Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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POP 55

Über traditionelle Herrschafts-Kommunikation
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Wenn der Pöbel
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Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
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Lese-Sucht

Über die Gefahren der „Bücherfluth” und die Kritik des Lesen im 18. Jahrhundert

                                       2021 2

I

Schon im 16. und 17. Jahrhundert sind diverse Streitschriften gegen die Sensationslust der Flugblätter und Zeitungen und die „Unzeitige Neue-Zeitungs-Sucht“ (Johannes L. Hartmann, 1679) erschienen. Die Popularität des Flugblatt- und Zeitungslesens wurde von den Obrigkeiten mit Besorgnis wahrgenommen. Man fürchtete, die Aneignung von Neuigkeiten und Meinungen durch Privatleute könne die etablierten Autoritäten untergraben: „Was aber Privatpersonen anlangt, so ist ihre allzu große Neugierde auch hierin wie in anderen Dingen überhaupt ein Fehler und verdient gerechten Tadel“, formulierte Ahasver Fritsch 1676.

Die Kritik der „Lesesucht hatte eindeutige gesellschaftpolitische Implikationen. Bernard de Mandeville meinte (1723), die Armen würden durch Bildung nur verdorben und zu Lohnforderungen und Faulheit ermutigt. Soame Jenyns pries 1757 die Unwissenheit als Arznei, die eine gütige Vorsehung den Armen eingeflößt habe.

Der Frauenarzt Friedrich Benjamin Osiander (1759 –1822), zuletzt Professor der Medizin und Direktor des Entbindungshospitals in Göttingen, hatte 1796 der Lesesucht den wohlklingenden Fach-Namen „Vesana ad scenas romanenses propensio“ gegeben, wörtlich übersetzt „Romanensucht“ . Betroffen waren vor allem Frauen:

    „Nichts wirkt in den Jahren der lebhaftesten Einbildungskraft auf Kopf und Herz eines jungen Frauenzimmers so nachtheilig, als die an sich verderbliche Romanenlectuere. Schluepfrige Romane erwecken bey ihnen die noch schlafenden Zeugungstriebe, und reißen sie zur Selbstbefriedigung hin, welche den lebhaftesten Geist toedtet, die bluehenoste Gesichtsfarbe in kurzem verwischt, und aus einem Engel in wenigen Monaten eine wandelnde Leiche schafft, ja manchmal den Grund zu unheilbaren Uebeln in und außer der Ehe leget.“

Osiander kritisierte nicht nur die Kolportageromane, sondern auch die anspruchsvollen Werke des Sturm und Drang:

    „Sind auch die Romane rein sittlich, aber empfindsam und hoch gespannt, so wird in dem zarten Herzen der Leserin das Feuer einer idealistischen Liebe angefacht, und eine Sehnsucht rege, die selten so befriedigt wird, wie die ueberspannten Forderungen  und Erwartungen es heische.“

Der Verstand eines sonst verständigen Mädchens könne „voellig verrueckt“ werden „oder es ist Selbstmord das traurige Ende dieser Entwickelungskrankheit“. Osiander bezieht sich dabei auf die damals beobachtete Zunahme von Selbstmorden: „Aber auch im uebrigen Deutschlande nahm nach dem siebenjaehrigen Kriege, besonders  aber in den achtziger Jahren, in vielen Residenz-, Handels- und Universitaetsstaedten der Selbstmord sehr zu. Die Ursache davon schien keine andere zu seyn, als die sich immer mehr verbreitende Sucht der faden Romanen-Lectuere, welche die ueberall errichteten Lesegesellschaften und die Nachdruecke schoengeisterischer Schriften ungemein beguenstigten, und von den hoehern bis in die niedern Klassen verstreuten, und wodurch die Liebe, einen Roman zu spielen, und endlich wie ein Romanenheld zu sterben, nachdem Kopf und Herz mit Abentheuer angefuellt und verschroben waren, unter der so empfaenglichen Jugend allgemein verbreitet wurde.“ 

In der Kritik stand insbesondere auch Johann Wolfgang von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ (1774), der in verschiedenen deutschen Ländern zeitweise verboten war. Über Goethes Werther urteilte der Theologe Johann Melchior Goeze 1775:

    „Welcher Jüngling kann eine solche verfluchungswürdige Schrift lesen, ohne ein Pestgeschwür davon in seiner Seele zurück zu behalten, welches gewiss zu seiner Zeit aufbrechen wird. Und keine Censur hindert den Druck solcher Lockspeisen des Satans?“

Johann Gottfried Hoche schrieb 1794 in seinen „Vertrauten Briefe über die jetzige abentheuerliche Lesesucht“:

    „Die Lesesucht ist ein thörigter, schädlicher Mißbrauch einer sonst guten Sache, ein wirklich großes Übel, das so ansteckend ist, wie das gelbe Fieber in Philadelphia; sie ist die Quelle des sittlichen Verderbens für Kinder und Kindes Kinder.“

Der neue lese-süchtige Lesertypus wurde von Karl Philipp Moritz (1785) in seinem autobiografischen Roman „Anton Reiser“ so skizziert:

    „Das Lesen war ihm nun einmal so zum Bedürfnis geworden, wie es den Morgenländern das Opium sein mag, wodurch sie ihre Sinne in eine angenehme Betäubung bringen. [...] Das Bedürfnis zu lesen ging bei ihm Essen und Trinken und Kleidung vor, wie er denn wirklich eines Abends den Ugolino las, nachdem er den ganzen Tag nicht das mindeste genossen hatte, denn seinen Freitisch hatte er über dem Lesen versäumt, und für das Geld, das zum Abendbrot bestimmt war, hatte er sich den Ugolino geliehen, und ein Licht gekauft, bei welchem er in seiner kalten Stube, in eine wollene Decke eingehüllt, die halbe Nacht aufsaß, und die ,Hungerscenen‘ recht lebhaft mit empfinden konnte.“

Noch im Jahre 1807 erklärte David Giddy im britischen Unterhaus: „Den arbeitenden Klassen der Armen Bildung zu geben ... würde ihrer Moral und ihrem Glück schaden; es würde ihnen beibringen, ihr Los im Leben zu verachten, anstatt sie in der Landwirtschaft und anderen mühsamen Beschäftigungen zu guten Dienern zu machen. Anstatt ihnen Unterordnung beizubringen, würde es sie widerspenstig und widerwärtig machen.“

Karl Morgenstern warnt 1808 vor einer „Bücherfluth“, die zu einem „Ocean“ anschwillt, auf den sich niemand bei Gefahr seines Untergangs „ohne harte und Steuerruder“ hinauswagen darf.

Die zeitgenössischen Schilderungen beschreiben eine um sich greifende „Lesesucht“ als Krisenphänomen einer Gesellschaft, in der kaum die Hälfte der Bevölkerung längere Texte wirklich selber lesen konnte und unter den Lesekundigen gleichzeitig aufklärerische Begeisterung herrschte. Offenbar wurde schon die geringe Zunahme der Lektüre und die allmähliche Herausbildung eines Publikums als epochaler Vorgang gedeutet. Warum?

II

Vordergründig interpretierbar sind sicherlich Klagen des Bürgertums über Dienstboten, die Romane läsen anstatt zu arbeiten. Durch die zunehmende Alphabetisierung und die Expansion des Buchmarkts änderte sich langsam die soziale Zusammensetzung des Lesepublikums und das Angebot an Lesestoffen. Frauen und Jugendliche bildeten neue Leserschichten, die zum Erfolg populärer, oft gefühlsorientierter Literatur beitrugen. Für Frauen wurde daher die Vorauswahl guter Lektüre, zum Beispiel über „Frauenzimmer-Bibliotheken“, gefordert. Friedrich Burchard Beneken erklärt 1788  in seinem Traktat über „Weltklugheit und Lebensgenuß“,  alle Romane erweckten

„die Neigung für das Wunderbare und Außerordentliche, und einen Eckel gegen den natürlichen Lauf der Dinge. Die gewohnten Arbeiten, bey denen sich die Mädchen zu Hausmüttern bilden sollten, werden unerträglich und erzeugen Langeweile, die nur durch neue Erschütterungen der Einbildungskraft überwunden wird. (...) Dieses deckt den Grund auf. warum bey den meisten Frauenzimmern dieses Jahrhunderts das Nervensystem so außerordentlich empfindlich und beweglich und die Beyspiele von gänzlicher Zerrüttung des Gehirns unter ihnen sich so sehr anhäuffen.“ 

