Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien
-Theorie

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen”
ISBN 978-3-7418-5475-0
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Augensinn Cover

Über die
Mediengeschichte der
Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert des Auges

ISBN 978-3-7375-8922-2
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Schriftmagie Cover

Liebes-Lyrik

Das Genre der Liebe ist das Bild, der Film. Das Genre des Redens über Liebe ist die bildhafte Sprache der Literatur. Im Zeitalter der Vernunft taten sich die Aufklärer schwer mit der Liebe.
Beispiele der Liebes-Lyrik und der in der Schriftkultur dokumentierten Männerphantasien
zu meinem Text „Was ist Liebe“ Link

2017

Liebesgeschichten aus dem Altertum

Die Sozialhistoriker streiten darüber, wie viel die alten romantischen Text-Zeugnisse über die alltägliche Wirklichkeit der geschlechtlichen Liebe sagen. Sicherlich haben die einfachen Leute in der Antike die mündlichen Fassungen der erotischen ägyptischen Verse gekannt. Sicherlich haben sie die Hochzeitslieder gekannt, deren schriftliche Fixierung über das Schir ha-Schirim, das „Lied der Lieder“ für uns dokumentiert ist und es gibt keinen Grund anzunehmen, sie hätten es wie die Mönche in ihren Klosterzellen im Mittelalter auf das Verhältnis zu Christus bezogen.

In den frühen Hochkulturen wurden erstaunlich „romantische“ Geschichten erzählt – während die Realität der Geschlechterbeziehung nach den überlieferten Quellen überwiegend doch von männlicher Gewalt und wenig sublimierter Sexualität geprägt war. Adalbert Podlech hat in seinem dreibändigen kommentierenden Wörterbuch über „Sex, Erotik, Liebe“ zahllose Dokumente der gewalttätigen, von patriarchalischer Sexualität geprägten Alltagssprache gesammelt. Die Griechen haben sich sogar ihre Götter als skrupellose Bande von Vergewaltigern vorgestellt. „Seit dem Beginn  der Hochkulturen bis zum Ende der Römerzeit hatte der freie Mann schon als pubertierender Knabe immer Frauen, die er sexuell benützen konnte, wann und wie er wollte – Sklavinnen.“ (Podlech) Hera ist die griechische Göttin, die es nicht ertragen konnte, dass Gott Zeus (ihr Mann) immer wieder andere Frauen vergewaltigte.

In den besseren Kreisen der antiken Gesellschaft, die literarisch gebildet waren und die schönen Geschichten kannten, war Heirat normalerweise eine familienpolitische Strategie einflussreicher Männer - was Sexualität und Liebe nicht zwingend einschließen musste.

So berichtet Plutarch, dass der 69 Jahre alte Redner Hortensius an den berühmten Cato herangetreten sei und um darum gebeten habe, dessen Tochter – wenigstens zeitweise – heiraten zu können. Die Tochter war verheiratet, was Hortensius offenbar nicht weiter störte. Cato lehnte ab. Da bat Hortensius ersatzweise um Überlassung von Catos Frau. Cato stimmte (mit Einwilligung ihres Vaters) zu, obwohl seine Frau gerade schwanger war. Als Hortensius gestorben war, heiratete Cato seine Frau wieder.

Aber auch aus der römischen Zeit gibt es aber ganz andere Zeugnisse über Liebe. Petronius etwa formuliert in einer seiner Satyricon-Verse: „Wir legten uns zusammen hin und strebten in tausendfachem Kussgeplänkel (mille osculis) dem Kampfziel der Wollust entgegen“. 

Gewöhnlich waren die Männer die aktiven Partner, aber natürlich nicht immer. Von Nikarchos ist die Bemerkung überliefert: „Hübsch, die Alte? Sie verlangte Geld, als sie jung war, jetzt legt sie es selbst hin, wenn einer sie hinlegt.“

Von der Ehe des Pompjus mit der Cäsar-Tochter Julia – sicherlich eine von den Familienoberhäuptern arrangierte Ehe –  berichtet Plutarch, dass diese Liebe ihn ganz schlapp gemacht habe und er sich aus dem politischen Engagement zurückzog, um sich ein schönes Leben auf seinen Gütern „in den lieblichsten Gegenden Italiens“ zu machen. Die Geschichte war Stadtklatsch und das Volk von Rom erzwang ein Staatsbegräbnis für Julia auf dem Marsfeld.

War Romantik eine realistische Erwartung von Normalsterblichen in der Vorstellungswelt früherer Zeiten? Jedenfalls war sie im Volk lebendig. Und sie war Teil der kultivierten Phantasie einer gebildeten Oberschicht, eine Passion von Privilegierten.

In den romantischen Vorstellungen der Beziehung zwischen Mann und Frau war die Frau übrigens durchaus gleichberechtigt. Und diese  romantische Idee des Geschlechterverhältnisses wurde als Gott-gewollt gedacht. Das zeigt die Geschichte der Lilith, einer semitischen Gestalt, die auch im Golgamesh-Epos erwähnt wird. Lilith war nach der hebräischen Mythologie die erste Frau von Adam.

