Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Texte zur  Kommunikation
von Religion

 

Wie Europa christlich wurde

Das Christentum als Produkt kommunikativer Formierung
im Kontext der Krise der Antike

2013

Mehr als eine Milliarde Menschen in aller Welt bekennen sich heute zum Christentum, beziehen sich auf einen Mann, der wie ein von Gott verlassener Verbrecher hingerichtet wurde und den seine zunächst enttäuschten Anhänger dann posthum zunächst zum „Auferstandenen“ später dann zum Gottgleichen konfabulierten.

Nach allem, was man über den historischen Jesus weiß, hat er recht wenig mit dem dreihundert Jahre später im Glaubensbekenntnis von Nicäa fixierten „Christus“ zu tun. Das „Christentum“ ist eine historische Konstruktion aus den Jahrhunderten danach.
Der Prediger Jesus aus Nazareth hatte es offenbar abgelehnt, sich mit seiner jüdischen Endzeit-Botschaft an Nicht-Juden zu wenden. Er predigte in den Dörfern Galiläas und mied sogar die größeren galiläischen Städte. Er hat den Staat der römischen Besatzer radikal abgelehnt, weil er an die Wiederkehr des jüdischen Königreiches glaubte. Diese jüdische Botschaft des historischen Jesus wäre in Galiläa nach seinem Tode in Vergessenheit geraten, wäre sie nicht zunächst von Paulus und dann von der in zweiten und dritten Jahrhundert entstehenden Kirche zu einer hellenisierten Version fortentwickelt worden.
Erstaunlicherweise ist das römisch-griechische Staats-Christentum aber nicht mit dem antiken Rom untergegangen, sondern diente sich, auf einen schlichten kultischen Kern reduziert, den germanischen Stammesführern an. Im 6. Jahrhundert schon freute sich der römische Bischof über Zwangs-Konversionen und Massen-Taufen.
Das Christentum, das zur Jahrtausendwende hin im abendländischen Europa triumphierte, war eine archaisierte Version.

Jesus-Erzählungen

Die Verbreitung der Jesus-Botschaft vollzog sich nach seinem Tod in einer typische Form semi-oraler Kommunikation  (zur Anwesenheits-Kommunikation siehe M-G-Link): Die Perspektive war die Verkündung eines Auferstandenen, vieles wurde weitererzählt, einige Sprüche aufgeschrieben, für Unerklärliches wurden Erklärungen eingefügt, die Geschichten wandelten sich je nach Überzeugung der Erzähler - das waren einerseits die, die die Jesus-Geschichte in die Weissagungen der Propheten einfügen wollten, andererseits die, die den jüdischen Jesus als Christus gemäß der in der griechischen Welt kursierenden Götter-Kultur interpretierten
Eine Institution, die das Auseinanderdriften der Erzählungen hätte verhindern können, gab es nicht. Weder Jesus selbst noch seine Jünger hatten es zu seinen Lebzeiten für wichtig gehalten, einzelne Jesus-Lehren zu dokumentieren (vgl. Jesus schrieb nichts M-G-Link). Berichte von Wunderheilern kursierten damals zudem in vielen Versionen und waren nichts Besonderes.

Weil die Wiederkehr Jesu ausblieb, wurden bis ins 2. Jahrhundert hinein immer wieder neue Versionen der Lebensgeschichte Jesu aufgeschrieben – insgesamt gibt es über 20 „Evangelien“. Diese Evangelien dokumentieren die große Bandbreite von Interpretationen. Auch beim späteren Vervielfältigen und Abschreiben von Evangelien wurden wie beim Kopieren von Schriften üblich  Hinzufügungen und Interpretationen vorgenommen, so dass heute ein eigener Wissenschaftszweig – die „historische Jesus-Forschung” -  damit beschäftigt ist, zu diskutieren, was frühere und was spätere Varianten sein könnten, was in die jüdische Tradition und ein authentisches Jesus-Bild passt und was vermutlich spätere und griechische Interpretation ist.

Die messianische Naherwartungs-Hoffnung, die den historischen Jesus angetrieben hatte, wurde uminterpretiert in eine auf das Jenseits bezogene Heilserwartung. immer neue  Visionen über Himm,el und Hölle (L) wurden Verlaufe der Zeit entwickelt.

