Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
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Luther Kopie

Der Papst prasst und frisst, der brave Martin Luther sitzt bescheiden unten rechts im Eck - Satirisches Flugblatt von 1545

Warum Luther?
Zur Erfolgsgeschichte der Reformation

2018 / Kapitel 8 aus meinem Buch “Glaubensgefühle”

Historisch gesehen war es ein Vorgang ohne Vergleich: Im 16. Jahrhundert haben in Mitteleuropa Millionen von Menschen mit ihrer religiöse Zugehörigkeit gebrochenen und sich einer neuen Glaubensrichtung angeschlossen. Dabei war die „Gottes-Erzählung“ dieselbe, was sich änderte, war der Kult der Erinnerung, vor allem bei Taufe und Abendmahl. Der neue protestantische Glaube fühlte sich vor allem ganz anders an. Die religiöse Überzeugung des Einzelnen sollte eine größere Rolle spielen, und in den unzähligen „Disputationen“ über die Taufe und das Abendmahl sollte sich im Prinzip jeder eine eigene Meinung bilden. Es kam an auf Argumente, die meist in einer allgemeinverständlichen Sprache vorgeführt wurden, nicht mehr im exklusiven Gelehrten-Latein.

Dem Erfolg der Reformation lag keine Schwertmission zugrunde, es war zunächst auch keine machtpolitische Bekehrung von oben, bei der das Volk dem Vorbild seines Stammesführers oder Fürsten gefolgt wäre. Der kleine Mönch aus Wittenberg hat einen Sturm religiöser Erneuerungs-Bewegungen entfacht. Man muss davon ausgehen, dass die komplizierten (lateinischen) Thesen von Wittenberg zunächst nur theologisch gebildete Menschen verstanden – die diese dann in den Mundarten des Volkes und als einfache Botschaften weitergaben. Charismatische Prediger trugen sie in das Land und die neuen Druckmedien trugen die radikale Kritik an der Obrigkeit – der kirchlichen und der damit verbundenen profanen - in den gesamten deutschen Sprachraum – vor allem das war neu im Vergleich etwa zu der Reformation von Jan Hus. „Vor der Buchdruckerkunst wäre die Reformation nur eine Spaltung gewesen, die Erfindung des Buchdruckes macht sie zur Revolution“, sollte Viktor Hugo 1831 diesen Zusammenhang auf den Punkt bringen.

Es war der Erfolg eines populistischen Fanatismus, auch bei den Reformatoren Ulrich Zwingli und Johannes Calvin in Zürich. Große Humanisten wie Erasmus von Rotterdam waren entsetzt. Verschiedene ganz profane Interessen, insbesondere die von Handwerkern und Bauern gegen die Obrigkeit, ließen sich mit der Botschaft des „sola scriptura“ legitimieren. Die reformatorische Verkündigung hatte als populistische Bewegung Erfolg, sie profilierte sich im „gegen“ - gegen Obrigkeiten, in der sich politische und religiöse Macht verquickten.

Luther als Kind seiner Zeit

Der kleine Mönch Martin Luther war ein religiöser Fundamentalist. In seinem Fanatismus, seinem Antisemitismus, seiner Frauenfeindlichkeit, seiner Ignoranz gegenüber den aufstrebenden Wissenschaften und seinem Hexenwahn war er ein Kind seiner Zeit und alles andere als ein Vordenker der Aufklärung.

Luther dachte in der Tradition des christlichen Antisemitismus. In seinem Traktat „Von den Juden und ihren Lügen", auf das die deutschen Nationalsozialisten sich 500 Jahre später noch berufen sollten, nannte Luther die Juden „giftige, gehässige Würmer" und forderte, die Synagogen niederzubrennen und ihr Eigentum zu konfiszieren. Juden sollten versklavt oder ausgewiesen werden. Sein Antisemitismus steigerte sich bis in deutliches Vernichtungs-Vokabular: „Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist’s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen.“

Luther hat den Hexenwahn gerechtfertigt: „Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder …“ Die Hexenverfolgungen waren in den protestantischen Gebieten oft schärfer als in katholischen Gegenden.
Auch Luthers Frauenbild war von seiner Zeit geprägt: „Wer mag alle leichtfertigen und abergläubischen Dinge erzählen, welche die Weiber treiben. Es ist ihnen von der Mutter Eva angeboren, dass sie sich äffen und trügen lassen.“

Luther begründet keinen auf das Individuum bezogenen, sondern einen autoritätshörigen Protestantismus: „Der Esel will Schläge haben, und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein. Das wusste Gott.“ Luther wollte keinen religiösen Pluralismus, hielt überhaupt nichts von Toleranz Andersdenkenden gegenüber und nichts von einer „Säkularisierung“ der Bildung. Konsequent war er vor allem in der Überzeugung, dass die Macht der „römischen“ Kirche gebrochen werden müsse.

Die Vernunft bezeichnete Luther als „des Teufels Hure“. Die Astronomie des Kopernikus lehnt er ab, weil sie der Bibel widersprach. Luther interessierte sich nicht für das wiederentdeckte Wissen der Antike und er nahm die Entdeckungen der Naturforscher in ihrer Bedeutung nicht wahr. Von einem Blitz, der und in seiner Nähe einschlug, wurde er in Panik versetzt und reagierte mit dem Gelöbnis, Mönch werden zu wollen. Luther glaubte an den Teufel.

Er hat seine auf lateinisch verfassten 95 Thesen über den Ablass nicht, wie es die Legende will, am 31.10.1517, dem Vortag des Allerheiligenfestes, öffentlich an die Tür der Wittenberger Schlosskirche genagelt, sondern zusammen mit einem persönlichen Brief an den Erzbischof Albrecht von Mainz geschickt und an Hieronymus Schulze, den Bischof von Brandenburg, zu dessen Diözese Wittenberg gehörte. Er wollte die Obrigkeit überzeugen, er verabscheute jegliche politische Unruhe. Erst als Bischöfe nicht angemessen reagierten, hat er die Thesen an Gelehrte in der Gegend von Wittenberg verteilt und zu einer Disputation eingeladen.

Als Augustiner-Mönch war Luther der Theologie des Kirchenvaters verhaftet – von dessen Abendmahls-Lehre bis zur Theologie der Erbsünde. Der Mensch sei „nur frei zum Bösen“, erklärte Luther – und begründete damit die schlechthinnige Abhängigkeit von der Gnade seines allmächtigen Gottes.

Die Anfänge der Wittenberger Reformation

Im April 1501 begann der 1483 in Eisleben geborene Martin Luther mit dem Studium an der Universität Erfurt, er begann nach seinem magister artium ein Studium der Jurisprudenz. Auf dem Rückweg von einem Besuch seiner Eltern in Mansfeld geriet Luther 1505 in ein schweres Gewitter. Ein Blitz schlug in nächster Nähe ein, in seiner Todesangst rief er die heilige Anna um Hilfe und versprach ihr: „Ich will ein Mönch werden.“ Getrieben von innerer Heilsangst trat am in das Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt ein. Luther identifizierte sich mit Augustinus und war getrieben von seiner religiösen Identitätskrise. Der Psychoanalytiker E. Erikson hat sich mit der Frage beschäftigt, ob „der junge Mann Luther“ von pathologischen Depressionen getrieben war und dies verneint.

1519 bezeichnete Luther erstmals öffentlich den Papst als Antichristen, und als man im Herbst 1520 seine Schriften öffentlich verbrannte, schritt Luther am vor den Stadttoren Wittenbergs selbst zu einer Bücherverbrennung. Einige offizielle Dokumente wurden verbrannt, insbesondere die Exsurge Domine, die Bannandrohungs-Bulle gegen ihn. Diese Tat begründete Luther mit der Schrift: „Warum des Papstes und seiner Jünger Bücher verbrannt sind“.

Wittenberg hatte damals rund 2.000 Einwohner und war eine eher unbedeutende kleine Stadt, aber in Sachsen war die Reformation von vornherein die Sache des Kurfürsten. In der im Juni 1520 verfassten Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ hatte Luther die Machtansprüche des Papstes und des Kaisers infrage gestellt und den deutsche Adel aufgefordert, sich der Reformation anzuschließen und damit gleichzeitig vom „römischen“ Kaiser loszusagen: Er hatte die klerikale Amtshierarchie, das Pfründensystem, das Mönchtum, der Zölibat, die Heiligenverehrung, die Mess-Stiftungen, das Wallfahrtswesen und andere Pfeiler der römischen Kirche angegriffen. Solche Schriften fanden reges Interesse und dank der Buchdruckerkunst rasche Verbreitung. Auf dem Wormser Reichstag wurde Luther zum Widerruf aufgefordert – und konterte mit der Forderung, ihn doch aus der Bibel zu widerlegen. Auf der Rückreise nach Wittenberg wurde Luther zu seinem Schutz gefangen genommen und als „Ritter Jörg“ für fast ein Jahr vom Kurfürsten auf der Wartburg versteckt – während das „Wormser Edikt“ Luther und alle, die ihn aufnahmen, für vogelfrei erklärte. Der Reichstag in Worms im April 1521 hatte keineswegs die vom Papst erwartete einhellige Verurteilung gezeigt. Die Ansichten Luthers waren schon so verbreitet, dass der römische Legat Aleander, der diese Bulle in Deutschland veröffentlicht hatte, nach Rom berichten musste: „Ganz Deutschland ist in hellem Aufruhr.“

Devotio moderna – neue Formen der Frömmigkeit
vor der Reformation

Die Diskussion um Reform der Kirche war schon im 15. Jahrhundert immer wieder aufgeflammt. Auf dem Konzils von Konstanz (1414-1418) wurden die Kritiker um John Wyclifs (1320-1384) verdammt und Johannes Hus (1369-1415) als Ketzer verbrannt.

