Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

www.medien-gesellschaft.de


Links zu den Abschnitten

I
Medien-
Geschichte

Virtuelle Medienrealität  -
Schrift-Magie, Bibel-Orakel

4-2015

Entstehungsmythen der Schrift

Wir kommt die Schrift in die Welt? Götter haben sie mitgebracht und den Mächtigen geschenkt, davon waren die alten Kulturen überzeugt. Götter haben nicht nur die Schrift erfunden, sie greifen – wie die Mächtigen - auch mit Schreibhandlungen in das irdische Geschehen ein. Geschichten vom göttlichen Ursprung der Schrift wurden überall erzählt - in Ägypten, Babylon, Armenien, Indien und in China. In der eddischen Überlieferung der keltischen Dichtung gewinnt Odin Macht über die Runen und ihre magischen Potenzen. Der ägyptische Gott Tho, der Erfinder der Hieroglyphen, war der Gott der Worte und Bücher, er galt als Verfasser der Zauberbücher. Die Ägypter schlugen die Schriftzeichen in Stein, um ihre kultischen Bedeutung zu verewigen.

Der Gott Israels hat seine zehn Gebote eigenhändig auf steinerne Tafeln niedergeschrieben, die Buchstaben des hebräischen Alphabets sind Bausteine und  Grundelemente der Schöpfung. Zwar war in der jüdischen Tradition jegliche Bild-Verehrung verboten, das Verbot gilt allerdings nicht für den Kultus um die Schrift und um das Schrift-Bild. Das Buch wird zum Gegenstand magischer Riten. Es ist selbst ein heiliger Gegenstand, nicht einfach Träger von Schrift. Die kostbare Schriftenrolle darf nicht mit bloßen Händen berührt werden. Aus der Identität von Bezeichnetem und Bezeichnendem folgt, dass alte Thora-Exemplare nicht vernichtet werden dürfen - sie werden wie verstorbene Personen bestattet. Nicht nur die kabbalische Lehre spürt einer geheimnisvollen Bedeutung der Buchstaben nach. „Das B als erster Buchstabe der hebräischen Tora z.B. repräsentiert in dieser ikonisierenden Lektüre den göttlichen Anfang der Welt, ein Tor symbolisiert die Öffnung, aus der die Schöpfung heraustreten kann. Die Steigerung der heiligen Schrift zum Bild ist ein gemeinsames Element von Judentum, mittelalterlichem Christentum und Islam.“ (Aleida Assmann)
Auch für Muslime wäre es eine Todsünde, ein Exemplar des im göttlichen Arabisch geschriebenen Korans zu verbrennen. Die islamische Tradition geht davon aus, dass Gott selbst die Buchstaben schuf und sie dem Adam offenbarte als ein Geheimnis.
 In der konkurrierenden Auseinandersetzung Mohammeds mit den Juden in Medina entstand die Erzählung, dass die von dem Engel Gabriel offenbarten Worte im Grunde abgelesen wurden – sie entsprächen einer bei Gott „bewahrten Tafel“, einer „himmlischen Urschrift“ des Koran (Sure 85:21f). Mohammed war festgelegt auf die mündliche Offenbarung – so wird im Koran die mosaische Erzählung von den Steinplatten korrigiert: Während in der jüdischen Erzählung die Steintafeln „beschrieben von dem Finger Gottes“ (Exodus 31,18) an Mose übergeben wurden, wird im Koran die Verkündung der Gebote zu einer erzählten Offenbarung: „Kommt her, ich will verlesen, was euer Herr euch verboten hat …“ Selbst die himmlischen Schreibrequisiten malt der Koran aus - das Schreibrohr und die Schreibtafel. 

Sharjah Schardscha Monoment des Heiligen Koran

 

Das Buch als eine
architektonische Statue:
Der heiligen Koran als Monument
in Schardschaim im Emirat Sharjah.
 

 

Auch die Anhänger des Islam gehen davon aus, dass Gott selbst die Buchstaben schuf und sie dem Adam offenbarte als ein Geheimnis. Für Muslime wäre es eine Todsünde, ein Exemplar des im göttlichen Arabisch geschriebenen Korans zu verbrennen.