Das Christentum in der römischen Gesellschaft

Die Ausbreitung des Christentums in der griechisch-römischen Antike verdankt sich so der Abkehr von der strengen jüdischen Tradition und der Hinwendung zur Mission unter den hellenisierten Juden.  In der christlichen Kultur entstand  - in Anknüpfung an die griechische Seelen-Lehre und an die vielfältigen orientalischen Mysterienkulte, die sich im römischen Reich verbreitet hatten, ein „Jenseits“-Gemälde, das der jüdischen Tradition fremd war. „Diese endzeitliche Erwartung traf auf vielfältige hellenistische Hoffnungen auf Errettung und Erlösung, die offenbar in der privaten Frömmigkeit wirksamer waren als die religiösen Staatskulte sowie die philosophische Suche nach dem Glück.“ (Peter Antes) Die Kirche entwickelte dann den Gedanken, Vertreter der Gemeinde könnten „im Namen" Jesu Sünden vergeben, zu einem zentralen machtpolitischen Instrument. Noch Paulus wäre das fremd gewesen, die Vergebung war nach jüdischer Tradition Gott und dem jüngsten Gericht vorbehalten.

In dem Maße, in dem das Christentum zum Massenkult  des römischen Volkes wurde, integrierte es eine Vielzahl der gewohnten, als „heidnisch” abgelehnten Rituale - vom Alexandrinischen Geburtsfest des Gottes Aion („Erschienen ist das Licht, heute hat die Jungfrau den Aion geboren") in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar über das Sonnenwendfest des Sol invictus (Weihnachten) bis zum Kybele-Kult (Maria). an die Passionsriten erinnernde Feste wurden schon in den Mysterienkulten des antiken Rom gefeiert, mit der Entzündung eines Lichtes begann die Auferstehungsprozession - des Gottes Attis.

Unter dem Einfluss des Neuplatonismus entstanden höchst spekulative Schulen, die sich christlich nannten und untereinander radikal bekämpften. Zum Beispiel bekannte sich Origenes (185-254) im neuplatonischen Sinne zu einer allegorischen Auslegungsmethode der Heiligen Schrift; Seele und Geist seien beim Menschen präexistent, d.h. schon vor der Geburt seiend. Christus ist für ihn die Inkarnation des Logos, die materielle Natur der Welt, sie sei eine bloße Episode im geistlichen Entwicklungsprozess, deren Ende die Vernichtung alles Materiellen sei. Origenes spielt bis heute eine Rolle in der christlichen Theologie. Origenes Lehren, vom Konzil von Konstantinopel 553 als  Ketzereien verdammt, spielen bis heute eine Rolle in der christlichen Theologie.

Dass Jesus sich an die armen Menschen auf dem Lande Galiläas gewandt hatte, griffen die Frauen in den Städten des römischen Imperiums auf und bezogen es auf sich: In den christlichen Gemeinden spielten in den ersten drei Jahrhunderten die Frauen eine zentrale Rolle, die aus der Predigt Jesu Botschaften für ihre Befreiung aus der Minderwertigkeitsrolle fanden, in die die griechische Tradition sie einsperrte (Rodney Stark).

Dass eine griechische Interpretation der Lehren Jesu bei den Gebildeten der Zeit so erfolgreich werden konnte, lässt sich nur aus dem griechischen philosophischen Kontext verstehen, in der die Religiosität nur einen reduzierten Platz mit rituell veräußerlichten Kultus hatte. Dem gegenüber konnte das junge Christentum ähnlich wie die Mysterienkulte „authentische” Glaubensinhalte und eine überzeugendere neue Moral versprechen. Der überkommene griechisch-römische Götterglaube „war mit zu vielen Fabeln und Naivitäten verbunden, kein frommer und gebildeter Heide wusste mehr, was er davon glauben konnte”. (Paul Veyne)
Vor dem Hintergrund der Krise des römischen Imperiums, das von allen seinen Göttern verlassen schien, gab es offenbar ein starkes Bedürfnis nach neuen, authentischen Religionen, die die säkulare Fixierung auf irdisches Glück und irdischen Erfolg relativierte mit dem Angebot einer Perspektive im Jenseits.

