Klaus Wolschner                    Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

www.medien-gesellschaft.de


III
Medien
-Theorie

2 AS Cover

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen:

Augensinn und
 Bild-Magie
ISBN 978-3-7418-5475-0
 

2 VR Titel

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert
des Auges:

Virtuelle Realität
der Schrift
ISBN 978-3-7375-8922-2

2 GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne:
Wie Glaubensgefühle
Geschichte machen
ISBN 978-3-746756-36-3

POP 55

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt

ISBN: 978-3-752948-72-1
 

cover KMB 230

Konsumismus   Macht  Geschichte. 
Wir konsumieren, also bin ich –  persönliche Identität und
gesellschaftliche Politik
im Zeitalter des Konsumismus
 
ISBN: 9783819058455

 


Die Debatte der Frauenfrage um 1900  -
Otto Weininger und Franziska von Reventlow zum Beispiel

2026

Die letzten Jahre der Kaiserreiche in Wien und Berlin waren Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen um die „Frauenfrage“, es gehörte zu den am meisten diskutierten Themen der Jahrhundertwende.  Das Niveau der Diskussion um die Gleichberechtigungs-Forderungen war dabei auffallend niedrig, auch wo sich „Fachleute“ und Wissenschaftler zu Wort meldeten. „Pfarrer beriefen sich auf die göttliche, Juristen und Staatsbeamte auf die weltliche Ordnung (…). Historiker bemühten die Geschichte, Physiologen verwiesen auf die immanente Logik der Natur. Bildungsbürger fürchteten um die Kultur, Politiker um die Handlungsfähigkeit des Staates, Berufsverbände um ihre männliche Klientel (…). Antisemiten sahen die ‚Rasse‘, Chauvinisten die Nation in Gefahr", schreibt Ute Planert (in: Antifeminismus im Kaiserreich).

Es gab extreme Persönlichkeiten wie Franziska Reventlow oder Otto Weininger, aber auch die Diskussion der „Fachleute“ kam kaum über die sozialen subjektiven Motive hinaus, die persönlichen Interessen wurden unübersehbar mit „Argumenten“ kaschiert.

In der rückblickenden Betrachtung werden oft die Streitpunkte hervorgehoben, die später Geltung bekommen haben - Frauen forderten Bildung, Berufsrechte und politische Teilhabe. Hier soll vor allem auf
Franziska von Reventlow (1871-1918, gest. in Locarno) verwiesen werden, die in die Perlenkette des historischen Fortschritts nicht passt. Sie war adelig geboren, ihr Protest gegen die tradierte gesellschaftliche Diskriminierung war vor allem emotional begründet, nicht politisch und auch nicht ökonomisch. Ihre Freiheits-Liebe ging so weit, dass sie sich weigerte, den Vater des Kindes in ihr Leben zu lassen.
Sie verachtete die „Bewegungsweiber" als prüde Puritanerinnen, Emanzipation war für sie erotisch, nicht ökonomisch oder rechtlich-politisch. Da es ihr offenbar ungewohnt war, dass Menschen für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen, ließ sie sich von Männern bezahlen und arbeitete zeitweise als Prostituierte. Sie war verbunden mit der Schwabinger Bohème.

In ihren autobiografischen Novellen finden sich Sätze wie: „Wer dabei bleibt, daß die Prostitution in direktem Gegensatz zu der eigentlichen Natur des Weibes steht, der tue einmal die Augen auf, um zu sehen, wie zahllose ‚anständige’ und geachtete Frauen in der Ehe vollständig das Leben einer Prostituierten führen mit dem einzigen Unterschied, daß es nur ein Mann ist, anstatt mehrerer, dem sie sich tagtäglich ohne Liebe und ohne Sinnlichkeit hingeben, und der sie dafür versorgen muß – ohne daß sich ihr Gefühl jemals dagegen empört.“ Oder: „Und da sie nun doch einmal in Sünden empfangen und geboren sind, wollen wir sie auch den Mut zur Sündhaftigkeit lehren, - die wir lieber Lebensfreude nennen.“ Die Ehe hielt sie für das „Grab der Liebe und der Persönlichkeit.“ Sie lebte den Rausch und dann wieder die absolute Einsamkeit, wollte niemandem Rechenschaft schuldig sein.
      
