Klaus Wolschner  Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien
-Theorie

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Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
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Individualität und Sozialität

Individualität ist eine Selbstzuschreibung in einem kulturellen Kontext.
Der bildungsbürgerliche Individualismus ist eine elitäre Selbstzuschreibung.
Im 20. Jahrhundert demokratisiert sich der Individualismus - massenhaft wird Individualität vornehmlich im Konsum erlebt.
Die Digitalisierung der Gesellschaft vollendet die Auflösung körperlich erfahrbarer Sozialität

 2021

Der moderne Mensch begreift sich als Individuum. In früheren Jahrhunderten war das vor allem das Privileg einer Elite war – eben der sozialen Machthaber oder der „geistigen“ Machthaber, der Theologen und Philosophen, der gebildeten Bürger. Die Vorstellung, dass es einem jeden Menschen möglich sein müsse, sein „eigenes“ Leben zu führen, kennzeichnet die europäische Moderne. Sie liegt den Menschenrechten zugrunde, die bekanntlich am Anfang nicht für die in die USA verschleppten kolonisierten Menschen gedacht waren. Die Idee der Individualität war auch nicht für das Gesinde gedacht, nicht für Menschen ohne Vermögen und aufgeklärte Bildung.

Im 20. Jahrhundert kann man niemandem mehr verwehren, Semantiken des Individualismus zur Selbstbeschreibung zu benutzen und „ich“ zu sich selbst zu sagen. Jedermann darf stolz auf seine „Ecken und Kanten“ sein und behaupten, das eigene Leben sei mehr als „Dienst“ an der Gemeinschaft und habe einen eigenwilligen Sinn. Anstelle der aufgeklärten Bildung wird das Selfie wird zur kleinen Münze der Selbst-Inszenierung, bemerkt der Berliner Soziologe Hans-Peter Müller abfällig, eine „leere Form der Individualisierung“ werde zum Muster der Alltagskultur. Er bezieht sich auf den großen Soziologen Georg Simmel, der vor hundert Jahren die Demokratisierung als die „Tragödie moderner Individualität“ diagnostizierte. Im frühen 20. Jahrhundert eröffnete die Konsumwelt ein weites Feld, in dem man – und besonders auch „frau“ - für kleines Geld seinen Individualismus ausleben konnte. Das erschien den Priestern des Bildungsbürgertum als Krise des Individualismus.

Aber wenn Individualität die Möglichkeit beschreibt, sich als Einheit mit Eigenarten und in diesem Sinne sein Ich als einzigartig sprachlich zu beschreiben und zu verstehen, dann liegt in der Demokratisierung dieses Bildungsideals ein gesellschaftlicher Fortschritt.

Individualität und Sozialität gehören untrennbar zusammen. Die Formen der Individualität, auch die eingebildeten, finden in Formen der Sozialität ihre Entsprechung. Im Zuge der Modernisierung lernten die Menschen sich als Individuen zu empfinden in dem Maße, wie sie die Chance hatten, sich gegenüber traditionellen sozialen Gemeinschaften zu distanzieren und überkommene Selbstverständlichkeiten als Zwänge zu erleben. Sie befreiten sich von der Dorfgemeinschaft, von der Scholle, von der Familie. Die Stadt lockte mit deutlich mehr Chancen, eigene Beziehungen, Kontakte und Kommunikationsformen frei zu wählen – auch wenn das im Grunde nur eine Wahl zwischen verschiedenen Angeboten war, in welche „Sozialität“ man sich einbindet. Diese Freiheit, sich selbst zu binden, ist entscheidend für die Selbstwahrnehmung als Individuum. Die freie Entscheidung wird als Ermächtigung erlebt, auch wenn für den Blick von außen die neue Bindung genauso Unterordnung und nicht weniger eng ist als die alte.