Den Durchbruch schließlich schaffte die christliche Missionsbewegung im 4. Jahrhundert mit der „konstantinischen Wende“. Die Kirche lieferte sich dem römischen Staat aus, ließ sich von dem (ungetauften!) Kaiser das Glaubensbekenntnis (zu  Nicäa siehe M-G-Link) diktieren und nutzte die staatliche Macht zur Verfolgung abweichender Jesus-Interpretationen. Für den Kreuzestod Jesu wurden nicht mehr die römischen Besatzer, sondern die Juden verantwortlich gemacht. Die christliche Missionsbewegung konkurrierte in der römischen Gesellschaft, in der sich aus dem Orient stammende Kulte ausgebreitet hatten, insbesondere mit dem Mithras-Kult, von dem es verschiedene rituelle Elemente adaptierte und dessen Kultstätten von Christen schließlich zerstört wurden.

Die Entstehung einer Buch-Religion

Zur Buch-Religion wurde das Christentum, als einzelne kirchliche Autoritäten seit dem 2. Jahrhundert versuchten, ihre Sammlung gültiger Jesus-Interpretationen gegen andere, als häretische „Fälschungen“ diffamierte, durchzusetzen und einen gültigen „Kanon“ herzustellen. Die Briefe des Paulus wurden zu Medien der Vereinheitlichung. Die Autorität, die diese Briefe erhielten, ist auch daran abzulesen, dass einige Brief-Texte nachträglich ihm zugeschrieben wurden - „gefälscht”, würde man heute sagen. Die Kanonisierung „wahrer“ schriftlicher Zeugnisse war das  machtpolitische Instrument zur Überwindung der Beliebigkeit mündlicher Überlieferung und zur Schaffung einer einheitlichen Kirche. Für diesen Schritt bedurfte es der Unterstützung der Staatsmacht.

Nicht nur um dem Druck der immer wiederkehrenden Christenverfolgungen zu entkommen, auch wegen der aussichtslosen Situation der gespalteten christlichen Richtungen waren die Bischöfe im 4. Jahrhundert bereit, sich dem  Kaiser zu unterwerfen, der die christlichen Gemeinden zunächst tolerierte, dann förderte und ein Eigeninteresse an der Einheit der Kirche hatte. Konstantin organisierte Konzile, d.h. Foren kommunikativer Vereinheitlichung, deren Beschlüsse er wie „Gesetze“ mit aller Staats-Macht durchsetzte und für deren Legitimation er den „Willen Gottes“ in Anspruch nahm.

Das Christentum als Staats-Kult

Schon Paulus hat wenig über das Leben Jesu gewusst und sich kaum dafür interessiert, er wollte eine „griechische“ Interpretation der Lehren des Galiläers unter griechisch Gebildeten verbreiten. (zu Paulus siehe M-G-Link) Die Kirche, die der römische Kaiser Konstantin begründete, hatte nichts mehr zu mit der Glaubenskultur zu tun, die die Jesus-Anhänger verkörperten

Insbesondere ohne den römischen Kaiser Konstantin (s. M-G-Link, herrschte 306-337) gäbe es die christliche Kirche nicht. Die Kirche verdankt diesem Machthaber, der den Christus-Kult in seinen Sol invictus-Herrschaftskult integrierte, ihre organisatorische Einheit und seit 325 ihr apostolisches Bekenntnis zu dem „gottgleichen“ (homo-ousios) Christus.
Während der Autor des Johannes-Evangeliums den historischen Jesus dem römischen Staathalter Pilatus das „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ entgegenschleudern lässt, instrumentalisiert die christliche Kirche die Staatsmacht nun zu Zwecken der Zwangsmission und zur Erzwingung innerkirchlicher religiöser Vereinheitlichung als  Staatskirche - krasser konnte die „konstantinische Wende” nicht ausfallen.

Konstantin benutzte die christliche Symbolik für seine imperiale Selbstdarstellung, um seine Herrschaft religiös zu legitimieren. Er spielte dabei mit Bildern des Sonnengottes genauso wie mit der Christus-Lichtgestalt und stellte seine Entscheidungen als göttlichen Willen dar. Dass die Kirche ihn darin bestätigte, war der Preis ihrer Anerkennung als staatlich privilegierter Religion.

