Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Vor der Alphabet-Schrift

Von den präsentativen Bildsymbolen zur Lautschrift des Alphabets:
Die Entstehung von Schrift-Zeichen als Hilfsmittel der Kommunikation

2017

Der Ursprung der Schrift liegt in bildlichen Darstellungen, aus denen Bilderschriften entwickelt wurden. Piktogramme finden sich in altsumerischen, minoischen und altägyptischen Texten. Wer die Botschaft solcher ikonischer Bilddarstellungen „lesen“ will, muss den Kontext der Geschichte, um die es geht, und die Bedeutung der Figuren kennen. Im Altsumerischen galten dieselben Zeichen etwa für „Mund" und „Nahrung", sie signalisierten auch „essen" als Handlung. „Berg" und „Frau" bedeutete „Sklavenmädchen", weil die Sklavinnen aus den nördlichen Bergregionen kamen. Die Zeichen für „Mann" und „Pflug" bedeuten im Altsumerischen „Bauer". Die Anschauungsbilder hatten nur für den Kreis ihrer Adressaten eine selbst-verständliche Suggestivität.
Sumerische Schrifttafel 241

 

Zur Entschlüsselung der Zeichen:

Sumerische schrifttafel1 Menge - 135000 Liter   

135.000 (Menge)       


Sumerische schrifttafel4 37 Monate37 Monate Sumerische schrifttafel2 GersteGerste
               
                                                Sumerische schrifttafel3 BilanzBilanz

  Sumerische schrifttafel2 Beamter Kuschin                       Sumerische schrifttafel5 Tauschhandel
  Kuschin (Zeichen des Beamten)      Tauschhandel


Dieselben Bild-Zeichen konnten in verschiedenen Dialekten mit verschiedenen Laut-Worten assoziiert werden. Diese „Schrift“ verstand sich durch das Schriftbild ohne Umweg über einen Wort-Laut. Die Akkader belegten die sumerischen Zeichen mit den Lautformen ihres Dialekts.

Vor der Schrift war die Zahl

Die Regelung der städtischen Sozialbeziehungen erforderte eine Fixierung der Handelsbeziehungen, der Schulden und Ansprüche. Für den Tausch mussten Vergleichs-Bewertungen vorgenommen werden, dafür gab es Zahlen und Zahlzeichen, auch Hohlmaße für Getreide oder auch für Bier. Die berauschenden Getränke spielten eine Rolle beim Opfer, waren also so beliebt, dass man davon ausging, dass auch die Götter sie liebten.

Die sumerischen Schriftzeichen waren seit der Mitte des vierten Jahrtausends entwickelt worden, um Handelsbeziehungen zu dokumentieren. Sie bildeten ein eingeschränktes Schriftsystem. Mythen oder Gedichte konnte man damit nicht fixieren. Schrifttafeln, die allgemein gesprochene Sätze festhielten, sind erst aus der Zeit 1.000 Jahre später überliefert. Thoth Gott der Schreiber

Symbolische Zeichen hatten ursprünglich die Funktion gehabt, bei kultischen Handlungen die magischen und göttlichen Kräfte bildhaft darzustellen. Sie wiesen auf etwas Bedeutsames hin, waren heilig und verkörperten übermenschliche Kräfte.

Dies klingt zum Beispiel in der ägyptischen Mythologie nach, in der Thoth als Gott der Schreiber mit Pinseln, Palette und Vogelgesicht verehrt wurde. Diese Bildzeichen mussten vor allem die Priester lesen. Sie waren zum Teil an Stellen angebracht, an denen sie nur wenigen Menschen oder – in Gräbern – überhaupt nicht für potentielle Leser zugänglich waren.

 

 

 

 

Thoth - Gott der Schreiber

 

 

 


Wenn die symbolischen Zeichen zwischen dem 10. und dem 5. Jahrtausend zunehmend als Informationsträger zur Signierung von Eigentum oder als Gedächtnisstütze für Schulden und Leihgaben verwendet wurden, ist das ein großer Schritt der Profanisierung der symbolischen Zeichen. Diese Zeichen traten an die Stelle direkter Kommunikation, um die Sozialbeziehungen von größeren Menschengruppen zuverlässig zu regeln. Schriftliche Fixierungen garantieren Ansprüche auch in Abwesenheit der Vertragspartner und sie unterliegen keiner räumlichen Begrenzung. Mit Schriftzeichen wurden Absprachen, Verbindlichkeiten, Schulden, Befehle, Urteilen und Erbschaften fixiert. Die Stadtstaaten und insbesondere die vorderasiatischen Großreiche, wie zum Beispiel dem der Hethiter, sind ohne Schrift undenkbar.