Carl August Böttiger sprach in seiner 1787 gehaltenen Schulrede „Über den Missbrauch der Deutschen Lectüre auf Schulen und einigen Mitteln dagegen vondem  fürchterlichen Autorheere und dem Aufschwellen der Bücher, die unser Vaterland von Messe zu Messe, wie eine Sündflut, überschwemmen“. Er hält es „bei der zahlreichen Menge von Jugendschriften, die wir haben“, für schwer, „immer nur solche Bücher auszufinden, die durch Einkleidung und Vortrag die Leselust des Jünglings reizen und doch zugleich die Phantasie nicht aufregen und erhitzen“, die also indem sie vor „Laster und Verführung warnen, nicht selbst Lust dazu machen“

Es gibt allerdings keinen Anlass für die Vermutung, dass das Verhalten Heranwachsender wirklich „lasterhafter“ geworden sein soll im Vergleich zu früheren Zeiten. Wie die immer anzutreffende Klage über den Verfall der Sitten der Jugend lesen sich die zeitkritischen Bemerkungen über die Gefahren des exzessiven Lesens von Johann Rudolph Gottlieb Beyer von 1796:

    „Die meisten Schriften, welche zur Modelektüre gehören, geben der Sinnlichkeit, der Weichlichkeit, der falschen Empfindsamkeit, und den thierischen Trieben eine so reichliche Nahrung, daß es gar nicht zu verwundern ist, wenn unsre Jünglinge und Mädchen, Herren und Dames so tändelnde, empfindelnde, weichliche, wollüstige und sinnliche Geschöpfe sind, welche zu Romanhelden, Liebesrittern, Theaterprinzessinnen und galanten Konversationen besser zu gebrauchen sind, als zu ernsthaften Geschäften und solchen Verrichtungen, welche Energie, Stätigkeit, Geduld, Anstrengung und Ausharrung erfordern.“ 

Neben schädlichen Auswirkungen auf den Charakter wurde das Lesen auch als Gefahr für die körperliche Gesundheit gegeißelt, insbesondere bei Frauen. „Hypochondrie [...] Stockungen und Verderbniß im Blute, reitzende Schärfung und Abspannung im Nervensysteme, Siechheit und Weichlichkeit im ganzen Körper“ gehörten nach Karl Gottfried Bauer  (1791) zu den Folgeerscheinungen exzessiver Lektüre.

III

Albrecht Koschorke hat die verbreitete Schuldzuweisung an das Lesen auf dem Hintergrund des Funktionswandels der Schrift im 18. Jahrhundert erklärt.

In der dörflich geprägten Gesellschaft passierte die Alltagsverständigung mit rituellen Mitteln, zu denen auch das Reden mit Zeremonial-Charakter gehörte. Der aufgeklärte Umgang mit Wissen war auf wenige Orte und kleine, überschaubare Personenkreise begrenzt.

Das überkommene kulturelle System war einer wachsenden Zufuhr von Daten ausgesetzt, die nicht mehr in die traditionell dafür vorgesehenen Kanäle fließen. Die  Ausbreitung des Schriftgebrauchs führte zu einer Diffundierung von Wissen und damit von individuellen Vorstellungsweisen, die das kommunikative Geflecht der Ständegesellschaft letztlich zerreißen musste. Das betraf die Struktur der häuslichen Gemeinschaften ebenso wie die feinen Verästelungen der obrigkeitlichen Wissensordnung: Arkane Praktiken der Macht sind mit Öffentlichkeit im bürgerlichen Sinne unvereinbar.