Der letzte Herrscher eines vereinten Römischen Reiches, Kaiser Theodosius I. (regierte 379-394) verkündete schließlich, der nicäanische christliche Glaube sei verbindlich für alle Staatsbürger. Kein Kirchenvertreter protestierte. Unter Theodosius verschmolzen staatliche und kirchliche Interessen vollends, das Christentum wurde vom Staat offiziell zur verbindlichen „Staatsreligion“ erklärt. Theodosius zeichnete im Jahre 390 verantwortlich für das Massaker von Thessaloniki. Anlass war die Verhaftung eines beliebten homosexuellen Wagenlenkers. Die Bürger von Thessaloniki verlangten dessen Freilassung. Tausende wurden hingemetzelt. Im Jahre 392 untersagte Theodosius den Kult der blutigen Opfer und die damit verbundene Zukunfts-Schau bei Androhung der Konfiszierung des Vermögens, damit traf er den Nerv der nichtchristlichen Kulte. 394 verbot er die Olympischen Spiele. Bald nach seinem Tod wurde Theodosius wegen seiner Bemühungen um die Einigung der Kirche der Große genannt.

Mit Hilfe der verbündeten Staatsmacht betrieben die Kirchenvertreter mit der Zerstörung der paganen Kulte auch die Vernichtung der griechischen Kulturtradition. (Link zur Zerstörung der antiken Buchkultur) Sie verfolgten abweichende christliche, nämlich „häretische” Ansichten - und das sehr viel systematischer als Jesusanhänger im ersten und zweiten Jahrhundert verfolgt worden waren.

 

Fazit: Der Erfolg des Christentums verdankt sich nicht der Attraktivität der Predigt des historischen Jesus, sondern der Anpassungs- und Integrationsfähigkeit der Kirche – beginnend schon in den Zeiten des „Apostelkonzils“.
Das „Christentum” ist nicht im Umfeld des historischen Juden Jesus in Galiläa entstanden, sondern hat sich zunächst im römisch-griechischen Kulturkreis in mehreren Schritten bis ins 3. und 4. Jahrhundert hinein entwickelt.

    Exkurs: Die Abkehr vom Religionsstifter
    als Problem der Kirchenhistoriker heute

    Katholische Theologen und Kirchenhistoriker haben gewöhnlich nach dem Motto: Ende gut - alles gut von ihrem Ergebnis her die Abkehr der christlichen Glaubensbewegung von dem Religionsstifter Jesus gerechtfertigt. Peter Neuner (geb. 1941) etwa sieht in der Hellenisierung des Christentums ein „Modell von Inkulturation“. Jesu Botschaft, auf den jüdischen Kulturkreis begrenzt, „wäre ungehört und unverstanden verhallt“. Ähnlich er Altphilologe Manfred Fuhrmann:   „Das Christentum hätte Europa nicht prägen können, wenn es geblieben wäre, was es in seinen ersten anderthalb Jahrhunderten gewesen ist: eine kleine religiöse Bewegung, die sich auf die Wiederkehr ihres Heilands vorbereitete.“
    Und der evangelische Theologe Wolfhart Pannenberg formuliert: „Ohne die so genannte Hellenisierung des Evangeliums kein Heidenchristentum und wohl auch kein missionarisches Eindringen in andere und immer neue Kulturen.“

    Schon der protestantische Religionshistoriker Adolf von Harnack hatte 1899/1900 in seinen Berliner Vorlesungen das Problem Frage radikaler formuliert. Bis ins vierte Jahrhundert „wirken griechische Mysterien und griechische Zivilisation in der Breite ihrer Entwicklung auf die Kirche ein", schrieb er. Vielfach reichte der „Wechsel der Etiketten". Christliche Erlösung sei „als Erlösung vom Tode und damit als Erhebung zu göttlichem Leben, also als Vergottung" verstanden worden. Diese Gedankenwelt habe „in der paulinischen Theologie eine Stütze", in der nun ausformulierten Kirchenlehre aber sei sie „griechisch gedacht: Die Sterblichkeit an sich gilt als das größte Übel und als die Ursache aller Übel, der Güter höchstes aber ist, ewig zu leben. (...) Die Erlösung vom Tode (wird) ganz realistisch als pharmakologischer Prozeß vorgestellt", „ewiges Leben" wird „mit Vergottung identifiziert".

