Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Eine neue Schrift-Sprache entsteht

Über die „Invasion des Alphabets“ in die Mund-Arten, Luthers Sprachgenie und Bedeutung der Reformation für die Durchsetzung einer neuen deutschen Schriftsprache

2-2016

Die Mundarten in oral geprägten Gesellschaften - Volkssprachen oder Dialekte - waren regional begrenzte Kommunikationsmittel. Es gab vor dem Zeitalter des Buchdrucks im „deutschen Sprachraum” nicht eine Sprache, sondern Dutzende von Dialekten. Die Buchdrucker stießen sofort auf dieses Problem, wenn sie nicht die lateinische Gelehrtensprache drucken wollten: Welche Mundart benutzen? An wen sollte sich ein Druckwerk richten? Wie kann ein Druckwerk in großer Auflage verkauft und damit rentabel produziert werden?
Die Volksmundarten waren zudem vom Wortschatz und von der (einfachen) Grammatik her nicht geeignet für eine schriftliche Fixierung des in dem komplizierten Latein überlieferten Wissens.
Es ist kein Zufall, dass im ersten Jahrhundert des Buchdrucks vor allem die reiche Institution Kirche ihre (religösen) Themen in volkstümlichen Sprachen „druckfähig” bearbeiten lassen und verbreiten konnte.

Bei der überwiegenden Mehrzahl der in den ersten Jahrzehnten nach Gutenbergs Erfindung gedruckten wurden handelt es sich um preiswertere Kopien bekannter lateinischer - handschriftlich verbreiteter - Bücher. Es gab gleichzeitig ein großes Interesse – insbesondere auch der Drucker – daran, den Markt zu erweitern und Texte zu drucken, die vorgelesen werden konnten auf den Märkten der Dörfer und Städte. Dafür musste eine „gemein sprache“ entwickelt werden, die möglichst viele verstehen können in unterschiedlichen Dialekt-Regionen: Die Massenkommunikation der frühen Neuzeit war nach wie vor durch das Mündliche geprägt - die Schrift war Transportbehälter für Reden. Es genügte, dass eine Person lesen konnte, und schon stand die gedruckte Botschaft der Dorfgemeinschaft zur Verfügung.

Die Drucker hatten Interesse an einer neuen Drucksprache. Hundert Jahre nach Gutenbergs Erfindung, im Jahre 1645, konstatierte Enoch Hanmann über die neue Drucksprache: Es ist nicht die Sprache, „welche vom Poebel allgemein geredet wird; sondern welche an keinem und doch fast allen orten zu finden ist.“

Mund-Art

Die muttersprachlichen, landschaftlichen Volksmundarten dienten der face-to-face-Kommunikation: Man kennt sein Gegenüber, kann nachfragen, mit Händen und Füßen und Gesten, mit Brumm- und Pieps-Lauten vieles erklären, für das die Sprache keine Worte hat - man kann schließlich vieles voraussetzen. Ein Bauer weiß immer, wovon der andere Bauer spricht. Mund-artliche Verständigungs-Systeme kommen mit einer begrenzten Wortzahl und Grammatik aus, Sprache musste nicht „universell” funktionieren. Die Händler hatten eine andere Sprache als die Bauern, die Städte eine andere als das Land. Niemand wäre auf die Idee gekommen, zu „übersetzen” - die Sprache der Schmiede war nicht übersetzbar in die der Marktfrauen. Nicht einmal in das Latein der Schrift-Gebildeten waren die Mundarten des Volkes ohne Bedeutungsverschiebung übersetzbar, und niemand hätte auch darin einen Sinn gesehen. Für einen Waldbauern ist „Kirschbaum” eben etwas anderes als für einen Holzschnitzer.

Die Menschen oral geprägter Gesellschaften nutzen ihre fünf Sinne zur Wahrnehmung von Gegenständen - und finden Worte nach dem, was die fünf Sensoren erkunden. „Sapientia” kommt von sapere, schmecken. Die vier Elemente - Wasser, Luft, Feuer, Erde - treffen Unterscheidungen, die mit dem Tastsinn empfunden und voneinander unterschieden werden können. Für eine Länge gibt es das Maß der „Elle”, für Entfernungen den Tagesmarsch.

