Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Giordano Bruno oder:
Gedanken über Medien-Wirkung im 16.Jahrhundert

Mit seinem vormodernen Begriff der „Magie“ konnte Giordano Bruno erklären,
wie die Vorstellungskräfte der Imagination sinnliche Eindrücke verarbeiten:
Medien wirken wie Magier, die die Wahrnehmung von Wirklichkeit prägen und damit „fesseln“

2015

giordano-brunoGiordano Bruno (1548-1600) war ein Einzelgänger, der die Denkmöglichkeiten der Renaissance in aller Radikalität ausleuchtete. Er gehörte bis 1576 in Neapel dem Dominikanerorden an, den er unter dem Vorwurf ketzerischer Gedanken verließ. Im Jahre 1600 ließ ihn die römische Inquisition nach einem längeren Verfahren als Ketzer verbrennen.

Seine Schriften zur Magie sind in den Jahren nach seinem Ausscheiden bei den Dominikanern entstanden. „Magie“ ist für Bruno das, was die Welt im Innersten bewegt und zusammenhält: Er geht aus von einer dynamischen Beseeltheit des gesamten Universums. Er ist davon überzeugt, „dass jede Seele und jede Spiritualität mit der Spiritualität des Universums in Verbindung steht“.

 

Denkmal in Neapel

Die Wirkung von Gesängen auf die Seele, der aus Dingen ausströmende Geruch wie die Phänomene des Magnetismus sind für Bruno Zeichen magischer Kräfte – „Magier" sind folglich „weise  Menschen mit der Kraft zu handeln“, d.h. die spirituellen Wirkungsmechanismen auszunutzen. 

Brunos – erst posthum 1781 veröffentlichte - Skizzen über die Magie sind teilweise ausformuliert, teilweise bestehen sie aus Stichworten. Seine Gedanken mussten für die Kirche als „ketzerisch“ erscheinen, subsumiert er doch das gesamte Wirken der Kirche unter die Gesetzmäßigkeiten der Magie: „Sogar gewisse Kuttenträger maßen sich den Namen des Magiers an, wie jener, der den Hexenhammer schrieb, und heute bemächtigen sich seiner all diese Arten von Schreibern, die in den Erbauungsbüchern und Katechismen ignoranter und geschwätziger Priester gelesen werden können“, heißt es etwa in „De Magia“: „Wo manche Priester viel über einen gewissen bösartigen Dämon nachdenken, der Teufel genannt wird, hat er eine ganz andere umgangssprachliche Bedeutung als bei  unterschiedlichen anderen Völkern mit anderen Sitten, Bräuchen und Religionen.“ Auch religiöse Visionen jeder Art begreift er als Magie: „Das ist der Grund, warum die Götter durch Visionen und Traumbilder zu uns sprechen, die wir wegen unserer Dummheit, wegen der Stumpfheit unserer geistigen Sinne, und weil uns der Umgang damit ungewohnt ist, als Rätsel bezeichnen.“ 

Magie wird damit zum Sammel-Begriff, um Wirkungs-Phänomene, die sich mechanischen Modellen entziehen, zu erklären. Am Beispiel der Wirkung des Magneten gelangt Bruno zu dem Schluss, dass es „eine andere Art sinnlich nicht wahrnehmbarer Anziehung“ geben muss. Die „spirituellen Wesen“ existieren für ihn „teils in sinnlich wahrnehmbaren und teils in sinnlich nicht wahrnehmbaren Körpern“.

Unbewusste Wahrnehmung

Auf diese sinnlich nicht wahrnehmbaren magischen Bann-Kräfte führt Bruno die Erfahrung zurück, dass Eindrücke sich „so sehr aufdrängen können, dass es uns manchmal scheint, als hätten wir selbst erdacht, was sie uns suggerierten.“ Dämonen benötigen „nicht einmal Ohren oder eine Stimme oder Flüstern“, um „in die innere Wahrnehmung“ eindringen zu können. „So senden sie nicht nur Träume und machen, dass Stimmen gehört oder irgendetwas gesehen wird, sondern senden dem Aufmerksamen auch bestimmte Gedanken, die andere kaum kennen lernen werden, manchmal durch Rätsel, manchmal deutlicher, und schärfen so dem Bewusstsein die Wahrheit ein oder täuschen es auch bisweilen.“

