Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Texte zur Religion

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen

ISBN 978-3-7418-5475-0
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Augensinn Cover

Über die
Mediengeschichte der
Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert des Auges


ISBN 978-3-7375-8922-2
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Schriftmagie Cover

Medien Macht Menschen

2014

Woher rührt die universal faszinierende Wirkung der Medien? Wieso werden sie „für voll genommen“, obgleich Worte, Texte, Bilder und Filme in Wahrheit bloße Zeichen sind, „virtuelle Realität“? Ohne ihre wundersamen Wirkungen auf die Sinnesorgane, was wären Medien ohne die Einbildungskraft des menschlichen Verstandes? Wie gelingt es den Zeichen, ihre Suggestionskraft zu entfalten? Und warum?

Penis - Steinphallus Hohle Fels 28001

 

20 Zentimeter großer Stein-Phallus, 
gefunden in einer Höhle 
der Schwäbischen Alb (Hohle Fels).
 Schätzungsweise 30.000 Jahre alt

 

 

Medienwirkung – eine alte Geschichte

Nicht erst die Produkte der modernen Bilderflut entfalten diese Medienwirkung – das macht die Frage komplexer. Immer wieder gab es in der Geschichte Klagen über die bedrohliche Zunahme von Medien - in Situationen der Überforderung der alten Suggestions-Kultur durch neue Techniken der Reproduktion. Medienwirkung war schon ein Problem, als Bildnisse mühevoll und aufwändig hergestellt werden mussten. Seit Urzeiten werden einzelnen Skulpturen, Ikonen oder Schrift-Zeichen geheimnisvolle, magische Kräfte zugeschrieben. Man fürchtet sie, betet sie an, verehrt sie wie Götter, man küsst sie und spricht mit ihnen. Es sind „Medien“ göttlicher Herkunft, wie vom Himmel gefallen. Fremde und damit „falsche“ göttliche Zeichen werden zertrümmert und verbrannt – in der Unterstellung, dass auch die falschen Götter ihre medialen Zeichen mit Macht ausstatten könnten.

Venus aus drei Regionen 301

Medien der Frühzeit: Die Venus von Tan-Tan in Marocko ist sechs Zemtimeter groß und mindestens 
300.000 Jahre alt. Die Venus vom „Hohle Fels“ in der Schwäbischer Alb, aus Mammut-Elfenbein geschnitzt, ist  sechs Zentimeter groß und rund 35.000 Jahre alt. Die Venus of Willendorf aus dem Donautal ist 11 Zentimer groß und 
rund 20.000 Jahre alt. (v.l.n.r.)

 

Im antiken Griechenland wurde der Kult der Bilder profanisiert. Die Tragödie mit ihren Emotionen und ihren Illusionen wurde als virtuelle Welt auf die Bühne des Theaters gebracht und gefeiert. Und – durch große Geister wie Platon - kritisch interpretiert. 
In der Antike wie im europäischen Mittelalter waren Bildnisse kostspielig und eine Besonderheit im Leben einfacher Menschen. Die Bilder sprachen die Menschen an, Menschen sprachen mit den Bildnissen. Der Marienkult zeigt, dass die Menschen trotz der Verbote der theologischen Diskurse in ihrer Volksfrömmigkeit die gute Mutter Göttin brauchten. Die emotionale Intensität des Bilderlebnisses war mindestens so stark und schrieb sich vermutlich nachhaltiger in die Psyche ein als die moderne Bilderflut. 
Einige Jahrzehnte vor der Erfindung des Buchdrucks führte die  neue Technik von Holzschnitt und Kupferstich  zu einer Vervielfältigung der Bilderlebnisse. Der reformatorische Streit im 16. Jahrhundert zeigte die revolutionäre Bedeutung der Gutenbergschen Drucktechnik, die Köpfe der (leseunkundigen) bäuerlichen Bevölkerung wurden aber auch geradezu „überflutet“ mit Bildern.

Gehirn-Gespinste

Es gibt keine klare Grenzlinie zwischen Medien-Erleben und den Wahrnehmungsbildern der materiellen Realität. Auch im Kino übrigens, sonst würde da nicht so oft geweint. Den Zeichen gelingt es, die Differenz zum Wirklichen zu überwinden. Ohne diese wundersame Wirkung wären Medien nichts als tote Dinge. Offenbar verspürt das menschliche Gehirn ein Bedürfnis danach: Wir suchen Medien, damit sie so auf uns wirken. Der menschliche Geist scheint sich von der praktischen Vernunft der Tiere geradezu dadurch zu unterscheiden, dass er mit viel Phantasie die Eintönigkeit seines lebensweltlichen Wirklichkeitsbewusstseins überhöhen kann.

