steuerzahler, sie beherrschten die überlegenen kulturellen Techniken des Ackerbaus, des Handwerk und der Verwaltung. Das Bild änderte sich je nach den örtlichen Gegebenheiten erst unter der Herrschaft der Abbasiden.

Der Statthalter in Syrien war der mächtige Muāwiya b. Abī Sufyān. Muāwiya  beanspruchte 661 die Herrschaft für sich und erklärte nach dem frühen Tod von Ali Damaskus offiziell zum Herrschaftssitz des arabischen Reiches. Damaskus war eine christliche Stadt und für die damalige Zeit unendlich weit entfernt von Mekka und Medina. Offenbar wollte Muāwiya eine große Distanz zu den Streitigkeiten der Propheten-Anhänger in Mekka und Medina. Die arabische Halbinsel war praktisch schon an den Rand gedrängt durch die innerarabischen Machtkämpfe. Sven Kalisch Professor für „Geistesgeschichte im Vorderen Orient in nachantiker Zeit“, formuliert zusammenfassend: „Nichts deutet darauf hin, dass wir es bei Muāwiya mit einem Muslim zu tun  haben.“ Auf historischen Dokumenten taucht er unter dem aramäischen Herrschernamen „Maavia“ aus Marv auf – als Christ. 
Auf dem Stein von Gadara ist eine griechische Bau-Inschrift in einem Bad in der Gegend von Galiläa erhalten, in der der „Gottesknecht Maavia" (Muāwiya) als „Schutzgewährer", also Herrscher, genannt wird – die Inschrift wird mit einem Kreuz eingeleitet. 
Aber unter Muāwiya „entfaltet sich, zum größten Teil ohne seine Kontrolle, aber geschickt von ihm genutzt, die verklärende Erinnerung an Mohammed", so schreibt der Mohammed-Biograf Tilman Nagel. Nach der islamischen Erzählung soll er aus Mekka stammen, ihm wurde gleichzeitig vorgeworfen, dass sein Vater als Führer der Quraisch einer der Gegner des Propheten gewesen sei.

2.4
 Christliche Quellen des 7. Jahrhunderts enthalten noch keinen Hinweis 
auf eine neue Religion, mit der man sich beschäftigen müsste

Münzen sind in oralen Gesellschaften die Massenmedien, in denen der jeweilige Herrscher sich dem Volk als Machthaber und als Garant der Werthaltigkeit der Geldwährung präsentieren konnte. Ab der Mitte des 7. Jahrhunderts taucht „MHMT" auf Münzen in Persien auf, häufig in Verbindung mit christlichen Symbolen. Bei einer abgebildeten Münze aus Palästina ist auf der Vorderseite ist eine Figur mit einem Kreuz in der Hand abgebildet. Auf der Rückseite befindet sich unter der Wertbezeichnung der Schriftzug „muhamad“ – das heißt: „der zu Preisende“. „Maavia aus Merv“ steht auf anderen Münzen, das ist eine ostpersische Stadt.  Wenn Muāwiya seinen Münzen keinen Hinweis auf den Propheten aus Mekka einprägen ließ, sondern das Kreuz, präsentierte er sich auch seinem christlichen Volk in Damaskus noch als Christenanhänger. 
Die „Kirche ist in Frieden und blüht“, schrieb zum Beispiel der christliche ostsyrische Patriarch Isoyaw III. (gest. 659) in einem Brief, der aus der Zeit der Herrschaft des Maavia stammt.  
Anastasius Sinaita (vom Sinai) lebte im 7. Jahrhundert, war Mönchspriester und später Abt im Sinaikloster. Er berichtet in seinen Schriften ausführlich von den theologischen Streitigkeiten in Ägypten und Syrien – nichts über eine Bedrohung durch eine angeblich neue Religion, die von den neuen Herren des Landes machtvoll vertreten und verbreitet würde.

Auch der Patriarch von Jerusalem, Sophronius, beklagte in seiner überlieferten Weihnachtspredigt im Jahre 634 die Brutalität und „den Schrecken der Sarazenen“, die die Gegend verwüstet und geplündert hatten, und deren „wildes, barbarisches, blutgetränktes Schwert“ – und nicht, dass da ein neuer Glaube verbreitet werden soll.
In einem möglicherweise um das Jahr 640 in Karthago entstandenen Text „Doctrina Jacobi nuper baptizati“ wird von einem „falschen Propheten“ der „Sarazenen“, also der arabischen Eroberer, berichtet. Die Juden, die unter der Zwangschristianisierung litten, hätten sich gefreut und das Erscheinen dieses Propheten als Zeichen für die nahe „Ankunft des kommenden Gesalbten“ interpretiert. Der Autor der Doctrina Jacobi bezweifelt das aber unter Berufung auf einen „schriftkundigen Greis“, der gesagt habe: „Propheten kommen nicht mit Schwert und Waffen.“ Dieser Text wird als frühester historischer Hinweis auf Mohammed interpretiert. Ohlig weist darauf hin, dass der Name „Mohammed“ nicht genannt wird – es sei offen, wer gemeint sei. Er geht zudem von einer späteren Datierung des Textes aus. 

Nach der islamischen Erzählung hat Abdallāh ibn az-Zubair, ein Neffe Aischas und Enkel des ersten Kalifen Abu Bakr, sich im Jahre 683 in Mekka zum Gegenkalifen ausgerufen. Abd al-Malik Ibn Marawan, von 685 bis 705 Herrscher von Damaskus,  ließ die Revolte allerdings niederschlagen und zerstörte die Stadt Mekka mitsamt der Kaaba. Az-Zubair soll später in Mekka öffentlich gekreuzigt worden sein. 