Die Frage, was mit Gottes Wort passiert, wenn heilige Bücher brennen, peinigte auch die christlichen Gläubigen. Ein Tafelbild von Pedro Berruguete aus dem 15. Jahrhundert löst das Problem elegant: Das häretische Buch brennt, das heilige Buch schwebt über den Flammen.

Die heiligen Schriften sind mehr als Speicher-Medien. „Buchstaben, Texte und Schriften dienten im Mittelalter nicht nur als Medien, die zwischen räumlich oder zeitlich voneinander getrennten Gesprächspartnern den Austausch von Informationen ermöglichten, Wissen speicherten und den Fortbestand kultureller Errungenschaften sicherten.“ (Klaus Schreiner) In einer Gesellschaft von Analphabeten war die Schrift wie die Kunst des Schreibens ein Mysterium. Der Wortoffenbarung der Heiligen Schrift entspricht die Schöpfungsoffenbarung. Am Anfang war das Wort, Gottes Wort steht für Alpha und Omega, den Anfang und das Ende seiner Schöpfung, und deswegen sind die Schriftzeichen „seine“ Schriftzeichen. Dies ist eines theoretische Überhöhung des – in allen archaischen Frömmigkeitskulturen verbreiteten - Glaubens, dass Schriftzeichen Träger wunderbarer Kräfte sind, von denen man erwarten darf,  dass sie drohende Übel abwehrten. Als heilige Zeichen sind sie „nichts anderes als der fortgesetzte Wille des Urvaters". (Sigmund Freud) Zwischen Schrift-Bild und dem damit symbolisch abgebildeten Inhalt besteht ein unmittelbarer Kontakt. Kraftwirkungen können etwa durch die bildhafte Anordnung von Buchstaben erzielt werden. Offenbar führte die langsam zunehmende Alphabetisierung zunächst dazu, dass auch die tief verwurzelten magischen Kommunikations-Bedürfnisse breitere Anwendung fanden, die gesellschaftliche Bedeutung von Schrift-Magie nahm zu.

Für den Glauben an Wortzauber lassen sich natürlich auch in den Schriften des jüdischen Gottesbundes Beispiele finden. So gibt Gott nach dem 4. Buch Moses (Numeri) direkte Anweisungen („Und der Herr redete mit Moses und sprach“) über die Frage, was bei einem Verdacht auf Ehebruch gegen die Frau getan werden sollte, falls die Frau ihre Unreinheit abstreitet: Der Mann soll zum Priester gehen, der die Frau – so übersetzte Luther - mit „bitter verflucht Wasser“ in der Hand drohend beschwören soll, ihre Untat zu gestehen. Leugnet sie weiterhin, so soll der Priester (Verse 23/24) „diese Flüche auff einen Zedel schreiben vnd mit dem bittern Wasser abwasschen / vnd sol dem Weibe von dem bittern verfluchten Wasser zu trincken geben“. Ist sie schuldig, wird das verfluchte Wasser „in sie eindringen und sie vergiften, so dass ihr Bauch anschwellen und ihre Hüfte schwinden wird“. Ist sie unschuldig, wird das bittere Wasser ihr nichts anhaben.
Interessant in diesem Kontext ist die Vorschrift zur Verschriftlichung der Wortmagie. Moderne Luther-Übersetzungen übertragen „Zedel“ als „Zettel“. Im hebräischen Original steht sefer1, „se.pher“, das gewöhnlich als „Buchrolle“ übersetzt wird. Vermutlich war ein Blatt gemeint, aus dem Buchrollen gemacht werden konnten. Das wertvolle, aber grobe Papyrus wurde zu jeder Zeit gern mehrfach benutzt, dazu musste die Schrift abgelöscht werden. Nach der Weisung Gottes an Moses mussten die materialisierten Schriftzeichen offenbar in das „bittere Wasser“ gelangen, um dort ihre Wortzauber-Kraft zu entfalten.

