Klaus Wolschner         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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zu den Abschnitten

I
Medien-
Geschichte

 

2 AS Cover

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen
ISBN 978-3-7418-5475-0

2 VR Titel

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion im  Jahrhundert des Auges
ISBN 978-3-7375-8922-2
 

POP 55

Über traditionelle Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt
ISBN: 978-3-752948-72-1
 

2 GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne
ISBN 978-3-746756-36-3
 

 

Leib spüren2

Körper haben, Leib sein

2020

Menschen sehen den Körper ihres Gegenübers, aber sie empfinden sich selbst als Leib. Körper, Leib, was soll der Unterschied? Worte können einen neuen Blickwinkel eröffnen, neue Blickwinkel erfordern oft eine neue Sprache. Deswegen ist die Unterscheidung zwischen „Körper“ und „Leib“ sinnvoll sie ist umso wichtiger, als in den digitalen Medien die Begegnungen ohne präsenten Leib zunehmen: Die Bilder können die Körperoberfläche zeigen, nicht das Leibempfinden.

Was macht den Unterschied aus? Warum ist es sinnvoll, zwischen „Körper“ und „Leib“ zu unterscheiden?

Etymologisch geht der Begriff des Leibes auf das mittelhochdeutsche „lip“ zurück, das „Leib“ und „Leben“ bedeutet. Der Leib meint das Lebendige, Gelebte und Gespürte, die „leibhaftige“ Erscheinung des Menschen. In dem Synonym-Wörterbücher des Deutschen von Samuel Stosch (1780) heißt es noch, das Wort „Leib“ werde nur für lebendige „Körper“ benutzt, in der „Zergliederungskunst“ nenne man den Leichnam eines Menschen einen Körper.
Körper12Das Wort „Körper“ geht auf das lateinische „corpus“ zurück - „Körper“, „Leichnam“. Es bezeichnet den Gegenstand von Anatomie und Physiologie.     

Der Säugling ist, was er spürt, empfindet und fühlt. Erst wenn er sich im Spiegelbild erkennen kann, sagt man ihm: Das ist dein Körper. In den letzten 200 Jahren haben die zunehmenden Kenntnisse von dem „Körper“, mit dem wir umgehen können, den subjektiv gespürten Leib verdrängt. Vor allem in dem Gegensatz von „Unterleib“ und „Oberkörper“ lebt aber die alte Terminologie weiter.

Der Philosoph Hermann Schmitz beschreibt, wie der biologische und medizinische Blick aus dem „Körper“ ein Objekt gemacht haben, einen sicht- und tastbaren Gegenstand, ein Objekt der Betrachtung, Überlegung und Benutzung. Leib ist für ihn dagegen das, was nur der betreffende Mensch selbst spüren kann, „ohne sich auf das Zeugnis der fünf Sinne, besonders des Sehens und Tastens, zu verlassen“ (Schmitz). Der Mensch empfindet seinen Leib als unteilbares Ganzes. Der Leib ist das gefühlte Ich, das sich anderen Menschen nur schwer mitteilen lässt und das ich vor allem mit geschlossenen Augen deutlich spüren kann.

Am Leib spüre ich, so Schmitz, den Schreck, die Angst, den Schmerz, die Wollust, die Kraftanstrengung, Ekel, Hunger, Durst, Müdigkeit, Frische, Erleichterung. Ich bin ergriffen von Freude, Trauer, Zorn, Scham, Furcht, Liebe, wobei diese Gefühle nicht einfach „in mir“ sind, sondern wie „Atmosphären“ (Schmitz) den Raum erfüllen. Wenn ich mit trauriger Gestimmtheit in einem Raum eintrete, der von einer Gemeinschaft mit allgemeiner Ausgelassenheit erfüllt ist, steckt mich dieses Gefühl an – oder ich muss panisch den Raum verlassen. Der Leib erfüllt einen Raum flächenlos wie der Schall oder die Stille. Für den gespürten Leib gibt es keine Punkte oder Linien, keine körperlichen Begrenzungen, keine durch Lagen und Abstände bestimmten Orte. In flächenlosen Räumen gibt es Enge und Weite. All diese gespürten Empfindungen entziehen sich den Begrifflichkeiten der Geometrie und der Mechanik und daher sind sie nicht zu Objekten der wissenschaftlichen Betrachtung gemacht worden.