    Harnacks kritische Sicht ist protestantisch: „Dieses offizielle Kirchentum mit seinen Priestern und seinem Kultus, mit allen den Gefäßen, Kleidern, Heiligen, Bildern und Amuletten, mit seiner Fastenordnung und seinen Festen hat mit der Religion Christi gar nichts zu thun. Das alles ist antike Religion, angeknüpft an einige Begriffe des Evangeliums, oder besser, das ist die antike Religion, welche das Evangelium aufgesogen hat." Diese Sätze bezieht Harnack explizit auf die ihm fremde östliche orthodoxe Kirche. Für die spätantike römisch-katholische Staatskirche ist sein Urteil nicht weniger klar: „Der Papst, der sich 'König' nennt und 'Pontifex maximus', ist der Nachfolger Cäsar’s. Die Kirche, schon im 3. und 4. Jahrhundert ganz von römischem Geist erfüllt, hat das römische Reich in sich wiederhergestellt." Es handele sich „nicht um Entstellungen, sondern um eine totale Verkehrung." Die Kirche habe ein irdisches Reich aufgerichtet, das habe mit den jüdischen messianischen Hoffnungen nichts mehr zu tun. „Einst haben die römischen Christen ihr Blut vergossen, weil sie dem Cäsar die Anbetung verweigerten und die politische Religion verschmähten", nun hätten sie „ihre Seelen dem Machtgebot des römischen Papstkönigs unterworfen".

    Der Mediävist Johannes Fried formuliert aus seiner intimen Kenntnis der mittelalterlichen Erscheinungsformen des christlichen Glaubens: „Das ‚Christentum’ ist kein einmal festgelegtes, dann unwandelbares, geschichtsloses Ensemble von Glaubensinhalten, Doktrinen, moralischen Forderungen und Strafmitteln. Es passt sich wie jede Religion in all seinen Äußerungen den jeweils herrschenden Zeitverhältnissen, ihren materiellen, sozialen und ideellen Umständen ebenso wie den seelischen Bedürfnissen und dem geistigen Zuschnitt der Menschen an.“ (aus: Die Formierung Europas 840-1046 )

    Ein verblüffend offenes Beispiel für den vollkommen unkritischen Umgang mit der griechischen Umwandlung der Botschaft des galiläischen Jesus bietet der Münchener Professor für orthodoxe Theologie (1994-2005), Theodor Nikolaou.
    Dass es zu einer „inneren Begegnung und engen Verbindung der hellenistischen Geistes- und Kulturwelt mit der Botschaft Christi“ gekommen“ sei und „die griechisch-christliche Kultur“ entstand, sei „ein unleugbares geistes- und kulturgeschichtliches Faktum“, erklärt er. „Die Universalität des Christentums ist ohne die Verbreitung und Vorleistung des Hellenismus kaum vorstellbar.” 
    In der Feststellung einer „Hellenisierung" des Christentums liegt für ihn aber keine Kritik: “Denn der Hellenismus bedeutet nicht nur Verbreitung des griechischen Geistes und Denkens unter vielen Völkern und Vereinheitlichung der damaligen Welt und Kultur, sondern ist auch die geistige Brücke, über die die edelsten Früchte des menschlichen Geistes in die einzige wahre Religion, das Christentum, hinübergerettet wurden. Dadurch wurde der Hellenismus eine Art Nervensystem des Christentums, das zu seiner weltweiten geschichtlichen Verwirklichung beigetragen hat und weiterhin beiträgt.“
    Unverträglichkeiten zwischen Elemente des Hellenismus und Jesus-Botschaften, die nicht in das Christentum integrieren werden konnten und die vernichtet und verbrannt wurden, scheint es für Nikolaou nicht gegeben zu haben.
    Dem Einwand von Adolf von Harnack, dass damit die Lehre des Jesus von Nazareth verfälscht wurde, hält Nikolaou die „Glaubensüberzeugung“ entgegen, „daß die Kirche als geschichtlicher Organismus, der vom Heiligen Geist geleitet wird, ihr Leben berechtigterweise in organischer Einheit mit ihrer Umgebung des Judentums und des Griechentums zu entfalten hatte“. Die „Festlegung des trinitarischen und des christologischen Dogmas durch die Alte Kirche“ stellen für Nikolaou „einmalige und für alle Zeiten verbindliche Vorgänge im Leben der Kirche dar“.
    Die Auseinandersetzung verschiedener Strömungen im Christentum, die gewaltsame Unterdrückung von als „häretisch“ abgestempelten Auffassungen, all das hat es für Nikolaou nicht gegeben: „Das altkirchliche Dogma ist im wahren Sinne des Wortes ökumenisch. Es ist ökumenisch nicht nur, weil es die Universalität der christlichen Botschaft gesichert hat, sondern auch und vor allem, weil es in der damaligen Ökumene von allen Christen als verbindlich angesehen und erlebt wurde und dadurch die Einheit der Kirche weitestgehend gewährleistet hat.“
        (Theodor Nikolaou: Die griechisch-christliche Kultur und die Einheit der Kirche,
         in: Kirchen im Kontext unterschiedlicher Kulturen  Hg. von K.Ch. Felmy u.a. (1991)

