Klaus Wolschner

Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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II
Politik
und Medien

Über traditionelle Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt

POP 55

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Über die
Mediengeschichte der
Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert des Auges

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Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne

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Wie wir wahrnehmen,
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Populismus und Medien-Demokratie

2020/ Pop00-01

Ein Gespenst geht um – der „Populismus“. Seit Helmut Dubiel im Jahre 1985 in der Zeitschrift Merkur (Heft 438) das Stichwort vom Gespenst gegeben hat, macht es Karriere. Aber das weiß jedes Kind: Gespenster gibt es nicht, Gespenster sind eingebildete Wesen, aber es sind signifikante Einbildungen. Was heute mit dem Modewort „Populismus“ bezeichnet wird, ist ein Phantom. Menschen können sich dank der neuen Medien artikulieren, die man früher nicht wahrnehmen musste. Wer heute angewidert von „Populismus“ redet, will mit denen nicht reden. Der räsonierende aufgeklärte Bürger redete im 19. Jahrhundert mit dem Pöbel schließlich auch nicht.

Die Verwendung des Schimpfwortes „Populismus“ ist oft selbst populistisch, hat Ralf Dahrendorf schon 2003 festgestellt. Zum Verständnis der neuen Herausforderungen der Demokratie trägt es nicht bei. Die „Populisten“ bringen den „kleinen Mann“ in die Politik, aber eben nicht als treue Stammwähler „etablierter“ demokratischer Parteien oder als kalkulierbare Gewerkschaftsmitglieder. Die Menschen begnügen sich nicht mit ihrer Rolle als „Empfänger“, sondern nutzen die neuen medialen Möglichkeiten und wollen selbst „senden“. 

Wo die traditionellen Empfänger politischer Botschaften sich umfassend informieren und selbst „senden“ können, schwindet natürlicherweise das Vertrauen in die politischen Führer, denen die „Masse“ früher kommunikativ ausgeliefert war. Und wenn die politischen Führer keine Antworten geben können auf die aufgeworfenen Fragen, orientiert sich der „Pöbel“ neu.

Kurz: Der „Populismus“ ist kein neues politisches Bewusstsein. Neu ist das Ausmaß an Nüchternheit und Vernunft, das der Masse der Bevölkerung abverlangt wird, seitdem Demokratie nicht mehr die Delegation der politischen Verantwortung an eine kleine Elite gewählter Vertreter ist, sondern die Teilhabe potentiell aller am politischen Wissen zur politischen Kultur einschließt.

Populismus – was soll das sein?

Was meint das Schlagwort des „Populismus“, wenn es mehr bedeuten soll als die Diskreditierung populärer Erfolge der anderen? Geht es um mehr als eine Stilfrage, mehr als einen Begriff dafür, dass die politischen Eliten sich angewidert abwenden und das alte Lied: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ singen, wenn einfache Leute mit Stammtisch-Parolen mehr Resonanz erfahren als die Ideen der etablierten „think tanks“?  

Im öffentlichen Diskurs werden zum Beginn des 21. Jahrhunderts sehr unterschiedlicher Phänomene unter den Kampfbegriff des „Populismus“ subsumiert: In Deutschland die Initiative „Pegida“ und die Alternative für Deutschland (AfD). „Podemos“ in Spanien oder die „Fünf Sterne“-Bewegung in Italien geben sich links-populistisch.  Von den Niederlanden bis Kärnten, Venezuela bis Griechenland, von Italien bis Polen - kein Land scheint davon „verschont“. Das Wort soll politische Phänomene markieren, die sich den tradierten Denkmustern, wie „rechte“ oder „linke“ Bewegungen zu sein haben, sperren. Da positioniert sich das „Volk“ pauschal gegen „die da oben“ – und gegen alles, was in der amerikanisch-europäischen Moderne als zivilisiert und vernünftig gilt.

