Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Das Ich hat auch eine Mediengeschichte:
Schrift, Buchdruck-Kultur
 und die Gesellschaft der Individuen

2-2016

Menschen haben ein Empfinden für ihren Leib, ordnen sich als Person Schmerz und Hunger zu. Aber schon das leibliche Selbst-Empfinden ist Bewusstsein über das Selbst in einem kulturellen Kontext. Die sozialen Rahmenbedingungen der Gesellschaft, die das Ich konstituieren, wandeln sich in der Geschichte, aber es gab nie ein Selbst ohne „Netz“. Auch in traditionellen sozialen Zusammenhängen, die von Anwesenheits-Kommunikation „face-to-face“ bestimmt sind, bildet sich Identität im Netz der sozialen Kontakte. Soziale Netzwerke sind Wahrnehmungsgemeinschaften: Sie strukturieren, wie wir die Umwelt wahrnehmen und uns darin. Schon das Kind lernt, sich selbst so zu sehen, wie seine gesellschaftliche Umgebung es sieht. Sich selbst für etwas anderes zu halten als die Umgebung ist kaum auszuhalten. Der aus seiner Gemeinschaft ausgestoßene vereinzelte Einzelne hatte lange kaum Überlebenschancen. Frei im Sinne von rechtlos, schutzlos und außerhalb der hoheitlichen Friedensordnung stand der, der als vogelfrei erklärt wurde, „den vögeln frei in den lüften und den tieren in dem wald und den vischen in dem waßer“, so definiert es die „Bamberger Peinliche Halsgerichtsordnung“ von 1507.
Die Entfaltung des Selbstbewusstseins als Individuum innerhalb einer Gemeinschaft ist eine Frage der Kultur und insbesondere der Handlungs- und der Selbstreflexions-Möglichkeiten einer Kultur. Kann ich, bei aller Prägung durch Herkunft und Erziehung, einen „eigenen Lebensweg“ überhaupt denken? Habe ich das Recht, darüber zu entscheiden? Kann ich nach meinen Vorlieben mir einen Lebenspartner aussuchen oder hat da die Familie ein Mitspracherecht? Muss ich den Beruf wählen, den mein Vater für mich ausgesucht hat? Gibt es Artikulationen von Empfindungen  oder Verhaltenweisen, die nicht „standesgemäß“ sind?

Zu dieser Kultur gehören wesentlich die Medien, mit denen menschliche Gemeinschaften ihren Zusammenhalt gestalten. Die Verbreitung der Kulturtechnik Schrift hatte wesentliche Umstrukturierungen von Denkweisen und Mentalitäten zur Folge. Schreib- und Leseprozesse ermöglichen den Zugriff auf räumlich oder zeitlich weit entfernt geäußerte „Worte“. Das Vokabular zur Selbst-Beschreibung und Selbst-Wahrnehmung wird detailreicher, geschriebene Texte können Sachverhalte in einer logischen Komplexität darstellen, die in wörtlicher Rede „oral“ kaum nachvollziehbar wäre. Schrift-Wissen überschreitet und sprengt den Rahmen des über Generationen mündlich tradierten Sippen-Wissens.

Orale Gesellschaften haben sich natürlich ihre Gedanken über den Menschen  gemacht, insbesondere angesichts des Todes. In den altägyptischen Todestexten gibt es Reflexionen über den vergänglichen Leib. Da die Vorstellung eines schlichten Vergehens unerträglich war, erzählte die ägyptische Mythologie von einem „ka“, einem nicht-vergänglichen, nicht-körperlichen Teil des Menschen - Jan Assmann umschreibt dieses „ka“ als „Sozialseele“, eben nicht ein individuelles Ich, sondern die Rolle des Verstorbenen in der Sozialsphäre, die vom Vater auf den Sohn übergeht. Der einzelne Mensch ist (und bleibt über den Ahnenkult) damit ein Element seiner familiären Gemeinschaft: „Der Sohn ist nichts ohne den Vater, der Vater nichts ohne den Sohn.“ (Assmann) Wenn nichts aufgeschrieben wird, gibt es als Erinnerung an einen einzelnen Menschen nur das Gedächtnis seiner Familie.