Es gibt wenige Zeugnisse dieser Sprache - die Protokolle von Gerichtsverhandlungen geben einen guten Einblick, wenn die Protokollanten nicht auf lateinisch mitschrieben, was mundartlich vorgetragen wurde, sondern in Eile einfach ein paar Fetzen lautschriftlich zu fixieren versuchten, was die Leute aus dem Volk als Zeugen oder Angeklagte da so vorbrachten.

„Invasion des Alphabets“ in die lautorientierte Sprache

Überall dort, wo Sprache druckreif gemacht wird und gedruckte Sprache an Bedeutung gewinnt, wird die alte „multisensorielle Semantik” von einer „visuellen Semantik” abgelöst (Michael Giesecke). Die neue Drucksprache erfasst ihre Gegenstände so, wie man sie sehen kann. Und da Druck universell verbreitet werden soll, muss sie ihre Sachverhalte situationsunabhängig darstellen. Es gibt kein „Du weist schon”, kein lautmalendes erklären, keine Chance zur Nachfrage. Dekontextualisierung ist angesagt, es entsteht eine oft als „künstlich” beschrieben „Drucksprache“, die dem neuen Denken angemessen ist - „Buchdenken“. Wie mühsam das neue Denken war, zeigt sich daran, dass anfangs gern Dialoge aufgeschrieben und „Nachfragen” im Text gestellt wurden, um an die alte Form des Mitteilens anzuknüpfen. Für die neuen Sprachen wurden aus dem Lateinischen abgeleitete Grammatiken erfunden, die Deklinationen und Konjugationen kannten und die verschiedenen Fälle durch komplizierte Endungen kennzeichneten. Der Soziolinguist Basil Bernstein beschrieb Mitte des 20. Jahrhunderts die wenig literalisierten „Unterschichten-Sprache“: Sie ist gekennzeichnet durch kurze, grammatikalisch einfache, häufig unvollständige Sätze, zeitliche Reihungen anstatt logischer Adverbial-Beziehungen (obwohl, weil, aufgrund etc). Orale Kommunikation verfügt über einen vergleichsweise geringen Wortschatz und hat zur Grundlage, dass der Zuhörer weitgehend das weiß, was man selbst auch weiß und eventuelle kleinere neue Elemente in einen bekannten Kontext einfügen kann. Sie dient vor allem der Bestätigung.

Die alte lateinische Drucksprache hatte mit der geredeten Sprache des Volkes nichts zu tun. Die neue „gemeine” Drucksprache soll nun die Massen ansprechen. Die reformatorischen Flugschriften wurden vorgelesen, von der Kanzel gepredigt, auf dem Marktplatz wurden Spottlieder gesungen. Volksfeste, Spiele, Prozessionen dienten zur Agitation, die Gesellschaft liebte die rituellen Aufführungen. Öffentliche Verbrennungen der Werke Luthers waren hoch wirksames kommunikatives Spektakel, die Verbrennung der Verbannungs-Schrift durch Luther selbst ebenso. Zu den Flugzetteln gehörten die Texte wie die Spottbilder – in der Mischung wurde daraus ein wirksames Agitationsmittel.

Die Autoren der Texte waren Gebildete, Städter, Geistliche, eben Schreibkundige – im Unterschied zu früheren Zeiten wurden sie massenhaft rezipiert. Die Begeisterung über das neue Zeitalter des Drucks war allgemein. In historisch sehr kurzem Zeitraum erfährt das Lesenkönnen eine ungeheure Aufwertung im Bewusstsein der Zeitgenossen. Das rhetorische Arsenal war durch die schriftlichen Texte ständig verfügbar – der Reformationsstreit fand auf den Marktplätzen statt. Die „mueterliche“, mundartliche Sprache lernte man zu Hause, zum Erlernen der neuen „gemein sprache“ musste man in eine Sprach-Lehre gehen.
Fritz Mauthner hat (1919) die Frage aufgeworfen, „was in der Seele derjenigen Leute vorgegangen sein mag, die die Sprache ihres Volkes zum ersten Mal mit Hilfe eines auswärtigen Alphabets niederschrieben.
Die neue Schriftsprache war für das ungebildete Volk die „Sprache der Gebildeten“ und bedeutete eine Erweiterung seines Horizonts. Die „mueterliche“ Volkssprache war auf die Lebensumstände im „Unmittelbaren und Lokalen“ beschränkt, der Sprachlernprozess eines (normal, also nicht lateinisch gebildeten) Erwachsenen des späten Mittelalters war mit sieben Jahren abgeschlossen. Das ist das Alter, in dem heute Kinder für schulreif erklärt werden.

