Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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zu den Abschnitten

I
Medien-
Geschichte

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen

2 AS Cover

ISBN 978-3-7418-5475-0
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2 VR Titel

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion im  Jahrhundert des Auges

ISBN 978-3-7375-8922-2
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POP 55

Über traditionelle Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt
ISBN: 978-3-752948-72-1
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2 GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne
ISBN 978-3-746756-36-3
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Digitale Medien in der Erlebnisgesellschaft

2020

1. Die meisten kognitiven Abenteuer, die meisten emotionalen Erlebnisse finden heute digital – im Internet – statt. Darauf weisen Medienwissenschaftler wie Roberto Simanowski hin, etwa in seinem Essay über Digitalen Medien in der Erlebnisgesellschaft” (2008).

Auch die Utopien sind in den Cyberspace ausgewandert. Aber wo fanden sie vorher statt? Auf der Leinwand, in den Filmen. Und vorher? In den Büchern.
Ein Beispiel: Die Reise zum Mond war das Thema von Johannes Keplers phantastischen Buches „Somnium“ schon im Jahre 1608. Der britische Schriftstellers Herbert George Wells griff das Thema auf – 1901 erschien sein
The First Men in the Moon“. Einer der ersten Studio-Filme in den frühen Jahren des Stummfilms 1902 geht auf die Roman-Vorlage zurück - „Voyage dans la Lune“.

Und vor den Büchern waren die kognitiven Abenteuer Thema der Predigten, der mythologischen Erzählungen über das Leben der Götter. Im klassischen Griechenland wurden diese Erzählungen auf der Bühne theatralisch Inszeniert.

Und das ist natürlich nicht nur eine „europäische“ Tradition. Ein Beispiel für frühe „Erlebniskultur“ bietet die Herrschaftsform-Inszenierung der Mayas. Ihre Pyramiden waren höher als die in Ägypten, sie verfügten über Schriftzeichen vor den antiken Griechen. Sie führten einen genauen astronomischen Kalender, in ihrem Zahlensystem gab es eine Null (über diese kulturelle Konstruktion verfügten die Griechen und die Römer nicht und taten sich daher sehr viel schwerer mit komplizierten Berechnungen). Wofür nutzten die Maya das? In den Schriften, die gefunden wurden, geht es um große Erzählungen: Den Göttern musste geopfert werden, um sie günstig zu stimmen. Wie in allen alten Kulturen. Die großen Dramen des menschlichen Lebens - Fruchtbarkeit, Geburt, Tod, Wetterkatastrophen - wurden in den Göttergeschichten thematisiert. Sogar das Blut des irdischen Herrschers musste bei den Mayas den Göttern geopfert werden, es war das kostbarste Opfer.

In den Schriften des alten (jüdischen) Bundes war das Blut des Erstgeborenen das kostbarste Opfer. Jesus war das letzte Blutopfer der „jüdisch-christlichen“ Mythologie. Seitdem erinnert das Abendmahl daran - als symbolisches Blutopfer. Der Krimi um den Mord an Jesus - Pilates fand bekanntlich keine Schuld an ihm - und der Auferstehung und Erhebung zur Figur des Allmächtigen ist ein immer wieder gern erzählter und weitergesponnener Klassiker der Verschwörungstheorie: Beim Mord an Jesus gab es einen Hintermann, einen ganz große Drahtzieher - seinen Vater. Der wollte, dass er ermordet wird, und seine Motive bleiben in der Geschichte in allen Versionen sehr mysteriös.

Die großen Emotionen der menschlichen Erlebnisse fanden also immer in den Köpfen der Menschen statt. Die jeweiligen Medien, von der Erfindung der Sprache bis zu den digitalen Apparaten unserer Zeit, „beliefern“ die Phantasie in unseren Köpfen.

Die wenigsten Abenteuer erleben wir direkt, körperlich.
Mythologische Erzählung oder digitale Medien, was macht das für einen Unterschied? In beiden geht es um den Ernst des Lebens – aber die Medienindustrie macht die großen Abenteuergeschichten zu einem beliebig käuflichen Spiel.