Abd al-Malik kam aus dem ostpersischen Merv. Auf seinem Weg nach Westen ließ er den Felsendom bauen – mit einer monumentalen, 250 Meter langen und bis heute erhaltenen  Inschrift. Sie wird auf das Jahr 691 datiert. Die Architektur des Felsendomes und die Inschrift ist eine Demonstration gegen die Herrscher in Byzanz - ein religiös-politisches Statement in einem innerchristlichen Streit. Auch in der Inschrift im Felsendom in Jerusalem ist der muhamad eindeutig definiert. Da heißt es: „Gepriesen sei der Prophet Gottes, Isa bin Maryam“, Jesus, der Sohn der Maria.  (mehr dazu bei Luxenberg L)

Er ließ 696 Münzen prägen, die das Motto MHMT tragen - arabisch als muhamad erläutert. Die Wurzel MHMD findet sich bereits auf Tontäfelchen aus dem 13. vorchristlichen Jahrhundert in Ugarit. MHMT bezeichnete die höchste Reinheit für Gold. Es entwickelte sich daraus die Bedeutung „auserwählt, gepriesen“.

Das Bekenntnis zu einem „zu Preisenden“ ist also nicht eindeutig, und es ist die Frage, wie eindeutig das für seine Untertanen war. Der spätere Mohammed-Titel rasul allah (Gesandter) entstand bei den arabischen Christen als Hoheitstitel Jesu. Auch das bis heute gültige islamische Glaubensbekenntnis „Es gibt keinen Gott außer Allah und ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist" ist eine freie Wiedergabe von zwei Bibelstellen, ganz wörtlich heißt es: Es gibt keine Gottheit außer Gott, gepriesen, sei sein Gesandter.“ Darin steckt also keine demonstrative und offenkundige Differenz zur christlichen Tradition.

Aus seiner Zeit gibt es in syrischen Quellen Hinweise auf schärfere Auseinandersetzungen. Die Ismaeliten werden als Ankündigung des Antichrist interpretiert – und damit ein Vorzeichen des wiederkehrenden Christus. Auch das ist noch als innerchristliche Debatte interpretierbar. Der Historiker R.G. Hoyland nimmt an, dass Abd al-Malik eine klarere Abgrenzung vom byzantinischen Christentum für die religiös-ideologische Legitimation seiner Herrschaft brauchte. Die Islam-Wissenschaftlerin Angelika Neuwirth geht davon aus, dass erst „Abd al-Maliks gut bezeugte Initiative zur Vereinheitlichung der Koranschreibung … Teil eines ‚imperialen Projektes’“ gewesen war, zu dem auch die „Arabisierung des Kanzleiwesens und der Münzprägung“ gehörte. (zu den archäologischen Interpretationen siehe L)

Der griechische Theologie Johannes von Damaskus etwa, in Damaskus geboren, lebte in der Zeit der angeblichen schriftlichen Fixierung des Korans und er kannte die Herrscher von Damaskus gut. Schon sein Vater war Finanzverwalter unter dem Maavia (Muāwiya) gewesen, und er selbst hatte einige Jahre im Dienst des Hofes gestanden, bevor er sich in ein Kloster bei Jerusalem zurückzog. In seinem ganzen umfangreichen Werk kommt die besondere Religion der Araber nur in einer Schrift vor, Titel: „Gegen die Häresien“: Als hundertste Häresie erwähnt er dort im Jahre 726 arabische „Ismaeliten. Er erwähnt keine besondere Verbindung der arabischen Herrscher in Damaskus mit dieser Häresie und auch keine sonderliche Bedrohung des trinitarischen Christentums. Seine ausführliche Auseinandersetzung mit dem „falschen“ Propheten dokumentiert die allgemeine Kenntnis der Grundzüge der Mohammed-Erzählungen: Der falsche Prophet erlaube den Menschen vier Ehefrauen und setze sich an die Stelle von Jesus. Wer kann denn bezeugen, dass er die Offenbarung des Buches erhielt, fragt Johannes von Damaskus, und macht sich über die Antwort, Mohammed sei das im Schlaf offenbart worden, lustig: Er sei ein Träumer, ein Spinner. Dieser unglaubwürdigen, weil unbestätigten Offenbarung stellt Johannes von Damaskus die alttestamentarische Version gegenüber: dass nämlich „Moses das Gesetz auf dem Berg Sinai empfing, wo Gott für alle Leute sichtbar in einer Wolke und mit Feuer und Dunkelheit und Sturm erschien.“

Bemerkenswert schien den christlichen Autoren offenbar bis ins frühe 8. Jahrhundert vor allem, dass die neuen Herrscher die Lehre von Jesus als Gottessohn ablehnen. Das war aber der inner-christliche Streit um die Trinität. Die „Araber“ präsentierten sich den Christen im ersten Jahrhundert nach dem Tod Mohammeds nicht als Träger einer neuen Weltreligion in Konkurrenz zum Christentum. Mohammed präsentiert sich als der, der der den alten abrahamitischen Glauben wiederherstellen will. Im Koran nehmen die zeitgenössischen Polemiken gegen Vergöttlichung der zweiten Figur des dreieinigen Gottes – Jesus, einen wichtigen Raum ein. Zu dem dritten, dem Heiligen Geist, gibt es keine ausdrückliche Kontroverse - vermutlich weil man sich den nicht personalisiert vorstellen konnte. Darauf deutet der Vers 116 in der 5. Sure hin, der sich gegen die Vorstellung wehrt, Maria sei die dritte Figur einer dreieinigen Gottes-Idee: Jesus wird da von Gott gefragt, „Jesus, Sohn der Maria, hast du den Leuten gesagt: Betet mich und meine Mutter als Götter neben Gott an?“ Jesus bekennt darauf: „Nie könnte ich das sagen, was nicht Wahrheit ist.” Auch dass Jesus, der „Gesandte Gottes”, wie ein Verbrecher gekreuzigt worden sein soll - war unvorstellbar für manchen Christen außerhalb des Einflussbereiches der römischen Kirche und ist genauso unvorstellbar für die Autoren des Koran: „Sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet, sie verfielen einer Täuschung”, heißt es in Sure 4. Der Koran ist voller Spuren einer innerchristlichen Auseinandersetzung.

