Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Die Gutenberg-Medienrevolution findet erst
mit der Reformation ihre
message”

2009
The medium is the message.”
 Marshall McLuhan 

Gutenbergs Erfindung (um 1450) lockte sofort französische Gewerbe-Spione nach Mainz. Die aufblühende Stadtkultur brauchte immer mehr Bücher. Was den Goldschmied Johannes Gutenberg auf den Gedanken brachte, eine Weinpresse in die Herstellung von Büchern einzubeziehen, ist nicht überliefert - mit Sicherheit nicht die Absicht, den Individualismus zu stärken oder die Autorität der katholischen Kirche zu untergraben. Die Auswirkungen der Technik sind stets unvorhersehbar. Selbst Martin Luther war von der schnellen und weiten Verbreitung seiner Werke überrascht.

Die Kirche nutzte die neue Technik sofort zur Vervielfältigung  der Ablassbriefe. Und nachdem die Türken 1453 mit der Eroberung von Konstantinopel das tausendjährige christliche Oströmische Reich beendet hatten, wurde der Türkenkalender von 1454/55, mit der neuen Technik verbreitet: „Eyn manung der cristenheit widder die durken“. Es ist das älteste erhaltene mehrseitige Werk, das von Gutenberg mit beweglichen Lettern gedruckt wurde.

Die Buchdruckerkunst verbreitete sich sensationell schnell. Um 1500 gab es in Europa schon rund 260 Orte mit rund 1.120 Druckereien. Zwischen 1450 und 1500 entstanden ungefähr so viele Buchexemplare wie in den 1.000 Jahren zuvor. Die meisten allerdings  waren auf lateinisch. Das bedeutet: Bücher waren trotz ihrer rasanten Verbreitung noch ein Statussymbol der gebildeten Minderheit. Die Schreibstuben bestanden fort, Bücher wurden weiter nach alter Art per Hand abgeschrieben. Und die Buchdrucker bemühten sich, dass ihre Drucke genauso kostbar und schön wurden wie die Handschriften.

Von Medienrevolution war dennoch keine Spur zu sehen

Mehr vom demselben, aber schneller und billiger, das war die Devise. Die alten Bücher, die es bisher nur in wenigen Exemplaren von Hand abgeschrieben gab, waren gedruckt und damit vervielfältigt worden - also vor allem das alte Wissen für die, die Latein lesen konnten. Schon Ende des 15. Jahrhunderts war eine gewisse Sättigung dieses Marktes eingetreten.

Erst mit der Reformation findet die neue Technik für das Medium Schrift endlich seine „message” im Sinne von McLuhan: Wissen wurde in den mundartlichen Sprachen massenhaft verbreitet. Wissen war nicht mehr das Privileg von Autoritäten, sondern stand auf preiswerten Zetteln, also verfügbar für jedermann. Und das, was die Autoritäten sagten, ließ sich vergleichen mit dem Wissen auf Zetteln. Als „freie Kunst“ unterlag das Druckgewerbe keinerlei Zunftzwang. Die Drucke orientierten sich an dem Markt – daher die billigen Einblattdrucke und Flugschriften, daher die Volkssprachen anstelle des Lateins.

Wenn auch die nackten Zahlen der gedruckten Bücher in den ersten Jahrzehnten der Druckgeschichte beeindruckend sind - richtig populär wurde die neue Verbreitungsart der Gedanken durch mundartliche verfasste Flugzettel, die auf den Plätzen vorgelesen wurden und mit ihren Bildern auch für ungebildete Menschen entzifferbar waren. Die Flugzettel der Reformation wurden zum Katalysator einer Medienrevolution. Zwischen 1517 und 1530 wurden 10.000 Flugschriften mit rund 10 Millionen Auflage veröffentlicht, ein wichtiger Teil davon in den Reformations-Jahren 1517 bis 1523. Thema war die Heilsgewissheit, die Frage: Wie komme ich ins Paradies. Literale Bildung wurde zu einem neuen Menschheitstraum bis in die unteren Schichten hinein, als durch Flugzettel in jedem Dorf offenkundig wurde, wie es möglich war, aus den lateinischen Buchstaben beliebige Worte zusammenzusetzen, aus denen fremder, bisher ungedachter Sinn entziffert werden konnte. Lesekundige und Prediger  verbreiteten die Botschaften eifrig und damit die „Botschaft” des neuen Mediums.

