Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Texte zur  Kommunikation
von Religion

 

Charlie Hebdo 2015 pardonnePapst Franziskus zeigt Verständnis

„Es gibt eine Grenze, jede Religion hat ihre Würde", erklärte Papst Franziskus nach dem Terroranschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo. „Jede Religion, die das menschliche Leben, die menschliche Person achtet, kann ich nicht einfach zum Gespött machen." Meinungsfreiheit beinhalte auch „die Pflicht, das zu sagen, was man für das Gemeinwohl für förderlich hält". Es müsse eine „Freiheit ohne Beleidigen" sein: Man darf nicht provozieren, man darf den Glauben anderer nicht beleidigen."

Glaube muss lächerlich gemacht werden dürfen

„Braucht es … die Beleidigung von Göttern und Propheten, wenn Religionen sich selbst derart lächerlich machen?
Ja, unbedingt. Vielen religiösen Menschen würde sonst einiges von dem Irrwitz entgehen, der sich im Namen ihres Glaubens so abspielt. Und außerdem, wie sonst sollte eine offene Gesellschaft eine Religion in ihrer Mitte ertragen können? Offene Gesellschaften, und als eine solche verstehen sich die europäischen gern, beruhen schließlich darauf, dass alles verhandelbar sein muss. Es gibt keine Gewissheiten. Demgegenüber behaupten Religionen höhere, übermenschliche Wahrheiten, sie haben etwas im Kern Unverhandelbares. Etwas Totalitäres.
Mit einer offenen Gesellschaft ist das unvereinbar.
Im religiös begründeten Terror wird diese Unvereinbarkeit besonders grell ausgeleuchtet und am besten sichtbar. Aber sie ist auch schon recht gut zu erkennen, wenn eine orthodoxe jüdische Zeitung von den gestellten Fotos des Trauermarsches der PolitikerInnen in Paris die Frauen wegretuschiert.
Mit der Religion XY habe das aber eigentlich nichts zu tun, verlässlich findet sich für diesen Satz immer ein Sprechautomat. Was ist denn das, die Religion, der Islam, das Christentum, der Hinduismus? Die in den Schriften niedergelegte Theorie, die sich oft in Abwertungen jener ergeht, die nicht ins Gefüge passen wollen. Ungläubige, Frauen, Homosexuelle?
Oder die Praxis? Das, was der Mensch aus dem Text macht? Die christlich bemäntelten Massenmorde an Juden in Europa? Die Terrorkriege zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland? Selbst die gern als harmlose Grinsegläubige verstandenen Buddhisten schafften es 2013 in Myanmar, ein antimuslimisches Pogrom mittleren Ausmaßes auf die Beine zu stellen. (…) 
Das Christliche hat hierzulande an Macht verloren, das stimmt. Sein Verdienst war diese Schwäche nicht, die Kämpfe Jahrhunderte lang und blutig. Das Religiöse klammert sich an seine Macht, das war am Streit über das Kruzifix in bayerischen Klassenzimmern zu sehen und ebenso immer dann, wenn sich die Religiösen gegenseitig beispringen, um angebliche Schmähungen zu beklagen. Sie wollen keinen weiteren Verlust ihres Einflusses dulden, und wie sollten sie auch, alles andere wäre Selbstaufgabe.

Am totalitären Kern der Religionen hat das Schwinden der eigenen Kraft nichts geändert. Es gibt immer noch die höhere Wahrheit, jene, die sie erkannt haben, und die anderen, die das leider nicht schaffen. Die Zumutungen der Vielfalt werden allenfalls zähneknirschend hingenommen - wie von Gelehrten der Al-Azhar-Universität in Kairo, die Muslime dazu aufrufen, die neuen, nach dem Anschlag entstandenen Mohammedkarikaturen in der Zeitschrift Charlie Hebdo zu ignorieren. Die Gläubigen sollten der "Versuchung des Hasses" widerstehen. (…)
Glaube muss lächerlich gemacht werden dürfen, wenn er in demokratischen Gesellschaften existieren will. Es ist die einzige Möglichkeit, das Unverhandelbare, die höhere Wahrheit auf Augenhöhe herunterzuholen und, eben weil sie sich so hoch oben wähnt, auch noch ein bisschen weiter nach unten. Eine Sicherheit für alle, die nicht glauben, und jene, die anders glauben, eine beständige Prüfung, dass Religion XY immer noch so schwach ist, dass sie es nicht wagen kann, sich in das Leben derer einzumischen, die ihre Glaubenssätze nicht teilen. (…) Der Preis ist, dass Gefühle verletzt werden. Man kann sich wünschen, die Beleidigungen wären kenntnisreicher und weniger blöde. Ein Recht darauf gibt es nicht.“
                
Daniel Schulz, taz 17.1.2015