Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Das Erdbeben von Lissabon 1755
als europäisches Medienereignis

5-2012

„Lissabon 1755“ hat sich im 18. Jahrhundert in das kulturelle Gedächtnis Europas tief eingeprägt.  Am Morgen des 1. Novembers, des Allerheiligentages, erschütterte ein Erdbeben (der Stärke 8, nach heutigen Schätzungen) die portugiesische Kolonial-Metropole. 30 von 40 voll besetzten Kirchen stürzten ein und begruben die Gläubigen unter ihren Mauern. Eine Stunde später überschwemmte ein Tsunami die Stadt, drei Flutwellen von schätzungsweise sieben Metern Höhe. Ein großes Feuer brach schließlich aus, es brannte fünf Tage lang. Drei Viertel der Stadt wurden vernichtet.

Während nur Stunden später die Flutwellen auch in Nordafrika und in London registriert wurden und in Holland Schiffe aus ihren Verankerungen rissen, kamen die Nachrichten von den Schrecken von Lissabon erst Wochen später per Postkutsche in London und Paris an: Der König und seine Familie seien halbnackt aus dem Palast geflüchtet, hieß es.  

Am 8. Dezember kam es in Hamburg zum Börsencrash. Am 12. Dezember 1755 berichtet die „Staats- und Gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten", von Lissabon sei „nichts als ein Steinhaufen, worunter mehr als 100.000 Menschen lebendig begraben werden", übrig geblieben.

Monate lang wurde diese Katastrophe zum beherrschenden Kommunikations-Anlass. Vom Schauplatz des Geschehens wurde in immer größerer Detailfülle berichtet, Opferzahlen wurden diskutiert und ständig korrigiert. Schicksale bekannter Persönlichkeiten wurden ausgemalt, Augenzeugenberichte verbreitet. Europaweit gab es einen Wettbewerb um die größte Spendenbereitschaft Lissabon mit der gotischen Kathedrale Igreja do Carmo, die beim Erdbeben 1755 zerstört wurde. Noch heute mahnt die Ruine


Georg Philipp Telemann komponierte (1756) eine Kantate unter dem Namen „Donnerode“, der Hamburgische Rat hatte sie in Auftrag gegeben: „Die Stimme Gottes erschüttert die Meere, Gewitter wandeln vor ihm her ..."


Die gotische Kathedrale
Igreja do Carmo,
die beim Erdbeben 1755
zerstört wurde,
mahnt heute noch als Ruine


Lissabon 1755 als Medien-Event

Es hatte zuvor andere große Katastrophen gegeben hatte, das Beben in Florenz 1570, in Santiago de Chile 1647, Japan 1730, Indien 1737 oder Peru 1746, aber zum Medien-Event wurde erst die Katastrophe von Lissabon. Was „Lissabon 1755“ zu einem Medienereignis machte, waren auch die Bilder. „Diese ‚neuen’ Bilder wirken dann auf das Ereignis zurück und stellen es auf diese Weise als einzigartig dar.“ (Jörg Trempler)

Diarium lissabon4Jacques Philippe Lebas veröffentlichte 1757 eine Folge von sechs Abbildungen, die die Ruinen öffentlicher Gebäude darstellten: der zerstörte Palast, Ruinen von Kirchen und der Oper.
In den Ruinen wandeln Menschen, in deren Gesichtern kein Ausdruck des Schreckens zu finden ist: „Man unterhält sich offenbar angeregt über den Zustand der Stadt.“ (Trempler). Die „schönen Ruinen" von Lissabon wurden in hoher Auflage in ganz Europa verkauft.

Auch die selbstkritische Reflexion der medialen Vermarktung von Katastrophen setzte bald nach 1755 ein. Kant formulierte: „Je schrecklicher je besser, vorausgesetzt man ist in Sicherheit". Und der Berliner Philosoph Moses Mendelssohn erklärte, bei einem nicht von Menschen verschuldeten Unglück „verspühret jeder Mensch einen starken Trieb das geschehene Uebel in Augenschein zu nehmen und der vermischten Empfindung zu geniessen, die ein solcher Anblick gewährt."

Streit der Wissens-Ordnungen

In Zedlers „Universallexikon" hatte es (1734) zwei Eintragungen unter dem Stichwort „Erdbeben" gegeben: eine mit den naturkundlichen Kenntnissen der Zeit, eine zweite, theologische, mit dem Hinweis auf Gottes Herrlichkeit, Zorn und Gnade. In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1717 hatte es in Norddeutschland eine Flutkatastrophe - die „Weihnachtsfluth“ - gegeben, deren Interpretation damals noch vor allem die Geistlichen übernahmen. Sie rechneten Fluten der Natur zu, viele aber meinten, diese verheerende Katastrophe übersteige die Naturgesetze, so Manfred Jakubowski-Thiessen zusammenfassend: „eine solche Macht stünde nur Gott zu“. Andere Theologen erklärten schlicht, Gott habe sich der Naturgesetze bedient, um an den sündigen Norddeutschen ein „hartes Exempel göttlicher Strafgerichte“ zu vollziehen. Da die Pfarrer der Region ganz auf die Abgaben ihrer (durch die Flut dezimierten) Gemeindemitglieder angewiesen waren, darf man unterstellen, dass die Bevölkerung solche Interpretationen auch hören wollte.

