Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Buchdruck oder:
 die neue Macht eines alten Mediums

Wie Gutenbergs Drucktechnik für das Medium Schrift die Kultur der Menschen revolutioniert

2015

Um 1452 hat der Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg eine neue Drucktechnologie erfunden  - den Druck mit beweglichen Lettern. Die Erfindung bedeutete eine Kombination der Aufdruck-Technik der Goldschmiede mit den Press-Techniken der Wein-Kelterung.
Wenigstens sieben verschiedene Städte behaupten von sich, in ihnen sei die Druckerpresse erfunden worden, und jede von ihnen nennt einen anderen Erfinder. Der Buchdruck ist die erste handwerkliche Erfindung, die einen europaweiten Urheberstreit
auslöste. In Malerei, Architektur und Skulptur war es um 1400 bereits üblich, ein Werk einem Autor zuzuordnen. Gleichzeitig galten Holzschnitt und Kupferstich offenbar noch mehr als Handwerk – es gab keine Urheber-Namen.

So wie die mechanische Uhr veränderte auch die Druckerpresse das Bewusstsein der Menschheit von sich selbst. „Niemand weiß, wer den Steigbügel, den Langbogen, den Kleiderknopf oder die Brille erfunden hat, denn im Mittelalter war die Frage nach der individuellen Leistung nahezu bedeutungslos. “ (Neil Postman) Während im europäischen Mittelalter „ein Buch schreiben“ vor allem abschreiben bedeutete, weil immer wieder dieselben Bücher gelesen wurden, schuf die Druckerei-Kunst die Möglichkeit, massenhaft neue Bücher und also auch eigene Bücher zu drucken und zu verbreiten. Der Autor konnte damit Geld verdienen, er erschien in seinem Buch als Individuum.

Der kanadische Medienwissenschaftler Harold Innis hat betont, dass Veränderungen innerhalb der Kommunikationstechnik stets drei verschiedene Wirkungen haben:
Sie verändern:
- die Struktur der Interessen (die Dinge, über die nachgedacht wird),
- den Charakter der Symbole (die Dinge, mit denen gedacht wird) und
- das Wesen der Gemeinschaft (die Sphäre, in der sich Gedanken entwickeln).

1493 Weltkarte aus Schedels Weltchronik1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weltkarte aus der
Schedel’schen Weltchronik, 1493



 


Natürlich ahnte Gutenberg nicht, dass seine Erfindung hundert Jahre später die katholische Kirche entmachten würde, die Grundlage für die Verbreitung einer einheitlichen, ganz neuen „teutschen“ National-Sprache bilden und die Bildungsprivilegien abbauen würde. Am Ende der durch den Buchdruck eingeleiteten Medienrevolution lernten nicht nur alle Menschen lesen, sie konnten sich auch durch Zeitungen informieren, nahmen am politischen Geschehen Anteil und forderten als Staatsbürger gleiche Rechte ein.

Billige Bücher und teure Bilder

Die Erfindung der Drucktechnik bezog sich auf Schriftzeichen - vorherrschend blieb aber die visuelle Kultur. Teure Bücher waren nur verkäuflich, wenn sie ausgemalt waren und prachtvolle Bilder enthielten. Auch die Schrift wurde, jedenfalls die Initialien, als Bildzeichen prachtvoll gestaltet. Gutenberg wollte hochpreisige Bücher drucken, um Geld zu verdienen. Damit scheiterte er: Das Projekt, die Bibel zu drucken, ruinierte ihn. Bücher waren trotz ihrer rasanten Verbreitung am Anfang noch Statussymbole der gebildeten Minderheit. Die Schreibstuben bestanden fort, Bücher wurden auch nach alter Art per Hand abgeschrieben. Gedruckte Bücher sollten genauso kostbar und schön sein wie Handschriften.

Geld verdiente Gutenberg mit „Akzidenzaufträgen“: Gutenberg druckte Ablassbriefe im Auftrag der Kirche und 1455 den „Türkenkalender". Von Medienrevolution war keine Spur zu sehen: Mehr vom demselben, aber schneller und billiger, das war die Devise. Die Zahl der regelmäßig Lesenden betrug um 1500 gerade zwei Prozent der Bevölkerung, im deutschen Sprachraum rund 300.000. Gedruckte Flugblatt-Texte wurden laut auf Plätzen, in Kirchen oder in Wirtshäusern vorgelesen.
Erst in der Reformation wurde das Potential der neuen Drucktechnik deutlich: Eine öffentliche Diskussionskultur entstand erst in der Verbindung mit neuen geistigen Strömungen - entscheidend war die gesellschaftliche Verwendung der neuen Druckmedien.