Die mittelalterliche Kirche hatte seit dem 13. Jahrhundert ein Ablasswesen entwickelt und ein großes Vermögen angehäuft. Gegen die äußerlichen Formen, in denen kirchliche Würdenträger und christliche Herrscher ihren Prunk den Menschen vor Augen führten, richteten sich Strömungen, die die religiösen Wahrheiten als eine Sache innerer Überzeugung verstanden. Diese auf religiöse Verinnerlichung zielende Frömmigkeit wurde als „devotio moderna“ bezeichnet. 1381 hatte Geert Groote (gest. 1384) im niederländischen Deventer die Reinigung des Willens von allen verkehrten Affekten gepredigt. Die devotio moderna wirkte auch in städtische Laienkreise hinein. Thomas von Kempen (gest. 1471) hat vier Bücher über die Frömmigkeit der devotio moderna beschrieben. Unbeeindruckt von der Kritik hatte eine Päpstliche Bulle im Jahr 1476 verkündet, dass der Gläubige durch finanzielle Leistungen sogar seine Buße im Fegefeuer verkürzen könne.

Johannes von Wesel, Domprediger und Kanonikus in Worms, lehnte den Ablass ab mit der Begründung, die Leiden des Fegefeuers müssten erduldet werden. Er musste sich 1479 auf einem Inquisitionstribunal vor Professoren der Universitäten Heidelberg, Köln und Mainz verantworten und wurde zu Klosterhaft verurteilt.

Auch Wessel Gansfort (1419-1489) hatte sich kritisch zur Autorität von Papst und Konzil, zum Ablass und zur Schlüsselgewalt der Kirche geäußert - verbindlich für ihn war allein die Autorität der Heiligen Schrift. 1522 gab Luther eine Sammlung von Schriften Wessel Gansforts heraus.

Beeinflusst von der Devotio modema war auch Erasmus von Rotterdam. Diese Tendenzen einer Verinnerlichung des Glaubens standen in deutlichem Kontrast zum lockeren Umgang des Klerus mit dem Zölibat und mit der offenkundigen Geldgier mancher Würdenträger. Klerus und Patrizier waren oft im wahrsten Sinne „verschwägert“, kirchliche Klöster waren Versorgungsstätten für adeliger Söhne und Töchter, die vom Erbe ausgeschlossen werden sollten.

Die Forderungen der Reformatoren versprachen so eine deutliche finanzielle Entlastung, wenn Ablassgelder, Stiftungen und andere Finanzpraktiken der Kirche entfielen. Die Themen der Reformation waren so vor dem Jahre 1500 schon in der Welt, aber es gab kein Anzeichen von Reformation. Um das Jahr 1500 erschien die Macht der katholischen Kirche in Westeuropa noch ungebrochen und unumstößlich.

Warum aber Reformation?

Luther war ein Fanatiker des religiösen Gefühls – nur deswegen konnten seine Gedanken vom Volk aufgegriffen werden. Er hat die elitäre lateinische Herrschaftskommunikation in Verlegenheit gebracht durch eine schlichte Frömmigkeit, verbreitet in seinem genialen Lutherdeutsch. In der Gegenreformation musste die alte erstarrte Kirche ihm Recht geben. Jedermann wollte schließlich lesen lernen, um mitreden zu können - erst über den Glaubensstreit, später über die politische Ordnung.

Luthers Lehre hat wie ein Brandbeschleuniger in einer Fülle unterschiedlicher sozialer, religiöser und machtpolitischer Konflikte gewirkt und die Erneuerung in den kulturell rückständigen deutschsprachigen Raum geholt. Was dies im Einzelnen alles bedeutete konnte, soll hier in einer Reihe von historischen Skizzen angedeutet werden, die große Linie der Ereignisse wird erst in der Rückschau auf die bewegte Vielfalt dieses Jahrhunderts deutlich.

Soziale und politische Bedingungen der Reformation

Luthers Reformation war in erster Linie eine religiöse Revolution mit machtpolitischen Zielsetzungen. Die Macht der Priester, die in der Abendmahlsfeier durch ihr Wort aus dem Brot das Fleisch Christi werden lassen konnten, wurde gebrochen. Mit dem Ablasshandel und der Praxis der „Seelenmessen“ wurde der Kirche der Geldhahn zugedreht, schließlich wurden viele kirchliche Güter enteignet. Die Abschaffung des Zölibats machte die neue Lehre für die Priester und Mönche attraktiv. Die Verehrung von Heiligen und Reliquien wurde in den protestantischen Gebieten abgeschafft. Das Fasten und der Verzicht auf Fleisch wurden zur Sache privater Überzeugungen, waren nicht mehr heilsnotwendig, und das „Fegefeuer“ als kirchliche Drohkulisse wurde ersatzlos gestrichen.

Aufgrund der Verquickung von Kirche und Herrschaftshäusern betraf die Reformation direkt die Mächtekonstellation zwischen Fürsten und Kaiser. Die Reichsstädte unterstanden dabei formal unmittelbar dem Kaiser, aber dieser war weit weg war, dadurch hatten die verschiedenen politischen Kräfte in den Reichsstädten erheblichen Spielraum.

So hatte der 1519 gekrönte deutsche Kaiser Karl V. zwar mit dem Wormser Edikt 1521 die Reichsacht gegen Martin Luther verhängt, aber er war zur Sicherung der Habsburgischen Vorherrschaft in Europa bis 1530 außer Landes. Deutschland war ein kurfürstliches Reich, in dem auch die Reichsstädte als Handels-, Wirtschafts- und Kulturzentren zunehmende Bedeutung bekamen. Deutschland blieb ein Flickenteppich konkurrierender regionaler Mächte, während es in Frankreich, Spanien und England im späten Mittelalter zu einer staatlichen Zentralisierung kam. Für seine kriegerischen Unternehmungen, insbesondere für den Krieg gegen die Türken - 1526 standen die Truppen von Sultan Suleiman II. vor Wien - war der Kaiser auf die Unterstützung der Fürsten und der Reichsstädte angewiesen. Der Kaiser regierte mit Kompromissen – er brauchte die Fürsten. Das war eine wichtige Voraussetzung für die Ausbreitung der Reformation in Deutschland. Auf den Reichstagen in Speyer 1526, in Nürnberg 1532, in Frankfurt 1539 – wurde die Einheit der katholischen Herrschaft immer wieder beschworen, aber nicht durchgesetzt.

Erst nachdem der Frieden von Crépy 1544 die Auseinandersetzungen zwischen den Habsburgern und Frankreich beendet, konnte der Kaiser zum militärischen Schlag gegen die Reformation ansetzen, die sich inzwischen allerdings schon sehr verbreitete hatte. 1530 hatten die lutherischen Fürsten auf dem Reichstag in Augsburg ihr gemeinsames Bekenntnis, die „Augsburger Konfession" verkündet, 1531 schlossen sie sich zum Schmalkaldischen Bund zusammen. 1542 sprang dieser Bund tatsächlich seinen Mitgliedsstädten Braunschweig und Goslar gegen den erzkatholischen Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel militärisch bei – mit Erfolg.

Die kaiserlichen Truppen siegten aber 1547 in der Schlacht bei Mühlberg an der Elbe gegen den Schmalkaldischen Bund und kurz darauf stand Kaiser Karl V. in der Wittenberger Schlosskirche als strahlender Sieger am Grab Martin Luthers, der 1546 gestorben war. 1548 gab es aber wieder einen Kompromiss, mit dem „Augsburger Interim" verfügte der Kaiser die Rückkehr der Protestanten zur katholischen Kirche, gestand ihnen aber Priesterehe und den Laienkelch zu, zwei protestantische Forderungen mit hohen Symbolwert. Denn wer das Abendmahl „in beiderlei Gestalt" mit Brot und Wein feierte, der bekannte sich damit zur evangelischen Lehre.

1552 kam es dann unter Führung Moritz' von Sachsen zum erfolgreichen Fürstenaufstand gegen den übermächtig werdenden Kaiser. Im „Passauer Vertrag“ wurde den Protestanten Glaubensfreiheit zugestanden wurde. Endgültig wurde diese dann 1555 im Augsburger Religionsfrieden besiegelt, Kaiser Karl V. dankte – 55jährig - ab mit den Worten: „Große Hoffnung hatte ich – nur wenige haben sich erfüllt, und nur wenige bleiben mir: und um den Preis welcher Mühen! Das hat mich schließlich müde und krank gemacht.“

Luther hätte die Herausforderung von Papst und Kaiser nicht überlebt, wenn er nicht die Unterstützung des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen gehabt hätte und wenn die Infragestellung des katholisch legitimierten Kaisertums nicht im machtpolitischen Interesse verschiedener Fürsten und der freien Reichsstädte gelegen hätte. Luthers Erfolg im „Augsburger Frieden“ von 1555 war einer nach dem Grundsatz „cuius regio, eius religio“, die neue Religionsordnung im Heiligen Römischen Reich wurde schließlich obrigkeitsstaatlich festgelegt und durchgesetzt. Untertanen, die nicht der Konfession des Landesherrn folgen wollten, konnten in Begleitung ihrer Familie und unter Mitnahme ihres Eigentums auswandern. Der Augsburger Religionsfriede sicherte immerhin bis zum Ausbruch des 30jährigen Krieges 1618 ein Nebeneinander von Katholiken und lutherischen Protestanten in Deutschland.