Der Arbeiter, der nach dem bürgerlichen Außenblick von Karl Marx nur seine Arbeitskraft zu Markte trägt, empfindet sich gleichwohl als befreiter Mensch - im Rückblick auf das Dorf, dem er entflohen ist. Zu der Freiheit gehört das Risiko: Während das Leben der vorbürgerlichen bäuerlichen Schichten über Generationen vor allem die Wiederholung desselben Kreislaufes bedeutete und damit Sicherheit versprach, wird das Leben in der Stadt zunehmend zum Spiel mit offenem Ausgang.

Die Arbeitsteilung unterwirft die arbeitenden Klassen einer neuen Ordnung, die strenger sein mag als die alte, aber indem sie mit einer Rollendifferenzierung einhergeht, nährt sie das Empfinden des Individuums: Ich könnte meinen Arbeitsplatz wechseln und einem anderen Fabrikherren diesen, die Stadt wechseln - gar den Kontinent oder die berufliche Tätigkeit. Was von außen als beliebiger Wechsel beim Verkauf der Arbeitskraft erscheint, fühlt sich von innen als große Freiheit an, wobei das Gefühl „Ich könnte...“ für die individuelle Freiheit schon ausreicht, selbst wenn die Abwägung des Pro und Contra am Ende dazu führt, dass aus freien Stücken alles beim Alten bleibt. Jedenfalls was die soziale Einbindung in den Arbeitsprozess angeht. Die gedanklich durchgespielte Möglichkeit, zwischen verschiedenen Rollen (-Zumutungen) zu wählen, erscheint als Freiheit. Und während es diese Illusion von Individualität im Arbeitsprozess immer weniger gab, wuchsen ihre Chancen in der Welt des Konsums. 

Der romantische Individualismus des 19. Jahrhunderts

In der Aufklärung wurde die mythologisch und metaphysisch begründete religiöse Welteinheit kritisiert. Nicht mehr als  gottesebenbildliches Geschöpf (1) erlangt der Mensch seine Würde und Besonderheit, sondern als denkender Schöpfer seiner selbst. Im Menschenbild der Aufklärung konnte sich der Mensch als ein besonderes Individuum aber nur in einer vernünftigen Gesellschaft verwirklichen. Aufgeklärtes Denken sollte es jedem Menschen ermöglichen, „selbstverschuldete Unmündigkeit“ in den sozialen Bindungen zu überwinden. Das war die philosophische Begleitmusik zu einer sich sozialgeschichtlich vollziehenden Auflösung sozialer Bindungen. Auf dieser Ungebundenheit basierte die Idee der  Gleichheit der vernünftigen Menschen. Die Vernunft wurde den familiär weiterhin eingebundenen Frauen mit Hinweis auf ihre biologische Funktion abgesprochen. Und auch die Mehrheit der bäuerlich geprägten Menschen hatte keinen Zugang zu aufklärerischem Denken, ihren sozialen Bindungen entsprach ein affektives, phantasiegesättigtes Denken.

Le Bons Psychologie der Massen (1895) hat dann beschrieben, wie wenig die in die Städte ausgewanderte bäuerliche Mentalität den Ansprüchen an aufgeklärte Individuen entsprechen konnte. Die Psychologie Sigmund Freuds wurde zu einer Wissenschaft, die die Grenzen der aufgeklärten Vernunft im Unbewussten analysierte. Als Individuen wollten sich diese Menschen aber durchaus verstehen.  Und selbst die Arbeiter suchten sie die bürgerlichen Muster zu imitieren, was die Sozialdemokratie als „kleinbürgerliche Bedürfnisse“ denunzierte - in ihrem Familienleben, ihrer Freude an Besitz und ihrem Bildungsstreben.

