Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Das christliche Mittelalter –
Schriftkultur als Herrschaftsinstrument

 2015

Auch in der griechischen Antike waren die Gottesvorstellungen von Geheimnissen umhüllt. Der „mystes“ ist der Eingeweihte. Eleusis war neben Delphi der Ort größter religiöser Ausstrahlungen. Das Heilige befindet sich in einer Erdhöhle, die den Eingang zur Unterwelt symbolisiert. Zu den Kulten gehörte die Hierarchie von Priestern sowie Rituale der Einweihung. Wer zu dem heiligen Zugang hatte, unterlag einem Schweigegebot – das Geheimnis musste gewahrt bleiben.
Es gab heilige Schriften, vor allem aber Kultbilder. Spezifisch für die grischischen Kulte sind die Orakel, geschützt durch Reinigungsriten und Zugangs-Tabus. Dämpfe aus der Erdspalte setzten die Empfänger der göttlichen Botschaft in Trance. In Delphi ist die Pythia die höchste Eingeweihte, „prophetes“ legen ihre Sprüche aus.

Aber Wahrheit beginnt da, wo das Geheimnis gelüftet wird: In Platons ‚Höhlengleichnis' wird die Schau der ‚absoluten Wahrheit' beim Verlassens der Höhle möglich – und bedeutet die Überwindung des mythos durch den logos. Die Wissbegierde der Menschen verletzte die Sphäre der Götter nicht: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen", formulierte Aristoteles zu Beginn der Metaphysik.

Das christliche Mittelalter

In der Übermittlung dieser Tradition an das entstehende Christentum kam es zu einer Korrektur dieser Einstellung. Der jüdisch-hellenistische Philosopph Philo von Alexandria (10 vor bis 40 n.u.Z.) kritisierte die Wissbegier als Neugierde, er spricht von „Gottes Hoheitsrecht über das Geheimnis seiner Schöpfung". Die Begründung ist ein willkürliches Konstrukt: Gott habe den Menschen „als letztes der Geschöpfe" geschaffen, weil „der Mensch nicht Zeuge des Schöpfungswerks und seiner Geheimnisse werden durfte."

Für die Zerstörung der antiken Kultur und die ersten tausend Jahre Geschichte des christlichen Abendlandes wird wesentlich, dass Augustinus (354-430) die Neugierde in den Lasterkatalog aufnimmt. Auf die Frage: „Was tat Gott, bevor er Himmel und Erde schuf?" zitiert Augustinus den bösen Spaß: „Er hat Höllen hergerichtet für Leute, die so hohe Geheimnisse ergrübeln wollen.“ Augustinus will das Geheimnis nicht ergrübeln: „Was ich nicht weiß, das weiß ich eben nicht.“ Augustinus verdammt die Augenlust des Theaters wie die Wissenskultur der Rhetorik. Die „vielen und ungeheuer großen Bücher“ erscheinen ihm als „scheinschöne Attrappen“ (phantasmata splendida), die Wissbegierde der Philosophie als gottloser Hochmut. 

„Die Confessiones sind das Gründungsdokument der christlich-abendländischen Lesekultur.“ (Martin Andree)  Auguistinus formuliert: „Mag der Mensch außerhalb der Heiligen Schrift gelernt haben, was er will: dieses sein Wissen wird dort verurteilt, sobald es schädlich ist; ist es aber nützlich, dann findet es sich auch in der Heiligen Schrift. Und während er dort alles wieder findet, was er anderswo zu seinem Nutzen gelernt hat, wird er in noch viel reicherem Maße dort auch noch das finden, was er nirgendwo anders, sondern nur in der wunderbaren Tiefe und Demut jener Schriften lernen kann.“

Tief war der Bruch zwischen Spätantike und christlichem Mittelalter. „An die Stelle Lesens als literarisches otium (Muße), das sich in der Welt der Antike zumeist zwischen Gärten und Säulengängen abspielte, aber auch auf Plätzen und Straßen der Stadt die Ausstellung und Lektüre von Schriften vorsah, traten im abendländischen Frühmittelalter Lesepraktiken, die sich auf den geschlossenen Raum von Kirchen, Zellen, Refektorien, Kreuzgängen, religiösen Schulen, manchmal von Höfen konzentrierten“ (Chartier/Cavallo). Nur innerhalb der monastischen Räume erklang das Loblied auf das Buch.
Für das Seelenheil musste man vor allem noch ein Buch lesen, und das immer wieder, um den (allegorischen) verborgenen geistigen Sinn zu erfassen. Das Buch wird zum kostbaren sakralen Schatz und zum Zeichen des Heiligen und seines Mysteriums. Die „Neugier“ sollte sich nicht auf immer mehr, sondern immer wieder das Eine richten. Der eine Text ist ,unausschöpflich', und er enthält alle Wahrheiten. Das christliche Mittelalter wurde zur Zeit der wenigen Bücher. Die unendliche Tiefe der Heiligen Schrift erfordert die unendliche Wiederholung der Lektüre, der gläubige soll es endlos meditierend geradezu wiederkäuen („ruminatio“). Dieser Stil prägt heute noch gewöhnliche Predigten: Sie argumentieren nicht, sondern „meditieren“ ein Thema. 

Die Beendigung aller Kommunikation, das Schweigen, ist der Beginn der Kommunikation mit Gott. Die „memoria“ ist das innere Organ, welches mit Gott kommuniziert. Meditation ist die Form dieser innerlichen Kommunikation, zu der auch kontemplativen Lektüre gehört.

Die Idee vom Schriftgeheimnis begründet den Herrschaftsanspruch der Kirche. Die Verdammung der curiositas ist bis in die Renaissance das Argument, mit dem Gelehrte der Inquisition ausgeliefert werden.

 

    Lit.:
    Martin
    Andree, Archäologie der Medienwirkung: Faszinationstypen von der Antike bis heute (2005)
    Roger Chartier / Guglielmo Cavallo (Hg), Die Welt des Lesens. Von der Schriftrolle zum Bildschirm (dt.1999)
    Zu Details der monastischen Lesekultur:
    Malcolm
    Parkes, Klösterliche Lektürepraktiken im Hochmittelalter (in Chartier/Guglielmo)