Klaus Wolschner  Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

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III
Medien
-Theorie

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Realer Konsumismus oder:
Eine kurze Geschichte der DDR

2024

40 Jahre lang hat die „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“ (SED) an ihrer kommunistischen Utopie festgehalten, dann konnte sie dem konsumistischen Ansturm der DDR-Gesellschaft nicht mehr standhalten und musste kapitulieren.  Die Ideologen der Blockkonfrontation hatten die Geschichte aus dem Gegensatz der Gesellschaftssysteme – Freiheit und Demokratie gegen Kommunismus - interpretierten wollen und 1989 sogar das „Ende der Geschichte“ heraufziehen gesehen. In Wirklichkeit hatten die Konsumenten den westdeutschen Konservativen eine Politik des „Wohlstands für alle“ abgerungen und in der DDR dem Parteiführer Walter Ulbricht das Bekenntnis, dass die Kommunisten „den Westen“ auf der Ebene des Konsums überholen wollten. Die Geschichte der Konsumpolitik in der DDR ist ein illustratives Beispiel für die konsumistische Logik der modernen Gesellschaft.  

Berlin-Blockade

Symbolisch hatte der Kampf der Systeme schon in der Berlin-Blockade 1948 stattgefunden. Am 18. Juni 1948 hatten die Westalliierten bekannt gegeben, dass in ihren Besatzungszonen eine (von der amerikanischen Militäradministration und Edward Tenenbaum geplante) Währungsreform erfolgen sollte. Die Reichsmark konnte 1:1 in die neue Deutsche Mark umgetauscht werden. Am Morgen des 23. Juni waren die Geschäfte in den West-Zonen gefüllt mit Waren, die nur noch gegen die neue D-Mark gekauft werden konnten.

Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) hatte für die sowjetische Besatzungszone ebenfalls eine Währungsreform geplant. Da die neuen Banknoten nicht fertig waren, wurden in der Nacht zum 23.6.1948 die alten Reichsmarkscheine durch einen Stempel-Aufdruck umgewandelt. Die SMAD erklärte, in ganz Berlin – also auch den West-Sektoren – würde man nur die Währung der SBZ zulassen

Als die neue Währung trotz der Warnungen des SMAD auch in den Westsektoren von Berlin eingeführt wurde,  sperrten in der Nacht zum 24. Juni 1948 sowjetische Truppen alle Zufahrtswege nach West-Berlin, schränkten die Stromversorgung der Westsektoren ein und riegelten den Westteil der Stadt ab. Die Sowjetunion erklärte die Vier-Mächte-Verwaltung Groß-Berlins für beendet.

Auf Initiative von US-Militärgouverneur Lucius D. Clay wurde über eine „Luftbrücke“ die Versorgung West-Berlins sichergestellt. Bis zum 30. September 1949 wurden in mehr als 270.000 Flügen rund 2,1 Millionen Tonnen lebenswichtiger Güter nach Berlin transportiert. Die Gerüchte in der SBZ über die vollen Schaufenster in den Westzonen überdeckten alle Anfangsschwierigkeiten Ablösung des Systems der Rationierung durch marktwirtschaftliche Mechanismen in den Westzonen.  Aber auch Wolfgang Leonhard, damals Lehrer an der SED-Parteihochschule, war beeindruckt von dem „unglaublichen Warenangebot, das einen geradezu erschlagen hat“ – in den Westsektoren. Die neue Währung in der Sowjetischen Besatzungszone verbesserte dagegen den Lebensstandard nicht.

„Einholen und überholen“

In den Jahren nach Kriegsende hatte die SMAD und die DDR-Regierung vor allem das Problem der Deckung des alltäglichen Bedarfs. Während die Sowjetunion Industrieanlagen demontierte, begann in den Westzonen die Marshallplan-Hilfen.

Die Abwanderung von Spezialisten, Technikern, Ingenieuren, Landwirten und Unternehmern führte zu einem Niedergang der mittelständischen konsumgüterproduzierenden Branchen. Die sowjetische Besatzungsmacht privilegierte  wichtige politische Funktionäre, Werkleiter, Techniker und Künstler durch Sonderzuteilungen von Nahrungs- und Genussmittelpaketen, bei den die Lebensmittelkarten für Alte, Hausfrauen und Kinder wurde dagegen gespart. Deren Karten hießen im Volksmund „Friedhofskarten“. Für die Bevölkerung wurde der Lebensstandard zu einem wichtigen  Kriterium im Systemvergleich.

Die Proteste der Bauarbeiter am 17. Juni 1953 haben die Regierung für die Bedürfnisse der Bevölkerung sensibilisiert, im Jahr 1958 kam es zur die Aufhebung der Rationierung.  Walter Ulbricht, damals Erster Sekretär der SED, verkündete auf dem fünften Parteitag der SED 1958, man wolle den Westen „überholen und einholen“, bis 1961 sollte der Pro-Kopf-Verbrauch an allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern höher als in der BRD.

Die so geweckten Erwartungen wurden allerdings enttäuscht. Es gab Küchenmaschinen, Staubsauger, Kühlschrank, Waschmaschine, Rundfunk-und Fernsehgeräte, später auch Autos, aber die Kaufkraft überstieg das Warenangebot. Schlangen bildeten sich vor den Geschäften, auf ein Auto musste man manchmal über zehn Jahre warten.