Für das ausgehende 19. Jahrhundert diagnostizierte Georg Simmel einen „romantischen Individualismus“, dessen Kern eine Sehnsucht nach individueller ‚Selbstverwirklichung' und Einzigartigkeit jedes Menschen sei. Der Bourgeois sprach aber dem Pöbel die Individualität ab. Simmel fand dafür deutliche Worte: Er diagnostizierte einen „Mangel an Definitivem im Zentrum der Seele“, der Massenmensch erschien ihm getrieben, „in immer neuen Anregungen, äußeren Aktivitäten eine momentane Befriedigung zu suchen“. Für Simmel ist die diagnostizierte „wirre Halt- und Ratlosigkeit“ in dem „Tumult der Großstadt“ verortet und äußert sich als „Reisemanie“. Das Volk will seinen engen Horizont überschreiten und wenigsten auf dem Feld des Konsums teilhaben am Individualismus - Simmel kann das nur als „moderne Treulosigkeit  auf den Gebieten des Geschmacks, der Stile,  der Gesinnungen, der Beziehungen“ verachten, wie er in seiner „Philosophie des Geldes“ im Jahre 1900 schrieb. Adorno konnte mit seiner Kritik der Massenkultur nahtlos anknüpfen.

Für die klassische Norm erfüllter Individualität hat für Simmel und seine Zeit niemand Geringeres als Goethe Modell gestanden, alles darunter konnte er nur als Tragödie begreifen. Wobei da natürlich nicht Goethe als Mensch aus Fleisch und Blut gemeint ist, sondern der geistige Goethe, dessen Individualismus sich vor allem in den Imaginationen seiner Texte verwirklicht - da hat Goethe die Freiheiten des Menschen ausgelebt und in die Phantasie der folgenden Generationen die Begriffe und Erzählmuster der Selbstzuschreibung eingepflanzt.

Die massenhafte, demokratische Ausbreitung des Individualismus im 20. Jahrhundert war aber schon nicht mehr gekoppelt an die Maßstäbe aufgeklärten Denkens, sondern an die Möglichkeiten der Inszenierung von Besonderheit insbesondere im Konsum.

Individualismus im ausgehenden 20. Jahrhundert

Individualisierung erscheint im ausgehenden 20. Jahrhundert in den reichen westlichen Konsumgesellschaften als weitreichende Subsumtion der Menschen unter die Angebote und Nachfragen des Warenmarktes.
Die Auflösung traditionaler Milieus geht so weit, dass der Zerfall solidarischer Familien- und Gemeinschaftsstrukturen kompensiert werden muss durch eine staatlich garantierte soziale Gerechtigkeit und Fürsorge. Das Kümmern um gebrechliche Eltern oder hilfebedürftige Familienmitglieder soll staatlich gewährleistet werden, weil die Individuen es für eine „Überforderung“ und „Zumutung“, das heißt: für eine zu starke Einschränkung ihres individuellen Selbstverwirklichungs-Strebens halten. An dem Beispiel wird die Verschiebung sozialmoralischer Normen deutlich.

Die intellektuellen Protagonisten der der kulturellen Revolte der 1968er Jahre  gingen noch von der alten Idee des „romantischen Individualismus“ aus, nach der das „wahre Selbst“ des Individuums nur aufzufinden und zu spüren sei, man musste es aus den entfremdenden gesellschaftlichen Überformungen befreien. Selbstfindung bedeutet Befreiung von gesellschaftlichen Zwangen, als deren mächtigste Spielart inzwischen die „Kulturindustrie“ erschien. Geradezu selbstverständlich gingen die Studenten davon aus, dass Selbstverwirklichung auch in der Arbeit stattfinden könne und müsse. Die neuen Theoretiker dieser alten romantischen Idee waren u.a. Herbert Marcuse und Wilhelm Reich, zu den bissigen Kritikern der „Priesterherrschaft der Intellektuellen” gehörte Helmut Schelsky mit seinem Hinweis: „Die Arbeit tun die anderen” (1975) und Richard Löwenthal mit seiner Diagnose „Der romantische Rückfall“ (1970).