Charakteristisch ist für den „Populismus“ ein politisches Selbstverständnis, das es einen „allgemeinen Volkswillen“ in der Tradition von Rousseaus „volonté genéraleunterstellt und nach dem das reine Volk“ sich gegen „korrupte Eliten“ mobilisiert, so der Politikwissenschaftler Cas Mudde. Damit steht der aktuelle Populismus in der Tradition revolutionärer Volksbewegungen, in denen eine kollektive Identität durch die holzschnittartige Abgrenzung  von einem bösartigen Feind hergestellt wurde. Demokratie wird „populistisch“ mit schlichter Volksherrschaft übersetzt, das Volk soll unmittelbar herrschen.

Auffallend ist, dass es in den neuen populistischen Bewegungen weitgehend gar nicht um konkrete Interessen geht, die kompromissfähig und verhandelbar wären. Wenn die „Patriotischen Europäer“ der Pegida sich „gegen die Islamisierung des Abendlandes“ aussprechen, dann bringen sie zum Ausdruck, dass ihnen die ganze Richtung nicht passt. Ärgerlich für die linksliberalen Intellektuellen, die nach den 1968er Jahren das öffentliche Leben zunehmend bestimmen konnten, ist die Erfahrung, dass sie vom „Volk“ nicht mehr als Meinungsführer betrachtet werden. Der Rechtspopulismus könnte in einigen europäischen Kulturen als Ausdruck des Scheiterns der „68er“ interpretiert werden, wobei die populistischen Bewegungen auch antiautoritäre Motive aufgreifen. Im Unterschied zu klassischen populistischen Bewegungen können sie gelegentlich ohne „Führer“ auskommen und vernetzten sich „von unten“. 

Auffallend ist: Die gängigen Versuche, das Gespenst durch eine „Definition“ festzunageln, zeigen viel Ratlosigkeit. Populisten unterscheiden die Welt in „gut“ und „böse“, Populisten konstruieren das „Volk“ als ethnische Identität gegen Machenschaften der Eliten, Populisten verwenden eine Rhetorik von Krise und Niedergang, Populisten sehen die traditionellen Werte (Heimat, Familie) bedroht, Populisten bedienen die Aufmerksamkeitsmuster der Medien  (Personalisierung, Skandalisierung, Banalisierung). Nach solchen Merkmalen wäre „populistische“ Demagogie geradezu das politische Kleingeld in der Demokratie, es gibt keine politische Partei, die ganz ohne auskommt. Die Aufmerksamkeit des Publikums reicht nur in seltenen Fällen, um Sachverhalte der Politik in ihrer vollen Komplexität nachvollziehen zu können. Die Zumutung der pluralistischen Demokratie, zu der die Unterstellung gehört, dass auch für die Gegenmeinung gute Gründe sprechen könnten, wird im Meinungskampf der demokratischen Parteien selten respektiert. Und bekanntlich merken sich die Wahlbürger politisch kontroverse Positionen vor allem dann besonders gut, wenn sie im Rollenspiel von Gut und Böse personalisiert erscheinen.

Gemeinsam ist den verschiedenen Formen des Populismus ein ausgeprägter Traum von Unmittelbarkeit und Nähe, von Direktheit und Transparenz, die Rückbesinnung auf Metaphern der „Herkunft“, des „Natürlichen“, des „Ursprungs“. Demokratische Verfahren repräsentieren den Volkswillen nach Ansicht der „Populisten“ nicht, weil die politischen Eliten die öffentliche Meinung mithilfe einer „Lügenpresse“ beherrschen im Sinne einer „Meinungsdiktatur“.

Populisten sorgen sich um das Gemeinwohl, dessen Definition sie nicht dem Votum der Wähler überlassen wollen: Der Appell an „das Volk“ unterstellt, dass es einen „eigentlichen“ Volkswillen gebe, der nicht unbedingt dem Ergebnis demokratischer Verfahren entspricht. Populisten beharren auf einer emotionalen Dimension der Volksgemeinschaft, die etwas ganz anderes ist als das abstrakte Volk, das eigentlich nur die Legitimation abgeben soll für die Fraktionen der politischen Klasse.