Das Denken des Selbst

Die griechische Philosophie entwickelte sich über Generationen in Form eines auf der Basis des phonetischen Alphabets verschriftlichten Dialogs. Rationale Schlussfolgerungen wurden als neue Methode für Wissen entwickelt und konkurrierten mit den alten assoziativ-mythischen Erzählungen. Für Platon und Aristoteles waren die freien Männer vernunftbegabte Wesen, die ihre Erfüllung allerdings nur in der Teilhabe am Staat finden konnten. Vorstellungen eines Individuums waren in der griechischen Kultur kaum entfaltet.
Aber im 4. und 5. vorchristlichen Jahrhundert hat die griechische Philosophie auch begonnen, von einer Doppelstruktur des Individuums zu reden und eine Unterscheidung zu konstruieren zwischen der Innenwelt einerseits, der Seele, die als der eigentliche Sitz des Subjektes gedacht wurde, und einer reduzierten Außenwelt, zu der der vergängliche Körper gerechnet wurde. In diesem gedanklichen Dualismus drückt sich die Ahnung aus, dass es hinter dem sozialisierten, vergemeinschafteten, selbstdisziplinierten Rollen-Subjekt noch etwas ganz anderes gibt.

Die Schriftkultur der griechischen Elite wurde im christlichen Frühmittelalter nicht tradiert, sondern als heidnisch abgelehnt, ihre Zeugnisse wurden in Zentraleuropa weitgehend vergessen und vernichtet und erst über arabische Überlieferungen wiederentdeckt. Es kam zu einzigartigen Beispielen des individuellen Selbst-Bewusstseins einzelner, etwa bei Abaelard (1079-1142) und Heloise. „Liebe (amor) aber ist das Verlangen, dass es dem geliebten um seiner selbst willen gut geht, und zwar so, wie er meint, dass es für ihn gut sei”, formulierte Abaelard um 1140. Er war ein Gebildeter in der griechisch-arabischen Tradition. Die Gedanken Abaelards faszinierten offenbar die Zuhörer in seiner Zeit, davon zeugt die Anzahl seiner Schüler, aber sie konnten unterdrückt werden wie die ketzerischen Ansichten des böhmischen Predigers Jan Hus im frühen 15. Jahrhundert.
Für Liebe als persönliche individuelle Emotion, so der Historiker Peter Dintzelbacher, finden sich im frühen Mittelalter keine Zeichen. Bernhard von Clairveaux etwa meditierte wortreich über das „Hohelied der Liebe“ und bezog es dann auf das Verhältnis der individuellen Seele zu Gott. Der für uns naheliegende Schritt, den Abaelard gegangen ist, als er mit seiner Heloise dieses Liebesverhältnis als zwischenmenschliches verstand, überforderte offenbar die Theologie der Zeit.
Eine nachhaltige kulturell-gesellschaftliche Breitenwirkung konnten neue Gedanken erst seit der Erfindung der Drucktechnik entfalten.

Die Frage nach den Ursprüngen des Selbst-Bewusstseins als Individuum

Historiker wie Peter Dintzelbacher, Günther Mensching und Michael Mitterauer, die sich mit der Frage „Warum Europa“ und speziell mit der frühen Renaissance im 12. Jahrhundert befassen, erwähnen die klimatischen Veränderungen, die die bäuerliche Landwirtschaft ertragreicher machten, die Bevölkerungszunahme, die beginnende Arbeitsteilung mit handwerklichen Künsten - Prozesse, die gleichzeitig mit den ersten Anzeichen eines neu entstehenden Individualismus festzustellen sind. Aussagen über Ursache-Wirkung-Beziehungen bleiben allerdings sehr allgemein. „Dieser äußeren Freiheit der Stadt entspricht die innere der Bürger“, formuliert etwa Mensching. Entsprechungen sind allerdings keine Erklärungen und auch aus Mitterauers Hafer-Mühlen lassen sich die frühen Zeugnisse des Individualismus kaum herleiten.