Die Reformation in Emden, zum Beispiel

In der ostfriesischen Kleinstadt Emden mit seinen 2.500 Einwohnern fiel im Jahre 1520 eine Versammlung vor dem Stadttor auf - da predige ein wortgewaltiger Priester der Großen Kirche, Jürgen van der Dare, der sich Georgius Aportanus nannte. Mit den elf anderen Priestern seiner Kirche war er in Streit geraten, weil er so predigte, wie man es von diesem „Ketzer" in Wittenberg hörte, und daher ausgezogen. Aportanus, der aus Wildeshausen stammte, war von dem ostfriesischen Landesherren Graf Edzard I. (1462 - 1528) persönlich als Priester nach Emden geholt worden und er war auch Erzieher der Prinzen des Grafen. Sein Vater hatte ihn zur Ausbildung auf eine Schule geschickt, die von den „Brüdern vom gemeinsamen Leben" im Geiste der „devotio moderna“ betrieben wurde. Edzard legte sich in dem Glaubensstreit nicht fest, holte aber Aportanus unter dem Schutz seiner Bewaffneten an die Kirche zurück und zwang seine Priester zur Toleranz.

So kam es im Herrschaftsbereich von Edzard im Jahre 1526 zu einem großen Prediger-Duell in Oldersum. Der mitreißende protestantische Predigern Ulrich von Dornum hatte die Vertreter der Altgläubigen der Region dazu herausgefordert, man begann die Disputation um neun Uhr in der alten Oldersumer Kirche – auf niederdeutsch. Der theologische Streit dauerte bis in den Nachmittag, es gab keine „Jury“. Aber Ulrich von Dornum, Abkömmling einer alten Häuptlingsfamilie, verfasste im Anschluss eine Darstellung der Disputation auf Niederdeutsch, die er in ganz Ostfriesland verteilen ließ.

Die Reformation in Bremen, zum Beispiel

Das geistliche Oberhaupt in Bremen in den frühen Jahren der Reformation war Erzbischof Christoph von Braunschweig-Wolfenbüttel. Er war Oberhirte einer Erzdiözese und zugleich als Fürstbischof Landesherr des Erzstifts Bremen, also des Territoriums zwischen Weser, Nordsee und Elbe. In Personalunion war er auch Bischof von Verden und damit Landesherr des Hochstifts Verden. Er war ein typischer Vertreter der geistlich-weltlichen Macht, sein Leben war von Pracht und Genuss geprägt und er demonstrierte das als Zeichen seiner Herrlichkeit. Man erzählte sich, dass der Erzbischof zu mehreren Frauen intime Beziehungen hatte und feste Konkubinen in Verden, Rotenburg und Bremervörde, er war offenbar Vater von deren Kindern. Die reformatorischen Ideen boten Rechtfertigungen, solche Persönlichkeiten als unglaubwürdig darzustellen. Die Stadtbürger Bremens zeigten ihm gegenüber so ein hohes Maß an Selbstbewusstsein, dass er über Jahre nicht in die Stadt kam, um Demütigungen zu vermeiden.

Als der niederländische Reformator Heinrich von Zütphen im Jahre 1522 auf einer Reise Station in Bremen machte und in der Kirche Sankt Ansgarii predigte, beein-druckte er eine große Schar von Zuhörern, die ihn baten, in Bremen zu bleiben. Die Herren des Domkapitels und die Priester der St. Ansgarii-Kirche mussten das als Bedrohung ihrer Position empfinden, zumal die frommen Stiftungen durch die Opfer finanziert wurden, mit denen die Altgläubigen ihr Seelenheil erkaufen mussten. Zütphen hatte gefordert, dass alle Bremer Geistlichen dem Rat der Stadt und nicht dem Erzbischof oder dem Domkapitel untertan sein sollten. Als die Kirchenoberen vom Rat der Stadt Bremen die Vertreibung des „Ketzers" Heinrich von Zütphen forderten, lehnte der Rat das ab. Der Erzbischof griff zwar auf der Seite seiner Altgläubigen in den Streit ein, verzichtete aber darauf, seine Macht mit Gewalt durchzusetzen – er hatte andere Probleme in seinem Herrschaftsbereich. Wie mächtig sich die Bremer Bürger fühlten, zeigte sich daran, dass sie nicht nur die Verteidigung der Stadt vorbereiteten, sondern auch das Paulskloster vor dem Ostertor abrissen. Zütphen wurde schließlich im November 1524 bei einem Gastaufenthalt im Dithmarschen von aufgebrachten altgläubigen Bauern als „Ketzer“ auf dem Scheiterhaufen grausam hingerichtet und verbrannt.

In ähnlicher Weise endete der Reformator Johann Bornemacher, ein ehemaliger Zisterziensermönch, der 1525 als Prediger an St. Remberti in Bremen angestellt worden war. Bei einem Besuch im katholischen Verden im Dezember 1525 wetterte der Luther-Anhänger gegen den Marienkult, das goldene Marienbild im Verdener Dom bezeichnete er als „Teufelskopf“. Die Priester, die das Fest der unbefleckten Empfängnis Marias im Dom vor einem Marienbild aus reinem Gold feierten, nannte er „Baalspfaffen“. Den Papst beschimpfte er als „Antichrist“. Als er sich entfernen wollte, wurde er gefangen genommen, gefoltert und am 3. Januar 1526 ins Feuer geworfen. Der Bremer Religionsstreit endete erst mit dem „Augsburger Religionsfrieden“ im Jahre 1555.

Dieser „Religionsfrieden“ schoss aber die Anhänger Zwinglis nicht ein, die in Bremen zahlreich waren. Eine Veröffentlichung des lutherischen Pastors Johann Timann (St. Martini) heizte den Streit an. Tiemann verlangte die Anerkennung der lutherischen Abendmahls-Lehre durch Unterschrift. Unter anderem der protestantische Prediger Albert Rizäus Hardenberg weigerte sich. Die lutherischen Prediger verlangten vom Stadtrat, ihn aus der Stadt zu weisen. Aber Hardenberg hatte mit seinen Predigten und seiner sympathischen Art eine große Anhängerschaft. Bei den Ratsherren war die Mehrheit gegen ihn, aber der hoch geachtete Bürgermeister Daniel von Büren (der Jüngere) stand hinter ihm. Nach einem jahrelangen Konflikt musste sich der Rat schließlich dem Druck der aufgebrachten Bürger Bremens beugen.

Als sich die lutherischen Obrigkeiten 1577 auf in der „Konkordienformel“ auf die Gegenwart von Leib und Blut Christi im Abendmahl festlegten, machte Bremen nicht mit. Aus den Kirchen wurden 1582 die Bildnisse entfernt, orthodoxe lutherische Prediger mussten die Stadt verlassen. Als der entschiedene Calvinist Christoph Pezelius 1584 das Amt des Superintendenten übernahm, das in der Kirchenordnung zur Durchsetzung der lutherischen Lehre einmal erfunden worden war, war Bremen eine reformierte Stadt inmitten eines lutherischen Umlandes.

Die Reformation in Hamburg, zum Beispiel

Für die die Verquickung von theologischen und sozialen Konflikten der Reformationszeit ist der Hamburger Schulstreit ein Beispiel. Die Nikolaischule war die einzige höhere Schule neben der Domschule. Die Eltern klagten sich über schlechten Unterricht und Schulgelderhöhungen. 1522 gab es die Idee, die Ausbildung der Kinder aus der Abhängigkeit von der kirchlichen Schulbehörde zu befreien. Dort verantwortlich war der Scholastikus, ein Domherr. Er legte auch die Höhe des Schulgeldes fest, das neben seinen Domherrenpfründen eine wichtige Einnahmequelle für ihn war.

Heinrich Banskow bekleidete das Amt des Scholastikus schon 23 Jahre, als es zum offenen Streit kam. Er war neben seinem Hamburger Amt auch Propst und Domherr des Bistums Schwerin und regierte als Administrator das Schweriner Hochstift, er war päpstlicher Ablasskommissar für die Bremer Erzdiözese. Aus all diesen Ämtern bezog er hohe Einkünfte. Sein Testament behandelt Kapitalanlagen, Immobilien und zahlreiche „Kleinodien“. Genüsslich wurde auch erzählt, dass seine Dienstmagd zwei Kinder von ihm hatte.

Die Eltern wollten eine von dem Scholastikus unabhängige Schule gründen. Der Stadtrat von Hamburg verhielt sich abwartend, da forderten die drei Hamburger Gemeinden nicht nur das Recht, selbst Schulen zu gründen, sondern auch - nach reformatorischer Weise - ihre Pfarrer selbst auswählen zu können. Die Nikolai-Gemeinde schuf Tatsachen und berief einen Schulmeister sowie einen Schreibmeister und überreichte ihnen als Zeichen ihrer Würde Taktstock und Rute. Es gab Vermittlungsversuche vom formal zuständigen Bremer Erzbischof und es gab Drohbriefe aus Rom. Schließlich gab 1524 das Domkapitel nach. Der Konflikt zeigte das erstarkte bürgerliche Selbstbewusstsein und den Verfall der Autorität der altgläubigen Domherren. Zum Beispiel predigte der Franziskanermönch Stefan Kempe „auf lutherische Weise“ und er war so beliebt, dass 60 Bürger vor dem Franziskanerkloster protestierten, als er nach Rostock zurückbeordert wurde. Sie drohten damit, den Bettelmönchen nichts mehr zu geben, wenn der Orden nicht nachgab. Kempe durfte bleiben und machte die Maria-Magdalenen-Kirche zu einem ersten Zentrum lutherischer Predigt in Hamburg. Reformatorische Ideen waren insbesondere durch Flüchtlinge aus den Niederlanden, durch Kaufleute und durch Druckschriften nach Hamburg gekommen.