Die demokratischen Eliten schlagen erbarmungslos zurück: Nicht einmal auf dem „Markt der Möglichkeiten“ des Evangelischen Kirchentages dürfen Populisten ihre Stände aufbauen. Wer an dem Tisch des gepflegten herrschaftsfreien Diskurses einen Platz beanspruchen will, sollte sich vorher die Fingernägel schneiden. Der Darmstädter Politikwissenschaftler und Populismus-Experte Prof. Dirk Jörke empfiehlt ernsthaft, nur diejenigen Populisten in Zeitungs-Interviews zu Wort kommen zu lassen, von denen keine schrillen Töne zu erwarten sind.

Als Motiv für populistischen Unwillen wird auf eine zunehmend (alternativlose) technokratische Formulierung von Politik hingewiesen, die einen politischen Konflikt über die verhandelte Sache auszuschließen scheinen. Die Frage wäre, ob das nicht immer schon eine Strategie im politischen Meinungsstreit war. Mit dem Hinweis auf strukturelle Zwänge werden Entscheidungsspielräume kaschiert, aber in der Wirklichkeit sind Entscheidungsspielräume und Handlungszwänge immer eng verwoben. Sicherlich begrenzt die Globalisierung des Marktgeschehens, das unter der Fahne der „Liberalisierung“ in seiner Logik möglichst wenig eingeschränkt werden soll, den Entscheidungsspielraum nationaler Akteure der Politik. Natürlich stecken hinter der Politik der Liberalisierung Akteure, die sich dann gern als „Opfer“ der Eigenlogik der Märkte darstellen. Ein Beispiel wäre die Durchsetzung des Privatfernsehens mit dem Argument, die technischen Möglichkeiten der Ausstrahlung von privaten Fernsehprogrammen über Satellit würde jede nationale Einschränkung unterlaufen. Das Beispiel des Internets zeigt, dass die nationalen Kontrollmöglichkeiten scheinbar zwingender globaler Techniken doch groß sind, jedenfalls da, wo ein autoritärer Nationalstaat keine Rücksicht auf liberale Grundsätze nehmen muss. 

Tatsächlich ist der veröffentlichte Diskurs über Politik in der Ära der Fernsehgesellschaft im 20. Jahrhundert nicht schlichter geworden, sondern transparenter und komplexer. Und die Informationen über die Details von Entscheidungen und Entscheidungsprozessen erreichen immer mehr Menschen.  Das verschiebt das Verhältnis zwischen denen, die glauben, sie könnten politische Prozesse kompetent verfolgen, und denen, die sich mit einfachen Erklärungsmustern zufrieden geben und für jede Handlung einen Akteur guten oder bösen Willens dingfest machen wollen.

Wenn die „populistischen“ Nutzer von Facebook und Twitter schlichte Stammwähler der etablierten Parteien wären, dann wäre die Welt in Ordnung – so wie in der Bundesrepublik der 1950er Jahre. Solange die Rassisten in den USA treue Anhänger der Republikaner waren, war „Populismus“ keine eigene politische Kategorie. Die allgemeine Sorge um den Populismus ist im Grunde die konkrete Sorge davor, dass den etablierten Institutionen das Volk davonläuft.

Die Soziologin Cornelia Koppetsch untersucht unter dem Begriff „Die Gesellschaft des Zorns“ den Populismus als aktuelles zeitgeschichtliches Phänomen des 21. Jahrhunderts und als Reaktion auf den „Neoliberalismus“ der letzten Jahrzehnte. Pankaj Mishra dagegen beschreibt ein „Zeitalter des Zorns“ bis ins 18. Jahrhundert zurück, in den Revolten der „Entwurzelten, die von der Moderne nicht profitieren“. 

Populismus an der Macht

Aber es gibt auch den Populismus an der Macht - in den USA hat der politische Stil des Donald Trump offenbar nachhaltig Erfolg, in Ungarn der Staatsnationalismus von Ministerpräsident Victor Orbán, in Venezuela präsentierte sich der Offizier und Staatspräsident Hugo Chávez als volksnaher Revolutionär mit marxistischem Vokabular und herzlichen Beziehungen zu Kuba. In Kärnten kam der Populismus mit Jörg Haider 1989 an die Macht und wurde erst 2013 abgewählt, seitdem regiert wieder die Sozialdemokratie.