Anton Koberger zum Beispiel

Anton Koberger (ca. 1440-1513) war der erste Großunternehmer des Druck-, Verlags- und Buchhandelsgewerbes, Marktführer bei lateinischen Gelehrtenbüchern. Humanisten feierten ihn als Förderer der Gelehrsamkeit. Am Ende verkannte er die Bedeutung der Druckaufträge für die Schriften Martin Luthers, seine Söhne konnten sein Unternehmen nicht erfolgreich fortführen.
Koberger, um 1440 in Nürnberg geboren, war Sohn eines Bäckers und hatte vermutlich in seiner Kindheit nicht Latein gelernt. Er war Kaufmann – er investierte ab 1470 in Druckpressen. Er betrieb schließlich eigene Papiermühlen und Illuminationswerkstätten. In seiner Blütezeit betrieb Koberger 24 Pressen und beschäftigte bis zu hundert Mitarbeiter. Er hatte Geschäftsbeziehungen zu den großen Druckzentren Europas und baute Niederlassungen in Lyon und Paris auf. Er druckte das, was verkäuflich schien, und experimentierte wenig. 

1483 aus der Koberger Bibel S3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Seite aus der
 Koberger-Bibel
 1483

 

 

 

 

 

Erfolgreich waren Drucke, wenn sie entweder populär und preiswert waren oder teuer und reich bebildert.
Koberger hat wenige Bücher in deutscher Sprache gedruckt, aber rund 2200 lateinische Gelehrtenbücher. Zu seinen Prachtdrucken gehörte die neunte deutschsprachige Bibel – zweibändig - von 1483. Koberger druckte 1498 auch die 15 Holzschnitte der „Apokalypse" von Albrecht Dürer, dessen Taufpate er war. Zu den erfolgreichen deutschsprachigen Drucken gehörte ein Arzneibuch (1477). Die „Schedelsche Weltchronik" (1493) war ein Auftragsdruck. Schedel trug das Risiko – und machte Verluste damit, weil es bald billige Raubdrucke gab.

Nach der Erfindung der Gießtechnik Gutenbergs breitete sich die Kunst des Buchdrucks in wenigen Jahrzehnten in ganz Europa aus. 1470 gab es 17 Druckorte, bis zum Jahre 1500 entstanden 252 in ganz Europa. Innerhalb von fünfzig Jahren nach seiner Erfindung waren mehr als acht Millionen Bücher gedruckt – mehr als Handschriften entstanden waren in 1000 Jahren zuvor.

Pietro Aretino (geb. 1492) war der erste Journalist, der als literarischer Erpresser und Massenhersteller von Pornographie bekannt wurde. Von niedriger Herkunft und ohne Ausbildung aufgewachsen, hatte Aretino intuitiv begriffen, dass die Druckerpresse ein Instrument öffentlicher Wirksamkeit war. Er schrieb radikal persönlich, inszenierte sich als Individuum über seine Druckwerke. Aretino ließ eine Flut antiklerikaler Obszönitäten drucken, verleumderische Geschichten und Artikel, in denen er bestimmte Personen öffentlich angriff oder seine Ansichten kundtat. Der Sensationsjournalismus machte ihn reich und berühmt. Zu seiner Zeit nannte man ihn die »Geißel der Fürsten«.

Abwesenheitskommunikation

Vor der Erfindung des Buchdrucks spielte sich alle menschliche Kommunikation in einem festen sozialen Kontext ab. Noch da, wo gelesen wurde, folgte man dem Modell der Mündlichkeit, d. h. der Leser sprach die Worte laut aus, und andere hörten ihm zu. Mit dem gedruckten Buch jedoch setzte eine andere Tradition ein: es erschien der isolierte Leser mit seinem privaten Blick. Der Leser zog sich in seinen eigenen Kopf zurück, und vom 16. Jahrhundert bis heute haben die Leser in der Regel von den Menschen in ihrer Umgebung vor allem Abwesenheit verlangt oder wenigstens Stille.
Lewis Mumford beschreibt diese Situation so: „Mehr als jedes andere Mittel hat das gedruckte Buch die Menschen von der Vorherrschaft des Unmittelbaren und Lokalen befreit. (…) Das Gedruckte hinterließ eine stärkere Wirkung als das Ereignis selbst. (…) Existieren bedeutete im Druck existieren: die übrige Welt trat demgegenüber immer mehr in den Hintergrund. Gelehrsamkeit wurde zur Büchergelehrtheit.“