 

2. Facebook ersetzt die alltägliche Kommunikation.
Schon in den archaischen Kulturen gab es small talk. „Phatische Kommunikation“ hat der polnische Anthropologen Bronisław Malinowski (1923) diese „eine Art der Rede bezeichnet, bei der durch den bloßen Austausch von Wörtern Bande der Gemeinsamkeit geschaffen werden”. Da geht es nur vordergründig um Informationen, um Nachrichten und Neuigkeiten. Eigentlich geht es das Gemeinschaftsempfinden durch Kommunikation. Das Brabbeln des Babys erfüllt diesen Zweck genauso – für Mutter und Kind. Klatsch und Tratsch stehen am Anfang der menschlichen Sprach-Entwicklung, sagt der Anthropologe Robin Dunbar.

Klatsch und Tratsch im Dorf oder im Netz – was macht den Unterschied?
In Netz gibt es „No sens of place“ (Joshua Mayrowitz), Netzkommunikation ist körperlos. Es kommt nicht mehr auf den sozialen Ort und den Platz in der sozialen Hierarchie der kommunizierenden Menschen an. Auf Twitter sind alle gleich. Die digitale Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten bedeutet eine große Horizont-Erweiterung – erkauft mit  Bindungslosigkeit, Beliebigkeit.

3. Die Bilderflut lässt die Welt der Worte schwinden.
Man beschreibt nicht mehr, was man erlebt, man schickt ein Foto. Das Foto sagt: „Da“.  
Verloren geht die Kunst der sprachlichen Beschreibung und Reflexion.
Die Selbstdarstellung im Internet bedeutet Verstummen angesichts der Bilder, sagt Simanowski. Durch Bilder und Videos in sozialen Medien werden Eindrücke festgehalten und gesammelt wie in einem Archiv – aber die Geschichten dazu werden nicht erzählt. Selfie und Klick, Ich und der Eifelturm. Kommentar: „Total geil“ - es bleibt unklar, was man erlebt und empfindet. Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte, heißt es – stimmt das?  Das stimmt nicht! Das Bild „sagt“ uns nur das, was Worte erklärt haben. Wir müssen die Geschichte kennen, um ein Bild zu verstehen.

Haben die Menschen vor dem Zeitalter der Reproduzierbarkeit beliebig vieler Bilder mehr durch Worte erklärt? Mehr Geschichten erzählt?
Wohl nicht. Die „Kunst der sprachlichen Reflexion“ war eine Minderheiten-Kultur, ein Kind der Schrift-Kultur. Die Handwerker haben im 16. Jahrhundert ihre Fertigkeiten mit einem „da, so“ erklärt - man musste zuschauen, um es zu lernen. Die „Gelehrten“ der Zeit waren davon überzeugt, dass man in der mündlichen Sprache des Volkes kompliziertere Zusammenhänge nicht aufschreiben und erklären konnte.

Es ist kein Zufall, dass Twitter, Facebook & Co primär für die populäre Kommunikation als große Horizont-Bereicherung erlebt werden – und nicht in der bildungsbürgerlichen Buch-Kultur.

Mit der digitalen Kommunikation nimmt die Schrift-Kultur in der Gesamtgesellschaft quantitativ nicht ab, sondern zu.