Der Körper wurde dagegen der handwerklichen Kunst unterworfen, er lässt sich vermessen und manipulieren – äußerlich über Bemalung und Kleidung, innerlich über medizinische Prothesen, die die Gebrechlichkeit der Leib-Empfindung kompensieren sollen und die Vergänglichkeit bremsen. Der inszenierte Körper dient der Darstellung des Menschen gegenüber anderen, die körperliche Ausstattung ist den Techniken des Selbst verfügbar. Der Leib ist dagegen das intime, innerliche Selbst-Empfinden, mehr Subjekt als Objekt. Helmuth Plessner hat das in seiner Betrachtung von „Lachen und Weinen“ (1941) in der sprachlichen Alternative „Körper haben“ und „Leib sein“ zusammengefasst. Lachen und Weinen sind spontane Ausdrucksweisen leiblicher Empfindungen, die sich nur schwer körperlich inszenieren lassen.

Der inszenierte Körper

Dem Menschen ist es – im wesentlichen Unterschied zu Tieren -  gegeben, seinen Körper völlig willkürlich zu gestalten - als äußere Hülle im sozialen Kontakt. Der Pfau kann seinen natürlichen Pfauenschweif aufspannen, der Mensch kann sich einen Pfauenschweif schneidern. Zähneputzen, Hörgeräte tragen, Medikamente gegen Schmerzen einnehmen – das alles sind Körpertechniken, die das leibliche Empfinden korrigieren sollen.

Die Art und Weise, wie wir unserem Körper gestalten oder eben die Gestaltung „vernachlässigen“, ist eine soziale Botschaft. Dass jemand das „nur für sich“ macht, ist eine Illusion - wenn wir mit unserer körperlichen Erscheinung zufrieden sind, dann deswegen, weil wir glauben, dass wir uns körperlich so inszeniert haben, wie wir gesehen werden wollen - von anderen.

Für den Menschen besteht eine kulturelle Notwendigkeit, den Körper im Sinne kultureller Deutungen zu inszenieren. Wer in Gesellschaft eine „gute Figur" als seriöse Ehefrau oder als Punk machen will, muss die dafür „richtige" Kleidung tragen, sich an den „richtigen" Stellen rasieren (oder eben nicht) und seinen Körper in einer der Inszenierung angemessenen Weise im Raum führen. Jede kulturelle Gruppe hat ihre spezifischen Körpermodellierungen. Frauen haben in der Regel ein besseres Gespür für die Signalwirkungen von Kleidung, Gestik, Frisur, Stimmlage, Maniküre, Blicknavigation – insbesondere wenn sie sich in „männlich“ codierten kulturellen Milieus aufhalten. Männer in ungewohnten Frauen-Milieus zeigen eine typische Unsicherheit.

In einer modernen mobilen Gesellschaft werden die Menschen nicht mehr durch Herkunft verortet, sondern müssen dies selber tun und sich in einer Vielzahl möglicher Zugehörigkeiten „einfädeln". Daher die „Zumutung", sich selbst immer wieder neu erfinden und „umziehen“ zu müssen. Der Körper ist die sichtbarste „Visitenkarte" für das Rollenspiel in komplexen Gesellschaften. Mit Piercings, Tattoos, Fitness- und Muskeltrainings, Diät und Schönheitsoperationen wird er zurechtgemacht. In dem Maße, wie der physische Körper der Arbeit in einer Angestellten-Kultur an Bedeutung verlor, gewann der Freizeit-Körper an Bedeutung. Nicht allein Kleider „machen Leute“, sondern Kleider und Körper-Inszenierung.