(Texte von ihr finden sich u.a. bei Gutenberg:   https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/reventlo.html)

In der Schwabinger Bohème war die Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ zuhause (Franz Marc, Wassily Kandinsky). Schwabing symbolisierte Freiheit, Libertinage und Anti-Bürgerlichkeit, zog Menschen an, die Armut als Lebensstil feierten, und inspirierte Filme sowie Literatur.

In der Schwabinger Szene, der Bohème- und Künstlerkultur hätte sie auf den österreichischer Bürgersohn
Otto Weininger
(1880-1903) treffen können, der sich für ein Genie hielt und mit 23 Jahren den Bestseller „Geschlecht und Charakter“ (1903) veröffentlichte. Das vollkommen wirre Buch gab Antisemiten den Stoff, um ihn als „jüdischen Kronzeugen" gegen das Judentum zu feiern. Vor allem war es eine frauenfeindliche Streitschrift über das männliche Genie und die niedere weiblicher Natur. Kurz nach Erscheinen seines Buches erschoss er sich - symbolträchtig in Beethovens Sterbehaus in der Wiener Schwarzspanier-Straße
.

Die Grafentochter Franziska Gräfin zu Reventlow lehnte alle bürgerlichen Normen ab und beharrte auf der erotischen Freiheit von Frauen: „Die Erotik ist eine Macht für sich, sie hat mit Moral nichts zu tun und mit dem Gesetz erst recht nicht. Man liebt jemanden, solange die Magie wirkt. Wenn sie aufhört, ist es eine Lüge, so zu tun, als wäre noch etwas da. Die Männer verstehen das oft nicht – sie wollen besitzen, wo man nur genießen sollte.“ Sie wurde berühmt als „heidnische Madonna“ oder „Schwabinger Gräfin“ der Münchner Bohème. Sie hatte sich als junge Frau mit ihrer Familie überworfen, ihr Hamburger Ehemann Walter Lübke finanzierte ihr ein Malerei-Studium in München. Ihre Erfahrungen mit der Münchner Künstlerszene verarbeitete sie in ihrem humoristischen Schlüsselroman „Herrn Dames Aufzeichnungen“ (1913). Auch als Mutter wollte sie autonom sein, sie lehnte die Einmischung des (bis heute unbekannten) Vaters in die Erziehung ihres Sohnes ab. In Ascona am Lago Maggiore entstanden ihre „Schwabinger Romane“, dort starb sie im Alter von siebenundvierzig Jahren an den Folgen eines Fahrradsturzes. In ihren Tagebüchern notierte sie über Ascona: „Ich bleibe eine Außenseiterin, auch unter den Außenseitern. Das ist wohl mein Schicksal: Überall dazuzugehören, wo es brennt, aber niemals dort zu bleiben, wo die Asche kalt wird.“

Aus männlicher Sicht gab es Unterstützer solcher Positionen. Der Psychoanalytiker und Anarchist
Otto Gross (1877-1920) propagierte die „freie Liebe" als zentrales Mittel zur Überwindung patriarchaler Strukturen und psychischer Repressionen. Er sah in der Unterdrückung der Sexualität durch Ehe und Monogamie die Ursache sozialer und individueller Pathologien. Freie Liebe – verstanden als polygame, freiwillige Beziehungen ohne wirtschaftliche oder staatliche Zwänge – sollte Neurosen und autoritäre Dispositionen überwinden und inneren Frieden ermöglichen als eine Voraussetzung für gesellschaftliche Revolution.