Neue Sozialbeziehungen beim Übergang zu Stadtstaaten …

Catal-Hüyük, am Ufer eines Flusses im Süden der heutigen Türkei gelegen, war um 8.500 v.u.Z. offenbar eine dicht besiedelte Stadt. Archäologische Schmuck-Funde weisen darauf hin, dass es sogar eine handwerkliche Produktion für die Präsentation des Schönheits-Gefühls und damit des Selbstgefühls gab: Mit Vorliebe wurde Obsidian bearbeitet, ein glasartiges, dunkelolivgrünes vulkanisches Gestein, aus dem man neben Schmuck auch spiegelnde Flächen, Messer und wertvolle Kultgegenstände herstellte.

Viele Figürchen wurden gefunden bei den Ausgrabungen in Catal-Hüyük, vermutlich kleine göttliche Ikonen. Götterfiguren gab es in archaischen Kulturen für alle Lebensbereiche. Insbesondere die Töpferei hatte ihre Gottheit, der Gott Chnum der Ägypter hatte einen Widderkopf und war als Schöpfer aller Dinge ein Töpfer. Das entspricht dem archaischen Analogie-Denken: Wie der Töpfer die Schalen und Vasen aus Lehm forme, so stellte man sich die Schöpfung insgesamt vor. Die mesopotamische Göttin Araru schuf den Menschen aus einem Klümpchen Ton. Und die späteren jüdischen Propheten predigten: „Herr, du bist unser Vater; wir sind der Ton, du bist der Töpfer; und wir alle sind deiner Hände Werk." (Jesaja 64)

Im vierten Jahrtausend waren vor allem in Uruk dichtere Besiedlungen entstanden, zwölf „sumerische“ Städte. Allein Uruk hatte um 2.800 v.u.Z. rund 50.000 Einwohner, die Stadt muss attraktiv gewesen sein. Sie bot Sicherheit für Sippen oder Familiengruppen – und ermöglichte auch Sicherheit außerhalb der Großfamilie. Als oberste Gottheit wurde in Urik Inanna verehrt. Das Zentrum von Uruk war der Tempel, die Zikkurat. Die Priester der Tempel waren Unternehmer, Gläubiger und Richter. Der Tempel war auch ein handwerkliches Zentrum.  Planung und Bau waren eine große kulturelle Leistung, tausende von Menschen mussten versorgt und zur Arbeit angehalten werden. Es gab Handwerker-Zünfte mit ihren Symbolen. Gehandelt wurde im Lande Sumer mit Obsidian, Kupfer, Gewürzen, Holz, Fellen und vielem anderen.

… und der lange Weg zum Alphabet

Die Vielfalt der Wahrnehmungen war ursprünglich mit einer Vielfalt von symbolischen Zeichen dargestellt worden. Die frühen Schrift-Zeichen waren schwer lesbar, es gab Einlautzeichen und Zweilautzeichen, Vokale fehlten, so hab es viele Schriftzeichen, die unterschiedlichen Laut-Worten zugeordnet werden konnten und also verschiedene Bedeutung haben konnten. Zusätzliche Zeichen sollten diese Unklarheiten verringern.

Es hat 3.000 Jahre gedauert, bis aus diesen Schrift-Formen ein fixiertes Alphabet mit zwei Dutzend Zeichen wurde. In der Alphabetschrift  steht ein Zeichen nicht mehr für Objekt, sondern für Laut, für ein Phonem.

In der Mitte des 3. Jahrtausends hatte die vor allem aus Bildsymbolen bestehende sumerische Schrift etwa 2.000 Zeichen. 500 Jahre später verfügte diese Schrift  überwiegend über Lautsymbole und bestand aus 800 Symbolen bei deutlich erhöhter Komplexität dessen, was schriftlich kommuniziert wurde. Der geringere Vorrat abstrakterer Zeichen vergrößert also die Ausdrucksfähigkeit der Schrift, weil er neue Kombinationen der Lautsymbole ermöglicht.

Tönnchenförmige Bauurkunde Nebukadnezar2

 

 

Tönnchenförmige Bauurkunde
mit Keilschrift - gebrannter Ton
aus der Zeit König Nebukadnezars II,  604–562 v.u.Z.
                   Foto: Olaf M. Teßmer

 

 

 

Entwicklung der Schrift bedeutet also: Die Zeichen sind in geringerem Maße vom Kontext abhängig, sie werden Mittel einer beliebigen menschlichen Mitteilung. Zeichen stehen nicht mehr für die bildliche, sondern für die akustische Repräsentation der Mitteilung, also für den Sprechlaut. 

