Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

www.medien-gesellschaft.de


Links zu den Abschnitten

Texte zur  Kommunikation
von Religion

 

Auferstanden?

Über die Grenzen der kommunikativen Kraft einer Hoffnung –
Todes-Bewältigung im antiken Christentum

2012

Zu menschlichen religiösen Vorstellungen gehören ganz wesentlich die kulturellen Muster, die sie bieten, um mit der Angst vor dem unausweichlichen Tod umzugehen. Der Auferstehungsmythos macht aus der unbewältigbaren Ahnung des Todes die aufregende Vision eines vollkommenen geistigen Lebens – der Geist bzw. die Seele rettet sich aus dem vergänglichen Körper. Das Muster dieser Erzählung gibt es auch in anderen archaischen Mythen, es wurde von Platon philosophisch ausformuliert. 

Die besondere Attraktivität und Überzeugungskraft der griechisch-christlichen Geschichte scheint mir darauf zu beruhen, dass der Christengott mit dem grausamen Opfertod seines eigenen Sohnes zunächst eine Projektionsfläche für die panische Todesangst schafft, um dann mit der als konkrete Lebensgeschichte erzählten Wendung zur Auferstehung ein Modell für die Bewältigung dieser Angst zu geben – und vorzuleben.

 

Die Idee eines ewigen Lebens kannten archaische Religionen in verschiedenen Variationen, und sie wirft sofort die Frage auf, ob und wie der abgestorbene Körper daran teilhaben kann. Die Hoffnung auf ewiges Leben gehört somit zum Totenkult: Was ist mit Menschen, deren Körper eine Beerdigung verweigert wurde? Was ist mit der Asche von Verbrannten?

Die biblische Geschichte vom Tod Jesu nimmt die archaische Vorstellung, die ganz in der jüdischen Tradition liegt, auf: Der Leichnam wird vollständig zu Grabe getragen, der Körper ersteht wieder auf und für alle, die diese Vorstellung zweifelhaft finden, darf der ungläubige Thomas seine Finger in die Kreuzes-Wunden legen: Auch Wunden und körperliche Mängel bleiben bei der Auferstehung erhalten - Auferstehung des Leibes.
Der Kirchenvater Laktanz (1) fabulierte um die Wende zum 4. Jahrhundert hinzu, Gott habe es nicht zugelassen, dass dem gekreuzigten Jesus die Knochen gebrochen werden – das hätte Probleme bei der Auferstehung gemacht.

Aber was ist mit den Märtyrern der jungen Christen-Bewegung, denen  aus Boshaftigkeit und zur Demonstration der Machtlosigkeit Gottes eine Beerdigung verweigert wurde und die doch vor allen anderen im Paradies empfangen werden?

Die griechische Seelen-Lehre als Todes-Bewältigung

Die Mission der jungen Christen-Bewegung hatte vor allem unter den helenisierten Juden im römischen Imperium Erfolg, und diese Juden kannten auch die griechische Tradition der Bewältigung des Todes. Da gab es Auferstehungs-Mythen, aber auch einen Philosophen Plato und seine Seelen-Lehre. Für Plato befreit der Tod die Seele aus dem Kerker des Leibes.
Cicero (im 2. Jahrhundert v.u.Z.) nahm den Gedanken  auf, dass die Art der Bestattung nur den empfindungsunfähigen Körper betreffe, wichtig sei die Seele.

Plato-Schüler Plotin, der im dritten nachchristlichen Jahrhundert lebte und in seiner Zeit sehr populär war, radikalisierte Platos Auffassung. Der Tod ermöglicht der Seele die Schau des göttlichen Einen, ohne vom Leib belästigt zu werden, erklärte er. Tod ist also befreiend - weise ist, wer ihn herbeiwünscht, Sterben ist vergleichbar mit dem Wechsel eines Kleides.

Die Stoiker hatten gelehrt, dass der Tod etwas Natürliches sei und es keinen Sinn mache, ihm anders als in „stoischer“ Weise, also gelassen, entgegenzusehen, da es darauf ankommt, in Übereinstimmung mit der Natur zu leben. Seneca, der im Jahre 65 den Giftbecher trank, leitete aus der Freiheit und Überordnung der Seele über den Leib ab, dass es gleichgültig sei, ob ein Leichnam verbrannt oder von Tieren gefressen wird - die Natur habe so nur Vorsorge getroffen, dass niemand unbestattet bleibt.