Die Revolte der Bauern - Karlstadt und Müntzer

In dem „Bauernkrieg“ der Jahre 1524-1526 ging es sicherlich um die wirtschaftliche Lage der Bauern, es nahmen aber auch wohlhabende Bauern teil, es ging auch um die „alten Rechte“ und die Integration der Bauern in die Gesellschaft. Die Ideen und Forderungen der Bauernbewegung waren von städtischen Intellektuellen formuliert worden, die Bauernerhebungen fanden vor allem in der Nähe von Städten statt.

Schon die „Bundschuh“-Bewegung in Südwestdeutschland, die 1483 im Gebiet von Schlettstadt angefangen hatte und nach der Jahrhundertwende im Bistum Speyer, im Breisgau und 1517 am Oberrhein aufflackerte, hatte sich die Abschaffung der Leibeigenschaft mit Zinsen und Zehnten und die Freigabe der Allmenderechte wie Jagd und Fischfang auf die Fahnen geschrieben. Diese Bauern kritisierten Pfaffen- und Klösterherrschaft und wollten nur die fernen Autoritäten, Papst und Kaiser, anerkennen. Die Bundschuh-Bewegung hatte den Slogan „nichts denn die Gerechtigkeit“ aus der Reformatio Sigismundi, eine Reformschrift des Baseler Konzils von 1439 entnommen, die am Ende des Jahrhunderts gedruckt worden war und große Verbreitung fand. Ähnliche Motive hatte die Aufstandsbewegung des „armen Konrad“ 1514 in Württemberg.

Das Neue der Bauernkriegsbewegung des Jahres 1524 waren also nicht die Forderungen, sondern die Begründung. Die Bauern griffen Gedanken der Reformation auf. Die Abschaffung der Leibeigenschaft begründeten sie damit, dass „uns Christus alle mit seinem kostbaren Blut erlöst und erkauft hat“. Sie forderten die freie Pfarrwahl und reformatorische Predigt. Natürlich ging es im Kern um Leibeigenschaft, Abgaben und Dienste. Die „12 Artikel der Bauernschaft in Schwaben“, formuliert im Memmingen von dem Kürschner (Pelzrock-Schneider) Sebastian Lotzer und dem Prediger Christoph Schappeler, endeten mit der Feststellung, man werde von den Forderungen nur ablassen, wenn sie nachdem Wort Gottes als unzulässig“ gelten müssten und „wenn man es uns aufgrund der Schrift nachweist“. So verband sich die Bauernbewegung ausdrücklich mit der reformatorischen Bewegung. Mehr als 70.000 Bauern fanden während des Bauernkrieges oder in nachfolgenden Strafgerichten den Tod.

Bauern bedienten sich bei Luthers Argumenten gegen den Klerus - aber Luther dachte obrigkeitsstaatlich. Luther stellte sich auf die Seite der Grundherren und forderte Fürsten und Ritter auf, so viele Aufständische wie möglich abzuschlachten: „Drum soll hier zuschmeißen, wurgen und stechen, heimlich oder offentlich, wer da kann, und gedenken, daß nichts Giftigers, Schädlichers, Teuflischers sein kann denn ein aufruhrischer Mensch, gleich als wenn man einen tollen Hund totschlahen muß."

Die charismatischen Sprecher der Bauern waren Männer wie Thomas Müntzer und Andreas Rudolf Bodenstein aus Karlstadt am Main, kurz „Karlstadt“. Da Bodenstein in Wittenberg die Kanzel verboten worden war und seine Schrift, die Luthers Reformen radikalisierten, der Zensur der Wittenberger Universität zum Opfer fiel, verließ Karlstadt Mitte 1523 Wittenberg und übernahm in Orlamünde eine Pfarrei. Hier setzte er um, was ihm in Wittenberg verwehrt war. Als der konsequentere Augustiner vertrat er ein symbolisches Abendmahls-Verständnis: Brot und Wein sind bloße Zeichen. Karlstadt bestritt die Realpräsenz Christi im Abendmahl. Jesus habe auf seinen eigenen Leib gedeutet und gesagt hat: „Dies ist der Leib mein, der für euch gegeben wird.“ Insbesondere ließ Karlstadt die Bilder aus der Kirche entfernen mit der Begründung, sie würden den gemeinen Mann zum Götzendienst verführen. Luthers Unterscheidung von „Bilder haben“ und „Bilder anbeten“ ließ er nicht gelten. Luther antwortete auf Karlstadt im Dezember 1524 mit seinem „Brief an die Christen zu Straßburg wider den Schwarmgeist“. 1524 wurde Karlstadt aus Kursachsen ausgewiesen und ging schließlich nach Basel, wo er 1541 an der Pest starb.

Auch Thomas Müntzer war ein Mann mit prophetischem Sendungsbewusstsein. Er war 1523 Pastor an der Johanniskirche in Allstedt geworden, wo er in deutscher Sprache predigte. Zu Müntzers Predigten kamen auch viele „Fremde“ aus den umliegenden Dörfern nach Allstedt. Die Anhänger Müntzers plünderten im März 1524 die zum Kloster Naundorf gehörige Kapelle mit ihrem wundertätigen Marienbild und steckten sie in Brand. Am 13. Juli 1524 hielt Müntzer in der Schlosskapelle vor Herzog Johann und dem Kurfürsten Friedrich seine berüchtigte „Fürstenpredigt“, in der er die Willkür der weltlichen und geistlichen Obrigkeit und deren mangelnde Reformtätigkeit anprangerte. Wenn die Fürsten nicht für das Evangelium eintreten, predigte er, „so wird das Schwert von ihnen genommen und wird dem inbrünstigen (wütenden) Volk gegeben werden zum Untergang der Gottlosen“. 1525 führte Müntzer die Thüringer Bauern in die Schlacht bei dem nahe Mühlhausen gelegenen Ort Frankenhausen. Die Bauern wurden geschlagen, Müntzer zusammen mit 53 anderen hingerichtet.

Luther warf den aufständischen Bauern vor, dass sie ihre Eidespflicht gegenüber ihren Obrigkeiten verletzen, wenn sie ihre Forderungen mit Raub und Mord durchsetzen wollten. Mit dem Evangelium die eigenen Forderungen zu begründen sei Gotteslästerung. Luther ermahnte die Fürsten, eine gütliche Einigung mit den Bauern zu suchen, stellt aber gleichzeitig klar, dass die Aufhebung der Leibeigenschaft nicht gemeint sei, wenn er postuliert hatte: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“

Schon in seinen „Invokavit“-Predigten 1522 in Wittenberg hatte Luther sich unter dem Motto „Non vi sed verbo“ (Nicht mit Gewalt, sondern mit dem Wort) gegen gewaltsame Maßnahmen zur Durchsetzung der Reformation gestellt und gleichzeitig die Rücksichtnahme auf „die Schwachen“ in der Gemeinde gefordert, die von zu schnell durchgeführten Reformen überfordert würden. Auch mit seiner Positionierung gegen die Bauernaufstände bot er sich den reformatorischen Fürsten als Bündnispartner an. Seine Hetzschrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ formuliert er im Mai 1525 erst, als die Niederlage der Bauern sich schon abzeichnete.

Erasmus und Luther

Der niederländische Humanist Erasmus von Rotterdam (1465 – 1536) hatte anfangs deutliche Sympathien für die Reformation gezeigt. Erasmus glaubte an die Erziehung des Menschen durch Bildung. Er kritisierte die Veräußerlichung des Glaubens, er wollte eine Reform in der Kirche mit dem Papst als Oberhaupt, eine friedliche Reform. Für Erasmus wird der Mensch zum Menschen erst erzogen, er erwirbt Vernunft und Verstand durch Bildung. Erasmus befürwortet eine Reform von innen, eine langsame Heilung und hält es nicht für ratsam, „dieses Geschwür offen zu berühren.“ Die Reform-Diskussion soll unter Gelehrten stattfinden, nicht auf die Volksmassen übergreifen. Einen Volksaufstand wollte Erasmus, wie auch Luther, vermeiden. Erasmus sah in Luther einen „Leidensgenossen“, der ähnliche Konflikte mit der Kirche auszutragen hatte. Erasmus nahm Luther in vielen Briefen in Schutz.

Der grundlegende Unterschied zeigte sich in der Frage der Freiheit des menschlichen Willens. Für Luther ist der „freie Wille“ nach dem Sündenfall eine satanische Illusion, es gibt für ihn keine Fähigkeit zum Guten - nur in einigen niedrigen irdischen Dingen räumt er dem Menschen „freien Willen“ ein. Nicht die Vernunft rettet den Menschen, sondern die Gnade Gottes. Luther war ein Fanatiker seiner Gnaden-Lehre. Erasmus dagegen, so hat es Stefan Zweig formuliert, lehnte jeglichen Fanatismus ab. „Er hasste sie alle, die Halsstarrigen und Denkeinseitigen, ob im Priestergewand oder Professorentalar, die Scheuklappendenker und Zeloten jeder Klasse und Rasse, die allorts für ihre eigene Meinung Kadavergehorsam verlangen und jede andere Anschauung verächtlich Ketzerei nennen oder Schurkerei.“

Dass Luther die Bannandrohungsbulle am Elstertor vor Wittenberg verbrannte, stieß bei Erasmus auf Unverständnis, weil er damit das Verhältnis zur Kirche „unheilbar gemacht“ habe. In diesem Zusammenhang erwähnte er auch Luthers Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“, in der Luther 1520 die Sakramentslehre der Kirche kritisierte und insbesondere die Rolle der Priester bei der „Wandlung“ im Abendmahl. Luther seinerseits über Erasmus: „An Erasmus verliere ich täglich mehr Freude ..., das Menschliche hat bei ihm größeres Gewicht als das Göttliche ... Man urteilt anders, wenn man so manches dem Vermögen des Menschen zutraut, als wenn man außer der Gnade von nichts weiß.“

Erasmus war im frühen 16. Jahrhundert ein herausragendes Beispiel für die Kultur eines toleranten Skeptizismus, die sich in der humanistischen Elite verbreitete, Luther dagegen war ein gläubiger Eiferer. Beide korrespondierten ab 1519 und machten ihre Briefe öffentlich. Erasmus riet 1519 zur Mäßigung – auch gegenüber der Katholischen Kirche und dem Papst: „Meines Erachtens kommt man mit bescheidenem Anstand weiter als mit Sturm und Drang." Erasmus hielt die römisch-katholische Kirche für so fest in der Gesellschaft verankert, „dass man sie nicht plötzlich aus den Herzen reißen kann". Luther konterte: „Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig!“ Erasmus starb 1536 als verbitterter, kranker, isolierter Gelehrter.