Reventlow forderte die Abschaffung monogamer Zwänge und kritisierte die Ehe als „Prostitution". Offensichtlich war das die Erfahrung vieler verheirateter Frauen. Sie plädierte aus Protest dagegen für uneingeschränkte sexuelle Freiheit der Frau. In Romanen wie Ellen Olestjerne und autobiografischen Schriften thematisierte sie das weibliche Begehren. Aber auch 100 Jahre später ist das Muster der Zweier-Bindung kulturell dominant, die „sexuelle Revolution“ dagegen ist gescheitert (s. MG-Link) offenbar hat sie die Bedeutung der exklusiven Bindung unterschätzt.
Frauen sollten kein „Mann-Sein" anstreben. ​Diesen Gedanken, eher ein starkes Gefühl, hat sie nicht weiter ausgeführt. Als Argument war das ihrer Zeit 100 Jahre voraus gewesen, es ist bis heute eine offene Frage oder besser: ein Sprengsatz im Untergrund der Frauenemanzipation.

Frauen wie Reventlow müssen Otto Weininger traumatisiert haben. Sein Bestseller „Geschlecht und Charakter“ ist geradezu eine Vernichtung der Frau. In seiner „Theorie“ haben Frauen kein Ego, keine Seele, keine Moral, keine Gedanken, sie sind nicht zu geistiger Orientierung oder schöpferischer Produktivität fähig, Sie „haben keine Existenz und keine Essenz, sie sind nicht, sie sind nichts“. Die Forderungen der Frauenrechtlerinnen nach dem aktiven und passiven Wahlrecht lehnt Weininger ab mit der Begründung, dass man auch „Kindern, Schwachsinnigen, Verbrechern“ kein politisches Mitspracherecht einräume. Weiniger entwirft in „Geschlecht und Charakter“ auch eine spekulative Theorie der Bisexualität – die ursprüngliche Anlage des Menschen sei zweigeschlechtlich. Der Mann müsse seine Anteile an „W“ ausmerzen muss, die Frau ihre männlichen Anteile. Die männlichen seien die rationalen, individuellen und die weiblichen die irrationalen Züge. Emanzipierte Frauen wären demnach „männlich“.

Die Gleichsetzung von Judentum mit „Weiblichkeit" wurde von Antisemiten als rassentheoretische Bestätigung benutzt. Weininger wandte sich als junger Mann von seiner jüdischen Herkunft ab und wurde geradezu zum Judenhasser. In „Geschlecht und Charakter“ heißt es: „Dem neuen Judentum entgegen drängt ein neues Christentum zum Lichte; die Menschheit harrt des neuen Religionsstifters, und der Kampf drängt zur Entscheidung wie im Jahre eins. Zwischen Judentum und Christentum, zwischen Geschäft und Kultur, zwischen Weib und Mann, zwischen Gattung und Persönlichkeit, zwischen Unwert und Wert, zwischen irdischem und höherem Leben, zwischen dem Nichts und der Gottheit hat abermals die Menschheit die Wahl. Das sind die beiden Pole: es gibt kein Drittes Reich.“
Von Psychologen seiner Zeit wurde Weininger für geistig krank gehalten.

Dennoch hatte er renommierte Anhänger. Oskar Kokoschka dramatisierte Weiningers Schrift in seinem Einakter „Mörder, Hoffnung der Frauen“ (1907/1909). In dem archaischen Geschlechterkampf befreit der Mann die Frau von ihrer sexualisierten Natur - und das durch ihren Tod. Manche Ideen Weiningers wurden von Karl Kraus und August Strindberg aufgegriffen, er beeinflussten Elias Canetti, Robert Musil, Georg Trakl und Ludwig Wittgenstein. Zwischen 1903 und 1912 erschienen zwölf der insgesamt 28 Auflagen des Werks von Weininger, der Braumüller-Verlag warb mit zahlreichen Huldigungen, darunter der von Karl Kraus, dem Herausgeber der Fackel.
Der Nationalsozialismus beendete 1933 den Erfolg seines Buches „Geschlecht und Charakter“, es wurde verboten mit der Begründung, dass der Autor Jude war.
Der österreichische Historiker Ernst Hanisch meint, Weiningers Buch könne „als verzweifelter männlicher Hilfeschrei verstanden werden, als Ausdruck der Urangst vor der Frau, als ein einziger Protest gegen die Verweiblichung, letztlich: als Eingeständnis der Schwäche.“

Bei der Debatte der Jahrhundertwende um Mann und Frau ging es um mehr - Zivilisationskritik wurde immer wieder in den Metaphern von Weiblichkeit und Männlichkeit formuliert. Für die konservative Zivilisationskritik war die „Verweiblichung" der modernen Gesellschaft eine Ursache für den kulturellen Verfall. Die Gleichberechtigungs-Bestrebungen der Frauen galten als Ursache für den Verlust traditioneller Ordnungen.