    In Sohar, einem bedeutenden Schriftwerk der Kabbala, liest sich das so:
    Als Gott Adam erschuf, sagte er: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.
    Daher erschuf er für ihn eine Gehilfin, aus der gleichen Erde und nannte sie Lilith.
    Ihr Haar ist lang und rot wie eine Rose, ihre Wangen sind weiss und rot,
    an den Ohren hängen sechs Schmuckstücke....
    Ihr Mund ist wie eine schmale Tür gesetzt, angenehm in seiner Zier,
    ihre Zunge scharf wie ein Schwert, ihre Worte glatt wie Öl,
    ihre Lippen sind rot wie eine Rose und süß von aller Süße dieser Welt.
    Sobald sie geschaffen war, begann sie einen Streit und sagte:
    Weshalb sollte ich unten liegen? Ich bin ebenso viel wert wie du,
    wir sind beide aus Erde geschaffen.
    Als aber Lilith sah, dass sie Adam nicht überwältigen konnte,
    sprach sie den unaussprechlichen Gottesnamen aus und flog in die Luft.“

    Eva ist danach erst das Ersatz-Weib: 
    Das zweite Weib Adams – Eva – schuf Gott aus der Rippe. Dabei sprach Er:
    Ich werde sie nicht aus dem Kopf des Mannes machen,
    sonst wird sie ihren Kopf in hochmütigem Stolz tragen;
    und nicht aus dem Auge, sonst wird sie lüsterne Blicke bekommen;
    und nicht aus dem Ohr, sonst wird sie überheblich;
    und nicht aus dem Mund, sonst wird sie eine Schwätzerin;
    und nicht aus dem Herzen, sonst wird sie zu Neid neigen;
    und nicht aus der Hand, sonst mischt sie sich in fremde Angelegenheiten;
    und nicht aus dem Fuß, sonst wird sie eine Herumtreiberin."
    "Aus der Rippe, die dem Auge des Menschen entzogen
    und stets unter der Hülle des Kleides verborgen ist,
    aus ihr schuf Gott das Weib.
    Denn die Zierde des Weibes ist die stille Zurückgezogenheit,
    die sittsame Beschränkung auf den häuslichen Kreis mit seinen Pflichten
    und seinem lauteren Glück.
    Und zu jedem Glied des Körpers sprach Gott, als er es machte:
    Sei keusch! Sei keusch!“

Offenbar konnte Gott der Allmächtige nicht verhindern, dass Eva sich gegen seine Schöpfungs-Idee auflehnte.

Gott gewollt, harmonisch und gleichberechtigt ist das Liebesverhältnis der Geschlechter auch bei der von Platon überlieferten Erzählung des Aristophanes über den Kugelmenschen.

    Eines Tages wurde es den Göttern am Olymp langweilig und sie beschlossen,
    ein Ebenbild von ihnen zu schaffen.
    Dieses sollte sie amüsieren und ihnen Abwechslung in die Ewigkeit bringen.
    So formten die Götter also ein Ebenbild von ihnen, mit einer großen Ausnahme:
    Von all den Eigenschaften die jeder einzelne besaß, nahmen sie nur das Beste:
    Die Gerechtigkeit der Athene, die Güte von Hera, die Liebe der Aphrodite,
    die Größe des Zeus, usw.
    So schickten sie diese Kugelmenschen, die mit vier Armen, vier Beinen,
    zwei Köpfen, zwei Herzen ausgestattet waren, den Olymp herab,
    um auf der Erde, auf Mutter Gaia, Leben zu führen.
    Doch bald merkten die Götter, dass der Kugelmensch zu perfekt war.
    Er machte keine Fehler, wie die Götter es bisweilen taten,
    er stritt auch nie, wie das die Götter des öfteren taten.
    So trafen die Götter wieder zusammen, um einen Entschluss zu fassen.
    Der Kugelmensch, das Wesen, welches sie geschaffen hatten,
    sollte fortan nur noch als Hälfte umherirren und das ganze Leben mit der
    Suche nach seiner anderen Hälfte verbringen müssen.

  • Gern erzählt wurde im römischen Imperium die Geschichte von Apollonius, dem König von Tyros – eine Tränen rührende Story von der Odyssee einer Kleinfamilie, die vom Schicksal aller denkbaren Abscheulichkeiten (Inzest, Habgier, Zwangsprostitution)  entzweit wird und durch göttliche Fügung doch wieder zueinander findet – Vater, Mutter, Tochter. Noch im Mittelalter erfreute sich der Stoff großer Beliebtheit. Die Popularität dieser Geschichten zeigt: Romantische Liebe konnte durchaus die Phantasie der Völker beflügeln.  

