Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Verzauberung durch ein neues Medium:
die Sensation der Fotografie

Bildmediengeschichte im 19. Jahrhundert

2014

„Ein rachsüchtiger Gott hat die Stimme dieser Menge gehört.
Daguerre wurde sein Messias. …
Von diesem Moment an war es das einzige
Bestreben dieser unsauberen Gesellschaft,
wie ein einziger Narziß ihr triviales Bild
auf der Metallplatte zu betrachten.“
Charles Baudelaire, 1859

In der technischen Ahnenreihe der Fotografie stehen Vervielfältigungstechniken wie der Holzschnitt, der Kupferstich und die Lithographie. Aber die Fotografie war nicht einfach nur eine neue Technik – sie war eine Sensation, eine Kuriosität wie die Wunderheilmittel und Zaubertricks des Jahrmarktes. Zur Vorgeschichte der Foto-Sensation gehören die Guckkästen, in denen das Auge durch „fremde“ Landschaften schweifen konnte. Das Panorama war um die Jahrhundertwende zum Kassenschlager geworden, eine Inszenierung für das Auge, und schließlich das Diorama, in dem ein gemaltes Bild so ruckartig in verschiedene Beleuchtungen versetzt wurde, dass es sich zu bewegen schien.
Solche Techniken, die das Auge zu verzaubern schienen, machten aus dem sporadischen Jahrmarkt ein ganzjähriges Vergnügen in den Städten. Worin liegt der Zauber der neuen Technik? In dem Dunkel der „Camera obscura“ schon hatten die Bilder kein Verhältnis zu dem Körper des Betrachters – der
Reiz des neuen Mediums scheint in der Lust an der spielerischen Verunsicherung des Wahrnehmungsvermögens zu liegen, die man bei seinem ersten Besuch eines 3D-Kinos nachempfinden kann.

Technik und Geschäft

Dem früheren Offizier und französischen Privatgelehrten Joseph Nicéphore, der sich lange Zeit mit Lithografien beschäftigt hatte, gelang im Sommer 1826 die erste Aufnahme: Auf einer Asphalt-beschichteten Zinnplatte hielt er den Blick aus seinem Fenster fest. Die Belichtungszeit betrug acht Stunden. 
Der Franzose Louis Jacques Mandé Daguerre, von Haus aus Theater-Maler, setzte bei Niepces Erfahrungen an und erprobte 1839 ein neues Verfahren: Ihm gelang es, versilberte Kupferplatten mit Bromdämpfen zu fotosensibilisieren, die mit Quecksilberdämpfen entwickelt und mit einer Kochsalzlösung fixiert werden konnten. Niepce war Privattüftler, Daguerre Geschäftsmann, der im Zentrum von Paris einträgliche Guckkästen betrieb. Niepce und Daguerre schlossen einen Vertrag, „um alle nur möglichen Vorteile aus diesem neuen Gewerbezweig zu ziehen“.

Die Bedeutung dieser Technik schien unmittelbar einleuchtend: Noch 1839 hielt Dominique François Arago, Physiker, Sekretär der Akademie der Wissenschaften und Abgeordneter, eine große Rede vor der Nationalversammlung  über die „Daguerreotypie“. Mit großer Mehrheit beschloss das französische Bürgerparlament den staatlichen Ankauf der neuen Technik, Daguerre erhielt eine jährliche Pension von 6000 Francs.

Kaum war das Patent öffentlich bekannt gemacht, da „belagerte man bereits alle Optikergeschäfte, die freilich nicht genug Instrumente herbeischaffen konnten, um den Bedarf der hereinstürmenden Armee künftiger Daguerrotypisten zu decken. Nach einigen Tagen sah man auf sämtlichen Pariser Plätzen Kameras, die, auf Stative montiert, vor Kirchen und Palästen in Stellung gebracht worden waren. Sämtliche Physiker, Chemiker und alle übrigen Gelehrten der Stadt waren damit beschäftigt, Silberplatten zu polieren, und sogar die besseren Kolonialwarenhändler wollten sich unter keinen Umständen um das Vergnügen bringen, einen Teil ihres Vermögens auf dem Altar des Fortschritts zu opfern, ihn in Jod- und Quecksilberdämpfen dahinschwinden zu sehen.“ (Bernd Busch)

Kulturkritisch fasst Christoph Türcke zusammen: „Die Fotografie verallgemeinert das Jahrmarkt-Vergnügen - es ist überall und täglich zu haben.  Und sie konzentriert den Blick auf die Oberfläche. Das Glitzern erregt die Begierde, das Ziel der Aufmerksamkeit und der Erregung der Sinne (der Sensation im wörtlichen Sinne) ist das Gekauft-werden.“

