Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Texte zur  Kommunikation
von Religion

 

Kultbild-Verehrung in der Antike

8-2012

In Trier gibt es eine antike Venus-Statue aus Marmor aus der römischen Kaiserzeit, von der nur noch ein unförmig erscheinender Unterkörper erhalten ist. Dass es sich um die schöne, halb bekleidete Liebesgöttin gehandelt haben muss, lässt sich nur noch durch den Vergleich mit anderen antiken Venus-Kopien der Aphrodite aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert erschließen: Die Venus in Trier wurde über Jahrhunderte regelrecht gesteinigt - von christlichen Pilgern. Erst als in der Folge der Französischen Revolution das Matthias-Kloster aufgelöst wurde, kam die Statue 1811 ins Rheinische Landesmuseum.

Venus von Trier

links
die Reste der gesteinigten
Venusstatue in Trier

rechts
eine erhaltene
Aphrodite von Capua

Aphrodite

Der Rumpf einer marmornen Venus von Trier war in Ketten gelegt. Durch  die Steinigung konnten die Pilger ihren Abscheu vor dem Götzen bestätigen. Die Pilger demonstrierten offenbar auf diese Weise auch die Überlegenheit ihrer Religion: Eine Sandsteintafel, die um ca. 1500 von den christlichen Pilgern neben dem Götterbild angebracht worden waren, spricht zu seinen Betrachtern:

„Wolt ihr wissen / was ich bin.
Ich bin gewest ein Abgottin.
Do S(ankt) Eucharius zu Trier quam
Ehr mich zuorbrach / mein Eher abnam /
Ich was geehret als ein Gott
Jetzt stan ich hie der Welt zuo spott“.

In dem nebenstehenden original-lateinischen Text formuliert die Venus ihre Einsicht in die Überlegenheit des Christentums noch drastischer: „Nun Rumpf verruchter Gottheit werde ich als eitel verachtet. Hingeworfen werde ich verachtet".

Die Ablehnung heidnischer Götterbilder in die Frühzeit des Christentums hat der aus Nordafrika stammende Autor Minucius Felix im 2./3. Jahrhundert in Rom in seinem „Octavius“ formuliert und sozusagen entmythologisiert:

„Wer zweifelt da noch, dass es nur ihre Bilder sind, die von der Menge angebetet und öffentlich verehrt werden? Dabei werden Sinn und Verstand der Unerfahrenen durch die künstlerische Feinheit getäuscht, durch den Glanz des Goldes geblendet, durch die Strahlen des Silbers und den Schein des Elfenbeins betört. Käme es jemandem in den Sinn zu bedenken, mit welchen Marterinstrumenten und mit welchen Werkzeugen jedes Götterbild hergestellt wird, er würde sich schämen, einen Stoff zu fürchten, den ein Handwerker erst misshandelt hat, um einen Gott zustande zu bringen.“

Die Steinigung ist nicht allein durch die Sorge zu erklären, dass die (heidnischen) Götterbilder die Menschen täuschen könnten. Vielmehr wurde den Götzenbildern vielfach eine dämonische, übernatürliche Kraft nachgesagt.  Sie konnten auch weissagen. Den christlichen Legenden zufolge besaß auch die Trierer Statue eine zauberische Wirkung. Sie soll in einer Prophezeiung die Ankunft des christlichen Bischofs Eucharius in Trier vorhergesagt haben. Danach sei sie für immer verstummt.

Die Frage, ob die Menschen in der Antike wirklich die Götterbilder und die Statuen selbst anbeteten oder nur als Abbild des immateriellen Gottes betrachteten, „ob das Götterbild als reiner Zeichenträger fungiert oder das Dargestellte  repräsentiert, es im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert“ (Klöckner) ist eine akademische Frage. Der Unterschied bestand in der antiken Volksfrömmigkeit nicht.

