Klaus Wolschner  Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien
-Theorie

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POP55

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
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Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
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Orale Sinnlichkeit

Mit dem Schmecken und Fühlen hat die Natur den Menschen mit einer sinnlichen Wahrnehmung ausgestattet, die keiner medialen Vermittlung zugänglich ist. Der orale leibliche Sinn ist einer der Nähe. Immanuel nannte ihn den „niederen“, weil er der sprachlichen Vernunft nicht zugänglich und damit nicht geistig beherrschbar ist. Für das Selbstempfinden des Menschen haben die oralen Sinneswahrnehmungen gleichwohl  grundlegende Bedeutung.

2022

Das umgangssprachliche Wort „Geschmack“ fasst einen komplexen Sinneseindruck zusammen. Im Zusammenhang des Essens werden damit Geruchs- und Geschmacks-Empfindungen im engeren biologischen Sinne bezeichnet, zu dem Geschmack tragen aber auch Tast- und Temperatur-Empfindungen auf den Schleimhäuten bei. Die Grundqualitäten des Geschmacks sind grob —süß, salzig, sauer, bitter. Alles weitere differenzierte Schmecken ist an das Riechen gebunden.

Als Metapher bezeichnet „Geschmack“ auch ästhetisches Wohlempfinden, als „geschmacklos“ kann ein unangemessenes Verhalten empfunden und wenn mir etwas „partout nicht schmeckt“, drücke ich damit aus, dass ein Vorgang irgendwie unwillkommen oder unangenehm ist.  Man genießt das Mahl miteinander, doch zugleich auch die, mit denen man das Mahl teilt. Wenn man nicht aneinander Geschmack findet, schmeckt auch das Essen nicht. Was es bedeutet, dass ein Verzicht bitter, ein Gewähren süß, eine Mühe sauer ist, dass eine Absicht versalzen werden kann, wissen wir aus der oralsinnlichen Erfahrung. 

Der Begriff „Oralsinn" stammt von Ludwig Edinger (1908), er bezog ihn zunächst auf den Schnauz-Sinn der Tiere, insbesondere auf Schnauze und Zunge, Rüssel und den Schnabel der Vögel. Bei dem Menschen betont der Begriff des Oralsinnes die Einheit von Riechen, Schmecken und oralem Haut-Schleimhautgefühl.  Wir müssen riechen und schmecken und das in unmittelbarer oralsinnlicher Wahrnehmung Gegebene beurteilen, weil wir atmen und uns ernähren müssen. Geruch und Geschmack sind die kritischen Instanzen, die darüber wachen, ob das Einverleiben stattfinden darf oder nicht.  Die oralsinnliche Beurteilung der Lebensumwelt ist spontan und unterliegt nicht dem freien Willen.

Die Wahrnehmungen des Oralsinns werden oft als niedere „leibnahe" Sinneswahrnehmungen klassifiziert und in Gegensatz zu höheren „geistnahen" Sinnen gestellt. Immanuel Kant hat in seiner „Anthropologie" das „sinnliche“ von dem „intellektuellen Erkenntnisvermögen“ unterschieden und als „unteres“  Erkenntnisvermögen bezeichnet. Für Kant war die Sinnlichkeit „an sich Pöbel, weil sie nicht denkt". Im Geruchssinn sieht Kant den Bodensatz des unteren Erkenntnisvermögens. 

Die Abwertung oder das Ignorieren des Oralsinnes hängt auch damit zusammen, dass sich seine Empfindungen nicht logisch aufgliedern oder messtechnisch isolieren lassen und schwer in Worte zu fassen sind. Wenn die Biologie das Riechen vom Schmecken unterscheidet, trennt damit sinnliche Bereiche, die eng zusammengehören und deren sensorische und anthropologische Intensität bei der naturwissenschaftlichen Aufteilung verloren geht.

Der „Oralsinn" ist ein aktiver Sinn, er wird aktiviert durch Lecken, Saugen, Kauen, Küssen.  Erst durch die Aktivität von Zunge und Kiefer wird das Harte und Weiche, das Glatte und Rauhe, das Trockene und Feuchte, das Schlüpfrige, Körnige und Zähe über die Schleimhaut spürbar. Über das Riechen werden speisen geradezu „vorgekostet“.  Riechen ist Atmen.

Für Tiere ist der Oralsinn der Schnauze von überragender Bedeutung - für die Vorkontrolle der Nahrung und die Beziehungen zum Partner. Tiere wittern markierte Grenzen und Feinden, Herdentiere werden vom Geruchssinn zusammengehalten. Schmetterlinge schnuppern die Düfte ihrer Sexualstoffe kilometerweit. Im Wittern versucht das Tier auszumachen, woher ihm Gefahr droht und wo Beute zu finden ist. Der Hund kann unter Tausenden von Individuen untrüglich seinen Herrn erkennen riechen. Die am weitesten vorgeschobenen Körperteile dienen nicht dem Fühlen, sondern dem Riechen. 