Frühchristliche Todes-Sehnsucht

Insbesondere in den Schriften des Paulus sind die Einflüsse dieses griechischen Denkens deutlich. Der Tod hat nichts Schreckliches, schreibt Paulus an die Korinther (1. Kor. 15): „Das sage ich aber, liebe Brüder, dass Fleisch und Blut nicht können das Reich Gottes ererben.“ Für Paulus ist das Reich Gottes zeitlich ganz nah: „Ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen.“ Plötzlich werde „die Posaune schallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden.“ Und dann wird es hoch philosophisch-dialektisch: „Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit.“ Klar ist das  Fazit:Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?" 

Die konkrete Auferstehungs-Hoffnung sollte die Christen-Bewegung gerade angesichts von Verfolgungen ermutigen. Neben der praktizierten Nächstenliebe, die die antike Kultur so nicht gekannt hatte, erregte der offensive Auferstehungsglaube öffentliche Aufmerksamkeit und machte die Christen-Bewegung interessant und anziehend für Menschen, denen die Angebote der verschiedenen Mysterien-Religionen zu äußerlich-rituell und die griechische  hedonistische Einstellung in Anlehnung an die Stoa zu defätistisch war.

Frühchristliche Theologen übersteigerten die Gelassenheit gegenüber dem Tod zu einer Todes-Sehnsucht: Christen kleben nicht an Reichtum und Würden in dieser Welt, sondern gehen fröhlich für ihren Glauben in den Tod.

Der Kirchenvater und Philosoph Justin berichtet von einem Märtyrer Lucius, der im 2. Jahrhundert in Rom zum Tode verurteilt wurde und daraufhin erklärte, „er sei ihm noch dankbar in Anbetracht dessen, dass er von derartig schlechten Herrschern befreit werde und zum Vater und König des Himmels wandere.“ 

Cyprian, Bischof von Karthago, formulierte im Jahre 252/3 in „De mortalitate“ angesichts einer Pestepidemie, die in Karthago wütete: „So viele Verfolgungen sind es, die unsere Seele Tag für Tag zu erdulden hat, so viele Gefahren bedrängen unser Herz. Und da sollten wir uns freuen, noch lange den Schwertstreichen des Teufels ausgesetzt zu sein, obwohl doch vielmehr sehnlich zu wünschen wäre, durch einen möglichst frühen erlösenden Tod eilends zu Christus zu gelangen?“ Cyprian verkündete, „dass wir um unsere Brüder nicht trauern dürfen, wenn sie durch den Ruf des Herrn von der Welt befreit worden sind.“  Denn „zu beherzigen haben wir, … dass wir der Welt entsagt haben und nur als Gäste und Fremdlinge hier leben. Mit Freuden wollen wir den Tag begrüßen, … der uns von den Fallstricken der Welt befreit und uns dafür dem Paradies und dem Himmelreich zurückgibt.“

Trauer ist nach dieser strengen theologischen Sicht geradezu unchristlich. Tertullian schrieb (um 200) in seiner Abhandlung „De patientia“: „Nicht einmal jene Art von Ungeduld, die durch den Verlust unserer Angehörigen herbeigeführt wird, wo dem Schmerz eine Art Recht zur Seite steht, lässt sich entschuldigen.“

Toten-Trauer in der frühchristlichen Kirche

Das einfache christliche Volk hat offenbar gern den Trost angenommen, den der Glaube an Auferstehung und ewiges Leben bieten, nicht aber die logische Konsequenz – bis auf einige Heiligen haben auch die frühen Christen den Tod gefürchtet und um Verstorbene getrauert. In der überlieferten, durch christliche Würdenträger gefilterten und kontrollierten Literatur erfährt man wenig von der verbreiteten Toten-Trauer, die penetrante christliche Predigt gegen die Trauer macht deutet aber darauf hin, dass man von einer verbreiteten Trauerpraxis ausgehen kann. Auch Jesus hat übrigens, bei Johannes ganz menschlich, am Grab seines toten Freundes Lazarus geweint (Joh. 11,35).

Nach der überkommenen jüdischen Tradition ist das Begräbnis an einem besonderen Platz wichtig für das Schicksal des Verstorbenen in der Scheol. Der Kult an den Grabstätten der Vorfahren sollte sie gnädig stimmen und sorgt damit dafür, dass sie ihren Einfluss in die Welt der Lebenden hinein in günstiger Weise geltend machen. Wenn man einem Hingerichteten das Begräbnis verweigerte, fügte man auch seinen Angehörigen Schaden zu, zudem konnten die keine Ruhe finden, solange der Leichnam nicht bestattet war. Eine Nichtbestattung galt in der jüdischen Tradition als besonderen Fluch und schlimmste Form der Bestrafung. Hilfsweise konnte daher das Begräbnis symbolisch vollzogen werden. Die besondere christliche Bestattungs-Vorsorge für Arme und Fremde der ersten Jahrhunderte lag somit voll in der jüdischen Tradition. Johannes Chrysostomus musste noch im späten 4. Jahrhundert  Trauerbräuche wie das Anmieten von Klageweibern durch Christen tadeln.