Die Ukraine ist ein besonderes Beispiel - ein Land mit brüchiger nationaler Identität, ohne demokratische Traditionen und ohne ein entsprechendes Mediensystem. Der unterhaltsame Populismus eines Präsidenten, der von Beruf Komiker ist und vor seiner Kandidatur die Machtergreifung seiner Inkompetenz in einer Fernsehserie der Nation vorgespielt hat, ist Ausdruck einer tiefen politischen Ratlosigkeit. Nach amerikanischem Vorbild haben sich private Fernsehsender etabliert, die oft im Hintergrund von Oligarchen finanziert werden. Hinzugekommen sind die sozialen Netzwerke.  Die Rückbesinnung auf die spärlichen antirussischen und durch die Hoffnung auf Nazi-Deutschland diskreditierten nationalistischen Traditionen wirkt wie ein verzweifelter Strohhalm in einem Land, das nicht einmal über eine gemeinsame Nationalsprache in allen Landesteilen verfügt. Die Bevölkerung ist völlig überfordert von dem Konflikt zwischen den tradierten kulturellen Bindungen an Russland, die vor allem von den Älteren tief empfunden werden, und der Jugend, die „nach dem Westen“ strebt.

Populismus war immer

Wenn man die Definition des Populismus auf die vormoderne Geschichte politischer Herrschaftskommunikation und die Geschichte sozialer Protestkommunikation bezieht, zeigt sich schnell: Es war fast alles Populismus.

Was tat der jüdische Wanderprediger Jesus „von Nazareth“ anderes, wenn er gegen die Eliten seiner Zeit polemisierte und das Volk mit dem Versprechen des „Königreiches Davids“ lockte? Johan Hus, Martin Luther als Reformator, der Bauernführer Thomas Münzer – waren sie keine „Populisten“? Oder Cäsar, Napoleon, Lenin – sie alle waren Populisten an der Macht.

Das meiste von dem, was heute in Definitionen des „Populismus“ als typische Kennzeichen aufgelistet wird – die Diffamierung der bösen Eliten im Namen des guten Volkes, die Beschwörung einer apokalyptischen Katastrophe - gab es in früheren Epochen genauso. Wer mit solchen Kriterien Bauernaufstände oder die Arbeiterbewegung analysieren würde, käme unweigerlich zu dem Schluss, dass damals mehr Populismus war als heute. Bevor „das Volk“ als ein verfassungsmäßiges Subjekt geadelt wurde, hatten die Eliten dafür den Begriff des „Pöbels“: Bauernrevolten, Weberaufstände, Maschinenstürmer und alle möglichen Formen antimodernistischer Kämpfe begleiten die kapitalistische Modernisierung wie ein Schatten und sind die Vorgeschichte des modernen „Populismus“, die in die Geschichte der Modernisierungsgewinner immer wieder einbricht.

Karl Marx hoffte, aus dem Pöbel, dass er „Proletariat“ nannte, Modernisierungsgewinner machen zu können – wenn sie nur den richtigen Führern vertrauten. Diese elitäre Sicht hat der junge Marx 1843 so formuliert: „Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen…“  In der Philosophie meinte natürlich: in den Philosophen. 

Die Formulierung, dass der „Populismus“ ein Gespenst sei, verweist darauf, dass er eine eingebildete Denkfigur ist. Die Formel lehnt sich bewusst an die des Kommunistischen Manifestes von Karl Marx (1848) an, nach der der Kommunismus ein Gespenst sei, das in Europa umgeht.

Sein großer Lehrer Hegel hatte 1821 schon den Zusammenhang mit der Verelendung benannt: „Das Herabsinken einer großen Masse unter das Maß einer gewissen Subsistenzweise … bringt die Erzeugung des Pöbels hervor.“  Friedrich Engels hat in seinem kleinen Bestseller „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ 1878  das Proletariat als „demoralisierte", „elende", „versklavte", „unwissende" und „bestialisierte" Masse klassifiziert, „ganz unfähig zu selbständiger Aktion“, ihm sei „höchstens von außen her, von oben herab Hülfe zu bringen“. Offenkundig haben die „Proletarier aller Länder“ sich nicht vereinigt und auf Grundlage der Einsicht  in ihre „Klassenlage“ gehandelt, sondern fortgesetzt gegen ihre angeblichen wissenschaftlich festgestellten Interessen verstoßen.

