Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Die orale Sprach-Kultur der Pirahã

Im brasilianischen Urwald lebt am Maici-Fluss das kaum 400 Köpfe zählende Völkchen der Pirahã. Der Linguisten Daniel Everett beschreibt seine weitgehend unberührte orale Sprachkultur.

2015

Daniel Everett, ein amerikanischer Linguist und Missionar, ging 1977 nach Brasilien, um das kleine Indianer-Volk der Pirahã zu missionieren. Er versuchte die Sprache dieser Urwald-Indianer zu lernen und lernte dabei ihre Kultur kennen. Sie jagen,  fischen und sammeln rund 20 Stunden die Woche, um ihre Ernährung zu sichern. Um die Zukunft machen sie sich keine Sorgen. Vergangenes berührt sie nicht mehr. Die Pirahã lebten ein sorgloses und offenbar glückliches Leben und wollten von fremden Kulturen nichts wissen – auch nichts von deren Sünde.
Der Missionar merkte erstaunt: Sie hatten  keinen Erlösungs-Bedarf. Irgendwann erklärten ihm seine Missions-Opfer: „Wir trinken gern. Wir lieben nicht nur eine Frau. Wir wollen Jesus nicht. Aber wir mögen dich. Du kannst bei uns bleiben. Aber wir wollen nichts mehr von Jesus hören. Okay?“ Am Ende gab Everett auf – und zweifelte an seinem Glauben. Er bezeichnet sich inzwischen als Atheist.

Seine Beschreibung der (oralen) Sprache der Pirahã löste einen großen Streit unter den Linguisten aus. Denn diese Sprache kennt viele der Elemente nicht, die Noam Chomsky, Steven Pinker und andere für genetisch determiniert halten. Die Sprache der Pirahã kommt mit rund der Hälfte der Konsonanten und Vokale unseres (griechischen) Alphabets aus. Diese Sprache kennt keine Prä- oder Suffixe, keine Plural- oder Singularformen und auch keine anderen komplizierten Eigenschaften wie unregelmäßige Formen. Offenbar reicht ihnen das für ihre Kommunikation, schloss Everett aus seinen Sprach-Forschungen.

Als Bezeichnungen für Farben nutzen die Pirahã Vergleiche aus ihrem Alltag –  „undurchsichtiges Auge“ steht für schwarz, „durchsichtiges Auge“ für weiß. „Wie Blut“ ist rot. Offenbar kommen die Pirahã in ihrem Leben ohne Zahlen aus. Es gibt Worte für „alle" oder „mehr", aber nicht für präzise Zahlen. „Hói" bedeutet so viel wie eins, aber auch „klein", zwei kleine Fische sind „hói" im Vergleich zu einem großen. Pirahã sammeln nichts, häufen keine Vorräte an.

Die Pirahã kennen keine Worte für links und rechts, sie können sich dennoch im Urwald gut orientieren – Maßstab ist der Maici-Fluss, sie wissen, was „stromaufwärts“ ist und was „stromaufwärts“. 
Da die Sprache der Pirahã keine Passivkonstruktionen gibt, haben alle Erzählungen Hauptpersonen der Handlung.
Sehr wenige erinnern sich an die Namen aller vier Großeltern, berichtet Everett. V
ergangenheitsformen
fehlen ganz, anstelle von zeitlich oder logisch verbindenden Haupt- und Nebensätzen stehen Reihungen.

Die Pirahã benutzen nur drei Pronomen.  Anstatt zu sagen: „Wenn ich fertig gegessen habe, möchte ich mit dir reden", sagen sie: „Ich esse zu Ende, ich rede mit dir."
Wie Perlenketten reihen sie die Wörter aneinander: „Hund Schwanz am Ende ist schlecht.“ Die Sätze sind kurz und haben eine einfache Struktur – oft werden bestimmte Aspekte furch Wiederholungen unterstrichen:  „Köxoi ist schon gegangen. Er ist nicht hier.“   Das Adverb „vielleicht“ drücken sie z.B. als eigenen Satz aus: „Hans wird kommen. Peter wird ko
mmen. Hmmm. Ich weiß es nicht.“

Wissen erfordert den Bericht eines Augenzeugen: Sie unterscheiden genau, ob derjenige, der etwas erzählt, das gesehen und gehört hat oder nur vom Hörensagen kennt. Solche Bewertungen werden auch als Endung an die Verben am Ende einer Sprech-Mitteilung angehängt. Die Geschichten des Missionars etwa wurden in dem Moment vollkommen unglaubwürdig, als er einräumen musste, er habe Jesus nie gesehen oder gehört.