Der humanistische Funke war in der reformatorischen Bewegung auf- und teilweise auch untergegangen.

Zwingli und die Züricher Reformation

Der Bauernsohn „Huldrych“ Ulrich Zwingli, 1484 im Kanton St. Gallen geboren, war 1516 als „Leutpriester“ und Prediger in das Kloster Maria-Einsiedeln berufen worden. 1522 veröffentlichte Zwingli seine erste reformatorische Schrift - gegen das Fasten der römischen Kirche:Von Erkiesen und Freiheit der Speisen“. Zwingli war 1522 beim „Wurstessen“ bei seinem Drucker Christoph Froschauer anwesend gewesen. Mit der Schrift rechtfertigte er das. Gleichzeitig sandte er an den Bischof ein Schreiben, in dem er um Aufhebung des Zölibats bat – Zwingli war da schon mit Hanna Reinhart eine heimliche Ehe eingegangen.

 Zwingli war von Luthers kirchenkritischen Äußerungen zum Zölibat, zum Ablass und zur Konzilsautorität angesteckt. Aber in der Frage der Realpräsenz Christi in Wein und Brot beim Abendmahl trennten sich dann die theologischen Wege, Zwingli orientierte sich strenger an Augustinus als Luther. Ganz „lutherisch“ dachte Zwingli in der Anerkennung der weltlichen Obrigkeit: Da nicht alle Menschen das Liebesgebot halten, seien Gebote zum Schutz des Nächsten nötig, die notfalls mit dem Schwert einer Obrigkeit durchgesetzt werden müssten.

Im Frühjahr 1524 kam es in Zürich zur ersten „Taufverweigerung“. Der Zürcher Rat bestand auf der Pflicht zur Taufe aller neugeborenen Kinder. Die Kindertaufe ist in der Bibel weder geboten noch verboten, steht aber in der alttestamentlichen Tradition der Beschneidung. Zwingli stellte sich in seiner Schrift „Wer Ursache gebe zu Aufruhr“ auf die Seite des Rates. Zwingli teilte zwar die Auffassung von der Zeichenhaftigkeit des Taufsakramentes, d.h. eines äußeren Zeichens der Zugehörigkeit zur Gemeinde. Für die Kindertaufe sprach für ihn aber der pragmatische Gesichtspunkt, dass sie die Eltern zu christlicher Erziehung verpflichtet.

Am 17.1.1525 kam es dann zu einer öffentlichen Disputation. Im Ergebnis der Disputation verfügte der Rat der Stadt, diejenigen, die die Taufe ihrer neugeborenen Kinder verweigern wollten, sollten unverzüglich das Zürcher Gebiet verlassen. Die Taufbewegung verbreitete sich mit den Ausgewiesenen in der ganzen Schweiz und in Süddeutschland. Zwingli erreichte 1525, dass der Zürcher Rat die Täuferbewegung verbot. 1526 drohte der Rat schließlich den Tod durch Ertränken jedermann an, der die „Wiedertaufe“ spendete. Felix Manz, Mitbegründer der Zürcher Täuferbewegung, wurde im Jahre 1527 zum ersten Märtyrer der Täufer durch Ertränken in der Zürcher Limmat - diese Hinrichtungsart für Frauen sollte seinen Tod besonders schmachvoll erscheinen lassen.

Die Konfrontation zwischen der reformierten und der katholischen Schweiz führte 1531 zum „Kappeier Krieg“, in dem die Reformierten geschlagen wurden. Zwingli war als Feldprediger mit in die Schlacht gezogen und fiel.

Die Münsteraner Täufer, zum Beispiel

Eine besondere Ausprägung fand die Reformation in den verschiedenen Täufer-Bewegungen, die es in der Schweiz, Österreich, Süd- und Mitteldeutschland und etwas später auch im niederdeutschen Raum gab. Durch den Prediger Melchior Hofmann breiteten sich täuferische Lehren und Glaubensgemeinschaften im niederdeutschen Raum aus („Melchioriten“). Die apokalyptisch-chiliastische Botschaft seiner Schriften fiel in Münster auf fruchtbaren Boden, die sozialökonomische Lage öffnete die einfache Bevölkerung für radikale endzeitliche Anschauungen.

In Münster regierten die „Erbmännerfamilien“ der Handwerker und der römisch-katholische Klerus. Die Reformation war in Münster von Bernd Rothmann verbreitet worden, zu dessen großer Anhängerschaft auch wohlhabende Bürger zählten. Die münstersche Reformationsbewegung unterwarf sich nicht der 1530 von lutherischen Reichsständen formulierten „Confessio Augustana“. Über Rothmanns Forderung der Erwachsenentaufe spaltete sich die Reformations-Bewegung in der Stadt. Täufer aus den Niederlanden kamen in die Stadt. An der Spitze der Täufer-Bewegung stand der Haarlemer Bäcker Jan Matthijs. Er hatte die Absicht, alle Gegner des Täufertums umbringen zu lassen. Der Münsteraner Tuchhändler Knipperdolling setzte dagegen die Ausweisung der Gegner der Täufer durch.

Im Jahre 1534 hatten die meisten Katholiken sowie viele nichttäuferische Protestanten die Stadt verlassen. Wer in Münster bleiben wollte, wurde vor die Wahl gestellt, sich erneut als Erwachsener taufen zu lassen oder Münster zu verlassen. Die Täufer führten eine Gütergemeinschaft ein und ließen das Stadtarchiv verbrennen. Diese Radikalität führte zu erneuten Auseinandersetzungen. Für Ostern 1534 verkündete der Prediger Jan Mathys das Erscheinen Jesu Christi in der Stadt. Als das Erscheinen Christi ausblieb, zog Jan Mathys mit einigen Getreuen am Ostertag vor die Stadt, wo er getötet wurde. Denn da hatte Franz von Waldeck, u.a. Bischof von Münster, einen Belagerungsring um die Stadt gelegt.

In der Stadt wurde im Sommer 1534 auf Grund des erheblichen Frauenüberschusses – unter den münsterschen Täufern gab es fast dreimal so viele Frauen wie Männer – die Polygynie eingeführt. Der Täufer-Führer Jan van Leiden selbst nahm insgesamt 16 Ehefrauen. Nachdem die Täufer einen Sturmversuch der Belagerer abgewehrt hatten, wurde Jan van Leiden zum „König Johannes I.“ ernannt. Die Radikalisierung der münsterschen Täufer war eine verzweifelte Reaktion auf die ausweglose militärische Situation - die Belagerung führte zu einer Hungersnot. Nach eineinhalb Jahren beendete 1535 ein Blutbad das Täuferreich.

Den Täufer-Anführern Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling wurden mit glühenden Zangen die Zunge ausgerissen, ihre Körper zerfetzt. Ihre Leichen wurden in eigentlich für den Gefangenentransport bestimmten eisernen Körben am Turm der Lambertikirche aufgehängt und zur Schau gestellt.

Luther bejahte das blutige Vorgehen gegen die Täufer, wenn die an ihrer Taufanschauung und der Ablehnung des Zehnten und ihrer obrigkeitlicher Pflichten unter Berufung auf eine radikale Auslegung der Bergpredigt festhielten. Luther predigte, dass der Mensch persönlich vom Glauben überzeugt sein müsse, meinte aber seine Glaubensüberzeugung – abweichende Glaubensüberzeugungen konnte er radikal bekämpfen. Es gab für ihn keine Toleranz für individuelle Überzeugungen. Zwar berief er sich immer wieder auf die Schrift, aber die Radikalität der „Wiedertäufer“, die in der Schrift keine Kindestaufe gefunden hatten, lehnte er aus pragmatischen Gründen ab.

Dass sich in der Mitte des 16. Jahrhunderts nach den ersten Stürmen der Reformation trotz Luther der Gedanke einer gewissen Toleranz durchsetzte, war ein machtpolitischer Kompromiss.

Sebastian Franck oder die andere Glaubensfreiheit

Dass in der Lutherzeit auch die Idee einer individuellen religiösen Toleranz denkbar war, zeigt das Beispiel von Sebastian Franck (1499-1542). Der war ursprünglich Priester gewesen und in den Jahren 1526-1528 einer der reformatorischen Pfarrer im Raum Nürnberg. Er gab aber sein geistliches Amt auf und wirkte als freier Schriftsteller in Nürnberg und Straßburg. Dass Luther mit den Fürsten paktierte und guthieß, dass Tausende von Bauern und Täufern niedergemetzelt wurden, brachte den reformierten Prediger Franck auf Distanz zu Luther.