Die praktizierte kultische Versorgung von Götterbildern bezeugen, dass „Götterbilder behandelt (wurden), als ob sie keine leblosen Objekte wären, sondern für Sinneseindrücke empfänglich“. Sie dienten „als Medium der Kommunikation mit den Gottheiten, standen aber auch selbst im Fokus des Rituals und waren Gegenstand der Verehrung. Das Ritual ist nach den Regeln sozialer Interaktion zwischen kommunikationsfähigen und -bereiten Akteuren gestaltet.“

Man schrieb den Bildern nicht nur passive Sensibilität zu, sondern auch die Fähigkeit aktiver Äußerung bis hin zur Artikulation - zumindest potentiell und temporär.  „Das laute Gebet gegenüber einer Statue, wie es in der Antike üblich war, richtete sich an ein hörendes Gegenüber – und zwar nicht an ein irgendwo in himmlischen Sphären befindliches Gegenüber, sondern an ein körperlich anwesendes Gegenüber. Vielfach bezeugt ist der Wunsch, dem Götterbild etwas ins Ohr zu flüstern.“ (Klöckner) Durch Berührung kann der Kontakt noch verstärkt werden.  Blickkontakte spielten ebenfalls eine wichtige Rolle. Bei Euripides warnt Andromache ihre Gegnerin davor, in Anwesenheit des Götterbildes der Thetis Drohungen auszustoßen: „Siehst Du das Bild der Thetis zu dir hinblicken?“

Die Statuen wurden aufwendigen Wasch- und Reinigungsrituale unterzogen und kultisch eingekleidet. Beim Verzicht auf dieses Umsorgen sah man die Gefahr, dass der Schutz der Gottheit für ihre Polis nicht mehr in vollem Umfang gewährleistet sein könnte. Jede temporäre Abwesenheit der Statue konnte zu einer Krise führen. Auch sprachlich sind Göttername und Götterbild oft gleichgesetzt gewesen. In der Ilias wird von einem Bittgang der Königin in den Tempel der Stadtgöttin Athena berichtet. „Dann betete sie zur Tochter des allmächtigen Zeus und gelobte: ‚Herrin Pallas Athena, Stadtschirmerin, edelste Göttin!‘ … Athena aber nickte Verneinung“.

Platon, der gebildete und gegenüber der Wahrnehmung skeptische Philosoph, formulierte den engen Zusammenhang so: „Manche Götter verehren wir nämlich, indem wir sie mit eigenen Augen deutlich sehen, von anderen dagegen verehren wir Abbilder, indem wir ihnen Statuen errichten; und wir glauben, wenn wir diese Götter, obwohl sie unbeseelt sind, verehren, so würden uns jene beseelten Götter deshalb reichlich Wohlwollen und Huld schenken“.

Der Bildhauer Praxiteles fertigte ein Bild der Aphrodite und in einem Epigramm wird berichtet, dass Aphrodite es gar nicht habe fassen können, wie gut Praxiteles sie mit der Statue getroffen habe – „die Gottheit selbst beglaubigt ihr Bild“. (Klöckner)

Die monumentale Sitzstatue des Zeus aus Olympia, die von Phidias wohl nach 437 v.u.Z. angefertigt wurde, soll für Zeus das liebste Standbild auf der ganzen Erde gewesen sein. Als der Legende nach Caligula die Statue nach Rom abtransportieren wollte, soll die Zeusstatue dröhnend gelacht haben – das für die geplante Demontage aufgestellte Gerüste stürzte ein.

Auch die bildlichen Darstellungen der Zeit unterstellen die „Realpräsenz von Gottheiten in ihren Statuen. (…) Bilder verkörperten Gottheiten, besaßen darüber hinaus aber auch die Option, zu deren temporären Körpern zu werden. Gerade die Diskurse in den visuellen Medien lassen durchscheinen, dass ein Bild ein Gott sein konnte, wenn der Gott es so wollte.“ (Klöckner)

 

Diese Ambivalenz ist übrigens der christlichen Frömmigkeit bis heute eigen, wenn gesagt wird, dass Gläubige vor den Bildnissen oder Statuen von Heiligen besser beten können. Auch die Kerzen, die vor Reliquien oder Heiligenbildern angezündet werden, dürfen keinesfalls aus Gründen der Luftverschmutzung oder Brandgefahr auslöscht werden, wenn die Kirchentüren geschlossen werden. Die abstrakte und für die reine Vernunft absurde Vorstellung des göttlichen Opfertodes wird durch die Oblate auf der Zunge körpersinnlich spürbar gemacht.
Kinder schlafen mit ihrem Kuscheltier im Arm besser ein – auch wenn sie längst artikulieren können, dass das „eigentlich“ nur Stoff sei.

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