Luther hatte seine Ablassthesen 1517 übrigens auf Latein formuliert und keineswegs öffentlich angeschlagen – er wollte das theologische Fachpublikum erreichen. Ohne sein Wissen wurden die Thesen übersetzt und durch Drucke verbreitet. Luther reagierte schnell und schon seinen Sermon von dem Ablaß vnnd gnade (1518) ließ er in der Volkssprache druckensein Kritiker Johann Tetzel  wardgezwungen, genauso populär zu antworten. Tetzels Antwort zitiert Luther, um ihn zu widerlegen – nach dem Muster der mündlichen Disputationen.

Motor der Neuerung war die revolutionäre Erfahrung, dass Wissen, transportiert und konserviert in Schrift, ein Allgemeingut sein kann – offen und überall zu erfahren. Es gab plötzlich kein feudales oder klerikales Herrschafts-Geheimwissen mehr. Mit dem Kommunikationsmittel  Flugschrift übersprang der kleine Mönch Luther die Stufen der kirchlichen Hierarchie und konnte öffentlich mit dem Papst streiten, ob der wollte oder nicht. Luther begrüßte die Druck-Kunst als „das letzte und zugleich größte Geschenk Gottes“. Luther als der kongeniale Propagandist der neuen Technik machte die gedruckte Heilige Schrift bedingungslos zum alleinigen Kriterium des „rechten“ Glaubens: „Allein die Schrift“ (sola scriptura) – und das meint natürlich die gedruckte Bibel – enthält nach protestantischem Verständnis die göttliche Wahrheit. Die (katholische) Kirche reagierte darauf klassisch konservativ und hilflos: Sie setzte fest, dass nur die eine, offizielle, lateinische Version der Bibel als die wahre akzeptiert werden könnte.
Luthers Wittenberger Predigten wurden gedruckt und nur zwei bis drei Wochen später in anderen Städten verbreitet und erreichten so ein Vielfaches des Publikum der Schlosskirche – eine unbegrenzte, unbekannte Öffentlichkeit. Die Gegner Luthers waren gezwungen, sich auch an diese „reformatorische Öffentlichkeit“ des Volkes zu wenden und damit das Volk implizit zum Richter in dem reformatorischen Streit zu machen, auch wenn sie gleichzeitig beklagten, dass Luther auf das gebildete Latein verzichte, weil er um das unwissende Volk buhle.

Es kam zu einer Kulturrevolution der Kommunikation. Während der Gelehrte Platon die Möglichkeit, Reden schriftlich zu fixieren, kritisch kommentierte, verbreitete der Buchdruck von Anfang an eine Euphorie: Die Menschen waren sich bewusst, dass sie an der Schwelle zu einer neuen Epoche standen. Zwei Generation nach Einführung des Buchdrucks gab es schon ein verbreitetes Unverständnis darüber, wie blind und kenntnislos frühere Generationen – eben im „Mittelalter” – gewesen sein müssten. Die Idee vom „Priestertum aller Gläubigen“ bedeutete die theologische Aufwertung der Laienkultur und war eine „message“ der neuen Medienkultur: Die Laien wurden als Leser angesprochen und für urteilsfähig erklärt. Der Laie wurde sogar als schlaue und „gute“ Figur dem verdorbenen Pfaffen literarisch entgegengestellt. „Öffentlichkeit“, die Grundstruktur des neuen Mediums, wurde zur Forderung der Zeitgenossen selbst.

Karl-Heinz Wollscheid hat (wie auch Jan Assmann) auf eine kulturgeschichtliche Folge der Fixierung absoluter Wahrheiten in einer Heiligen Schrift verwiesen: „Religiöse Fundamentalisten gab es … vor allem in den monotheistischen Religionen.“ Dass die fernöstlichen Religionen wie Hinduismus, Buddhismus und Taoismus eine größere Tradition der religiösen Toleranz haben, hängt für ihn damit zusammen, „dass es in diesen Religionen keine Heilige Schrift gibt, die mit vergleichbarer Autorität wie Bibel oder Koran ausgestattet ist“. Nach dem großen reformatorischen Streit gab es nicht mehr die eine Schrift, päpstlich gehütet und interpretiert, sondern verschiedene Meinungen über die Schrift, es gab unzählig viele Schriften mit unzähligen „Wahrheiten“.

 

siehe auch: Die Reformation als Medienereignis