Germanen-Mission und Germanisierung” des Christentums

In den Jahrhunderten staats-christlicher Herrschaft „archaisierte“ die christliche Religiosität.  „Es war ein tiefer Gegensatz, der diese Bildung vom Christentum trennte“, konstatiert Marrou in seiner Analyse des Verhältnisses der Christen zum antiken Schulwesen. Als im 7. Jahrhundert von der römischen Stadtkultur nur „Ruinen für Verstand, Geist und Politik“ (Richard Southern) geblieben waren, triumphierte das Christentum. Die christliche Kirche missionierte mit Erfolg, sie füllte das Vakuum, dass die zerfallenden staatlichen Strukturen hinterließen, sie wurde wichtiger und rettete sich selbst als Institution und Glaubensbewegung – aber sie hatte offenbar keinen Grund, die antike Bildungskultur zu verteidigen, neu zu beleben oder hinüberzuretten in die neue Zeit.

Offenbar war das Christentum so wenig griechisch geprägt, dass es von den Germanen mit den Traditionen der antiken Bildung nicht in Zusammenhang gebracht wurde – sie konnten die dürren christlichen Glaubenssätze und kultischen Rituale problemlos übernehmen und mit ihren eigenen Traditionen mischen. Die Religionsgeschichte spricht daher im Zusammenhang der Christianisierung der Germanen immer auch von „Germanisierung” des Christentums.

Papst Gregor (amtierte 590-604), den die Kirchengeschichte den „Großen“ nennt, gilt als großer lateinischer Kirchenlehrer der Spätantike. Er brach, sobald er sein Mönchsgelübde abgelegt hatte, jede Verbindung mit der klassischen Bildung ab. „Die tiefen Werte jenes Humanismus sind dem heiligen Gregor, das ist nur allzu deutlich, unbekannt.“ (Marrou)
Dieser Papst gab er im Jahr 599 Order, die Heiden Sardiniens gewaltsam zur Unterwerfung unter christliche Riten zu zwingen - mit durchaus „unchristlichen” Mitteln:

    „Wenn ihr feststellt, dass sie nicht gewillt sind, ihr Verhalten zu ändern, so befehlen wir, dass ihr sie mit größtem Eifer verfolgt. Sind sie unfrei, so züchtigt sie mit Prügeln und Folter, um sie zur Besserung zu zwingen. Sind sie aber freie Menschen, so sollen sie durch strengste Kerkerhaft zur Einsicht gebracht werden, wie es angemessen ist, damit jene, die sich weigern, die Worte der Erlösung anzunehmen, welche sie aus den Gefahren des Todes erretten können, durch körperliche Qual dem erwünschten gesunden Glauben zugeführt werden.“

Einige Jahrzehnte zuvor hatte noch Theoderich, der ostgotische (und arianische) Herrscher über Italien, konstatiert, es sei unmöglich, die Annahme einer Religion zu befehlen: Religionem imperare non possumus.

Die gewaltsame „Bekehrung“ oder auch „Schwertmission” wurde typisch für die Christianisierungspolitik des Mittelalters. Die Religion wurde zum Kalkül im Machtspiel. In blutigen Kämpfen mit anderen germanischen Stämmen setzte sich der Clan der Merowinger durch und begründete die Franken-Herrschaft - Chlodwig wurde vom römischen Papst als christlicher Herrscher geadelt. Gregor von Tours, in den Jahren 573 bis 594 dort Bischof, erzählt die Geschichte von Chlodwigs Bekehrung allen Ernstes so: Der Merowinger-Herrscher habe Jesus angerufen mit den Worten „Jesus Christus, gewährst du mir jetzt den Sieg über diese meine Feinde, so will ich an dich glauben und mich taufen lassen auf deinen Namen. Denn ich hab meine Götter angerufen, mir zu helfen. Als er dies gesagt hatte, wandten sich die Alamannen und begannen zu fliehen. Darauf ging Chlodwig, ein neuer Konstantin, zum Taufbad hin.”