2.5
Die Abbasiden-Herrschaft von Bagdad: 
Die arabische Sprache wird zu einem Kommunikationsmittel für die antiken Bildungstradition

Die Dynastie der Abbasiden, die 750 die arabische Macht übernommen hatte, organisierte den Staat nach dem Vorbild des persisch-iranischen GroßreichsDer abbasidische Kalif Al-Mansur hatte 762 den Aufbau von Bagdad als Herrschaftssitz angeordnet. Offenbar wollte er einen Bruch mit der Herrschafts-Tradition in Damaskus vollziehen. In der islamischen Tradition gibt es für diesen Ortswechsel keine Begründung oder Erklärung.

Die Abbasiden übernahmen vollständig die überlegene Kultur der einstmals eroberten Gebiete. Sie förderten eine umfangreiche Übersetzungstätigkeit und damit Aneignung aller verfügbaren syrisch-griechischen Texte der Antike. Als Übersetzer fungierten oft Gelehrte, die in der syrisch-nestorianischen Tradition standen oder umfassend jüdisch gebildet waren.

Die Faszination der Antike kommt zum Ausdruck in der sich entfaltenden philosophisch-theologischen Strömung der Mu'tazilah, die im Sinne der griechischen (rationalen) Ideen und Methoden die theologischen Fragen des Islam behandelten.

Das Arabisch der Nomaden war natürlich nicht differenziert genug gewesen, um das antike medizinische, naturkundliche und  philosophische Gedankengut in die Heimatsprache des Propheten übertragbar zu machen. Mit der Sprach-Arbeit der Übersetzer musste für das fremde Ideengut in der arabischen Sprache eine Heimat geschaffen werden, die Texte mussten für Kalifen, literarisch geschulte Theologen und für  gebildeten Laien verständlich gemacht werden. Erst im Bagdad des 8. Jahrhunderts entstand das „Hocharabisch“, dass dann für vier Jahrhunderte die Sprache der Gelehrten bis hin nach Toledo werden sollte und aus dem die christlichen Pilger in Cordoba im 13. Jahrhundert die klassischen Werke der Griechen zurückübersetzen mussten – ins Lateinische. (2)

2.6
Mit den „Hadithen“, einer zweiten Verkündigungstradition rund 200 Jahre nach Mohammeds Tod,
bekam seine Botschaft die Konturen einer eigenen Religion. 
Die kriegerische Gemeinschaft wurde ersetzt durch eine auf Riten gestützte Kult-Gemeinschaft

Die entscheidende Differenz von religiösen Bekenntnissen erwies sich in spätantiken Kulturen nicht bei komplexen theologischen Überzeugungen, sondern in (liturgischen) Ritualen und die ausdrückliche Inanspruchnahme von Ahnen („Propheten“). Die Entwicklung ließ seit dem 8. Jahrhundert, schreibt der Mohammed-Biograf Nagel, „den geschichtlichen Mohammed hinter einem Schleier von Überlieferungen verschwinden, die aus ihm den ‚islamischen’ Propheten machten. Was man über das Leben des historischen Mohammed wusste, und das war nicht wenig, das musste sich dem ‚islamischen’ Verständnis von Religion und Gemeinschaft fügen und wurde nach Gesichtspunkten gemustert, die dieses Verständnis bekräftigten.“

Die Überforderung des Propheten-Glaubens wird deutlich in einer Abhandlung, die der Perser Muhammad b. al-Lait im Namen des Kalifen Harun ar-Rasid (reg. 786-809) verfasst hat und der sich an den byzantinischen Kaiser Konstantin VI. richtet, der Text stammt offenbar aus den letzten Jahren des 8. Jahrhunderts. Al-Lait führt als Argument an, dass Gott mit dem Beginn der Offenbarungen an Mohammed die Teufelsgeister mit Sternschnuppen vertrieben habe, die vorher behaupten konnten, göttliche Botschaften aufgeschnappt zu haben. Ein Beweis für den Schöpfergott sei auch, wie wunderbar und vorausschauend die Natur geschaffen sei. Und die Schrift verweist auf einige Textstellen aus dem Alten Testament, aus denen hervorgehe, dass Jesus nicht Gottessohn sein könne.

Die theologischen Argumente des Traktates können für einen halbwegs gebildeten Christen kaum überzeugend gewesen sein. Aber dann kommt der Autor zur Sache: Die erfolgreiche Machtpolitik Mohammeds sei ein Zeichen für die wunderbare Fügung seines Gottes. Ganz offen droht er mit einem Krieg für den Fall, dass der Kaiser von Byzanz nicht eine Kopfsteuer zahlen wolle. Der Kalif verlange die Kopfsteuer nicht aus Habgier, sondern als Zeichen für die Treue zu dem wahren Glauben Mohammeds.

Die Anhänger des Propheten in den großstädtischen Metropolen der antiken Bildungstradition hatten das Problem, dass das „vergleichsweise rohen Gedankengut des Islams“ kritisiert wurde, die Mohammed-Überlieferungen wurden „als plump empfunden“ (Nagel) und einzelne Geschichten wurden regelrecht verspottet. Für die Untertanen der Abbasiden waren die Überlieferungen von Ereignissen, die 150 Jahre zurücklagen, nicht mehr überzeugend, der Glaube an die Mission des Propheten musste eine neue Grundlage bekommen, eine Allgemeingültigkeit. Es entstanden Schriften, die sich mit der Frage beschäftigen, wie man für den Koran argumentieren und die Spötter widerlegen könne. Typisch für die geistige könnte das Beispiel des bedeutenden persischen Arzt Muhammad ibn Zakarīyā ar-Rāzī sein: Er kritisierte den Koran als zusammengewürfelte Mischung aus absurden und widersprüchlichen Legenden, stilistisch noch inhaltlich ein Wunderwerk. Solche Meinungen waren offenbar denkbar im frühen 10. Jahrhundert im Herrschaftsbereich von Bagdad. Al-Razi wurde wegen seiner Kritik nicht ermordet, sondern „nur” als Direktor des Krankenhauses in Ray abgesetzt und starb um das Jahr 925 als verarmter Mann.