Wie sehr die Frauenbewegung wahrgenommen wurde, zeigte sich insbesondere an den Gegenbewegungen. „Zivilisationskritik“ wurde in den Chiffren von Weiblichkeit und Männlichkeit formuliert.

Benedict Friedlaender (1866-1908), Zoologe und Sexualwissenschafter, verfasste 1906 als sein Lebenswerk eine Schrift über „Männliche und weibliche Kultur“, die er ausdrücklich als „kausalhistorische Betrachtung“ bezeichnete. Friedlaender stritt dabei insbesondere gegen die Diskriminierung der Homosexualität und forderte die Abschaffung des Paragrafen 175. Beziehungen zwischen Mann und Jüngling sollten wieder nach griechischem Vorbild gesellschaftliche Akzeptanz finden. Gleichzeitig war er ein Gegner der Frauenemanzipation im Namen der Männlichkeit. „Niemand zweifelt daran, dass das männliche Geschlecht im Durchschnitte das verständigere, weisere und gerechtere sei“, behauptete er. Das Weibliche stehe dagegen für Luxusneigung, Eitelkeit, Leichtgläubigkeit und Kritiklosigkeit. „Kausalhistorisch“ begründet ist das bei ihm nicht. Der „moderne Gleichheitsfanatismus“ sei die „verhängnisvollste Narrheit unsres Zeitalters“, polemisierte er.
Friedlaender teilte auch die Nationen in mehr männliche und mehr weibliche ein. In „männlichen“ Nationen herrsche die traditionelle Geschlechterordnung, die Frau werde in ihrer familialen Rolle als Gattin, Mutter und Hausfrau geschätzt. Der „Weiblichen Kultur“ bzw. „Gynäkokratie“ wies er dagegen den kulturellen sowie wissenschaftlichen Verfall zu.  Beispiel für eine weibliche Kultur sind für Friedlaender die USA.

Das war alles ohne Begründung. Der Neurologe und Psychiater Paul Julius Möbius veröffentlichte im Jahr 1900 eine viel gelesene Schrift über den „Physiologischen Schwachsinn des Weibes" und bemühte sich wenigstens um einen methodischen Zugang: Aus Messungen von Gehirnumfang und Gehirngewicht wollte er den Schluss ziehen, dass „das Weib" „qua Natur schwachen Sinnes und also nicht bildungsfähig sei.

Der renommierte Soziologe Georg Simmel (1858-1918) sah sich genötigt, über die „Weibliche Kultur“ (1902/1911) ein ganzes Buch zu veröffentlichen. Frauen sind für Simmel durch ihre Einheitlichkeit und Naturhaftigkeit charakterisiert. Kultur allerdings, so Simmel, sei ein männliches Produkt. Kultur habe nicht nur einen „objektiv männlichen Charakter“, sondern verlange auch „zu ihrer immer wiederholten Ausführung spezifisch männliche Kräfte“. Als Bereiche der weiblichen Kultur fiel Simmel nicht mehr als das „Haus“ ein, das sei „die große Kulturleistung der Frau“. Simmel wandte sich gegen die „brutale Gleichmacherei der Emanzipationsparteien“.

Unmöglich wäre es für Max Weber gewesen, so etwas zu sagen – er hätte seiner Frau die Bildung abgesprochen und sicher großen Streit mit ihr bekommen.
Denn
Marianne Weber (1870-1954), die Frau des Soziologen Max Weber, war Mitglied im Vorstand des „Bundes Deutscher Frauenvereine“ und widersprach dem Soziologen Simmel direkt und öffentlich mit ihrem Buch „Die Frau und die objektive Kultur“ (1913). Frauen sind nach Marianne Weber aufgrund ihres Menschseins grundsätzlich für das Berufsleben und zu kulturellen Sachleistungen befähigt, ohne dabei ihre Weiblichkeit zu verspielen. Im Gegenteil, ihre spezifische Weiblichkeit trage zur allgemeinen Kultur in spezifischer Weise bei: „Sie soll einstehen für das, was er bestimmten persönlichen Vollendungswerten schuldig bleibt: Seiner Zerrissenheit soll sie die Harmonie, seiner Spezialisierung die Ganzheit, seiner Hingabe an das Objektive die Hingabe an das Lebendige gegenüberstellen, auf daß durch solche Arbeitsteilung die Idee des Menschseins erfüllt werde.“