Die Unterwerfung der Sachsen im Namen der christlichen Mission durch Karl den Großen verlief nicht weniger blutig.

Al Andalus und die christliche Eroberung des maurischen Spaniens

Die Recconquista, die Zerstörung der arabisch-islamischen Hochkultur auf spanischem Boden durch die Kreuzzügler, hat das maurische Bild von den barbarischen Christen bestätigt. Muslime und Juden wurden in den „befreiten“ Gebieten zur Konversion gezwungen oder vertrieben, Gotteshäuser und Kunstwerke zerstört. Schon zum Auftakt im Jahre 1064 hatte Papst Alexander II. hatte zur Eroberung arabischen Grenzfeste Barbastro aufgerufen und mit seiner Bulle „Eos qui in hispaniam“ allen Teilnehmern an den Kreuzzügen die vollständige Vergebung ihrer Sünden zugesichert. Die maurischen Verteidiger der Stadt im Norden Spaniens verließen sich auf die ehrenwörtliche Zusicherung eines freien Abzugs, aber als sie vor die Tore der Festung gekommen waren, wurden die Soldaten niedergemetzelt, die jungen Frauen unter den christlichen Siegern verteilt. Mehr als eintausend Araberinnen wurden nach Italien gebracht, wo sie insbesondere für ihre großen Kunst der arabischen Lyrik-Gesänge geschätzt waren.

Nachdem die letzte islamische Bastion auf iberischem Boden, Granada, erobert worden war, ließ Kardinal Francisco Jiménez 1499 in Granada 80.000 arabische Bücher verbrennen und erklärte das Arabische zu einer „Sprache einer ketzerischen und verachtenswerten Rasse“.

Die Frage, wie Europa christlich wurde, kann präzisiert werden:

1. Was hat die Neuformulierung einer „christlichen Botschaft“ insbesondere im 3. Jahrhundert möglich und so attraktiv gemacht, dass sie im römischen Imperium zur Staatsdoktrin werden konnte?
2. Warum taugte diese - doch teilweise griechisch inspirierte - neue christliche Doktrin als Begleitmusik zur Zerstörung der antiken Kultur? Diesen Prozess kann man nicht nur mit dem Ansturm der Germanen erklären, zumal die oft selbst Christen waren oder sich rasch und ohne kulturelle Schwellen zum christlichen Kult bekennen konnten.

Historiker wie Paul Veyne („Als unsere Welt christlich wurde”) oder Guy Stroumsa („Das Ende des Opferkultes”) streichen „moderne” Aspekte der frühen christlichen Kultur heraus und erklären den Erfolg dieser neuen Religion in der vorkonstantinischen Zeit durch die Attraktivität ihrer Andersartigkeit im Kontext der römischen Religionskultur.
Überzeugend ist das letztlich nicht: Es wäre verwunderlich, warum diese „modernen” menschlichen Selbstverständigungs-Bedürfnisse sich in der antiken griechisch-römischen Gesellschaft im zweiten und dritten Jahrhundert so signifikant verbreitet haben sollen, ohne im vierten Jahrhundert die neue Staatsreligion spürbar zu prägen. Dass sich dass Christentum bereitwillig als Ideologie des zerfallenden römischen Staates anbot, bestätigt eher die These von Hyam Maccoby, nach der das Christentum mehr Assimilation - an in Rom verbreitete orientalische Kulte - enthielt als modern anmutende philosophische Erbschaften.
Auch die Praxis der Christianisierung mittels Staatszwang und der Anteil des Christentums an der Zerstörung der antiken Kultur (Rolf Bergmeier) verweist nicht auf besondere „Originalität“. Der Erfolg der christlichen Bewegung vor Konstantin lässt sich, wie Rodney Stark gezeigt hat, ohne solche Projektionen aus späteren Phasen der Geschichte plausibel erklären.