Kindheit und Schriftsprache

Neil Postman hat die Entstehung unseres Bildes von „Kindheit“ auf die Durchsetzung der Schriftkultur zurückgeführt. Da im Mittelalter das Wissen mündlich tradiert wurde, hatten die Kinder vollen Anteil daran. Mit dem Abschluss des Spracherwerbs waren sie Teil der erwachsenen Welt, es gab kaum Geheimnisse, an denen sie nicht teilhatten. Im Mittelalter konnte weder Jung noch Alt lesen, und das Leben aller vollzog sich im Hier und Jetzt, im „Unmittelbaren und Lokalen“.
Im Zeitalter des Buchdrucks musste Erwachsenheit erworben werden. Man wurde nicht mehr quasi automatisch erwachsen, sondern nur durch Aneignung einer symbolischen Kultur. Die Welt der Typographie war gleichzeitig eine der körperlichen Selbstbeherrschung, sie bedeutete die Unterwerfung des Körpers unter den Geist. Damit ihnen das gelang, brauchten Kinder Erziehung. 
Die „Kinder“ der Neuzeit sind die Menschen, die sich in der Schrift-Welt der Erwachsenen nicht bewegen können. Das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken führte 1592 als erstes Territorium der Welt die allgemeine Schulpflicht für Mädchen und Knaben ein, Preußen folgte erst 1717. Drei Jahrhunderte nach der Erfindung des Buchdruckes war es im mittleren Europa selbstverständliche, dass Kinder zur Schule gehen (müssen), um in dieser Institution die Kultur der „Erwachsenheit“ zu erwerben. Zum Lesen lernen gehören Jahre der Disziplinierung von Körper und Sinnen, an dessen Ende sich der „Zögling“ in der Schrift-Kultur zu Hause fühlt. Noch im 20. Jahrhundert wurden Kinder, die aus ländlichen Gebieten mit ihrem Dialekt in die höhere Stadtschule gingen, aufgrund ihrer Sprechweisen beschämt.

Reformer und Reformatoren wie Valentin Ickelsamer haben sich Gedanken darum gemacht, wie denn die neue Schriftsprache leichter gelehrt werden kann als das Latein in den alten Klosterschulen. Während über Jahrhunderte die Zeichenschrift etwas war, das als etwas Fremdes gepaukt wurde, ohne Zusammenhang zu den muttersprachlichen Mundarten, hat er 1527 eine ganz einfache Methode propagiert, das Lesen zu lernen: Laute werden durch Buchstaben repräsentiert. Heute nennt man das „Lautiermethode“. Er ging von der Erfahrung der mütterlichen Sprache aus – jeder soll lesen lernen, notfalls die Kinder von ihren Vätern. Was dabei herauskommt, kann man auch heute an den ersten Briefen studieren, mit denen Kinder schreiben übten. Ickelsamers Erstlesedidaktik war ein politisch-pädagogischer Appell zum Erlernen dieser neuen „gemein spraach“. Damit die Menschen Gottes Wort „selb lesen und desto bas daryn vrteilen moege“. Ickelsamer war ein radikaler Reformator:  Wir sollen alles in der Welt erfahren, wissen und „ewig mercken“. Das war die Zeit, in der der Papst den Kaufleuten in Lübeck und Hamburg die Einrichtung einer profanen, kirchenunabhängigen „Lateinschule“ untersagen wollte. 