Charismatische politische Führer haben mit der Ordnung stiftenden Idee vom Kampf „links“ gegen „rechts“, Kommunismus gegen Nationalismus, Sozialismus gegen National-Sozialismus, über Jahrzehnte den Populismus des Pöbels kanalisiert und in ihre Anhängerschaft integriert. Die politische Öffentlichkeit war ein Resonanzraum des Führer- und Parteienwettbewerbs, die Parteien warben um Zustimmung zu ihren jeweiligen Führern. 

Populismus der Verzweiflung an der Moderne

Offenbar ist der „Populismus“  ein Ausdruck mentaler Turbulenzen. „Wir stehen am Rande von etwas, das wir nicht verstehen“, formuliert der slowenische Philosoph Slavoj Žižek und stellt Marx Bonmot zu Ludwig Feuerbach auf den Kopf: Wir haben die Welt genug verändert, jetzt kommt es darauf an, sie besser zu interpretieren.

Die Erscheinungsformen von rechtem und linkem Populismus, von altgedientem und von „Neopopulismus“, von „autoritärem“ Regierungspopulismus und demokratisch-oppositionellem Populismus sind schwer auf einen Begriff zu bringen.  Alle Versuche, neue populistische Strömungen als Ausdrucksformen von sozial Benachteiligten einzuordnen und damit als klassische Protest-Ideologien abzuheften, führen nicht weit – zu unterschiedlich sind die Motivlagen. Dass sozial unzufriedene Menschen mehr zu Protestverhalten neigen als die vom Schicksal und von der Wirtschaftsordnung Begünstigten, ist plausibel -  aber keineswegs sind die „populistischen“ Bewegungen typische Proteste der Deklassierten, sondern eher solche der Mittelschichten. Es gibt keine soziale Spaltung, die nach den Visionen der Populisten zu überwinden wäre: Die Ideologien der Populisten enthalten keine soziale Utopie, die den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen entgegengesetzt würde.

Es wird viel über die Frage geschrieben, ob dem Erfolg des Populismus eher kulturelle oder eher ökonomische Ursachen zugrundeliegen. Aber die ökonomischen „Ursachen“ müssen ja irgendwie in die Köpfe kommen. Der europäischen Protestkultur des beginnenden 21. Jahrhunderts liegt keine bittere Not zugrunde, keine Verelendung - sondern vielmehr der Anspruch, mehr vom Kuchen abzubekommen, noch mehr. Die Frage ist, wie die Auflösung nationaler Grenzen der Wirtschaft, Lohnkonkurrenz mit Schwellenländern und Arbeitsmigranten sich in den Köpfen der Menschen darstellt. Für die einen liegen darin Chancen, für die anderen eine Verunsicherung und ein kulturelles Befremden.

Warum bieten die kosmopolitisch-multikulturellen Eliten mit ihrem kulturellen Liberalismus den Nichtprivilegierten keine glaubhafte Perspektive auf (künftige) Partizipation am Fortschritt mehr?

Das ist zunächst eine Frage des Diskurses. Die Argumente des Liberalismus waren von einhundert oder vor fünfzig Jahren nicht besser, es war in einer hierarchischen strukturierten öffentlichen Meinung vielleicht einfacher, die liberale Botschaft an den gebildeten Mann zu bringen, jedenfalls wenn es keine starke Gegenöffentlichkeit mit ihren Hierarchien gab. Die Nichtprivilegierten glaubten im Zweifelsfall den Gewerkschaften und den Arbeiterparteien und nicht den „bürgerlichen“ Parteien.

Die Sozialdemokratie gehört längst zum Establishment des Liberalismus, die Grünen realpolitisch auch. Das Protestpotential derer, die nicht an den Liberalismus glauben, liegt heute deutlich unter dem Niveau früherer Perioden der kapitalistischen Modernisierung. Der Unterschied liegt nur darin, dass Protestströmungen früher auf Institutionen des Protestes angewiesen waren, die ihren Sektor der öffentlichen Meinung kontrollierten, während sich heute in den  neuen digitalen Medien soziale Proteststimmungen „unkontrolliert“ verbreiten.