Die römische Kirche auf dem Weg
  ins 1000-jährige christliche Mittelalter

Machtpolitisch zu seiner vollen Blüte gekommen ist das Christentum erst nach der vollständigen Zerstörung der antiken Kultur (dazu (M-G-Link) – im „christlichen”, frühen Mittelalter. Solange es eben ging, und es ging über tausend Jahre lang, setzte das Christentum, das einst so stolz auf seine Märtyrer war, auf den Einsatz der Staatsgewalt zur christianisierenden Unterwerfung des „eigenen” Volkes und fremder Kulturen („cuius regio, eius religio“).

Die ersten zarten Versuche, sich mit den verschütteten Schriften der antiken Philosophie zu befassen, haben seit der Jahrtausendwende prompt wieder zu Verfolgungen und Verbrennungen geführt. Die vorsichtigen Schritte eines Neubezugs auf die Antike mussten gegen die Autoritäten der kirchlichen Macht durchgesetzt werden, die nur mühsam zur Anerkennung dessen gezwungen werden konnten, was die Kirche heute gern unter „Christentum“ versteht – weil es Machtverzicht bedeutete. Dass es Mönche waren, die seit dem 10. Jahrhundert die Renaissance vorbereiteten, konnte nicht anders sein - alle Bildung außerhalb der Klostermauern war von der Kirche vernichtet worden.

Noch 1553 wurde der Spanier Miguel Servet (in Genf) auf Drängen des Reformators Calvin hingerichtet, weil er für eine Restitutio christianismi (Vienne 1553) eintrat, für die Rückführung des Christentums auf die biblische Grundlage, den Abschied von der konstantinischen Wende (De trinitatis erroribus) und für Gewissensfreiheit. „Serveto“, ein Arzt und Theologe, hatte 1553 eine Schrift das Modell eines Blutkreislaufes entworfen, angelehnt an einen Text des syrischen Arztes Ibn al-Nafis aus dem 13. Jahrhundert. Serveto gilt als bahnbrechender Vorgänger von William Harvey.
Es ist kein Zufall, dass auch Giordano Bruno, verbrannt im Jahre 1600, unter anderem vorgeworfen wurde, dass er das Diktat von Kaiser Konstantin über die „Dreieinigkeit“ Gottes (Nicäa, 325) ablehnte. (zu Bruno siehe M-G-Link)

Im Jahre 1791 nannte Papst Pius VI. die Lehre der Französischen Revolution von den Freiheits- und Menschenrechten eine „völlig absurde, aus der Luft gegriffene Doktrin” (Absurdissimum eius libertatis commentum), er sah in ihr einen „Widerspruch gegen göttliches Recht und Naturrecht und gegen die Lehre der Kirche“. Es brauchte fast 200 Jahre, bis das II. Vatikanische Konzil sich dem Zeitgeist anpasste und in der Proklamation der Menschenrechte eine moderne Formulierung der Gotteskindschaft jedes einzelnen Menschen erkannte.

    Lit.:
    Adolf von Harnack, Das Wesen des Christentums. nach seinen Vorlesungen 1899/1900, 2. Auflage 1929
                  http://de.wikisource.org/wiki/Das_Wesen_des_Christentums/Zehnte_Vorlesung
    Peter Antes: Jesus in: ders., Große Religionsstifter (2002)
    Guy Stroumsa: Das Ende des Opferkultes: Die religiösen Mutationen der Spätantike (frz. 2005, dt. 2011)
    Richard Southern: Kirche und Gesellschaft im Mittelalter (1976)
    Rodney Stark: Der Aufstieg des Christentums, Neue Erkenntnisse aus soziologischer Sicht (1997)
    Paul Veyne: Als unsere Welt christlich wurde (frz. 2007, dt. 2011)
    Rolf Bergmeier: Das Konzil von Nicäa (325) und Konstantin der Große - Wie Jesus zum Gott wurde (2011)
    Peter Thrams: Christianisierung des Römerreiches und heidnischer Widerstand (1992)
    Rolf Bergmeier: Schatten über Europa: Der Untergang der antiken Kultur (2011)
    Henri-Irenee Marrou: Geschichte der Erziehung im klassischen Altertum (frz. 1948, dt. 1957)