Ihr Mann Max Weber (1864-1920) wollte den Frauen das volle Wahlrecht und berufliche Chancen einräumen, sah aber biologische und kulturelle Geschlechterunterschiede. Er warnte vor einer Auflösung traditioneller Rollen in Familie und Ehe. In privaten Äußerungen gegenüber Robert Michels lehnte Weber eine radikale „erotische Emanzipation" ab und verteidigte die monogame Ehe. Frauen seien emotionaler und familienbezogen, was ihre volle Gleichheit in Beruf und Politik erschwere, äußerte Weber. Seine Frau widersprach ihm öffentlich. 
Immerhin gibt es von Max Weber eine, wenn auch etwas verschraubte, Bemerkung über den emotionalen Kern der Liebe ausgerechnet in seinen „Betrachtungen zur religiösen Weltablehnung“: Der „Sinn und damit der Wertgehalt der Beziehung selbst aber liegt … in der Möglichkeit einer Gemeinschaft, welche als volle Einswerdung, als ein Schwinden des ‚Du‘ gefühlt wird und so überwältigend ist, daß sie … sakramental – gedeutet wird. … In der Unbegründbarkeit und Unausschöpfbarkeit des eigenen, durch kein Mittel kommunikablen … Erlebnisses … weiß sich der Liebende in den jedem rationalen Bemühen ewig unzugänglichen Kern des wahrhaft Lebendigen eingepflanzt“ und könnte damit „den kalten Skeletthänden rationaler Ordnungen ...wie der Stumpfheit des Alltages” völlig entrinnen. Ob Max Weber auf die genderkritische Nachfrage gesagt hätte, „die Liebende” sei mitgemeint, wissen wir nicht.

Das Beispiel des Soziologen Robert Michels (1876-1936) zeigt, wie leicht auch kluge Männer im frühen 20. Jahrhundert ihre Ansichten zur Frauenfrage ändern konnten. In seiner frühen Schrift „Die Grenzen der Geschlechtsmoral" (1911) vertrat er eine frauenemanzipatorische Position. Er erhoffte sich vom Sozialismus die Durchsetzung gleicher Menschenrechte und der Gleichstellung aller Menschen unabhängig von Geschlecht, Klasse oder „Rasse“. Michels kritisierte die bürgerliche Ehe und Sexualmoral als Institutionen, die Frauen zur „Beute“ des Mannes mache. Die Zwangsverknüpfung von Ehe, Sexualität und Mutterschaft führe zur weiblichen Überlastung und zur Einschränkung des Lebensgenusses von Frauen, insbesondere des Rechtes auf weibliche sexuelle Erfüllung.​ Zur anthropologischen Begründung verwies er auf die „erotische Koketterie“ bei Tieren und ethnologische Studien zu „primitiven“ Völkern, z. B. bei den Eskimos, die alternative Eheformen praktizieren.
1926 wanderte Michels 1926 aus Sympathie für Mussolini nach Italien aus und entwickelt konservative Positionen. Er kritisierte die unregulierte sexuelle Befriedigung, sah sie als Bedrohung der moralischen und sozialen Ordnung an und forderte die männliche Jungfräulichkeit vor der Ehe aus Gründen der Rassenhygiene.