Die Erfindung des Augenblicks

In seinem Aufsatz „Der Daguerreotyp" beschrieb der Kunstkritiker Jules Janin 1839 den Geburtszauber der Fotografie mit theologischen Metaphern:  „Es gibt in der Bibel die schöne Stelle: ‚Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht.’ Jetzt kann man den Türmen von Notre-Dame befehlen: ‚Werdet Bild!’ und die Türme gehorchen. So wie sie Daguerre gehorcht haben, der sie eines schönen Tages zur Gänze mit sich fortgetragen hat.“

Das Faszinierende der neuen Technik war, dass der Mensch im Bild scheinbar die Zeit anhalten kann. Der Brockhaus von 1824 kannte den Begriff „Augenblick“ noch nicht, in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts hat man noch Zeit. Es gab in der Stadt Uhren zur groben Zeitmessung, aber verschiedene Uhren gingen durchaus unterschiedlich. Mit der Fotografie wurde die Idee des „Augenblicks“ erfunden – wobei die Produktion dieses Augenblicks anfangs durchaus noch einige Zeit dauern konnte.
 
Boulevard du temple 1838
Daguerres Aufnahme des Boulevard du Temple 1838 dauerte 10 bis 12 Minuten – das bedeutete: Das Bild zeigte den Boulevard vollkommen irreal, menschenleer.
Fahrzeuge und Passanten hatten sich aus dem Bild herausbewegt in der langen Belichtungszeit. Nur der Schuhputzer hatte sich offenbar langsam genug bewegt, um für die Technik erkennbar zu werden – er wurde zum ersten fotografisch festgehaltenen Menschen
.

    Boulevard du Temple, 1838. 
        Aufnahme: Louis Daguerre


 

Unzählige Tüftler versuchten sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts an der Verbesserung der neuen Tachnik-Sensation. Fox Talbot erfand 1841 die „Kalotypie“: Er konnte Lichtbilder auf vergleichsweise billigem, mit Silbernitrat und Kaliumjodid behandeltem Papier in einer Belichtungszeit von einer halben Minute festhalten. 1843 entstand so die erste fotografische Manufaktur. Talbots erstes fotografisch illustriertes Buch nannte er „The Pencil of Nature“: Mit dem neuen Verfahren ließ sich die Natur genauer abbilden als Zeichner das geschafft haben. Scheinbar hatte die Natur hier selbst „geschrieben“, das Verfahren machte die Abbildung „authentisch“.

Talbot schwärmt über die Wirkung der ersten Abbildungen: „Man scheute sich vor der Deutlichkeit der Menschen und glaubte, dass die kleinen winzigen Gesichter der Personen, die auf dem Bilde waren, einen selbst sehen könnten.“ Da es seit Jahrhunderten deutlich realistischere gemalte Bilder gab, deren Augen den Betrachter „ansahen“, dürfte dies heftig übertrieben gewesen sein. Die Verklärung dokumentiert, wie aufregend die neue Technik empfunden wurde. Die Abbildung hebt in die Wahrnehmung, sie wird zur Vergewisserung über den Gegenstand, der abgebildet wird – als würde nur das existieren, was abgebildet ist. „Alles, was derart gefangen wurde, ist gerettet“, beschreibt Türcke das Empfinden der Zeit – gerettet jedenfalls vor dem Vergessen. Aufmerksamkeit wird  fokussiert – auch wenn das Objekt selbst keineswegs erregend ist, weil jeder den Blick auf den Boulevard du Temple kennt: „Die Kamera macht es zum Blickfang.“

Die Serienfotos von Eadweard Muybridge (1887) zeigten schon die Bewegungsabläufe eines galoppierenden Pferdes - wie die Zeitlupe. Und sie nahmen damit den Film vorweg, der immer mehr Einzelbilder zusammensetzte, um die Bewegungsillusion zu verbessern. Die in fixierte Augenblicke zergliederte Bewegung zeigt Ansichten, die das menschliche Auge so schnell nicht erfassen und das Gehirn entsprechend nicht wahrnehmen könnte. Für den frühen Film musste die mit immer kürzerer Belichtungszeit festgehaltenen Momentaufnahmen nur wieder nach dem Vorbild des „Wunderrades“ in schneller Folge präsentiert werden.