    Exkurs zu René Descartes, dem Vater des rationalen Denkens und Sprechens. Geboren ist er 1596, ein anti-autoritäter Krawall-Bruder, würde man heute sagen. Ein Zeitgenosse von Luther. Nicht mehr persönliche Autorität des Sprechenden ist entscheidend, erklärten die beiden, sondern die Schrift, Schriftkultur. Das ist das, wovor Platon gewarnt hat.  Totaler Zweifel gegenüber Tradition und Autorität.
    Descartes geht weiter als Luther: Nicht die eine heilige Schrift weist den Weg zur Wahrheit, sondern eigenes Denken. Er will nichts für wahr halten, was nicht klar und deutlich erkannt werden kann. Die Kriterien für dieses „klar und deutlich“ nimmt er aus der Mathematik und der Geometrie, die aus der komplexen Wirklichkeit ihre Objekte konstruieren. In der Welt der Wirklichkeit gibt es keine gerade Linie  und keinen Kreis. Es gibt 5 Eier und 5 Bananen, aber nicht „5“. Fünf Eier plus drei Bananen macht keinen Sinn, aber 5+3=8. Solche Abstraktion sind Konstruktionen des Geistes. Das mathematische Denken blendet die Umwelt weitgehend aus, genau so arbeitet übrigens unsere mentale Wahr-nehmung.
    Wahr kann nur sein, was in der Welt der Konstruktionen des Geistes klar und deutlich und unmittelbar evident ist. Alles andere ist für diese logische Wahrheit unzugänglich: Das Gefühl der Liebe zum Beispiel lässt sich nicht zerlegen.
    Wozu führt diese Logik? Evident ist für Descartes, dass es einen leeren (materiefreien) Raum (Vakuum) nicht geben kann. Evident ist, am Anfang der Entstehung unseres Planetensystems eine von Gott geschaffene Ansammlung von Materiewirbeln war. Evident ist, dass man den Sinneswahrnehmungen nicht trauen darf, weil es sein könnte, dass ein böser Dämon  auf den Verstand einwirkt und zu falschen Schlüsse verführt. Evident ist für Descartes, dass eine Wirkung nicht vollkommener sein kann als ihre Ursache. Daraus folgerte er logisch, dass es Gott geben müsse – weil die Vorstellung von Gott weit vollkommener sei als der Mensch.
    1663 wurden Descartes’ Schriften  vom Heiligen Stuhl dennoch auf den Index gesetzt.
    Begründung: Es gibt bei seinen naturwissenschaftlichen Studien zu wenig  Raum für Gott.
    Sein Zweifel hat in der Aufklärung schließlich den Sieg über den Index errungen. Klammheimlich wurde der „Index librorum prohibitorum“ 1965 außer Kraft gesetzt – 1962 umfasste er noch 6000 Bücher. Seit 1965b wurde schlicht nicht mehr erwähnt und angewandt.
    Woher Gewissheit nehmen? Die moderne Antwort von Karl Popper ist: Nur Sätze, die falsifizierbar sind und die noch nicht widerlegt wurden, können als vorläufig wahr betrachtet werden. Es gibt keine Wahrheit.

Für Descartes war das „cogito“  - ergo sum“ evident („ego sum, ego existo … quamdiu cogito“).  Stimmt das? „Ich“ ist eine komplexe Konstruktion, hat schon Ernst Mach 1885 festgestellt („Wenn ich sage ‚Das Ich ist unrettbar‘, so meine ich damit, dass dieses Ich sich auflöst in allem, was fühlbar, hörbar, sichtbar, tastbar ist. Alles ist flüchtig.“).  Oder in den Worten von Antonio Damasio (1999): „Ich fühle, also bin ich“.

4. Der Trend zur „Erlebnisgesellschaft“, den Gerhard Schulze 1992 beschrieben hat, ist älter als die digitale Kommunikation. Aristippos von Kyrene gilt  als Begründer des Hedonismus im vierten vorchristlichen Jahrhundert.  Alles muss Spaß machen. Der kategorische Imperativ der modernen Spaßkultur lautet: „Erlebe dein Leben!“ Das protestantisch-bürgerliche Ideal einer rationalen, disziplinierten und leistungsorientierten Lebensführung kommt unter die Räder des Konsumismus, so Norbert Bolz 2002 in seinem Konsumistischen Manifest.

Es scheint eine Pflicht zur Selbstverwirklichung im Spaß zu geben. Das richtet sich gegen die Götter und auch gegen die säkularisierten Götter der Aufklärung - Humanismus, Kommunismus. Der Sinn des „Selbst“ im Leben wird weniger in den großen Ideen gesucht als in den Vergnügungen des „Hier und Jetzt“ und den Freiheiten des Privaten. Wissenskultur wird zum Entertainment:  Edutainment, Infotainment, Politainment, Eatertainment, diagnostizierte Gerhard Schulze 1992. In der Erlebnisgesellschaft können Phänomene kaum noch sachlich-nüchtern vermittelt werden, alles muss dramatisch aufbereitet werden.

Das war früher auch so, jedenfalls außerhalb der streng protestantischen Schrift-Kultur, aber klar ist: Die Techniken der digitalen Kommunikation erweitern die Möglichkeiten der Inszenierung.