Auch Sigmund Freuds (1856-1939) Psychoanalyse, die an den Philosophen Arthur Schopenhauer anknüpft, lebt von Spekulationen. Im Zentrum bei Freud steht der „Penisneid“, Freud hätte genauso gut die stärkere Empfindlichkeit der Frau für die Mondphasen als Begründung angeben können. Bei Freud gibt es keine empirische Begründung im heutigen wissenschaftlichen Sinn für den „Penisneid“, er interpretiert damit vor allem Deutungen von Träumen. Heutige psychoanalytische Kritiker verstehen Freuds „Penisneid“ als Ausdruck eines patriarchalen, phallozentrischen Denkens.

Als Freud insbesondere im ersten Weltkrieg vermehrt mit männlichen Patienten zu tun hatte, kam er mit dem „Penisneid“ nicht weiter und ergänzte seine Theorie durch den „Todestrieb“ mit einem „Wiederholungszwang“, um massive Aggressionen, Sadismus und autoaggressive Tendenzen zu erklären. Triebe würden grundsätzlich die Rückkehr in einen früheren Zustand anstreben, der Todestrieb als spekulative, metapsychologische Konstruktion sollte das erklären.
In der Tradition der männlichen Aufklärung beschrieb Freud die unbewussten Mächte des Eros und des Todestriebes als irrationale Kräfte, die das ICH unter kulturelle Kontrolle bringen müssten, um Gesellschaft zu ermöglichen. Das ist das Muster, nach dem traditionellerweise dem Weiblichen das Irrationale zugeordnet wurde.
Moderne Neurobiologen beschreiben die innere Struktur des Menschen anders. Schon Säuglinge dokumentieren eine Bindungs-Sehnsucht, die über ihre existentielle Abhängigkeit hinausgeht. Säuglinge sind neugierige Wesen, die wahrnehmen wollen und die biologisch ausgestattet sind mit der Fähigkeit, andere Menschen und ihre Gefühle intensiv wahrzunehmen. Es gibt nicht nur kulturelle, sondern schon emotionale biologische Voraussetzungen des sozialen Charakters menschlichen Lebens. 
Sigmund Freud war geprägt von der Wort-fixierten Bildungskultur seiner Zeit. Seine Therapieform geht davon aus, durch eine bewusste, sprachliche Erinnerung würden Affekte und innere Bilder authentisch in Worte übersetzt und rückwirkend könnten Worte auch auf die unbewussten Affekte und Erinnerungsspuren Einfluss nehmen.
Die psychologische Aufteilung in (kindliches) „affekt-symbolisches“ und (erwachsenes) „begriffssymbolisches“ Denken ist aber viel zu schematisch, um die Komplexität der Beziehungen zwischen Affekten, inneren Bildern und Wort-Denken zu beschreiben. Nicht alles, was einem in den Kopf kommt, muss aktiv „verdrängt" sein.

 

Die Präsenz von Frauenvereinen und -organisationen hatte deren Anliegen und Bestrebungen verstärkt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht. Helene Lange und Gertrud Bäumer forderten vor allem gleiche und eigenständige Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten für Mädchen und Frauen sowie ihre rechtliche Gleichstellung in Ehe und Familie. Radikalere Frauen wie Hedwig Dohm und Anita Augspurg setzten sich für das aktive und passive Wahlrecht ein, das Dohm bereits 1873 als Menschenrecht ohne Geschlechterunterschied proklamiert hatte. Dohm war verheiratet mit Ernst Dohm, dem leitenden Redakteur der Satirezeitschrift „Kladderadatsch" und führte in Berlin einen eigenen Salon. Proletarische und sozialistische Gruppen wie Arbeiterinnenverbände verbanden die „Brotfrage" mit Klassen- und Sittlichkeitsreformen, inklusive Forderungen gegen den § 218.​ Manche der Frauenrechtlerinnen blieb unverheiratet, um ihre Unabhängigkeit zu wahren.​ Der bürgerliche „Bund Deutscher Frauenvereine“ (BDF) setzte seit 1894 auf Bildungsreformen und „geistige Mütterlichkeit" als Strategie für mehr Autonomie. 1912 wurde der „Deutsche Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation" gegründet, ein Viertel seiner Mitglieder waren Frauen, vor allem aus der bildungsbürgerlich-adligen Oberschicht. Damit hatte der Bund mehr Mitglieder als zeitgleich Frauen in der Sozialdemokratie organisiert waren.