Die Enttäuschung führt zu neuen Abwanderungswellen. 1961 wurde die Mauer gebaut, 1962 wurden erste Geschäfte „Exquisit“ für den gehobenen modischen Bedarf an Bekleidungsartikeln, Schuhen und Kosmetika eröffnet, im Volksmund auch „UWUBUs“ genannt, „Ulbrichts Wucherbuden“.  1966 kam die Ladenkette „Delikat“  für hochwertige Lebens- und Genussmittel hinzu, da gab es Konserven mit Ananas, Pfirsichen oder Mandarinen. Offenbar wurden die Bevölkerungskreise, die es sich leisten konnten, wählerischer. Das SED-Regime gab den konsumtiven Bedürfnissen in der Bevölkerung nach, was wiederum Individualisierungsbestrebungen und Westorientierung verstärkte. Mit hohen Preisen sollte gleichzeitig der Kaufkraftüberschuss der Bevölkerung abgeschöpft werden.

Die „neue Ostpolitik“ durch den sozialliberalen Kanzler Willy Brandt seit 1969, der Machtwechsel von Ulbricht zu Erich Honecker im Mai 1971 und Aufnahme beider deutscher Staaten in die UNO 1973 führte wieder zur Hoffnung auf Veränderung. Honecker ließ „Exquisit“ und „Delikat“ flächendeckend ausbauen, die begehrten westlichen Jeans-Hosen wurden an FDJler verteilt. 1974 erlaubte die DDR-Regierung ihren Bürgern den Zutritt zu den Intershop - die D-Mark wurde zur zweiten Währung und auch das kommunistische Ideal der rationalen  Bedürfnisbefriedigung wurde aufgegeben, Konsum und insbesondere der Zugang zu „West-Waren“ war zum war  symbolische Distinktionsmittel geworden.

Die alten DDR-Waren waren schlecht verpackt und lieblos ausgestellt, die Materialien wirkten billig und die Farben blass, das Design war altmodisch und gleichförmig. Die alte Garde der SED-Führung hatte das Ideal eines rationalen Konsums vor Augen, das bereits in der Konsumgenossenschaftsbewegung der Vorkriegszeit formuliert worden war – es sollte im Sozialismus nicht auf das konsumtive „Haben“ ankommen, sondern auf das produktive „Sein“. Aufgrund der Subvention der Grundnahrungsmittel kam es aber zu einer Verschwendung von Ressourcen - Milch und Brot wurden an Schweine verfüttert und an den Heizkörper in den Plattenbauten fehlten die Drehknöpfe - wenn es zu warm wurde, wurden eben die Fenster geöffnet. Das Kilo Brot kostete noch 1989 wie immer 55 Pfennige, ein Kühlschrank dagegen ein durchschnittliches Monatsgehalt. Einen Walkman bekam man im Intershop für 50 West-Mark, im Einzelhandel der DDR kostete er 399 Mark - das war ein Währungsverhältnis von 1:8. Es habe sich, so warnte die Staatssicherheit, die West-Mark als zweite Währung herausgebildet, was eine „sinkende Arbeitsmoral und mangelnde Leistungsbereitschaft“ zur Folg habe.

Der Widerspruch von kommunistischer Utopie und realsozialistischer Politik war eklatant. Die abnehmende Zustimmung der DDR-Bevölkerung kam nicht nur in den Schlangen vor den Geschäften zum Ausdruck, die fast den Charakter von Demonstrationen hatten, sondern auch in der Vielzahl von „Eingaben“. Thema der Eingaben waren Beschwerden über Alltagsprobleme und Konsumwünsche, denen nur im Sinne von Zugeständnissen in Einzelfällen abgeholfen werden konnte. Immerhin war die Parteiführung so bestens über die Stimmung im Lande informiert. Das westliche Wirtschaftswunder vor Augen wurden Ansprüche an Wohlstand angemeldet, auf die die politischen Eliten nicht vorbereitet waren.

Seit den 1970er Jahren hatte die DDR-Führung Schulden bei westlichen Banken aufgenommen, um ihren Staatshaushalt zu finanzieren – für die Subvention von Konsumgütern und für Investitionen. „Die Erhöhung des Lebensstandards und die Verbesserung der Sozialleistungen zu Beginn der 1970er-Jahre beruhte nicht auf eigener Wirtschaftskraft, sondern auf einem Rückgang der Investitionsquote und zunehmender Verschuldung vor allem im Westen.“ (Hans-Hermann Hertle) Die Schulden stiegen schließlich von 25 Milliarden D-Mark im Jahr 1986 auf 42 Milliarden Ende 1989. Man rechnete damit, dass die Schuldendienstquote im Jahre 1990 das anderthalbfache der ungebundenen staatlichen Einnahmen ausmachen könnte. Der Staatsratspräsident Honecker schlug drastische Kürzungen der Militärausgaben und Streichung von Konsum-Subventionen vor, beides hätte die DDR ihrer staatlichen Legitimation beraubt. Keine Lösung hatte die SED-Führung für das eigentliche Problem, dass nämlich die Industrie der DDR aufgrund ihres niedrigen technischen Niveaus auf dem Weltmarkt kaum Export-Chancen hatte und die von der Bevölkerung gewünschten Produkte nicht selbst produzieren konnte.
Gerhard Schürer, der Chef der Plankommission, legte im Oktober 1989 ein „Geheimkonzept für BRD“ vor, nach dem die DDR im Tausch gegen neue Milliardenkredite zusagen sollte, „dass die Mauer noch vor Beginn des Jahres 2000 überflüssig geworden ist.“ Offenbar sahen die Ökonomen in der DDR-Führung keine Möglichkeit mehr, die zunehmenden Proteste der Montags-Demonstration mit Konsum-Versprechen zu befrieden - im Gegenteil. Die Krise der Staatsfinanzen zwang zu weiteren Konsum-Einschränkungen. Der „Vergesellschaftung” der Produktionsmittel weinte niemand eine Träne nach - im Gegenteil. Die Industriearbeiter dachten als Konsumenten und hofften auf Fortschritt durch das westliche Erfolgsmodell privater Unternehmerschaft.