Das scheint ein letztes Aufleben des alten romantischen Individualismus gewesen zu sein. In den 1980er Jahren verlor sich das antikapitalistische Selbstbild in den Protestbewegungen – das neue ökologische Weltbild der Ökologie passte einerseits für „alternative“ Lebensformen des Verzichts auf Luxus und Konsum-Zwänge, es nahm der Suche nach einer Alternative aber den unbedingten Stachel. An der Entwicklung der Partei „Die Grünen“ in Deutschland ist dieser Wandel nachvollziehbar. Aus einem Sammelbecken für Protest-Gruppen wurde eine Repräsentanz von konsumfreudigen akademischen Mittelschichten, die nur eben „anders“ konsumieren wollten – zunächst nur umweltfreundlich und ohne „Atom“, dann systematisch ökologisch und schließlich auch CO2-frei.

Die Grünen waren dabei nur Teil eines gesellschaftlichen Wandels: Der Warenmarkt reagierte dankbar auf ein Ende der Verzichts-Ideologie und nährte die steigenden neuen kaufkräftigen Bedarfe nach „gesunden“ Lebens-Mitteln. Die Schaufenster der Warenwelt erweiterten ihr Angebot für die Interessenten „vielfaltiger Selbstpraktiken zur einzigartigen Selbsterfindung der eigenen Lebenscollage“ (Undine Eberlein). Das Individuum musste sich nicht mehr selbst „finden“, sondern sein Selbst geradezu theatralisch erfinden im Sine von inszenieren: „Die Einzelnen werden mit einem ständigen Strom neuer Bilder, Codes und Anreize aus einem schier unendlichen globalen kulturellen Reservoir konfrontiert, aus dem sie in eigener Regie und Verantwortung eine immer wieder neue Auswahl von Elementen zur Nachahmung und Aneignung treffen (sollen).“ Während der alte romantische Individualismus die „Konsumindustrie“ als verlockende Fremdbestimmung der Individuen ablehnte, bedient sich der moderne Individualismus bei den Mustern der glitzernden Warenwelt. Selbst die Normen körperlicher Schönheit entstammen der Warenästhetik. Dieser neue „romantische Individualismus“ der Freizeit-Gesellschaft ermöglichte eine Versöhnung mit dem - für die entsprechenden Karrieren erforderlichen - Leistungs- und Konkurrenzdenken. Die Faszination der Freizeit lässt vergessen, dass das Individuum mit der Unterwerfung unter das Arbeitsregime sauer einiges Geld dafür verdienen muss und dass die Geld- und Arbeitgeber großen Wert darauf legen, dass sich das Individuum in der Freizeit leistungs- und marktfähig reproduzieren kann.

Der konsumistische Hedonismus wurde zum Geist der totalen Freizeitgesellschaft. Die Werbung für den Freizeit-Konsum befriedigt das Bedürfnis nach Sinnstiftung, nach Originalität und sozialer Anerkennung. Im Konsum kann auch jede Frau ganz Individuum werden. Das Warenhaus erscheint als wahres Reich der Freiheit.

Nur der Blick von außen zeigt, wie sehr „Sozialität“ hinter dem Rücken des Freiheitsbewusstseins regiert. Die Individuen wollen sich von der Masse unterscheiden und bedienen sich dann doch aus dem Regal eines inzwischen globalen Warenhauses. Dass dann andere ähnlich erscheinen, irritiert zwar das Gefühl der Exklusivität, es befriedigt aber die Sehnsucht „dazu zu gehören“. Die Objekte sind normiert und über die Kommunikation von Moden kommt am Ende doch nur wieder Uniformität heraus. Die Faszination der Moden zeigt übrigens, wie schwer es ist, wirklich Individuum zu sein - und sei es nur bei der Frage, welche Hose schön ist und welchen Hut man aufsetzen möchte. Wenn von dem Stil einer Epoche die Rede ist oder von einer Nationalkultur, dann zeigt sich daran die alte Faszination einer Zugehörigkeit zu einem sozialen Großen, in dem die jeweilige Freiheit der vielen Einzelnen versinkt. Im 20. Jahrhundert wurde aus dem Pöbel das souveräne Volk, das Individuum bleibt aber nicht nur am Arbeitsplatz dem Regime der arbeitsteiligen Produktion unterworfen, es möchte sich als Teil eines großen Sozialen empfinden und als nationales Kollektiv feiern, auch wenn als Volk da nur Zuschauer spielen kann wie die Fangemeinde der jeweiligen Nationalmannschaft.