Wurde die Individualisierung erzwungen durch Praktiken der Gewissensbeichte? Auffallend ist, dass es im Mittelalter neben solchen Diskursen auch zunehmende Macht-Praktiken der Individualisierung gab. Im frühen Mittelalter gab es noch „Tarifbußen“, die Bußbücher listen Bußen für äußerliches Fehlverhalten auf. Wichtig war die Beschämung durch öffentliche Bußen. „Nach der inneren Einstellung wurde nicht gefragt.“ (Dinzelbacher) Wenn ein Mensch gegen Ende seines Lebens ein einziges Mal zur persönlichen, individuellen Beichte ging, war das ausreichend. Im Zentrum der frühmittelalterlichen Beichte stand die Wiedergutmachung, die sich an die Beichte anschloss. Wenn auf dem Konzil von Lyon (1274) das „Fegefeuer“ kanonisiert wurde, dann zeigt sich, dass diese Formen der Wiedergutmachung nicht mehr ausreichend waren, um kleine Sünder in permanenter Angst und Bußfertigkeit zu halten. Natürlich machte die Kirche auch aus der Angst vor dem Fegefeuer ein Geschäft – es wurde nach dem Modell der Tarifbuße verkündet.
Die massenhafte Individual-Beichte war in ihren historischen Ursprüngen eine erzwungene Beichte: Im Kampf gegen die Katharer (12. Jahrhundert) wollte die Kirche ihre Macht über die Einzelnen ausbauen. In der persönlichen Beichte sollte der Beichtling nach ganz individuellen Motiven der Sünde und nach sündigen Gefühlen suchen, und auch die Inquisition bestrafte nicht mehr die Tat, sondern falsche individuelle Gesinnung. Solche Macht-Praktiken haben für die einfachen Menschen erst den Wortschatz bereitgestellt, mit dem sie sich persönlich als schuldig oder unschuldig empfinden konnten. Auch die Priester konnten in den Beicht-Büchern nachlesen, welche Empfindung als Sünde klassifiziert werden sollte. Die Beichte war eine orale Praxis, massenwirksam konnte sie nur im Rahmen einer verschriftlichten Kirchenkultur werden, von oben initiiert und gesteuert. Die Beichte wurde zum Geständnis des Individuums. Der Beichtende muss wissen, was alles überhaupt in den Bereich des Sündhaften fallen kann, er muss lernen, seine Motive, Gedanken, Empfindungen und Phantasien zu klassifizieren. Das Vierte Laterankonzil (1215) ordnete nicht nur an, dass alle Gläubigen, Männer wie Frauen,  wenigstens einmal jährlich „allein seinem eigenen Priester alle Sünden treulich bekennen" sollten, gleichzeitig wurde das Beichtgeheimnis definiert und geschützt - sein Bruch war mit empfindlichen Folgen bis hin zur und Exkommunikation des Priesters  bedroht. Auch der Priester musste das ihm Anvertraute individuell verarbeiten. 1614 wurde der geschlossene Beichtstuhl eingeführt, der sogar das Gesicht des Beichtlings verbarg - es ging nur noch um sein Gewissen. Vorrangiges Ziel der Buße ist nicht mehr der öffentliche Pranger, sondern das Selbst-Bewusstsein des individuellen Sünders und seine innere „Zerknirschung". Ein fest-geschriebenes, allgemein verbindliches kirchliches Sünden-Bewusstsein verdrängte die Ethik der Sippen.

Bis zum 15 Jahrhundert vollzog sich der Übergang von den öffentlichen „Schamkultur“ zu einer individuellen „Schuldkultur“, zum Bekenntnis der Sünden im vertraulichen Beichtgespräch. Über die Beichten wurde Buch geführt. Schon die zeitgenössische Kritik erkannte darin den Machtanspruch. Heinrich Wittenwiler spottete 1409: „Sie bleuten ihre Herzen so heftig, dass ihnen das Blut aus Mund und Nase trat.“ Der Schreiber des Abtes von Zweifalten formulierte 1507 seine Kritik: „Die Priester und Bischöf haben uns Laien gar unterdrückt und in die höchste Dienstbarkeit geführt. Dann erstlich haben sie erdacht ein Weg, dass wir ihnen müssen bekennen unser Heimlichkeit durch die Beicht. Zum andern sind wir gezwungen, hineinzugehen in die Kirchen und ihnen auch Geld zu opfern“.

Dintzelbacher sieht die Ursprünge des individuellen Selbstverständnisses in der mittelalterlichen Beichtpraxis, er spricht von einem „erzwungenem Individuum“. Als ob den mittelalterlichen Menschen die Vorstellung ihrer Individualität gleichsam von oben hineingeprügelt worden wäre, um sie subtiler beherrschbar zu machen. Eine befremdliche Vorstellung. Es muss schon etwas da gewesen sein, was dann empfunden und verbalisiert und bekämpft werden konnte. Die inquisitorische Verfolgung der Katharer und Waldenser ist schon eine Reaktion auf individualistisch-häretische Glaubensbewegungen.
Für die Mentalitätsgeschichte ist entscheidend, dass „vermittels der Beichtpraxis sich der sprachliche Code zur Mitteilung innerer Befindlichkeiten“ (Dinzelbacher) verbreitete. Der Prozess dauerte über Jahrhunderte. Bei der Sündenbeichte wie auch bei der kommunikativen Erotisierung des Geschlechterverhältnisses handelte es sich lange noch um eine schematische, „fingierte Subjektivität“, so der Literaturwissenschaftler Dieter Kartschoke. Die Beschreibungen der Beichte und des Minnesangs liefern keinen individuellen Detailrealismus, sondern Stereotype. Es ging um die Verwirklichung einer vorgegebenen oder neu zu findenden Ordnung, „Selbstverwirklichung des autonomen Ichs liegt hier noch völlig fern“. (Kartschoke) Auch der Brief war im Mittelalter „kein Medium privater Mitteilung und persönlicher Ansprache“. Ausgerechnet die Mystik gab den Rahmen vor für die Suche nach persönlichem Gotteserlebnis.

