Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

 Die Erfindung der Alphabet-Schrift

Mit dem Alphabet wurde die Schrift zu einem Instrument, mit dem beliebige Sprachlaute
jeder Sprache visuell genau repräsentiert werden können

2017

Wortklang ist modulierter Ton, seine Elemente sind in eine Tonfolge gebracht Phoneme. Die Alphabetschrift ist nicht schlicht Lautschrift für diese Tonfolgen, sondern normiert die diffuse Welt der Laute. Sie strukturiert die Worte mit der reproduzierbaren Eindeutigkeit ihrer Zeichen.
Am Anfang haben Schriftzeichen nicht Wort-Laute in symbolischen Zeichen fixiert, sondern Schrift-Zeichen waren Bild-Zeichen, die im Verlaufe der Schrift-Geschichte abstrakter wurden. Erst nach 2000 Jahren Schrift-Geschichte wurde Schrift zu einer uns heute selbstverständlichen Art, den Wortklang grafisch zu symbolisieren und festzuhalten. (vgl. den Text Vor der Alphabet-Schrift, M-G-Link)
Das Medium Alphabetschrift zwingt die gesprochene Sprache der Schrift-Gelehrten in ihren Rahmen. Mit der Alphabet-Schrift gewinnt die Sprache eine Stütze, die sie verändert. Am Anfang war die Schrift der Knecht der Sprache, am Ende der Entwicklung beherrscht die Schrift die Sprache - für alle, deren Sprache vom Schriftgebrauch geprägt ist.
In der Phase von 600 bis 300 v.u.Z. ist im griechischen Kulturbereich, der sich bis Kleinasien erstreckte, die Alphabetschrift und damit eine neue Verstandeskultur „erfunden“ worden, deren Wiederentdeckung tausend Jahre später mit der Renaissance das aufgeklärte und wissenschaftliche Denkens einleitete

Warum gerade Griechenland?

Die beeindruckende und bis heute bewunderte griechische Kulturentwicklung war sozialgeschichtlich natürlich nicht voraussetzungslos: Athen war eine Gründung der Mykener, deren Städte schon mit Kanalisation ausgestattet waren und deren Toiletten Wasserspülung kannten. In den Archiven einer Mykenischen Königsburg sind Tontäfelchen mit Listen von mehr als 100 Berufen gefunden worden.

Als um das Jahr 1000 v.u.Z. die Dorer einfielen und die mykenische Siedlungen und zerstörten, wurde Athen zum Sammelbecken von Flüchtlingen. Die Migranten zogen in mehreren Wellen über 100 Jahre weiter nach Sizilien, auf die ägäischen Inseln und an die Westküste Kleinasiens. Milet wurde zu einem bedeutenden Zentrum des Handels und des Geisteslebens mit Heraklit und Anaximander, Thales und Pythagoras. Der Ostrand des Mittelmeeres wurde zum Schmelztiegel asiatischer, babylonisch-assyrischer, ägyptischer, hebräischer und minoisch-mykenischer Traditionen. 

Seit dem achten Jahrhundert war es zu einem großen Aufschwung ökonomischer Aktivitäten gekommen. Der Handel mit dem Osten brachte materiellen Wohlstand und technologischen Fortschritt. Der Handel mit Ägypten führte zur Einfuhr von Papyrus. Dadurch wurde das Schreiben einfacher und billiger. Papyrus war dauerhafter als Wachstafeln und leichter zu handhaben als der Stein oder Ton aus Mesopotamien und Mykenä. Die griechischen Kaufleute brauchten die Schrift für ihre Geschäfte, als Dokumente für Gesagtes und Vereinbartes. Pragmatische Interessen waren das entscheidende Motiv, nicht die in der heutigen Überlieferung zitierten literarischen Werke.
Die Griechen und ihr Stadtstaat Athen waren als kleines Volk immer wieder bedroht, umgeben von vielen Feinden. Aber ihre Verbindungslinen liefen über das Wasser – das dezentrale Netzwerk der griechischen Städte war nicht so einfach zu erobern. Wenn eine Stadt fiel, fiel nicht das Netzwerk insgesamt aus. Es gab keine Königshöfe gab, die in Versuchung waren, das geistige Leben aus Prestigegründen zu fördern und damit zu kontrollieren. Ein Drittel der Athener Bewohner waren Sklaven, aber die Elite bestand aus gleichberechtigten Männern. Die Philosophen waren freie Menschen, die von ihrem Renommee und den Entgelten ihrer Schüler lebten und damit von ihrer öffentlichen Anerkennung. 