Im Zuge der Reformation verlangte Luther, dass die Predigten nicht mehr auf lateinisch, sondern auf Deutsch gehalten werden sollten. Um das Volk in die Zeremonie einzubeziehen, schuf er viele neue Kirchenlieder in deutscher Sprache. In dem Maße, wie die Kinder in protestantischen Gegenden den Katechismus und die Luther-Bibel im Konfirmandenunterricht lernten, lernten sie sich in dieser neuen Luther-deutschen Schriftsprache zu verständigen – und über die regionalen Grenzen hinaus verständlich zu machen.

Luther als Erfinder der neuen Schriftsprache

Seit dem 12. Jahrhundert hatten sich wesentliche gesellschaftlich-kulturelle Voraussetzungen für einen Durchbruch der Schriftkultur entwickelt. Durch den Aufstieg der Städte entwickelte sich im späten Mittelalter eine größere Mobilität in räumlicher und  gesellschaftlicher Hinsicht und damit eine neue Qualität kommunikativer Beziehungen über geografische und soziale Grenzen hinweg.
Im 14. Jahrhundert setzen sich in den weltlichen Herrschaftszentren an den Höfen der Könige und Fürsten verschiedene deutsche ,Schreibsprachen' durch und begannen das Latein abzulösen. In diesen Schreibsprachen wurden spezifische Dialekt-Eigenheiten möglichst vermieden im Interesse größerer überregionaler Verständlichkeit. Bedeutsam wurde insbesondere die  „Prager Kanzleisprache”, die am Hof Kaiser Karls IV., der gleichzeitig König von Böhmen war, entwickelt wurde.
Das Bürgertum in den Städten war ,bildungsbeflissen'. Die Kinder von Kaufleuten und Stadtpatriziern konnten jetzt auch Pfarrschulen oder stadteigene Schulen besuchen. Die Zunahme des allgemeinen Bildungsniveaus zeigte sich bei belesenen Handwerksmeistern wie in den Universitätsgründungen.

Luther nutzte also nicht nur die Erfindung des Druckes mit beweglichen Lettern und die  Entwicklung des Papiers als Schreibmaterial, er traf auf eine Situation, die allgemein durch eine Tendenz zur Schriftlichkeit gekennzeichnet war. Er konnte mehr Lesefähigkeit voraussetzen als etwa der Reformer Jan Hus hundert Jahre vor ihm und ein höheres gesellschaftliches Bildungsniveau.

Die Schulsprache Luthers in Magdeburg war das Niederdeutsche, während in Eisenach ostmitteldeutsch (thüringisch) gesprochen wurde. Luther beherrschte also die Dialekte der beiden großen Sprachräume. Der Reformator, der bis 1515 auf Latein schrieb, wechselte dann, um seinem Kampf für die theologische Wahrheit größeres Echo zu verschaffen, zu den deutschen Dialekten über.

Geradezu revolutionär ist Luthers sprachliches Programm: Er wollte vom „gemeinen Mann“ verstanden werden,  er wollte „den Leuten auff das maul sehen / wie sie reden / vnd darnach dolmetzschen (übersetzen)" und dafür war auch das verkünstelte Deutsch der vorlutherischen Bibelübersetzungen nicht geeignet – das lehnte sich zu sehr an das Lateinische an. Luther erklärte sein Konzept einer neuen Sprache  im Sendbrief vom Dolmetschen: „Ich hab mich des geflissen ym dolmetzschen, das ich rein und klar teutsch geben möchte. [...] Als wenn Christus spricht: ,Ex abundantia cordis os loquitur'. Wenn ich den Eseln sol folgen, die werden mir die Buchstaben furlegen vnd also dolmetzschen: ,Auß dem Vberflus des hertzen redet der mund.' Sage mir, Ist das deutsch geredt? Welcher deutsche verstehet solchs? [...] sondern also redet die mutter ym haus vnd der gemeine man: ,Wes das hertz vol ist, des gehet der mund vber'.“

Luther hat daher zwischen den Mundarten des Volkes und der vorgefundenen Schreibsprache der Kanzleien vermittelt. Er hat sich zudem an feste Regeln gehalten, etwa dass in Nebensätzen das Verb immer am Schluss steht, die heute noch die deutsche Sprache prägen. Luther verwendete bestimmte Worte aus Mundarten, wenn sie ihm treffend erschienen,  und er fügte zuweilen Worte aus verschiedenen Dialekten aneinander (Wort-Addition). Er bereicherte zudem die deutsche Sprache durch eigene Neuschöpfungen wie ,Feuereifer', friedfertig', ,gastfrei', ,Herzenslust', ,Morgenland', ,wetterwendisch' und viele andere.