Druckwerke als Medien der Selbstreflektion

Im späten 16. Jahrhundert, also ein Jahrhundert nach der Erfindung des Buchdrucks, darauf verweist Richard van Dülmen in seiner Geschichte der „Entdeckung des Individuums“, finden sich zahlreiche Dokumente des „Nachdenkens über sich selbst“ in den gebildeten Kreisen: Individuelle Portraits werden in der Malerei selbstverständlich, Autobiografien erscheinen, Tagebücher, Selbstzeugnisse, die Briefwechsel dokumentieren es.

Die Druckerpresse veränderte auf breiter Basis das Bewusstsein des Menschen von sich selbst. Die Möglichkeit, den eigenen Worten und dem eigenen Werk für immer feste Gestalt zu verleihen, ermöglichte eine neue, alles durchdringende Vorstellung von Individualität. Im Mittelalter war die Frage nach der individuellen Leistung nahezu bedeutungslos. Auch individuelle, persönliche Autorschaft spielte selten eine Rolle – die Schreiber der Bücher waren die Abschreiber. Die neue Möglichkeit, in einen breiten Wettkampf der Meinungen einzutreten und das Geschrieben zu vervielfältigen, spornte den Stolz der Menschen offenbar an.
Mit der Verbreitung vieler Bücher verbreitete sich eine ganz andere Tradition des Lesens: Isolierte Leser konnten sich mit ihrem privaten Blick in die Schrift versenken und deren Inhalte studieren. Leser zogen sich aus der Sozialsphäre zurück in ihren eigenen Kopf, vom 16. Jahrhundert an verlangten die Leser von den Menschen in ihrer Umgebung vor allem eines - Stille. Individualismus wurde zu einer regulären, akzeptierten psychischen und psychologischen Struktur. Die neue Kommunikationstechnik hat die Struktur der Interessen der Menschen verändert und die Persönlichkeit als unverwechselbares Individuum zu einem Gegenstand des Nachdenkens und Sprechens gemacht (Harald Innis).

Martin Luther ist ein frühes Beispiel für ein starkes Individuum: Der Vater war Hüttenmeister im Kupferschieferbergbau. Luther durfte studieren, aber er studierte nicht das, was der Vater wünschte. Er brach dann mit der katholischen Kirchenlehre, brach sein Gelübde, heiratete. In der Ablehnung des vom Reichstag von Worms geforderten Widerrufs bezieht sich Luther 1521 auf die Heilige Schrift „und vernünftige Gründe“ und schließt mit dem Hinweis auf sein Gewissen: „Darum kann und will ich nichts widerrufen, weil gegen das Gewissen zu handeln weder sicher noch lauter ist.“ 
Die Verbreitung der Schreibkunst ermöglicht auch außerhalb der religiösen Kommunikation einen starken Bezug auf sich selbst. Der Katholik Erasmus von Rotterdam (1446-1536) ist dafür ein Beispiel. Er versteht sich als freier Schriftsteller und bezieht sich auf die „christliche Vernunft“, nicht auf kirchliche Lehren. „Ich wünsche Weltbürger zu sein, allen zu gehören oder besser noch Nichtbürger bei allen zu sein“, schrieb Erasmus 1522 an Zwingli. 
Van Dülmen verweist auf drei besondere literarische Dokumente des Individualismus im späten 16. Jahrhundert: auf Girolamo Cardano (1501 – 1576), den italienischen Arzt und Naturforscher, auf Michel de Montaigne (1533 – 1592), für dessen auf französisch geschriebenen selbstreflektiven Essay es keinerlei literarisches Vorbild gab („So bin ich selbst der einzige Inhalt meines Buches“), und auf die spanische Nonne Teresa von Avila (1515 – 1582), eine selbstbewusste religiöse Frau, die in ihrer Muttersprache den Satz formulierte: „Gott und ich - wir zusammen sind immer die Mehrheit!“

