Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Texte zur  Kommunikation
von Religion

 

Auszüge aus: Bergmeier, Schatten über Europa, Seiten 173ff

Stichworte zu Boethius

Boethius (um 485-526), römischer Gelehrter, Platon- und Aristoteles-Kommentator, (…) wird für christliche Zwecke vereinnahmt, obwohl es keinerlei Hinweise gibt, dass Boethius christlich, geschweige trinitarisch gedacht hat. So müssen grausame Winkelzüge seine Christlichkeit belegen: Boethius habe „nebenchristliche Sittlichkeit" beschrieben, in ihm „wohne Verschiedenes, doch auch im Geiste dieses antiken Christen beieinander", schreibt der Theologe Hans von Schubert, während sein katholischer Kollege Otto Bardenhewer ein „entschieden christliches Kolorit" in Boethius' Büchern findet, die „ethische Reinheit, Sicherheit und Wärme" eines „tiefgläubigen Christen" verrate. 408  Aber Boethius scheint sich im christlichkirchlichen Umfeld nicht heimisch zu fühlen.

Sein Trost der Philosophie, nach 520 im theodorischen Gefängnis geschrieben, angenehm frei von Aberglauben, Besessenheit und Selbstgerechtigkeit, kehrt zum Platonismus zurück. Seine These, dass jedes Wissen durch die Eigenarten des Erkennenden bestimmt sei (vgl. David Hume), weist den Anspruch der Religionen auf erkannte (offenbarte) Wahrheit zurück. Der Versuch, Boethius als Leuchturm christlicher Aufgeschlossenheit zu vereinnahmen, scheitert an seinem Spätwerk: Sein Trost ist ganz und gar aus heidnischen Quellen her zu interpretieren.

Fast gleichzeitig mit Boethius' Tod wird die berühmte Akademie in Athen, eine Gründung Platons und Lehrstätte des Aristoteles, im Jahre 529, dem Gründungsjahr des Klosters Monte Cassino, geschlossen. Sie sei eine Brutstätte heidnischer Philosophie, lässt der christliche Kaiser Justinian (reg. 527-565) ausrichten. Die an der Akademie lehrenden Philosophen Damaskios, Diogenes, Hermeias, Eulalios, Isidoros, Priskian und Simplikius gehen ins Exil an den Hof des Perserkönigs. 409 Damit gilt von nun an die Leitlinie der Apostolischen Konstitution vom Ende des vierten Jahrhunderts,Philosophien könnten kaum etwas zur wahren Weisheit beitragen, denn letztere sei nur mit Hilfe der Religion zu finden. 410 Fortan ist die Philosophie der Seele beraubt und wird als ancilla theologiae, Magd der Gotteslehre, missbraucht. Sie darf der Theologie Methoden leihen, Vokabeln und Kommentare liefern, wird aber nie, ohne sich selbst aufgeben zu wollen, mit einer Welt die Ehe eingehen wollen, die stolz den Trauspruch credo quia absurdum in die Ehe einbringen will.

Fußnoten:

408 H.v. Schubert, Geschichte der christlichen Kirche im Frühmittelalter, 1976, S. 73;  O. Bardenhewer, Patrologie,  1910, S. 543.
409 Vgl. E. Watts, Where to Live the Philosophical Life in the Sixth Century? Damascius, Simplicius, and the Return from Persia, in: Greek, Roman, and Byzantine Studies 45, 2005, S. 285-315.
410 Apostolische Konstitution, Buch 3, Kap. 27.