Der Text, ein zuweilen selbstmörderisches Medium

Die Wirkung der toten Buchstaben eines Textes darf man sich nicht zu gering vorstellen. Die Schriftreligionen begründen sich auf einem Kult der Schrift, die Schrift ist ein von Gott herabgereichtes Medium. In oralen Gesellschaften lässt sich durch das priesterliche Schrift-Monopol natürlich Macht begründen. Schriftkultur ist ein Herrschaftsinstrument. Als die teuflische Neugierde in der Renaissance den etablierten Mächten bedrohlich wurde, verbrannte man Schriften - und Autoren.

Die romanhafte Darstellung über das Leben auf dem Mond, wie sie John Wilkins, Gründungsmitglied der Royal Society, 1638 veröffentlichte, war sicherlich eine größere Sensation für die Phantasie seiner Leser als mancher Science-Fiction-Film heute – solche Texte sprengten Weltbilder auf und machten Unvorstellbares vorstellbar. Die Geschichte des „Johann Fausten“ wurde schon lange Jahre mündlich kolportiert, bevor 1587 ihre erste (erhaltene) Schriftfassung entstand – die Spannung zwischen dem göttlichen Erkenntnisvorbehalt und der Neugierde der Zuhörer machte die Geschichte zum „Bestseller“. Goethes authentisch klingender Text über die „Leiden des jungen Werthers“ (1774) konnte die Emotionalität der Leser/innen bis hin zu Selbstmord-Phantasien anspannen.
Die in der Neuzeit tastend rehabilitierte „Neu-Gier“ war die Triebfeder der oralen Dorf-Kommunikation und der Nachrichten-Sänger gewesen, sie richtete sich auf Geschichten und Texte, solange es keine Bilder gab. Die sich ausbreitende Schriftkultur hat in der Neuzeit eine Neuordnung des Wissens   bewirkt und die Kommunikation der „Gerüchte“ verdrängt. Im 19. Jahrhundert schließlich kam die Massenpresse auf – und formte das Wissen des Volkes über seine Machthaber, über Gott und die Welt. 

Die Spur der Medien-Kritik

Die Faszination der Medienwirkung spiegelte sich immer auch in der Medien-Kritik. Das biblische Bildnis-Verbot, die Plato’sche Schrift-Kritik, die christliche Verdammung der Augen-Lust, „Lesesucht“, „Kinosucht“,  „Fernsehfieber“ und neuerdings „digitale Demenz“ – kaum ein Meilenstein der Mediengeschichte, der nicht seine spezifische Kritik-Kultur provoziert hat. 

Über die Lust an den fiktionalen Texten schrieb Johann Gottfried 1794 verständnislos: „Es ist mir unbegreiflich, wie sich Menschen so lange in erdichteten Welten herumtummeln. Es gibt ja wahre Geschichten und gute Reisebeschreibungen genug." Den Lesern ist der Unterschied zwischen der „wahren“ Geschichte und der erfunden offenbar egal. Da ist die Frage nicht: Wahr oder nicht wahr, sondern: Ist es eine gute Geschichte? Auch Gottesworte werden nur dann weitergegeben und aufgeschrieben, wenn sie eine „gute Geschichte“ ergeben. 

Medien wollen ihre Medialität überschreiten

Das Medium spielt gleichzeitig mit der phantastischen Vorstellung, kein Medium, kein Buchstabe oder Zelloloid-Bildchen zu sein, sondern authentisch, echt. Der Reiz des Archaischen, des Echten, Ursprünglichen hilft dabei, die dünne Wand zwischen Wahrheit und Medien-Wahn zu durchbrechen. Die erfundenen Geschichten inszenieren dafür geradezu einen Echtheitskult. Die Kultur umgarnt ihre Kunstwerke mit einer Aura des Echten – aber warum soll die Bearbeitung von versilberten Kupferplatten mit Jod-, Brom- und Chlordämpfen als weniger kunstvoll gelten als Pinselstriche auf einer Leinwand? Im frühen 19. Jahrhundert wurden die Daguerreotypien übrigens für faszinierend echte Darstellungen von Realität genommen – erst der späteren Medien-Rezeption erscheinen sie als bewegungslose, farblose Stand-Bildchen.

Ein schönes Beispiel für die Medienwirkung ist die christliche Eucharistie-Feier. Sie spielt mit dem Verhältnis von Zeichen und Bezeichnetem. Die heilige Symbolik überschreitet Formen der Medialität in der Wandlung der vorher eingekauften Medien – Esspapier, Wein – zu materiellen Beweisstücken einer Realpräsenz des toten Gottessohnes. Geheimnisse wirken offenbar faszinierend, solange sie einen unauflöslichen Rest von Unvorstellbarem, Unglaublichen, Unverständlichem enthalten. Sie stimulieren immer neue Anstrengungen zu ihrer Auflösung und müssen gleichzeitig unaufgelöst bleiben. Für Menschen, die letzten Geheimnisse ergrübeln wollen, hat Gott die Hölle hergerichtet, scherzte Augustinus.

