Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Kulturindustrie:
Stichworte zu Adorno

Der Begriff Kulturindustrie bezeichnet die industrialisierte Produktion von Kultur, also von Kulturgütern". Er ist ein Kernbereich der Arbeiten des Philosophen Theodor W. Adorno. Sein Begriff der Kulturindustrie tritt zum ersten Mal in der Veröffentlichung "Dialektik der Aufklärung" (Adorno/Horkheimer 1948) auf: Kulturindustrie sei die „willentliche Integration ihrer Abnehmer von oben". 

Adorno erhoffte, aus den Thesen zur Kulturindustrie eine Antwort auf die Frage zu finden, weshalb die antagonistische, aus kulturmarxistischer Sicht in sich widersprüchliche, kapitalistische Gesellschaft, stabil ist. Dieser soziale Kitt, wie ihn Erich Fromm nannte, sollte die Kulturindustrie sein.

Im bürgerlich-liberalen Zeitalter musste laut Adorno Kunst als eine zwar stets elitäre angesehen werden - in der Dialektik der Aufklärung spricht Adorno von der bürgerlichen Kunst, die von Anbeginn mit dem Ausschluss der Unterklasse erkauft wurde. Sie orientierte sich jedoch immer am kollektiven Gemeinwohl, und war diesem zuträglich.

Im Zeitalter des Spätkapitalismus veränderte sich dies: Von einer Kunst, die laut Adorno ihren Wert vor allem in sich - einen Gebrauchswert in der Hinsicht, dass das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Gerechtigkeit erfüllt wird - hin zu einem Produkt des Marktes. Kunst hat ihren autonomen Charakter verloren, wird als Mittel zum Zweck (Gewinn) produziert.

Jedes Kulturprodukt, darunter die Massenmedien im besonderen, ist laut Adorno der Kulturindustrie ausgeliefert - und umgekehrt. Die gesamte Praxis der Kulturindustrie überträgt das Profitmotiv blank auf das geistige Gebilde. Geistige Gebilde werden „durch und durch“ zu Waren.

Waren suchen Käufer, Konsumenten – die lassen sich sozusagen bedienen von der Kultur. Kultur, so Adorno, fällt in den Lebensbereich der Freizeit. Freizeit aber ist nur die regenerative Phase, die der Arbeitsphase Untertan ist. Als regenerative Phase soll sie also möglichst wenig Energie in Anspruch nehmen. 

Das Individuum wird von der Kulturindustrie auf die Konsumentenrolle reduziert

Die Kulturindustrie will „Masse“ erreichen und speist daher die Konsumenten mit trivialen, oberflächlichen Nichtigkeiten. („Omnibus-Themen“)

Kulturindustrie verhindert die Ausbildung der Fähigkeit zu kritischem Denken. Kulturindustrie wirkt also Herrschaft stabilisierend, das ist das Wesen der Kulturindustrie. Adorno dazu in Minima Moralia: „Es gehört zum Mechanismus der Herrschaft, die Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten, und ein gerader Weg führt vom Evangelium der Lebensfreude zur Errichtung von Menschenschlachthäusern so weit hinten in Polen, dass jeder der eigenen Volksgenossen sich einreden kann, er höre die Schmerzensschreie nicht mehr."

Dies ist der Verblendungszusammenhang, den Adorno immer wieder konstatiert. Hinzu kommt die Ablenkung der Menschen vom Wesentlichen (dem Kulturobjekt) hin zum Sekundären. Adorno konstatiert, dass "anstelle des Genusses ein Dabeisein und Bescheidwissen" tritt. Beispiel: Der Opernbesuch verkommt zum gesellschaftlichen Ereignis; der Tauschwert einer Premiere besteht in Sehen und Gesehen werden. Das Kunstwerk Oper ist nur noch Anlass eines Events.

Adorno spitzt dies zu, indem er schreibt, einst durfte man nicht wagen, frei zu denken; jetzt wäre dies möglich, aber man könne nicht mehr, weil man nur noch denken wolle, was man wollen solle, und eben das würde als Freiheit empfunden.

Aus Adornos »Prolog zum Fernsehen«:

„Jene fatale ,Nähe‘ des Fernsehens, Ursache aus der angeblich gemeinschaftsbildenden Wirkung der Apparate, um die Familienangehörige und Freunde, die sich sonst nichts zu sagen wüssten, stumpfsinnig sich versammeln, befriedigt nicht nur eine Begierde, vor der nichts Geistiges bestehen darf, wenn es nicht in Besitz verwandelt, sondern vernebelt obendrein die reale Entfremdung zwischen Menschen und zwischen Menschen und Dingen.“

„Dem Ziel, die gesamte sinnliche Welt in einem alle Organe erreichenden Abbild noch einmal zu haben, dem traumlosen Traum, nähert man sich durchs Fernsehen und vermag zugleich ins Duplikat der Welt unauffällig einzuschmuggeln, was immer man der realen für zuträglich hält.
Die Lücke, welche der Privatexistenz vor der Kulturindustrie noch geblieben war, solange diese die Dimension des Sichtbaren nicht allgegenwärtig beherrschte, wird verstopft. Wie man außerhalb der Arbeitszeit kaum mehr einen Schritt tun kann, ohne über eine Kundgebung der Kulturindustrie zu stolpern, so sind deren Medien derart ineinander gepasst, dass keine Besinnung mehr zwischen ihnen Atem schöpfen und dessen innewerden kann, dass ihre Welt nicht die Welt ist.«

Gegen Adorno wendet Enzensberger ein:

Der „Aberglaube, als könne der Einzelne im eigenen Bewusstsein, wenn schon nirgends sonst, Herr im Hause bleiben, ist heruntergekommene Philosophie von Descartes bis Husserl, bürgerliche Philosophie zumal, Idealismus in Hausschuhen, reduziert aufs Augenmaß des Privaten“.