Die „Hadithe“, dokumentiert seit dem frühen 8. Jahrhundert, gehören zu diesem späteren Entwicklungsstand des Islam. Während der Mohammed des Korans der Führer einer Kampfgemeinschaft war, ist nach der Tradition der Hadithe die Befolgung bestimmter Riten entscheidend für die Anwartschaft auf das Paradies. Mohammeds Botschaft wird da „gleichsam neu erfunden“, schreibt Nagel. „Der Mohammed des Hadith  steht für eine Religion und eine Gesellschaft, die nicht diejenige des Korans und somit auch nicht diejenige des historischen Mohammed ist.“ (Nagel) Neben den Militärführer tritt nun der „Imam“ als Aufseher über die Riten.

2.7
Schrift-Kult ist eine typische Herrschafts-Technik 
in semi-oralen Kulturen

In oralen Kulturen ist das Verhältnis zur eigenen Geschichte ein normatives: Die Erzählungen von den Ahnen sollen die gegenwärtigen Strukturen begründen. Die Spätantike war eine Zeit oraler Kulturen mit begrenztem Schriftgebrauch. Schrift war ein Zusatz-Medium für eine begrenzte Gruppe, die „Schrift-Gelehrten“ hatten ihre Funktion innerhalb der mündlichen Kultur. Schrift spielte – abgesehen von den Dokumentationen der Händler und in den kulturellen Metropolen der Antike - im profanen Alltag keine Rolle. 
Sie war ein Symbolsystem für Herrschaftsbezüge der Schrift-Gebildeten und war deswegen in der Regel in einen religiösen Kontext eingebunden. Schrift ist magisch besetzt, die Lesung der Schrift in einen rituellen Kontext eingebunden, der nicht allen zusteht. Schrift gehört zum Machtmonopol, Nicht-Eingeweihten wird der Zugriff untersagt. Unbefugter Schriftgebrauch wird tabuisiert. Daher konnte die Schrift nach den archaischen Mythen nur eine göttliche Schöpfung sein.
Die Vorführung der Schrift-Autorität gegenüber den Nicht-Schriftkundigen passierte durch liturgische Lesungen der Heiligen Schriften Der charismatische Redner konnte die Autorität des Schrift-Bezuges auf seinen mündlichen Vortrag übertragen, die Schrift war dann Garant der Wahrheit und ganz praktisch eine Gedächtnishilfe - der Schrift-Kundige hat das Buch auswendig gelernt.

Rein orale Tradition hat den Vorteil „homöostatischer" Überlieferung, das heißt: Veränderungen in der Traditions-Erzählung passieren unmerklich über Jahrzehnte, die Erzählung ist flexibel und kann angepasst werden. Schrift-Fixierung macht eine Überlieferung starr. Solange aber Schrift nicht in massenhafter Form vervielfältigt ist und die Abschriften der Interpretation der Schreiber folgen – auch das ist bis in die frühe Neuzeit die übliche Form der Überlieferung – können Änderungen vorgenommen werden. Die Vernichtung von Schriften ist in semi-oralen Gesellschaften ein Instrument, um „falsches“ Wissen  zu vernichten und um korrigierte Erinnerungen auszulöschen. 
Dieser komplizierte Prozess der Tradierung von Geschichten in mündlicher und schriftlicher Form ist selbstverständlich für die früh-islamische Erinnerung aus dem 7.-9. Jahrhundert anzunehmen. Die Texte aus der islamischen Erzählung, die bis heute erhalten sind, stammen aus dem frühen 9. Jahrhundert. Das sind die Sīra-Biografie Mohammeds von Ibn-Hišām (gest. 834), die sich auf einen nicht erhaltenen Text von Ibn-Isāq bezieht. Es gibt eine erhaltene Geschichte der Kriegszüge von al-Wāqidī (gest. 822) und ein Buch von Ibn-Said (gest. 845). Die früheste vollständig überlieferte Schriftfassung des Koran-Textes stammt aus dem Jahre 870.
Nach dem Selbstverständnis des 9. Jahrhunderts, die heute unverändert als islamische Tradition gilt, ist der Koran kein historisch über mindestens zwei Jahrhunderte entstandener Text, sondern eine Offenbarung, ein Heiligtum – er  soll schriftgläubig rezitiert werden. Im rituellen Rezitieren kann der gläubige Muslim diese Verkündung nachvollziehen, das Auswendig-Lernen und das gemeinsame liturgisch-chorische Rezitieren der Gottes-Botschaft kennen andere Religionen auch. Der Mystiker Mohammed al-Ghazli (1058-1111) hat das Phänomen so beschrieben: „Wenn ich rezitiere, höre ich den Koran zunächst so, wie wenn ein Vorbeter ihn mir vortrüge, dann bei größerer Vertiefung, wie wenn ihn der Prophet für mich rezitierte, und schließlich höre ich ihn, wie vorgesprochen von Gott selbst.“ 

Auch für die jüdische Tradition ist die Heilige Schrift, die Tora, ein Gegenstand, der „beerdigt“ werden muss, wenn er abgenutzt ist. Der Stoff, auf dem Gottes Wort steht, ist selbst heilig. Ein altes und nicht mehr lesbares Koran-Exemplar kann zum Beispiel in die Seitenwand einer Moschee eingemauert werden. Vernichtet werden nur „falsche“ Koran-Varianten. Der Koran darf auch heute nicht ohne rituelle Waschung berührt werden oder auf dem Boden liegen. Arabischsprachige Ausgaben sollen – wie Menschen – in ein Tuch gewickelt und „beigesetzt“ werden. Der Ort darf nicht überbaut werden.