Sulpicius Severus berichtete in einem Brief über den Leichenzug des heiligen Martin von Tours (gestorben 397), dass die Trauernden „unter heiliger Freude den Schmerz zu verbergen“ suchten, weil „der Glaube ihnen die Tränen verwehrte“.

In Mailand hielt im Jahre 378 Ambrosius eine ergreifende Trauerrede für seinen Bruder. „Was kann für mich heiter sein ohne dich“, sagt er, „wo wir nur solange glücklich gelebt haben, wie wir zusammen gelebt haben?“ Auch wenn solche Klagen rhetorisch inszeniert sind, zeigen sie doch, dass alle christliche Jenseitshoffnung nicht die menschlichen Regungen von Trauer und Betrübnis wegwischen konnte.

Der Kirchenvater Hieronymus schrieb über Tod und Begräbnis „seiner“ Paula von Rom (gestorben 404): „Da entstand kein Heulen, kein Wehklagen, wie dies bei den Weltmenschen der Fall zu sein pflegt, sondern Mönche stimmten eine Reihe von Psalmen in verschiedenen Sprachen an.“ Bei der Beisetzung aber ließen die Menschen ihren Gefühlen doch freien Lauf:  „Jeder, der kam, glaubte seine eigene Leichenfeier veranstalten und seine Tränen ihr widmen zu müssen. Ihre ehrwürdige, jetzt sozusagen der Mutter entwöhnte Tochter Eustochium konnte von der Leiche nicht fortgebracht werden. Sie küsste ihre Augen, betrachtete ihr Antlitz, umarmte den ganzen Körper und wollte mit der Mutter begraben werden.“

Die Schrift „De resurrectione mortuorum“ aus dem späten 2. Jahrhundert (Autor vermutlich Athenagoras) setzte sich mit Argumenten gegen die Auferstehung auseinander. Was wird mit  Ertrunkenen, im Krieg Gefallenen oder denen, deren Körper von Tieren aufgefressen wurde? Diese Schrift argumentiert, der „Allmacht Gottes“ sei dennoch möglich, sie auferstehen zu lassen. Noch im 3. Jahrhundert wird von Porphyrius in den Schriften gegen die „Galiläer“ das Argument wiederholt, eine Auferstehung könne es nicht geben, weil die Körper der verstorbenen oft völlig zerstört seien.

Mitte des dritten Jahrhunderts befasste sich auch Origenes mit der Frage: „Wie werden die Toten auferweckt, was für einen Leib werden sie haben?“  Der Christen-Kritiker Celsus sei, so argumentierte Origenes, von der falschen Vorstellung ausgegangen, die Verstorbenen würden im identischen Körper wiedererweckt. Aber die Allmacht Gottes erweise sich darin, aus vollkommen Zerstörtem etwas „rekonstruieren“ zu können. Eine Bestattung sei nur aus Respekt vor dem Leib als temporärem Aufenthaltsort der Seele angemessen.

Im 3. Jahrhundert entstand auch der Dialog „Octavius“ von Minucius Felix, in dem erwähnt wird, die Christen lehnten die Feuerbestattung ab, weil sie ein ewiges und seliges Leben nach dem Tode erhofften. Offenbar entsprach das den volkstümlichen Anschauungen in christlichen Kreisen. 

Julian „Apostata“, der letzte „ungläubige“ Kaiser in der Mitte des 5. Jahrhunderts,  beschrieb diesen Einsatz der Christen für die Bestattung anerkennend und erklärte auch damit die Attraktivität der Christen-Lehre im vierten Jahrhundert. 