Neue Ordnung des Wissens

Keine 100 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks war für die Zeitgenossen deutlich, dass sich die alte Kommunikationsumwelt auflöste und eine neue entstand. Der Buchdruck führte zu einer Wissensexplosion. Bücher über das Hüttenwesen erschienen, über Botanik, über Sprachwissenschaft oder gutes Benehmen. Schon 1544 erschien das „Boke of Chyldren“ von Thomas Phaire, ein Frühwerk der Kinderheilkunde. Der Buchdruck ermöglichte die Kommunikation zwischen den profanen Gelehrten auf den gesamten Kontinent und er beförderte die Verdrängung der mittelalterlichen, aristotelischen Wissenschaft durch neue Erkenntnisse.
Neue Kommunikationstechniken liefern nicht nur neue Dinge, über die nachgedacht wird, sondern auch neue Formen, in denen gedacht wird: Wenn Gelehrsamkeit nicht ihre höchste Form in der Anbetung Gottes findet, nicht im sokratischen Dialog entsteht, sondern aus Texten entziffert werden kann, dann verändert das das Denken selbst. Johann Frobens erfand 1516 die Paginierung. Die Einteilung in Abschnitte, die alphabetisch geordneten Register, die strenge Linearität des gedruckten Buches ist das äußerliche Zeichen einer logischen Satz-für-Satz-Argumentation und –Darstellung. Das öffnete neue Denkmöglichkeiten. Man spürt in vielen Texten dieser neuen Zeit eine Leidenschaft für Klarheit, Folgerichtigkeit und Vernunft. René Descartes hat das hundert Jahre später in klassischer Form beschrieben. 
Nur „Klarheit und Logik der Anordnung” haben Autorität in der neuen Wissensgesellschaft. Die Typographie ist kein neutraler Informationsträger, sie führte zur Reorganisation der Gegenstände. Auch wenn Luther die Bibel noch als offenbarte göttliche Autorität begriff - die Übersetzung der Bibel in mehrere Sprachen verwandelte auch das Buch mit dem Wort Gottes in einen Text mit Worten Gottes, über die man nachdenken und diskutieren kann. Das schwächte die Unantastbarkeit der Heiligen Schrift. 

Der Buchdruck brachte die Tendenz zur Standardisierung und Vereinheitlichung der mathematischen Symbole mit sich, die neuen arabischen Zahlen wurden schnell zu einem Erfolgsmodell, sie ermöglichten eine Blüte der Mathematik und verdrängten die römischen Zahlen. Schon Galilei konnte die neue Schriftsprache der Mathematik als „Sprache der Natur“ bezeichnen - in der Gewissheit, dass auch andere Wissenschaftler diese Sprache schreiben und verstehen konnten. 
Durch die Druckmedien konnten gebildete Bürger gegen die tradierten politischen Autoritäten eine neue Weltsicht herausbilden und verbreiten und langsam das kulturelle Selbstverständnis der Gesellschaft prägen.
Innerhalb von fünfzig Jahren nach der Erfindung des Buchdrucks wurde für die Zeitgenossen deutlich, dass sich die Kommunikationsumwelt der europäischen Zivilisation auflöste und in veränderter Gestalt neu herausbildete. Bücher über das Hüttenwesen erschienen, über Botanik, über Sprachwissenschaft oder gutes Benehmen. Schon 1544 erschien das „Boke of Chyldren“ von Thomas Phaire, ein Frühwerk der Kinderheilkunde. Der Buchdruck führte zu einer Wissensexplosion.

Die Tragweite dieser mentalen Revolution hat Albrecht Koschorke so beschrieben: In der „vorrationalistischen Welt“ wies „der gegliederte Kosmos den verschiedenen Plätzen im Raum - oben und unten, groß oder klein, im Zentrum oder an der Peripherie - unterschiedliche Qualitäten und Ränge zu“, ein Netz von Analogien und Bedeutungen verknüpfte die Elemente dieser Welt.
Ein langwieriger Prozess führte zum Verblassen des religiösen und magischen Realitäts-Bewusstseins, das menschliche Schicksal wurde nicht mehr als Teil eines  kosmischen Geschehens verstanden: Das neue Bezugssystem der Wahrnehmung war ein „rein quantitatives, perspektivisch von potentiell jedem Ort aus aufrichtbares Raumkontinuum“, in dem der Betrachter „die für ihn vorgesehene feste Mittelstellung im Universum“ verlassen und in ein „Wechselspiel veränderlicher Standpunkte und Ansichten“ eintreten kann. Die Metapher ‚seinen Horizont erweitern' bedeutete konkret das reisende Hinaustreten aus dem Gefüge der geographischen Kleinstaaterei und allgemeiner die Überwindung eines geistiges „Systems hierarchischer Plätze, das die Ständegesellschaft ihren Mitgliedern auferlegte“. (Albrecht Koschorke).

Kindheit

Im Mittelalter konnte weder Jung noch Alt lesen, und das Leben aller vollzog sich im Hier und Jetzt, im „Unmittelbaren und Lokalen“. Seit der Erfindung des Buchdrucks musste die Erwachsenheit erworben werden. Sie wurde zu einer symbolischen Leistung, war nicht länger Resultat einer biologischen Entwicklung. Seit der Erfindung des Buchdrucks mussten die Kinder Erwachsene erst werden, und dazu mussten sie lesen lernen, die Welt der Typographie war gleichzeitig eine der körperlichen Selbstbeherrschung, sie bedeutete die Unterwerfung des Körpers unter den Geist. Damit ihnen das gelang, brauchten sie Erziehung. Deshalb erfand die europäische Zivilisation die Schule von neuem. Und damit machte sie aus der Kindheit eine Institution. (vgl. dazu Neil Postmann, Verschwinden der Kindheit, engl. 1982, dt. 1983)
 

    siehe auch den Text
    Die Gutenberg-Medienrevolution findet mit der Reformation ihre „message”
     
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