Die Schrift muss, um sich stimmlich-körperlichen Ausdruck zu verschaffen, erst inkorporiert werden. Das konnte in antiken Kulturen ganz direkt verstanden werden. Johannes muss, so der Bericht seiner Offenbarung, ein ganzes „Büchlein“ verschlingen, um dann weissagen zu können. In der Original-Stelle bei Hesekiel übergibt Gott einen Brief zum Verspeisen: „Da tat ich meinen Mund auf, und er gab mir den Brief zu essen und sprach zu mir:  (…) Du Menschenkind, gehe hin zum Hause Israel und predige ihnen meine Worte.“

Im magischen Umgang mit Schrift tritt die Differenz zwischen Bild und Schrift als unwesentlich zurück. In den kunstvollen Initialen ist dieser Unterschied vollends aufgehoben. Die Initialen laden zur meditativen Betrachtung der Schrift ein. Schriftzeichen werden benutzt wie Fetische - zum Abwehrzauber und zur Weissagung der Zukunft. Heilige Bücher haben nicht nur einen sakralen Glanz, Gottes Texte sind mit einer besonderen Kraft ausgestattet, sie helfen gegen psychische und physische Gebrechen. Bis heute legen Katholiken ihren Neugeborenen Kindern bisweilen einen Rosenkranz unter das Kopfkissen, Protestanten eine Bibel.

Buchstaben-Zauber und Schrift-Magie

Die griechischen Buchstaben Alpha und das Omega hatten eine weitreichende symbolische Bedeutung. Eine Kombination von A und Q wurde als „ChiRho“ öffentlich zum Christussymbol, nachdem Kaiser Konstantin behauptet hatte, er habe unter diesem Zeichen das blutigem Gemetzel gegen seinen Rivalen (312) für sich entschieden.

ChiRo Münze Konstantin Kaiserliche Münze  aus dem 4. Jahrhundert,
 Konstantin und das ChiRo 

 


 

Schließlich hat sich das an das T angelehnte Kreuzes-Symbol durchgesetzt, das schon in der Mythologie des alten Orients Vollendung symbolisierte. Assyrische Herrscher trugen ein Taukreuz auf der Brust. An der Stufenpyramide des Dyoser und in Memphis, der alten Hauptstadt Aegyptens, ist das hieroglyphische Kreuzeszeichen als „anch“-Symbol zu finden – ein Schutzamulet der ägyptischen Pharaonen und Priester. Der lateinische T war schon in einer Vision des alttestamentarischen Ezechiel – als hebräisches Tav - das rettende Schutzzeichen gewesen. Dem großen Kirchenschriftsteller der christlichen Antike, Origenes (gest. 253/254),war seine symbolische Bedeutung nicht geläufig – er fragte Juden, wie er selber berichtet, was das von Ezechiel erwähnte Tav zu bedeuten habe. Es sei, so war die Antwort, der letzte Buchstaben des hebräischen Alphabets und als ein Zeichen für „Vollkommenheit" zu verstehen.

Bischof Athanasius (295-373) warb für die mit dem Christusmonogramm versehenen Amulette, „vor denen sich nicht nur die Krankheiten fürchten, sondern auch die gesamte Schar der Dämonen bebt". Der Erzbischof von Konstantinopel, Johannes Chrysostomus (354-407), versicherte, „einzig das Kreuz" biete gegen dämonische Bedrohung Schutz, und zwar so sehr, dass böse Gewalten dagegen nicht aufkommen. Dem Kreuz schrieb er die Macht zu, Krankheiten und böse Geister zu vertreiben, „verschlossene Türen zu öffnen, Giftmittel unschädlich zu machen, vom Bisse giftiger Tiere zu heilen."