Die Sprachmelodie und Tonhöhe der Pirahã spielt eine deutlich größere Rolle als in europäischen Sprachen. Bei der Jagd etwa klingt ihre Kommunikation z.B. wie eine Pfeifsprache. Mütter kommunizieren mit ihren Babys in einer Summsprache. Für die Kommunikation über größere Entfernungen oder bei schlechtem Wetter nutzen sie eine Vokal-intensive Schreisprache. Diese jeweiligen Sondersprachen sind noch reduzierter, was die Kombination von Konsonanten und Vokalen angeht, auch die möglichen Botschaften sind reduzierter.
Eine besonders musikalische Sprache verwenden die Pirahã zur Übermittlung wichtiger neuer Informationen, aber sie kommunizieren so auch mit Geistern und beim Tanz.
Ihre Sprache thematisiert das unmittelbare Erleben und ist gebunden an das unmittelbare Erleben. Gleichzeitig reden die Pirahã aber viel und sehr gern und lachen sehr viel gemeinsam. Offensichtlich dient die Sprache der kommunikativen Bindung und erst in zweiter Linie der Information im Sinne einer Mitteilung von Dingen, die der Angesprochene nicht weiß. 

Die größere Komplexität und Produktivität der komplexeren Sprachen und der Schriftsprachen äußert sich darin, dass Europäer meistens über Dinge reden, die sie nicht kennen oder die ihnen fremd sind. Die Konstruktionen der Sprachkultur sind vor allem Gedanken, sie haben virtuellen Charakter – sie existieren vor allem in den Köpfen der Menschen und haben nur spärliche oder gar keine Bezüge zu anfassbaren, reel existierenden Gegenständen.
Themen, die nicht im unmittelbaren Erleben wurzeln, sind den Pirahã dagegen fremd. Sie nehmen keine fremden Gedanken an. Sie freuen sich zwar über Gerätschaften, die ihnen Arbeit ersparen, beispielsweise über mechanische Maniokmühlen, aber sie eignen sich diese Gegenstände nicht an - die Außenstehenden bleiben verantwortlich  für Treibstoff, Wartung und Ersatz. Die Pirahã reden nicht über Dinge, die ihrer Lebenskultur fremd sind, über Götter, über Krankheitserreger oder ähnliches. Sie reden über Vertrautes - über Fischen, Jagd, andere Pirahã und über Geister, die sie gesehen haben. Geister und Träume gehören für die Pirahã zu den unmittelbaren Erlebnissen, Gespräche über die Geisterwelt haben Pirahã nichts Fiktives. Träume sind für sie Erlebnisse wie alle anderen auch.

Liguisten nennen diese Form der Kommunikation „esoterisch“. Esoterische Kommunikation kennt einen eng begrenzten Rahmen von Gesprächsweisen und Gesprächsthemen. Die Hörer wissen weitgehend, was der Sprecher sagt. Wenn A etwas zu B gesagt hat und C dabei steht, kann B das Gesagte zu C wiederholen mit dem Hinweis, dass A das gesagt habe – obwohl jedem klar ist, dass C das gehört haben muss.
Neue Informationen werden nur dann angenommen, wenn sie zu den allgemeinen Erwartungen passen und sich einfügen lassen. Wenn Neues mitgeteilt wird, wird dies durch eine intensivere Wort-Melodie angezeigt. Neue Informationen erfordern eine langsamere Informationsübermittlung.
Sinnzusammenhänge werden zwischen Bekannten konstruiert. Als der Missionar sich einmal einen Salat hatte schicken lassen und zubereitete, fragte ihn ein Pirahã verwundert danach und erklärte: „Warum isst du Blätter? Hast du kein Fleisch? Wir Pirahã sprechen unsere Sprache gut und wir essen keine Blätter.“

 

    Lit.:

    Daniel L. Everett: Das glücklichste Volk. Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas (dt. 2009)
    Daniel L. Everett: Die größte Erfindung der Menschheit. Was mich meine Jahre am Amazonas über das Wesen der Sprache gelehrt haben (dt. 2013)

    Everett auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=pXegoZrxcVk

 

 

Zum Thema Sprache siehe auch die Texte

    Was ist Sprache oder: Was die Hirnforschung über die Konstruktion von Sprache weiß  MG-Link
    Was die Evolutionsbiologen zur Bedeutung der Sprache für das Bewusst-sein zu sagen haben,
          steht auf einem anderen Blatt -
    M-G-Link
    Zur Sprache als ursprünglichem Medium des menschlichen Geistes - 
    M-G-Link
    Die menschliche Stimme als primäres Mittel der Kommunikation  
    M-G-Link