Magische Kräfte können nur wirken, wenn der jenige, auf den sie wirken sollen, empfänglich dafür ist. Bruno argumentiert mit Analogien: „Es gibt nichts absolut Schönes, das bannen könnte, sondern nur Schönes für etwas, sonst würden die Esel schöne Frauen lieben und Affen ihre Jungen töten. Ebenso gibt es nichts absolut Gutes, das anlockt, denn wie alles oder auch die ganze Welt und das Seiende aus Gegensätzen entsteht, so entsteht auch das Gute aus Gegensätzen. Denn für die einen ist das Feuer gut, für die anderen das Wasser.“ Entscheidend für die magischen Wirkungen der Rhetorik sind  „Zutrauen und Leichtgläubigkeit“ - „deshalb ist jener der erfolgreichste Magier, dem viele glauben, und der viel Überzeugungskraft besitzt.“ Bruno kann sich dabei auf Hippokrates Ausspruch berufen: „Jener ist der beste Arzt, dem die meisten glauben." Die meisten Menschen würden „durch Redegewandtheit, durch persönliche Ausstrahlung oder durch Berühmtheit gebannt, und zwar nicht nur vom Arzt, sondern durch jede Art von Magie oder Machtausübung unter anderem Namen.“ Selbst über die Heilungskräfte Jesu würden die Theologen verkünden, „dass er die nicht hätte heilen können, die nicht an ihn glaubten.“

Phantasie und Vorstellungskräfte prägen die Wahrnehmung

Wir werden „zu Tränen gerührt, wenn wir bestimmte Gesten, Stimmungen oder Bewegungen sehen. Manche fallen in Ohnmacht, wenn fremdes Blut vergossen wird, oder wenn sie beim Sezieren von Leichen zuschauen, wofür kein anderer Grund existiert als der Eindruck, der sie durch die Augen überwältigte.“ Ein trauriger Gesichtsausdruck steckt an, erzeigt Mitleid und Wehmut. Genauso gibt es unbewusste Eindrücke, die über die Augen in den Körper eindringen - „nicht sichtbar, so das man es nicht bemerken kann“. Bruno unterstreicht: „Es ist also offensichtlich eine Dummheit zu glauben, dass von den sichtbaren Eindrücken uns nur diejenigen schaden und beeinflussen können, die offenkundig in den Sinnen und in der Seele eine Störung des Gemüts auslösen.“ 

Sogar ohne äußere Sinnen-Einwirkungen können Bannkräfte entstehen – „aus der Phantasie“. Ihre Aufgabe ist es, die von den Sinnen überbrachten Eindrücke zu empfangen, zusammenzufassen, sie sinnvoll zu verbinden und zu unterteilen.“ Bruno ist klar, dass hier die Grenze zu krankhaften Erscheinungen erreicht wird: „Deshalb glauben manche Besessene, sie erblickten irgendwelche wundersamen Dinge oder hörten irgendwelche Stimmen und Meinungsäußerungen, die tatsächlich von äußeren Wesen herkommend in sie eingedrungen seien, und behaupten äußerst unzugänglich, konsequent und ernsthaft, dass sie diese wirklich gesehen und wirklich gehört hätten. Dies ist nicht verwunderlich, denn nicht ihre Sinne wurden getäuscht, sondern ihre Vernunft. Was sie hören, hören sie wirklich, und was sie sehen, sehen sie wirklich, weil ihnen durch den inneren Sinn diese in der Phantasie erzeugten Eindrücke vorgespiegelt werden.“ Ärzte würden diese Erscheinungen als „Wachtraum“ bezeichnen.

Die „Bannkraft der Phantasie“, so Bruno, werde durch die „Vorstellung“ verstärkt. „Diese Vorstellungskraft oder Imagination ist der einzige Weg aller inneren Empfindungen und ist die Bannkraft der Bannkräfte.“ Auch Emotionen können nur ausgelöst werden, wenn der Betroffene sich öffnet: „Es ist, als ob sich ein Fenster öffnet, das vorher verschlossen war, um die Sonne hereinzulassen, und es wird jenen Eindrücken Zutritt gewährt, die der Bindende mit seiner Kunst auswählt, worauf er die daraus folgenden Bannkräfte einflößt, wie zum Beispiel Hoffnung, Mitleid, Angst, Liebe, Hass, Entrüstung, Zorn, Freude, Geduld, die Verachtung des Lebens, des Todes oder des Glücks und so all jene Kräfte, die aus der Seele in den Körper wandern und ihn verändern.“ 