Luther konnte - in einem auf Latein geschriebenen Brief - über die Mühe bei der Arbeit an der Sprache wortreich klagen: „Ich schwitze Blut und Wasser, um die Propheten in der Umgangssprache wiederzugeben. Mein Gott, was für eine gewaltige Arbeit und wie schwierig ist es, die hebräischen Autoren dazu zu zwingen, deutsch zu sprechen? Sie wollen ihr Hebräertum nicht ablegen und sträuben sich, sich der germanischen Barbarei anzupassen. Das ist ganz so, als ob die Nachtigall ihre süße Melodie verlieren würde und gezwungen wäre, das monotone Rufen des Kuckucks nachzuahmen.” 

Auch in den populären Flugschriften der Reformation dominierten die an der lateinischen Grammatik gebildete Sprache der Theologen und die Kanzleisprache der Städter. Die Flugschriften waren meist aber noch stärker als andre Druckwerke mit volkstümlichen Ausdrücken und sprachlichen Elementen durchsetzt, sie sollten allgemeinverständlich sein und populär wirken. Die Flugschriften sind ausdrücklich dafür verfasst, laut vorgelesen und nacherzählt zu werden.

Die Drucker hatten Interesse an einer neuen Drucksprache. Hundert Jahre nach Gutenbergs Erfindung, im Jahre 1645, konstatierte Enoch Hanmann über die neue Drucksprache: Es ist nicht die Sprache, „welche vom Poebel allgemein geredet wird; sondern welche an keinem und doch fast allen orten zu finden ist.“ Wenn Menschen die Drucksprache reden konnten, sagte man, sie reden „nach der Schrift“, auf französisch nannte man das „parler comme un livre“.

Der Luther-Katechismus verbreitete sich schnell über die Sprachgrenzen hinweg, schneller als die teure Bibel. Kein einziger deutscher Volksstamm konnte seine Mundart in der Schriftsprache des Bibelübersetzers und der Flugschriften der Reformationszeit wiederfinden. Dagegen konnte sich bald jedermann, der die neue Schriftsprache, wenn sie vorgelesen wurde, verstand, sich in dieser Sprache überall in Deutschland auch von Mund zu Ohr verständlich zu machen.

Die Übernahme der Schriftsprache als der eigenen gesprochenen Sprache ist dabei ein historischer Prozess, der erst mit dem faktischen Ende der regionalen Dialekte im 20. Jahrhundert seinen Abschluss fand. Noch Ende des 19. Jahrhunderts waren die Dialektgrenzen des 15. Jahrhunderts in den Regionen Deutschlands nachweisbar. In der Mitte des 20. Jahrhundert wurde das Thema dann von der Soziolinguistik unter den Begriffen „elaborierter“ und restringierter Code“ (Basil Bernstein) wiederentdeckt.

Mund-Art, Schriftsprache

Walter J. Ong, Wladimir Admoni und andere Sprachwissenschaftler haben den Umbruch der oralen Sprache zur Schriftsprache typologisiert:
Orale Sprache ist stärker „aggregativ“, weniger analytisch, mehr redundant und nachahmend, hat eine besondere Nähe zum menschlichen Leben, ist einfühlend, teilnehmend, weniger objektiv distanziert, eher situativ als abstrakt. Sie berichtet reihend, hat eine einfache Satzstellung, verbindet die Satzteile mit „da“ und „und“.