In seiner „Chronica/Zeytbuch und geschycht bibel" stellte Franck das katholische Weltbild auf den Kopf. Die „Ketzer“ seien in Wirklichkeit die wahren Gläubigen, schrieb er: „Es ist königlich, Übles nachgesagt zu bekommen, so du rechtschaffen redest und handelst, besonders von denen, von welchen gelobt zu werden eine Schande ist. Dasselbe bezeugt auch Christus. Darum stehen sie hier mit großen Ehren in diesem Register. Ich hätte sie in der ganzen Chronik nicht besser zusammenfassen und an keinen ehrenvolleren Platz setzen können. Denn Christen sind überall und immer aller Welt Ketzer gewesen." Franck verklärte die „Urgemeinde“, nur ganz am Anfang hat es für ihn eine wirklich „christliche“ Gemeinde gegeben – er verstand darunter eine unorganisierte, rein geistige Gemeinschaft. Schon vor der Zeit Konstantins des Großen sei mit der Institutionalisierung diese Urgemeinde verfälscht worden, das konstantinische Staats-Christentum ist für Franck nur eine weitere Phase im Verrat an der christlichen Lehre.

Franck lehnte jede Form religiöser Bevormundung radikal ab. Die individuelle Gotteserfahrung steht für ihn allen Menschen aller Religionen offen. Franck wandte sich gegen die Verteufelung von „Ungläubigen“. Alle Kulturen und Zeiten hätten den gleichen Abstand von Gott, Gottes Volk sei überall, erklärte er. Zur unsichtbaren Gemeinschaft der „wahren“ Christen gehören für Franck auch viele „Türken und Heiden“, die „Christi Namen nie gehört haben“, aber „seine Kraft durch das innerliche Wort in sich vernommen und dasselbe fruchtbar gemacht“ haben und von Gott „belehrt und inwendig gezogen“ werden. Der Schöpfer sei unparteiisch, er sei auch der „Gott der Heiden“. Wegen Glaubensfragen dürfe man sich, so Franck, „mit niemandem balgen."

Franck lehnte auch die Verbindung von Kirche und Staat ab. Den Fürsten, die sich gern mit dem Adler als Wappentier schmücken, hielt Franck entgegen: „Der Fleisch fressende Vogel hasst den Frieden und ist feindselig. Er ist gleichsam geboren, um zu rauben, zu morden und zu streiten.“ Zwar, so Franck, sei das Böse in der römischen Kirche von den Reformatoren aufgedeckt worden, doch in den Reformations-Kirchen erscheine das böse Prinzip in neuer Form.

Den lutherischen Bezug auf die Bibel kritisiert er mit der Beobachtung, dass mit Bibelstellen alles bewiesen werden könne. Der Glaube an die buchstäbliche Autorität der Bibel führe zu theologischen Spitzfindigkeiten, dazu zählt Franck den Theologenstreit um die Realpräsenz im Abendmahl.

Der Schmalkaldische Bund (1531), die militärisch-politische Vereinigung der protestantischen Städte und Fürsten, verurteilte Sebastian Francks Bücher. Und Luther bezeichnete ihn als „bösen giftigen Buben" und als „Arschhummel“. Sprachgewaltig formulierte Luther, Franck sei durch „allen Kot durchgewandert und an seinem eigenen erstickt." 1542 starb Sebastian Franck an der Pest.

Leserevolution und neue Wissensordnung

Bei aller Vielfalt der reformatorischen Konflikte ist eine kulturelle Entwicklung erkennbar, die sich auch nach dem religionspolitischen Kompromiss im „Augsburger Frieden“ fortsetzte und verallgemeinerte: Die zunehmende Nutzung der Buchdrucker-Technik revolutionierte im frühen 16. Jahrhundert die „Wissensordnung“ und stürzte die alten feudal-klerikalen Autoritäten des Wissens. Es ging um die Inhalte des Wissens, die schon seit dem 12. Jahrhundert und vor allem mit der Renaissance in Bewegung gekommen waren, und es ging damit verbunden auch um die Träger des Wissens. Die Machtinstrumente der alten Ordnung versagten. Die Hinrichtung eines Menschen und die Verbrennung einzelner Exemplare seiner Schriften konnten sein Wissen nicht mehr wirklich vernichten, wenn tausende von Druckschriften verbreitet waren. Die Drucktechnologie konnte Texte „unsterblich“ machen. Die Versuche, die Autorität des überkommenen Wissens durch der Verbrennung der Texte und der Köpfe der Kritiker zu verteidigen, wurden mehr und mehr zu vergeblichen symbolischen Machtdemonstrationen.

Und nicht mehr die Skriptorien unter mehr oder weniger deutlicher Kontrolle der Kirche entschieden über die Vervielfältigung von Texten, sondern privaten Drucker-Betriebe und letztlich das zahlende Publikum. Und je mehr die feudale Herrschaftsstruktur zerklüftet war, desto freier waren die Drucker. Es gab kein feudales oder klerikales Herrschafts-Wissen mehr. Wissen war nicht mehr das Privileg von Autoritäten, unterlag nicht mehr den Kontroll-Mechanismen der Anwesenheits-Kommunikation, sondern stand auf Flugzetteln und in Büchern, war verfügbar für jedermann. Und das, was die Autoritäten sagten, ließ sich vergleichen mit dem Wissen auf Zetteln, also kontrollieren - und bestreiten. Wissen, transportiert und konserviert in Schrift, hatte das Potential zum Allgemeingut. Die Idee vom „Priestertum aller Gläubigen“ ist eine unmittelbare „Message“ der neuen Medienkultur – Gegenfiguren zu den Priestern konnten die Gläubigen werden mit der Schrift in der Hand.

Die Tragweite dieser mentalen Revolution hat Albrecht Koschorke so beschrieben: In der „vorrationalistischen Welt“ wies „der gegliederte Kosmos den verschiedenen Plätzen im Raum - oben und unten, groß oder klein, im Zentrum oder an der Peripherie - unterschiedliche Qualitäten und Ränge zu“, ein Netz von Analogien und Bedeutungen verknüpfte die Elemente dieser Welt. Ein langwieriger Prozeß führte zum Verblassen religiöser und magischer Implemente und zur Herauslösung des Subjekts aus seiner Partizipation am kosmischen Geschehen. Das neue Bezugssystem der Wahrnehmung war ein „rein quantitatives, perspektivisch von potentiell jedem Ort aus aufrichtbares Raumkontinuum“, in dem der Betrachter „die für ihn vorgesehene feste Mittelstellung im Universum“ verlassen und in ein „Wechselspiel veränderlicher Standpunkte und Ansichten“ eintreten kann. Die Metapher ‚seinen Horizont erweitern' bedeutete das Hinaustreten aus dem Gefüge der lokalen Bindungen, gleichzeitig und auch allgemeiner die Überwindung eines geistigen „Systems hierarchischer Plätze, das die Ständegesellschaft ihren Mitgliedern auferlegte“. Die Schriftkultur war das Medium dieser Horizont-Erweiterung.

Der Dichter Victo Hugo hat 1831 die Erfindung der Buchdruckerkunst als „révolution mère”, Mutter-Revolution, gefeiert. „Als gedrucktes Wort ist der Gedanke unvergänglicher denn je. Es sind ihm Flügel gewachsen; er ist ungreifbar, unzerstörbar geworden.” Und zur Reformation meinte Hugo: „Vor der Buchdruckerkunst wäre die Reformation nur eine Spaltung gewesen, die Erfindung des Buchdruckes macht sie zur Revolution. Man nehme die Presse weg, und die Ketzerei ist wirkungslos.”

Als Martin Luther 1517 seine auf lateinisch verfassten „95 Thesen“ zum Ablasshandel an zwei Kirchenfürsten verschickte, hatte er mit der Dynamik der neuen Drucktechnologie noch nicht gerechnet. Unautorisierte Nachdrucke seiner 95 Ablassthesen erschienen noch 1517 auch in Nürnberg, Leipzig und Basel. Luther reagierte schnell und schon 1518 ließ er seinen Sermon von dem Ablaß vnnd gnade in der Volkssprache drucken - sein Kritiker Johann Tetzel war gezwungen, genauso populär zu antworten. Tetzels Antwort zitierte wiederum Luther, um ihn zu widerlegen – nach dem Muster der mündlichen Disputationen. Luthers Predigten wurden seit 1518 in Form von Flugschriften verbreitet, in denen die theologischen Argumente volksnah und vor allem in deutschen Mundarten entfaltet wurden. Seine eigenen Schriften waren oft an ein gebildetes Publikum adressiert und wurden von seinen Anhängern in einfache Polemiken übertragen und mit visuellen Darstellungen illustriert. Der Stückpreis der Flugblätter entsprach etwa dem Stundenlohn eines Handwerkers. In Konflikten wurden Flugblätter oft gut sichtbar an öffentlichen Orten plakatiert.

Wenn die reformatorische Lehre in gedruckter Form zur Grundlage von Disputationen wurden, dann zeigt sich daran, wie die Druckform auch das Potential hatte, das Denken zu verändern: Der charismatische Redner hatte nicht mehr „das letzte Wort“, wenn er die Zuhörer mitreißend überzeugt hatte. Letztlich mussten sich die niedergeschriebenen Thesen gegenüber den nüchternen Argumenten bewähren, die Texte trennten das Wissen von der Emotionalität und Körperlichkeit ihres Vortrages. Die Texte konnten „sine ira et studio“ von jedermann gelesen werden und jedermann konnte an jedem Ort sich eine eigene Meinung bilden, sich deren Inhalte zu eigen machen und damit „reformatorisch“ argumentieren. Die neue Drucktechnik wurde damit zur wesentlichen Voraussetzung der schnellen Verbreitung der Reformation.