Die Phantasie muss sich, so Bruno, „nicht auf Wirkliches gründen als vielmehr den Anschein von Wirklichkeit“: Entscheidend ist, „dass  geglaubt wird, es sei wirklich. Es kann nämlich die Einbildung ohne Wirklichkeit tatsächlich bannen und den durch Einbildung Gebannten tatsächlich binden.“ Wieder belegt Bruno seinen Gedanken durch ein ketzerisches Beispiel: „Denn auch wenn es keine Hölle gibt, so bereitet doch der Glaube an die Hölle und die Einbildung, dass es eine Hölle gibt, wirklich eine wahre Hölle auch ohne zugrunde liegende Wirklichkeit. Denn sie ist auf eine ihr eigene phantastische Art wirklich, woraus folgt, dass  sie auch wirkt, als gäbe es sie, und dass der Gebannte wirklich und sehr stark durch sie gefesselt wird.“ 
Geradezu „erstaunlich“ fand Bruno, „wie sehr manche in der Hoffnung auf das ewige Leben und auf Grund einer gewissen Lebendigkeit des Glaubens oder auch Leichtgläubigkeit geistig mitgerissen und dem Körper irgendwie entfremdet zu sein schienen. Dies geht so weit, dass sie mit dieser Hoffnung und diesem Glauben kraft ihrer Phantasie und ihrer Denkweise gleichsam verschmolzen waren und dadurch so ungemein heftig, fest und unauflöslich gefesselt wurden, dass sie nicht einmal entsetzliche Marterqualen zu spüren schienen.“

Ohne die spirituellen Bannkräfte „der Natur, der Lebewesen und Gottes“, führt Bruno seine Gedanken in den Manuskripten „De vinculis in genere" fort, „gibt es keinen Arzt, keinen Seher, keinen, der Werke vollbringt, keinen Liebenden, keinen Philosophen und so fort. Durch sie sind alle alles.“ Alles kann bannen – „eine harmonische Lebensart, die körperliche Gestalt, der Wohlklang der Stimme und anderes, das auch aus Gebäuden, Statuen, Liedern und Gebeten ausströmt.“ Die Bannkraft ist die „Fessel, die Ordnung, der große Dämon, durch den alles bezwungen wird.“

Die Bindekräfte politischer Macht

Bruno Text „De vinculis in genere“ ist ein Eckpfeiler des modernen politischen Denkens. Anders als Niccolò Machiavelli in seinem 1513 verfassten Text Il Principe beschäftigt sich Bruno mit der Frage, wieso Menschen empfänglich sind für das Spiel von  Befehl und Macht, Intrige und Lüge. Der Mensch „verlangt" geradezu danach, Erfüllung und Abwicklung außerhalb seiner selbst zu finden, ist der Grundgedanke von Giordano Bruno. Bruno erklärt dieses Bedürfnis in Analogie zur Erotik: Eros ist eine Erfahrung, die wie Feuer überspringen kann auf die Psyche anderer Personen. In zwischenmenschlichen Beziehungen kann die erotische Suggestion Bindungen zwischen Liebenden und Freundinnen herstellen. In ähnlicher Weise kommt es zu Bindungen zwischen den Mitgliedern einer Gruppe oder einer politischen Partei, zwischen einem Führer und seinen Anhängern.
Das menschliche Verlangen zielt auf eine Einbindung und seine Vernunft konfabuliert die dafür erforderlichen Begründungen – scheinbar rationale, aber genauso gern akzeptiert die menschliche Vernunft emotionale Gewissheiten und mystischen Gedankengebäude. Der Eros bindet mit phantasievollen Vorstellungen sowohl den eigenen Geist wie den des Anderen. Auch in der Politik regiert nicht die Vernunft, wie Aristoteles es sah, sondern dieser Eros, bei Bruno unter dem Begriff der Magie gefasst. Sie stellt das Bindegewebe her, das aus Teilen ein Ganzes macht, zum Beispiel die Gesellschaft. Sie verbindet die, die Macht ausüben mit denen, die ihr nachgeben.
Genau wie ein Liebhaber ein magisches Netz um das Objekt-Subjekt seiner Liebe wirft - mit Gesten, Worten, Dienstleistungen und Geschenken, so umspannt der Politiker als „Magier der Gesellschaft" die ganzen Welt mit dem Netz seiner fantastischen Vision, um seine „Beute" durch Erfassung seiner Zustimmung zu binden.  Es ist diese Vorstellungskraft, auf der politische Macht beruht, nicht die Gewalt. Für Bruno ist der Politiker daher ein „Uhrmacher“ der Träume und Sehnsüchte der Menschen, Künstler und Magier in einem. Das Lateinische „vincolare“ bedeutet ihm binden und gewinnen wie fesseln.