3.1
Das 20. Jahrhundert -  eine archaische göttlichen Offenbarung 
wird Wikipedia-Wahrheit.

Diese schriftgläubige Tradition dominiert nicht nur die Literatur islamischer Theologen, sondern auch die für die islamische Tradition wichtigen einschlägigen Wikipedia-Einträge, die ganz offen im Stil von Märchen formuliert sind und seriöse historische Einwände kaum zulassen. Geradezu verwunderlich ist die Vielzahl wörtlicher Reden aus allen möglichen Situationen, die bei Wikipedia in diesem Zusammenhang als authentische Geschichtsschreibung erwähnt werden. (zitierte Wikipedia-Einträge abgerufen im September 2015)

Zum Beispiel wird für die in Bagdad 130 Jahre nach dem Todesjahr Mohammeds erstellte Propheten-Biografie des Ibn Ishag in allem Ernst erklärt, der Kalif der Abbasidenzeit, Abu Dschafar Al-Mansur (754–775) habe den Auftrag gegeben, „ein Buch zu verfassen von der Erschaffung Adams bis zum heutigen Tag". Das erste Kapitel des (nicht erhaltenen) Werkes von Ibn Ishag habe dementsprechend „den Zeitraum von der Weltschöpfung bis zum Auftreten Mohammeds behandelt“.  Offenbar glaubt der Wikipedia-Verfasser solche Märchen – obwohl es offenkundig um eine Legitimationsschrift für den Herrscher mit Mohammed als Schlüsselfigur ging. Die historische Forschung betrachtet daher alle „Zitate“ von Ibn Ishag dementsprechend als machtpolitisch legitimierende Legende. In dem Wikipedia-Eintrag zu Ibn Ishag wird dieses verschollene Urwerk der Leben-Mohammed-Legende aber als Tatsachenbericht dargestellt. Unter der Kapitelüberschrift „Rezensionen und Bearbeitungen seiner Prophetenbiographie“ findet sich kein einziger Verweis auf kritischen Darstellungen.
In der „Liste der Ahnen und Familienmitglieder“ bei Wikipedia wird die Genealogie bis  auf Adam zurückgeführt - nicht als islamische Legende, sondern in vollem Ernst und der kleinen Einschränkung, dass es sich um den „historisch nicht nachweisbaren Teil der Ahnentafel“ des Propheten handele.

Die grausame Geschichte von der 17-jährigen Safīya bint Huyayy, der Tochter des ermordeten jüdischen Stammes-Führers der Banu Nadir, Huyayy ibn Achtab, wird bei Wikedia wie eine allerliebste Liebesgeschichte so erzählt:

  • Mohammed ließ Kinana ibn al-Rabi foltern und später töten. (Seine 17-jährige Frau) Safiyya und ihre Schwester wurden gefangen genommen. Sie wurden zum Propheten gebracht. Er fragte, wer Safiyya wohl sei. Man sagte, sie sei die Tochter von Huyayy ibn Achtab, dem Oberhaupt des Juden, der die Heerscharen gegen die Muslime aufgestachelt hatte. Er ließ sie zu sich hineinkommen. Da grüßte Safiyya ihn mit der Grußformel des Islam und sagte: ‚Friede sei mit dir, o Gesandter Allahs.’ Er fragte erstaunt: ‚Du weißt, dass ich der Gesandte Allahs bin?’ ‚Ja’ antwortete sie und erzählte ihm, was sie von ihrem Vater und Onkel gehört hatte. Dass der Prophet Mohammed Safiyya heiraten wollte, versetzte die Muslime in großes Staunen. Kurz darauf heiratete Mohammed Safiyya.“
  • Im Abschnitt über die „medinensische Periode der Prophetie“ im Mohammed-Eintrag von Wikepedia wird rechtfertigend der deutsche Orientalist Rudi Paret zitiert: „Mohammed muß aber mit dem Maßstab seiner eigenen Zeit gemessen werden. Nachdem die Quraiza sich ihm auf Gnade und Ungnade ergeben hatten, war er nach allgemeiner Ansicht durchaus berechtigt, keine Gnade walten zu lassen. So merkwürdig und unmenschlich sich das auch anhören mag: in der öffentlichen Meinung ist er wohl dadurch schuldig geworden, daß er Befehl gegeben hat, etliche Palmen der Banū Nadīr zu fällen, nicht aber dadurch, daß er an einem einzigen Tag mehr als ein halbes Tausend Juden über die Klinge hat springen lassen.“
    Wikipedia merkt dann an: „Diese von einigen Forschern geteilte Ansicht, wonach die Exekution auf Ort und Zeit bezogen keine Besonderheit dargestellt habe, wurde neuerdings von Michael Lecker in Frage gestellt.“ In welcher Form wird nicht berichtet.
    Auf der Wikipedia-Seite „Banu_Quraiza“ wird der Massenmord mit den Worten gefeiert: „Nach der Exekution der Banu Quraiza war Mohammeds Position in Medina gestärkt. Nun gab es in der Oase keinen wichtigen jüdischen Stamm mehr, allerdings mehrere kleinere Gruppen, die von nun an jegliche feindselige Handlung gegenüber Mohammed und seinen Anhängern mieden.“ Nach einigen Hinweisen auf die „Rezeption der Ereignisse in der Moderne“ und dort geäußerte Kritik an dem Verhalten des Propheten heißt es dann abschließend: „Den Anschuldigungen einiger Orientalisten gegenüber dem Propheten traten auch muslimische Gelehrte entgegen, die darauf verwiesen, dass die Banu Quraiza die Muslime verraten hätten“. Der Massenmord sei „lebenswichtig gewesen, da es um das Überleben der islamischen Gemeinschaft gegangen sei; die Schuld liege bei Huyayy ibn Achtab, der die Banu Quraiza zum Verrat am Propheten verführt habe.“ Dass Mohammed die Tochter des ermordeten Huyayy ibn Achtab als Sex-Sklavin nahm und heiratete, war nach der „überlebenswichtigen“ Ermordung der jüdischen Männer offenbar das gute Recht des Propheten.