Noch heute warnen Ehe-Ratgeber gleichzeitig davor, sich bei Wahl des Lebenspartners von dem romantischen Liebescode den klaren Kopf vernebeln zu lassen: Liebe macht blind. Diese Warnung stammt von dem römischen Dichter Sextius Propertius (geb. 55 v.u.Z.): „Ach, wen Liebe betört, dem ist das Auge verhängt! Wer wahnsinnig verliebt ist, sieht nicht (klar).“
Auch die Weisheiten eines Ovid (geb. 43 v.u.Z.) kennen schon die Differenz zwischen der limerence- und einer commitment- Liebe: „Sicher ist die Liebe, die dem Charakter gilt; die körperliche Schönheit aber fällt dem Alter zum Opfer.“ (Certus amor morum est; formam populabitur aetas)

Liebe und christliche Ehe im Mittelalter

Im frühen Mittelalter hatte „amor“, „Liebe“, je nach dem Kontext eine unterschiedliche Bedeutung. Die Symbolsprache der Liebe galt keineswegs exklusiv für die sexuelle Liebe. Wenn zwischen Herrschern ein Friedenspakt geschlossen wurde, konnte der durch einen Kuss auf den Mund besiegelt werden und in dem Kontext wurde dann von „Liebe“ gesprochen.

Das ist etwas anderes als die Liebe der einfachen Leute, die mit „amor“ immer auch „sexuelles Verlangen“ meinten. An diese Wortgeschichte erinnert heute noch das Sprachmuster „Liebe machen“. 

Die „Mären“ des Mittelalters, mundartliche und volkstümliche kurze Verserzählungen aus dem 13.-15. Jahrhundert, zeugen davon. Viele der Mären nehmen die Pfaffen aufs Korn – bei dem Thema scheint das Volk seiner (männlich geprägten) Phantasie freien Lauf gegönnt zu haben. Sie werden animalisch triebhaft dargestellt, unbedingt erotisch. In vielen Mären sind die Frauen dem Angebot des Zölibats- und Ehebruchs in keiner Weise abgeneigt, zumal wenn dieser von den Geistlichen mit einem Griff in den Klingelbeutel entlohnt wurde. Der Beichtstuhl war in der Phantasie der Mären der natürliche Ort für die sexuellen Abenteuer der Pfaffen. Von Unterdrückung der Frau ist in diesen Volks-Geschichten nicht die Rede, oft sind sie einverstanden oder fallen im entscheidenden Moment „in Ohnmacht“, bleiben also unschuldig. Die Rache geht immer von dem betrogenen Mann aus. Bei „minne“ mit einer Nonne gibt es keinen Rächer, das Vergehen wog weniger schwer.

In der volkssprachlichen Literatur ist es oft ein Zauber, der als Erklärung für die Liebe herhalten muss, „Krankheit“, ein Liebestrank (Tristan) oder ein magisches Liebesfeuer der Venus. Bei Hartmann von der Aues „Iwein“ ist es der Blick, der ihn ihm die Liebe entzündet: Blick auf Laudine, die Witwe des Ritters, den er erschlagen hatte. Als sie sich aus Schmerz ihre Kleider vom Leibe reißt und er ihren nackten Körper sieht, raubt es ihm die Sinne. Als Laudine die Nachricht überbracht wird, dass der Mörder ihres Gatten sie zur Frau begehrt, zögert sie zunächst. Sie stimmt dann zu, weil Iwein ein standsgemäßer Ehemann ist, der ihr Land schützen kann – „geburt“, „jugent“ und „tugent“ stimmen. Nachdem sie zugestimmt hat und das erste Treffen bevorsteht, will sie Iwein dann doch schnell sehen – wird rot und bleich vor Erwartung. In der Iwein-Geschichte stehen der Gatten-Mord und das Arrangement der Liebes-Werbung nicht romantischen Gefühlen der Witwe zum Mörder ihres Mannes entgegen.

Dass romantische Liebe ein wichtiges Motiv für einfache Leute war, die keine Rücksicht auf Besitzstand und Standesfragen nehmen mussten, zeigt die Verfolgung der „ungenoßsamen ehen“: Gesinde durften nicht aus dem leibherrlichen Hofverband ausheiraten. Menschen taten das aber offenbar immer wieder gern. Die Frage, wem die Kinder aus solchen Beziehungen gehören (Arbeitskräfte!), sorgte für Streit unter den Lehnsherren.

Die Liebe und die Kirchenväter: Im frühen Mittelalter war die Heirat ein weltliches Problem, dominiert von der Sorge der Familien, ihr Vermögen zusammenzuhalten und den Nachkommen den Rang (Ehre) mitzugeben. Die dorf-öffentlichen Rituale der Trauung führten zur Hochzeitsnacht, zur Inbesitznahme der Frau. Mit der Hochzeit verbunden waren Verabredungen, die die Frau für den Fall der Verstoßung oder der Witwenschaft absichern sollten.