Der Kirchenvater Augustinus (354-430) hielt es für theologisch vertretbar, sich bei Fieber das Johannes-Evangelium auf den Kopf zu legen – seine Heilkraft übertreffe die heidnischer Amulette bei weitem. Das Evangelium auf den Kopf zu legen, um vor Kopfschmerzen („dolor capitis") Ruhe zu haben, sei grundsätzlich nicht zu tadeln; wichtiger sei es jedoch, sich das Evangelium „aufs Herz" („ad cor") zu legen, um von Sünden geheilt zu werden. „Der Kirchenvater billigte, was er nicht verhindern konnte“, interpretiert Schreiner – offenbar war die entsprechende Sitte in der Kultur der gläubigen Analphabeten übermächtig.
Ein schönes Beispiel für den Glauben an Schriftzauber
findet sich in seinen autobiografischen „Bekenntnissen“. Ausgerechnet für sein Konversionserlebnis scheint Augustinus (Conf. VIII, 12, 29) eine  schriftmagische Zaubergeschichte als angemessen: „Und siehe, da hörte ich aus dem benachbarten Haus die Stimme eines Knaben oder eines Mädchens in singendem Ton immer wiederholen: Nimm und lies, nimm und lies!”.
Augustinus konnte sich das nicht anders erklären „als dass eine göttliche Stimme mir befehle, die Heilige Schrift zu öffnen ... Daher ging ich eiligst auf den Platz zurück, wo mein Freund Alypius saß. Dort hatte ich die Briefe des Apostels Paulus liegen gelassen, als ich aufgestanden war. Ich griff nach dem Buch, öffnete es und las still für mich den Absatz, auf den zuerst meine Augen fielen: Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Streit und Eifersucht. Legt (als neues Gewand) den Herrn Jesus Christus an“. (Römerbrief 13,13 f ) Augustinus beschloss, so seine Selbstdarstellung in seinen autobiografischen Confessiones”, auf Ehe und Beruf zu verzichten, von nun an enthaltsam zu leben und ein Leben im Dienste Gottes zu führen.

Isidor, Bischof von Sevilla (um 560-636) machte sich Gedanken über die Buchstaben als „Zeichen der Dinge", die das, was Abwesende sagen, ohne Stimme hör- und vernehmbar machen können.

In den mittelalterlichen Büchern objektivierte sich das Heils- und Herrschaftswissen wie auf den antiken Steintafeln. Bibelverse wurden auf Pergament geschrieben und wie ein Amulett am Hals getragen, weil sie gegen den Einfluss böser Geister schützen sollten. Handschriften mit Texten von Heiligen befreiten von Epilepsie oder verhalfen Frauen zu einer guten Geburt. Die Wirksamkeit von mündlich rezitierten Zauber- und Beschwörungsformeln magischer Schriften hing oftmals davon ab, dass ihr Wortlaut genauestens eingehalten wurde.

Mittelalterliche Christen vertrauten auf das Heilszeichen als Schutz vor Pest und bösen Mächten. Das kreuzförmige T wurde deshalb als Haussegen über die Tore und Türen weltlicher und geistlicher Bauten gemalt. Gregor von Tours berichtet, dass das Kreuz-Zeichen die Stadt Clermont im Jahre 546 vor der Pest schützte. Solche Zeichen-Symbolik war auch in anderen religiösen Kulten üblich. Mittelalterliche Juden schützten ihre Häuser und Wohnungen durch eine Mezuzah, ein kapselförmiges Amulett mit Tenach-Versen, die böse Geister abwehren sollten.

Maria hatte in der Volksfrömmigkeit eine besondere Bedeutung als Mutter der Barmherzigkeit und Helferin der Bedrängten. Marianischen Texten wurden außeralltägliche Wirkungen zugeschrieben. Ein Abschreiber des Transitus Mariae, eines aus dem 4./5. Jahrhundert stammenden Berichts über das Sterben, das Begräbnis und die Himmelfahrt Marias, gab seiner Überzeugung Ausdruck, dass jeder Christ, der „diese Schrift" („hoc  scriptum") bei sich trage oder im Hause habe, gegen Nachstellungen des  Teufels geschützt sei. Eine Mutter bewahre sie vor Epilepsie und dämonischer Besessenheit, vor Taub- und Blindheit.
Der Priesters Wernher versprach (1172), dass seine Marienlieder, in Reimen gedichtet und mit 85 Federzeichnungen anschaulich ausgeschmückt, wirksame Hilfe bei Schwangerschaft und Entbindung leisten könnten.

Seit dem Zerfall der lateinischen antiken Kultur erhielt das Lateinische eine geheimnisvolle und damit magisch anmutende Aura. Der Gebrauch der für die Messe erforderlichen Texte setzte kein Verständnis der lateinischen Sprache voraus, nicht einmal die Priester konnten in der merowingischen Zeit noch Latein. Ritualisiertes chorisches Sprechen oder Murmeln vermittelte weniger die Rezeption eines Textes als vielmehr eine Transzendenz-Erfahrung. Wenn die Wortfolge zudem durch die rhythmische Bewegung des Körpers begleitet wird, wird das Murmeln zur Ekstase-Technik.