Nach wie vor ist es gleichzeitig so, dass kein gutes Argument die Menschen von der Richtigkeit der liberalen Gedanken so sehr überzeugen kann wie ein kleines persönlich erlebbares  Wirtschaftswunder. Insofern hat Philip Manow natürlich Recht, wenn er darauf verweist, dass in Griechenland oder Italien das liberale Europa mit großen – enttäuschten - Hoffnungen verbunden war. Aber Manow hat mit seiner politischen Ökonomie Unrecht, weil es um das Gefühl, abgehängt oder bedroht zu sein, geht. Diese Gefühle gehören zur Sphäre der politischen Kultur.

Wenn die Einwanderungswelle seit dem Jahr 2015 so sehr zu der Spaltung der europäischen Gesellschaften beigetragen haben, dann liegt das weniger als an der tatsächlichen Erfahrung der sozialpolitischen Kosten, die damit verbunden sind, sondern an dem dadurch verstärkten Gefühl, nicht mehr Herr im eigenen Hause zu sein. Als Angela Merkel ihr berühmtes „Wir schaffen das“ aussprach, hat sie das offensichtlich gespürt, sie konnte aber nicht einige Kutschen voller Getreide auf dem Marktplatz abkippen wie der französische König 1789, um die Massen zu beruhigen. In einer informierten Gesellschaft sind Ängste leichter zu verbreiten als beruhigende Hoffnungen.

Was ist also neu an dem neuen Populismus? Das Gefühl der sozialen Benachteiligung war immer da. Die Kluft zwischen den Versprechen der Demokratie und den realdemokratischen Verhältnissen der Republik war immer da. Die Zweifel an der Integrationskraft der westlichen Demokratie waren immer da, mal mehr in Zeiten der Wirtschaftskrise, mal weniger in Zeiten des unerwarteten Wachstums. Ein wichtiger Faktor im 20. Jahrhundert war die Einbindung des Gefühls der sozialen Benachteiligung durch Gewerkschaften. Die Verfechter des „Sozialismus“ stellten ihr Engagement für Lohnprozente in einen menschheitsgeschichtlichen Rahmen. Nach den gängigen Definitionen waren die Utopien der sozialistischen Protestbewegung genauso „populistisch“ wie die nationalen Volksgemeinschafts-Versprechungen, sie lebten von der Rhetorik ihrer Führer und von der Sehnsucht nach einem ganz Anderen. Der US-amerikanische Soziologe Daniel Bell hat sogar die Revolte von Frauen, Schwarzen, und anderen spezifischen Minderheiten und ihre Forderungen nach mehr Gleichheit als „populistischen“ Protest gegen die neuen technischen Eliten der „post-industriellen Gesellschaft“ bezeichnet.

Die geschichtsvergessene Politikwissenschaft rettet sich mit der Beschränkung des Horizontes auf die modernen Erscheinungsformen unseres Gespenstes im auslaufenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert. Als Kern des modernen Populismus erscheint da die Ablehnung der politisch-publizistischen Eliten, die für die Globalisierung und die Zerstörung der nationalen Großgemeinschafts-Ordnung stehen und für die Zerstörung der patriarchalischen Kleingemeinschafts-Ordnung der Familie. Die neue Rolle der starken Frau hat Männer wie Matthias Matuschek in die Arme des Populismus getrieben, „multikulti“ ist zum Synonym einer großen Verunsicherung geworden, in der die modernen populistischen Bewegungen verzweifelt nach den Resten der alten Idee von Nation suchen.