In der kirchlichen Tradition galt die Ehe als verdammenswert, der Kirchenvater Hieronymus (gest. 420) konnte sich dabei direkt auch Paulus beziehen  „Die Unverheiratete denkt an das, was Gottes ist, wie sie Gott gefalle; die Verheiratete aber ist auf das Weltliche bedacht und darauf, wie sie ihrem Mann gefalle." (1. Korinther)

Augustinus (354-430) Bischof und Kirchenvater, berichtet in seinen „Confessiones“
von seiner Konkubine, mit der er jahrelang „das Lager teilte“
und die ihm einen Sohn gebar. Sie bleibt namenlos. Die Beziehung wurde beendet,
um eine für Augustins Karriere äußerst vorteilhafte Eheschließung zu ermöglichen.
Augus
tinus hing offenbar an der Konkubine:

    „Und als man die Gefährtin, mit der ich sonst mein Lager teilte,
    als Ehehindernis gewaltsam von mir trennte, zerriss es mir das Herz,
    das an ihr hing, und es blutete mir ob der tiefen Wunde.“
    Augustinus über die ihm offenbar vermittelte reiche Braut:
    „Man müsste sich nur eine Frau mit beträchtlichem Vermögen nehmen,
    damit der nötige Aufwand nicht weiter lästig fiele,
    und wäre dann wohl am Ziel seiner Wünsche.“
    Die Braut war aber noch ein kleines Mädchen und nicht im heiratsfähigen Alter.
    Augustinus verkürzte sich die Verlobungszeit mit einer anderen, ebenfalls namenlosen Frau.
    Augustinus beschreibt später in „De bono coniugali“ sein Verhalten selbstkritisch so:
    „Wenn nämlich ein Mann sich eine Frau auf Zeit holt, bis er eine andere, seinem Amte
    und seiner Vermögenslage entsprechende findet, die er als ebenbürtig heiraten möchte,
    so bricht er der persönlichen Gesinnung nach die Ehe,
    zwar nicht mit jener, die er zu erwerben begehrt,
    sondern mit dieser Frau, mit der er nicht nach der
    Ordnung ehelicher Gemeinschaft Geschlechtsverkehr pflegt …”
    Augustinus trennte sich von der zweiten Konkubine,
    mit der Hochzeit scheint es aber nicht geklappt zu haben
    – er wird Bischof und theoretisiert über die Liebe und die Ehe.

     

Als Bischof unterschied Augustinus streng zwischen der Frau als (geschlechtslosem, enthaltsamen) Menschen und der Frau als Frau. Die Existenzberechtigung der Frau liegt für ihn in ihrer Rolle als Gebärerin seiner Nachkommen:

    „Ich finde also keine andere Hilfeleistung, für die dem Mann ein Weib erschaffen wurde, wenn nicht die, ihm Kinder zu gebären.”
    Dennoch war für Augustinus das Wesen einer Ehe weder primär noch essentiell durch Sexualität bestimmt. „Männlich“ oder „weiblich“ ist nur der Leib, nicht aber die Seele. Die eheliche Gemeinschaft sollte in der Freundschaft begründet sein. In der Ehe enthaltsamen Frauen stellte er die besondere Art der Seligkeit in Aussicht, die Jungfrauen erwartete.
    Maria pries er als Vorbild für Nonnen und Witwen als auch für keusch lebende Ehefrauen. Als Frau war die Frau ihrem Ehemann unterstellt, nicht jedoch als Christin. Die enthaltsam lebende Frau war dem Manne ebenbürtig: Der treue Mann werde weder seine Frau entlassen noch nach einer anderen verlangen, sei diese andere auch noch so schön, gesund, reich oder fruchtbar. Die „Unauflöslichkeit der Ehe“ war in Augustinus’ Zeit vor allem für die Männer eine Zumutung. Der Kirchenvater hatte gleichzeitig viel Verständnis für ihre Gelüste: „Dirnen in der Stadt gleichen Abwasserrinnen im Palast. Nimmst Du sie heraus, stinkt das ganze Schloss.“

Die Kirchenväter beschäftigten sich in der Folge von Augustinus unablässig mit der Ehe als dem kleineren Übel und bemühten sich, Einfluss zu nehmen. Die Priester suchten sich in das Ehe-Zeremoniell einzumischen – am Ende der Entwicklung steht im 12. Jahrhundert die Ehe als „Sakrament“ – und der Zölibat der Kleriker. 

Eheliche Liebe (amor coniugalis) bezeichnet nach katholischer Lehre bis heute „nicht vor allem Gefühl, sie ist dagegen wesentlich eine Verpflichtung gegenüber der anderen Person; eine Verpflichtung, die man durch einen bestimmten Willensakt übernimmt“ (Papst Johannes Paul, 1999). Die Ehegatten sind verpflichtet, einander liebevoll (d.h. fürsorglich und mit Respekt) zu behandeln. Das Versprechen der katholischen Trauformel kommt aus dem Lehensrecht: „Ich will dich lieben, achten und ehren, bis dass der Tod uns scheidet.“ 

Ganz selbstverständlich musste sich in der höfischen Vorstellungswelt der Ritter die Liebe der edlen Frau „verdienen“ - besonderer Mut und  Tapferkeit galten als „Liebesbeweis“. Das bedeutet keineswegs, dass solche Ehen emotionslos sein müssen. Emotionen der Liebe sind kulturell wandelbare Konstruktionen sozialer Beziehungen. Warum sollen Ehen, die arrangiert beginnen, nicht in Liebe enden - insbesondere dann, wenn für die Verheirateten keine andere Wahl besteht als sich zu arrangieren?