Die Behauptung einer bedeutsamen Einzigartigkeit jedes Menschen ist eine Fiktion wie die Vorstellung von der Gleichheit aller Menschen, die dem Individualismus der Aufklärung zugrunde liegt. In der Vorstellung der Gleichheit aller Menschen steckte eine politische Sprengkraft für vordemokratische Gesellschaften. Auch in dem romantischen Individualismus steckt eine Ressource des Widerstands für die moderne arbeitsteilige Arbeitsgesellschaft, in der jeder ganz unromantisch seinen kleinen beschränkten Teil an seinem beschränkten Arbeitsplatz zum Bruttosozialprodukt beitragen soll. Nur die Welt des Konsums erfüllt das Bedürfnis des romantischen Individualismus.

Das System der Warenwirtschaft erweist sich als unendlich flexibel. Die Produkte der Warenwelt machen sogar aus der Kritik an der Warenwelt ein Geschäft. Auch an Bioprodukten wird gut verdient, das zeigen die Bio-Sortimente in den Supermärkten. Es scheint kaum störend, dass die Werbeindustrie ihre Botschaft auf T-Shirts und Markenhemden aufdruckt – wer sich daran stört, greift zu den Angeboten einer individuell bedruckten Textilie. Das Ideal der individuellen Einzigartigkeit mit seinen existentiellen Fragen „Passt das zu mir?“, „Würde ich mir damit untreu?“, „Ist dies das Leben, das ich führen will?“ (Eberlein) liefert die kaufkräftigen Individuen der Werbung aus. Die Suche nach den emotionalen und lebensgeschichtlichen Hintergründen des subjektiven Gefühls der „Authentizität“ wird von dem Markt der Psycho-Dienstleistungen bedient.

Die Welt des käuflichen Konsums bietet den romantischen Individuen eine Möglichkeit, mit dem Griff ins Portemonnaie ihre Einzigartigkeit darzustellen, wo die „Suche“ nach dem inneren Wesen noch eine intensive tiefenpsychologische Auseinandersetzung und ggf. therapeutische Begleitung erfordern würde. Während man, um sich als etwas Besonderes darzustellen, vorher noch Hermann Hesse, Proust im Regal oder zumindest die ZEIT unter dem Arm brauchte, reichen im Zeitalter der digitalen sozialen Medien ein paar Klicks für eine Inszenierung auf der Facebook-, Instagram- oder TikTok-Seite.

Das Warenlager des glitzernden Konsums bietet allen dasselbe

Je differenzierter eine arbeitsteilige Gesellschaft wird, desto größer die Bedeutung des Geldes als Medium und Symbol, das den Austausch und damit die Vergleichbarkeit der verschiedenen Produkte und Tätigkeiten ermöglicht. Auch der Geldreichtum als Distinktionsmittel wird demokratisiert, Kinder lernen in ihren sieben oder 11 Euro Taschengeld, was den Unterschied ausmacht. Die Gegenstände sind käuflich und die Tätigkeiten bepreist, das lässt sie vergleichbar und berechenbar erscheinen.

Wer genügend Reichtum hat, kann sich sogar eine Kultur der Innerlichkeit leisten - als Distinktionsmittel gegenüber der Kultur des Massenkonsums. Das klassische Bildungsideal bleibt bis heute die Folie, vor der die zeitgenössische Soziologie die Anpassungsleistungen des „kleinen Mannes“ in der modernen Gesellschaften als Verzicht oder zumindest Behinderung von Individualität beschreibt: Das Selbst wird dem Zwang der Selbstvermarktung unterworfen und zum „unternehmerischen“ Selbst, der Netzwerkmensch bastelt seine Biografie von Projekt zu Projekt, der „flexible Mensch“ ist durch die Korrosion seines Charakters charakterisiert. Nur „prekäre Individualität“ (Müller) kann der Masse attestiert werden – als ob in der bildungsbürgerlichen Selbstzuschreibung nicht auch das „WIR“ das „ICH“ dominieren würde und die Normen der Sozialität der Individualität ihre Grenzen aufzwängen.