Der Wikipedia-Eintrag über „Ali Ibn Abi Talib“, den erstochenen Cousin des Propheten, berichtet als Tatsache: „In den letzten Augenblicken seines Lebens wiederholte er ständig folgende Verse des Qurans: Wer also Gutes im Gewicht eines Stäubchens tut, wird es sehen, und wer Schlechtes im Gewicht eines Stäubchens tut, wird es sehen. (Quran 99:7 und 8)“

Ein anderes Beispiel: Der Kalif Uthman Ibn Affan (644-646) soll den Auftrag der Erstellung eines Koran-Kodex gegeben haben. Dass dies in der historischen Forschung das als vollkommen unwahrscheinlich gilt, verschweigt sein Wikipedia-Eintrag. Stattdessen heißt es: „Die von Uthman redigierte Fassung verdrängte in der Folge alle anderen Varianten des Korans, sodass heute nur noch seine Version übrig geblieben ist.“ Das „Verdrängen“ war offenbar Absicht: „Zur Vorbeugung falscher Überlieferungen erging gleichzeitig die Anordnung, auch alle privaten Koranaufzeichnungen zu verbrennen.Mit „falsche“ Überlieferungen bezeichnet Wikipedia hier offensichtlich die Überlieferungen, die dem Kalifen im 7. Jahrhunderts nicht passten.

Nach historischen Forschungen waren die ersten Texte, die der späteren Koran-Kodizifierung zugrunde lagen, in einem arabisch-aramäischen Dialekt geschrieben. Das steht nicht bei Wikipedia - weil im Koran steht, dass die Sprache Gottes das Arabische gewesen sei, die Herrschaftssprache des Kalifen. Es geht aber aus einem indirekten Hinweis hervor: „Andere Versionen des Koran, also die ersten Koran-Kodizes, die auch zum Teil in anderen Dialekten und nicht dem quraischitischen Dialekt –  dem Dialekt des Propheten Mohammed – abgefasst waren, wurden eingesammelt und verbrannt.“ Was Wikipedia uns da eher naiv erzählt, ist die 1.400 Jahre alte islamische Traditions-Legende. Man kann es zwischen den Zeilen lesen als Hinweis, dass der Koran im Kontext einer machtpolitischen Kontroverse mehr als 100 Jahre nach dem Todesjahr Mohammeds entstanden ist – mit einer Verbrennung unliebsamer Koran-Versionen.

„Als Abraham später nach Mekka zurückkehrte, errichtete er gemeinsam mit Ismael die Kaaba“, erfahren wir bei Wikipedia unter „Mekka“ – offenbar eine Tatsache. Die Geschichte von „Romulus und Remus“ als den Gründern Roms wird bei Wikipedia dagegen selbstverständlich als „Mythos“ bezeichnet.

3.2
Der Gebrauch eines Textes als ikonisiertes Buch führt in der 
Mediengesellschaft des 20. Jahrhunderts zu grotesken Paradoxien

Auch die heute verwendete autorisierte Koran-Ausgabe, die im Auftrage des Königs von Ägypten im Jahre 1924 fertig gestellt wurde, ist kein Ergebnis quellenkritischer Arbeit, sondern verkörpert den Anspruch einer göttliche Offenbarung dank der Autorität eines Königs: Auch dieser Koran von 1924 soll wörtlich wiedergeben, was dem Propheten offenbart wurde. Damit wurde Gottes Wort authentisch festgelegt – abweichende Versionen darf es nicht geben. Auch der neue Koran ist eine Kopie des im Paradies aufbewahrten Originals, das auf Arabisch geschrieben ist. Übersetzungen durfte es daher auch lange Jahrhunderte nicht geben.

Wie heftig der Streit um abweichende Überlieferungen bis heute geführt wird, zeigt das religiöse Todesurteil gegen den iranischen Schriftstellers Salman Rushdie wegen seines literarischen Werkes „Satanische Verse“ (1988). Da geht es um eine  Überlieferung, die der Biograph Ibn Said in seiner Schrift  Â kitab at-tabaqat  und Tabari  in seinem Korankommentar aufgenommen haben: Mohammed soll erlaubt haben, die Göttinnen („hochfliegende Kraniche") al-Lat, al-Uzza und Manat um Fürsprache anzurufen.  Die Einwohner von Mekka sollen hocherfreut gewesen sein, dass der Prophet ihre Lokalgottheiten derart würdigt. Spätere Traditionen erklären, dass  Mohammed vom Erzengel Gabriel erfahren habe, dass dies keine göttlichen, sondern eben „satanische Verse" waren. Die Urheber der Überlieferungen mussten ihre Verse schon im 9. Jahrhundert widerrufen.

In der arabisch-islamischen Kultur erfreut sich das Auge an der visuellen Schönheit der Schriftbilder. Schrift beruhte auf einer geometrischen Ordnung. Dem Wort Allahs, also dem Koran, sollte eine hoch entwickelte Kunst der Kalligrafie gerecht werden. Nach Auffassung des arabischen Gelehrten Alhazen (um 1000) musste die Schrift genauso geometrisch zu sein wie ein Ornament, der Schöpfer habe darin das Bausystem der Welt verschlüsselt. Erst durch seine Geometrie erhalte das Ornament wie auch die Schrift Bedeutung. Die Botschaft der Ornament-Schrift muss entziffert werden, das setzte eine kulturelle Einübung voraus – und sichert machtpolitische Strukturen, die im Falle des Islam sogar keine Differenzierung zwischen staatlicher Gewalt und religiösen Machtstrukturen zulassen.