Augustinus’ Zwiespalt

Den ganzen Zwiespalt der christlichen Auferstehungs-Lehre findet man auch bei dem Kirchenvater Augustinus. Der Tod sei von Gott als Schreckmittel eingesetzt, lehrt Augustinus. Damit ist Trauer legitimiert.
Der 20-jährige Augustinus beschrieb, wie ihm der Tod eines engen Freundes im Jahre 373 zusetzte: „Von gewaltigem Leid wurde mein Herz verfinstert, und was ich erblickte, war Tod. Die Heimat wurde mir zur Marter, das Vaterland zu unsagbarer Pein; was ich mit ihm genossen hatte, verwandelte sich ohne ihn in unendliche Qual.  … So war ich mir selbst zu einer großen Frage geworden (Factus eram ipse mihi magna quaestio) ... Nur die Träne war mir süß; sie war mir anstelle meines Freundes zur Wonne geworden.“

Über den Tod seiner Mutter im Jahre 387 schrieb Augustinus: „Ich drückte ihr die Augen zu. Ungeheure Traurigkeit strömte in mein Herz und ergoss sich in Tränen. Doch auf das Geheiß meiner Seele drängte ich sie gewaltsam zurück, so dass meine Augen trocken wurden, aber sehr weh war mir bei diesem Kampf. (…) Denn diese Leiche mit tränenreichem Klagen und Stöhnen zu feiern, geziemte sich nach unserer Meinung nicht, weil man damit gewöhnlich ein gewisses Unglück der Sterbenden oder ihre völlige Vernichtung bejammert. (…) Zwar ließ ich es nicht zum Ausbruch von Tränen, nicht einmal zu einer Veränderung der Gesichtszüge kommen, aber ich wusste, was ich in meinem Herzen unterdrückte. Und weil es mir überaus missfiel, dass derlei Menschliches, das uns nach der geschuldeten Ordnung und dem Los unserer Verfasstheit (condicio) notwendigerweise widerfährt, so viel über mich vermochte, so wurde ich in meinem Schmerz von einem weiteren Schmerz gequält, und zweifache Traurigkeit marterte mich.“

Auch für Augustinus war nach seinem eigenen Geständnis die christliche Doktrin wenig hilfreich gegen das natürliche menschliche Gefühl: „... und jetzt weinte ich gern vor deinem Angesicht über und für sie, über und für mich. Ich ließ den Tränen, die ich so lange zurückgehalten hatte, freien Lauf, dass sie strömten, so viel sie wollten. Ich bettete mein Herz auf ihnen und ließ es in ihnen ausruhen. Denn deine Ohren waren dort, nicht die eines Menschen, der mein Weinen in  hochmütiger Weise  gedeutet hätte. Und nun, o Herr, bekenne ich es dir in diesem Buche, mag es lesen, wer will, und deuten, wie er es will ...“

Dass der Leichnam für Christen nicht ohne Bedeutung war für die Auferstehungshoffnung, zeigt auch die Diskussion über das verbreitete Bedürfnis, „ad sanctos“ bestattet zu werden – in der Nähe eines Heiligen-Grabes.

Einen wirklichen Nutzen könne der Verstorbene daraus nur insofern ziehen, als sich das private und kirchliche Fürbittgebet an einem solchen Ort intensiver gestalte, versucht Augustinus einen Kompromiss zu finden, der das volkstümliche Bedürfnis nicht allzu schroff ablehnte. Gott habe die vollständige körperliche Vernichtung der Märtyrer von Lyon und Vienne, nur zugelassen, um Nichtnotwendigkeit einer Bestattung zu illustrieren. Dass Ungetaufte nicht zusammen mit Getauften bestattet werden dürften, begründet Augustinus gleichzeitig eher pragmatisch: An christlichen Grabstätten würde das Abendmahl gefeiert, und da seien eben ungetauft Verstorbene nicht zugelassen. 

Auch Augustinus suchte die offenbar verbreitete Sorge seiner Zeitgenossen zu zerstreuen, eine fehlende Bestattung könne die Auferstehung (des Leibes) gefährden, ohne die griechische Lehre von der Trennung von Leib und Seele allzu streng zu übernehmen.

Dass der Gedanke schwer zu ertragen ist, dass der Körper der Verstorbenen ganz vergeht und zu Erde wird, kommt heute noch in den Vorschriften zur Grabesruhe zum Ausdruck.

      Anm.:
      1) Von Laktanz stammt auch der bibeltreue Beweis dafür, dass die Erde keine Kugel sein kann. In seinem Brief an die Römer beantwortet Paulus die Frage: „Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben?“ so: „Ich sage aber: Haben sie es nicht gehört? Wohl, es ist ja in alle Lande ausgegangen ihr Schall und in alle Welt ihre Worte.“ Die Botschaft von Jesus kann also nur „in alle Welt“ gegangen sein, wenn sie eine Scheibe ist.

      Lit.:
      Michael Durst, Zu Tod und Trauer in der Alten Kirche,
      Heike Grieser, Die Bestattung der Toten in antiker und frühchristlicher Tradition und Reflexion
         beide Aufsätze in: Heike Grieser / Andreas Merkt (Hg) Volksglaube im antiken Christentum (2009)