Literalität verlangt die Unterwerfung des Leibes unter den Geist: Still sitzen, sich auf Buchstaben konzentrieren, Schreibrohr, Griffel und Feder ruhig halten, auf einer geraden Linie Schreiben, einen Buchstaben wie den anderen nach Vorlage malen – alles Disziplinierungsakte der „Volksschule“.
Nach der Durchsetzung der allgemeinen Schriftkultur in Folge der Buchdruck-Technik werden Kinder nicht mehr mit sieben Jahren „erwachsen“, wenn sie arbeitsfähig sind, sondern erst dann, wenn sie lesen gelernt und die Welt der Typographie betreten haben.

Dem religiösen Selbst-Bewusstsein des Individualismus folgt der profane -
Eigennutz und Individuum

Im 18. Jahrhundert ermöglichten die weit verbreiteten biografischen und einfühlsamen Romane dann eine allgemeine bildungsbürgerliche Auseinandersetzung mit Modellen der Individualität. Schriften geben eine kommunikative Form vor für die Thematisierung des Persönlichen und Intimen, formulieren die benennbaren und legitimen Empfindungen - auch in der Selbstwahrnehmung der Lesenden. Die Romane stellen vor, war normal ist und was die Sprache des Normalen ist – sie normieren damit die Gefühlsempfindungen.
Zeichen für den entstehenden profanen Individualismus war auch die Thematisierung des Eigennutzes. Uneigennützige Liebe war die Tugend in der christlichen Tradition, Eigennutz ein Negativ-Wort, der Vorwurf konnte Bestrafung nach sich ziehen. Leonhard Fronsberger aus Ulm schrieb 1564 ein Buch mit dem damals sensationellen Titel „Vom Lob des eigen Nutzen“. Nichts anderes als der Eigennutz motiviere die Menschen, behaupte er. Samuel von Puffendorf lobte 1711 in „Natur und Volksrecht“ die wohltätigen Effekte des Eigennutzes. Bernard Mandeville 1723 formulierte Selbstliebe als Naturgesetz: „So wird man in keinem lebenden Wesen etwas finden, was aufrichtiger gemeint wäre als sein Wille, Wunsch und Bemühen, das eigene Selbst zu erhalten.“ Im 18. Jahrhundert setzte sich der legitime Eigennutz als die andere Seite des Individualismus durch.
Ein anderes Thema, das die Entwicklung des Individuums widerspiegelt, ist die Ehe: Im europäischen Mittelalter war sie kein privater Akt, sondern kontrollierte Form der Lebensgemeinschaft und der einzige legitime Ort für Sexualität. „Die Ehe war damit eine Institution, in der individuelle Vorstellungen und Wünsche nur so weit berücksichtigt werden konnten, als sie die Lebensgemeinschaft, den Arbeitsprozess, den Besitz und die Familienstrategie nicht gefährdeten.“ (van Dülmen) Auch wenn die Kirche schon früh Klöster einrichtete, um Frauen die Scheidung zu ermöglichen - erst die Aufklärer verlangten die „Übereinstimmung der Gemütsart, eine gewisse Gleichheit in unseren Meinungen und Neigungen, einen innerlicher Trieb, dem anderen zu gefallen, sein ganzes Herz, seine ganze Hochachtung zu besitzen“ (van Dülmen). Das Scheidungsrecht ist ein Spiegel dafür, wie ernst das gemeint war.

 

    Lit.:
    Richard von Dülmen, Entdeckung des Ich. Die Geschichte der Individualisierung vom Mittelalter bis zur Gegenwart (2001),  darin insbesodnere
      Peter Dintzelbacher, Das erzwungene Individuum. Sündenbewusstsein und Zwangsbeichte
      Dieter Kartschoke, Ich-Darstellung in der volkssprachigen Literatur
    Benedikt Konrad Vollmann, Die Wiederentdeckung des Subjekts im Hochmittelalter,
       in: Geschichte und Vorgeschichte der modernen Subjektivität, (Hg. R.L. Fetz u.a. (1989)
     

    s.a. die Texte
    Wie kommt der Mensch zu Bewusst-Sein?  M-G-Link
    Selbst im Netz - Identitätskonstruktionen in der digitalen Medien-Gesellschaft  M-G-Link