Diese Idee der Nation ist wirtschaftspolitisch längst überholt. Die wirtschaftliche Dynamik hatte am Anfang durch die Nationalstaatsbildung einen zollfreien Handlungsraum bekommen. Der Nationalstaat befreite von alten Gewerbe-Bindungen, versprach unternehmerische Freiheit, verkehrliche Infrastruktur und eine systematische strukturpolitische Förderung. Die Ökonomie ist inzwischen längst grenzüberschreitend und global geworden. Die meisten Nationen aus dem 19. Jahrhundert sind viel zu klein, um als global Player mitspielen zu können. Die politischen Strukturen dieser nationalen Kleinstaaten sind entweder Marionetten der globalen Machtzentren oder Hüter vermodernder gesellschaftlicher Reservate. Moderne populistische Bewegungen haben keine realpolitische Option, „an der Macht“ können sie sich nur blamieren - in Südamerika wie in Europa, vorgeführt von Chávez Venezuela oder Morales in Bolivien, von  Syriza in Griechenland oder von der Bewegung der „Fünf Sterne“ in Italien.

Und die andere emotionale Grundströmung des modernen Populismus, die Verzweiflung angesichts der Emanzipation der Frauen, erscheint als ein Ausdruck der Hilflosigkeit – niemand glaubt ernsthaft, dass dieser zivilisatorische Trend aufzuhalten oder gar umzukehren wäre. Wenn man die private Liebesordnung der Anhänger populistischer Bewegungen betrachtet, scheint die patriarchalische Ordnung auch da kaum eine Chance zu haben. Ihr politisches Personal hat jedenfalls genauso instabile Beziehungen wie die angegriffene etablierte Elite, mit dem Ideal der heterosexuellen und patriarchalischen Normalfamilie lässt sich der haltlose moderne Individualismus nicht zurückdrehen.

Wenn man moderne populistische Bewegungen in Europa mit Protestkulturen früherer Jahrhunderte vergleicht, für die die politikwissenschaftlichen Definitionen auffällig gut zutreffen, dann fällt zweierlei auf: Moderne Populismen sind Strömungen in einer pluralistischen Gesellschaft, in denen demokratisch gewählte Repräsentanten die Regierungsgewalt über große bürokratische Herrschaftsapparate ausüben sollen. Populistische Bewegungen stehen unter dem Druck, sich an den demokratischen Strukturen zu beteiligen - das bedeutet, dass sie sich dem herrschaftsfreien Diskurs in Parlamenten und Talkshows stellen müssen. Zweitens müssen sie im Zweifelsfall sich an einer Koalition beteiligen und unter Beweis stellen, dass sie die bürokratischen Herrschaftsapparate, in denen ganz unterschiedliche Interessen der Bevölkerung verwaltet werden, steuern und umsteuern können. An den Biografien der Politiker in demokratischen Republiken ist zu studieren, wie stark die von den Apparaten verwalteten „Sachzwänge“ sind und wie flexibel sein muss, wer da erfolgreich „eine gute Figur“ machen will. „Realitätstauglich“ sind populistische Parolen genauso wenig wie moderne populistische Führer an der Macht.

Die modernen religiösen Gemeinschaften geraten gewöhnlich nicht ins Visier der Populismus-Forscher, weil sie sich nicht so lautstark artikulieren. Diese frommen Gemeinschaften polemisieren nicht gegen die herrschende Elite, sie entziehen sich ihr und konstruieren ihr eigenes Glaubens-Volk. Sie lehnen den Pluralismus der Gesellschaft ab und sortieren alles, was nicht zur eigenen Gemeinschaft gehört als Welt des Bösen aus. Wie der politische Populismus drückt sich in religiösen Erneuerungsbewegungen ein tiefliegendes Gefühl der Bedrohung und der Sehnsucht nach einer schützenden sozialen Ordnung aus. Das „Gespräch mit Gott“ schafft ein Grundvertrauen in einer Welt, in der das bisher Verlässliche nicht weiter verlässlich scheint, in der die Routinen der alltäglichen Sicherheiten nicht tragen und das Vertrauen in die Normalität zusammenzubrechen droht.

Populismus entspringt dem verzweifelten Wunsch, mit Ideen des „guten Alten“ die Welt beherrschbar machen zu können.

 

    siehe auch die Texte zu:
    Links- und Rechtspopulismus   MG-Link
    Die politische Elite zwischen Pöbel und Zivilgesellschaft   MG-Link