Die Theoretiker des Mittelalters haben viel Mühe aufgewendet, um das sexuelle Bedürfnis wenigstens in ihren Theorien aus dem Ehealltag zu verdrängen. Die hochgeistigen Interpretationen, die geschlechtliche Erotik aus dem Hohen Lied der Liebe hinauszuinterpretieren, geben Zeugnis davon.

Hugo von St. Victor hatte im 12. Jahrhundert in seiner Abhandlung „Über die glückliche Jungfrau Maria“ ein anderes Problem entdeckt:

    „Wenn aber die Ehe nichts anderes ist als eine Gemeinschaft,
    in der sich zwei Menschen ganz einander hingeben und sich verpflichten,
    die unauflösliche Einheit und Treue ihres Bundes zu bewahren
    und sich ihr nicht zu entziehen, dabei jedoch in beiderseitigem
    Einvernehmen den fleischlichen verkehr miteinander ausschließen können
    – wenn also die Ehe nichts anderes ist als eine solche Gemeinschaft:
    Warum kann dann nicht auch unter Personen des gleichen Geschlechtes
    höchst richtig und heilig eine Ehe eingegangen und
    ein unauflöslicher Bund lobenswerter Liebe geschlossen werden?“
    Sein Ausweg für die katholische Kirche im Mittelalter, für die Homosexualität ein Verbrechen war:
    Eheliche Liebe kann nur zwischen Partnern bestehen, die ihrer Natur nach nicht auf gleicher Stufe stehen.

Der Geistliche Andreas Capellanus dagegen begreift Liebe (amor) als eine aus dem körperlichen Begehren erwachsende Leidenschaft.

Das lateinische Traktat „De amore“ stammt aus dem späten 12. Jahrhundert gehört zu den umstrittensten Texten im Mittelalter. Der Zölibat war 1022 verkündet worden, aber noch nicht voll durchgesetzt. Da feiert Capellanus die begehrende Liebe, deren Basis Schönheit und „gegenseitiges Einverständnis“ sein sollen – eine freie Liebe außerhalb der Ehevorstellung, die die Kirche formen wollte. Die freie Liebe ist sogar frei von Erbsünde:

    „Die Liebe ist eine angeborene Leidenschaft, die durch den Anblick der Schönheit
    des anderen Geschlechts und durch ständiges Nachdenken (cogitatio, Betrachtung)
    darüber entsteht und weswegen jemand über alles begehrt, in den Umarmungen
    des anderen aufgesogen zu werden und im gegenseitigen Einverständnis
    in der Umarmung des anderen die Verheißungen der Liebe erfüllt zu erhalten.“
    Für Capellanus gibt es vier Stufen der Liebe (gradus amoris): Die invitatio, Einladung, Grund ist die Schönheit („formositas“) der Frau. Gestattet die Frau das Werben, dann gestattet sie ihm Küsse (exhibitio osculi). Darauf folgt als dritte Stufe die Umarmung (amor purus). Sie geht bis zur Umschlingung der nackten Körper und Berührung der Schamteile. Als vierte stufe folgt  amor mixtus, „die alle Lustbarkeiten des Fleisches gewährt“, und bei der die Frau ihren Körper dem Manne „überlässt“.  Hier gibt es kein Zurück mehr –  und „die über die Liebenden hereinbrechende Ehe treibt die Liebe aus“
    (fugat amorem).

Der geistliche Autor des „De Amore“ blickt dabei herab auf den Stand der Bauern, dessen „natürliche Bestimmung“ ihm in „reiner Sinnenlust und körperlicher Arbeit“ zu bestehen scheint. Bauern werden „wie ein Pferd und ein Maultier zu den Werken der Venus getrieben“. Sie stehen außerhalb der adeligen Liebeslehre. Dennoch scheinen Bauersfrauen gegenüber den Vergewaltigungs-Gelüsten des Adels eine gewisse „Scham“ an den Tag zu legen. Capellanus empfiehlt dem Herrn, wenn es denn einmal sein muss, „sie gewaltsam zu nehmen“, zumindest „einen sanften Zwang“ anzuwenden, um ihre „nach außen unbeugsame Haltung“ zu überwinden.