Die lateinische Grammatik hatte „erheblichen Einfluss auf den Wortschatz und die Syntax des Deutschen. Der Weg dazu wurde teilweise dadurch bereitet, dass lateinische Worte, Satzteile und Sätze im Gespräch in die mündliche und dann auch in Briefen und Romanen in die schriftliche deutsche Sprache übernommen wurden, dass antike und humanistische lateinische Texte in deutscher Übersetzung erschienen, dass die Titel deutscher Bücher oft oben lateinisch und darunter deutsch formuliert wurden und dass Flugblätter lateinische und gleichsinnige deutsche Texte nebeneinander zeigten.“ (Walther Ludwig)

Die (neue) Schriftsprache hat eine stärkere Informationsdichte und komplexere syntaktischen Mittel, mit denen komplizierte Denkvorgänge widergespiegelt werden können. Schriftliche Texte, die nicht bewusst einfach fürs Vorlesen geschrieben sind, erfordern „visuelle Dekodierungstechniken“. Während die orale Kultur geprägt war von ausschmückender Rede, zählt für das schriftliche Denken nur das logische Argument. Aus Argumenten werden allgemeine Grundsätze entwickelt, nicht aus fallbezogenen Beispielen. Die Schrift-Sprache ermöglicht das Aufzeichnen des Denkens und dieses Schrift-Denken ermöglicht eine neue ordnende Vernunft.

Die Autoren der frühen Neuzeit hatten auch ein positives Bewusstsein von dem neuen Sprachraum, in dem die Aufspaltung in volkstümliche Dialekte überbrückt wurde. Sie sprechen von „Teusche spraach“, die „Germania“ verbindet, und von Teutschland. Germania, das ist „das gantz Teutschland soweit die Teutsche spraach gehet“, so der Schweizer  Mathematiker und Astronom Conrad Dasypodius um 1550 in seinem „Dictionarium latino-germanicum”.

Worte können Waffen werden, wenn sie massenhafte Verbreitung finden. Der Kampf um die Deutungshoheit  erfordert die Prägung von Begriffen – durchsetzen können sich ein neuer Sprachgebrauch und die damit verbundene Denkweise aber nur, wenn es „laute“ Sprecher und viele Zuhörer gibt –Öffentlichkeit. Öffentlichkeit in der frühen Neuzeit war gewöhnlich herrschaftliche Öffentlichkeit – abgesehen von den eruptiven Aufstands-Bewegungen des Volkes. Ein Aufstand mit großer Wirkung war die Reformation. Ohne die massenhaft verbreitete Schriftkultur hätte Martin Luther möglicherweise genauso geendet wie Jan Hus fünfzig Jahre vor der Erfindung der neuen Drucktechnik.

 

 

siehe auch meine Texte:

    Vor Gutenberg  - „Verschriftlichungsrevolution” als Vorbereitung des Buchdrucks  M-G-Link
    Die Reformation als Medienereignis
    M-G-Link
    Die Gutenberg-Medienrevolution findet mit der Reformation ihre „message” M-G-Link
    Buchdruck oder: die neue Macht eines alten Mediums  M-G-Link

     

Weiterführende Literatur zur Sprachgeschichte:

    Jean-Franqois Gilmont, Die protestantische Reformation und das Lesen, in: Chartier / Cavallo (Hg.): Die Welt des Lesens: Von der Schriftrolle zum Bildschirm (1999)
    Theodor Nolte: Höfische Literatur um 1200 und Entstehung der neuhochdeutschen Schriftsprache, in: KRAH TITZMANN (2010) Medien und Kommunikation  S. 93-127
    Hans Eggers: Deutsche Sprachgeschichte. Band 1: Das Althochdeutsche und das Mittelhochdeutsche. Band 2: Das Frühneuhochdeutsche und das Neuhochdeutsche (Überarb. u. erg. Neuauflage 1986)
    Dennis Green: Schriftlichkeit und Mündlichkeit im Hoch- und Spätmittelalter. In: Literaturwissenschaft. Ein Grundkurs. Hg. von Helmut Brackert und Jörn Stückrath  (2001)
    Kurt Gärtner: Grundlinien einer literarischen Sprachgeschichte des deutschen Mittelalters,
    in: Sprachgeschichte. Ein Handbuch … Hg. von Werner Besch u.a.,  S. 3018-3042. (2004)

    Fritz Mauthner: seine Texte sind online dokumentiert unter  http://www.textlog.de/mauthner.html