Die Entwicklung der Städte und Verbreitung der Druckmedien hat die überkommene gespaltene Kommunikationsordnung aufgeweicht. Die sprachliche Kommunikation des neuen „lesewütigen“ Publikums diente nicht mehr dem Zweck, die im gesellschaftlichen Raum schon angelegten Verbindungen situationsgerecht zu bestätigen, sondern öffnete den kulturellen Horizont mit der Kommunikation von Neuigkeiten und von Wissen, das aus dem eigenen Erfahrungsraum hinaus führte bzw die Phantasie aus dem tradierten Erfahrungsraum entführte. Das Subjekt droht Grenzen zu sprengen, wirkt den Hütern dieser Grenzen empfindsam, krank. Auf psychologischer Ebene, so Koschorke, „wächst die Asymmetrie zwischen dem sozialen Ort, der jedem einzelnen zugewiesen ist, und dem erweiterten Radius dessen, was er weiß und was - Wissen ist die Möglichkeitsform des Begehrens - zum Gegenstand seiner Wunschtätigkeit wird.“ Lektüre ermöglicht die Beschäftigung mit Affekten, die ihren sozialen Ort nicht in der engen Gemeinschaft haben, sie ermöglicht Wunschbilder, die den physischen und sozialen Ort des Betroffenen übersteigen. „Unter psychohistorischem Gesichtspunkt ist die Aufklärung, wenn man das so sagen kann, von einem Überdruck von Imaginationen geprägt.“ (Koschorke)
Nicht dass das Mittelalter keine Imaginationen gekannt hätte – sie waren aber in die religiöse Kultur eingebunden und konnten in den Festen und Riten ausgelebt werden
.

Dem schnell konsumierten, die Einbildungskraft überfüllenden und auf diesem Weg die Sinnlichkeit reizenden Stoffen stellten die Autoren der Lesesucht-Debatten eine langsame und intensive Wiederholungslektüre gegenüber – eben die alte, aus der klösterlichen Tradition stammende Art, Schriften zu nutzen.

Der Pfarrer und Lehrer Karl Gottfried Bauer hat dieses gesellschaftliche Phänomen im Jahre 1791 recht genau als Diagnose einer Zeit beschrieben,

    „wo die Begierden und Bedürfnisse des Menschen alle Schranken eines richtigen Verhältnisses zu den Mitteln ihrer Befriedigung immer weiter überschreiten: wo der Mensch so wenig in sich,  sondern stets außer sich zu existieren gewohnt ist, wo er so wenig durch sich selbst ist und alles durch andere, durch den Gebrauch äußerlicher Werkzeuge zu werden suchen muss, wo er folglich nur selten sich selbst genug sein kann, wo er einen großen Teil seiner moralischen, ja man kann dreist behaupten, auch seiner physischen Freiheit, Preis gibt und dennoch hinter seinem, oft ganz chimärischen Ziele, weit zurückbleibt“.
           (Über die Mittel, dem Geschlechtstriebe eine unschädliche Richtung zu geben, 1791)

Koschorke zusammenfassend: „Das alte System, das den Fortbestand des kommunikativen Gedächtnisses im wesentlichen an die Wege der persönlichen Übermittlung knüpfte und den direkten Anschlag an das Imaginationspotential der Schrift dem Gelehrtenstand und einer kleinen kulturellen Elite vorbehielt, hat dem Druck der Entwicklungen nicht standgehalten.“ 

In dem Maße, in dem die gesellschaftliche Differenzierung die sichtbare soziale Gliederung unterlief, wurde die affektive Organisation des Lebens komplexer. An die Stelle der ständisch-korporativen Segmentierung traten neue, schrift-vermittelte Netzwerke. Besorgt äußerte sich Jean-Jacques Rousseau schon 1762 in seinem Erziehungsroman Emile zu den Folgen der postalisch möglich werdenden globalen Datenkommunikation durch Briefverkehr: „Wir existieren nicht mehr da, wo wir sind, sondern nur da, wo wir nicht sind.“

    siehe auch die MG-Texte zu:

    Neurasthenie -  zur medizinischen Psychologie und Kulturgeschichte der Reizüberflutung 
    MG-Link
    Panorama - die Sehnsucht nach virtuellen Welten   MG-Link
    Mode als europäisches Medienereignis   MG-Link
    Die Gartenlaube
      MG-Link
     

    Literaturtipps:
    Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr. Medieologie des 18. Jahrhunderts (München 1999)
    Dominik von König: Lesesucht und Lesewut. In: Herbert G. Göpfert  (Hrsg.): Buch und Leser  (Hamburg 1977)
    Eva Maria Gutmann: Karl Philipp Moritz´ Anton Reiser und Goethes Wilhelm Meister der „Theatralischen Sendung“ als Leser (Diplomarbeit  Wien 2005)