Oralsinn beim Menschen

Der Oralsinn ist das Sensorium, mit dem der Fötus seine Umgebung im Uterus erfährt. Mit dem oralsinnlichen Sensorium erfahren Neugeborene ihre ersten nachhaltigen Begegnungen mit der Umwelt. Noch Kleinkinder führen unbekannte Dinge zum Mund, um sie zu ertasten, zu kosten. Mut dem Mund spüren sie, was das Auge nur verschwommen sieht und nicht bewerten kann. Das erste visuelle Erkennen ist ein „mit den Augen essen“.

Im Verlauf der kulturellen Entwicklung des Menschen gewinnen Gehörsinn und Gesichtssinn an Bedeutung,  der Oralsinn bleibt der leibliche Sinn, der insbesondere libidinöse Beziehungen und die Sexualität regiert. Das „riechen können“ ist ein untrügliches, durch kein Parfum zu verdeckendes Kriterium  bei der Annäherung zweier Menschen – es ist eine Bedingung sein für das Glück des Naheseins.  Der Oralsinn ist ein Sinn der Nähe. Er scheidet das Vertraute vom Fremden. Er vermittelt die Intimität beim kulinarischen und erotischen Erleben. Genauso liegt in dem Riechen der Ausscheidungen ein absoluter Distanzierungszwang. Jemand, der schlecht riecht, kann auch sich selbst verhasst sein, das zeigt sich mit quälender Deutlichkeit in Psychosen.

Der Ort des Duftes ist dabei nicht weiter bestimmbar, er ist nicht messbar, nicht zählbar, nicht teilbar - er „liegt im Raum“ wie eine Atmosphäre. Im Gedächtnis verbinden sich intensiv erlebten Situationen mit ihrem besonderen Geruch.

Atmosphäre

In nahezu jeder Erfahrung unserer Sinne findet sich ein Mehr, das über das reale Faktische und Messbare hinausgeht und das wir wie etwas Unwägbares und Ungestaltiges spüren. Im Gespür für Atmosphärisches besitzen auch Menschen ein Sensorium, mit dem sie Mitwelt und Umwelt unmittelbar erfassen. Diese Atmosphäre prägt bei zwischenmenschlichen Begegnungen eine primäre sympathetische Zustimmung oder ablehnende „Animosität". In menschlichen Beziehungen gibt es eine Ausstrahlung, die vor allem Sprechen eine Atmosphäre prägt - zum Beispiel eine Atmosphäre des Vertrauens. An dem kindlichen  Vertrauen  zur Mutter wird deutlich, dass das Vertrauen-Können eine Grundsituation des Lebens ist, da der Mensch auf den Mitmenschen angewiesen und regelrecht zum Vertrauen verdammt ist. Vertrauen ist seinem Wesen nach ursprünglich blind. Umso tiefgreifender ist das emotionale Trauma, wenn ein Vertrauen enttäuscht wird.

Keine kulturelle Sphäre ist so vom atmosphärischen Vertrauen durchwirkt wie die des Religiösen. In allen spirituellen Praktiken zelebrieren Menschen Vertrauen und integrieren ihre furchtbaren Ängste und Erfahrungen in ein blindes Grundvertrauen. Das ist der von Rudolf Otto beschriebene Kern des Numinosen, des Heiligen. Im Heiligen sind das Schauervolle, das Übermächtige und das faszinierend Anziehende atmosphärisch vereint. Der Mensch erfährt das Numinose vor allem in der Sphäre des Gefühls und drückt damit sein Bedürfnis nach einem blinden Grundvertrauen aus.  Nicht zufällig arbeiten spirituelle Riten mit Geruchsempfindungen, im christlichen Abendmahl geht es darum, die Gnade Gottes in dem Leib und Blut Christi zu schmecken. Durch die Vorstellung, dass sie Jesu Leib mit dem Wein und dem Brot „in sich aufnehmen“, fühlen sich Christen dem Göttlichen beim Abendmahl  ganz besonders nahe – ganz im Sinne des Psalms 34: „Schmeckt und seht, dass der HERR gütig ist!“

    Siehe auch meine Texte
    Tastende Sinnlichkeit - das gespürte Ich  MG-Link
    Körper haben, Leib sein  MG-Link
    Food-Medien  MG-Link
    Sprache der Gefühle   MG-Link
    Das oral-visuelle  Selbst  MG-Link
    Das gespürte Ich  MG-Link

    Lit.:  Hubertus Tellenbach, Geschmack und Atmosphäre: Medien menschlichen Elementarkontaktes (1968)