Das protestantisch-bürgerliche Ideal einer auf die Arbeit bezogenen, disziplinierten und angestrengt leistungsorientierten Lebensführung kommt unter die Räder des Konsumismus, so Norbert Bolz 2002 in seinem „Konsumistischen Manifest“Einzig der „Konsumismus“, so die provozierende These von Bolz, ist in der Lage, den ideologischen Krieg zwischen Fundamentalismus und Kapitalismus zu überwinden.

Die Konsumwelt braucht alle gleichermaßen als Kunden, Frauen mehr noch als die Männer, Herren und Knechte, selbst die, die in der Welt der Arbeit überflüssig geworden ist. Und wenn man schon alles hat, was man braucht, kann man sich an der Vermehrung des Geldes erfreuen, verspricht es doch, später einmal irgendetwas zu kaufen (was man nicht braucht), entscheidend ist die Kauf-Lust, und kann man sich auch leisten, richtig sozial zu werden und sich um die arme Natur oder arme Menschen zu kümmern. Im Kaufrausch lassen sich Langeweile und Perspektivlosigkeit vergessen. Erst in der Konsumwelt erfüllt sich paradoxerweise das Gleichheitsversprechen der Aufklärung. Die Welt des glitzernden Konsums verspricht Freiheit, Geborgenheit, Gesundheit, Individualität, Liebe und Sinn. Individualität und Sozialität scheinen wie von einer unsichtbaren Hand verschmolzen.

     dazu auch mein Text „Konsumismus oder Communis-mus“  MG-Link

    vgl. auch die Texte
    Bewusstsein des Selbst - über das  ICH-Erleben im Verlauf der Evolution des Bewusstseins MG-Link
    Wie kommen Menschen zu Bewusst-Sein? MG-Link
    Das I
    ch hat auch eine Mediengeschichte: Schrift, Buchdruck-Kultur
         und die Gesellschaft der Individuen  MG-Link
    Selbst im Netz - Identitätskonstruktionen des „Wir-Ich” und Techniken des Selbst
           in der digitalen Medien-Gesellschaft 
     
    MG-Link


    Lit.:
    Martin Altmeyer, Im Spiegel des Anderen: Anwendungen einer relationalen Psychoanalyse (2003)
    Norbert Bolz, „Das Konsumistische Manifest“ (2002).

    Undine Eberlein, Einzigartigkeit. Das romantische Individualitätskonzept der Moderne (2000)
    Undine Eberlein (Hg.), Zwischenleiblichkeit und bewegtes Verstehen  (2016)
    Hans-Peter Müller, Wie ist Individualität möglich? in Zeitschrift für Theoretische Soziologie 01/2015
       online abrufbar
    Link (Zugriff 01-2021)

    Norbert Ricken, Rita Casale, Christiane Thompson (Hrsg.), Die Sozialität der Individualisierung (2016)

    (1) Stichworte zur Vorgeschichte des Individuums:
    Im antiken Ägypten waren die Menschen in ihre Gemeinschaft eingebunden, auch räumlich. Das spiegelte sich in dem Jenseitsglauben wider - auch die Toten waren lokal gebunden: Wer in der Fremde starb, konnte nicht die nötige sorgfältige Behandlung für das Leben im Totenreich erwarten. „In der ägyptischen Malerei ist nicht das einzelne Individuum und dessen Subjektivität wichtig, sondern die Dinge und die ihnen zugehörige Ordnung und Form.“ (Peter Normann Waage, Ich: Eine Kulturgeschichte des Individuums (2014)
    Nach dem ägyptischen Selbstverständnis bestand der Mensch aus seinem Körper und zwei Typen von Seele: Ka und Ba. Ka bezieht sich auf den Körper, hält ihn zusammen und bleibt beim Körper bis zum Tod. Ba ist der Teil der „Seele“, die den Körper während des Schlafes verlässt. Ba wird in Form eines Vogels mit Menschenkopf dargestellt. Der römische Historiker
    Diodoros hat verwundert beschrieben, wie eng für die Ägypter die Welt der Lebenden und der Toten verbunden war: „Sie nennen die Wohnungen der Lebenden Herbergen, die Gräber der Toten aber ewige Häuser.“ Das Totenreich hieß „Land des Lebens“ und der Sarg wurde „Herr des Lebens“ genannt. Zur Biografie eines Menschen gehörte sein Leben nach dem Tod und was er in diesem Leben getan oder unterlassen hatte, prägte sein Schicksal im Reich der Toten.