Wahrheit und Tempelweisheit

Die griechische Mythologie musste nicht die Herrschaftsansprüche von Königshäusern legitimieren, das Bild der Götter wurde allzu menschlich – den Göttern wurde Diebstahl, Betrug, Vergewaltigung und Ehebruch nachgesagt. Die Götter waren damit im mentalen Herrschaftsgefüge verzichtbar – von dem Philosophen Protagoras wird ein Satz kolportiert, der seine Zeitgenossen geradezu ungeheuerlich klingen musste: „Von den Göttern vermag ich nichts festzustellen, weder dass es sie gibt, noch dass es sie nicht gibt."  Mit einer solchen Formulierung wird die Frage nach der Existenz Gottes der menschlichen Logik unterworfen. 

Schrift war in den vorgriechischen Kulturen privilegierendes Herrschaftswissen Einzelner gewesen und nie breit in der oralen Kultur der Gesellschaft verankert. Wertvolles Wissen um diese Kulturtechnik ging immer wieder verloren, und damit die jeweilige Kultur. Die soziokulturellen Strukturen dieser Gesellschaften standen einer  breiteren Ausbildung entgegen. Das trifft im alten Indien, Palästina oder auch in China zu, wo das Lesen und Schreiben fast ausschließlich den Priestern vorbehalten war. Die  Schrift diente der Konservierung der bestehenden religiös-kulturellen Traditionen.

Der entscheidende Unterschied der griechischen Schriftkultur etwa zu der jüdischen war, dass die griechischen Gelehrten nicht Priester und damit Autoritätspersonen waren, die mit ihrer Wahrheit Machtansprüche verbanden. Die ägyptischen wie die hebräischen Schriftzeichen waren Instrumente herrschaftlicher Repräsentation. Schriftlich symbolisiert wurden Gesetze, Erlasse, Akten, Rituale, und Opferstiftungen, also Diskurse der Macht.

Die griechischen Vordenker dagegen waren wohlhabende, interessierte Bürger. Sie entwickelten nicht eine Tempel-Wahrheit, die es zu hüten galt, sondern ihre jeweils persönliche Wahrheit, die sich im Wettstreit der Meinungen auf den Marktplätzen und in der Konkurrenz um Schüler bewähren musste. Die griechische Schriftkultur erwies sich daher als innovativ, dynamisch und entwicklungsfähig.

Griechische Anfänge „unserer“ phonetischen Schrift

Die profanen Gelehrten in den griechischen Städten waren offenbar fasziniert von der Schrift der Priesterkaste in der sumerisch-phönizischen Welt und den Aufschreibsystemen der Händler. Sie benutzten deren Schreib-Symbole und ordneten ihnen die Phoneme aus ihrer Sprache zu. Bei der Nutzung der phönizischen Buchstaben für die griechische Sprache wurde das Fehlen der Vokalzeichen ein Problem. Schon die Phönizier im Sinai-Gebiet, die enge ägyptisch-semitische Sprach- und Kulturkontakte pflegten, hatten damit begonnen, fremde ägyptische Worte mit Vokal-Zeichen zu ergänzen oder zu verdeutlichen. Die Griechen haben dann die Konsonanten von ihren Vokal-Anhängen systematisch isoliert und die Schrift mit fünf Zeichen für Vokale ergänzt, um sie für ihre Sprache eindeutiger zu machen. Viele Unklarheiten in der hebräischen Bibel haben ihre Ursache darin, dass die semitische Schrift keine Vokale repräsentiert: Weil die Konsonanten in den entsprechenden hebräischen Wörtern dieselben sind, können es statt „Raben” ebenso gut „Araber” gewesen sein, die Elias Nahrung brachten.

Mit dem Alphabet wurde die Schrift zu einem Instrument, mit dem beliebige Sprachlaute jeder Sprache visuell genau repräsentiert werden konnte. Während die Bilder-Schrift in verschiedenen Sprachen in unterschiedlich Wort-Lauten wiedergegeben, von ihrem visuellen Bezug aber „verstanden“ werden konnte, kann die alphabetische Schrift auch fremder Sprachen einigermaßen authentisch in Laute „übersetzt“ werden, deren Sinn aber durch die Laute nicht erschlossen wird. Jeder Lesekundige kann heute ein spanisches oder englisches Wort einigermaßen „lesen“, weiß aber nicht, was es bedeutet: „tree“, „arbol“ oder Baum. Hätten wir europaweit chinesische Bilderschrift-Zeichen mit dem Symbol eines Baumes, so könnten wir jedes fremde Buch verstehen – aber nicht akustisch vernehmbar „lesen“, weil jedem Bild-Zeichen je nach Dialekt ganz anderen Lauten zugeordnet wären. Das phonetische Verfahren bietet die Möglichkeit, nicht-gegenständliche Worte wie „nichts“, „kaum“ oder „nein“ genauso geschwind auszusprechen und genauso einfach zu notieren. Das phonetische Verfahren eignet sich für komplexe, abstrakte Inhalte. Die Griechen waren sich des phönizischen Ursprungs ihrer Art zu schreiben durchaus bewusst - „phöniziieren” war die altgriechische Bezeichnung für schreiben.