Die Bindekräfte der Liebe

Für Bruno ist die Magie Liebe ein zentrales Beispiel für seine Betrachtungen zur Magie. „Eine Frau, die einen edlen und vortrefflichen Mann bezaubert, erfreut den Bezauberten, und durch diese Freude wird sie selbst von ihrer eigenen Bezauberung bezwungen.“ In der Liebe wirken verschiedene Bannkräfte zusammen: „Am meisten werden wir durch das Sehen bezaubert, denn es ist der aktivste, spirituellste und beste unserer Sinne. Trotzdem verlieben wir uns in vieles oft nicht durch das Sehen.“ Auch die Wollust erklärt die Liebe nicht: „So kann eine Stute gleichermaßen alle Hengste fesseln, eine Frau jedoch nicht auf gleiche Weise alle Männer. So sagt man jedenfalls.“ Im Falle der Erotik scheint die gesellschaftliche Kontrolle „Schutz“ zu bieten gegen die verführerischen Bannkräfte: „Schamgefühl und Glaube sind der beste Schutz gegen Bezauberung. Das Schamgefühl jedoch ist Furcht vor Schande.“ Und die Bannkräfte wirken nur bei einer „gewissen gegenseitigen Empfänglichkeit von Eroberer und Erobertem“. Dies sei der tiefere Sinn des Sprichworts: „Ohne Liebe geht die Liebe zugrunde."

„Denn obwohl sie kurz zuvor begierig verzehrt wurde, wird die Speise nach der Mahlzeit zurückgewiesen, auch wenn sich ihre Qualität und Zusammensetzung in nichts verändert haben. Die Bezauberung durch die sinnliche Liebe, die vor dem Beischlaf heftig war, wird durch ein geringfügiges Entleeren des Samens schwächer, und das Feuer wird gemildert, obwohl das Objekt der Begierde gleich schön bleibt. Nicht die ganze Ursache für die Bannkraft ist also auf diese selbst zurückzuführen.“

    Lit./Quelle: Die deutsche Übersetzung von Brunos Text-Manuskripten Link 

    Anmerkung:
    Robertus Franciscus Romulus Bellarmin,
    1599 von Papst Klemens VIII. zum Kardinal berufen, ist für die katholische Tradition bis heute ein machtvoller Verteidiger des katholischen Glaubens und des Apostolischen  Stuhles gegen die Irrlehren der Renaissance.

Bellararmins UnterschriftBallarmins Unterschrift unter dem Inquisitionsurteil gegen Giordano Bruno

    Er wurde 1930 – 330 Jahre nach der Verbrennung Giordano Brunos – von Papst durch Papst Pius XI. heilig gesprochen und 1931 zum „Kirchenlehrer“ erhoben. Damit ist er einer von neun von Päpsten ausgezeichneten Kirchenvätern aus der Zeit zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert.

    400 Jahre nach der Verbrennung Giordano Brunos, im März 2000, bezeichnete Papst Johannes Paul II. nach Beratung mit dem päpstlichen Kulturrat und einer theologischen Kommission die Verbrennung Brunos als „Unrecht“.
    Unter der der Überschrift „Dunkelmänner - Vom barocken Scharlatan zum Märtyrer der Aufklärung. Die bizarre Karriere des Giordano Bruno“ schrieb Michael Hesemann 2011 in der halboffiziösen römischen Zeitschrift „Vatican-Magazin“, die Verbrennung sei „ein Fehler“ gewesen und das „schon deshalb, weil sie Giordano Bruno (1548-1600) völlig unverdient aufwertete. Denn der Mann aus Nola war kein gefährlicher Ketzer und erst recht kein Vordenker einer neuen Zeit. Er war nicht mehr und nicht weniger als ein barocker Scharlatan, ein Esoteriker und Egomane, der es bestens verstand, sich in Szene zu setzen. So schenkten ihm die Richter der Inquisition, ohne es zu wollen, den Ruhm, nach dem er sich zeitlebens gesehnt hatte.“
                           
    http://www.vatican-magazin.de/index.php/magazin/heftarchiv/2011/47-vatican-magazin-102011