Wenn in den Disputationen von Seiten der Reformatoren gefordert wurde, als argumentativer „Beweis“ könne nur ein entsprechendes Bibelzitat gelten, nicht aber der Verweis auf die kirchliche Tradition, in der das „immer so gewesen“ sei, dann zeigt das, wie sehr die Drucktechnik rationale Denkstrukturen verbreitet und damit auch die Zerstörung der überkommenen Autoritätsstrukturen ermöglichte. Das „sola scriptura“ entmachtete die Kirche: „Allein die Schrift“ – die gedruckte Bibel – ist die Verkörperung der göttlichen Wahrheit, nicht mehr die kirchliche Autorität.

Die kirchlich-politische Herrschaft musste sich gegenüber Schriften legitimieren und war darauf überhaupt nicht vorbereitet. Mit dem Kommunikationsmittel Flugschrift übersprang der kleine Mönch Luther die Stufen der kirchlichen Hierarchie und konnte öffentlich mit dem Papst streiten, ob der wollte oder nicht. Die Laien waren als Leser angesprochen und für urteilsfähig erklärt. Laien wurden als schlaue und „gute“ Figuren den verdorbenen Pfaffen literarisch entgegengestellt. Die alte Kirche reagierte zunächst darauf klassisch konservativ und hilflos: Sie setzte fest, dass nur die eine, offizielle, lateinische Version der Bibel als die wahre akzeptiert werden könnte.

Luthersprache – Muttersprache

Im Zuge der religiösen Bewegungen seit dem 12. Jahrhundert hatte es immer wieder Versuche gegeben, die Bibel in die Sprachen der Laien zu übersetzen und damit das Herrschaftswissen der Kirche zu brechen. 1199 untersagte Papst Innozenz III. ausdrücklich die Bibellektüre bei privaten Zusammenkünften, auch der Besitz des Alten und Neuen Testaments wurde Laien untersagt. 1234 erklärten die spanischen Bischöfe auf der Synode von Tarragona jeden zum Ketzer, der eine romanische Übersetzung der Heiligen Schrift besaß und diese nicht innerhalb umgehend zur Verbrennung ablieferte. 1376 verfügte Papst Gregor XI., Schriften über die Bibel dürften nur unter der Leitung der Kirche verfasst und verbreitet werden, damit sollte die Deutungshoheit der Kirche gewahrt werden.

Wenzel von Luxemburg, der Namensgeber der Wenzelsburg in Prag, bis 1400 römisch-deutscher König und bis zu seinem Tod 1419 König von Böhmen, ließ dennoch eine deutsche Übersetzung der Bibel in prächtiger Handschrift anfertigen. Der Reformator von Prag, Jan Hus, beklagte, dass das Volk die Heilige Schrift nicht lesen sollte. Jan Hus hatte kurz vor seiner Verbrennung 1415 auf dem Konstanzer Konzil angekündigt: „Jetzt verbrennt ihr eine Gans, aber aus ihrer Asche wird ein Schwan hervorgehen."

Zu Luthers Zeiten gab es mehrere volkssprachliche Übersetzungen der Bibel, die sich aber („sicherheitshalber“) sehr stark an den Vulgata-Text anlehnten und damit einigermaßen unlesbar waren. Aber es gab populäre, reichlich bebilderte Andachtsbücher mit hohen Auflagen, die Ausdruck einer individuellen Lesart der Frömmigkeit waren. Luther entwickelte, getrieben von der Dynamik der Reformation, eine bildhafte Sprache, um nicht nur die theologisch Gelehrten, sondern direkt auch das Volk zu erreichen.

Luther hatte ursprünglich keinerlei Interesse an einer orthografischen Vereinheitlichung der Sprache – er war ein Sprachgenie und ein poetisches Talent. Seine Lust an expressiver Schreibweise und dem Spiel mit bildhafter Sprache kommt in seinen Briefen zum Ausdruck. Luther kannte und anerkannte am Anfang keine Sprach-Normen, er schrieb, wie es ihm in den Sinn kam und wie er es für gut befand.

Als Luther sich 1522 in der Wartburg verstecken lassen musste, hatte er viel Zeit. Er hatte die Bibel des Erasmus von Rotterdam dabei, der 1516 eine Revision der lateinischen Vulgata-Bibel vorgenommen hatte. Da waren die Texte des Neuen Testaments zweispaltig gedruckt, griechisch und lateinisch, das Lateinische aber in der wortschönen Sprache von Cicero und Cäsar.

Die Wittenberger Druckerei von Hans Lufft hatte großes Interesse daran, Luthers Bibel überregional zu verkaufen, dort wurde dort Luthers Orthografie korrigiert, grobe Inkonsequenzen wurden vereinheitlicht und mitteldeutsche Regionalismen ersetzt. Die Briefe, die Luther in späteren Jahren schrieb, zeigen weiterhin seinen „alten“ Stil und mischen auch ungeniert lateinische Worte in den Sprachfluss, wo Luther offenbar mundartliche Übersetzungen nicht so schnell einfielen.

Voraussetzung für den Erfolg der Lutherbibel war die Verschmelzung verschiedener Mundarten. Die Schriftsprache Martin Luthers ist keine Abbildung einer der zwölf damals lebendigen deutschen Dialekte. Obwohl Luther selber aus dem nordthüringischen Raum stammte und dort wirkte, setzte er nicht einfach seinen heimischen Dialekt bei der Bibel-Übersetzung um. Luther verband die kursächsische Kanzleisprache, die wegen ihrer weiten Verbreitung im Osten als eine Art „koloniale Durchschnittssprache" fungierte, mit volkstümlichen Redewendungen und Ausdrücken verschiedener Mundarten und bereicherte sie durch seine persönliche, höchst originelle Sprachkunst. Luther bewegte sich unbefangen auf zwei sprachlichen Ebenen, der gebildeten des Latein und der volkstümlichen, er mischte beide ganz selbstverständlich in seinen Tischgesprächen: „Bellum nimbt simpliciter als hin weg, was Got geben kan, religionem, politiam, coniugium, opes, dignitatem, studia, etc." Er war dabei bemüht, wie er selbst 1530 im „Sendbrief vom Dolmetschen“ formulierte, dem Volk aufs Maul zu schauen. Gleichzeitig hat er die überlegene lateinische Syntax in seiner deutschen Bibel-Übertragung verwendet. Luther erklärt seine Arbeit im Sendbrief an einem prominenten Beispiel: „Ich hab mich des geflissen ym dolmetzschen, das ich rein und klar teutsch geben möchte. [...] Als wenn Christus spricht: ,Ex abundantia cordis os loquitur'. Wenn ich den Eseln sol folgen, die werden mir die Buchstaben furlegen vnd also dolmetzschen: ,Auß dem Vberflus des hertzen redet der mund.' Sage mir, Ist das deutsch geredt? Welcher deutsche verstehet solchs? [...] sondern also redet die mutter ym haus vnd der gemeine man: ,Wes das hertz vol ist, des gehet der mund vber'.“

Luther erklärte in seinem „Sendbrief“, man müsse „nicht die buchstaben inn der lateinischen sprachen fragen, wie man sol Deutsch reden, wie diese esel thun, sondern, man mus die mutter jhm hause, die kinder auff der gassen, den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen, und den selbigen auff das maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetzschen, so verstehen sie es den und mercken, das man Deutsch mit jn redet."

Luther hat die einheitliche deutsche Schriftsprache nicht erfunden, aber keine Einzelperson hat auf ihre Entwicklung mehr Einfluss gehabt als er. Weniger mit seiner Bibelübersetzung als mit ihrer popularisierten Verbreitung in Katechismen und Kirchenliedern und in den schriftlich verbreiteten Predigten schuf er eine überregional verständliche Form des Deutschen. Viele bildhafte Wörter erfand Luther regelrecht: Feuereifer, friedfertig, gastfrei, Herzenslust, Morgenland, wetterwendisch, Bubenstück, Denkzettel, Rotzlöffel, Rüstzeug, Schandfleck. Das „Lutherdeutsch“ hatte aber auch subtilere Wirkungen auf den Satzbau und sogar die Wortformen. Dass bei ihm in Nebensätzen das Verb immer am Schluss stand, prägt bis heute die deutsche Sprache. Die neu komponierte „protestantische Mundart“ Luthers beeinflusste als Schriftsprache die alten Mundarten.

Im deutschen Sprachraum gab es zur Zeit der Reformation 15 Millionen Menschen, von denen fünf bis zehn Prozent lesekundig waren. Von der ersten Gesamtausgabe der Bibel, die 1534 bei dem Wittenberger Drucker Hans Lufft erschienen war, wurden in den zwölf Jahren bis zu Luthers Tod mehr als 100.000 Exemplare verkauft. Ihr Sprachstil wirkte über den hochdeutschen Raum hinaus, weil sie auch nach Norddeutschland vordrang und zur schleichenden Verdrängung des Niederdeutschen beitrug. Zwischen 1517 und 1530 wurden rund 10.000 Flugschriften gedruckt mit einer Auflage von 10 Millionen. Die Drucker hatten Interesse an einer neuen einheitlichen Drucksprache. Hundert Jahre nach Gutenbergs Erfindung, im Jahre 1645, konstatierte Enoch Hanmann über die neue Drucksprache: Es ist nicht die Sprache, „welche vom Poebel allgemein geredet wird; sondern welche an keinem und doch fast allen orten zu finden ist.“

Selbst in Frankreich, wo sich die Reformation nicht durchsetzte, gab es zwischen 1511 und 1551 schätzungsweise 1.300 gedruckte religiöse Texte mit einer Gesamtauflage von mindestens einer Million Exemplaren. Als die Pariser theologische Fakultät 1525 die Übersetzung der reformatorischen Schriften verbot, versorgten Drucker aus Antwerpen und Genf das Land.