Wenn Platon noch die lebendige Rede gegen die tote Schrift lobte, kann man daraus schließen, dass er nicht erkannt hat, welche Revolution des Denkens die neue Medientechnik ermöglichte. Denn gerade er hatte Spaß an dem Spiel mit den abstrakter werdenden Gedanken. Aus ihnen wurden in der griechischen Kultur nicht Herrschafts-Mythen geflochten, sondern eher Denker-Mythen. Sozialprestige war ein Motiv für diese Entwicklung.

Die menschlichen Sprechwerkzeuge können zwar eine riesige Zahl von Lauten erzeugen, doch beruhen fast alle Sprach-Gemeinschaften auf dem formalen Wiedererkennen von rund vierzig dieser Laute. Offenbar ist dem Gehirn des homo sapiens eine ungeheure Lust an Muster-Bildungen und an Abstraktion. Diese Vorliebe für Strukturen führt auch zur Entwicklung von Regelhaftigkeiten - Grammatik - für die Sprache.

Die Lust am regelhaften, abstrahierendem Denken innerhalb einer elitären gesellschaftlichen Gruppe war die Triebfeder der antiken griechischen Philosophie - übrigens auch 1000 Jahre später bei den scholastischen Spitzfindigkeiten, aus deren intellektuellen Milieu die ersten Anstöße zur Renaissance entstanden, nachdem das Christentum als Herrschafts-Instrument des spätantiken Kaisertums eher zur Zerstörung der antiken geistigen Welt beigetragen hatte.

Griechische Schriftkultur: Homer, Sokrates, Platon

Mit den Homer zugeschrieben Epen Ilias und Odyssee, die vermutlich von verschienen Verfassern aufgeschrieben wurden, ist das früheste literarische Werk in altgriechischer Schriftsprache überliefert. Schon Rousseau hatte die Frage gestellt, ob Homer (zwischen 750 und 650 v.u.Z.) schreiben konnte. Inzwischen ist klar, dass die unter diesem Namen tradierten Dichtungen zunächst mündlich überliefert wurden. Die Literaturwissenschaft wertet besondere Wiederholungsstrukturen und sprachrhythmische Elemente als Hinweise auf diese Gattung von aufgeschriebenen Erzählungen. Erst hundert Jahre „nach Homer“ schrieb man sie auf; später sorgten hellenistische Gelehrte in der Bibliothek von Alexandria für die Schlussredaktion.

Ein breiter Schriftgebrauch hat sich seit dem siebten Jahrhundert entwickelt. Natürlich war auch die griechische Schrift des klassischen Zeitalters schwer zu entziffern, da die Wörter nicht immer in der gleichen Weise voneinander getrennt wurden. Das Abschreiben von Manuskripten war eine lange und mühsame Arbeit, in der antiken Welt wurden Bücher von einem Sklaven vorgelesen.

Vom sechsten Jahrhundert wurde Literalität im öffentlichen Leben Griechenlands und Ioniens für die Elite der freien Männer als selbstverständlich vorausgesetzt: Um das Jahr 594 erließ Solon in Athen die ersten Gesetze, die der allgemeine Öffentlichkeit noch durch Lesen zur Kenntnis gebracht wurden. Die Institution des Scherbengerichts im frühen fünften Jahrhundert setzt eine des Lesens und Schreibens kundige Bürgerschaft voraus - ehe eine Person verbannt werden konnte, mussten 6.000 Bürger den Namen dieser Person auf eine Scherbe schreiben. Aus dem fünften Jahrhundert gibt es eine Fülle von Hinweisen auf Schulen, in denen Lesen und Schreiben gelehrt wurden (Protagoras), sowie auf eine Bücher lesende Öffentlichkeit, über die sich Aristophanes (in Die Frösche, entstanden ca. 405) satirisch lustig gemacht hat. Durch ein Dekret des Archonten Eukleides im Jahre 403 wurde die endgültige Form des griechischen Alphabets offiziell in Athen eingeführt.