Die ägyptischen Hieroglyphen und das ägyptische Rebus-System stellen in diesem Zusammenhang eine Mischform dar, die den Entwicklungsprozess deutlich macht. Rebus-System bedeutet: Ein Gegenstand wurde abgebildet und das Zeichen steht für den Anfangs-Laut des Wortes. Der Stierkopf (phönizisch Aleph) bezeichnet den Laut-Buchstaben A, das Haus (phönizisch Bet) den Laut-Buchstaben B. 

Frühe profane Gesetzestafeln

Frühe städtische Ballungsräume erforderten eine für alle verbindliche Regelung der Sozialbeziehungen. Ausdruck davon ist der älteste überlieferte Gesetzeskodex, der Codex Ur-Nammu in sumerischer Sprache, datiert auf die Zeit um 2100 v.u.Z. und vermutlich verfasst im Auftrage des Königs Ur-Nammu von Ur in Mesopotamien. Es handelt sich dabei um ein frühes „bürgerliches Gesetzbuch“, geregelt werden die Folgen von Mord, Raub, Vergewaltigung und Ehebruch und von falschen Anschuldigungen. Geregelt wird das Ehe- und Scheidungsrecht, die Miete für Ochsen und Felder, Darlehen/Zins, Erbe und die Stellung der Sklaven. Auch die Vernachlässigung des Hauses und des gepachteten Feldes wird geahndet. Lang ist der Katalog der körperlichen Züchtigungen und Verstümmelungsarten.
Spätere Gesetzestafeln wie die von Eschnunna oder der Codex Hammurabi (ca. 1.700 v.u.Z.) sind ähnlich in ihrer Art. Die Buchstaben wurden in Stein gemeißelt, für ihren Ursprung gab es göttlich-königliche Erzählungen.
Aus der Zeit um die Wende von zweiten Jahrtausend stammen auch die Erzählungen, die als „Gilgamesch-Epos“ überliefert und immer wieder in verschiedenen Versionen schriftlich fixiert wurden. Sie handeln von den Göttergestalten und der göttlichen Ordnung der menschlichen Dinge. Es sind Versuche der geistigen Beherrschung der Erdenwelt
.

Die phönizische Schrift

Ein rein phonetisches Schriftsystem – „so leicht wie das ABC“ – wurde offenbar aus der Not erfunden - in weniger fortgeschrittenen Gesellschaften an den Rändern Ägyptens und Mesopotamiens, in Gesellschaften, die erst anfingen, ein Schriftsystem zu entwickeln und die dafür die Erfindung phonetischer Zeichen von benachbarten Völkern übernahmen. Da sie sich der „fremden“ Zeichen bedienten, um ihre eigene Sprache schriftlich darzustellen, konnten sie den Zeichen willkürlicher Laute zuordnen. Die phonetische Interpretation der fremden Schriftzeichen sollte ihre Rede imitieren.

Angeregt mehr durch die ägyptischen Hieroglyphen (M-G-Link) als durch die alte sumerische Keilschrift haben so die Phönizier, erfolgreiche Seefahrer, eine eigene Schrift entwickelt: In der ersten Hälfte des 2. Jahrtausend v.u.Z. entstand die erste Alphabetschrift, die phönizische Schrift. Es wird von rechts nach links geschrieben, die Schrift umfasst 22 Konsonanten, die nach dem akrostichalen Prinzip gebildet sind: d. h. der Anlaut des Wortes für das zugrunde liegende Zeichen ist der Lautwert des Buchstabens.

Mitte des 2. Jahrtausends wurde in verschiedenen Gegenden der „Levante“, insbesondere in Ugarit mit einer Alphabetschrift experimentiert. Die einfache form des phönizischen Alphabet erleichterte es den Händlern aus verschiedenen Gegenden des Mittelmeerraumes, die Schriftzeichen leicht zu lernen. Es wurde mit Tinte auf Tonscherben oder Papyrus geschrieben.

Phönizische Schriftzeichen
Die Zeichen links - „beth”, (Haus) - stehen für das b, das an das heutige „m“ erinnernde mittleren Zeichen
sind Varianten des „mem“, rechts die mit dem Gleichheitszeichen beginnende Folge bedeutet „40”
- die Phönizische Schrift kannte auch komplizierte Zahl-Symbole.

Man muss diese Schrift mit anderen vergleichen, etwa der chinesischen, die zwischen 1500 und 1200 v.u.Z. entwickelt wurde und 70.000 Zeichen umfasste – immerhin wurden 3.000 zur gängigen Kommunikation benötigt -, um zu sehen, wie sensationell die Erfindung der Phönizier war. Diese Schrift hatte sich vollkommen gelöst von den Schrift-Bildern als Brücke zur Entzifferung der grafischen Symbole. 