Das primäre Kommunikationsmittel Stimme

Bei guten Geschichten wird der Text als Stimme, als Person, als Gefühl und Bild wahrgenommen. Tote Buchstaben erzeugen eine lebendige Phantasie. In diesem Sinne gibt es keinen Unterschied zwischen einem guten Text und einer gut erzählten Geschichte. Menschen erlagen der Macht der Geschichten lange bevor sie mühsam die suggestive Kulturtechnik erlernten, die aufgeschriebenen Worte eines Textes zu einer lebendigen Geschichte zu kombinieren, also aus den toten Zeichen die Wörter und aus den Wörtern ein phantastisches Kino im Kopf  zu konstruieren. Alle großen Religionen sind die Produkte guter Geschichtenerzähler, das Erzählen ist die Kinderstube der mentalen Kultur.

Überall, wo Kinder in diese Kultur hineinwachsen sollen, wird dieser Prozess reproduziert – im Zeitraffer. Was die Spezies „homo“ in 200.000 Jahren an Kultur geschaffen hat, müssen die kleinen Kindsköpfe in zehn Jahren nach-vollziehen. Die eigentliche Schwellenleistung steht also ganz am Anfang: Wie schaffte es das Gehirn des homo sapiens, aus den kleinen akustischen Sinnesreizen, sicherlich kommentiert und begleitet durch die sichtbaren Gesten, also aus der Körpersprache der Tierwelt eine komplexe Wortsprache zu entwickeln? 

Neurologische Schattenbilder

Anders als Platon dachte sind Medien keine „Schattenbilder“ oder Abbilder der Wirklichkeit. Bilder wirken, wenn sie vorhandenen „Bildern“ im Kopf ähneln. Wir erkennen Dinge als „ähnlich“, wenn unser Gehirn über ein ähnliches Vorstellungsbild verfügt. Jedes christlich erzogene Kind lernt, woran man einen Teufel erkennt. Abbildungen von Dingen, die es ,in Wirklichkeit' nicht gibt, werden mühelos in die Welt der Bilder integriert, werden zu Elementen eines kulturell gelernten „Welt-Bildes“. Auch Bilder, nicht nur Buchstabenzeichen, müssen dabei gelesen werden und Lesen will gelernt sein. Nur Medien, die sich im Rahmen der Wahrnehmungsmuster ihrer Kultur bewegen, wirken auf Menschen.  

Die Neurophysiologie kann nachweisen, dass die Sinneswahrnehmung Inputs vor allem dann registriert, wenn sie im Rahmen der als „Vorwissen“ abgespeicherten neurophysiologischen mentalen Muster interpretierbar sind. Solange Rezipienten den Reizen keine Bedeutung zuschreiben können, werden sie gar nicht wahr-genommen oder nur als außergewöhnliche Effekte, sinn-los. Realität ist immer der Ausschnitt der Sinnesreize, die nicht vom Gehirn ausgeblendet werden. Wahrnehmung ist aktive Sinnkonstruktion. Das gilt für Wort-Klänge: Menschen missverstehen „unverständliche“ Laute oft so, dass sie einen Sinn ergeben. Und es gilt für Bilder: Jede Kultur hat ihre Muster für „Realismus“. Was diesen Mustern entspricht, wird als „wirklich“ akzeptiert.

Die Sehgewohnheiten der materiellen Realität unterliegen einer kulturellen Entwicklung. Die mittelalterliche Symbolsprache der Bilder ist den modernen Menschen fremd geworden. Die Realitäts-Konzeption der digitalen Bilderwelt akzeptiert eine schnelle Schnitttechnik von Filmen als Formen einer Realitäts-Darstellung, bei denen den Betrachtern in früheren Jahrhunderten körperlich schlecht geworden wäre.

Die Zeichen der Medien sind der Stoff, aus dem eine Kultur ihre Wirklichkeitsbilder konstruiert. Mit medialen Mustern vergewissert sich eine kulturelle Gemeinschaft ihrer Auffassung von Wirklichkeit. Gleichzeitig sind mediale Simulationen besonders attraktiv, wenn sie die Grenzen von materieller Realität überschreiten und damit neu definieren. Phantastische Wirklichkeitsbilder faszinieren den menschlichen Geist besonders -  als Einblicke in Mysteriöses, als Zeichen eines archaischen Urgrundes, als Erklärung für Unerklärliches,  als utopische Vorblicke auf die Zukunft.

 

    Mehr dazu in meinen Texten zu

I    Medien-Geschichte

II    Politik und Medien

III    Medien-Theorie