Wir lesen also alle diese körpergebundenen Zeichen. Es gibt schon für das Tragen von Jeans verschiedene Kulturen, die als individuelle Angelegenheit erscheinen, aber Ausdruck eines milieuspezifischen Habitus sind. Unangemessene Körper-Inszenierung wird als mangelnde soziale Kompetenz interpretiert und kann zu Scham über das eigene Unvermögen führen. Es ist peinlich, wenn jemand nicht weiß, was in einem bestimmten Kontext als normal oder selbstverständlich gilt. Bei den gesellschaftlichen Stereotypen und Normen gibt es nur einen kleinen Spielraum für eine eigensinnige Aneignung, der nicht als Rebellion interpretiert wird. Der Körper kann nicht nicht kommunizieren. Selbst wenn er schweigsam und „verschlossen“ erscheint, ist das ein Signal, die die Mitmenschen empfangen und deuten.

Auch die sprachlich-bewusste Interpretation des leiblichen Spürens wird von Sozialisationsprozessen geprägt. Unser Körperwissen schließt Chiffren für unsere gefühlten Leib-Empfindungen ein, die aber keiner formalen Sprach-Logik genügen und daher als „nebulös“, ungewiss und „nur subjektiv“ abgewertet werden.

Auch für die Balance von Körper-Techniken und Leib-Empfindungen gibt es gesellschaftliche Konventionen, die für Kinder und Jugendliche anders sind als für „Erwachsene“, für Frauen andere als für Männer. Allzu große Abweichungen von den Konventionen werden als psychische Störung interpretiert, als Störung eines „normalen“ Spannungsverhältnisses von Leib und Körper. Der Hypochonder etwa „übertreibt“ die medizinische Überwachung der Funktionsfähigkeit seines Körpers, weil er das Vertrauen gesellschaftlich und altersbedingt übliche Vertrauen in seine natürlichen leiblichen Prozesse verloren hat. Magersucht und Anexorie sind andere Beispiele für die Diagnose einer Störung der „gewöhnlichen“ Balance von Körper und Leib-Empfindung. Psychotherapeutisch begründete „Körpertherapien“ sind nach der Unterscheidung von Leib und Körper eigentlich „Leib“-Therapien. Wenn die „körperliche und seelische Balance“ als ihr Ziel bezeichnet wird, dann zeigt sich, wie die theologische Metapher „Seele“ als ein Hilfsbegriff benutzt wird, um ein unzureichendes Verständnis der Verankerung der menschlichen Identität im Leib zu kompensieren. 

Verschwindet der Leib in der Welt der digitalen Medien?

Der Untergang des Abendlandes ist immer wieder vorhergesagt worden, die Zivilisationskritik begleitet den Fortschrittsoptimismus der Neuzeit. Die Vision eines Zurück zur Natur gibt es, seitdem die Erziehung die zivilisatorische Formung des Menschen thematisiert. Im späten 19. Jahrhundert und im direkten Anschluss an die Romantik wurde eine Technik- und Zivilisationskritik entwickelt, die die Leibfeindlichkeit der sich industrialisierenden und technisierenden Gesellschaft skandalisierte.

Philosophen wie Edmund Husserl (1859-1938) oder Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) sind die bekanntesten Vertreter dieser Strömung, die als „Phänomenologie“ bezeichnet wird. Dem romantischen Denken galt der Körper als Ort des Natürlichen und  Eigentlichen, die Faszination der Technik stellte diese Denkfigur in Frage.

Insbesondere Filme wie Charlie Chaplins Modern Times oder Fritz Langs Metropolis haben die Verschmelzung von Mensch und Maschine in populärer Weise thematisiert. Die Antwort auf die Sorge vor der Auslieferung des Menschen an die Technik war die kultische Aufwertung des Körpers in der Lebensreform-, Körperkultur- und Ausdruckstanz-Bewegung.