In Anlehnung an die Liebesdichtungen des alttestamentlichen Liedes der Lieder hat die mittelalterliche Mystik eine Kultur erotischer Beschreibungen der Gotteserfahrung  entwickelt. Man darf getrost davon ausgehen, dass ähnliche erotische Phantasien verbreitet waren - nur dass wir schriftliche Überlieferungen haben, verdanken wir der verfremdenden Einbettung der Erotik in mystisches Erleben besonderer Frauen. Mechthild von Magdeburg (13. Jahrhundert) etwa sieht, wie die Seele als „vollerwachsene Braut" vor dem Bräutigam steht – ausdrücklich „nakend". Die Seele will sich „nackt in Gottes Arm legen", „je enger die Umarmung, desto süßer der Geschmack des Mundkusses". Peter Dinzelbacher hat verschiedene Beispiele in seine „Psychohistorie der Unio mystica“ ausgebreitet.

Die Beginen-Mystikerin Hadewijch beschrieb im 13. Jahrhundert ihre erotische Sehnsucht in mittelniederländischer Sprache  mit den Worten: „Eines Pfingsttages wurde mir im Morgengrauen [eine Vision] gezeigt, und mein Herz und meine Adern und alle meine Glieder zitterten und bebten vor Begierde, und mir war so zu Mute, wie schon oft, so rasend und so schrecklich, daß mir alle die Glieder, die ich hatte, einzeln zu brechen schienen, und alle meine Adern bewegten sich, eine jede voller Schmerz. Ich begehrte, meinen Geliebten vollkommen zu besitzen und zu erkennen und seine Menschennatur im Genuß mit meiner ganz und gar zu schmecken und die meine darin zu lassen..." Die Erscheidung kam „selbst zu mir und nahm mich ganz in seine Arme und zwang mich an sich, und alle Glieder, die ich hatte, fühlten die seinen in all ihren Wonnen nach meines Herzens Begehren, nach meiner Menschennatur. Da ward ich von außen zur Gänze zufriedengestellt... Danach blieb ich in einem Aufgehen in meinem Geliebten, so daß ich ganz in ihm verschmolz und mir von meinem Selbst nichts blieb." Solche mystischen Texte bedienen sich des populären erotischen Wortschaftes.

Von der Karmelitin Teresa de Jesús de Cepeda y Ahumada (1515-1582)  ist eine eigenhändig geschriebene Autobiographie erhalten. Sie berichtet dort von einer Engels-Vision: „In dieser Vision ließ mich ihn der Herr so sehen: nicht groß war er, sondern klein, sehr schön, sein Gesicht war so entflammt, daß er einer der ganz hohen Engel schien, die alle entzündet erscheinen. Das müssen die sein, die man Cherubim nennt... In seinen Händen sah ich einen langen Goldpfeil, und an der Eisenspitze schien er mir etwas Feuer zu haben. Diesen schien er mir einige Male ins Herz zu tauchen, und daß er mich bis in die Eingeweide verwundete. Beim Herausziehen, schien mir, nahm er sie mit sich und verließ mich ganz entflammt in große Gottesliebe. So groß war der Schmerz, daß ich mehrmals aufstöhnte, und so  überwältigend die Süße, in die mich dieser sehr tiefe Schmerz versetzte, daß man nicht wünschen kann, er möge aufhören. Die Seele ist dann mit nichts anderem als mit Gott zufrieden. Kein körperlicher, sondern ein geistiger Schmerz ist dies, obschon der Körper daran Anteil hat, und zwar ziemlichen..." Die Inquisition hat die Veröffentlichung dieses Textes erst sechs Jahre nach Teresas Tod ermöglicht.

Die Dominikanerin Margareta Ebnerin (um 1291-1351) aus Medingen (Bistum Augsburg) berichtet von ihren mystischen Ekstasen  mit dem Gekreuzigten:  Wenn „ich mich uf die selben stat lege oder mit der hant anrüere, oder etwas daruf lege oder druk, so enphinde ich ainer so gar süezzen genade, diu mir in elliu miniu lider (Glieder) gat..." Heimlich nimmt sie einen große Plastik des Gekreuzigten mit ins Bett  „und von dem lust und von der süezzen genade, die ich da zuo han, mag ich ez nimmer enphinden und druck doch as vast, daz mir totmal [blaue Flecken] werdent an minem herzen und an minem libe."

In dem strukturierten Familienverband des Hofes oder „ganzen Hauses“, dem mehrere Generationen oder auch Verwandte und Gesinde angehörten, gab es für eine romantische Zweier-Beziehung wenig Rückzugsmöglichkeit. Gleichwohl gibt es literarische Zeugnisse wie etwa die Geschichte von Abaelard und Héloise, in der ein „privater Innenraum“ in kompromissloser Weise eingefordert wird für Liebesverhältnisse, die gesellschaftlich völlig unmöglich sind. Solch ein Leben hätte die Ordnung der Familienverbände in Frage gestellt – die Liebe durfte daher nicht gelingen.