Noch der Hexenhammer (1486) empfiehlt zum Beispiel: „Ebenso schreibe man das Evangelium S. Johannis: ,Am Anfang war das Wort' auf und hänge es dem Kranken an den Hals und erwarte so die Gnade der Gesundung von Gott."  Die Differenz zu heidnischen Bräuchen lag darin, das die Hilfe nicht von den Worten auf dem Zettel, sondern vermittels des Zettels durch Gottes direktes eingreifen erwartet wurde. In der religiösen Praxis war die Grenze zwischen dieser Art Rechtgläubigkeit und Magie entsprechend unscharf.
Auch gegen verhextes Wetter hatte der Hexenhammer eine Zeremonie vorzuschlagen: „Drei Körner von dem Hagel werden unter Anrufung der heiligen Dreieinigkeit ins Feuer geworfen; das Gebet des Herrn samt dem Engelsgruße wird zwei- oder dreimal hinzugefügt und das Evangelium Johannis ,Am Anfang war das Wort' mit dem Zeichen des Kreuzes überall hin gegen das Gewitter, vorn und hinten und nach jeder Seite des Landes vorgetragen; und dann, wenn (die betreffende Person) am Ende dreimal wiederholt: ,Das Wort ward Fleisch' und dreimal danach gesagt hat: ,Bei den Worten des Evangeliums, dies Gewitter soll weichen', wird das Gewitter sofort aufhören, wenigstens wenn es infolge von Behexung hervorgebracht worden ist."

Noch im 15. und 16. Jahrhunderts war für den Wettersegen genau die Himmelsrichtung vorgeschrieben, in welche die einzelnen Evangelien gesprochen werden sollten. Den Evangelien-Texten traute man zu, drohenden Hagel in fruchtbringenden Regen umzuwandeln und den  Dämonen, den eigentlichen Urhebern von Donner, Blitz und Hagelschlag, ihre schadenstiftende Kraft zu nehmen, vor plötzlichem Tod zu bewahren und die Felder des eigenen Pfarrsprengels gegen Unwetter zu schützen.

Versinnlichung der Schrift

Die Meditationes vitae Christi, die um 1300 im Umfeld des franziskanischen Ordens entstanden, gehören zu den populärsten Texten des Spätmittelalters. Das Buch wurde schon früh in zahlreiche Sprachen übertragen, erhalten sind mehr als 200 Handschriften, davon mehr als die Hälfte volkssprachig. In 99 Betrachtungen werden  die Stationen des Leben Jesu nachgezeichnet – die große Anschaulichkeit kommt als Meditationshilfe daher:

    „Stelle dir also hier Gott den Herrn vor, und blicke ihn an, so gut du es vermagst. (…) Betrachte aufmerksam den Herrn, wie er vom Abendmahle sich wegbegiebt. (…) Bewundere auch seine tiefe Demut und stelle in ähnlicher Weise, wie hier angegeben, Erwägungen über die entsetzlichen Schmerzen der Geißelung an (...) Betrachte ihn jetzt, wie er, gekrümmt unter der Last des Kreuzes, einhergeht, wie er alle seine Kraft zusammennehmen muß, um es zu tragen."

Auch die Anschaulichkeit des Textes soll eine bildliche Vorstellung, eine innere Vision anregen.  Die Theologen des Mittelalters propagierten geradezu die Intensivierung der Lektüre durch Veranschaulichung, es kommt zu einer Versinnlichung der Lektüre – die Gläubigen waren fasziniert von den dargestellten „virtuellen Welten“. Die populären Stundenbücher sind dafür ein Beispiel.  Ein spielerischer Umgang mit der medialen Illusion ist dabei der christlichen mittelalterlichen Glaubenskultur fremd. „Falsche“ Wunder geraten schnell in den Verdacht, Ketzerei zu sein, Teufelswerk. Auch dem Teufel werden im Zweifelsfall übernatürliche Wunderkräfte zugetraut. Mit dem Begriff „illusio“ werden im christlichen Mittelalter  Täuschungsversuche des Teufels bezeichnet. Auch Traumbilder im Schlaf können dazugehören. Johannes Cassianus empfiehlt seinen Mönchen, die Nachtwachen bis zum Morgen durchzuführen. Durch Gebete und Psalmen „soll verhütet werden, dass der böse Feind die durch das nächtliche Gebet erlangte Reinheit des Herzens durch irgendein Traumbild (somni illusione) beflecke.“