 Koran-Monument

Das Monument des Heiligen Korans als ikonisierte  Herrschafts-Statue  
in Sharjah, Vereinigte Arabische Emirate

 


Der mechanische Buchdruck des Korans mit der Erfindung des Johannes Guttenbergs war noch über Jahrhunderte in der islamischen Kultur undenkbar. Nach der Erfindung elektronischer Medien in Europa waren die Vorbehalte auffallend geringer. Die höchste  Autorität für Koranlesung an der Kairoer al-Azhar-Akademie, Mahmud al-Husari, hat seine Lesung des Korans auf Tonband aufgenommen und schon 1961 wurden Ausschnitte im ägyptischen Rundfunk ausgestrahlt. Das Beispiel fand unzählige Nachahmer. Während die Gutenbergsche Drucktechnik insbesondere seit der Reformation im christlichen Bereich umfangreich genutzt und als „Geschenk Gottes“ (Luther) gefeiert wurde, hat sich die islamische Welt lange Zeit der Drucktechnik insgesamt widersetzt. Darin kommt die aus der oralen Kultur übernommene Hochachtung vor dem Schrift-Bild zum Ausdruck. Sultan Bajasid II. untersagte 1483 die Errichtung von Druckereien unter Todesstrafe. Jüdischen Flüchtlingen aus Spanien gestattete er derweil den Druck von ihren Büchern – ausgeschlossen waren Bücher in arabischer Sprache und Schrift. Erst drei Jahrhunderte nach der Erfindung Gutenbergs, 1727, erlaubte der Sultan des Osmanischen Reiches, Achmed III., in seinem Herrschaftsbereich den Buchdruck. Nach dem theologischen Gutachten seiner religiösen Autoritäten durften säkulare Werke gedruckt werden, nicht aber theologische Überlieferung. Erst 1828 wurde der Koran erstmals von Muslimen gedruckt – in Teheran und zwar als lithografischer Druck. Eine im Jahre 1834 in Leipzig nach der Gutenbergschen Methode erschienene Druckausgabe des Korans wurde von islamischer Seite kritisiert mit dem Hinweis, sie halte sich nicht an die „authentischen Regeln der Qurân-Schreibung laut Uthmân“.

Von Fachgelehrten der theologischen al-Azhar-Akademie war in Kairo die im 8./9.  Jahrhundert entstandene Schreibweise als Original festgelegt worden. Als nach der Technik Gutenbergs gedrucktes Buch erschien sie 1923 und wurde vom ägyptischen König Fuad (1917–1936) gegenüber anderen Lesarten als verbindlich erklärt.  
Die erste deutsche Koranausgabe der Ahmadiyya Muslim Jamaat wurde bei ihrer Veröffentlichung 1954 von der Al-Azhar Universität in Kairo gelobt und als herausragende deutsche Übersetzung bezeichnet. Da der Koran nur als Buch heilig ist, darf jede elektronische Fassung des Textes gelöscht werden – nur Bücher müssen „begraben“ werden. 

3.3
Die Flucht in die Geisteswelt des 9. Jahrhunderts, wie sie der „islamische Staat“ vorführt, 
erscheint als die Kompensation einer gescheiterten Modernisierung

Eine „Aufklärung", die das Buch als von Menschen gemachten Text den Kriterien der vernünftigen Analyse unterworfen hätte, hat es im islamischen Kulturbereich nie gegeben. Auch im christlichen Herrschaftsbereich wurden frühe „Aufklärer" als  Ketzer verfolgt. Der europäische Absolutismus hat Handwerk und wirtschaftliche Entwicklung gefördert und damit die Voraussetzung für die Trennung von Staat und Kirche geschaffen. Umso größer wurde der Spielraum der Vernunft. 
In den islamischen Staaten, insbesondere im Osmanischen Reich, hat es aber keine wirtschaftliche Entwicklung Dynamik, auf deren Grundlage der Staat sich von den archaischen Bindungen der Religion befreien konnte. So ist die heutige Flucht in die Geisteswelt des 9. Jahrhunderts, wie sie der „islamische Staat“ vorführt, die  schlechte Kompensation einer gescheiterten Modernisierung. 
Paradigmatisch steht dafür die Behandlung der Frau. Unter Berufung auf die Sitten zu Zeiten des Propheten werden heute „erbeute" Jesidinnen als Sex-Sklavinnen behandelt - diese kurdische Minderheit gehört nach der islamischen Lehre keiner „Religionen des Buches" an. In seinem Propaganda-Magazin „Dabiq" feierten die Anhänger des „islamischen Staates" im Oktober 2014 die „Renaissance der Sklaverei" mit dem Hinweis auf die gute islamische Tradition: „Nach ihrer Gefangennahme wurden die jesidischen Frauen und Kinder unter den Kämpfern des Islamischen Staates, die an der Operation Sindschar teilgenommen hatten, der Scharia entsprechend aufgeteilt". Wie die Banu Qaynuqa-Frauen bei Mohammed.
 

    Zwei Anmerkungen zu den Sprach- und Schrift-Fragen:

    (1) Die ursprüngliche Schreibweise der arabischen Sprache besteht aus „Rasm“, d.h. sie kennt nur Symbole für die Konsonanten, die Diphthonge (ai, au) und die Langvokale (a, u, i). Zum Beispiel könnte danach das Schriftwort  „Rst“ im Deutschen je nach Kontext Rast, Rost, Rist oder Rest bedeuten. Wenn dieses Schrift-Prinzip für die deutsche Sprache gelten würde, könnte der Satz „Leben ist eine Last“  in einem anderen Sinngefüge „Lieben ist eine Lust“ bedeuten. Die meisten der 18 „Rasm“-Buchstaben stehen für bis zu fünf verschiedene Konsonanten. Nur für sieben Schriftzeichen gab keine Gefahr für Verwechslung, die anderen wurden erst später durch die Einführung zusätzlicher „diakritischer Zeichen“ eindeutig gemacht. Diese zu Zeiten Mohammeds gebräuchliche arabische Verschriftlichungs-Form deutet auf einen geringen Wortschatz hin, nur dann war die Menge möglicher Missverständnisse überschaubar, und darauf, dass Schrift oft nur als eine Gedächtnisstütze im Sinne einer Bilderschrift diente. Verschiedene Schriftkulturen haben schon Jahrhunderte vor Mohammed ihre Schrift vokalisiert, wenn komplexere Sachverhalte aufgezeichnet werden mussten. Für das Arabische ist das erst im 8. und 9. Jahrhundert passiert. Ein Hadith verweist darauf, dass das Problem der richtigen Lesart der nur mit Konsonanten symbolisierten frühen Offenbarungen schon im 8. Jahrhundert groß war.
    (2) Das heutige Koran-Arabisch entstand im 9. Jahrhundert, ältere Manuskripte konnten die arabisch-aramäische Mischsprache nur in der syrischen Schrift „Garschuni“ fixieren, die in der Liturgie einiger syrischer Kirchen bis heute verwendet wird. Bei der Interpretation dieser Manuskripte traten im 9. Jahrhundert Probleme auf. Zum Beispiel kennt der offizielle Koran „Ashab al-Aykah“ als – arabisch - „Dickichtbewohner“, wer auch immer das gewesen sein soll. In den Koran-Fragmenten von Sanaa steht „Laykah“, wo der offizielle Koran „al-Aykah“ verwendet. „Laykah“ bezeichnet den ptolemäischen Rotmeerhafen Leuke Kome, und das macht Sinn. (Näheres dazu bei Luxenberg)
    Was der Orientalist und Schriftsteller Navid Kermani in seinem Buch Gott ist schön als rätselhaft-mehrdeutige poetische Schönheit der Sprache des Korans lobt, könnte das ein Hinweis auf die Schwierigkeiten der Gelehrten im 8. Jahrhundert im fernen Irak sein, die frühen Transkriptionen aus der mündlichen mekkanischen Überlieferung in einer fortentwickelten Sprache, dem Hocharabischen, zu fixieren.

 

    Mehr zu dem Themenbereich auf dieser Web-Seite Medien-Gesellschaft: 

    Orale Götterkultur: Klangrede und leichte Trance  M-G-Link
    Monotheistische Gottes-Bilder und das Bildnis-Verbot in der Geschichte   M-G-Link
    Das Zeitalter des Islam in Al-Andalus und die Kraft des Glaubens M-G-Link
    Warum nicht der Islam? Warum Europa?  M-G-Link
    Über die Geschichte der Medien in den nicht-europäischen Kulturregionen   M-G-Link
    „Je suis Charlie“ oder: Papst Franziskus zeigt Verständnis M-G-Link


    Literatur: 
    Hamed
    Abdel-Samad: Mohammed – eine Abrechnung (2015)
      (eine flott geschriebene Streitschrift eines Betroffenen, zu deren Verständnis man sein Buch
      „Mein Abschied vom Himmel - Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland” lesen muss)
    Bat Ye’or: Der Niedergang des orientalischen Christentums unter dem Islam.
       Vom Dschihad zum Schutzvertrag - 7. bis 20. Jahrhundert (2002)
    Patricia Crone: What do we actually know about Mohammed? (2008)
        https://www.opendemocracy.net/faith-europe_islam/mohammed_3866.jsp
    Tilman Nagel: Allahs Liebling. Ursprung und Erscheinungsformen des Mohammedglaubens (2008)
    Tilman Nagel: Mohammed. Leben und Legende (2008)
    Angelika Neuwirth: Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang (2010)
    Agnes Imhof: Religiöser Wandel und die Genese des Islam. Das Menschenbild altarabischer Panegyriker im 7. Jahrhundert (2004)

    diverse Veröffentlichungen des Instituts zur Erforschung der frühen Islamgeschichte und des Korans
       siehe www.inarah.de
    Karl-Heinz Ohlig:  Zur Entstehung und Frühgeschichte des Islam. Die religionswissenschaftliche Frage nach den Anfängen (Vortrag 2007 in Erfurt)  online www.thueringen.de/de/publikationen/pic/pubdownload891.pdf
    Karl-Heinz Ohlig, Gerd-Rüdiger Puin (Hg.): Die dunklen Anfänge: neue Forschungen zur Entstehung und frühen Geschichte
       des Islam (2005) und diverse andere 
    Karl-Heinz Ohlig, Hinweise auf eine neue Religion in der christlichen Literatur „unter islamischer Herrschaft“? Link
    Markus Groß, Karl-Heinz Ohlig (Hg.): Die Entstehung einer Weltreligion. Von der koranischen Bewegung zum Frühislam (2010), darin insbesondere die Aufsätze:
    Volker Popp: Theologische Umbrüche im Islam. Das Zeugnis der epigraphischen Tradition 
    Robert M. Kerr: Von der aramäischen Lesekultur zur arabischen Schreibkultur - Kann die semitische Epigraphik etwas über die Entstehung des Korans erzählen? Christoph Luxenberg, Die syro-aramäische Lesart des Korans. Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache (2011)
    Christoph Luxenberg im Interview: „Eine andere Form der Bibel“, taz 10.4.2004
      http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2004/04/10/a0265
    Christoph Luxenberg im Interview mit Alfred Hackensberger: „Der Fuchs und die süßen Trauben des Paradieses“,Süddeutschen Zeitung  24.2.2004: 
      
    http://www.christoph-heger.de/Alfred_Hackensberger_Interview_mit_Christoph_Luxenberg_SZ_2004-02-24.pdf
    Christoph Heger, Weintrauben Statt Jungfrauen als paradiesische Freude, online:
      http://www.christoph-heger.de/Rainer Nabielek Weintrauben statt Jungfrauen inamo 23_24.pdf
    Christoph Luxenberg, Neudeutung der arabischen Inschrift  im Felsendom zu Jerusalem 
        (online  inarah.de/wp-content/uploads/2015/08/Felsendom-08.pdf
    dazu kritisch:
    Friedrich Erich 
    Dobberahn, Muhammad oder Christus? Zur Luxenberg’schen Neudeutung der Kūfī-Inschriften von 72h (= 691/692 n. Chr.) im Felsendom zu Jerusalem (2013), online: irenik.org/uploads/pdf/a140209165926804.pdf

    Die offiziöse Aufschreibgeschichte des Korans wird in verschiedenen Versionen auch online verbreitet, 
           etwa http://www.ilmgate.org/the-preservation-of-the-quran/