Mediale Verewigung

Mit der Foto-Technik beginnt im 19. Jahrhundert die „mediale Verewigung“ (Osterhammel). Niemand weiß, wie Ludwig van Beethoven, gestorben 1827, wirklich aussah. Von dem kranken Frederic Chopin gibt es schon ein Bild. König Friedrich Wilhelm IV. lud 1847 den ersten Hamburger Fotografen, Hermann Biow, nach Berlin ein, um ihn Bilder von der königlichen Familie fertigen zu lassen. 

In den ersten zwei Jahrzehnten zeigte die übergroße Anzahl der Bilder Portraitfotos. Die Erfindung der Fotografie war ein Desaster für die französischen Porträtmaler, allein in Paris lebten vielleicht 20.000 Menschen davon. Die Fotos galten als moderner und als authentischer. Portrait-Aufnahmen konnten im Atelier gemacht werden, die Fotografierten – Einzelpersonen oder Gruppen, vor allem Familien - mussten still sitzen aufgrund der langen Aufnahmezeit. Für bewegte Motive war die Technik noch nicht geeignet. Die Portraitmaler und Graveure nahmen sich der neuen Technik an. In Paris fand 1841 die erste größere Ausstellung mit Porträtfotografien statt.

Das gemalte Portrait war auch im 19. Jahrhundert aufgrund der Kosten nur für eine kleine Oberschicht erschwinglich, die damit die Besonderheit ihrer Familien und ihrer patriarchalen Oberhäupter kommunizieren konnte. Die Fotografie öffnete diese Repräsentations-Möglichkeit nun für eine breite Käuferschicht. Die oft kleinen Portrait-Bildchen machten das neue Medium erschwinglich und populär. Wenn das Foto sich auf das Gesicht beschränkte, gab es zudem keinen Hinweis auf Kleidung und Stand. In seinem Portraitfoto konnte sich jedermann als „persona“, als Maske inszenieren. Darin lag eine Provokation, wie die Reaktion eines kleinen Textes im  „Leipziger Stadtanzeiger" 1841 deutlich macht: „Flüchtige Spiegelbilder festhalten zu wollen, dies ist nicht bloß ein Ding der Unmöglichkeit …  Schon der Wunsch, dies zu wollen, ist eine Gotteslästerung. Derselbe Gott, der seit Jahrtausenden es nie geduldet hat, dass eines Menschen Spiegelbild unvergänglich bestehen bleibt, dieser selbe Gott soll plötzlich seinen urewigen Grundsätzen ungetreu werden und es zulassen, dass ein Franzose in Paris eine Erfindung teuflischster Art in die Welt setzt! Man muss sich doch klarmachen, wie unchristlich und heillos eitel die Menschheit erst werden wird, wenn sich jeder für seine Goldpatzen sein Spiegelbild dutzendweise anfertigen lassen kann.“

Andere wie der Kunstkritiker Jules Janin ließen ihre Phantasie von der Faszination der neuen Zeit in luftige Höhen treiben. In seiner Schrift „Der Daguerreotyp“ prophezeite er 1839: „Wir leben in einer sonderbaren Epoche. Wir wollen in unseren nichts mehr selbst arbeiten; dafür suchen wir Ausdauer ohne Gleichen die Mitteln, für uns und statt unserer arbeiten zu lassen. Der Dampf hat die Zahl der Arbeiter verfünffacht. Bald werden die Eisenbahnen das flüchtige Kapital (capital fugitif), das man das Leben nennt, verdoppeln. Das Gas hat die Sonne ersetzt. Man macht gegenwärtig zahllose Versuche, einen weg durch die Luft zu finden. Diese Sucht (rage) nach übernatürlichen Mitteln ist bald  von der Welt der materiellen Dinge in die Welt der Ideen, vom Handel in die Künste übergegangen. Es ist noch nicht lange her, dass  Gavard den Diagraphen erfand, durch den die Plafonds des Versailler Palastes  sich durch die Hand eines unerfahrenen gehorsam auf das Papier niederlegten. (...) Und jetzt ersetzt Dr. Daguerre mit seinem Firniß auf einer Kupferplatte die Zeichnung und den Kupferstich."

Eine der ersten fotografischen Katastrophen-Dokumentationen entstand 1842 nach einer Feuersbrunst und hielt die Ruinen des Hamburger Alsterbezirks fest. Seit dem Krimkrieg wurden Kriege, an denen Europäer oder Nordamerikaner beteiligt waren, auf Fotomaterial dokumentiert. Stolz ließen sich die Verteidiger der Pariser Commune 1871 auf den Barrikaden fotografieren - fast alle, die von der Polizei auf diesen Bildern identifizierbar waren, wurden standrechtlich erschossen.