5. Das inszenierte ICH

Das betrifft auch das ICH. In der körperlosen digitalen Kommunikation muss niemand mehr zeigen, wer er ist – sondern nur: Wer er sein will. War das früher anders? Unter dem Titel „Kleider machen Leute“ machte Gottfried Keller 1874 darauf aufmerksam, dass dieses alte Privileg des Adels zur Kultur für Jedermann geworden war. Heute gilt: das „Kleider und Körper machen Leute” für alle.

Auffallend ist in der digitalen Kultur der Selbst-Inszenierung: Die Formen sind dieselben, weltweit. Es geht um das authentische „Selbst“ und dieses Selbst verwirklicht sich in einem weltweiten Konformismus – und Gruppenzwang. In dem scheinbar einzigartigen „ICH“ steckt viel „WIR“, das war immer so.

Während die „Techniken des Selbst“ in die digitalen Medien abzuwandern scheinen, wird ein verstärktes Bedürfnis nach Körperlichkeit deutlich. Digitale Meinungs-Äußerungen reichen nicht für die politische Auseinandersetzung, es müssen reale Plätze besetzt werden. Die Flut der Selfies reicht nicht – im Fitness-Studio wird der reale Körper hergerichtet. Tatoos vom Fuß bis an den Hals. Die Zubereitung der Nahrung wird zur Koch-Show. Die Körperlichkeit des Alltags wird ästhetisch „besetzt“ und inszeniert.

6. Der „Mikrophysik der Macht” entrinnt das ICH nicht

Wenn das Subjekt seinen Körper selbst optimiert im Sinne der gesellschaftlichen Kriterien von Perfektion und Gewinn, dann macht es ihn zum Diener, zum Unterworfenen (= subject) der gesellschaftlichen Machtstrukturen. Auch die sprachlichen Zeichen der Kommunikation sind im Sinne von Michel Foucault Medien einer „Mikrophysik der Macht“ und Instrumente der Formung des Subjektes.

Diese modernen Machtstrukturen der Ich-Inszenierungen sind besonders effektiv, weil sie auf Freiwilligkeit basieren und sich die Macht nicht als solche anfühlt. Die Machtstruktur erscheint als produktiv, sie fühlt sich nicht als repressive Macht an. Was der Blick von außen als Unterwerfung des Körpers erscheinen lässt, kann sich von innen als „gespürter Leib“ stimmig und subjektiv gut anfühlen. Eine Wahrheit zwischen diesen beiden Blickwinkeln gibt es nicht.

An die Beschreibung der Mikrophysik der Macht wird von außen die Anforderung herangetragen, dass sie Hebelpunkte für Widerstand aufzeigen müsse. Diese Anforderung, die ebenso die kritische Theorie von Adorno und sein Diktum: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ betrifft, ist dem Zeitgeist geschuldet. Auch Foucault ist den Versuchungen des Zeitgeistes erlegen, als er im Rahmen der frühen Euphorie über die „iranische Revolution“ versuchte, die religiöse Protestbewegung als Form subjektiver Befreiung von Macht überhaupt zu interpretieren: „Nur bei solch einer radikalen Veränderung unseres Erlebens wird es eine echte Revolution geben“, formulierte zu der Befreiung des Iran vom amerikanisch gestützten Schah-Regime. Die religiöse Befreiung hat sich aber schnell als neue „Mikrophysik der Macht“ der Mullahs entpuppt. Foucault hat die auf Ethik hin orientierten Moral in den philosophischen Schriften der antiken Sklavenhalter-Gesellschaft gesucht, auch das war hilfreiche gute Idee. Eine „echte Revolution“ – vermutlich im Sinne des Songs „Keine Macht für niemand“ – gibt es eben nicht, aber es gibt auch kein objektivierbares Kriterium dafür, ob ein „Leben im Falschen“ sich als richtig anfühlt oder nicht.

    siehe auch die Texte
    Körper haben, Leib sein  
    MG-Link
    Kommunikatives Kraulen  
    MG-Link
    Digitale Realität  MG-Link
    Selbst im Netz  MG-Link