Bibel-Orakel

Der Streit um die antike Sitte des Buch-Orakels wollte über die Jahrhunderte des mittelalterlichen Christentums nicht abbrechen:  Man schlage mit geschlossenen Augen eine Seite der Bibel auf und lese den Satz, auf den das Auge zunächst fällt – daraus ergibt sich die Weissagung. Das Buch-Orakel war eine Weissagungs-Technik für Lesekundige, gehörte also zur Kommunikations-Kultur der Gebildeten.

Karl der Große hatte im Jahre 789 verboten, im Psalter oder im Evangelium zu losen (sortire) oder sonstigen Vorhersagen (divinationes) Glauben zu schenken.

Kirchenvater Augustinus hatte allerdings die Wahrsagekunst der Bibel zur Zukunfts-Vorhersage keineswegs grundsätzlich verworfen, abgelehnt hat er nur die Befragung heidnischer Dichter. „Wenn nun die Leute", schrieb er, „die Blätter des Evangeliums zu Orakelzwecken benützen, so ist mir das sicherlich erwünschter, als dass sie bei Dämonen sich Rats holen.“ Und für rein weltliche Interessen dürfe man die biblische Prophetie-Methode nicht missbrauchen. Augustines berichtet, wie er selbst durch solche Buchorakel-Praxis zu erleuchtenden Einsichten kam.

Der Bischof Burchard von Worms (11. Jahrhundert) beschrieb diesen an die antike Sitte des Buchorakels anknüpfenden Brauch und brandmarkte ihn als Wahrsagerei.

Auch der Heilige Franziskus (1182-1226) wiederum befragte die Evangelien als Orakel-Fundgrube. Sogar bei Bischofswahlen wurden Psalter, Apostelbriefe und Evangelien aufgeschlagen, um den Entscheidungen ein höheres Maß an religiöser Legitimität zu geben. Anselm von Canterbury (1033-1109), so berichtet der englische Chronist Wilhelm von Malmesbury (um 1190-1143), habe bei der Bischofswahl eines Freundes Gott ausdrücklich um ein prognosticon gebeten.

Thomas von Aquin (1224/25-1274) rechtfertigte die Volksbräuche einschließlich des „weissagendes Losens" („sors divinatoria") und der christlichen Amulette so: „Göttliche Wörter sind nicht von geringerer Wirkung, wenn sie geschrieben, als wenn sie [mündlich] ausgesprochen werden." Es müsse daher auch erlaubt sein, „heilige Texte am Hals zu tragen zur Heilung einer Krankheit oder zur Abwehr irgendeines Schadens".

Beichtvätern wurden darin geschult, ihre Beichtkinder nach „geschrift" zu befragen, auf denen unbekannte Wörter und Zeichen stehen. Mit diesen „Schriften" waren Schwertbriefe gemeint, die in Krieg und Fehde gegen Verwundungen schützten, sowie Frauenbriefe, die „zu der liebe", d. h. für Zwecke des Liebeszaubers, geschrieben wurden. Anstößig an diesen Briefen war insbesondere die Tatsache, dass sie unbekannte, nichtchristliche Namen, Formeln und Zeichen trugen.

Gottesurteil

Eine Handschrift aus dem 12. Jahrhundert aus der steiermärkischen Benediktinerabtei Admont beschreibt ein regelrechtes Gottesurteil-Ritual. „Ein Psalter wird bei dem Verse ,iustus es domine, et rectum judicium tuum’ (Gerecht bist Du, Herr, und gerecht ist Dein Urteil, Ps 118,137) aufgeschlagen. Hier wird ein Holz, das oben mit einem Knauf (capitellum) versehen ist, so eingelegt, dass der letztere über das Buch hinausragt. Der Psalter wird nun fest geschlossen und der Knauf in die Öffnung eines zweiten Holzes so eingehängt, dass das Buch hängen bleibt, sich aber bewegen kann. Das mit dem Knauf versehene Holz bildet mit dem Holz, in dessen Öffnung der Knauf steckt, einen rechten Winkel, dessen Schenkel auf beiden Seiten über das Buch hinausragen und von je einem Manne gehalten werden; vor diesen Männern steht der Verdächtige. Der eine von ihnen spricht dreimal: ,Dieser hat die (gestohlene) Sache', worauf der andere erwidert: ,Er hat sie nicht'. Darauf sagt der Priester: ,Das möge uns der offenbaren, durch dessen Entscheidung Himmel und Erde regiert werden' und beginnt die Gebete. Unter Anrufung der Heiligen bittet er Gott, dass das Psalterium sich dem Sonnenlauf entsprechend, d. i. von Osten nach Westen, bewege, wenn der Verdächtige unschuldig sei, oder falls er schuldig, von Westen nach Osten zurückgehe." Zum Abschluss sollte der Prolog aus dem Johannes-Evangelium vorgelesen werden.