Der Onkel der 18-jährigen Heloisa, der Kanoniker Fulbert, hatte den
38-jährigen Abaelard  im Jahre 1117 als Hauslehrer seiner Nichte eingestellt.
Abaelard beschrieb diese Zeit nach 16 Jahren so:

    In unserer Gier genossen wir jede Abstufung des Liebens, wir bereicherten
    unser Liebesspiel mit allen Reizen, welche die Erfinderlust ersonnen.
    Wir hatten diese Freuden bis dahin nicht gekostet und genossen sie nun
    unersättlich in glühender Hingabe.“
    Und weiter: „Ich ging sogar so weit, Dich durch Drohungen und Schläge
    des öfteren gefügig zu machen, wenn Du nicht mithalten wolltest,
    wenn Du Dich zur Wehr setztest, soweit es Deine schwache Kraft zuließ,
    und wenn Du, das schwache Weib, mich batest, einmal zu verzichten..."
     
    Heloisa wurde schwanger, beide heirateten heimlich. Abaelard wollte weiterhin wissenschaftlich
    tätig sein, er versteckte Heloisa und den Sohn Astrolabius im Kloster Argenteuil.
    Heloisas Onkel erfuhr dennoch von dem Kind und ließ Abaelard entmannen. Er zwang Heloisa, ins Kloster zu gehen. Sie schreibt ihm:
    „Die Liebesfreuden, die wir zusammen genossen, sie brachten so viel beseligende Süße,
    ich kann sie nicht verwerfen, ich kann sie kaum aus meinen Gedanken verdrängen.
    Ich kann gehen, wohin ich will, immer tanzen die lockenden Bilder vor meinen Augen.“
    Sie gesteht ihm „wollüstige Phantasiegebilde
    “ und erinnert an die „Reizungen meiner Sinnlichkeit“.
    Abaelard kommuniziert dasselbe so:
    „Ich wälzte mich geradezu wie ein Tier in diesem Morast, sogar in der Karwoche und an den höchsten Festtagen, ohne auf die mahnende Stimme des Schamgefühls und der Gottesfurcht zu hören.“

Die „romantische“ Liebe wird erst in Romanen des 17./18. Jahrhunderts zum legitimen Ehemotiv.

Liebe im Handlungsmuster in der Neuzeit

Zwischen den frühen Formulierungen der romantischen Liebe und der schichtenspezifisch verzögerten Verbreitung der Vorstellung, Liebe sei das wesentliche Motiv für Heirat und Lebenspartnerschaft, liegen Jahrhunderte kultureller Entwicklung des Menschen – insbesondere seiner Individualisierung vor dem Hintergrund eines Rückganges familiärer Zwänge und sozialer Kontrolle. Die „romantischen Liebe“, über Jahrhunderte eher semantischer Code für außereheliche amouröse Abenteuer und Phantasien, wird im ausgehenden 18. und während des 19. Jahrhunderts zunehmend zum Ehegründungsprinzip für jedermann.

Der entfaltete romantische Liebes-Code kündet von der massenhafte Suche nach Einzigartigkeit – wenn auch sonst nichts im Leben einzigartig ist, dann soll das wenigstens in der Liebe gelingen.

Programmatisch fordert das schon Friedrich Schlegel, wenn er seinen Julius gegenüber Lucinde (1799) das Rollenspiel loben lässt mit den Worten, es sei eine Allegorie auf „Vollendung des Männlichen und Weiblichen zur vollen ganzen Menschheit“. Die „Durchschnittsehe“ beschreibt Julius (polemisch) mit der Bemerkung:

    „Da liebt der Mann in der Frau nur die Gattung, die Frau im Mann
    nur den Grad seiner natürlichen Qualitäten und seiner bürgerlichen Existenz.“
    Sicherlich ist auch bei Schlegel noch der Mann der literarische romantische Held
    und die Frau die Gefährtin der Liebe.

„Genormte Unwahrscheinlichkeit“ nennt Luhmann den Sprachcode der  romantische Liebe. Da die Erwartungen so unwahrscheinlich sind, schließt sich die Kommunikation darüber hermetisch ab. Über die Liebe ist eben vernünftig mit Dritten nicht zu reden. Erst der Code der romantischen Liebe, der eigentlich mehr bezeichnet als erklärt, markiert eine „exklusive Gefühlsqualität“, er behauptet eine persönliche Relevanz der geliebten Person, die keineswegs nur „austauschbarer Rollenträger“ sein soll, sie verspricht dem Subjekt einen geschützten sozialen Ort, an dem sich als „echt“ bzw authentisch erlebbar machen kann. 

Romantik der Geschlechterdifferenz

Die Freisetzung des Individuums aus den familiären und ökonomischen Bindungen des „Hauses“ war zunächst vor allem eine der Männer. Was die Liebe begründet, ist eine ungleiche Lebenspartnerschaft – der Mann sollte sich selbst verwirklichen, während die Frau aufopferungsvoll sich um Kinder und Haushalt kümmert. Die großen Philosophen haben sich mit der Begründung dieser gesellschaftlichen Ungleichheit abgemüht. Die Dichter und Denker dieser Zeit hatten für das weibliche Geschlecht wenig schmeichelhafte Zuweisungen.