Kulturrevolution der Kommunikation

Luther begrüßte 1525 die Druck-Kunst als „das letzte und zugleich größte Geschenk Gottes“. Während Platon die Möglichkeit, Reden handschriftlich zu fixieren, kritisch kommentiert hatte, verbreitet der Buchdruck von Anfang an eine Euphorie: Die Menschen waren sich bewusst, dass sie an der Schwelle zu einer neuen Epoche standen. Zwei Generation nach Einführung des Buchdrucks gab es schon ein völliges Unverständnis darüber, wie blind und kenntnislos frühere Generationen – eben im Mittelalter – gewesen sein müssen.

Neue Kommunikationstechniken liefern nicht nur neue Dinge, über die nachgedacht wird, sondern auch neue Formen, in denen gedacht wird. Johann Froben erfand 1516 die Paginierung. Die Einteilung in Abschnitte, die alphabetisch geordneten Register und die strenge Linearität des gedruckten Buches sind äußerliche Zeichen einer logischen Satz-für-Satz-Argumentation und –Darstellung. Diese Schriftformen öffneten neue Denkmöglichkeiten. Man spürt in vielen Texten dieser neuen Zeit eine Leidenschaft für Klarheit, Folgerichtigkeit und Vernunft. René Descartes hat das hundert Jahre später in klassischer Form beschrieben. Nur „Klarheit und Logik der Anordnung” haben Autorität in der neuen Wissensgesellschaft.

Dagegen muss man sich die orale Sprache vorstellen nach dem Muster, mit dem der Soziolinguist Basil Bernstein Mitte des 20. Jahrhunderts wenig literalisierte „Unterschichten-Sprachen“ beschrieb: Sie sind gekennzeichnet durch kurze, grammatikalisch einfache, häufig unvollständige Sätze. Zeitliche Reihungen prägen den Sprachfluss, nicht logische Adverbial-Beziehungen wie obwohl, weil, aufgrund. Orale Kommunikation verfügt über einen geringeren Wortschatz und hat zur Grundlage, dass der Zuhörer weitgehend das weiß, was man selbst auch weiß und eventuelle kleinere neue Elemente in einen bekannten Kontext einfügen kann. Orale Kommunikation dient vor allem der Bestätigung.

In einer Kultur des Buchdrucks ist die Vernunft kein Privileg mehr. Valentin Ickelsamer (1500-1547) machte sich Gedanken darüber, wie die neue Schriftsprache leichter gelehrt werden kann als das Latein in den alten Klosterschulen. Über Jahrhunderte war die Zeichenschrift etwas, das als fremde lateinische Symbol-Kultur gepaukt wurde, ohne Zusammenhang zu den muttersprachlichen Mundarten. Ickelsamer hat schon 1527 eine ganz einfache Methode propagiert, das Lesen zu lernen, 1534 veröffentlichte er seine „Teutsche Grammatica“: Laute werden durch Buchstaben repräsentiert. Heute nennt man das „Lautiermethode“. Er ging von der Erfahrung der mütterlichen Sprache aus – jeder sollte lesen lernen, notfalls die Kinder von ihren Vätern. Die „mueterliche“ Volkssprache war auf die Lebensumstände im „Unmittelbaren und Lokalen“ beschränkt, der Sprachlernprozess eines nicht lateinisch gebildeten Erwachsenen des späten Mittelalters war mit sieben Jahren abgeschlossen. Das ist das Alter, in dem heute Kinder für schulreif erklärt werden. Die neue Schriftsprache war für das ungebildete Volk die „Sprache der Gebildeten“ und bedeutete eine Erweiterung seines Horizonts.

Fritz Mauthner hat 1919 die Frage aufgeworfen, „was in der Seele derjenigen Leute vorgegangen sein mag, die die Sprache ihres Volkes zum ersten Mal mit Hilfe eines auswärtigen Alphabets niederschrieben.“ Die Typographie ist kein neutraler Informationsträger, sie führte zur Reorganisation der Gegenstände. Auch wenn Luther die Bibel noch als offenbarte göttliche Autorität begriff - die Übersetzung der Bibel in mehrere Sprachen verwandelte auch das Buch mit dem Wort Gottes in einen Text mit Worten Gottes, über die man nachdenken und diskutieren kann. Das schwächte die Unantastbarkeit der Heiligen Schrift. 

Luthers Populismus

Einige Elemente von Luthers Wirken lassen sich gut in den Kategorien des modernen Populismus beschreiben. Sein wütender Angriff richtete sich gegen „die da oben“, gegen die altkirchliche Autorität. Das hatte aber nichts zu tun mit „demokratischen“ Überzeugungen oder einem kommunitären Ideal, das durchaus in seiner Zeit verbreitet war. Luther dachte autoritär und obrigkeitsstaatlich, nur musste es die richtige Obrigkeit sein. Er verteidigte kompromisslos die Fürsten-Ordnung gegen die aufrührerischen Bauern und die neue Staatskirche gegen die Täufer-Bewegung. Im Zweifelsfall war ihm die soziale Ordnung der neuen reformatorischen Gemeinden wichtiger als sein „sola scriptura“ - dass es in der Bibel keinen Hinweis auf die Kindertaufe gibt, war für ihn kein Argument für eine Toleranz gegen „Wiedertäufer“. Luthers Predigt würde man heute als „Schriftfundamentalismus“ einordnen. Er verkündete seine absolute Wahrheit als Wiederherstellung der reinen Lehre.

Das Ziel seiner Reformation war eine autoritär verfasste Kirche, er versuchte daher zunächst, den Kirchenfürsten seine Theologie nahezubringen. Erst als diese sich nicht von seinen auf lateinisch vorgetragenen theologischen Argumenten überzeugen ließen, begann Luther die reformatorische Volksbewegung zu unterstützen. Immer wieder geriet die Dynamik der reformatorischen Bewegung in Widerspruch zu Luthers Vorstellungen der neuen Kirche.

Die Volksbewegung bezog ihre Kraft aus dem sozialpolitischen Sprengstoff der Zeit und legitimierte sie mit den kirchenkritischen Argumenten Luthers. An der Basis war es eine Reformation der Überzeugung, die reformatorischen Prediger spielten eine entscheidende Rolle. Die Verwendung der deutschen Mundarten signalisierte, dass es nicht mehr egal war, was ein einzelner Gläubiger dachte.

In dem lutherischen Gesang formten sich die Gruppen der Gläubigen auf eine direkte emotionale Weise - ganz ohne Hierarchie, ohne ordinierte Vorbeter. Glaubensüberzeugung war nicht mehr allein eine Frage der einzuhaltenden Rituale, mit der Reformation verbreiteten sich Elemente der „devotio moderna“, die in kleinen frommen Zirkeln entwickelt worden waren, in der volkstümlichen Frömmigkeit. Aber Luther ging nicht so weit, die religiöse Überzeugung als Element eines individuellen Selbst zu akzeptieren. Seine eigene religiöse Verzweiflung, die den Anstoß zu der Gnadentheologie gab, verstand er nicht als subjektives Gefühl, sondern als Ausdruck der Erbsünde, nur Gottes Gnade konnte darüber die Oberhand gewinnen. „Falsche“ subjektive Ansichten waren damit letztlich nicht ein Problem mangelhafter Überzeugungsarbeit, sondern Ergebnis einer teuflischen Verschwörung. Und gegenüber dem Teufel und seinen Verschwörungen kann es keine Toleranz geben.

Aus der Idee des „Priestertums aller Gläubigen“ konnte man durchaus eine tolerante Gemeindevorstellung ableiten. Luther tat das aber nicht, er förderte die Ausarbeitung von autoritativen Kirchen-Verfassungen und Gottesdienst-Ordnungen. Sein Verweis auf die Autorität der Bibel war im Kern autoritär – Spielraum für eine abweichende Interpretation oder gar eine historisch-kritische Textanalyse, wie sie bei dem Zeitgenossen Sebastian Franck zu finden sind, lehnte er geradezu wütend ab. Wer Rituale wie die Kindertaufe ablehnte, war damit ausgeschlossen – vollkommen unabhängig von seiner religiösen Überzeugung.

Der Gedanke religiöser Toleranz war Luther fremd. Am Ende von Luthers Reformation stand nicht die Verallgemeinerung der „devotio moderna“, sondern der Augsburger Religionsfrieden des „cuius regio eius religio“, das heißt ein machtpolitischer Kompromiss. Katholiken, Lutheraner wie Reformierte setzen sich dort, wo sie es konnten, rücksichtslos gegen Andersgläubige durch, das bekamen vor allem die Gruppen der Wiedertäufer zu spüren. Ihre Anhänger in den „katholischen“ Fürstentümern opferten die Lutheraner der Staatsraison, sie durften auswandern. Die lutherischen Reformkirchen hatten längst das System der Superintendanten und Supervisionen entwickelt - ein Instrument der Kontrolle der Religiosität der Individuen. Die Individualisierung der Religiosität wurde als Gefahr für die Kirche betrachtet – von der Gegenreformation dann übrigens genauso.

Die reformatorische Volksbewegung war für Luther Mittel zum Zweck. Dass sie nur die erste Ankündigung einer neuen Wissensordnung sein könnte, aus deren Dynamik demokratische Impulse hervorgehen und eine neue soziale Ordnung erwachsen würde, war für ihn unvorstellbar.