    Einen Bruch mit der langen ägyptischen Tradition verkörpert der Pharao Amenhophis IV. (=„der Sonnengott Amon ist zufrieden“), der von ca. 1364-1346 regierte. Er nannte sich Echnaton, was bedeutet: Aton, der Sonnenschein ist angenehm. Er versuchte die Priesterschaft in Theben zu entmachten, verlegte seinen Herrschersitz nach Achet-Aton, „Atons Horizont“ (heute Al-Amarna), einer neu gegründeten Stadt und ließ auf den Statuen die Namen der Götter Ägyptens durch seinen Gott Aton ersetzen. Die jährlichen rituellen Feste wurden umgewidmet. Aton wurde vorgestellt als die Personifikation der lebensspendenden Kraft der Sonnenscheibe. Echnaton ließ sich gleichzeitig als Individuum darstellen. Die Statuen stellen Echnaton als Person dar, nur die ihn umgebenden Symbole zeigen, dass wir einen Pharao vor uns haben. Echnaton sitzt scheinbar privat mit seiner Frau Nofretete zusammen, die er zärtlich berührt, er spielt mit den Kindern. Von Echnaton werden persönliche Eigenschaften und Entscheidungen berichtet – ganz im Gegensatz zu den Rollenbildern der früheren ägyptischen Pharaonen. Sein Nachfolger Tut-ench-Amon beendet die Episode – er führt den Amon-Kult wieder ein.
    Nach Echnatons frühem Tod wütete in Ägypten eine schreckliche Pest, das wurde als Strafe für die Blasphemie des Pharao interpretiert. Das Gedächtnis an Echnaton wurde in Ägypten ausgelöscht. Echnaton war eine Ausnahmeerscheinung, er hatte in Ägypten keine Wirkung in seiner Zeit. Erst 1887 fand eine ägyptische Bäuerin einige Tontafeln in der Erde, die von ihm und seinem Sonnengott-Kult berichtete.


    Schon im späten Mittelalter verbreitete sich der Gedanke der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Jeder Mensch steht – in der ägyptischen und jüdischen Tradition waren das nur die Propheten (1) – Gott gegenüber und wird nach seinem persönlichen Leben bewertet. War der menschliche Wille traditionell als Marionette undurchschaubarer teuflischer oder göttlicher Mächte interpretiert worden, die Menschen verzaubern und entzaubern konnten, so wird der Mensch als Ebenbild Gottes ein unteilbares, einzigartiges „In-dividuum“. Dieser Mensch denkt und handelt kraft eigener Vernunft – und kann mit seiner Vernunft Gottes Wille erkennen. Unerhört - der Mensch vermag Gottes Schöpfung zu erkennen. Die Gottesebenbildlichkeit wurde in der Tradition von Pythagoras formuliert - der Mensch sei das Maß aller Dinge, eine Verkörperung des Logos. Das neue Denken wurde mit neu interpretierten Zitaten aus der Bibel gegen die kirchliche Tradition gerechtfertigt.

    Die eigentliche Geburtsstunde des Individuums ist die europäische Renaissance, erklärte der Schweizer Kulturtheoretiker Jacob Burckhardt (1818-1897). Wann begannen die Menschen in Europa, sich als Individuen zu denken und was waren die soziologischen Gründe für dieses neue Bewusstsein?