Jean-Jacques Rousseau, Philosoph und Pädagoge, hat Mann und Frau als physisch und psychisch völlig verschiedene, allerdings auf Ergänzung angelegte Wesen definiert. Die Ungleichheit ist durch „die natürlichen Gesetze der Vernunft" gerechtfertigt.  Die Natur hat die Frau entsprechend ausgerüstet: Sie ist passiv, unterwürfig und emotional, während der Mann das aktive, schöpferische Prinzip vertritt. In seinen posthum 1782 veröffentlichten „Bekenntnissen“ heißt es:

    „Aus diesem zur Gewohnheit gewordenen Zwang entsteht eine Folgsamkeit,
    welche die Frauen ihr ganzes Leben hindurch nötig haben,
    weil sie niemals aufhören, entweder einem Manne oder den Urteilen der Menschen
    unterworfen zu sein, und es ihnen niemals erlaubt ist, sich über diese Urteile hinwegzusetzen.“

Auch in der Anthropologie (1789) von Immanuel Kant gilt die Forderung nach vernünftiger Selbstbestimmung des Menschen nicht für die Frau:

    „Kinder sind natürlicherweise unmündig und ihre Eltern ihre natürlichen Vormünder. Das Weib in jedem Alter wird für bürgerlich-unmündig erklärt. Der Ehemann ist ihr natürlicher Curator."

Der Romantiker und Idealist Johann Gottlieb Fichte begründete in seinem Grundriß des Familienrechts (1797):

    „Im unverdorbenen Weibe äußert sich kein Geschlechtstrieb, und wohnt kein Geschlechtstrieb,
    sondern nur Liebe, und diese Liebe ist der Naturtrieb des Weibes, einen Mann zu befriedigen.“
    Die Frau müsse sich „unterwerfen um ihrer eigenen Ehre willen“, meinte er:
    „Im Begriff der Ehe liegt die unbegrenzteste Unterwerfung der Frau unter den Willen des Mannes.“
    Dabei ist sie „unterworfen durch ihren eigenen fortdauernden notwendigen und ihre Moralität bedingten Wunsch, unterworfen zu sein." Darin liegt ihre Bestimmung: „Nur auf ihren Mann und ihre Kinder kann eine vernünftige Frau stolz sein; nicht auf sich selbst, denn sie vergisst sich in jenen."

Fichte folgerte daraus auch den Ausschluss der Frau von Bildungsinstitutionen.

Nach Georg Wilhelm Friedrich Hegel können Frauen

    „Einfälle, Geschmack, Zierlichkeit haben, aber das Ideale haben sie nicht. Der Unterschied zwischen Mann und Frau ist der des Tieres und der Pflanze.“ Woraus folgt: „Stehen Frauen an der Spitze der Regierung, so ist der Staat in Gefahr, denn sie handeln nicht nach den Anforderungen der Allgemeinheit, sondern nach zufälliger Neigung und Meinung." (Grundlinien der Philosophie des Rechts, 1821)

Das literarische Modell der romantische Liebe entwickelte sich in solchen Kontroversen, wie sie Fichte, Kant, Schlegel etc ausgetragen haben.

Der Anspruch der Frau, den historischen Individualisierungsprozess nachzuholen und als empfindendes, denkendes Individuum anerkannt und  behandelt zu werden, spiegelt sich auch in den konservativen Kritikern dieses Emanzipationsprozesses. So schrieb Emil Durkheim 1893: „Schraubt man die sexuelle Arbeitsteilung unter einen bestimmten Punkt herab, so verflüchtigt sich die Ehe und lässt nur mehr äußerst kurzlebige sexuelle Beziehungen zurück.“

Es war also wenig originell, wenn Friedrich Nietzsche Ende des Jahrhunderts zusammenfasste: „Das Glück des Weibes heißt: Er will!“ Gern zitiert wird in gebildeten bürgerlichen Kreisen auch das: „Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht!“

Autoren mit weniger philosophischen Ambitionen - wie etwa der Adolf  Freiherr von Knigge in seinem Ratgeber (1788) - postulierten in derselben Zeitepoche das gleiche Recht auf „Befriedigung aller Bedürfnisse“ in der Ehe.

    „Nicht weniger unglücklich ist dies Band, wenn auch nur von einer Seite Unzufriedenheit und Abneigung die Ehe verbittern, wenn nicht freie Wahl, sondern politische, ökonomische Rücksichten, Zwang, Verzweiflung, Not, Dankbarkeit, dépit amoureux, ein Ungefähr, eine Grille oder nur körperliches Bedürfnis, wobei das Herz nicht war, dieselbe geknüpft hat, wenn der eine Teil immer nur empfangen, nie geben will, unaufhörlich fordert, Befriedigung aller Bedürfnisse, Hilfe, Rat, Aufmerksamkeit, Unterhaltung, Vergnügen, Trost im Leiden – und dagegen nichts leistet.“

Die romantische Idee der „Liebe” kommt in diesen nüchternen und sehr präzise formulierten Lebensweisheiten vor allem dann vor, wenn Knigge vor „blinder Liebe” warnt.