Das Medium Bild prägt die Wahrnehmung von Realität

Erst in den 1880er Jahren erschienen die Belichtungszeit der frühen Daguerreotypie als lang – der industrielle Zugriff auf die Momentfotografie hatte die neuen Maßstäbe gesetzt. Gegen Ende des Jahrhunderts hatte sich das Zeitgefühl industrialisiert: elektrische Glühbirnen und Bogenlampen machten die Nacht zum Tage, Straßen-, Hoch- und Untergrundbahnen revolutionierten das Zeitgefühl für Entfernungen genauso wie die neuen Kommunikationstechniken des Telefons und der Telegramme. 

1888 kam die billige und handliche Rollfilmkamera auf den Markt, das Zeitalter der Amateurfotografie begann. Die Kodak-Kamera war ohne technische Kenntnisse zu bedienen, sie „demokratisierte“ das Medium. Das Bild, das in den Anfängen der Menschheitskultur das Heilige sinnfällig gemacht hatte - quasi als Ritual-Zubehör – wurde zum Medium der Allerweltskultur und des Alltagsleben.

Es öffnet den Blick als Fenster zur Welt – und schärft gleichzeitig auch den Blick für das, was ganz nah ist. 1873 erschien eine vierbändige Dokumentation „Illustrations of China and Its People“. Der Fotograf John Thomson machte nach seiner Rückkehr die die Armen Londons zum Blickfang. Fotos in der Presse unterstützten die bis dahin nur literarisch verbreitete sozialkritische Deutung der Stadt. Das erste gedruckte Foto in der Pressegeschichte zeigte 1880 Elendsquartiere in New York. 

Es gab Darstellungen aus der Arbeitswelt und Reisefotos. Das Familienalbum macht Abwesende präsent und symbolisiert den Zusammenhang der Familie. Fotos schienen die Realität eindringlicher vor Augen zu führen als der eigene Blick. Fotos konservieren die Bild unauslöschlich im Gedächtnis. Das Abbilden von Ereignissen machte diese geradezu „historisch“.

Mit dem Medium Bild kann der eigene Blick sich von dem geografischen und sozialen Ort des Betrachters frei machen, die Wirklichkeits-Erfahrung überwindet räumliche wie zeitliche Grenzen. „Die Einführung des Fotos in der Presse ist ein Phänomen von außerordentlicher Bedeutung“, formulierte die Berliner Jüdin Gisèle Freund rückblickend 1936 im Pariser Exil: „Das Bild verändert die Sehweise der Massen (...) Früher vermochte der Durchschnittsmensch nur die Ereignisse wahrzunehmen, die sich vor seinen Augen abspielten, in seiner Straße, in seinem Dorf. Mit der Fotografie öffnet sich ein Fenster zur Welt. Die Gesichter von Personen des öffentlichen Lebens, die Ereignisse, die sich in seinem Land abspielen und auch diejenigen, die außerhalb der Grenzen stattfinden, werden ihm vertraut."  
Die Apparatur scheint zunächst bloß Knecht: „Aber der Knecht ist auch Herr, das Kameraauge das Medium einer Verabsolutierung“, das dem menschlichen „Auge Maß, Takt und Richtung seines Blicks“ vorgibt (Christoph Türcke). Über die Bilder lernt der Mensch die Wirklichkeit neu sehen, über die Bilder wird der menschliche Wahrnehmungsapparat geradezu neu geeicht.
Das erste Bildmagazin erschien 1936 in den USA – es trug den Namen ‚Life’.

     

    Literatur:
    Bernd Busch,
    Belichtete Welt (1989)
    Christoph Türcke,
    Erregte Gesellschaft. Philosophie der Sensation (2002)
    Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts  (2009)
    Sammlungen von Daguerrotypien finden sich im Internet  u.a. unter
     
    http://www.daguerreotype-gallery.de/

 

    siehe auch meine Texte zu:
    Bewegende Bilder - Die Faszination des Films am Ende des 19. Jahrhunderts Link
    Kraft der Bilder und ihr Siegeszug über die Kultur der Schrift Link
    Medien-Fiktionen Link
    Neue Bilder in der neuen Medienkultur Link
    Bilder im Kopf - Über die neurologisch vermittelte Realitätswahrnehmung
    Link