Die moderne „Erlebnisgesellschaft“ begreift den Körper im Sinne alltäglichen Selbst-Techniken als modellierbare Masse, die der Ästhetisierung bedarf. Neben dieser dominanten Strömung aber gibt es eine Gegenströmung, die die Kritik an der Oberflächlichkeit der Körper-Inszenierungen formuliert. In diversen Meditationstechniken äußert sich die Sehnsucht nach intensivem Spüren des Leibes.

Die Gestalttherapie greift diese Gegenströmung auf und setzt auf die leiblichen Erfahrungen, also das wahrnehmende Spüren der Gefühle und Empfindungen vor dem Verbalisieren.

Gestalttheoretiker wie Friedhelm Mathies verweisen darauf, dass der Kieler Philosoph Hermann Schmitz dafür ein Vokabular zur Verfügung gestellt hat, das den alten Begrifflichkeiten von Husserl und Merleau-Ponty überlegen ist.

Das soll an den drei Begriffen „Situation“, „leibliche Kommunikation“, „Einleibung“ erläutert werden.

„Situation“: Die natürlichen Einheiten der Wahrnehmung sind für Schmitz „Situationen“. Eine Situation wird nicht als Menge einzelner Sinnesdaten oder Dinge wahrgenommen, sondern als natürliche Einheit der erlebten Ganzheit - als Sinnfeld. Situationen sind subjektive Tatsachen, um sie zu beschreiben brauchte es Romane. Eine Situation ist „binnendiffus“, d.h. in ihr ist nicht alles (eventuell gar nichts) einzeln erkennbar und benennbar, das Subjekt nimmt nicht Einzelheiten wahr. Eine Situation wird durch ihre Bedeutsamkeit zusammengehalten. Die Bedeutsamkeit von Situationen vermittelt sich spontan durch leibliche Kommunikation.

„Leibliche Kommunikation“ geht dem Bewusstwerden (Bewusstsein) einzelner wahrgenommener Sinnesdaten oder Dinge voraus; eigenleibliches Spüren und affektives Betroffensein sind die Formen der ganzheitlichen Wahrnehmung. Leibliche Kommunikation ist die grundlegende Form der gegenseitigen Wahrnehmung, ein „Bemerken, was los ist“ – bevor spezifischen Empfindungen aus Sinnesreizen aufgenommen und durch den Verstand verarbeitet werden. Leibliche Kommunikation geschieht überwiegend präpersonal, d.h. nicht bewusst. Der Schreck ist ein typisches Beispiel leiblicher Kommunikation, wir „verstehen“ eine schreckhafte Reaktion, auch wenn wir nichts über die Hintergründe wissen. Der Schreck wirkt unmittelbar ansteckend, ohne dass wir ihn nach Ursache und Angemessenheit analysiert und rational begriffen haben. 

„Einleibung“: Der Leib ist nicht an anatomische Grenzen gebunden, leibliche Kommunikation durch Tasten, Sehen und Hören kann die eigenen Grenzen überschreiten. In der Begegnung mit anderen bildet sich dabei ein gewissermaßen gemeinsamer, übergreifender Leib. Reiter und Pferd, die Mannschaft der Rudern, zwei Tänzer oder eine Gruppe gemeinsam singender Menschen wären Beispiele für eine „Einleibung“, Voraussetzung ist eine große Intensität der leiblichen Kommunikation.

    Lit.:
    Veronika Magyar-Haas, Körper/Leib
       aus: Weiß und J. Zirfas (Hrsg.), Handbuch Bildungs- und Erziehungsphilosophie (2020)
    Hermann Schmitz, Der Leib (2011)

     

    siehe auch meine Texte

    Am Anfang war Musik - über die Ursprünge von Sprache und Musik  MG-Link
    Orale Götterkultur: Klangrede und leichte Trance   MG-Link
    Kommunikatives Kraulen  MG-Link
    Food-Medien   MG-Link
    Kommunikation konstruiert Wirklichkeits-Bewusstsein  MG-Link
    Was ist Sprache - oder besser: Was die Hirnforschung über die Sprache weiß   MG-Link
    Über das Denken in Anschauungsformen, in Schriftsprach-Symbolen und in Mythen  MG-Link