Lesend wiedererkannt wird in der phonetischen Schrift eben nicht, was konzeptionell gemeint war, als ein Schreiber Zeichen auf dauerhaftes Material auftrug, nicht, was visuell vor des Lesers geistigem Auge stehen sollte, sondern was akustisch erklingen würde, wenn ein Sprecher das Schriftbild in Wort-Laute vertont.

Auf den Handelsrouten der Phönizier wanderte ihr Alphabet mit. Die Griechen nannten ihr Alphabet die „phönizischen Zeichen". Um für ihre Sprache die phonetische Eindeutigkeit zwischen Lautklang und Schriftzeichen herzustellen, fügten sich mit den phönizischen Zeichen, die sie für ihre Laute nicht brauchten, Vokalzeichen ein: Sie mussten die Vokalzeichen erfinden, weil sich in ihrer Sprache die Vokalisation nicht aus den Konsonanten-Lauten ergab.

Sowohl die altgriechischen als auch die hebräischen und arabischen Schriften haben sich aus dem Phönizischen entwickelt.

   Dipylon-Kanne241
Inschrift auf einer Dipylon-Kanne: „netlahreseidllosredtznatntsgitumnamanreznätnedllanovnunrew“
„Wer nun von all den Tänzern am anmutigsten tanzt, der soll dies erhalten“

Diese Inschrift auf der Dipylon-Kanne aus Athen gilt als eine der ältesten griechischen Schriftzeugnisse und stammt aus der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts v.u.Z. Die altgriechische Schrift verläuft wie die phönizische von rechts nach links. Die  phönizische Lautschrift war aber rein visuell nicht erfassbar, weil die Botschaft nicht optisch in Worte gegliedert ist. Wie Sprache vor ihrer Verschriftlichung ist der Schriftsatz für sich nicht in Abschnitte gegliedert,  Wortabstände fehlen. Es bleibt eine Schrift, die laut zu Gehör gebracht werden muss, um geistig verarbeitet zu werden.

Die meisten Forscher stimmen in der Ansicht überein, dass die Griechen um die Mitte oder gegen Ende des achten Jahrhunderts das rein konsonantische System der Phönizier übernahmen, möglicherweise im Handelshafen von al Mina. Bei vielen der erhalten gebliebenen frühen Schriftstücken handelt es sich um „erklärende Inschriften auf Gegenständen -Widmungen auf Opfern, Eigennamen auf Besitztümern, Inschriften auf Grabmälern, Namen von Figuren auf Zeichnungen“ (Jeffery).

Alphabet-Schrift

Das phönizisch-griechische Alphabet-Prinzip mit seinen zwei dutzend Zeichen hat seit 3.000 Jahren keine Veränderung mehr erfahren. Aufgrund Kombinierbarkeit der Zeichen ermöglicht dieses Alphabet eine große Ausdrucksfähigkeit der Schrift mit ganz einfachen Mitteln.

Die Schriftzeichen symbolisieren „nicht die Gegenstände der sozialen und natürlichen Ordnung, sondern den Prozess der menschlichen Interaktion beim Sprechen: das Verb lässt sich ebenso leicht ausdrücken wie das Substantiv, und der schriftliche Wortschatz lässt sich leicht und ohne Mehrdeutigkeiten erweitern. Phonetische Systeme können daher jede Nuance individuellen Denkens ausdrücken; sie können persönliche Reaktionen ebenso aufzeichnen wie Dinge von größerer gesellschaftlicher Bedeutung. Eine nicht-phonetische Schrift hat dagegen eher die Tendenz, nur diejenigen Elemente des kulturellen Repertoires aufzuzeichnen und zu vergegenständlichen, die von der literalen Elite zur Symbolisierung im Medium der Schrift ausgewählt werden, und drückt daher eher die kollektive Einstellung zu diesen Elementen aus.“ (Goody/Watt)

Diese Schrift wird zum Ausgangspunkt neuer, abstrakter Denkstrukturen. Schließlich werden in Schrift vergegenständlichte Gedanken selbst Gegenstand des Nachdenkens von Menschen. „Man erkennt sofort, dass erst dieses Prinzip der Lautzeichenbildung die unmittelbare Fixierung abstrakter Begriffe in der Schrift ermöglicht.“  (Ferdinant Klix)

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    Alphabetschrift   M-G-Link

    Denken mit Zahlen  M-G-Link
    Notizen zur Geschichte der Zahlen  M-G-Link

    Wie das Ich-Bewusstsein entstagd  M-G-Link
    Das mythisch tickende, phantastische Gehirn
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