Die Konsequenzen der Katastrophe waren so auch zweifach: einerseits wurden höhere Deiche gebaut, andererseits wurden tägliche Betstunden von 11 bis 12 Uhr vormittags angeordnet. Als 1718 diese zusätzlichen Belastungen den Bauern zu weit gingen, da sie sie von der Arbeit abhielten, und der Besuch nachließ, wurden die Betstunden auf einen Termin in der Woche reduziert.

Anders als diese norddeutsche Sturmflut 1717 wurde das Erdbeben und die Tsunami-Flutwelle von „Lissabon 1755“ nicht mehr vorwiegend über Geistliche und lokal interpretiert. Neben den religiösen Diskurs, der die Gottlosigkeit und ein Leben in Sünde anprangerte und die Naturkatastrophe also als göttliches Strafgericht interpretierte, trat konkurrierende eine Interpretation über die Fragwürdigkeit der Existenz Gottes, für die  solche Katastrophen ein Hinweis sei. Auch kirchenunabhängige Gebildete debattierten europaweit über die Erschütterung zivilisatorischer Selbstgewissheit angesichts blinder Naturgewalt. Wissens-Muster einer auf sich selbst gestellten Natur, von Katastrophe und Risiko, von Geologie und Seismologie standen gegen Sünde und Schuld, Sintflut und Strafe. Im Wesentlichen nahmen aber alle Denk-Strömungen die Katastrophe als Beispiel für ihre jeweilige Position.

Gott, Voltaire oder Rousseau?

Der Pastorensohn und Schriftsteller Johann Christoph Gottsched (1700-1766) verdichtete die kirchliche Interpretation klassisch so: „O Herr! Vor dessen Wink auch Fels und Berge beben, Von dessen Odem sich auch Flut und Wellen heben, Wie schrecklich ist dein Zorngericht.“

François Marie Voltaire, der französische Aufklärer, schrieb in Genf 1756 sein religionskritisches „Poème sur le désastre de Lisbonne“. Darin heißt es:
„Du ewiges Geschehen nutzloser Katastrophen! Ihr ruft: 'Alles ist gut!' Getäuschte Philosophen, kommt her und schaut euch an: entsetzliche Ruinen, die Scherben und der Schutt, von Asche die Lawinen, und Schicht auf Schicht gehäuft die Kinder und die Frauen, zerstreuter Gliederstaub, vom Marmorstein zerhauen."

Aus dem „Essai de Théodicée“ (1710) von Gottfried Wilhelm Leibniz war der Satz zu einem Bonmot geworden: „Unsere Welt ist die beste aller möglichen Welten, sie besitzt einen maximalen Reichtum von Momenten und in diesem Sinne die größtmögliche Mannigfaltigkeit“.
Voltaire entgegnete in seiner Novelle „Candide ou l'Optimisme“ (1759):
„Soll dies die beste aller möglichen Welten sein?
Wie sehen dann die anderen aus?
Betrogene Philosophen, ihr schreibt: 'Alles ist gut!'
Kommt her und seht die gräßlichen Ruinen ...
Wird aus Unglück im Chaos von euch nicht zuletzt
ein allgemeines Glück doch zusammengesetzt?“ 

Der zivilisationskritische Jean-Jacques Rousseau verwies schlicht auf die Notwendigkeit besseren Städtebaus: „Nicht die Natur (hat) zwanzigtausend Häuser von sechs bis sieben Stockwerken zusammengebaut“, wandte er gegen Voltaire ein.

Seismologisches Wissen

Immanuel Kant nahm die Katastrophe 1756 zum Anlass für seismologische Überlegungen und folgerte: „Falls Menschen ihre Häuser auf entzündbarem Material bauen, dann wird die ganze Schönheit ihrer Bauten über kurzem durch die Erschütterungen zusammenfallen. Aber ist das ein Grund, hierfür die Vorsehung verantwortlich zu machen? Wäre es nicht besser zu folgern: Es ist unumgänglich, dass Erdbeben gelegentlich an der Erdoberfläche geschehen. Aber ist es auch nötig, dass wir an dieser Stelle prächtige Gebäude errichten? Menschen müssen lernen, sich an die Natur anzupassen, Aber sie möchten, dass sich die Natur an sie anpasst.“

Die Akademie von Rouen lobte im Jahre 1756 einen Preis aus für Einsendungen zu dem Thema: „Der Ursprung der Erdbeben und die Mittel zu ihrer Vorhersage”.

In Lissabon nutzte der zum Marquês de Pombal geadelte Sebastião José de Carvalho e Melo (1699-1782) die Gunst der Stunde: Der aufgeklärte Absolutist verfolgte im Wettstreit um die Interpretation des Erdbebens die Jesuiten und ordnete 1759 ihre Vertreibung aus der Stadt an. Auch die jesuitischen Missionen in den Kolonien wurden zerstört. Lissabon ließ er im „pombalinischen Stil“ wieder aufbauen.

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   das alte und das neue Lissabon