Das war die Zeit von Sokrates, der 398 gestorben ist. Er hat nichts geschrieben. Was Sokrates gelehrt hatte, hat Platon aufschreiben lassen, der im Jahre 387 seine „Akademie“ gründete. Erst unter den Bedingungen von Literalität konnte es zu reimlosen Prosaformen kommen. Platon aber schrieb nichts, ohne Sokrates reden zu lassen. Bei Platon gibt es gleichwohl keine Euphorie des Aufschreibens, im Gegenteil: Platons „Sokrates“ ist skeptisch gegenüber der Schrift und vertritt eine Hochschätzung der oralen Tradition. „Buchstabengärtchen“ seien die Schriften, lässt Platon seinen Lehrer spotten, unbeseeltes Wissen. „Ist sie aber einmal geschrieben, so treibt sich (rollt) eine jede Rede (logos) überall herum, bei denen, die sie verstehen, ganz ebenso wie bei denen, für die es sich nicht ziemt, und sie weiß nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht.“ Um die Wahrheit zu sagen, muss man „mit seinen eigenen Worten sprechen“, lässt Platon Sokrates sagen. Schrift allein kann kein Träger von Wahrheit sein.

Erst im dritten Jahrhundert entwickelte sich die uns heute selbstverständliche Form des individuellen Lesens, das aber meist ein Sich-selber-Vorlesen war. Bis ins Mittelalter war ein „stilles Lesen“ eine besondere Ausnahme. Die neue (attische) Schriftsprache (koine) verbreitet sich im 4. Jahrhundert in dem griechischen Kulturgebiet. Schließlich konnte in Athen jeder zweite freie Mann lesen und schreiben. Das Schrift-System musste mühsam erlernt werden, in den Nomoi setzt Platon dafür drei Jahre an, ungefähr dieselbe Zeit, in der in unseren Schulen heute das Lesen und Schreiben gelernt wird. Dionysios Thrax entwickelte im 2. Jahrhundert v.u.Z. eine Grammatik (Technē grammatikē, „grammatische Wissenschaft“) und eine Theorie des Lesens.

Die Schrift diente zunächst nur der Rede

Schrift war für die frühen Philosophen vor allem Gedächtnisstütze für Reden.  Schrift löste die alte „architektonische Mnemotechnik“ ab, die klassische Gedächtniskunst, in der eine Verteilung der Themen in einem vorgestellten Raum wie eine Gliederung wirkte, deren Kapitel man abschreiten kann und sich so des nächsten Thema erinnert.

Die phonetische Schrift wurde nicht als ein visuelles Medium begriffen. „Die Schrift redet, sie ist ein Medium, welches man hört, obwohl man sie natürlich nur sehend lesen kann.“ (Eric Havelock) Vollkommen üblich war es insofern, die Tatsache, dass durch die Schrift jemand „spricht“, sprachlich deutlich zu machen, auf Grabsteinen findet man oft das Wort „ich“:  „Dasselbe Grab bewohne ich, Asteia aus Pisa, mit meinem Mann zusammen, Tochter des berühmten Philetor.“ Oder: „Ich bin die Stele des Xenares, Sohnes des Meixis, auf dem Grabe.“

Die Schriftzeichen dienten zur Fixierung einer Oralität, die sich selber langsam in Richtung Literalität modifizierte. Die primär oralen Sprach- und Denkformen waren als Speichertechnik noch lange nach der Erfindung des Alphabets in Gebrauch. Erst langsam gewann die Schriftlichkeit die Oberhand - es hat 250 Jahre gedauert, bis die skriptographische Informationsverarbeitung ihre eigenen Stärken entwickelt und als Prestigeobjekt von der Gesellschaft anerkannt wurde. 

    Zur Erfindung des „Textes” als Baustein für Wissensgebäude   M-G-Link
     

vgl. zur Geschichte von Schriftkultur und Denken auch die Texte

    Vor der Alphabetschrift   M-G-Link
    Empedokles oder: Erkennen ist kugelrund  M-G-Link
    Israel und die Erfindung der monotheistischen Schrift-Religion (Assmann)  Link
    Orale Götterkultur: Klangrede und leichte Trance M-G-Link
    Wozu die Ägypter eine Schrift brauchten   M-G-Link

    Griechenland und die Disziplinierung des Denkens (Assmann) Link
    Phonetische Schrift und griechisches Denken  M-G-Link
    Die Kultur des Lesens in der griechisch-hellenistischen Welt (Chartier) Link
    Kultbild-Verehrung in der Antike  M-G-Link
    Die Zerstörung der antiken Buchkultur in der Herrschaftszeit des Christentums M-G-Link

    Sprache Denken Mythen  -
    Über das Denken in Anschauungsformen, in Sprachsymbolen und in Mythen
    M-G-Link
    Luther und die Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache  M-G-Link