Hostien-Mühlen

Seit dem 14. Jahrhundert sind Bilder der Hostienmühle überliefert. Eines der ältesten Beispiele ist der Mühlenaltar aus dem ehemaligen Zisterzienserkloster in Bad Doberan (Mecklenburg).

Hostien-Mühle Doberan1

Die vier Evangelisten am oberen Bildrand schütten ihr Gotteswort in Form von Schriftbändern in den Trichter einer Mühle. Auf den Schriftbändern sind Kernzitate der Evangelien zu lesen. In anderen Hostienmühlen werden Kornsäcke in den Trichter geschüttet. Das Produkt des Mahl-Prozesses: Das Brot der reinen Lehre und der in der Hostie gespendete Leib Christi.
Aus dem „Mehlfach" der Mühle löst sich ein einzelnes Schriftband auf dem  zu lesen ist:
„[verbu]m caro factum est, et habitavit in nobis, et vidimus gloriam e[ius]" - das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. Nun war diese Schrift von den gewöhnlichen Gläubigen nicht zu lesen, Schrift hat eine kommunikative Funktion als Sakralbild, als Ikone.

In der christlichen Eucharistiefeier hat sich die Wort- und Bild-Magie bis heute erhalten, lebendig konserviert durch den Ritus als Wiederholungszwang der kultischen Erzählung. Im Zentrum stehen Brot und Wein, diese fundamentalen Überlebensmittel, hinter denen - als Zeichen interpretiert -  das Geheimnis nur für die erkennbar wird, die staunend daran glauben. Als Zeichen erinnern Brot und Wein an das archaische Menschenopfer, mit dem Gott, indem er selbst seinen Sohn zum Opfer freigab, weitere Opfer überflüssig machte. Die Zeichen dieses Menschenopfers müssen verspeist werden, um die geheimnisvolle Verbindung zur Sphäre des Göttlichen zu schaffen, nicht ohne vorher eine wundersame Wandlung erfahren zu haben, die aus den Zeichen wahrhaftes Fleisch und Blut machen.

 

siehe u.a. auch meine zusammenfassenden Texte zu 

    Zur Bildmagie: Bilddenken, Bildhandeln   M-G-Link
    Kultbild-Verehrung in der Antike  
    M-G-Link

    Sprache Denken Mythen  M-G-Link
    zum Opferkult: Gottesbilder
    -
    Monotheismus und das Bildnis-Verbot in der Geschichte  M-G-Link
    Gehirngespinste - Wie das Gehirn Wirklichkeit konstruiert 
    M-G-Link 
    Gott im Kopf - Bewusstsein ohne Ego  
    M-G-Link
    Religiöse Kommunikation - Was ist Religion?   M-G-Link

     

    Vgl. auch zu den Totenreich-Phantasien von Himmel und Hölle   M-G-Link

    Literaturhinweise:
    Horst Wenzel, Die Schrift und das Heilige, , in: Die Verschriftlichung der Welt, (2000) 

    Klaus Schreiner, Buchstabensymbolik, Bibelorakel, Schriftmagie
               aus: Wenzel, Die Verschriftlichung der Welt  (2000)
    Jan Assmann zu Israel und der Erfindung der monotheistischen Schrift-Religion: s. Auszug
    Link
    Richard Kiekhefer, Magie im Mittelalter (1992)
    Wolfgang Brückner, Bilddenken -
    Mensch und Magie oder Missverständnisse der Moderne (2013)